Ur. 46. c 5 Pfennig) MoNtltASMtSgltlte( Pfennig Bbonnemcnts-Bedingungen; SCiomicmentä> Preis ptänuntttanbo; Vierteljährl. SL6 SDM, monatl. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus, Einzelne Nummer ö Pfg. Sonntags- nummer mit Mustriertcr Sonntags- BeUage.Die Neue Welt' 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat, Eingetragen in die Post- Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland mrd Oesterreich- Ungarn 2,50 Mark, für das übrige Ausland i Mark pro Monat, Poslabonnements nehmen am Belgien. Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Nitmämen. Schweden und die Schweiz. QlcheinI lagst». BL Jahrg. Die TnfertionS'Gebityr beträgt für die fechsgcspallene Kolonel- »eile oder deren Nauin 00 Pfg,, für politische und gewerlschaslliche Vereins- und Versainmlnungs-Anzeigen Ä> Pfg, „Kleine Hnrelgen", das fettgedruckie Wort 20 Pfg,(zulässig 2 feltgedruiile Worte), jedes wlitcre Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellcnan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,. jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben iverden. Die ExpcditwN>jl bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „SozlaldelROKrat Rerita". Zcntvalorgan der rozialdemohratifchcn Partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68, Linden Ttraße 69. afernivrecher: Am» Moritipla«,. Nr. Ki>8Z. Montag, den 16. Februar 1914. Expedition: SM. 68, Lindenstraße 69. Ikernsvrcrlier: Amt?Norit>l>last. Nr. littl-t. Willkommen in Serlin! Seit einigen Tagen verkündet an den Anschlagsäulen Berlins ein Plakat, dessen Sinn auch der geistig schwerfälligste Leser aus Qstelbien zu enträtseln vermag: Caf6 Na- tional, Friedrich st ratze 76, Ecke Jäger- st ratze. Nimmt man dazu, datz im Anzeigenteil der sonst ach! so prüden„Deutschen Tageszeitung" eindeutige Amüsier- institute wie das„Rattenschlotz" und die„Nixen- und Baby- Rcdoute" auf ihre nächtlichen Reize aufmerksam machen, so wcitz man, was die Glocke geschlagen hat und welchen Sommer diese Schwalben verkünden: die agrarische Woche ist wieder da, der Zirkus Busch öffnet wieder seine Pforten und die Herren ».Oldenburg, Oertcl 6 tutti quauti das Gehege ihrer Zähne. Es ist ja nun einmal eine Tatsache, die schon mehr Heiter- keit als Entrüstung weckt, datz die massiven Gestalten aus dein ländlichen Osten, die sich zur Bundesversamnilung der Land- Wirte in Berlin einfinden, den massiven Freuden der Grotz- stadt gar nicht abgeneigt sind und auf dem vielgeschmähten Asphaltpflaster, des vielbesungenen deutscheu Familiensinnes endlich einmal müde, eifrig um die Huldinnen der Friedrich- stratze heruinscharmutzieren. Ihre Vorfahren vor hundert Jahren legten den goldenen Trauring als Opferspende aus dem Altar des Vaterlandes nieder; die Enkel lassen ihn imr in der Westentasche verschtvinden. Aber wenn ihr Grundsatz nur wäre: Leben und leben lassen! Doch sie allein wollen leben, die paär Handvoll stämmiger Junker aus dem Osten, glänzend leben, üppig leben, leben, weil man nur einmal lebt, und zwar leben auf Kosten der Millionen des deutschen Volkes, denen ihre Wirt- schaftspolitik das Leben verkümmert und zerstört. Eine durch und durch brutale Sippe ist es, die dem grünen Banner der Landwirtsbündler folgt. Die ungeheuchelte Brutalität atmet schon ihre Sprache. � Wer für ein Handwörterbuch des Sau- Herdentones Beiträge saminelt, der kann heute im Zirkus Busch auf seine Rechnung kommen. Die dort auftreten und die zuhören, rühinen sich ja ihres Umgangstones. Datz er unter brüllenden Rindern und blökenden Hämmeln grotz- geworden sei, betonte erst vor drei Tagen im Dreiklassen- Parlament mit freudigem Stolz der v 0 n Zedlitz, und der von Oldenburg empfand nach eigenem Ein- geständnis innige Befriedigung, als ein liberaler Hörer im Reichstag feststellte:„Der Kerl spricht wie im Kuhstall!" Jawohl! Kuhstall, Pferdestall, das ist der feine Verkehrston der Zirkus-Busch-Agrarier, und Kmhstall, Pferdestall ist auch der Inhalt ihrer Reden, oder um den Dichter zu bemühen, dein wie keinein die hochmiitigen ostelbischen Schnarrlaute in der Seele zuwider waren: Stallgedanken in der Rede, Das Gelächter ein Gewiehr. Mit dem Kuhstall, dem Pferdestall und allenfalls noch dem„Rattenschlotz" und der„Nixen- und Baby-Redoute" bc- grenzt sich aber auch der Horizont dieser Ritter aus der Ucker- mark und aus Hinterpomniern. Was darüber hinaus geht, kümmert sie nicht; was darüber hinaus geht, ist vom Uebel. Kunst, Kultur, Bildung, Wissenschaft? Mumpitz! Mist, das ist das einzig Wahre! In den neunziger Jahren setzte eine Broschüre„Altkonservativ. Versuch einer Zusammenfassung und Begründung altkonservativer Anschauungen" das ausein- ander, wie folgt: Man sollte täglich einen Trupp Gelehrter aufs Land schicken und diesen Gelehrten dann M i st zeigen. Hier, meine Herren, müßte ihnen ein tüchtiger Landwirt sagen, das ist Mist, das ist das kostbarste Kraut, welches die Menschheit besitzt. Hier, sehen Sie, ich nehme es zwischen die Finger; denken Sie, meine Herren, Ihre ekelhaften Entleerungen nehme ich, der ich als Rittmeister bei der Garde gestanden und mit den schönsten und geistreichsten Damen getändelt habe, diese Ihre ekelhaften Ent- lcerungen, vermischt mit dem Mist meiner Tiere, nehme ich in meine hochadligen Finger, zupfe sie hübsch auseinander und packe sie dann ins Land! Mist, meine Herren, Mist, Mist, M i st! Erst kommt der Mist, dann kommt nochmal der Mist, dann kommt eine ganze Weile gar nichts, und dann kommt nochmal Mist, und dann kommt erst alles sonst noch Wichtige im Leben— und dann, meine Herren, kommen Sie erst! Ist es nicht, als hörte man des Januschauers Stimme? Mist, Mist und noch einmal Mist! Und von diesen Mistjunkern lätzt sich ein Siebenund- sechzigmillionen-Volk, kulturell entwickelt, politisch reif, init der Karbatsche regieren? Denn noch fühlen sie sich als die Herren sin Reich, noch geben sie den Ton an, noch neigen sich vor ihnen die Minister, noch lächelt ihnen Huld aus dem Hause Hohenzollern! Zwar werden wir genug der kapuziner- haften Klagetöne heute im Zirkus Busch vernehmen. Im Anschluß an Zabern ergibt es van selbst. Datz die denio- kratische Flut steige und steige, wird man hören, datz Zucht, Sitte und Ordnung schwänden, datz die isii Sozialdemokratie es immer toller treibe, datz der monarchische Gedanke unter- wühlt werde, aber datz Gottlob! die Mitglieder des Bundes der Landwirte noch fest stünden als die Triarier Seiner Majestät. Hurra! Hurra! Hurra! Doch all das ist nicht so schlimm gemeint. Denn wenn diese agrarischen Demagogen sagen: Abwehr der demokratischen Flut, Kampf gegen die Sozialdenwkratie, Verteidigung des monarchischen Gedankens, so meinen sie immer nur das eine: Füllung ihres Porte- monnaies! Wenn sie klagen, wenn sie donnern, haben siL stets nur das eine im Auge: die neuen Handelsverträge, die neuen Zolltarife! Es ist ja vielleicht das Fluchwürdigste an den fluchwürdigen Lebensmittelzöllen, datz sie den Appetit anstacheln, der beim Essen kommt, datz sie binnen kurzem schon nicht mehr als geniigend empfunden werden und die Lust nach neuen und höheren Zöllen wecken. Darum jetzt der Schrei nach dem„lückenlosen Zolltarif", darum die Sehn- sucht nach einer Verteuerung der letzten noch nicht verzollten Lebensmittel, darum der Wille, die Massen des deutschen Volkes auszuwuchern und auszuhungern bis zum äußersten. Diese infame Sehnsucht, dieser verbrecherische Wille wird aus allen Reden der Landwirtsbündler-Versammlung herausschallen. Damit erschöpft sich der gemeingefährliche Inhalt dieser Tagung und damit soll sie ein Sturmzeichen sein für die auszuwnchernden und auszuhungernden Massen in Deutschland! Diese Massen, unter dem roten Banner des Sozialismus, werden aber auch den Barbarenhordcn entgegenzutreten wissen, die, unter der grünen Fahne des Agrarierbundes, heranrücken, um, was es noch an Kultur und Freiheit gibt in Deutschland, mit ihren Mistgabeln zu zerfetzen und mit ihren Schmicrstiefeln zu zertrampeln. die neue Interpretation öer Gewerkschaftsenzpklika. Die Kölner Richtung im klerikalen Lager verliert— — darüber vermag aller protestlerischer Tamtam und alle aufdringliche verlogene Sophistrk nicht hinwegzutäuschen— immer mehr den Boden unter den Fützen. Fester und fester zieht Rom die Leitzügel an, die es vor wenigen Jahren noch lose schleifen ließ, und die deutschen„Oberhirten", die Erz- bischöfe und Bischöfe, folgen willig, wenn auch vielleicht teil- weise mit innerem Widerstreben, der römischen Zügellenkung. Und vor dieser sicheren Festigkeit Roms bricht die ganze jesuitisch schlaue Strategie der Bachemiten elend zusanimen. In ihrer Selbstüberschätzung gedachten sie die kirchlische Ehrenerklärung, die Kardinal Kopp dem Paderborner Bischof ausgestellt hat, zu einem Kesseltreiben gegen die Führer der Berlm-Breslauer Bewegung ausnutzen und die römische Kurie einschüchtern zu können. Deshalb hatten sie zu gestern, am Sonntag, eine große Demonstrationsversanimlung der Bachemiten nach Essen einberufen— und nun sieht sich am Tage vor dieser Parade ihr Hauptorgan, die Bachemsche„Köln. Volkszeitung"�gezwungen, eine neue Interpretation der Enzyklika Singulari quadam zu veröffentlichen, die in allen Punkten den Anschauungen und Forde- rungen der Kopp, Oppersdorfs, Kau ff mann usw. entspricht: eine Interpretation, die die strittige milde Erläuterung des Bischofs Dr. Schulte mit einem Fuß- tritt beiseite schiebt— und deshalb auch ohne irgendlvclche Beanstandung von den ausgesprochensten Gegnern der christ- lichen Gewerkschaftsbewegung, dem Bischof Korum von Trier, unterzeichnet werden konnte. Ein meisterhafter Schachzug des Vatikans. Mit schmetternden Fanfaren ruft der Generalstab der Kölner Rich- tung zur Hätz gegen die„Quertreiber" auf— und einen Tag vor dieser Tagung mutz das Hauptblatt dieser Richtung eine auf Roms Anweisung von den rheinisch-westfälischen Bischöfen verfaßte neue Erläuterung der Gewerkschaftsenzyklika publi- zieren, die genau die Auffassung der Kopp und Korum wieder- gibt. Dadurch ist die Essener Tagung von vornherein als eine leere Demonstration, ein gauklerisches Wortgepränge gc° kennzeichnet, das gar keine eigentliche Bedeutung hat. Ueberraschend kommtjnese neue, strengere Erläuterung der päpstlichen Enzyklika Sing"lari quadam nicht. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, datz Rom mit der schwäch- lichen Interpretation dieser Enzyklika durch den Paderborner Bischof nicht einverstanden sei und deshalb eine Art Er- gänzung oder authentische Auslegung beabsichtigte. Durch den Streit Kopp— Schulte wurde dieser Plan verschoben. Man wollte aus Gründen kirchlicher Autorität nicht direkt in den Streit eingreifen, hat nun aber, wie es scheint, von hinten herum, die Bischöfe der rheinisch-westfälischen Kirchenprovinz veranlaßt, selbst eine den Forderungen des Vatikans ent- sprechende schärfere Interpretation der Gcwerkschaftsenzyklila abzufassen. Vielleicht werden sich nun nach bekanntem Schema die Blätter Kölner Observanz und die Gewerkschaftsführer ü In Stegerwald wieder damit herausreden, die von dem Erz- bischof von Köln sowie den Bischöfen von Trier, Osnabrück, Hildeshcim, Paderborn und Münster unterschriebene Jnter- pretatioil enthalte eigentlich gar nichts Neues. Alles das stünde auch schon in der Enzyklika selbst. Ganz richtig; die Sache ist nur, daß daraus bisher nicht, wenigstens nicht von kirchlich-autoritativer Seite, jene ganz bestimniten klaren Folgerungen gezogen worden sind, wie sie die neue Jnter- pretation zieht. Von hervorragendster Bedeutung ist in der neuen Kund- gebung folgende Stelle: „Auf dem Grundsatz der katholischen Kirche fußend, datz die soziale Frage in erster Linie cige sitt- lich-religiösc Frage war, ist und bleibt, wird bc- tont, daß auch b e i A n g e l e g c n h e i t c n, die als„rein wirtschaftliche" bezeichnet werden, oft sittliche Pflichten mit berührt und sittlich-religiöse Interessen häufig sehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Zur Verkündigung der sitt- lichen Normen dieser Interessen und zur Aufsich tsführ u 11 g über die Haltung der Katholiken in dieser Hinsicht, zur Abwehr von Gefahren, die der sittlichen Auffassung und Haltung erwachsen können, sind der Heilige Vater und mit ihm die vereinigten Bischöfe zuständig und verpflichtet. Aus dieser Stellung des kirchlichen Hirtenamts folgt dessen treue und a u t 0- r i t a t i v e Wachsamkeit über den Anschluß der katholischen Christen an Vereinigungen. Diese Wachsamkeit sei nötig zur Wahrung von Interessen religiöser und sittlicher Natur." Sicherlich, das steht auch schon in der Gewerkschafts- enzyklika, denn dort licitzt es im fünften Absatz:„Die soziale Frage und die mit ihr verknüpften Streitigkeiten über Charak- ter und Dauer der Arbeit, über die Lohnzahlung, über die Arbeitseinstellung sind nicht rein wirtschaftlicher Natur und somit nicht zu denen zu zähl eil, die in i t H i n tansetzung der k i r ch l i ch e n O b r/l g k c 1 t beigelegt werden können." Aber bisher wurde immer wieder von den Kölner Sophisten erklärt, in Wirt- schaftliche und sogenannte rein politische Fragen hätte der Papst nicht hineinzureden— und zwar wurde das nicht nur von katholischen Laien, sondern auch, häufig wider eigenes besseres Wissen, von katholischen Geistlichen behauptet, wenn es ihnen in ihre verlogene Argumentation patzte. Bekannt- lich hat sogar noch im Juni 1912 der Führer der Zentrums- Partei in Baden, der Geistliche Rat Th. Wacker, in einem Leitartikel der„Köln. Volkszeitung"(Nr. 540) die Behauptung ausgestellt, datz die ganze Getverkschaftssrage den Papst nichts angehe und deshalb in dieser Sache sich das Z e n t r u m „in k e i n e ni Fall der kirchlichen Autorität u n t e r st e l l e n d ü r f c", eine Prahlerei, die freilich schon am nächsten Tage dadurch Lügen gestraft wurde, daß der Papst durch den Münchener Nuntius den Zentrumsblättern Schweigen auferlegte und ankündigte, er selbst werde die Ge- werkschaftsfrage im Einverständnis niit den deutschen Bischöfen prüfen. Trotzdem jedoch die Zentrumspolitiker, weltliche und geistliche, schon so oft durch nachfolgende Tatsachen dementiert worden sind, stellen sie immer wieder die Behauptung auf, sie seien in ihren politischen Entschlüssen von Rom unabhängig. Selbst der neugebackene Reichsansschutz der Zentrumspartci hat sich vor acht Tagen das Vergnügen geleistet, vom nicht- konfessionellen Charakter des Zentrums zu fabeln. In der Besorgnis, datz dieser Satz bei der römischen Kurie Anstoß erregen könnte, hat ihn die„Germania" zwar alsbald dahin interpretiert, datz selbstverständlich„diejenigen Fragen, welche das religiöse Gebiet berühren", der kirchlichen Autorität unterständen; aber schlau, wie nun mal unsere jesuitisch ge- drillten Zentrumsredakteure sind, hat sie verschwiegen, wie weit nach kirchlicher Auffassung das„religiöse Gebiet" reicht. Deshalb haben wir am Donnerstag ihrem Begriffsvermögen nachgeholfen und hinzugefügt:„daß nach katholischer Lehre zu dem sogenannten„religiösen Gebiet" nicht nur die rem religiösen und rein kirchlichen Fragen gehören, sondern auch alle ethischen Fragen, die die private wie die öffeiitliche Lebensführung und Lebensbetätigung(auch das politische Verhalten) betreffen, und datz ferner darüber, welche Fragen ihrer Autorität unterstehen, ausschließlich die katholische Kirche allein zu entscheiden hat". Es freut uns, datz die neue Interpretation der rheinisch- westfälischen Bischöfe genau derselben Meinung ist, indem sie nicht nur den Satz aufstellt, datz die soziale Frage eine sittlich- religiöse Frage sei, sondern daß auch„rein Wirtschaft- liche" Matznahmen oft sittlichcr Art seien un d deshalb derAufsicht derBischöfeunter- ständen. Mit anderen Worten: die Bischöfe haben das Recht, auch die sogenannten rein wirtschaftlichen Angelegen- heiten der christlichen Gewerkschaften zu überwachen und zu entscheiden. Und noch eine andere Konsequenz liegt in dieser Jnter- pretation der Bischöfe: ist die soziale Frage eine religiöse Frage, untersteht sie also der kirchlichen Autorität, dann hat jeder Zentrumsabgeordnete als Katholik in sozialpolitischen Tinnen unbedingt dem Willen der Kirche, in letzter Instanz, des Papstes, zu folgen. Eine ganz famose Antwort der römi- schen Kurie auf die albernen Phrasen des neuen Zentrums- parteilichen ReichsausschusseLl Von kaum minderer Bedeutung sind in der neuen Jnter- pretation folgende Sätze: .Dah die katholische Kirche nach den in dieser Enzyklika dar- gelegten Grundsätzen in er st er Linie ihre Empfehlung undFörderung rein k a t h o l i sch e n V e r e i n e n zu- wenden muß, ergibt sich aus der dargelegten Aufgabe des kirchlichen Hirtenamts. Demgemäß wenden auch die Lbcrhirten der Diözesen Deutschlands ausnahmslos ihre Liebe und Unter st ützung den katholi schen Standes- vereinen, insbesondere den katholischen Arbeitervereinen zu, weil diese Vereine sowohl durch Zusaminensetzung und Satzungen, wie durch ihren engeren Anschluß an die kirchliche Autorität am ehesten Gewähr dafür bieten, daß die katholischen Grundsätze voll zur Geltung kommen. Wo die katholischen Arbeitervereine, die zugleich den gewerkschaftlichen Interessen der arbeitenden Klassen dienen, mit einem zum Schutze der wirtschaftlichen Interessen genügenden Erfolg eingeführt sind oder friedlich eingeführt werden können, wäre es in keiner Weise zu billigen, daß katholische Arbeiter sich interkonfessio- nellen Gewerkschaften anschlössen. Wo dies nicht der Fall ist, hat der Heilige Stuhl in wohlwollender Berück- sichtigung der örtlichen und der allgemeinen Verhältnisse die Duldung und die Erlaubnis der Mitgliedschaft von Katholiken bei den in Deutschland bestehenden christlichen GeWerk- schaftcn unter jenen besonderen Vorsichtsmaßregeln aus- gesprochen." Tos heißt: Förderung durch den Klerus verdienen allein die katholischen Arbeitervereine der Berliner Richtung. D i e christlichen Gewerkschaften sind nicht den katholischen Arbeitervereinen gleichberech- tigt; sie sind nur geduldet? und sie dürfen auch nur dort geduldet werden, wo ihr Verschwinden dem Vor- dringen der Sozialdemokratie und der freien Gewerkschaften nützen würde. In allen deutschen Gegenden, wo diese Duldungsbedingung nicht zutrifft, kann der Bischof jederzeit den katholischen Arbeitern die Teilnahme an den christlichen GeWerk- schaften verbieten. Doch auch in jenen Diözesen, wo die christlichen GeWerk- schaften einstweilen geduldet werden, haben sie sich dieser Dul- düng durch strenge Beobachtung der kirchlichen Lehren und der Anordnungen des Klerus würdig zu erweisen; denn so heißt es in der neuen Interpretation der Bischöfe: .Ferner müssen die Gewerkschaften, damit ihnen Katholiken beitreten können, sich von allem fernhalten, was grundsätz- lich oder tatsächlich mit den Lehren und Geboten der Kirche, wie mit den Vorschriften der zu- ständigen kirchlichen Obrigkeit nicht im Ein- klang st e h t. Auch dürfen katholische Mitglieder, die Gcwerk- schaften angehören, niemals zulassen, daß dieselben, in Sorge für die weltlichen Angelegenheiten der Mitglieder, sich durch Wort oder Tat irgendwie mit den vom obersten kirchlichen Lehr- amt verkündeten Vorschriften in Widerspruch setzen. Die Kund- gcbung erkennt weiter an, daß dieselbe höchste Autorität, die solche Normen aufgestellt hat, zu deren authentischer Auslegung allein zuständig ist. Die Entscheidung darüber, ob die Organisation sich in Widerspruch mit dem Stttengesetz der katholischen Kirche setzt, hat sich der Heilige Stuhl vorbehalten." Dadurch sind die christlichen Gewerkschaften völlig dem Belieben des Klerus ausgeliefert. Die Bischöfe allein haben darüber zu entscheiden, was die Gewerkschaften tun und lassen dürfen, ob sie in Lohnkämpfe eintreten, ob sie die Arbeit einstellen, ob sie mit Gewerk. schaften anderer Art Bündnisse abschließen, ob sie an Arbeiterwahlen teilnehmen dürfen usw. Und gegen diese kirchlichen Entscheidungen gibt es keine Auflehnung. Die Kirche befiehlt, und die Gewerkschafts- Mitglieder hoben schweigend zu gehorchen. Und noch eins beweist die neue Interpretation der Enzy- klika Singulari quadam: dierömischeKurie Haiden deutschen Episkopat fest an der Kandare. Er tanzt, wie Rom pfeift. Auch Herr Bischof Schulte, der noch kürzlich seine milde Interpretation so würdevoll gegen Kopp verteidigte, hat auf Roms Verlangen sofort eingesehen, daß seine frühere Erläuterung nichts taugte und einer gründlichen Korrektur bedarf. Er hat nnt unterschrieben. Wie mag der Kardinal Kopp im füllen über diese Selbsttäuschung seines hohen Amtsbruders lachen! Die Cffener paraüe. Essen, IS. Februar.(Privattelegramm des„Vor- w ä r t s".) Unter Vorsitz deS Abgeordneten Dr. Bell fand heute die große Protestversammlung deS Zentrums statt, zu der die An- Hänger aus dem ganzen Industriegebiet eingeladen waren. Der badische Zentrumsführer T h. Wacker hielt unter Zugrunde- legung des Auftufs vom ReichsauSschuß der Zentrumspartei eine scharfe Rede gegen die Quertreiber. Nachdem Redner darzulegen versucht hatte, warum sich das Zentrum nicht auf einen konfessio- nellen Boden stellen dürfe und weshalb eS sich gerade im Interesse der Kirche nicht unter die Botmäßigkeit der Bischöfe begeben könne, zog er gegen die Quertreiber vom Leder. Den Stänkern und Quertreibern gegenüber, sagte er unter anderem, könne eö keine Rücksicht mehr geben, mögen sie heißen, wie sie wollen und noch so hoch gestellt sein. Die geistlichen Quertreiber seien allerdings ge- fährlicher und schließlich schwerer zu ertragen als die weltlichen. Jhuen zu folgen, würde für das Zentrum ein rasches Ende be- deuten. Nachdem der Reichsausschuß gesprochen, müsse eine Scheidung eintreten. Bei allen diesen Ausführungen vermied der Redner jedoch ängstlich, sich gegen die Ansprüche der römischen Kurie zu wenden. Er erklärte vielmehr: „Wir bekennen als treu katholische Männer, daß wir bestrebt sind, die Pflichten gegenüber der Kirche in jeder Beziehung zu erfüllen. Wir sind entschlossen, der Kirche unsere Dienste zu leisten, wenn sie dieser Dienste bedarf, und wir bekennen uns insbesondere mit unentwegter Treue zur kirchlichen Autorität, zu unseremOber st en Hirten und zudenBischöfen in alldenDingen, in denen wirGehorsamschul- den.(Stürmischer Beifall.) Wir wollen ihnen auch über die Pflichten des Gehorsams hinaus die schuldige Rücksicht und Ver- ehrung zollen."(Beifall und Händeklatschen.) Der zweite Redner, Abgeordneter Marx, erklärte den Auf- ruf als eine vernünftige Tat. Wer ihn nicht mit voller Ueber- zeugung unterschreibe, gehöre nicht mehr zum Zentrum, man werde sich freuen, wenn die Partei von diesen Elementen gesäubert ist. Die Ausführungen der Redner wurden mit stürmischem Bei- fall aufgenommen. Ueberden Streit unddieStellung- nähme der chri st lichen Gewerkschaften schwiegen die Redner sich völlig aus. Das ist offenbar- auf die neue Kundgebung der Bischöfe zurückzuführen. Herr Marx ver- wies lediglich auf den Aufruf des Reichsausschusses in dem zum Ausdruck gekommen sei, daß die Partei zu den christlichen Gewerk- schaften stehen werde, und Herr Dr. Bell vertröstete die Arbeiter auf den Herrgott, mit dessen Hilfe es wieder vorwärts gehen werde. Der Vorsitzende des Windhorstbundes Deutschlands und Ver- treter der Zentrumspartei aus Köln und Duisburg überbrachten Sympathieerklärungen. In einem Telegramm aus Paderborn heißt es: Der Teufel hole die Berlinerei, wir bleiben unserm Zen- trum treu. Es wurde eine Resolution angenommen, in der dem Reichs- ausschuß der Dank der Versammlung für sein energisches Ein- treten im Interesse der Partei ausgesprochen wurde. politische Uebersicht. Staatliche„Musterbetriebe. Staatsbetriebe sollen bekanntlich Musterbetriebe sein; die Tat- sachin reden indes eine andere Sprache, wie die jetzt vorliegenden amtlichen Betriebsberichte der preußischen BergwerkSver« w a l t u n g für das Jahr 1312 zeigen. Daraus geht hervor, daß der Fiskus nicht nur im allgemeinen geringere Löhne bezahlt als die Privatindustri«; auch die Behauptung, daß in den Staats- betrieben die Arbeiterausbcutung nicht so intensiv betrieben werde und Arbeiterentlassungen fast nie erfolgten, erfährt durch den amtlichen Bericht eine bündige Widerlegung. Wir beschränken uns dabei auf die Mitteilungen über die Betriebs- und Arbeitsverhältnisse auf den staatlichen Stein- kohlenbergwerken in B a r s i n g h a u s e n am Deistergeblrge (Provinz Hannover) und benutzen zum Vergleich die Ergebnisse des Jahrfünft» von 1907 bis 1912. Danach ist die Zahl der Arbeiter Arbiter eHeganüanm. Der Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße sind in heller Aufregung. Warum? Erhitzt man sich in Berlin WW. plötzlich für politische Fragen? Tritt man für die elsaß-lothrrngische Ver- fassung ein? Rafft nwn sich zum Kampf für ein freies Wahlrecht in Preußen auf? Kein Gedanke! Oder werden Weltanfchauungs- fragen erörtert? Sozialismus oder Individualismus? Marx oder Nietzsche? Torheit, nur daran zu denken! Oder ist bei den Blassiertesten der Blassierten ein soziales Interesse erwacht? Wird ihr Herz bewegt, weil Tausende von Proletarierkindern ohne Früh. stück zur Schule kommen. Tausende kein warmes Mittagbrot haben? Lernt man vielleicht den Wert der ArbeitSlosenversichc- rung schätzen? Wir sind in Berlin WW., verehrter Leser, und für Bagatellen wie Politik und Weltanschauung hat man hier, von Tangotea zu Tangotea gerissen, von Bar zu Bar geschleudert, wahrhaftig weder Sinn noch Zeit. Nein, Kurfürstendamm und Tauentzienstraße fiebern, weil Andre de FouquiäreS sich in Berlin aufhält. Andrt de Fouguiäres? Was ists mit ihm? Künstler? Dichter? Maler? Politiker? Staatsmann? Hat er vielleicht mit dem Prinzen von Wied zu tun? Nichts von alledem! Andre de Fouquieres ist ganz einfach der eleganteste Mann von Paris, und da er aus dem Elegantsein fast einen Beruf macht, ist er nach dem entsetzlichen, barbarischen Goldgräberdorf an der Spree gekommen, um den Insassen des Tiergartenviertels in einer Conference zu erzählen, wie man sich stilvoll anzieht. Er wird nicht mit den Anfangsgründen beginnen und etwa davor warnen, zum schwarzen Gehrock neidgelbe Stiefel zu tragen, sondern er, der Meister der Eleganz, arditer elegantiarum, der Schiedsrichter de» guten Geschmacks, ist ein Mann der Nuancen: eine gefaßte Perle, das etwa ist die Quintessenz seiner Geheimwissenschaft, steckt man wohl in eine schwarze, beileib« aber nie in eine schwarz-weiß gestreifte Krawatte! Weil er heute solche und ähnliche Offen- barungen zum besten zu geben hat. wird Herr de FouquiereS von dem snobistischen Berlin WW. ehrfurchtsvoll angestaunt und, als ob es sich um einen zarischen Minister drehe, haben die Firmen Mosse und Ullstein als Ausfrager diejenigen ihrer jungen Leute zu ihm gesandt, die sich der prononziertesien Bügelfalten rühmen und den prononzierten Duft der galizischen Heimat längst erfolgreich aus ihren Kleidern vertrieben haben. Nun braucht Eleganz, soweit sie nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck ist, auch von dem sozialistischen Proletarier nicht verachtet zu werden. Der Sozialismus ist nicht Knotentum, der Sozialismus will die erlesensten Kulturgüter so zum Besitz der Allgemeinheit machen, wie es heute Streichhölzer sind; und wenn er nicht überhaupt eine Umwälzung der gesamten Kleidung mit sich bringt, wird der Sieg des Sozialismus so zweifelhafte Er- rungenschaften des kapitalistischen Zeitalters wie Zugstiefel, Schnallenschlijise,„Röllchen" und Vorhemdchen so sicher beseitigen wie Unterernährung, Elend und Schmutz. Bei auf höherer Gc- schmacksstufe stehenden Völkern als den Deutschen, in deren großer Mass« die Gründerperiode der siebziger Jahre mit ihren Schund- und Schleuderwaren auf Jahrzehnte hinaus den Sinn für guten Geschmack ausgerottet hatte, bei den Engländerik�elwa, zieht sich auch der Arbeiter heute schon Feierabends oder Feiertags nach den einfachen Grundregeln der Eleganz an, die verlangen, daß an der Kleidung nichts vorgetäuscht ist. Man kann auch den ausgeprägtesten Sinn für Eleganz haben und doch ein Revolutionär sein. Die Jakobiner der französischen Revolution malt uns eine spießbürgerliche Geschichtsschreibung als schmutzige Gesellen von lumpenhaftem Aussehen, eine Schilderung. die nicht einmal auf den Heerbann der Vorstädte zutrifft. Aber die Führer des Jakobinertums waren samt und sonder? anschn- liche, gut angezogene Männer, und einer der eifrigsten, H e r a u l t de SöchelleS, war sogar ein Musterbeispiel ausgesuchtester Eleganz für alle jungen Leute, die Wert auf ihr AeußereS legten. Sproß einer alten Adelsfamilie, Neffe des Marschalls von Eon- t a d e 3 und der Herzogin von Polihnac, der allmächtigen Freundin Marie AntoinetteS, reich, schön, geistvoll, liebenswürdig, ein Liebling der Frauen, ein Vorbild der jungen Männer, führte Herault de S�chelleS vor 1789 ein geschmackvolles Ge- nießerdasein, aber als er, statt wie so viele feiner Klassengenossen in die Hauptquartiere der Emigration jenseits der Landesgrenzen zu entweichen, in die Strudel der Revolution hineingerisscn wurde, fand er sich bald auf der äußersten Linken des Nationalkonvents wieder. Er in erster Reihe brachte die radikale Verfassung deS JahreS 1793 zu Papier, aber der„AlzibiadeS der Bergpartei", wie er genannt wurde, war noch immer ein eleganter Mann, als er mit seinem Freunde Danton auf die Guillotine geschickt wurde. Umgekehrt kann das Gegenteil von Eleganz ein Zeichen von reaktionärer Gesinnung sein. Genau 100 Jahre, ehe Herr de FouquiereS auS Paris nach Deutschland kam, um den Deutschen den Sinn für rechte Eleganz zu wecken, herbreitete sich auf diesen Bergwerken von 2231 im Jahre 1907 auf 2145 im Jahre 1912 gesunken, die Förderung dagegen stieg trotz dieser verringerten Arbeiterzahl von 455129 auf 497 023 Tonnen, oder pro Arbeiter von 199 auf 237 Tonnen. Da» sind 88 Tonnen Kohlen pro Ar- heiter mehr als 1907. Die staatliche Verwaltung hat also nicht minder wie das Privatkapital meisterlich verstanden. die Arbeitskraft der Arbeiter anzuspannen und sie zu höherer Leistungsfähigkeit anzutreiben. Auch der Wert der Förderung ist erheblich gestiegen. Sind nun auch die Löhne entsprechend erhöht worden? Diese Frage muß verneint werden. Im ganzen ist der Durchschnitts- lohn eines Arbeiters, trotz der in den fünf Jahren unserer Vergleichs- Periode herrschenden allgemeinen Teuerung, nur von llll auf 1138 M. gestiegen; da? sind 27 Mark im Jahre oder 14 Pf. pro Schicht mehr. Der Löwenanteil de? um 4l0 M. pro Arbeiter gestiegenen Förderwertes ist also dem Fiskus zugute gekommen. Allerdings ist auch der U e b e r f ch u tz der Werke von 505 401 M. im Jahre 1907 auf 213 757 M. im Jahre 1912 gesunken, aber dieser Rückgang findet seine natürliche Erklärung in der Tatsache, daß alle Neueinrichiungen auf den staatlichen Berg- werken nicht aus Anleihen oder besonders gebildeten Fonds, sondern aus den laufenden Einnahmen be st ritten werden. Tatsächlich spricht denn auch der Bericht von 1912 von erheblichen Erweiterungsbauten, die von dem Uebcrschnß bezahlt worden sind. Wenn aber wirklich gesunkener Ueberschuß den geringen Arbeiter lohn begründete, so ist nicht einzusehen, warum nicht auch den Beamten billig wäre, was den Arbeitern recht sein soll. Die Beamten erhalten aber neben ihrem vollen, und namentlich in den höheren Graden lehr reichlich bemessenem Gehalt noch sogenannte Prämien für die gestiegenen Leistungen— der Arbeiter. So er- hielten ein Steiger 240 9?., ein Fahrsteiger 250 M., ein Obersteiger 300 M. als Antreiberprämie zu qualifizierende Extra- zuschuß. Und die Werksdirektoren und sonstige Ober- beamte erhielten vom Fiskus insgesamt dieSumme von 170000 M. neben i h r m Gehalt. Dabei wird das Bild noch dadurch vervollständigt, daß die Verwaltung infolge der ge- ringeren Arbeiterzahl im Jahre 1912 nicht lveniger wie 10009 M Knappschaftskassenbeiträge und 1400 M. Invaliden. b e itä g e gespart hat. So siebt es in den staatlichen Bergwerken am Deister aus. Der Staat erzielt steigende Riesenüberschüsse, die Arbeiter aber müssen sich durchschnittlich in Zeiten zunehmender Teuerung mit einem Schichtlohn von 3,02 M. begnügen. Wenn nicht die meisten Bergarbeiter, wenigstens soweit sie verheiratet sind, neben- bei noch etwas Landwirtschaft und Viehzucht betrieben, würde es ihnen wohl überhaupt nicht möglich sein, von solchen erbärmlichen Löhnen zu leben. Fast scheint es so, als ob der Fiskus bei der Festsetzung der Löhne mit diesem Nebenverdienst der Bergarbeiter- samilien rechnete. Nebenbei bemerkt ruht diese Arbeit fast ganz auf den Schultern der Frauen, die auf diese Weise mit zur Ernährung der Familie beitragen müssen. Vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht sind diese schon früh alternden Proletarierinnen bei der Bestellung und Aberntung ihrer Parzellen beschäftigt, und schwer mit Körben voll Gemüse und anderen land« wirtschaftlichen Produkten bepackt, ziehen sie mehrmals in der Woche nach dem nahen Hannover, um dort auf dem Markte das bare Geld zu erstehen, das draußen in ihrer Wirtschaft so notwendig ist, weil der Lobn des Mannes nicht ausreicht zur Befriedigung der aller- notwendigsten Lebensbedürfnisse. Trotzdem: StaatShetriebe find Musterbetriebe! Mahnahmen gegen den Geburtenrückgang. Im Reichstage ist ein Antrag sämtlicher bürgerlicher Parteien eingebracht worden, in dem gesetzliche Regelung des Verkehrs mit Mitteln zur Verhütung der Schwangerschaft verlangt wird. Leere Redensarten. Die„Germania" meldet: „Die Zentrumsfraktion des preußischen Abgeordnetenhauses hat heute ihre volle Zustimmung zu dem Aufruf des Reichsaus- schusses der Zentrumspartei gegenüber den Quertreibern durch Unterschrift unter diesen Aufruf ausgesprochen. Auch die Reichs- tagsfraktion des Zentrums hat heute beschlossen, daß alle ihre Mitglieder den Aufruf zur Unterschrift vorgelegt erhalten. De» gleichen Beschluß haben in den letzten Tagen schon die Zentrums- fraktionell in den Landtagen von Bayern, Württemberg und Baden gefaßt. Nach Vollzug der Unterschriften wird der Aufruf Ernst Moritz Arndt über Mode und Kleidertracht. Er schrieb dem teutschen Manne teutsche Kleidung vor: Sein gewöhnliche? Kleid ist der alte teutsche Leibrock, welcher, nirgends ausgeschnitten, schlicht herabfällt, so daß er die Hälfte der Schenkel über dem Knie bedeckt. Den Hals be- freit er von dem knechtischen Tuche und lässet den Hemdkragen über den kurzen Rockkragen auf die Schultern fallen. Bei Feier. lichkeiten wird ein Fedcrhut mit den Volksfarben getragen; sonst mag er seinen Kopf bedecken und schmücken, wie es ihm gefällt. Solche Anweisung war eine Reaktion auf die französische Mode, die über ein Jahrhundert Deutschland tyrannisiert hatte, aber wenn in der Folge auch die freiheitlich gesinnten Burschen- schafter sich in dieser teutschen Tracht geficlen. so wurde sie doch allmählich das Kennzeichen jener, die rauhbautzig auf ihr Teutsch- tum pochten und gerade die revolutionären Einflüsse Frankreichs teutschtümelnd abwehrten— Reaktionäre wie der Vater Jahn und der von Heine gestäupte M a h m a n n liefen so, zum Gaudium der Straßenjugend, mit altteutschem Leibrock und bloßem Halse herum. Patrioten mögen darum bittere Klage anstimmen, weil 100 Jahre danach in Berlin(!) in einem deutschen Verlage(!) eine Zeitschrift erscheint, die„Gazette du bon Ton" heißt und weil der eleganteste Mann von Paris in Berlin als Lehrmeister des Sich-AnziehenS auftaucht. Aber dieser Hunger nach Eleganz in Berlin WW. ist weder ein reaktionäres noch ein revolutionäres Programm, sondern ledig- lich ein Zeichen der Programmlosigkeit. Weil man hier für nichts andere? Interesse aufzubringen vermag als für die hohlsten Aeußcrlichkeiten, deshalb lauscht man gierig dem Propheten des Schneidersalonö, und wird es künftig als ein« unverzeih- liche Sünde ansehen, wenn ein Kurfürstendämmler eine kostbare Perle in schwarzweiß gestreifter Krmvatte trägt, aber als eine allgemein menschliche Schwäche, wenn er eine kostbare Perle durch betrügerische Schiebereien er- warben hat, sie aber, getreu den Gesetzen deS Herrn de FouquiereS, in schwarzer Krawatte trägt. Wenn eine Gesellschaftsschicht ganz ausgebrannt, ganz verflacht, ganz fertig ist, dann wird die elegante Kleidung zum A und O ihres kümmer- lichen Seins. Noch immer ist es ein Zeichen unrettbaren Verfalls gewesen, wenn der Glaubenssatz, daß Kleider Leute machen,»n- bedingt anerkannt wurde, uud kaum je ist er so unbedingt an- erkannt worden wie von den arbeitslos genießenden Drohnen des Berliner Westen?. KarlLudwig. mit allen Namen bekanntgegeben und ein Dokument der®e- schlossenheit der Partei bilden." Recht schön, dah die Herren Zentrumsabgeordneten sich be- wogen fühlen— mancher wohl erst nach dringender Aufforderung— den schönen Aufruf des neugegründeten Reichsausschusses der Zentrumspartei zu unterschreiben; aber richtiger werden dadurch die in diesem Aufruf aufgestellten Behauptungen sicherlich nicht. In- zwischen ist überdies der größte Teil dieses Aufrufs durch die neue Interpretation der Gewerkschaftsenzyklika durch die rheinisch-west- fälischen Bischöfe bereits überholt. Der unbeugsame Kardinal. Eine Zuschrift aus der Diözese des Breslauer Fürstbischofs an die„Kölnische Volkszeitung"(Nr. 12g) schildert, wie Kardinal Kopp mit zäher Energie jeden Versuch der„Kölner", in Schlesien vor- zudringen, unmöglich macht: Zum Beispiel, wenn es sich darum handelt, den Volks- verein für das katholische Deutschland zu be- kämpfen. Einige Jahre sind es her, da wollte ein eifriger Pfarrer in Niedcrschlesicn den Volksverein einführen. Mit Erfolg teschah dies auch; in der ersten Versammlung traten über 100 lkitglieder bei. Wenige Tage nachher hatte der Pfarrer schon ein Schreiben aus Breslau, welches bewirkte, daß auch die Ortsgruppe des Volksvereins, von der eben die Rede war, recht bald, in wenigen Wochen, wieder einging. Woher war nun in Breslau die Gründung des Vereins bekannt ge- worden? In der Presse hatte nichts gestanden. Aber ein Mit- alied der Fachabteilungen hatte es sofort nach der Berliner Zentrale berichtet und diese nach Breslau. So kontrolliert man in Berlin den Volksverein. Bald nachher ist ja auch der bekannte Erlaß des Herrn Kardinals an die Pfarrer erfolgt, ivonach vor Gründung einer Ortsgruppe des Voltsvereins bei i h m anzufragen sei. Eine Erlaubnis wird aber augenscheinlich nicht erteilt, da man seit Jahr und Tag in Schlesien von neuen Ortsgruppen des Volrsvereins nichts mehr gehört hat. Tat- sächlich geht der Verein in Schlesien ja auch immer mehr zurück. Verschlechterung der Betriebssicherheit durch den preusiischen Eisenbahnminifter. Der Sparerlaß des Eisenbahnministers, wonach BetriebsauS- gaben auf das unbedingt notwendige Diaß zu beschränken sind, hat die Eisenbahndirektion Königsberg veranlaßt, eine Verfügung an die untergeordneten Dienststellen herauszugeben, die die Dienst- cintcilung der Weichensteller und Schrankenwärter dahin abändert, daß die Ruhezeiten kürzer und die Bezüge für einen Teil des Per- sonals geringer werden. Ganz abgesehen davon, daß die Unter- beamten durch die Schmälerung des Verdienstes sehr hart getroffen werden, wird die Betriebssicherheit durch die Verlängerung der bis- her schon zu langen Arbeitszeit erheblich verschlechtert. Die Folgen werden kaum ausbleiben. Das Organ des nationalen Eisenbahnerverbandes klagt, daß durch solche Mußnahinci, viel Unzufriedenheit erzeugt werde; die sparerlasse seien zu bedauern, weil die königstreuen Eisenbahner- familien im Osten noch recht zahlreichen Nachwuchs hätten, im Gegensatz zu den Großstädten.~ Die Kürzung der Löhne und die Verlängerung der Arbeitszeit macht eben auch die geduldigsten und königstreueften Eisenbahner rebellisch. Sin Kirchenprozeft. Der verstorbene wüntembergische Landesbischof Hefele, einer der gelehrtesten und gebildetsten Männer seiner Zeit, schrieb am 3. Dezember 1870:„ES fehlt wahrlich nicht am Willen der Hierarchie, wenn nicht im 19. Jahrhundert wieder Ccheiterbausen errichtet werden." Sein Nachfolger aus dem Nothenburger Bischofssitz soll sich vor kurzem ähnlich w geäußert haben. In einen, Prozeß am letzten Dienstag wurde das behauptet. Herr Dr. v. K e p p l e r hält es aber für geraten, in einer Erklärung in der Presse zu bestreiten, eine Aeußerung in dem Sinne getan zu haben. Der Herr Bischof weiß, warum. Es ist auch ziemlich gleichgültig, ob der Herr Bischof sich ähnlich so wie sein Vorgänger ausgesprochen hat. Daß da« Wort seines Vor- gängers auch heule noch volle Geltung hat, wurde durch die im Prozeß festgcstelllcn Tatsachen erhärlet. Die Vorgeschichte des Prozesses ist kurz folgende: An der Landes- Universität T ü b i n g e>,. der eine katholisch- theologische Fakultät angegliedert ist, las der Professor Wilh. Koch über Dogmatil. Ein sehr großer Teil der würtlembergischen katholischen Theologen hat durch ihn seine letzte Ausbildung erfahren. Die theologischen Schriften Kochs sind in vielen tausend Exemplaren verbreitet, sie fehlen fast in keinem Pfarrhaus. Unter de» Studenten wie in weiten Kreisen der Geistlichkeit zählt er viele Freunde und begeisterte Anhänger. Den Römisch-Orthoboren ist der Mann aber zu freigeistig. Sie suchten ihn von seinem Lehrstuhl zu verdrängen. Ans geradem Weg war wenig zu machen. Also wurden andere Wege einge- schlagen. Der Leiter des Rottenburger Priesterseminars R i e g Hot seit Jahren versucht, den unbequemen Hochschullehrer un- möglich zu machen. Schließlich fordert er von den angehenden Priestern, die von der Universität zum Seminar zurückkehren, die Kolleghefte ein, um diese auf„Material" durchzusuchen. Sechs Zöglinge liefern ihre Hefte„freiwillig" aus, der siebente muß durch den schärfsten Hinweis auf die Pflicht zum kanonischen Ge- horsam und die im Weigerungsfalle sich ergebenden Konsequenzen zur Herausgabe seines Eigentums gezwungen werden. Auf noch unaufgeklärte Weise verschafft sich der Regenz Rieg vom Buch- handler Kochs auch die als M a n u s t r i p t gedruckten Vorlesungen des Professor». Das Gericht lehnte die Beeidigung des Buch- handlers, der darüber aussagen sollte, wie der Leiter des Priester- semmarS sich in den Besitz dieses Manuskripts gesetzt habe. ab. Mit diesem„Material" ausgerüstet, verfertigte Rieg nun eine Broichure gegen Koch. Letzterer erfuhr davon und ließ den Rieg wissen, daß letzterer kein Recht habe, Kochs Arbeiten ohne Er- laubm» des Verfassers öffentlich zu verwerten. Rieg kümmerte sich nicht darum. Schließlich ließ Koch die Broschüre samt dem Satz beschlagnahmen. Vor Gericht bekundete Koch, in einer Audienz beim Lande»- bischos habe dieser ihm erklärt: Sein Fall ließe sich glatt erledigen, wenn nicht ein Geistlicher geschrieben hätte, wenn der Fall Koch nicht erledigt werde,„wie er erledigt gehör t", so werde er sein gesamtes Material nach Rom senden. Auf nochmalige ausdrückliche Frage habe der Bischof diesen Ausspruch nachdrücklichst bestätigt. Das vorläufige Resultat deS Prozesses war die Ver- urteilung des Rieg zu SO M. Geldstrafe wegen Per» letzung de» Urheberrecht», ferner die öffentliche Er- klärung des Bischofs, er habe nicht so gesagt, wie Professor Koch bekundet hat. Die weitere Folge wird aber wohl eine scharfe Aus- cinandersetzung in der Kammer sein über die Bedrohung der Lehr- freiheit an der LandeSunivcrsität. Der jetzige Zustand ist unHalt. bar. Die Ertlärung des LandeSbischofö, daß auch er versucht habe, den Hocdschullehrcr zum„freiwilligen" Verzicht auf sein Lehramt an der Universität zu zwinge», macht eine klare Entscheidung zur zwingenden Notwendigkeit. DaS beste wäre, die theologische Fa- kultät einfach aufzuheben. Unter solchen Umständen wird die -Lehrfreiheit" an der Landesuniversität zum Kinderspott. Ausgepfiffen. Paris, 15. Februar.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Die beiden Ex-Minister Briand und Barthon, die heute nach Havre abreisten, um dort eine Wahl- aktion des reaktionären Blocks einzuleiten, wurden am Bahn- Hofe von Tausenden von Demonstranten, zumeist Arbeitern, erwartet, die bei ihrem Erscheinen ein geradezu höllisches Pfeifenkonzert aufführten. Ein großes Gendarmerieaufgebot hielt mit Gewalt die Demonstranten zurück. Barthon und Briand sprachen dann in einer gesiebten, aus reaktionären städtischen Bourgeois und pfäffischen Zöglingen zusammen- gesetzten Versammlung über die kommenden Wahlen. In den Straßen der Stadt herrschte große Aufregung. Die Garnison war teilweise konsigniert. �ur schwedischen Verfasiungskrisis. Stockholm, 14. Februar. Die Parteien der Rechten in der Ersten und Zweiten Kammer haben heute einen Aufruf au das schwedische Volk veröffentlicht, in dem zunächst auf die letzten ernsten Weltbegebenheiten, sowie auf die dadurch veranlaßten Rüstungen der großen und kleinen Staaten hingewiesen und sodann eine Schilderung des Verlaufes der letzten innerpolitischen Krise in Schweden bis zum Rücktritt des Ministeriums Staaff gegeben wird. In dem Aufruf heißt es: Die notwendigen Forderungen der schnellen und planmäßigen Lösung der Landesverteidigung hat dieses Ministerium geopfert, um dafür einen Streit mit dem König über dessen Redefreiheit und sein in der Verfassung festgesetztes Recht einzutauschen. Der Standpunkt dieses Ministeriums ist von der liberalen Partei anerkannt worden, die damit den Parlamentarismus in die erste Reihe und die Sicherheit des Reiches in die zweite Reihe gestellt hat. Die sozialdemokratische Partei, mit deren Unterstützung das Ministerium Staaff in der Zweiten Kammer die Mehrheit hatte, macht kein Geheimnis daraus, daß das Ziel für ihr Mitwirken die Demütigung des Königtums und die Einführung der Republik war. Das ist die wirkliche Lage, die man unter dem Vorwand verbergen will, daß die den Fortschritt verbürgende Arbeit und die Selbstverwaltung des schwedischen Volkes in Gefahr seien. Aber das ist nicht wahr. Die Reformarbeit in Schweden ist in den letzten Jahren vorwärts geschritten unter Mitwirkung aller Parteien, und die Selbstverwaltung des Volkes ruht auf zwei Grundsätzen: nach innen auf der Erhaltung der Verfassung und nach außen auf einer sicheren Wehrmacht. Wir richten daher an alle, die ein Herz für die Sache des Vaterlandes haben, die drin- gende Aufforderung, sich nicht verleiten zu lassen, die Verteidi- gungsfrage den Parteistreitigkeiten um die von niemand bedrohte Selbstverwaltung des Volkes unterzuordnen, und damit unsere nationale Existenz auf das Spiel zu setze� Parlamentswahken in Spanien. Madrid, 15. Februar. Heute sind die Erlasse amtlich ver- öffentlicht worden, durch welche der Zusammentritt der neuen Kammern auf den L. April festgesetzt wird. Die Wahlen sind für den 8. März anberaumt. Politische Verbannte in den Pesthöhlen Ostsibiriens. Es gibt in Rußland eine Kategorie politischer Ver- bannter, die neuerdings in eine Lage versetzt worden ist, die an Unmenschlichkeit und Grausamkeit die bisherigen Maß- nahmen der russischen Regierung hinter sich zurückläßt. Es ist dies die Lage der politischen Zwangsansiedler, die nach der Verbllßung der mehrjährigen Zwangsarbeit in den entlegen- sten Gebieten Ostsibiriens angesiedelt werden. Aller bürgerlichen Rechte beraubt, von den Bebörden drangsaliert, von den meisten Berufen ferngehalten, werden sie ohne die sonst üblicki« Verpflegung auf Kosten der Regierung, ohne warme Klei dung, in Bezirken angesiedelt, wo sie an Hunger und Krank heit zu Grunde gehen. In welchen Verhältnissen die meisten von ihnen leben. wird durch ein von 16 Ansiedlern unterzeichnetes Schreiben illustriert, das dieser Tage durch die russische Presse ging. In diesem Schreiben schildern die Zwangsansiedler des Toreis- ker Bezirkes im Transbaikalgebiet, welche Zustände sie vor- fanden, als sie nach der Verbüßung der Ztvangsarbeit in dem ihnen angewiesenen Bezirk anlangten.„Das erste, auf das wir unsere Aufmerksamkeit lenken mußten, waren Dutzende von Zwangsansiedlern, die leblosen Schatten gleich die Hände nach Almosen ausstreckten." Weiter schildert der Verfasser desBriefes diePesthöhlen, in denen dieAnsiedler wie auch die örtliche Bevölkerung leben müssen. Zahlreiche Ein- wohner fallen der Pest zum Opfer, gegen die von den Be- Hörden keinerlei Maßnahmen getroffen werden. Die Kranken gehen ohne Pflege und medizinische Hilfe zu Grunde.— Am schlimmsten natürlich sind die Zwangsansiedler daran, da sie weder Brot noch warm« Kleidung haben. Verläßt jemand von ihnen, um den Hungertode oder der Ansteckung zu ent- gehen, den ihm angewiesenen Ort, so wird er ins Gefängnis gesperrt und dann wieder nach seinem Ansiedlungsort zurück- gebracht. Während des Transportes müssen die Gefangenen, um nicht Hungers zu sterben, ihre Oberkleidung verkaufen und bei 46 Grad Frost halb nackt durch die Tundra wandern. „Hierbei"— so schließt der erschütternde Bericht—„geht es nicht ohne traurige Folgen ab." die Kaufmannsgerichtswahlen in öerlin. Die Stimmung bei der Agitation zu den KaufmannSgevichtS- Imhien ließ schon erkennen, daß mit einem allgemeinen Stimmen- rückgang zu rechnen sei. Die wüste Agitation des antisemitischen Dcutschnationalen HandlungZgehilfenverbandes ist jedoch ohne Wirkung geblieben; der Zug nach links in der Angestelltenbewegung ist im Gegenteil unverkennbar. Zum ersten Male beteiligte sich der neugegründete Allgemeine Verband der deutschen Bankbeamten. Das brutal« Vorgehen der Großbanken gegen ihre Angestellten zeigte den Bankbeamten die Richtung und lehrte sie, daß die ge- rühmte Harmonie zmischen Kapital und Nngestellten nach dem Rezept der Harmonieverbände der Bankbeamten eine leere Fiktion sei. ES war daher von vornherein sicher, daß der Mgemcine Ver- band eine große Anzahl Bankangestellter aus der Gleichgültigkeit erwecken und an die Urne bringen würde. Diese Wirkung wird denn auch klar zum Ausdruck gebracht durch das Ergebnis der Wahlen im Bankenviertel. Der Stimmenzuwachs in diesen zwei Wahlbezirken war enorm, besonders wenn man berücksichtigt, daß im ganzen ein großer Stimmenrückgang eingetreten ist. Insgesamt sind nämlich 704 Stimmen weniger als bei der borigen Wahl abgegeben worden. Wir wollen nicht verhehlen, daß wir die so- genannte neue Richtung in der Bankbeamtenbewegung für eine bedauerliche Zersplitterung des gewerkschaftlichen Strebens halten, trotzdem ist jedoch ein Schritt nach vorwärts unverkennbar: die Wähler des Allgemeinen BankbeamtenverbandeZ glaubten jeden- falls der gewerkschaftlichen Idee zu dienen. Die nationale Phrase der antisemitischen Handlungsgehilfen hat dagegen kläglich versagt. Schon bei den vorigen Wahlen hatten dessen Anhänger 8 Sitze verloren. Diesmal verloren sie abermals 3 Sitze und mußten sich statt der erhofften mehr als S7 Beisitzer mit 4ö Beisitzern be- gnügen. Der Zentralverhand hatte bei den vorigen Wahlen einen ganz unerwartet großen Erfolg errungen. Es gelang ihm, seine Bei- sitzerzahl von 24 aus 40 zu erhöhen. Von dem allgemeinen Stimmenrückgang ist jedoch auch er betroffen worden. Der Rück- gang ist aber in Anbetracht der allgemeinen schlechten Wahl- beteiligung ziemlich unbedeutend. Ist doch der riesige Erfolg des Jahres 1911 fast vollständig gehalten worden. Das ist um so er- sreulicher, als durch den Wahlerfolg des neuen Bankbeamtenver- bandes die Harmonieapostel eine zerschmetternde Niederlage er- litten haben. Daß der langsam und sicher absterbende„Verein der deutschen Kaufleute" abermals Beisitzer verloren hat, mag nur nebenbei erwähnt werden. An der Wahl haben sich insgesamt 12 Verbände beteiligt. Das zahlenmäßige Ergebnis der Wahlen ist im einzelnen: 1911 Li Li Li Li Li' Li Li Li Li Li Li 'ie 1 ite 2 te 3 te 4 sie 5 te 6 [te 7 te 8 te 9 te 10 'te 11 Liste 12 Leipziger Verband..,.. Zentralverband 18S8er Verband...... Teutschnatlonaler Verband.. Allgemein. Bankbeamtenverband Tcutsche Kaufleute(Hirsch-D.) Alter Bankbcamtcnverband., Katholische Kaufleute.... Junge Kauslcute...... Lokaler Bankbeamtenverein.. Buchhändler....... Hilfsvcrein........ PersicherungSaiigestellte... 16 Beisitzer 37 Beisitzer 15 Beisitzer 46 Beisitzer 21 Beisitzer 20 Beisitzer 7 Beisitzer 3 Beisitzer 2 Beisitzer 2 Beisitzer 2 Beisitzer 9 Beisitzer 0 Beisitzer 17 40 16 49 0 23 10 3 3 3 2 12 L Die Techniker unö das Erfinöerrecht. Es ist nichts Seltenes, daß technische und industrielle Angestellte Erfindungen machen, die oft recht wertvoll und finanziell eintrüg- lich sind. In der Regel aber kommen die materiellen Vorteile aus solchen Erfindungen nicht dem Erfinder, sondern dem Unler- nehmer, bei dem er im Arbeitsverhältnis steht, zugute. Dieses Recht sichern sich die Unternehmer, gestützt aus die wirtschaftliche Abhängigkeit der Angestellten, durch den Dienswertrag. Das gel- trade Patentrecht kommt diesem Verhalten insofern zustatten, als es das Patent dem Anmelder der Erfindung erteilt, aber nach dem Erfinder nicht fragt. Eine gesetzgeberische Aenderung. welche den Erfindern unter allen Umständen da» volle Recht a» ihrem geistigen Eigentum sichert, ist von den Interessenten und auch von unserer Partei stets gefordert worden. Jetzt liegt ein Entwurf zur Aendcrm.g des Patentgesetzes vor. der dieser Forderung ein wenig Rechnung trägt. Zu diesem Eni- wurf Stellung zu nehmen, war die Aufgabe d«S Deutschen Technikerkon gresses, der am gestrigen Sonntag im Ber- liner Lehrer-Vereinshause tagte. Veranstalter des Kongresses sind der Bund der technisch-industriellen Beamten, der Deutsche Tedh- nikerverband und der Deutsche Werkmeistcrverband. Diese drei Organisationen zählen zusammen 120 000 Mitglieder. Auch einige andere Angestelltenorganisationen waren vertreten. Der Kongreß war von 120 Delegierten besucht. Von den eingeladenen Behörden waren das Reichsamt des Innern und das Kaiserlich« Patentamt vertreten. Ferner hatte die ReichStagsfraktion der Fortschrittlichen Polkspartei und die sozialdemokratische ReichStagsfraktion Ver- treter entsandt. Letztere den Genossen Giebel. Die Generalkom- Mission der Gewerkschaften vertrat der Genosse Silberschmidt. Für die Gesellschaft für soziale Reform war ebenfalls ein Vertreter aiiwesend. Göhlich. Lenz und Kortenbach, behandelten die verschiedenen Gesichtspunkte, von denen der Gesetzentwurf auS- geht. Ihre Forderungen sind zusammengefaßt in einer Resolution. die tulch einer längeren, mit fren Referaten nl>er einstimmenden Diskussion einstimmig angenommen wurde. Die Resolution lautet:„,, Der Deutsche Technikerkongreß zur Beratung der Patent- gesetzrcform begrüßt die Veröffentlichung der Vorentwurfe zwm Patcntgcsetz. Gebrauchsmustergesetz und Warenzeichenrecht. Der Kongreß erkennt an. daß die gesetzliche Regelung de« Erfinder- schutzes der technischen Privatangestellten gegenüber dem gelten- den Rechtszustande einen Fortschritt bedeutet; er betont«wer zu gleicher Zeit, daß diese Regelung den berechtigten Wünschen der technischen Privatangestellten durchaus noch nicht �fipncyt. Der Kongreß billiost den Systemstechsel in der deutschen Patentgesetzaebung durch Uebergang vom Anmelderprinzip zum Erfinderprinzip, fordert aber, daß das Erfinderprinzip un Ge- setz auch folgerichtig durchgeführt wird. �, Die Vergütung für Erfindungen ist dem Angeftclltenerfinder im Gegensatz zu der im Entwurf vorgesehenen Regelung un- abhängig von Lohn oder Gehalt sicherzustellen. Der Erfinderlohn soll dem Angestellten nach einem angemessenen Prozentsatz ent- weder vom Reingewinn oder vom Absatz, evenruell auch durch eine Pauschalabfindung gewährt werden. Die Bestimmungen über Erfinderlohn sind auf Geheimverfahren entsprechend cmzn- wendein � öffentlicher Betriebe sind in Beziehung auf ihr Erfinderrecht mit den Privatangestellten gleichzustellen. Unter einer Etablissementserfindung versteht der Kongreß eine Erfindung innerhalb eines Betriebes, bei der mehrere An- gestellte mitgewirkt haben, ohne daß aber der Urheber der grund. liegenden Idee und der Anteil der einzelnen in Frage kommen- den Angestellten an der Ausgestaltung der Erfindung noch fest- gestellt werden kann. Nur bei solchen Erfindungen soll der Be- triebSinhaber als Erfinder gelten. Bei sogenannten dienstlichen Erfindungen soll der Betriebsinhaber nur ein Anrecht auf Ueber- tragung oeS Jnlandpatentes zur gewerblichen Ausnutzung der Erfindung haben. Ueber alle anderen Erfindungen steht dem Angestellten das freie Verfügungsrecht zu. Der Kongreß erklärt, daß die vom Patentamt erhobenen Gebühren ausschließlich für die' Zwecke des Patentamtes Ver- Wendung finden sollen. Er fordert deshalb eine den tatsächlichen Kosten de? Patentamtes entsprechende Herabsetzung dieser Ge- bühren. Der Kongreß hält eine Ausdehnung der Kompetenzen des Reichspatentamtes in der Richtung auf die Feststellung der Ur- heberschaft an Erfindungen und der Vergütung für Angestellten- erfindungen für notwendig und durchführbar. Der Kongreß erklärt, daß Erfinderchre und Erfinderlohn der technischen Privatangestellten nur gewährleistet werden können, wenn die Freiheit des Vertrages zugunsten des wirtschaftlich schwächeren Arbeitnehmers eingeschränkt wird. Theater. Sessingtheatcr. L i li o m; Legende von Franz M o l n a r. Es ist sehr zu begrüßen, daß Tircktor Barnowski, für den Molnars geschickt gezimmerte Komödie„Der Lcibgardist" im Kleinen Theater ein so einträgliches Kassenstück war, nun im Lessingtheater dies von jeder Art Schablone freie, menschlich ge- schene und gefühlte Werk aufführte, das älter ist als das genannte andere Stück und bisher mit zweifelhaftem Erfolg über eine Reihe von Bühnen ging. Dasselbe zeigt des Autors Physiognomie in völlig anderem Lichte. Der erste Teil des Stückes ist nach Stoff und Darstellungs- form naturalistisch. Ein armes Dienstmädcl von bescheidenem Wesen, das den Ausgehtag benutzte, um auf dem Rummelplätze draußen Karussell zu fahren, hat sich in den Ausrufer der Karussell- bcsitzerin, einen großsprecherischen Burschen von plump-robuster Kraft, verliebt und ist durch nichts von ihm abzubringen, auch nicht, als sie erfährt, daß ihn die Polizei als vorbestraften Raufbold und Vagabunden überwacht. Glückselig, daß er sie nehmen will, folgt sie ihm. Voll starker Tragik, auf dem Hintergrund einer ebenso knappen wie anschaulichen Schilderung des Milieus— das Pärchen haust in einer Photographenbudc des Rummelplatzes— ziehen Bilder aus diesem Ehelebcn vorüber. Das zärtlich-ängstliche Ge- ständnis der Frau, daß sie ein Kind erwarte, ruft einen Freuden- taumel hei Liliom hervor. Er schreit sein Glück in alle Welt. So- gar sorgen für das Wurm möchte der Faulenzer, doch darf das keine Arbeit kosten. Um so leichter gibt er den Einflüsterungen des Freundes nach, der ihn unter der Vorspiegelung großartigen Geld- gewinnes zu einem Raubanfalle lockt. Die Skizzicrung dieses seltsamen Patrons, der Vorbereitungen des Ucberfalls, nach dessen Scheitern Liliom sich ersticht, ist nicht nur bühnenmäßig spannend, sie wirkt in gleichem Maße durch die Fülle intim charakterisierenden Details. Die dumpfe seelische Verworrenheit, die, hinter solchen Taten stehend, mehr Mitleiden als Haß erregt, kommt im Per- halten und in den Worten Lilioms zu ergreifend echtem Ausdruck. Immerhin, wie lebendig der Stoff gestaltet ist. seine Tragkraft reicht für ein Drama nicht hin. So knüpft der Autor— freilich unorganisch, doch interessant—&n die« fttie eine freundlich versöhn ende und dabei sinnvoll ironische Traumdichtung, eine„Le- gcnde", wie er es nennt. Als Julie an der Bahre ihres Mannes ihren Schmerz herausgejammert hat, verdunkelt sich der Bühnen- räum und in losem Anklang an die Vorstellungen, die sich der Tote über himmlische Gerechtigkeit gemacht, erscheinen zwei schwarz ge- kleidete Detektivs, die ihn vor den himmlischen Gerichtshof eskor- tieren. In der Abteilung für Selbstmörder trifft er andere De- linquenten, die aber ihre Prüfung, zu der sie nach mehrjähriger Fcgefeuerläuterung auf die Erde herabgesandt werden, bereits glücklich bestanden haben und baldigst ins Reich des ewigen Lichts eingehen sollen. Der Humor behält diskrete Färbung, er fällt nirgends ins frivol Verletzende. Sehr originell ist die gemütlich- friedliche Verhandlung, in der der himmlische Polizeikanzlist aus dem verstockten neuen Ankömmling irgendwelche Anzeichen von besseren Regungen herauszuholen sucht. Die Liebe zu dem noch ungeborenen Kinde ist das einzige, worauf sich noch die Hoffnungen gründen könnten. Nach absolvierter Läuterungszeit darf auch Liliom noch einmal auf die Erde. Indes das Wunder eines Seelcnum- schwungs hat sich bei ihm noch immer nicht vollzogen. In Bettler- gestalt schleicht er vor Juliens Tür, nicht um von ihr Vergebung zu erbitten, nur um das Kind zu sehen, dem er ein von dem Himmel wegstiebitztes Sternchen schenkt. Unverändert heftigen Temperaments, schlägt er das Mädchen, als sie ihn abweist, auf die Hand. Aber der Schlag hat nicht geschmerzt. Sie sagts der Mutter und diese wiederholt das Wort. Juliens Liebe hat in der Erinne- rung all das Harte, was ihr der Tote zugefügt, vergessen. Un- erkannt, wie er gekommen, verschwindet Liliom, von den Schwarz- gekleideten begleitet. Er hats noch weit bis zu der Läuterung und hoffentlich reißt seinen Vorgesetzten im Himmel nicht die Geduld. Regie und Darstellung waren ausgezeichnet. In erster Reihe standen Tilla Durieux' wundervoll schlichte Dulderin und S a l f n e r s ganz naturhafter Jnstinktmensch. In kleineren Rollen wären vor allen Jlka Grüning als Karusselbesitzerin, S ch r o t h. der mit Liliom befteundete Verbrecher, und Guido Herzfelds langmütig liebenswürdiger Himmclspolizist zu nennen. dt, Rontt« Operetten-Theater: Inng-england. Suffragcttenstücke sind auf Londoner Vorswdtbühncn nichts Neues. Man hat es also bei„Jung-England" wohl wieder uiit englischer Konterbande zu tun. obgleich nach dem bewährten Beispiel von „Wie einst im Mai" die Bezugsquelle verschwiegen wird. Dia ganze Aufmachung, speziell das Suffragettenthema nebst den Einbezügen grotesker Hanswurstiaden, verraten aber zur Genüge, woher die Fabel stammt. Zunächst nimmt Ernst W e l i sch einige Ansätze zu guter Gruppierung und verstechnischer Behandlung. Jedoch schon vom zlveiten ungeheuer weitschweifigen Akt an, der anderthalb Stunden Spielzeit in Anspruch nahm, überläßt er dem ungenannten Kollegen jenseits des Aermelkanals die Führung, während Rudolf Bcrnaucr einige seiner„Böse-Buben"-Witze und gleichfalls abgeklapperten„Couplets" beisteuerte. Den ledernen Schlußakt macht dann der wassertriesend aus der Themse an Land gekommene Sohn des Polizeichefs(Albert P a u l i g) noch einigermaßen genießbar. Zu diesem Textgebräu hat nun Leo Fall die Musik ge- schrieben. Sie ist das bessere Teil daran Der Komponist hestrcbt sich zusehends, den Sinnier konfusen Handlung zu illustrieren. Er kommt uns in der Schleiertänzerin-„Ballade" sogar indisch uiit— arabischen Trommelinstrumenten(Tarabuka). Tanz- rhythmen sind ziemlich in den Hintergrund geschoben. Triviale Kasfeehausmusiken. die nur noch von einer beinahe ausgeschöpften Erfindungskraft zeugen, sind wenigstens durch hühsche Jnstrumen- tierungskünste auf ein feineres Niveau gehoben. Im ganzen aber wird man den Eindruck nicht los, daß eS den Librettisten und dem Vertaner weniger daran gelegen habe, künstlerische Oekonomie und Geschlossenheit walten zu lassen, als sich mit an den Haaren her- beigezogenen Possentricks gegenseitig zu schmeicheln. Die Inszenierung war recht nett. Matthe Kriwitz gab ihren weiblichen Riccant de la Marlinierc, die englische Französin Lucie, rassig, während Grete Liebreich im�Gegensatz zu jener die Suffragettenfübrerin Mund Cachou im Stil einer komischen Alten nicht ohne Glück verarbeitete. Gustav Matzncr(Harry Poolc), Nessy Berra(Marh-Ann) sangen vortrefflich; Karl Gehn er (Polizeichef) wie der bereits erwähnte Paulig waren altkomisch genug, um ihre Rollen über Wasser zu halten. Leo Fall schivang den Taktstock. ek. Theater* Montag, 16. Februar 1914. Ansang 6 Uhr. Eines Palast am Zoo. Variete- Lichtspiele. Ansang 6'/, Ubr. CinesNoNendorf-Theater.Varietö- Lichtspiele. Anfang Tl, Ubr. «gl. Overnliaus. Fidelio. «gl. Schauspielhaus. Goldfische. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. «öniggrnuer Strafte. Brand. Zirkus Busch. Galavorstellung. Zirkus Schumann. Galavorstellung. Anfang 7» llhr. Metropol. Die Reise um die Welt in 40 Tagen. Amang 8 Nbr. Urania. Winter in der Schweiz. Hörsaal: Dr. H. EliaS: Wie der Lustsahrer seinen Weg findet. «ammcripiele. Wetterleuchten. Leisiug. Liliom. Deutsches Opernhaus. Die Jüdin. Deutsches Künstler> Theater. «chirin und Gertraude. Komödienhaus. Kammermusik. Theater an der Weidendammer Brücke. Wer zuletzt lacht. Theater am Nolleudorfplah. Prinzetz Greil. Luftspielbaus. Die spanische Fliege. Schiller O. Was ihr wollt Schiller Eharlotienburg. Weh' dem, der lügt. Theater des Westens. Polcnblut. Montis Operette». Jung-England. Berliner. Wie einst im Mar Kleines. Jettchen Gebert. Trianon. Anaioles Hochzeit. Thalia. Die Tangopriiizesjin. Residenz. Hoheit— der Franz. Friedrich- Wilhelmstädtisches. Fräulein Trallalu. Rose. Die Maschinenbauer von Berlin. Kasino. Die olle Webern. Herrufeld. Die von oben und unten. Reichshallen. Etetliner Sänger. Wintergarten. Svezialitäten. RPollo. Der Stolz der 3. Kom- pagnie. Anfang Ubr. Luise«. DaS erste Ehcjahr. Walhalla. Tangosieber. Folies Caprice. Case Pringsheim. Der Heiratsgras. Meyersteins. Ansang 8'/, Ubr. Neues Volkstheater. Der Kaiser- jäger. Ansang 9 Ubr. Ildmiralspalast. Die lustige Puppe. Berliner Eispalast. Eissport. EinesNollcndorf-Theater.Bariete- Lichtspiele. �' Sternwarte. Jnvalidenstr. 57—«2 Sozialdcraokratikljcr Aahlverem für den 2. ßcrl. IReicl)Stagswal)lkr. Dienstag, den 17. Februar, abends 8l/2 Uhr, bei Rabe, Fichtestr. Lg: � Versammlung- Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Wiesner: Die Krankenversicherung»ach der Reichsversicherungsordnung. 2. Diskussion. 205/9 Um zahlreichen Besuch bittet vei- Voi-otaack. Steinarbeiter! Dienstag, den 17. Februar, abends 8 Uhr. im„Englischen Hof", Alexanderftr. 37 c: Mittwoch, den 18. Februar, abends 8 Uhr, in den„Arminhallcn", Kommandantenstrafte S8/SS: Mitglieder-Vers ammlung der Sektion l Sandstein- und der Sektion II Warmlilarbkitcr Grabsteinbranche Tagesordnung: 171/4» Die Allwort der Wtervehmer aaf vllsere Forderllllgev. Stellungnahme zu derselben. Die Kollegen find verpflichtet, die für sie in Betracht kommende Der- sammlung unbedingt zu besuchen. Noch nicht abgeholle Mitgliedsbücher sind in Empfang zu nehmen. Pünktliches Erscheinen erwaUet Die Ortsverwal tun*. Heines Werke ■ 3 Bdnt), 4 Marl- Luchhandlung Vorwärt» ReulersWerke . 3 Band, 4 Marl■ Buchhandlung Vorwärts Vmvetfotgung von'Beeltn Wegen des gefleigecten'Biecvecbvaudjs in den Kaeneval-Tagen mußte die'Beaueeei Gngelljaedt in'Bectin-pantow die beiden Gngel iljtec Sdjut}- mavte mit in Dienft ftetfen; fie veefoegen®coß- Beclin ooc allem mit dem beeäbmten„ Special bjeW Haben Sie Courapage? r, V/'ll» V /J' l/l kaufen Sie. DIB KUHdt mit dar Beilaga: Dar Wackes Offizielles öroon des PreuBenbundes roiob illustriept von ersten Künstlern. Alle Zeittingatrlgerümea nehmen Besteilnngen en. Zur Silberhochzeit des Gen. es. Hsueliorkcr und Frau A die herzlichsten Glückwünsche. T Die Gen. v. 157. Bezirk, a Abt. 2, 4. Kreis. jffl i'VU j-Jß.gr 727 KUnstleri scher Zahnersatz Denkbar schonendste Behandlung Mod. Zahnkunsl, Bergst.156. Neukölln. u Erstklassige Briketts |lOOO Stück M. 7.60. Riesenformat 7". 1 Halbsteine M. 0.73, Gaskoks j |M. 1.75, Steinkohlen M. 1.75, = Brennholz.■ {Michel-Brikett-Veitrieb I | XenkOUn,Tolephonl610 1 Enesebeckstr. 148. Horner Oerdiemt! ifr- beidtr eKtem Btzuäe. lünzStrH forden 99Z8. Nachruf. Am Sonnabend, den 14. d. M. starb nach längcrem Krankenlager unser Lagerhalter, Herr Franz Wensch. Wir verlieren in demselben einen treuen und gcwisscnhasten Mit- arbeiter und werden sein Zlndenksn stets in Ehren halten! Gie Verwaltung des Konsumvereins Oranienburg. I. A.: Robert Strobel. t/ln-ß-e/i/t-t/r- C�tde« Slnmtll- und£rfltulriubrrri voll Robert Meyer,* Jnh.: P. Golletz Mariauncnftr. 3. Tel. Mpl. 34g RerllnetniR-Trio Adr.- Neukölln wM I,nlinstr.74L f. Geschlechtskrankheiten, Harnleiden, Schwäche, Ehrlich-Hata-Kuren, Blut- und Harn-Untersuchungen. Institute; Spezialarzt Dr. med. Karl Reinhardt. Neanderstraße 12 Potsdamer Str. 1 17 Für Frauen: Nur 3— 4 Uhr. Nachweislich vollkommenstes Heilverfahren. SDF~ Vorzügl. Dauererfolge, auch bei schwersten, veraitetstenFällen. Keine Berufsstörung. MäUige Preise. Teilzahlung gestattet. Man VArlanfft» im eigenen Interesse 48 Seiten starke irlclll VCl lallgC Broschüre gratis und franko per Post i. verschloss. Kuvert, auch i. d. Instituten während d. Sprechst. gratis erbältl. Weitere Auskünfte i. d. Sprechstund, kostenlos. Warniinn vor miuderwert. Heilverfahren u. ungeheuer- naruuuy lieber Preisforderung angeblicher Spezialärzte. 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Bom medizinischen Aberglauben. Dr. C. Thesing. Hest 13. Das Wasserheil- Vcr- fahren in der Gesundheit»- pflege des Arbeiters. Von Dr. S. Munier. Heft 14. Berhütung und Heilung deS StotternS. Bon Dr. L. Jordan. Heft 15. Geschlechtliche Erziehung in der Arbeiterfamilie. Bon Dr. I. Markuse. Hest 16. Zähne und Zahnpflege. Von Gertrud Rewald. Hest 17. Bau und LebenStätig- tett des menschliche« Körpers. Von Dr. Christeller. Hest 18. Ter Geschlechtstrieb. Lon Eduard Bernstein. Heft IS. Die Krankenpflege im Haufe. Von Joh. Ranler-Mann- hetm. Hest 20. Tie Proletarier-Krant- heit. Von Dr. I. Zadel. ----äeäes liest kostet 20 Pf.= in besserer Ausstattung 50 Pf. RuedbSllljluog Vorwärts Lindenstr. 69(Laden). Haassen Ga Ria b. Ha Spezial- Offerte Slmmhma hm Onmienplalz Maß-Abteilung Ist mit Modell-Neuhoiten und neuesten Stoffen gut sortier! Wir offerieren zwei ganz besonders preiswerte Kostüme: J ackett- Kostüm„w. 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Ich weiß, eure Frauen arbeiten schwer, eure Kinder brauchen Schuhe und nahrhafte Speise. Alles weiß ich, und erbarme mich euer» und nehme die Last und die Lust der Wehrsteuer auf mich ganz allein. Hier, Vater Staat: ich elender Lump und Betrüger, der ich nicht wert bin, vor meinen Arbeitern mich sehen zu lassen, da ich ihnen den Lohn geschunden frei und offen bekenne ich, daß ich meine Pflicht als Staatsbürger und Patriot gröblich verletzt. Drei Millionen Hab' ich versteuert, Dreißig Hab' ich! Spuckt mich an; ich dulde als Christ, und nehme auf mich gesenkten Hauptes den ehrlich verdienten Generalpardon. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen. R. J. Dünöler-paraöe. Der Zirkus Busch prangt in Flaggenschmuck. Der Bund der Landwirte, der vorgibt, sein Schlachtruf sei: Für den König! während wir durch ein akustisches Phänomen immer verstehen: Viel zu wenig!(natürlich für die ver- ehrte eigene Tasche),— dieser Bund hatte es sich wieder einmal zur Aufgabe gesetzt, dem verseuchten Großstadtpöbel vor- zuführen, wie ein Herrengeschlecht aussieht, und acht Tage den Großstadtpfuhl mit Schollenduft anzufüllen. Sie werden uns tagsüber in ihrer mannhaften, unangekränkelten Weise vom Trottoir herunterdrängen, und abends werden wir an den Orten der Lust vor geschlossene Türen kommen: wegen Ueberfüllung vor- übergehend geschlossen! Die ganze Friedrichstratze wird aussehen, als gäben sich die Unkasernierten des Landes mit den Unkasernicrtcn der Stadt ein Rendezvous, und läge nicht eine hindernde Bc- rufseigentümlichkeit der in Frage kommenden Damen vor, so könnten die königstrcucn Bündler in diesen Wochen dem Reichstag einmal zeigen, was für ein Unterschied ist zwischen der Bewilli- gung und der Erfüllung einer Heeresvorlage. Es ist keine Uebertreibung, wenn man sagt, daß das Auf- treten des Herrn von Oldenburg mit derselben Neugier erwartet wird, wie eine Premiere mit Moisft. Man denke nur daran, daß Oldenburg die kaiserliche Kommandogewalt in diesem Jahr zu schützen haben wird, und man kann daraus den kraftvollen Glutstrom seiner Rede vorausahnen. Der ganze Zirkus Busch wird mit der Blüte des Landes oder, um landwirtschaftlicher zu reden, mit dem Dung der deutschen Erde erfüllt sein und über alle wird der geistige Führer der wahrhaft königstreuen An- alphabeten emporragen. Er wird Geschichtchen aus seinem Leben erzählen, daß sich der Gutgesinnte vor lachendem Stolz biegt; er wird Worte für die geistige Arbeit finden, daß jeder einzelne der Festteilnehmer in seinem Herzen den Schwur tut, ihr nun aber wirklich ein für allemal zu entsagen. Wenn er von der Demokratie redet, wird es so klingen, als spräche er von der Prostitution. Er wird auch genau dieselben Worte wählen: Feil, korrumpiert, auszurotten! Man wird seinen liebenswürdigen Ausführungen entnehmen können, daß der Bund der Landwirte mit Vergnügen den� Kampf gegen die Staatsfeinde gegen ein entsprechendes Honorar aufzunehmen bereit sei und als Vor- schuß nichts anderes verlange als eine kleine Zollerhöhung, die ja die Regierung wirklich gar nichts kostet. In den Zuhörerreihen aber wird sich Schenkel an Schenkel ein Preußenbund freuen, gegen den der Fastnachtsscherz im Herrenhaus kindlich harmlos>var. Alles, was es an bäuerlicher Schlichtheit gibt, hat sich da zusammengefunden, um seine Ein- falt, patriarchalische Gesinnung und altväterliche Schlichtheit mög- lichjt hochprozentig anzulegen. Treuherzig werden sie ihren Füh- rern zujubeln, deren Reden vom ersten Wort bis zum Kaiser- hoch eine kräftige Preissteigerung kennzeichnet. Diese einfachen Landseelcn, die sich vom Busen der Natur gerissen haben, um ein- mal das ungefähr Entsprechende in der Stadt kennen zu lernen, werden mit leuchtenden Augen dasitzen, wenn ein Redner dem verdammten Reichstag einmal so recht die Meinung sagt, ohne zu bedenken, daß er dabei diejenigen seiner Parteifreunde mit- beschimpft, die das M. d. R. auf der Visitenkarte tragen. Es wird ein Dunst von Biedersinn und Altväterwcise sich über Berlin lagern, aus dem, wie die Stimme Jehovas aus dem Gewitter, der Kommandoton des Januschauers hervordröhnca wird: Keim Vaterlandsliebe ohne Schutzzoll! Was die Herren nachts treiben, soll uns einerlei sein, da es ja schon längst durch die Frequenzziffer der Nachtlokale fest» gelegt ist. Aber was sie tags treiben, das zwingt uns stillzu» stehen. Das Rund des Zirkus Busch wird heute all das um- schließen, was an patriotischer Karnevalsbcgeisterung in den Herzen konservativer Männer lebt. Der ganze Schwindel selbst- loser Königstreue, die den Schwankungen der Schwcineprcise un- terworfen ist, die ganze Verlogenheit uneigennütziger Vaterlands- liebe, die an die Zahl der Einfuhrscheine gebunden ist, die ganze Maskerade aus dem Jahre 1813, in deren abgebrauchten Masken- Verleihkostümen noch einmal heute die Attacke gegen die da» dcutsch-völkische Gemüt beeinträchtigende Fleischcinfuhr geritten werden wird, dieser ganze Mischmasch von Portemonnaie und Gemüt, von Bankkonto und Gottcsgnadcntum, von Vichpreis und Väterglauben wird in begeisterter Rede aus den Mündern der berufenen Führer der unberufen Verführten hervordringen, lava- artig, zäh und mißfarben, jeden anders Denkenden anschmieren und sich endlich in das Thcaterfeuer eines Treuschwurs zu Kaiser und Reich entladen. Wir werden eine ganze ruhmreiche Vergangen- heit vorgeführt bekommen, um die Zollsätze der Gegenwart be- wiesen zu sehen und Thron und Altar werden mit Geschick in einen Auktionstisch umgewandelt werden, auf dem Herr von Oldenburg zum ersten und zweiten und dritten seine ga- rantiert unfehlbaren Mittel anpreist, mit denen jeder Laie ohne Apparat und im Handumdrehen die edelsten vaterländischen Ge- fühle in Heller und Pfennig umsetzen kann. In den gutgesinnten Zeitungen werden rührende Gcschichtchen zu lesen sein, wie warm- herzige prominente Männer der grünen Woche nachts auf der kalten Straße ein frierendes Mädchen angesprochen hätten, wie ihnen das Herz fast gebrochen sei angesichts dieses Großstadt- elends, und der gerührte Schmock wird dann fortfahren:»Wir wollen die kleine Geschichte, die so recht von der unverfälschten Herzcnsgüte unserer bewährten Freunde zeugt, nicht in ihrem weiteren Verlauf ausmalen; es sei nur gesagt, daß sie. ähnlich dem herzerhebenden Vorbild höchster Herrschaften, mit einem Goldstück abschloßt Die Geschichte wird überschrieben sein:„Ein Lichtstrahl im dunkelsten Berlin", und wenn wir sie lesen, wer- den wir all unsere Anschauungen bestätigt finden und kein weitere» Wort mehr verlieren brauchen über die splendiden Träger voll- pfundiger Lichtstrahlen aus dem dunkelsten Spiritus-Zentralafrfta. Mus meinem Leben. Von August Bebel. Dritter Teil. Kurz vor seinem Tode hatte Bebel brieflich seinen Freund Kautsky damit beauftragt, falls er plötzlich zur großen Armee abberufen werden sollte, den dritten Band feiner Memoiren herauszugeben, soweit dafür das Manuskript druckfertig vor- läge. Genosse Kautsky hat die ihm übertragene Arbeit sofort in die Hand genommen, so daß bereits in den nächsten Tagen der dritte Teil der Bebelschen Denkwürdigkeiten er- scheinen wird, in dem Bebel die Zeit vom Beginn des So- zialistengesetzes bis zum Jahre 1882 schildert. Durch die Er» laubnis der Verlagsbuchhandlung I. H. W. Dietz in Stuttgart sind wir in der Lage, schon jetzt einen Auszug aus diesem neuen Band veröffentlichen zu können: die Schilderung der nach st en Maßnahmen der sozialdemo- kratischen Parteileitung nach Erlaß des Sozialistengesetzes: Sobald der Reichstag am 17. September die erste Lesung be- endet hatte und der Entwurf in die Kommissionsberatung ging, fuhr die Fraktion nach Hamburg, um dort mit dem Parteiausschuß zu beraten, welche Dtatznahmen nach Inkrafttreten des Gesetzes ergriffen werden sollten. Im Ausschuß herrschte keineswegs eine gehobene Stimmung. Seit Auer von Hamburg nach Berlin über» gesiedelt war, um in die Redaktion der„Freien Presse" einzutreten, war August Geib die einzige Person von Bedeutung in dem fünf- gliedrigen Ausschuß. Geib fühlte sich infolgedessen isoliert und ohne eigentliche Stütze in einem Kampfe, wie er jetzt zu erwarten war. Auch war Geib, obgleich ein Mann von hoher Intelligenz, un- tadeliger Rechtschaffenheit und großer Sachkunde, der die Geschäfte mit Kaltblütigkeit und Ruhe erledigte, keine eigentliche Kampf- natur. Dem Feinde die Zähne zu zeigen und jedes Mittel anzu- wenden, das ihm eine Niederlage beibringen konnte, das lag nicht in seinem Wesen. Dazu kamen noch zwei Umstände, die uns damals nicht bekannt waren, aber sein Verhalten erklärlich machten. Geib war herzkrank, wie sein baldiger Tod uns zeigte und ich ge° legentlich einer Haussuchung bei ihm wahrnahm, der ich als un- freiwilliger Zeuge beüvohnte. Dann aber stellte sich auch zu unserer aller Ueberraschung nach seinem Tode heraus, daß seine materielle Lage nicht so war, wie man sie einschätzte. Er schien mäßig wohl- habend zu sein und ein Geschäft(Leihbibliothek) zu besitzen, das seinen Mann gut nährte. DaS gemütliche Heim, das er sich mit Hilfe seiner Frau zu schaffen wußte, und die Gastfreundschaft, die er übte, unterstützten diese Auffassungen. Das war aber ein Irr- tum. Hätte er zum Beispiel noch die Zeit der Verhängung de? kleinen Belagerungszustandes über Hamburg-Alwna erlebt, und wäre er dann als erster mit ausgewiesen worden, er wäre finanziell zusammengebrochen, und was dieses für den außerordentlich fein- fühlenden Mann bedeutete, kann man sich vorstellen. Geib hätte also auch die Arbeitslast nicht leisten können, die ihm unter dem Gesetz, wenn auch nicht mehr als offiziellem Ausschußmitglied, er- wuchs. An Gehalt war ebenfalls nicht zu denken. Das alles mochte sich Geib sagen, und so erklärte er zu unserer unangenehmen Ueberraschung, daß er unter allen Umständen sein Amt niederlege und die Meinung habe, man solle die Partei auf- lösen, noch bevor das Gesetz in Kraft getreten sei, damit sie von der Polizei nickt aufgelöst werde. Mit Geibs Rücktritt war aber Hamburg als künftige Zentralstelle unmöglich. Es gab zwischen uns und Geib eine lebhafte Auseinandersetzung. Es wurden die verschiedensten Borschläge gemacht, wie man ihm seine Tätigkeit erleichtern könne. Er blieb aber bei seinem Vorsatz. Darauf erklärte ich, es sei doch ein Ding der Unmöglichkeit, daß die Partei keinen Zentralpunkt mehr habe, an den sich die Genossen in ihren Nöten um Rat und Hilfe wenden könnten. Lehne Hamburg ab, so schlüge ich Leipgig vor, und sei ich bereit, die Stelle GeibS als Kassierer von Mitteln, die zu schaffen angesichts der kommenden Opfer mir jetzt die wichtigste Tätigkeit zu sein schiene, zu über- nehmen. Dementsprechend wurde beschlossen. Darauf händigte mir Geib die letzten 1000 Mark ein, die er noch in der Kasse hatte. Da» war der Grundstock für meine künftige Tätigkeit als Finanzminister unter dem Sozialistengesetz. Auch dem Drängen Geibs. sofort die Partei für aufgelöst zu erklären, da er nicht mehr sein Amt verwalten wolle, mußten wir nachgeben; denn es wäre eine Lächerlichkeit gewesen, für eine Galgenfrist von wenigen Wochen noch einen provisorischen Ausschuß einzusetzen, bis die polizeiliche Auflösung erfolgte. So wurde denn beschlossen, mit einer Proklamation an die Partei heranzutreten und sie für aufgelöst zu erklären. Aber die Art, wie dieses geschah. erregte Unzufriedenheit. Statt daß der Ausschuß oder das Zentral- Wahlkomitee, wie der Ausschutz genannt wurde, seitdem Tessendorf das Verbot der Parteiorganisation für Preußen durchgesetzt hatte, sich selbst in einer Proklamation an die Partei wendete, die Or- ganisation für aufgelöst erklärte, ihr Ratschläge für ferneres Wirken machte und ihr Mut zusprach, erschien im„Vorwärts" eine Be- kannpnachung des Sekretärs Derossi, die an Trockenheit des ToneS und Schwächlichkeit des Inhalts kaum übertroffen werden konnte. Erst auf unsere Einsprache, daß die Bekanntmachung des Sekretärs nicht genüge und der Ausschutz mit der Namensunterschrift seiner Mitglieder die Parteiorganisation für aufgelöst erklären möge, er- schien eine solche, datiert vom IL. Oktober, im„Vorwärts" vom 21. Oktober. Aber diese Proklamation verbesserte die Stimmung nicht. DaS Komitee erklärte, daß es seine Auflösung der Polizei- bchörde angezeigt habe, es also von jetzt ab eine zentralistische Or- ganisation der Partei nicht mehr gebe, sonach auch keine planmäßige Organisation mehr. Damit sei es vorüber. Auch für Geldsendungen habe man keine Verwendung mehr. Man solle solche nicht mehr an Geib adressieren. Man ging noch weiter und forderte, daß, wenn noch irgendwo eine Parteimitgliedschaft bestehe, diese sich sofort auflösen sollte. Der Aufruf schloß: Einig in der Taktik, auch zur Zeit der Bedrängnis, sei die Gewähr für eine bessere Zukunft. In der Hamburger Zusammenkunft war man einmütig der Ansicht, die Schläge abzuwarten, die nach Verkündung des Gesetzes gegen die Partei geführt würden, und danach seine Matznahmen zu treffen. Unter keinen Umständen dürfe da? Feld freiwillig geräumt werden. Es sei vorauszusehen, daß in erster Linie die Partei- und Gewerkschaftsorgane der Unterdrückung verfallen würden. Es be- standen zu jener Zeit 23 politische Organe, von denen 8 sechsmal wöchentlich, 8 dreimal. 4 zweimal und 3 einmal erschienen. Daneben bestand die„Neue Welt" als Unterhaltungsblatt. Weiter erschienen 14 Gewerkschaftsblätter. Die Mehrheit dieser Blätter wurde in 16 Genossenschaftsdruckereien hergestellt. Mit der Unterdrückung dieser Preßorgane, erwartete man, würden sofort eine Menge Personen, als Redakteure, Expediteure, Kolporteure, Verwaltungsbeamte, Schriftsetzer, Hilfspersonen aller Art, brotlos. Um für alle diese brotlos gewordenen Personen nach Möglichkeit Hilfe zu schaffen, müßte man versuchen, an Stelle der unterdrückten neue Blätter zu gründen, die sich dem Gesetz anzu- bequemen versuchten. Hatten doch Lasker wie der Berichterstatter der Kommisston bei der Beratung des Gesetzes erklärt, daß Blätter, die ihre Haltung änderten, nicht unterdrückt werden sollten. Aber respektiert wurden diese Zusagen nicht. Neben der Neugründung von Blättern solle man sich auf die Herstellung allgemein bildender Literatur werfen. Die Gründung von Blättern sei auch geboten, weil sie die bequemste und unverfänglichste Art bilde, die Verbin- dung unter den Parteigenossen aufrechtzuerhalten. Gelänge eS nicht, in der einen oder anderen Form Hilfe zu schaffen, dann würde eine große Zahl der führenden Personen genötigt, ins Aus- land zu wandern, was ein großer Verlust für die Partei sei. Ms Sozialisten stigmatisiert fänden sie angesichts der Stimmung in den Unternehmerkreisen keine Stellung, die überdies infolge der Krise Arbeitskräfte in Mengen zur Verfügung hätten. Daß man sehr bald auch mit einer für die Parteiverhältnisse großen Zahlen Ausgewiesener und deren dadurch in Not geratenen Familien werde rechnen müssen, daran dachten wir zunächst nicht. Auf Grund der Erklärungen, die während der Beratungen über den kleinen Belagerungszustand aus kompetentem Munde abgegeben wurden, hielten wir zunächst die Berhängung desselben für unwahr- scheinlich. Mir täuschten un». Noch ehe der Monat November zu Ende ging, wurde der kleine Belagerungszustand über Berlin ver- hängt. Ahm folgt« im Jahre 1886 derjenige über Hamburg-Altona und Umgegend, dann über Harburg, Ende Juni 1881 über Stadt und Bmtihauptmannschaft Leipzig usw. Wenn bei irgendeiner unter dem Sozialistengesetz getroffenen Mahregel, so erwie» sich bei. der VerhSngung des kleinen Belagerungszustandes die„loyale" Behandlung des Gesetzes als Lüge. Sobald das Gesetz verkündet und in Kraft getreten war, fielen die Söbläge hageldicht. Binnen wenigen Tagen war die gesamte Parteipresse, mit Ausnahme des.Offenbacher Tageblatts" und der „Fränkischen Tagespost" in Nürnberg unterdrückt. Das gleiche Schicksal teilte die Gewerkschaftspresse, mit Ausnahme des Organs des Buchdruckerverbandes, des..Korrespondcnien". Auch war der Verband der Buchdrucker, abgesehen von den Hirsch-Dunckerschcn Vereinen, die einzige Gcwerkschaftsorganisation, die von der Auf- � lösung verschont blieb. Alle übrigen fielen dem Gesetz zum Opfer. Die Nachbarn. Von John Galsworth y. In abgelegenen Gegenden flößt die Natur, die auf den ersten Blick so schlicht und heiter scheint, dem Beschauer nach und nach ein sonderbares Unbehagen ein: das Gefühl, als ob ein dort hausen- der Geist auf den alten Heidewegen, den Felsen und Bäumen spuke, der die Macht besitzt, alles Lebendige um sich her gespenstisch zu verzerren. Wenn das Mondlicht das Heideland zwischen den drei kleinen Städten Hartland, Torrington und Holsworthy überflutet, stiehlt sich ein heidnischer Geist durch die bleichen Ginstersträucher. Er schleicht um die Stämme der einsamen, galgenähnlichen Föhren, er guckt heimlich aus dem Schilf des im Mondschein erglänzenden Moors. Dieser Geist hat die Augen eines Kriegers an der Grenze, der in jedermann einen Feind wittert. Und in der Tat ist jener hochgelegene Winkel des Landes bis zum heutigen Tage� Grenzgebiet geblieben, wo der herrische, besitzgierige Eindringling aus dem Norden Seite an Seite mit dem unbeständigen, stolzen, leiden- schaftlichen Keltibercr haust. In zwei Häuschen auf der Höhe des Brachlandes lebten zwei Familien nebeneinander. Jene langgestreckte weiße Wohnstatt schien nur e i n Haus zu sein, bis das Auge hinter den Heckenrosen, welche die rechte Hälfte des Gebäudes einhüllten, die kunstlose, vom Wetter arg mitgenommene Darstellung eines Rennpferdes er- blickte, was den Ausschank berauschender Getränke kundtat; wäh- rend in einem Fenster auf der linken Hälfte eine sonderbare Mischung von Eßwaren und Schuhleder erkennen ließ, daß dieser Laden der einzige des primitiven Weilers war. Das Ehepaar auf der Ostseite hieß Sandford, das auf der Westseite Leman, und wenn man sie zum erstenmal sah, dachte man sich wohl: Was für vornehme Prachtgestalten! Sie hatten alle vier über Durchschnittsgrötze und waren schlank wie Tannen. Der Gastwirt Sandford war ein starkgebauter Mann mit einem großen blonden Schnurrbart, helläugig, ernst und unbeweglich— er sah aus, als entstiege er gerade einem alten Wikingerschiff. Leman war lang und dürr wie eine Latte, ein ausgesprochener Kelte mit freundlichem, träumerischem, heiterem Gesicht. Die beiden Frauen waren so verschieden voneinander wie die Männer. Frau Sandfords zarte, fast durchsichtige Wangen verfärbten jich leicht« ihre Augen waren grau, das Haar hellbraun. Frau LemanS Haar war kohlschwarz und von mattem Glanz, ihre Augen sahen tiefbraun wie das Moor aus, und daS Gesicht schien wie aus altem Elfenbein geschnitten. Wer sie öfters sah, fand aber bald heraus, was diese Vor- nehmheit beeinträchtigte. Sandford, dessen Gesicht keine Witterung zu bräunen vermochte, sah drein, als könnte ihn nichts in der Welt daran hindern, sich eine Sache anzueignen, wenn er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte; seine Augen verrieten, daß sein höchstes Ideal das Eigentum und sein ganzes Streben nach Besitz gerichtet war. Wenn er, von seiner niedergeduckten Wachetlhündin gefolgt, nach seinen Feldern ging(denn er betrieb neben der Schänke auch noch Landwirtschaft), so schien sein Schritt die Wege zu erschüttern, und solch ein überwältigendes Selbstbewußtsein, solch eine Unnahbarkeit ging von ihm aus, daß selbst die Vögel stille wurden. Er sprach nur selten. Er war nicht beliebt. Man fürch- tete ihn eher, doch keiner wußte warum. Wenn seine Frau auch frisch und rosig, manchmal geradezu mädchenhaft aussah, hatte er ihr trotzdem langsam, aber sicher da? Siegel seiner Herrschast ausgedrückt. Man hörte sie nur selten reden. Hier und da jedoch durchbrach ihre Geschwätzigkeit die gewöbn- liche Zurückhaltung, so wie Wasser einen beschädigten Tamm. Bei solchen Ausbrüchen sprach sie gewöhnlich von ihren Nachbarn, den Lemans, und beklagte die Zustände in deren Eheleben.„Eine Frau," sagte sie dann,„muß manchmal dem Mann nachgeben; ich Hab gar oft Sandford nachgeben müssen, jawohl!" Ihre Lippen waren vom oftmaligen Zusammenpressen so dünn wie der Rand einer Teetasse geworden; aus den kalten Zügen ihres langen Ge- sichts schien jeder Ausdruck einer selbständigen Regung entflohen zu sein. Sie war nicht gebrochen, sondern nur niedergebeugt, und vas hatte sie so hart und abweisend gegen andere gemacht. Das Bewußtsein, daß sie selbst zu Boden gedrückt worden war, schien in ihr jene? giftige Gefühl gegen Frau Leman wachzurufen— „eine hoffärtige Person," wie sie mit ihrer, feinen Stimme zu sagen pflegte,„eine Person, die sich noch nie einem Mann gefügt hat— da? sagt sie ja selbst.'S ist nicht das Trinken, das den Leman so närrisch macht;'s kommt nur davon, weil sie ihm nicht nachgeben will. Natürlich bedienen wir jeden gern, der zu unS kommt; aber'S ist gar nicht das Trinken, das den Leman so verrückt macht— sie ist es." Leman, dessen hagere Gestalt man gar oft in der kleinen mit Steinfliesen gepflasterten Wirtsstube auf der Holzbank sitzen sah, bekam in der Tat nach und nach das verschwommene Gesicht und Ebenso verfielen der Auflösung die zahlreichen lokalen sozialdemo- kratischen Arbeitervereine, nicht minder die Bildungs-, Gesang- und Turnvereine, an deren Spitze Sozialdemokraten standen, und die deshalb für sozialdemokratische Vereine erklärt wurden, in denen, wie die Phrase im Gesetz lautete,„sozialdemokratische, auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung ge- richtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise" zutage getreten seien.... Die Versuche, an Stelle der unterdrückten Blätter neue zu gründen, die nach Lage der Dinge außerordentlich vorsichtig redi- giert werden mutzten, mitzlangen in den ersten Jahren fast alle. So versuchte man in Berlin nach der Unterdrückung der„Freien Presse" unter dem Titel der„Berliner Tagespost" ein farbloses Blatt zu gründen, das als Fortsetzung der„Berliner Freien Presse" an- gesehen und sofort verboten wurde. Seine Herausgebe» wurden deshalb zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Mit dem„Vorwärts" in Leipzig fielen eine Reihe hier erscheinender Provinzblätter: „Volksblatt in Altenburg",„Volksblatt für den 14. sächsischen Wahl- kreis",„Muldentaler Volksfreund",„Groitzsch-Pegauer Volksblatt" und„Voigtländische freie Presse" dem Gesetz zum Opfer. Ebenso fielen die„Mitteldeutsche Zeitung", die„Freie Presse" und die „Neue Leipziger Zeitung". 1873 folgten der„Leipziger Beobachter", das„Deutsche Wochenblatt" und der„Wanderer"; als letztes Blatt wurde 1881 der„Reichsbürger" unterdrückt, nachdem zuvor noch ein kleines Witzblatt„DaS Lämplein" den Weg des Sozialisten- gesctzes gegangen war. Nunmehr stellten wir in Leipzig auf Jahre hinaus jeden Versuch einer Blattgründung ein. Wir machten die Erfahrung, daß die Blätter stets dann verboten wurden, sobald der Abonnentenstand so weit gediehen war, dah er ihre Kosten deckic. Dadurch und durch verschiedene andere Wahrnehmungen mißtrauisch gemacht, entdeckten wir, daß wir einen Polizeispion in der Person eines unserer Expedienten im Geschäft zu sitzen hatten, dem natür- lich sofort mit dem nötigen moralischen Fußtritt die Tür gewiesen wurde. Wir machten alsdann noch den Versuch mit einem bürger- lichen Verleger, unter dessen Firma gemeinsam ein Blatt heraus- zugeben. Dieses führte aber in Kürze zu MißHelligkeiten, und so traten wir von dem Versuch zurück. Und da die gleichen Matznahmen wie in Berlin und Leipzig fast überall gegen uns getroffen wurden, hatten wir im Lauf von wenigen Monaten für Hunderte von Existenzen und deren Familien zu sorgen. Von allen Seiten kamen die Hilferufe an unz nach Leipzig, denen wir selbst mit Aufbietung aller Kräfte nur zum kleinsten Teile gerecht werden konnten. Parteigenossen, die damals den Ereignissen fernstanden oder sich gar im Ausland in sicherer Hut befanden, haben später ge- glaubt, die„Untätigkeit" der leitenden Personen scharf kritisieren zu müssen. Die guten Leute, aber schlechten Musikanten hatten keine Ahnung von dem wirklichen Zustand der Dinge, die wir öffentlich nicht mit der großen Glocke bekanntmachen durften. Als Entschuldigung mag siir den einen und anderen dieser Kritiker dienen, daß er auf Grund des Protokolls über den Wydener Kon- greß urteilte. Aber dieses Protokoll ist irreführend. Es war frisiert und mußte genau so wie später das Protokoll über den Kopen- Hagener Kongreß frisiert werden, wollten wir uns nicht selbst de- nunzieren und bezichtigen. So wurden in diesen Protokollen zwar die Angriffe gegen die Parteileitung veröffentlicht, aber was diese zu ihrer Rechtfertigung zu sagen und überhaupt Wichtige? zu be- richten hatte, wurde möglichst verschwiegen oder nur abgetönt wieder- gegeben. T-ies diente auch zur Irreführung der Behörden.... Es galt zunächst im Hause Ordnung zu schassen, ehe man sich auf auswärtige Unternehmungen einließ. So wiesen wir— Lieb- knecht und ich— ein bald nach Verhängung des Sozialistengesetzes gemachtes Angebot, uns die Mittel für ein im Ausland erscheinendes Blatt zur Verfiigung zu stellen, vorläufig zurück. Ich bemerke, um keine falschen Kombinationen aufiommen zu lassen, es war nicht Karl Höchberg, der unS dieses Angebot machte. Höchberg und Otto Freytag in Leipzig und eine kleine Zahl bemittelter Personen, die damals der Partei nahestanden oder zu ihr gehörten, lieferten Sie Mittel, damit wir der dringendsten Not abhelfen konnten. Denn die Sammlungen durch die Partei kamen erst allmählich in Fluß und wurden auch durch die von Ort zu Ort wandernden Aus- gewiesenen in Anspruch genommen. Und die Zahl der Hilfsbcdürfli- gen war namentlich in den ersten Jahren groß und wuchs be- ständig. Unter solchen Verhältnissen war der Partei das Hemd näher als der Rock. Vor allem galt es zunäckst, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, die im ersten Sturm des Sozialisten- gcsetzes in T«route geratenen Massen wieder zu sammeln und ihnen den Geruch eines Menschen, der zwar nie ganz betrunken, aber nur in den seltensten Fällen nüchtern ist. Er sprach langsam. das Reden schien ihm immer schwer zu fallen, er arbeitete nicht mehr; sein früher heiteres, liebenswürdiges Gesicht trug jetzt eine trübe Armesündermiene zur Schau. Das ganze Torf wußte von seinen heftigen Gcmütsausbrüchen und plötzlichen verzweifelten Weinkrämpfen, und daß Sandford ihm schon zweimal ein Rasier- messer hatte entreißen müssen. In ihrer Klatschsucht nahmen die Leute ein gespannte» Interesse an seinem raschen Verfall; sprachen davon mit Besorgnis und doch wieder mit einem gewissen Wohl- behagen und waren einstimmig der Ansicht, dah„es gewiß noch ein böses Ende nimmt; das Trinken richtet George Leman zu- gründe, das ist so sicher wie's Amen im Gebet"! Doch konnte man sich Sandford, diesem helläugigen, aschblonden Teutonen, nicht leicht nähern, und keiner ließ sich gern mit ihm in Diskussion ein; seine undurchdringliche Zurückhaltung wirkte gar zu einschüchternd. Auch Frau Leman beklagte sich niemals. Wenn man diese schwarzhaarige Frau mit dem unbeweglichen und doch so bezaubernden Antlitz erblickte, wie sie mit dem Säugling im Arm aus der Tür trat, um etwas Luft zu schöpfen, und im Sonnenlicht stand, so glaubte man wahrhaftig, eine alte Britan- nierin vor sich zu haben. In sieghaften Rassen sollen die Männer den Frauen überlegen sein, in unterdrückten dagegen die Frauen den Männern. Sie war zweifelsohne Leman überlegen. Diese Frau konnte man wohl mißhandeln, niederbeugen, aber sie war nicht zu brechen. Ihr Stolz war zu ursprünglich, zu sehr ein Teil ihres eigensten Wesens. Niemand hatte je gesehen, daß sie und Sandford ein Wort gewechselt hätten. Fast schien eS, als ob der alte Rassenhaß des Grenzlandes mit seinem nicht endenwollenden Konflikt in diesen Beiden verkörpert wäre. Denn unter dem langen Strohdach lebten sie nebeneinander: jener Mann, der große ur- wüchsige Eroberer, und jene Frau der heimischen Rasse, mit den schwarzen Haaren und den geschmeidigen Bewegungen. Stets wichen sie einander aus, nie fiel ein Wort zwischen ihnen, und in dem Maße, wie sie ihren eigenen Gefährten überlegen waren, wären sie vielleicht einander würdig gewesen. In dieser einsamen Gemeinde, wo die Häuser weit auSein ander lagen, eilten dennoch die Neuigkeiten auf den vom Mm duftenden Wegen und über die ginsterbedeckte Heide pnt erstaunlicher Schnelligkeit dahin, vielleicht auf den Flügeln des Westwind», vielleicht vom Geist der Gegend auf seinen Wanderungen den Leuten zugeflüstert, oder von kleinen Jungen, die auf große» Acker- gäulen saßen, weiterbefördert. das Rückgrat zu steifen. Es ist ebenfalls eine falsche Darstellung, ali feien damals die Führer die Kopflosen gewesen und als hätten die Massen die Partei retten müssen. Massen und Führer sind auf- einander angewiesen, die einen können ohne die anderen nicht wirken. Wohl gab es unter den Führern— das Wort in weitestem Sinne genommen— mehr Marodeure und Hasenfüße als uns lieb war, doch die materielle Notlage der meisten entschuldigt vieles. Aber auch in den Massen, namentlich in den mittleren und kleinen Orten, herrschte vielfach Niedergeschlagenheit und Tatlofigkeit. Es bedurfte zahlreicher geheimer Zusammenkünfte und Versammlungen und energischer Agitation, um die mutlos Gewordenen aufzurichten und zu erneuter Tätigkeit anzuspornen. Und das gelang. Von dieser mühsamen, absolut notwendigen Tätigkeit konnte und durfte man aber außerhalb der Kreise der Beteiligten nichts sehen und hören lassen bei Strafe der Selbstdenunziation. PuflV Uhl im Zilm. Ein Gespräch. .Sie kennen sie doch?" .Entschuldigen Sie, aber ich wüßte im Augenblick wirklich nicht—" „Denken Sie an Ihre Familie! Machen Sie sich nicht ge- sellschaftlich unmöglich! Man braucht von Kant nicht eine Seite gelesen zu haben und kann doch jedes gesellschaftliche Gespräch mit Ehren bestehen. Aber Pussy! die populäre Pussy, die es zur Namensgräfin brachte—" „Ach so! Ja, die kenne ich natürlich." „Sehn Sie wohl! Der bessere Teil Ihrer Seele ist wieder erwacht. Ich wußte von vornherein, daß es sich nur um eine augenblickliche Verirrung handeln konnte." „Was wollen Sie aber jetzt mit Pussy? Man hat doch schon längst etwas Neues." „Haben Sie kürzlich die Meldung gelesen, daß sie ihre Er- lebnisse mit echten und minder echten Kavalieren verfilmen will?" „ES soll ein jounalistischer Scherz gewesen sein." „Pfui Teufel!" .Nanu, was gefällt Ihnen nicht?" „Daß die Kinokapitalisten so feige gewesen sind. Pussy Uhl hätte vortrefflich zum ganzen System gepaßt."— „Sie sind ein Gemütsmensch! Ich danke meinem Schöpfer, daß wir um die widerwärtige Sache herumgekommen sind."— „Ihre Gründe?" „Mein Gott. Sie setzen einem die Pistole so schlankweg auf die Brust. Halten Sie denn selbst nicht eine moralische Ver- giftung für wahrscheinlich, wenn dieser ganze Schmutz noch sinn- fällig dargestellt würde?" „Wenn er wahrheitsliebend dargestellt würde, nicht." „Lassen wir doch in diesem Zusammenhang so edle Worete wie Wahrheit aus dem Spiel. Je wahrheitsliebender Pussy Uhl dar- gestellt wird, um so ärger wird vermutlich der Geruch werden. Das ist nun meine Meinung." „Ich schließe mich an. Eine Verführung geht aber immer nur von der Unsittlichkeit aus, die ihren peinlichen Geruch unter einer Wolke von Patschuli verbirgt. Wer uns die De» generation nicht schuldig bliebe, aus der Pussy Uhl hervor- gegangen ist, wer uns auch d i e Pussy Uhl nicht schenkte, die ihr armseliges Hundeleben nur vermöge anormaler Dosen von Alkohol und Morphin zu ertragen vermochte— der böte uns zwar viel Häßliches, würde uns aber zugleich einen gesunden Schauder über die Haut jagen. Pussy Uhl wäre für einen ernsthaften Moralisten ein sehr ergiebiges Temonstrationsobjekt. Und dann vergessen Sie bitte nicht die literarische Gesundung, die von einem solchen Film ausgehen könnte." „Was sagen Sie da?" „Die literarische Gesundung. Wollen Sie es vielleicht schriftlich haben?" „Ich danke verbindlichst. Derartige Ansichten genügen mir völlig in einer sprachlichen Form." „Darf ich mich Ihnen erklären?" Etwas gereizt:„Bitte." „Ist eS Ihnen bekannt, daß beispielsweise Hauptmann und Sudermann, ohne durch wirtschaftliche Not gezwungen zu sein, ihre poetischen Schöpfungen dem Kino ausgeliefert haben?" „Weiß ich." Am Pfingstmontag wurde es bekannt, daß Leman den ganzen Sonntag getrunken hatte? denn Sonntagnacht hatte man ihn schreien gehört, daß ihn seine Frau ausgeplündert hätte und daß ihre Kinder nicht die seinen wären. Den ganzen folgenden Tag sah man ihn am Schanktisch sitzen und unaufhörlich trinken. Und doch bediente Dienstag morgen Frau Leman im Laden wie ge- wöhnlich, still und schweigsam— eine wahrhaft edle Erscheinung mit ihrem matt glänzenden schwarzen Haar— und wie sonst blickte sie die Kunden freundlich an. Mit neuerlich hervorbrechender Geschwätzigkeit beschwerte sich Frau Sandford bitter über die Art und Weise, wie sich ihre Nachbarn in der vorigen Nacht aufgeführt hätten. Aber ohne eine Miene zu verziehen, mit fahlem Gesicht und unergründlich wie immer, arbeitete Sandford auf dem steinig- sten seiner Aecker. Der heiße herrliche Tag ging seinem Ende entgegen; eine Nacht von wundervoller Schönheit senkte sich herab. Auf dem kleinen Gemeindeanger lagen im goldenen Mondlicht die Schatten der Lindenblätter übereinander, dunkler als schwarzer Samt. Es war sehr warm. Ein Kuckuck rief fast bis Mitternacht. Zahllose kleine Nachtfalter flatterten umher; und die mondbeglänzten Butterblumen auf den beiden weiten Matten, die sich vom WeUer zum Fluh hinabsenkten, schienen sich wie ein zaubrischer Schleier über die Wiesen zu breiten. Dort, wo jenes wunderbare Mond- licht über der Heide lag, war alles in einen bleichen Zauber getaucht; nur die drei Föhren hatten seinem blassen, lockenden Schein widerstanden und brüteten über der Landschaft wie die Geister dreier hoher Galgen. Die langgestreckte weiße Wohnstatt der Nachbarn, von dem zitternden Glanz überflutet, schien einen eigenen Schimmer auszustrahlen. Jenseits des Flusses jagte eine Nachtschwalbe, deren schriller, stoßweiser Ruf die Schleier der stillen, düfteschwangcrn Nacht zerriß. Es währte lange, che sich der Schlummer auf die Heide herabsenkte. Etwas nach zwölf Uhr hörte man zwei Schüsse hintereinander. Bis fünf Uhr am folgenden Morgen war die Nachricht schon weit verbreitet, und bereits vor sieben hatte sich eine Menge Leute angesammelt, um nachzusehen, wie zwei berittene Polizisten Leman auf dem Pony Sandfords nach dem Gefängnis von Bideford ab- führten. Die Leichen von Sandford und Frau Leman lagen— so hieß eS— in dem verschlossenen Schlafzimmer von Lemans Haus. Frau Sandford, die ganz zusammengebrochen war, befand sich bei Nachbarn, wo man für sie sorgte. Die Leman-Kinder hatten im Pfarrhaus Aufnahme gefunden. Von allen Bewohnern „Ist es Ihnen weiter bekannt, daß eine poetische Schöpfung notwendig zerstört werden muß, bevor sie als Film erscheinen kann?" „Auch das hat man mir verraten." „Geben Sie also zu. daß Hauptmann und Sudermann vom Kinokapital lediglich ihren Namen bezahlt erhielten?" „Das gebe ich zu." „Wenn die Herren nun aber sehen, daß Pussy UhIS Name genau den gleichen Kurswert hat— sollten sie dann nicht die Sphäre mit Händen greifen können, in die sie hineingeraten sind?" „Man sollte es wenigstens meinen. Aber widerwärtig wäre mir die ganze Sache." „Das weiß ich. Verstehen Sie mich: Das weiß ich. Ich habe als Kind jedesmal vor dem Rhizinus Prügel und nachher einen Groschen bekommen. Ich bin, wie Sie sehen, vollkommen zutreffend unterrichtet. Ich will jetzt aber von Pussy Uhl nichts mehr hören. Mir persönlich ist Pussy Uhl als Dichterin w i d e r wä r t i g. Haben Sie mich nun endlich ver- standen? Widerwärtig. Wollen Sie es vielleicht schriftlich haben? Wenn Sie jetzt nicht sofort zu mehr gesetzten Dingen übergehen, denunziere ich Sie Ihrer Frau wegen strafbaren Um- gangs mit verdächtigen literarischen Motiven." „Um Gottes willen!"(Er fängt sofort an, über Fichtes deutsche Nationalerziehung zu sprechen.) Prostitution in München. DaS.Münchener Shsiom" zeichnet sich vor anderen(Ms- kutablen) Systemen der Proftitutionspflcge dadurch aus, daß es kein System ist. Eine gewisse Methode läßt sich zwar nicht ver- kennen: man untersagt die Prostitution und somit hört sie eben auf zu existieren. Lfftziell hört sie natürlich auch auf— und damit ist für ein verehrliches Polizeipräsidium die Sache abgetan. „Dökenckre" und„abolir" sind ihm gleichbedeutende Begriffe. Ich konstatiere: Es gibt in der Dreiviertel-Millionenstadt wenige Hundert inskribierte Prostituierte. Und auch die sollen >v"b verschwinden. Ich taxiere, sie bekommen nur noch den Gnadenpaß— wegen„guter Führung". Ich konstatiere weiter: München ist Kunst«, Universttäts-, Residenz- und Garnisonstadt. Demnach bietet es ein Ueberan- gebot jugendstarker Männlichkeit. Wie in Priestsrseminaren will man diese gesunden jungen Menschen zu Homosexuellen oder staatlich konzessionierten Onanisten heranzüchten. Denn— bei allein hat man den Versuch doch noch nicht zu machen gewagt: Das Vorhandensein des Geschlechtstriebes bei geschlechtsreifen Personen wegzuleugnen. Zwei markante Tatsachen: Die strenge Handhabung des Kuppeleigesetzes und die übermäßige Zunahme der unehelichen Geburten stehen im engsten Zusammenhang mit der Unterdrückung zünftiger Dirnen.(Diese„Abschaffungs"-Versuche sind das größte Armutszeugnis, das eine Polizeibehörde sich ausstellen kann. Sie beweist dannt ihre absolute Machtlosigkeit solchen Dingen gegen- über. Man denke an das unsinnige Mißverhältnis Mischen ein- geschriebenem und tatsächlichem Bestand an Prostituierten in Berlin. Man gibt eben zu: wirkliche„Kontrolle" ist ein Ding der Unmöglichkeit.) Der hohen Polizeibehörde ist zuzugestehen, daß sie zum min- desten konsequent in ihren Maßnahmen ist. Dafür zeugen nicht allein die zahllosen Gerichtsverhandlungen gegen Fälle von Kup- pelei; sondern zur Hauptsache die maßlos« Zunahme der Ge- schlechtskrankheiten. Ein kleines Uebel soll ausgerottet werden: die Folgeerscheinungen sind unendlich viele größere Uebel. Man kann verschiedener Ansicht darüber sein, ob Onanie, Homosexualität oder irgendwelche andere Ausübung des Ge- schlechtStriebes proprement ckit„unmoralisch" sind oder nicht. Aber— und ich will die Worte nun im bürgerlichen Sinne ge- brauchen— man will die„Moral" fördern und hebt die„Un- moral". So dient eine wohllöbliche Polizeibehörde einer Sache, der sie nicht im entferntesten dienen will: der Freiheit der Ge- schlechtsbetätigung. Und sie macht wilder und wildester Prosti- tution freien Weg. ES gibt im Deutschen Reich wohl kaum eine zweite Stadt. in der die Hingabe der Frauen und Mädchen in allen Ständen (relativ) so verbreitet ist, wi« gerade in München. Man hat eben keine Konkurrenz durch gebilligte Dirnen zu befürchten. Und man jener beiden Häuschen war Sandfords Wachtelhündin allein zurück- geblieben, die in den Strahlen der Morgensonne unter dem öst- lichen Eingang saß und ihre Nase fortwährend in den Spalt unter der Tür steckte. Man wußte nur unbestimmt, daß Leman die beiden umge- bracht hatte; über daS Wann, Wie und Warum konnte man sich nur in Vermutungen ergehen. Erst vor dem Geschworenengericht wurde die Geschichte jener Nacht aufgehellt, als Lemans Aussage, die auf einem schmutzigen Stück Papier geschrieben stand, be- kannt wurde: „Ich, George Leman, lege daS folgende Geständnis ab— so wahr mir Gott helfe! Als ich an jenem Abend zu Bette gehen wollt, war ich schon stark angetrunken. In dem Zustand war ich schon zwei Tage lang gewesen, und Sandford hat's gewußt. Meine Frau war schon im Bett. Ich ging auf sie zu und Hab gesagt: „Steh auf!" Hab ich gesagt,„jetzt sollst Du tun, was ich will!" „Ich tu's aber doch nicht!" hat sie gesagt. Da Hab ich ihr die Bettdecken weggerissen. Wie ich sie so ganz weiß gesehen Hab mit dem schwarzen Haar, hat es mich ganz verrückt gemacht, ich bin hinuntergerannt und Hab das Gewehr geladen. Wie ich wieder heraufgekommen bin, hatt' sie sich gegen die Tür gestemmt. Ich Hab daran gerüttelt und sie hat zugehalten. Sie hat niemanden gerufen oder auch nur einen Laut von sich gegeben— sondern immer nur zugehalten; sie hat sich ja nie gefürchtet. Aber ich war der Stärkere und endlich Hab ich die Tür aufgestoßen. Sie hat sich vor dem Bett aufgepflanzt und mich, wie immer, noch mehr gereizt, wie sie so dagestanden ist mit zusammengekniffenen Lippen, und ich Hab das Gewehr genommen, um sie niederzuknallen. In diesem Augenblick ist Sandford die Treppe heraufgestürzt und hat mir mit dem Stock das Gewehr aus der Hand geschlagen. Mit der Faust hat er mir einen Stoß vor die Brust versetzt, daß ich gegen die Wand geflogen bin und Hab mich nicht rühren können. Und er hat gesagt:„Gib Ruh, Du Hund!" hat er gesagt. Dann hat er s i e angeblickt.„Und Du," hat er gesagt,„2>u bist nur selbst dran schuld! Du willst nicht gehorchen, was? Wart, ich werd Dir zeigen, was gehorchen heißt!" Und er hat den Stock erhoben. Aber er hat nicht zugeschlagen, er hat sie grab nur an- gesehen, wie sie so im Nachthemd, das an der Schulter zerrissen war, dagestanden ist und ihr das schwarze Haar heruntergehängt hat. Sie hat kein einziges Wort gesagt, sondern ihn nur an- gelächelt. Dann hat er sie bei den Armen gepackt, und so sind sie dagestanden. Ich Hab ihre Augen gesehen; sie waren ganz schwarz wird chronisch gereizt durch den lleberfluß an geschlechtlicher Kraft, den die Umstände bedingen. Ein verehrliches Polizeipräsidium hat diese anarchischen Folgen seiner Handlungsweise nicht zu bedenken geruht. L« y b» l d. vom Jahrmarkt des Lebens. Jn Gefechtssteliung. Der heilige Kampf der Konservativen um die Freiheit der Arbeiter rückt in eine neue Phase. Die dem Konsortium Westarp-Heydebrand-Kardorff-Oldenburg treu verbündeten arbeitswilligen Hilfstruppen schwärmen aus und gehen in Gefechtsstellung vor. Jn den Kerlen steckt noch Schneid und man begreift die warme Zuneigung der Kardorffer, wenn man das Korps Kaczmarek-Ruppert-Keiling-Meinel aufmarschieren sieht. Das sind doch Leute, des Schweißes der Edlen wert. Der eine— Kaczmareck— erhält wegen fahrlässiger Tötung Freiquartier hinter schwedischen Gardinen, der andere — Ruppert— kann mit Recht sagen: wir Arbeitswilligen können einen totschlagen. Keiling sitzt wegen Mordes, nachdem er nur 17 mal wegen Betrug, Diebstahl und anderer Kleinigkeiten vorbestraft ist, in Böhmen in Untersuchungshaft und der vierte hat die Herzensbildung, die Herr von Kardorff sonst an den Arbeitern vermißt. Als seine Liebste— von der Meinet sich rühmte, daß sie ihm gestohlenes Geld geschenkt habe— ihm aus dem Gefängnis schreibt, sie wolle sich nach ihrer Entlassung vom horizontalen Gewerbe abwenden» antwortete er ihr in einer Gefühlsregung: JibtS nich, et wird weiter strichen jejangen! Die Situation ist günstig, Herr v. Kardorff! Jetzt, wo Ihre Hilfstruppen aufmarschiert sind, immer feste draufl Schließlich lassen sich die Nationalliberalen doch noch überzeugen, daß mit halben Matzregeln nichts getan ist, und daß eS notwendig ist, die Freiheit der Arbeiter durch Auflösung ihrer Organisationen, Verbot der Streiks und ähnliches zu stützen. Ihre Hilsstruppen stehen treu zu Ihnen, zu König und Vaterland. Ich bin ein Preuße! Noch einer hat dieser Tage seiner Sympathie für den Hckdeni ob erst Reuter und seiner Antipathie gegen den Reichstag in recht kräftigen Worten Ausdruck gegeben. Herr v. Brüsewitz- Camby ließ auf einem Winterfest des Bundes der Landwirte in Gülzow(Pommern) folgende Schimpfkanonade los: „Dann Zabcrn. Ja. da muß man sich den protestierenden Reichstag vorstellen, der mehr einem Komödienhaus gleicht: 1. den zum Himmel schreienden Zentrumsmann, 2. den heulenden Professor der Nationalliberalen, 3. den(die kochende semitische Volksseele darstellend) Semidcmo» kraten(Fortschrittsmann), 4. den wüst schimpfenden und toben- den Sozialdemokraten. Was kann man von ihnen jetzt sagen? Blamiert bis auf die Knochen und jedex blamiert sich so gut wie er kann. Ein Oberst v. Reuter ist für unser deutsches Volk mehr wert, als die ganze heulende, demonstrierende Gesellschaft!" Ein Klnssengenosse de« edlen Ireihcrrn Oetavio v. Zed- litz, der am Freitag im Abgeordnetenhause stolz von sich sagte, daß er unter blökenden Hammeln großgezogen worden sei. wes Srot ich eße... Wenn wieder einmal der Preuhenbund zu einer Sitzung sich vereinigt, kann sein Vorsitzender, Herr Syndikus Dr. Rocke aus Hannover, ein Liedlein singen vom schmählichsten Terrorismus. Ob er es freilich tun wird, steht auf einem anderen Blatt. Ist es doch kein Terrorismus, von Arbeitern ausgeübt gegen die armen Arbeitswilligen, sondern Terror, der von Unternehmern gegen Herrn Tr. Rocke selbst betätigt wurde. Wes Brot ich esse, des Lied ich singel verlangen seine Arbeitgeber, die ehrbaren Freisinnigen und nationalliberalen Mitglieder der Hannoverschen Hau- delskammer. Für ihr teueres Geld wollen sie nicht nur die Arbeitskraft ihre» Syndikus voll ausnutzen, sondern auch seine politische Gesinnung kauken. Und darum haben sie ihn g e r ü f- seit, daß er es wagte, neben seiner Berufstätigkeit auch noch eine geworden. Es war, als würde er auf einmal schwach und so weiß wie die Wand. ES ist mir vorgekommen, als hätten sie mit ein- ander gerungen, wer von ihnen der Stärkere war, und als ob sie sich dort am Ende haben wollten. Ich Hab so deutlich gesehen, was in ihnen vorgeht, wie ich das Stück Papier da vor mir seh. Ich bin aufgestanden und Hab mich herangeschlichen, und Hab das Gewehr genommen und Hab gezielt und Hab einmal abgedrückt, und dann ein zweites Mal, und sie sind tot hingefallen, zuerst er, dann sie; sie sind einfach hingefallen, keiner von beiden hat einen Laut von sich gegeben. Ich bin vor's Haus gegangen und Hab mich ins Gras gelegt. Dort haben sie mich gefunden, wie sie ge- kommen sind, um mich festzunehmen. Das ist alles, was ich zu sagen Hab, aber wahr ist'S schon, ich war stark angetrunken von dem Branntwein, den ich von ihm hatt'...", AuS dem Englischen v o n L. Leonhardt. Mißbrauch öer Redefreiheit. (Gespräch eines liberalen und eines konservativen Patrioten.) K. Das viele Reden ist wirklich nicht erfreulich. L. Ja, da haben Sie recht. Bei jeder Gelegenheit... K. Man sollte gesetzlich dagegen einschreiten. L. Ganz meine Meinung. Es mühte direkt in der Verfassung ein Paragraph enthalten sein, der diesen Reden gewisse Schranken setzt. K. Auch ich sehe hierin das einzige Nüttel, um der Maul- diarrhoc, wenn ich mich so ausdrücken darf, den Wind aus den Segeln zu nehmen. L. Mauldiarrhoe ist doch wohl ein etwas harter Ausdruck? K. Finden Sie? Ich bin der Meinung, solchen Leuten gegen- über darf man einen derartigen Ausdruck wohl anwenden. Ja, man muß ihn anwenden. L. Solchen Leuten gegenüber? Wer wie reden Sie denn? Sprechen Sie so von unser... K. Von unseren Sozialdemokraten im Landtage, ja natürlich. L. Von unseren Sozialdemokraten? K. Na ja, von wem denn sonst? WaS dachten Sie denn, -on wem ich spräche? L. O nichts. Ich dachte nur, ich meinte, Sie meinten, ich dächte... Aber ich denke ja gar nicht daran! R. F. seinen Vrotyebcrn cntgcgengesehte politische Meinung zu linpen. Mit Herrn Rocke köuncn sie es machen. Die politischen Qualitäten eines Vorsitzenden des Preußcubundes bieten Gewähr, daß er sich gottergeben beugt unter die Haudelskammcrobrigkcit, die Gewalt über ihn hat. /tos Hroß'öerlin. Die Hahnhofsmifsion. Der jüngste Vorstoß der agrarischen Häuptlinge unter des edlen Januschauers draufgängerischer Oberleitung, die Dienstboten wieder mehr an das platte Land zu fesseln und Gesetze durchzubringen, die einem Wiederaufleben der Leib- cigenschaft verteufelt ähnlich sehen, lenkt die Aufmerksamkeit auch auf das seit Jahren bestehende Institut der sogenannten Bahnhofsmission. Auf den ersten Blick macht es sich außer- ordentlich nett, daß verschiedene Vereinigungen sich die gleich- artige Aufgabe gestellt haben, junge Mädchen und Männer, die zum Zwecke der Existenzverbesserung ohne Schutz und Er- fahrung vom Lande oder von der Kleinstadt nach der Groß- stadt kommen, schon auf den Bahnhöfen in Empfang zu nehmen, sie in besonderen Heimen, natürlich gegen Bezahlung, unterzubringen und vor den Gefahren des Großstadtlebens zu bewahren. Hinter den Kulissen sieht das, was nach außen hin als reinste Liebestätigkeit gelten soll, doch etwas sehr anders aus. Ganz Europa ist mit einem Netz von Bahnhofs- nnssionsstationen iiberzogen. In allen deutschen Großstädten mit riesigem Reiseverkehr sind ständige Bahnhofsmissionen eingerichtet. Schutzdamen mit auffallenden Schleifen, deren Z-arben auf den Charakter der Vereinigung hinweisen, nehmen sich der alleinreisenden schutzbedürftigen jugendlichen Per- sonen an. In den Eisenbahnwagen und auf den Bahnhöfen sind über hunderttausend, mit dem weißgelben oder dem roten Malteserkreuz versehene Plakate angebracht, die eindringlich aus die Gefahren aufmerksam machen und angeben, wohin man sich um Rat und Hilfe zu wenden hat. In mittleren deutschen Städten sind Schutzdamen nur an besonderen Monatstagen, wenn erfahrungsgemäß eine erheb- liche Abwanderung nach der Großstadt vor sich geht, tätig. Viele andere Orte von einiger Bedeutung haben Vertrauens- leute, die angekündigte alleinreisende Jugendliche und Frauen in Empfang nehmen und vorläufig geschützt unterbringen. Verschiedene deutsche Großstädte, beispielsweise München, paradieren sogar mit bezahlten Schutzbeamtinnen, die in der Regel von morgens 7 Uhr bis abends 9 Uhr auf dem Bahnhof sind� und unentgeltlich alles mögliche tun, was die Schutz- bedürftigen von ihnen verlangen. Viele Schutzdamen sprechen französisch und englisch, können daher auch zureisenden Aus- ländern, die mit den deutschen Verhältnissen noch so gut wie gar nicht vertraut sind, als Dolmetscherinnen hilfreich dienen. Das alles ist, wie gesagt, ganz hübsch und mag auch an sich recht notwendig sein, aber für genauere Kenner dieser Missionshilfe kommt der Pferdefuß schon dadurch heraus, daß die verschiedenen Organisationen von der Kirche begründet und auf religiöser Grundlage aufgebaut sind. Man unter- scheidet also evangelische, katholische und israelitische Bahnhofs- Missionen. So arbeitet die unter der Leitung eines Berliner Pastors stehende Gesellschaft zur Fürsorge fiir die zuziehende männliche Jugend in engster Gemeinschaft mit den evangelischen Jünglingsvereinen und den christlichen Vereinen junger Männer. Das Berliner Polizei- Präsidium übermittelt sogar dieser Ge- sellschaft und anderen mit gleichen Be- strebungen allwöchentlich Listen der zu- ziehenden Jugendlichen, die dann aufge- sucht und zum Besuche der evangelischen Jünglingsvereine eingeladen werden. Der Marianische Schutzverein in Berlin nimmt sich nur der zuzie- benden katholischen MäMchen an, entsendet aber seine Vereins- damen nach den Bahnhöfen auch nur zu den Quartalszeiten. Ebenfalls auf evangelisch-christlicher Grundlage aufgebaut ist die nnt 69 bis 89 Helferinnen arbeitende Berliner Bahn- hofsinission des unter dem Protektorat der Kaiserin stehenden Vereins Wohlfahrt der weiblichen Jugend mit seinen „Marienheimen",„Klubs für junge Mädchen",„Klubs für Ar- beiterinnen",„Vereinsarbeitsschulen" und dergleichen. Schon aus dieser Blütenlese erhellt klar der eigentliche Zweck, die jugendlichen Leute unter dem Teckmantel der christlichen Nächstenliebe in das Fahrtvasser der Kirche und der Verfrommung zu locken, worin sich evangelische und katholische Einflüsse völlig gleichen. Aus der Welt, die sich nicht langweilt. Für das Vergnügen ist in den Reihen der sogen. Gesellschaft das Geld scheffelweise da. Der„Confectionair" weiß zu erzählen, daß der Babh-Ball im Adiniralspalast vor acht Tagen von zirka 3000 Personen besucht war, die rund 20 000 M. Entree zahlten und für 26 000 M.. verzehrten. Das Tango-Tanzturnier brachte bei 4000 Besuchern 30 000 Entree-Einnahmcn und 3S 000 M. für Speisen und Getränke. Vom Presseball, auf dem bekanntlich die Presse am wenigsten vertreten ist, blieben 4ö 000 M. für die Unter- stützungskasse, vom Bühnenball im Deutschen Opernhaus 13 500 M. für die Pensionskasse übrig. Und da will man noch Spenden für das Heer der Berliner Ar- beitslosen, für das Volkselend im Spreebabel verlangen? Einfach lächerlich I Selber essen macht fett! Der Toilettenpächter verhaftet. Der Inhaber des„Zentralbureaus für Verpachtung", über dessen schwinbelhafte Geschäftsmanipulationen wir in den letzten Wochen wiederholt berichteten, ist, wie eine aus polizeilicher Quelle schöpfende Korrespondenz meldet, auf Ersuchen der Staatsanwalt- schaft gestern von der Kriminalpolizei festgenommen worden. In dem Bericht in unserer Sonntagnummer, in dem Mitteilung ge- macht wird von klagenden Toilettenpächterinnen gegen die Firma Arthur Gröbing u. Co. war bereits angedeutet, daß bei der beklagten Firma ein Gröbing nicht existiere. Daß der alleinige Inhaber ein Herr Arthur Klein sei, hatte im ersten Termin ein'für die Firma erschienener Vertreter angegeben. Tie Korrespondenz berichtet über den nunmehr Verhafteten, daß er ein 34 Jahre alter„Ballettmeister" Otto Keil sei, der früher schon die Strafbehörden beschäftigte. Während K. am Luisen- ufcr 21 wohnte, betrieb er in dem Hause Friedrichstratze 213 unter der Firma Gröbing u. Co. sein Geschäft für Verpachtungen. Auf diese Weise hat er zahlreiche Frauen, die geneigt waren, Toiletten zu pachten, um ihr sauer erspartes Geld gebracht. Wie weiter berichtet wird, suchte Keil junge Mädchen, die Kino- schauspielerinnen werden wollten, nahm ihnen 10 M. für einen Verantwortlicher Redakteur: Ernst MeyerVSieglitzü" Für d Lehrkursus ab und versprach ihnen auch noch, daß er ihnen später Stellung verschaffen werde. Er bildete sie jedoch weder aus, noch besorgte er ihnen Anstellungen. Zuletzt war er Tanzmeister in einem Nachtlokal. Außer seinem Gehalt erhielt er hier noch 1 Mk. pro Nacht für jedes Mädchen, das er zum Tanzen dorthin brachte. Diesen Mädchen, die selbst Garderobe und Tanzgeld zahlen mußten, versprach er eine monatliche Entschädigung oder er sagte, daß er sie an einem Theater, dessen Direktor mit ihm befreundet sei, als Statisten unterbringen wolle. Auch hier hielt er natürlich beides nicht. Keil führte seine„Geschäfte" zuletzt ganz allein. Ein Kam- pagnon, den er früher hatte, zog sich bald zurück, als er sah, daß Keil auch ihn betrogen hatte. Ter geriebene Schwindler wurde gestern nach Moabit gebracht. Uetzerfüllung des Fliegerberuss. Vielfach herrscht die Meinung, daß bei der Fliegerei das Geld sozusagen„im Fluge" zu erobern sei. Dem ist nicht so. Gerade der Fliegerberuf stellt sehr hohe Anforderungen an diejenigen jungen Männer, welche sich ihm widmen wollen. Wer es in der Fliegerei zu etwas gebracht hat, dankt das nur ernster, schwerer und fleißiger Arbeit, tüchtigem Streben. Außerdem gehört zum Fliegen Geld, viel Geld sogar. Zum Honorar, das die Schule ver- langt und das zwischen 2000 und 3000 M. für eine gute Aus- bitdung schwankt, kommt noch die Prämie für eine Haftpflicht- Versicherung von zirka 50 M. sowie eine evtl. Kaution, die der Fabrik für Bruchschäden zu stellen ist, von zirka 500 bis 1000 M. Sie geht bei einer Beschädigung des Apparates durch den Schüler ganz oder teilweise in den Besitz der Schule über. Ferner sind die Kosten der Ausrüstung mit 300 bis 500 M. in Rechnung zu stellen. Ganz erheblich ist auch der Betrag, den der Flugschüler für seinen Lebensunterhalt am Ausbildungsort ansetzen mutz. Die Aus- Übung dieses Sports erfordert also, wie aus vorstehendem hervor- geht, erhebliche Mittel, und letzten Endes sind auch die Flieger bei allem Risiko an Leben und Gesundheit der Ausbeutung des Kapi- tals preisgegeben, in dessen Dienste sie größtenteils stehen. Brandstiftung im religiösen Wahnsinn. Eine aufregende Szene spielte sich in den frühen Morgen- stunden des gestrigen Tages in der Rastcnburger Straße 21, im Nordosten Berlins, ab. Im ersten Stock des linken Seitenflügels wohnt dort seit längerer Zeit ein Ehepaar Julius. In der Nacht zum Sonntag erlitt Frau Julius einen Wahnsinnsanfall. Sie stand gegen 3 Uhr nachts heimlich auf und begoß das Bett ihres Mannes mit Petroleum, um es dann anzuzünden. Als der Mann erlvachte, brannte das Bett schon lichterloh. Er suchte zu flüchten, wurde aber von seiner Frau festgehalten und es entspann sich zwischen den Eheleuten ein Ringen. Schließlich gelang es dem Mann, sich loszureißen und, nur notdürftig bekleidet, aus der Wohnung zu fliehen. Frau Julius schloß sich nun ein und steckte die ganze Wohnungseinrichtung in Brand. Auf die Hilferufe des Mannes eilten andere Hausbewohner herbei. Sie alarmierten die Feuerwehr, die auch in wenigen Minuten mit dem 20. Auto- mobillöschzug zur Stelle ivar. Brandmeister Gempp ließ die Ein- gangstür zu der brennenden Wohnung einschlagen und gleichzeitig vom Hof aus ztvei Hakcnleitergänge herstellen. Als die Mann- schaften in die Wohnung eindrangen, fanden sie die irrsinnig ge- wordene Frau auf dem Fußboden liegend in bewußtlosem Zustand vor. Sie hatte im Gesicht bereits Brandwunden erlitten und wurde von einem Oberfeuerwehrmann nach dem Hof getragen. Hier stellten die Samariter sofort Wiederlklebungsversuche mit Sauerstoff an, die auch von Erfolg waren. Inzwischen hatten andere Mannschaften das Feuer in der Wohnung erstickt. Frau Julius wurde nach dem Krankenhause am Friedrichshain gebracht. Ihr Mann, der von Beruf Fräser ist, hatte Schnitt- und Brand- wunden davongetragen. Die aus Stube und Küche bestehende Wohnung ist zum größten Teil ausgebrannt. Nach einstündiger Tätigkeit konnte did Wehr wieder in ihr Depot zurückkehren. Für 12 000 M. Damcnmäntcl, Seide und Stoffe erbeuteten Einbrecher in der Petersburger Straße 44. Hier hat im ersten Stock des Vorderhauses der Schneidermeister P. eine Damen- konfektionsschneiderei. Sonnabendabend �war er mit seiner Frau ausgegangen. Als die Eheleute in der Sonntaanacht um 2% Uhr heimkehrten, stak ein Dietrich in der Flurtür, die, wie sich ergab, aufstand. Einbrecher waren in der Zwischenzeit dagewesen und hatten 120 Damenmäntel, mehrere Seidenkupons, Stoffballen usw. im Gesamtwerte von 12 000 M. gestohlen. Die Wahl zum Ausschuß für die Ortskrankenkassc für das Buch- druckgewerbe zu Berlin, die gestern stattfand, hatte folgendes Re- sultat: Mitglicderzahl 28 150, wahlberechtigte Mitglieder 18 851. Abgegebene Stimmen 12 784, davon erhielt Liste l 12 207 Stimmen, Liste II 533 Stimmen. Es sind 30 Vertreter und 60 Ersatzmänner zu wählen; demnach kommen auf Liste k 29 Vertreter, auf Liste II ein Vertreter, 44 Stimmen waren ungültig. Auf der Straße vom Tode überrascht wurde die 46 Jahre alte Ehefrau Emilie des Kutschers Kunkel aus der Marsiliusstraße 16. Die Frau wurde gestern früh vor_ dem Hause Blumenstratze 4, als sie sich auf dem Wege zum Einholen befand, plötzlich vom Schlage gerührt und verstarb auf der Stelle. Bewußtlos aufgefunden wurde auf dem Wismarplatz eine un- bekannte Frau von etwa 50 Jahren, die ihrem �Aeußeren nach dem Arbeiterstande angehört zu haben scheint. Sie wurde besinnungslos nach dcyi Augusta-Viktoria-Krankcnhaus gebracht. Bon einem Straßenbahnwagen überfahren. Gestern nach- mittag wurde in der Kastanienallee ein beim Spiel beschäftigter vierjähriger Knabe überfahren. Das Kind hatte im Eifer des Spiels den herannahenden Straßenbahnwagen nicht bemerkt, es wurde von diesem erfaßt und so schwer verletzt, daß es ins Kranken- Haus gebracht werden mußte. Mus aller Welt. Ein Theatertrust? Wie der„Eclair" in Paris meldet, ist auf Anregung des Mister Harry Higgins, des Leiters des Londoner Convent-Garden- Theaters zwischen verschiedenen Bühnen Londons, Berlins, Paris, und Bostons ein Trust zustande gekommen. Der neue Trust wird eine Anzahl namhafter Künstler auf mehrere Jahre verpflichten. Diese Künstlervereinigung soll dann in drei verschiedenen Gruppen, eine französische, eine deutsche mnd eine englische, zusammen- gestellt werden und diese drei Gruppen werden dann abwechselnd auf den dem Trust gehörenden Bühnen Gastspiele geben. Die Gruppen werden sich der Reihe nach ein Vierteljahr in Berlin, Paris, London und Boston aufhalten. Ein Dampfer in Seenot. Der transatlantische Dampfer„Niagara", der sich auf der Fahrt von Le Havre nach New Dork befindet, hat auf drahtlosem Woge das Bureau der Compagnie Generale Transatiantique in Le Havre davon benachrichtigt, daß er in Seenot sei, da er infolge des heftigen Wogenganges seine Steuerbordschranbe und eine seiner Backbordschrauben verloren habe. Der im Hafen von Le Havre liegende Dampfer„Bordeaux" hat sofort Befehl er- halten, dem„Niagara" zu Hilfe zu eilen und seine Rückkehr in den Hafen von Le Havre zu bewerkstelligen. In dem Augenblick, in dem der„Niagara" sein drahtloses Nottelegramm absandte, be- n Inseratenteil oerantw.: Tb. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag. Vorwärt fand er sich ungefähr 250 Kilometer westlich von der französischen Küste entfernt. Man nimmt an, daß der Kapitän des Dampfer« „Niagara" schon vor einiger Zeit seine Notsignale gab und es ver- suchte, die französische Küste zu erreichen, da er sonst bedeutend mehr an New Jork herangekommen sein mußte, zumal er bereits am 7. Februar von der französischen Küste abgefahren war. An Bord des Paketdampfers befinden sich 147 Passagiere. Man glaubt, daß der„Niagara", wenn keine weiteren Unfälle eintreten, bis Dienstag abend Le Havre erreicht haben wird. Aufregende Szene in einem Krankeuhause. Eine aufregende Szene hat sich in dem Stadthospital in Lorient(Frankreich) abgespielt. In einem der Krankensäle erschien plötzlich ein verstört aussehender Mann mit einem Revolver in der Sand. Der offenbar vom Verfolgungswahnsinn Befallene schrie fortwährend:„Man will mich ermorden" und feuerte blindlings aus dem Rc- volver um sich, wobei er drei Patienten schwer ver- letzte. Unter den Kranken brach eine Panik aus. Nach längeren Bemühungen der herbeigeeilten Wärter gelang es ihnen, dem Kranken die Zwangsjacke anzulegen. Es handelt sich um einen Mann, der bereits seit längerer Zeit in einem Asyl wegen Geistes- gestörtheit untergebracht ist. Es war ihm jedoch gelungen, aus diesem zu entfliehen._ Kleine Notizen. Die modernste Mordwaffe. In Paris fanden vor dem Direktor der Militärluftschiffahrt. Bernhard, Versuche mit dem gepan- zerten Flugzeug statt, das auf Anordnung der Heeresver- waltung gebaut und mit einer Mitrailleuse versehen wurde. Prevost führte das Flugzeug, dessen«tahilität wiederum einigen Proben unterzogen wurde. Blatter» auf einem deutschen Dampfer. Ein Lloyd-Telegramm aus St. John meldet, daß auf dem Pcrssagierdampfcr des Nord- deutschen Lloyd„Chemnitz", der sich auf dem Wege von Halifax nach Balftmore befindet, die Blattern ausgebrochen sind. Einbruch in ein Tiamantlagcr. In eine Antwerpener Diamantenschleiferei wurde Sonnabend mittag, während die Angestellten ihre Mittagspause machten, ein Einbruch verübt. Die Einbrecher drangen mittels Nachschlüpcls in die Räume ein und schloffen auch den schweren Geldschrank mittels Nachschlüsiel auf, konuten jedoch„nur" für 16 000 Frank Diamanten rauben, da der Hauptbestand der Firma in einem anderen Zimmer unter- gebracht war. Böse Krankheiten im Mädchcnpensionat.� In R o m wurde ein Pensionat für junge Mädchen polizeilich geschlossen, weil die dort angestellte Lehrerin zur größten Ueberraschung eine sehr unangenehme und gefährliche Krankheit bei einer Anzahl der dort untergebrachten jungen Mädchen entdeckt� hat. Die Unter- suchung ergab, daß die Krankheit durch die Wäsche von einem der Mädchen auf zehn andere Kinder übertragen worden war. Großfeuer. Am Sonntag zerstörte in Werne ein Großfeuer die Wirtschaft und den Saalbau des Gastwirts Schulte� Sämtliche zu dem Anwesen gehörenden Gebäude brannten bis auf die Grundmauern nieder. Der Schaden beträgt weit über 100 000 M., doch ist er durch Versicherung gedeckt. Spiel unö Sport. Wettkämpfe und Sport. Der Sport gesunder Leibesübungen steht mit den Wett- kämpfen, wie sie aus Anlaß der Olympiade 1916 geplant� sind, im krassen Widerspruch. Das Wettkämpfcn führt zur«Port- fererei und hat mit gesundem Sport, der Körper nnd Geist stählen soll, nichts zu tun. Diese Ansicht kam dieser Tage auch im Rathause zum Ausdruck gelegentlich der Beratung einer Kommission von Stadtverordneten, die sich mit dem Magistratsantrag zu beschäftigen hatte, 59 999 M. in zwei Raten für die Olympiade zu belvilligen. Ein bürgerliches Mitglied erklärte, daß er diese Wettkämpfe für schädlich halte. In dieser Beurteilung wisse er sich einig mit den deutschen Turnwarten, die in ihren Statuten klar aussprechen, daß die Beteiligung an Wettkämpfen nicht im Interesse der gesunden Turnerei läge. Man müsse es beklagen, wenn turnerische und andere Wettkäntpfe stattfänden. Leider zog dieser bürgerliche Redner aus diesen Darlegungen nicht die Konseauenz, die er hätte ziehen müssen. Er erklärte nämlich, trotzdem für die Bewilligung der erstmalig geforderten 25 999 M. stimnien zu wollen, obwohl er das schweren Herzens tue: aber inaii könne doch nicht gut anders. Bon sozialdemokratischer Seite wurden die Ausführungen über Wettkämpfe und gesunde Leibes- Übungen unterstrichen und für die Ablehnung der geforderten Summe plädiert. Tie Mehrheit stellte sich auf den Stand- Punkt, daß es für Berlin eine Art Anstandspflicht sei, die Spiele zu subventionieren und es wurde auch so beschlossen. Es ist bezeichnend, daß für die Zwecke der Olympiade große Mittel hergegeben werden mit der Begründung, den Sport zu fördern, obwohl der gesunde Sport gar nicht in Frage kommt. Die jetzt beliebte Schnorrerei komint lediglich einer Anzahl„gut gesinnter" Vereine zu gute, die sich in der Denunziation der ihnen verhaßten Arbeitersportvereine nicht genug tun können. Wollte man ernstlich der Stählung von Körper und Geist durch sportliche Uebungen nützen, so müßten alle sportlichen Betätigungen gefördert werden. Das tut mau aber nicht: im Gegenteil, in Preußen wirft man die Arbeiterturnvereine aus den Turnhallen hinaus und schikaniert die ernstlichen Sport treibenden Arbeitervereine bis aufs Blut. Der Arbeitcrschwimmvcrrin Berlin, Abteilung 1 hielt am Sonntag unter zahlreichem Besuch sein diesjähriges Schwimmfcst ab. Die Veranstaltungen bestanden in internem Mädchen- schwimmen, lokalem Damenschwimmen von 14— 16 Jahren und solchen über 16 Jahre, Damenbruststafette, internem Knabenbrust- schwimmen, Männerstafette, lokalem Hauptspringen, Jugendmehr» kämpf. Hauptschwimmen für Männer, Mehrkampf, Streckentauchen und Kreiswafscrballspiel. Die Darbietungen wurden mit leb- haftem Beifall aufgenommen. Fußball. Tempelhof-Mariendors gegen Freie Turnerschaft NowaweS 7: 2. — Rüstig Vorwärts 1. Männermannschaft gegen Zehlendorf �12; 1. — Rüstig Vorwärts 2. Männermannschaft gegen Wilmersdorf 4: 2. — Rüstig Vorwärts I. Jugendmannschast gegen Freie Turnerschait Schöneberg 3:3.— Vorwärts gegen Fichte 3: 1:2.— Borusna gegen Neu-Hellas 0:3.— Fichte 12 gegen R. B. C. 2: 3.— V. f. B. gegen Liberias 8:1.— Eintracht gegen Stralauer Ballspiclklub 2:9.— Sportklub Weißensee gegen Lichtenberg 7:1.'7 Ger- mania gegen Jung-Stralau 1:3.— Alemannia gegen Viktoria 3: 1. — Fichte 2 gegen Fichte 7: 5: 0.— Fichte 4 gegen Union 0:2.— Adler gegen Reinickendorfer Turnerfchaft 6:2.— Fichte 9 gegen Hertha 0:1.— Merkur gegen Zeuthen 2: 1.— Alemannia gegen Alt-Glienicke 5:0.— Ruinmetsburg gegen Oberspree 8:4,— Herta 2. Mannschaft gegen Adler 2. Mannschaft kampflos gewonnen für Adler.— Fichte 7 gegen R. B. C. 4: 3.— R. 23. C. 3. Mann. schaft gegen Waidmannslujt 2. Mannschaft 3:7.— Adlershof gegen Vorwärts 5: 0._________ Buchdouckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. flfo, Berlin Olk