Ar. 47. flbonnemcnts-Redingungen: ■bonncmmtä■ Preis pränumerand»! vicrlelzährl. SPO M!, rxonall. 110 Mk, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nununer S Pifl. Sonntags- nunimer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" lv Pfg. Poft- Abonnement: I.lO Marl pro Monat. Eingetragen in die Posl-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oeslerreich, Ungarn 2ch0 Mar!, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. VostobonnementS nehmen an: Belgien. Dänemarh Holland. Italien. Luxemburg. Portugal. «mnänicn. Schweden und die Schweis 61. Jahrs. vie fnfertionS'Gcbüfjr beträgt für die scchSgefpaltene Kolon ei- gelle oder deren Raum 60 Pfg.. für politische und gewcrlschastlichc Vereins- und Vcrsnmmlungs-Anzeigen Zll Pfg. „Aleine Ztn-etg-n", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(■zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort lll Pfg. Stellengesuche' Schlasstelleiian- t 10 Pfg., jedes und zeigen das erste Bort weitere Wort 5 Pfg. Borte üd'er"l5 Buch stoben zählen für zwei Worte. Inserat- für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expeditie'» abgegeben werden. Die Erpcdinoit ist bis 7 Uhr abends geöffnet, cklchelitl lägltch. Berliner Volltsblnkt. Zcntralorgan der fozialdcnioferattfcben Partei Deutfchlands. Telegramm- Adrcfle: „Sozialdeinokrat Berti«". Redaktion; Sd. 68, Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 198S. Dienstag, den 17. Februar 1914. Expedition: Sd. 68, Lindenstraase 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. versöhnungssthnaps unö Schnapspolitik. Oftmals sagte der alte Freisinnige Lenzmann zu mir im Frühstücközimmer des Reichstags: »Hahn, koinmenSie her. wir woll-n einen Schnaps trinlen" Dr. Dicderich Hahn im Zirlu» Busch. Wenn es bei einem muselmanischen Volk im Kampf gegen die Giaurs, die Ungläubigen, zum letzten kommt, dann wird die grüne ssfayne des Propheten entfaltet und der„heilige Krieg" verkündet. Aehnlich entfalten einmal im Jahre die Propheten des Brot- und Fleischwuchers die grüne Fahne der Landwirtschaft und verkünden den„heiligen Krieg" gegen alles, was einem kernfesten Agrarier- tum entgegensteht. Hoch die Mistgabeln! Nieder die Sozialdemokratie! Und so hallte auch gestern wieder, auf der Jahresversammlung des Bundes der Landwirte, die Wölbung des Zirkus Busch und des Zirkus Schu- mann von dem halloartigen Beifall der Triarier wider, die eine lebende Mauer, um einen Ausdruck des Herrn v. O l d e n b u r g zu brauche», um das„Portemonnaie der Besitzenden" bilden. Freilich brauchen sich die gerissenen Draht- zieher der agrarischen Schaustellung nicht allzu sehr aufs hohe Rotz zu setzen ob des Massenaufgebots von grünen Hütchen unö Stulpenstiefeln, das ihrem Winke folgt, denn eine Stadt>vie Berlin, deren Asphalt schlietzlich noch leibhaftigere Genüsse zu bieten hat als eine Oldenburgs che oder Oertelsche Rede— warum sollte die nicht imstande sein, ein paar tausend agrarische Gestalten vom flachen Lande für ein paar Tage anzulocken? Und auch der tosende Beifall hat nichts Verwunderliches an sich, denn auf diese geistig schwerfälligen Elemente— so hat sie ein Hauptmitarbeiter der„Deutschen Tageszeitung" genannt— wirken die„schlagend formulierten Pointen"— so nennt die„Deutsche Tageszeitung" die Schlager der Bundes- redner— noch immer. Wenn aber die Häuptlinge des Bundes der Landwirte das Bedürfnis haben, sich wirklich einmal an Massen sattzusehen, so sollen sie zuschauen, wenn wieder einmal Berlin sein Proletariat aufruft, um zu demonstrieren für ein freies Wahlrecht in Preußen oder gegen die Gefahr eines Weltkrieges. Da fleckts ganz anders! Da fangen wir mit Tausenden gar nicht erst an zu zählen! Stimmung und Hallo herrscht also immer auf der Bündlerparade. Aber trotz allen Geschreis will es uns be- dünken, als sei diesmal die Stimmung flauet gewesen als in den vergangenen Jahren und als habe sich das forsche Drauf- gängertum der Ueberagrarier lange nicht so natürlich aus- getobt, wie nach 1913. Freilich, rein äutzerlich betrachtet, war es dieselbe Musik und derselbe Text, waren es dieselben Witzchen und dieselben Mätzchen wie früher auch. Freilich geberdete sich der Januschauer ganz als der Alte, und keiner seiner Getreuen wird das Kuhstallparfüm in seinen Aus- siihrungen verniitzt haben. Frisch, fromm, fröhlich, frei be- kannte� er sich zum Absolutismus, zum Partikularismus und zum Egoismus, pries die schwarzblaue Reichsfinanz„reform" von 1999 und jammerte über den Wehrbeitraa von 1913, lietz fast die Kabinettsorder von 1820 hoch leben und flocht, wie andere Zirkusredner übrigens auch, dem Obersten v. R e u t e r einen Lorbeerkranz um die eiserne Stirn. Vor allem aber nahm er sich den unglückseligen Herrn v. Bethmann H 0 l I w e g vor, der nun schon gar kein Empfinden für die Resonanz im Lande habe und die Zügel schleifen lasse, und auch Herr O e r t e l und Herr DiederichHahn rieben es dem Reichskanzler derb unter die Nase, datz er diesen Reichstag— 110 Rote, pfui Teufel!— nickt längst zum Teufel gejagt habe. Dieser unersättlichen Junker Weh und Ach ist nämlich aus einem Punkte zu kurieren und der heitzt: Statt Hoch- schutzzoll Höchstschutzzoll! Statt des„lückenhaften" ein lüden- loser Zolltarif! Erneuerung der Handelsverträge auf einer Grundlage, datz den fröhlichen Nutznietzern der Grundrente auf Ostelbiens Klitschen neue ungezählte Millionen in die stets offenen Taschen springen! Aber nimmer läßt sich mit diesem Reichstag— 110 Rote. Pfui Teufel!— die agrarische Ausplünderung des deutschen Volkes so ins Werk setzen, wie es den Herren mit Ar und Halm bequem wäre. Darum in die Wolfsschlucht mit dem Parlament der roten 110! Neuwahlen unter irgend einer zugkräftigen„vatriotischen" Wahlparole und dann ivomöglich geschlossene Front aller ganzen, halben und Viertelsfeinde der Demokratie gegen die äußerste Linke! So klang es aus der fast..staatsmännischen" Rede des Herrn Dr. Diederich Hahn heraus. Nur gegen die So- zialdemokratie fuhr er schweres Geschütz auf. aber gar sänftig- lich ging er um mit dem nationalliberalen Absalon.„Wir haben heute noch." erklärte er stolz,„Freunde in den natio- nalliberalen Rechen", und wenn die Nationalliberalen die Höchsffch-utzzollpolitik mitmachen und sich auf den Streikbrecher- schütz festlegen: die Arme auf und an meine Brust, Bruder- berz! Aber es kam noch bester.„Ein matzvoll gerichteter Libe- mUsmus ist noch niemals einer Geanerschast in uvjere» Reihen begegnet"— erklangen je solche Töne christlicher �Nächstenliebe im Zirkus Busch? Aber es kain noch besser! ' Herr H a h n wurde schier wehmütig, als er auf den„guten, alten Freisinn" Richterscher Prägung zu sprechen kam und sich des Forffchrittsniannes L c n z m a n n erinnerte, der ihn des öfteren zu einem Schnaps eingeladen. Und als er sich an die„verständigen Elemente ini Freisinn" wandte— Herr Dr. Hahn kennt seine schutzzöllnerischen Pappenheimer in der Forffchrittspartei— und sie beschwor, der Sozialdemo- kratie und den jüdischen Asphaltdemokraten den Lanspatz zu geben, da hörte man aus dieser Mahnung die Aufforderung heraus:„Kommen Sie, wir wollen einen Schnaps trinken!" Ja, sie bieten den liberalen Parteien einen Versöhnungs- schnaps an, die Herren von den ostelbischen Rittergütern. konservativ und liberal, aber diesmal mit Einschluß des Zcn- trums, sollen wie einst im Blockmai zusammengehen, das will sagen: das liberale Maultier soll wieder einmal vor den konservativen Karren gespannt werden, bis die neuen Handels- Verträge unter Dach und Fach sind, und wieder einnial soll die Sozialdemokratie„niedergeritten" werden, damit die groß- agrarischen und großindustriellen Krippenreiter wieder einmal tief mit dem Löffel in den Brei fahren können— auf Kosten des arbeitenden Volkes. Wie sich die liberalen Parteien zu diesen Lockungen stellen, ist einzig und allein ihre Sache. Die Arbeiterklasse hat die Politik des Versöhnungsschnapses nicht zu.fürchten, tvcil es zugleich eine Schnapspolitik ist, eine Politik nämlich, die aus der Schnapslaune geboren ist und wie ein Schnapstrunkener von einem Landstratzengraben in den anderen taumelt. Mögen sich die Triarier des Brot- und Fleischwuchers noch so trutzig- lich geberden, an den festgefügten Reihen der Sozialdemo- kratie, der Triarier der Volksfreiheit und des Volkswohls, werden all ihre Anschläge zerschellen. Mögen die Mannen Oldenburgs neue Ränke schmieden gegen Volksfreiheit und Volkswohl, wir stehen bereit, sie nicht sauft zu empfangen mit den löblichen Worten der vom Januschauer angerührten Kabinettsorder Friedrich Wilhelms I.: Was da? Nichts da! Der Zuchthauskurs. Vor einigen Wochen verurteilte da§ Düsseldorfer Schöffengericht einen streikenden Hafenarbeiter zu der unerhörten Strafe von neun Monaten Gefängnis, weil er einem Streikbrecher nach einem Wortwechsel in begreiflicher Erregung ins Gesicht geschlagen hatte. Der Amtsanwalt halte einen Monat Gefängnis beantragt, das Gericht erkannte indessen auf die neunfache Strafe, init der jetzt ge- bräuchlich werdenden Begründung, Arbeitswillige müßten vor Terrorismus besonders geschützt werden. Das Urteil hatte seinerzeit berechtigtes Aufsehen erregt und man erwartete, daß die Berufungsinstanz schon um der Begründung willen das Urteil mildern würde. Doch weit gefehlt! In der Berufungsverhandlung, die am Sonnabend vor der Düsseldorfer Strafkammer stattfand, bedauerte der Staatsanwalt, daß nicht Anklage tvegen Körper- Verletzung init dauernder Entstellung erhoben worden war.— dem Streikbrecher hatte man zwei Zähne ver- stümmelt— dann hätte der Angeklagte mit Zucht- Haus Bestraft werden können.(§ 224 Str.-G.-B.) Vergeblich bemühte sich der Verteidiger, den Richtern das Unhalt- bare der hohen Strafe klar zu machen. Nach noch nicht zwei Minuten währender Beratung erklärte der Vorsitzende, es läge gar keine Veranlassung vor, der Berufung irgendwie stattzugeben! Wenn auch die Arbeiter das Recht zum Streiken hätten, so müsse doch nachdrücklichst allen Eingriffen streikender Arbeiter in die persönliche Freiheit der Arbeitswilligen entgegengetreten werden. Das Gericht lehnte es auch ab, dem Angeklagten die bereits ver- büßte Haftstrafe— er war sofort nach Fällung deS ersten Urteils festgenommen worden— auf die neun Monate anzurechnen. In Wirklichkeit muß der Arbeiter dadurch über zehn Monate hinler Kerkermauern zubringen!_ Das britische Imperium unö öie /irbeiterklasse. London, 16. Februar 1L14.(Eig.-Ber.) Die Gewalttat Bothas in Südafrika hat zum dritten Male in kurzer Zeit die folgenschwere Frage des Verhältnisses der Tochterstaatcn zu dem Mutterlande ausgeworfen. In der k a n a- dischen Flotten frage war es die Denkschrift Churchills, durch die sich ein großer Teil des kanadischen Volkes vor den Kopf gestoßen fühlte. Die kanadischen Liberalen, die erst kurz vorher eine Generation lang das Land beherrscht hatten, sahen in dem ! Schriftstück einen Versuch, Kanadas Selbstbestimmungsrecht zu | untergraben und die Kolonie in Händel zu ziehen, die sie nichts angingen. In der Frage der Behandlung der Inder er- regte die Rede des englischen Vizekönigs von Indien, der zur Be- ruhigung des aufgregten indischen Volkes die südaffikanischc Regie- rung in scharfen Worten angriff, in der Union den größten Un- willen, so datz sich die Reichsregierung genötigt sah. beschwichtigend einzugreifen. Doch weit wichtiger für den Bestand des britischen Weltreichs ist der vorliegende Fall, der durch die Abstimmung im ■ Parlament, die letzten Donnerstag stattfand, noch lange nicht aus ' der Welt geschafft ist. Denn hier handelt es sich um eine schwere Erschütterung der vornehmsten Grundlage des britischen Jmperi. ums. Ungleich den imperialistischen Bestrebungen in anderen Ländern kann der englische Imperialismus mit Taten prunken; und er hat es verstanden, sich dem Volke gegenüber mit einem Glorienschein der Freiheit zu umgeben. Von Kindesbeinen an wird dem Engländer beigebracht, daß das britische Weltreich etwas ganz anderes sei als andere bestehende oder vergangene Weltreiche. Die Römer, so heißt es in den Schulbüchern, der Presse und den Ver- sammlmigcn, zogen als Eroberer in die Welt, die Briten als Zivill- satorcn und Bringer der Freiheit. Das britische Imperium ist ein Bund freier und freiheitlicher Staaten. In Amerika, Afrika unö Australien, allüberall wo unsere starken und unternehmungSlujtigcu Söhne unser Banner entfaltet haben, da herrscht der Geist des trotzigen und unerschrockenen Hampden. der der Tyrannei ewige Fehde geschworen hat. Frei kann sich der Engländer in der Welt bewegen mit der Gewißheit, daß ihn die nnveräußerlichcn Rechte, die ihm die Väter erstritten, überall begleiten, wo der Union-Jack weht. Und hat Britannia nicht immer wie der Ritter in der mittel- alterlichen Legende die schwachen und hilflosen Nationen beschützt?. Haben nicht immer die Tyrannen der Welt vor dem Donner der englischen Schiffsgeschütze gezittert? Das mag nun alles falsch oder nur sehr bedingt wahr sein. Aber jedermann, der in England gelebt und das englische Volk kennt, wird wissen, wie diese Vorstellung das Gemütsleben der Briten beherrscht. Selbst bis weit in die Kreise unserer britischen Genossen hinein übt sie eine mächtige Wirkung aus. Dieser Vor- stellung vertrauend, konnte Chamberlain es wagen, den Kampf mit den Buren zu provozieren, die angeblich freie britische Bürger, Bergarbeiter aus Cornwall, wie Heloten behandelten. Und nun haben B 0 t h a und S m u t s dem britischen Volke bewiesen, datz all dies nur Träumereien sind. Mit einem Schlage haben sie die Freiheiten des britischen Bürgers, an deren Uuverlctzlichkcit niemand zweifelte, vernichtet. An die Stelle des Gesetzes haben sie die Gewalt gesetzt. Freie Briten sind bei Nacht und Nebel aus einem Teile des Reiches verbannt worden, ohne datz sie die Gesetze verletzt und ohne datz man sie selbst verhört hätte. Und nun schicken sich die Gewaltmenschen an, von dem Parlament der Union die Straflosigkeit für all ihre Verbrechen zu verlangen; ja, in dem Ab- satz 4 der Jndemnitätsbill befindet sich eine wahre„Bill of Attaindcr", wie sie die Engländer nur aus der dunkelsten Zeit ihrer Geschichte kennen. Der Absatz will Handlungen von Personen, die unschuldig bestrast worden sind, jetzt nachträglich zu Verbrechen stempeln! Bestürzung, Wut und Scham waren die ersten Ausdrücke der Er- regung, die sich des britischen Volkes bei dem Bekanntwerden der Ereignisse in Südafrika bemächtigten. Es war, als hätte man dem Volke sein Liebstes entrissen. Schon einmal in diesem Jahrbundcrt haben wir wahrnehmen können, welche große Wirkungen ähnliche brutale Verletzungen des Volksgcfühls in Großbritannien haben können. Als der südaffilamsche Krieg beendet, schickten sich die sieg- reichen Grubenbesitzer bekanntlich an, die Goldgruben des Rands mit chinesischen Kulis auszubeuten. Was im Jahre 1906 mehr als alles andere dazu beitrug, die große konservative Mehrheit hinweg- zufcgen, war der Entrüstungssturm, der sich gegen die chinesische Sklavenarbeit richtete. Kein Wahlplakat übte eine größere.Wir- kung aus wie das überall ausgestellte.Bild, das eine Reihe mit Ketten am Halse aneinander gefesselte Kulis zeigte, die in die Goldgruben getrieben wurden; im Hintergrunde tauchten die Manen der erschlagenen englischen Soldaten aus und fragten: „Haben wir dafür unser Blut vergossen?"— Ein ähnlicher Sturm ist wieder im Anzüge. Die Aktion der Arbeiterpartei im Parlament hat zu keinem Ergebnis geführt. Mit 214 gegen 69 Stimmen hat sich das Unterhaus gegen die Arbeiterschaft entschieden, die in einem Zusatz- antrag zur Antwortadressc auf die Thronrede verlangte, daß die königliche Zustimmung zu der südafrikanischen Jndemnitätsbill, die jetzt schnell durchgepeitscht werden soll, laut des Gesetzes des Jahres 1999, da» der südafrikanischen Union eine Verfassung gab,„reser- viert" werden soll. Der Kolonialminister nahm einen Standpunkt ein, der von der Verlegenheit der englischen Regierung zeugt. Südafrika, so sagte er, ist eine sich selbst regierende Kolonie. Der Generalgouvcrneur hat sich dort wie in England der König den Be- schlössen seiner Minister zu fügen. Es Idar recht komisch, anzu- hören, wie die Konservativen, die sich jetzt in der Ulsterfrage auf das Vetorecht des Königs verlassen, diesen Ausführungen Beifall zollten. Zwar konnte der Minister nicht leugnen, daß die Ver- fassung der Union der Reichsregierung das Recht der Intervention ausdrücklich zugesteht, aber er meinte, es sei wenig klug gehandelt, wenn man sich in die inneren Angelegenheiten der selbstregiercndcn Kolonien mische. Diese politische Klugheit wollen die englischen Arbeiter jedoch nicht anerkennen. Sie weisen darauf hin. daß sich die Rcichsrcgic- rung schon mehr als einmal in die Angelegenheiten dieser Staaten gemischt hat und daß nie eine Einmischung berechtigter war als heute, wo die einfachsten Rechte und Freiheiten des britischen Staatsbürgers in einem Teil des Reiches mit Füßen getreten wer- den. Sehr wirkungsvoll entgegnete Genosse Barnes in der Debatte, daß die Ereignisse in Südafrika, wenn sie sich zur Zeit der Burenrepubliken ereignet hätten, sicher den Vorwand zu einem Kriege geliefert hätten. Derselbe Redner führte auch sehr ein- leuchtend aus, daß sich die Vertreter der britischen Steuerzahler, die die südafrikanische Union durch britische Truppen und mit der britischen Flotte beschützten, nicht das Recht nehmen lassen könnten. bei den Vorfällen ein Wort mitzureden. Der Kolonialminister er- klärte, daß die südafrikanischen Minister wahrscheinlich abgedankt haben würden, wenn der Generalgouverneür Lord Gladstone ihre ungesetzlichen Handlungen verboten hätte; alsdann wäre Gladstone ohne Regierung dagestanden und hätte sich nur auf die Reichs- truppen in der Union stützen können. Vor etlichen Jahren ist dies i» Rata! vorgekommen. Die Reichsregierung wollte einige gegen Negerfuhr« derhSngte TadcSurteile aufgeschoben wissen und daZ Ministerium Natals reichte darauf deui Gouverneur sofort seine Demission ein. Aber, hat man entgegnet, gesetzt den Fall, die Zopi- talistcnfeindlichc und antiimperialistische Partei des General Hcrtzog läme in Südafrika ans Ruder und konfizierte die Goldgruben: würde dann die Reichsregierung auch untätig dastehen und nichts tun? Und diese Frage bringt uns zum Kern der ganzen Angelegen- feit. Es handelt sich ja nur um Arbeiter. Die englische Regierung irrt sich, wenn sie annimmt, daß sie in einem Nebel mehr oder minder stichhaltiger konstitutioneller Argu- mente der Schwierigkeit entfliehen kgnn. Das Gerechtigkeitsgefühl und der Freiheitssinn des Volkes ist zu tief verletzt. Mit jedem Tage wächst das Gefühl der Empörung. Man mutz bedenken, datz die weißen Arbeiter in Südafrika, die von der Soldateska nieder- getrampelt worden sind, die Söhne und Brüder englischer Arbeiter sind. Zu Hunderten laufen hier die Briefe ein, die den Verwandten :n der Heimat die Gewaltherrschaft schildern und um Hilfe bitten. Ob die englischen Imperialisten im Interesse ihrer eignen Politik klug handeln, dem Entrüstungssturm zu trotzen? Wenn sie wieder einmal Lust verspüren,„im Juteresse der britischen Freiheit' in einen Krieg zu ziehen, kann es ihnen passieren, daß sie vom Volke hohnlachend abgewiesen werden. « Uittrrhausmanövcr. Man schreibt uns auS London vom 13. Februar: Tie gestrige Unterhaussitzung lieferte ein recht unerquickliches Beispiel dafür, in wie wenig beneidenswerter Lage sich die Arbeitersraktion in dieser Parlamentssession befindet. Sowie sich ihre Taktik seit den letzten zwei Jahren gestaltet hat. steht sie vor der Aufgabe. gegen reaktionäre RegierungSmatznahmen und für Arbeiterinter- essen entschieden zu kämpfen, gleichzeitig aber sucht sie auch ängstlich zu verhüten, datz der Regierung irgend ein Unheil widerfahre. Das letztere mutz sie tun, um erstens die Homerule nicht zu gefährden, und zweitens um nicht die Raöbe der Liberalen bei den nächsten Wahlen auf sich zu ziehen. Und weil Macdonald der einzige Mann ist, der diese Taktik, koste es, was es wolle, bis in alle Konsequenzen zu verfolgen entschlossen ist, ist er in dieser Session für die Fraktion als Führer unentbehrlich. Gestern verhandelte das Unterhaus ein Amendement der Arbeiterfraktion zur Antwortadresse über die ungenügenden Schutzmatz egeln auf Eisenbahnen und in Kohlen- gruben. Die Regierung kam der Fraktion einigermaßen ent- gegen: sie versprach eine Vermehrung der Grubcninspektoren und eine Untersuchung über die Eisenbahnunfälle. Unter gewöhnlichen Umständen hätten diese Versprechungen die Fraktion ganz gewiß nicht befriedigt. Jetzt aber ging plötzlich ein Gerücht um, datz die Konservativen«inen Coup vorbereitet hatten. Sie wollten für das Amendement der Arbeiterfraktion stimmen, um die Regierung zu überrumpeln und ihr eine Niederlage zu lwrciten. Um dieses ge- fürchtete Manöver zu vereiteln, stimmte ein Teil der Arbeiter- ftaktion g?gcn ihr eigenes Amendement. politische Ueberficht. Klaffeajustiz und anderes. NuS dem Reichstag, 16. Februar. Bei der Beratung des Reichsjustizetats befindet sich der Verantwortliche Beamte, der Staatssekretär des Reichsjuftizamts, niemals in einer be- neidenswerten Lage, denn auf seinen Buckel hageln all die gerechten Nonuiirse über die Handhabung der Justiz in den Einzelnen Bundesstaaten, zumal in Preußen, dem Dorado der Klassenjustiz, während ihm die Möglichkeit, nun wirklich in der Rechtsprechung der Einzelstaaten nach dem Rechten zu sehen, auf dein Papier und noch mehr in den Tatsachen arg beschnitten ist. Herr Dr. L i S c o hörte denn auch mit emem leidlich verlegenen Lächeln zu, als Genosse Dr. Cohn, die prinzipiellen Forderungen der Sozialdemokratie zur Rechts- pflege an die Spitze semer Ausführungen stellend, sein reich- haltiges Material' zu dem Thema Justiz und Klassenjustiz auspackte. Die häufigere Berufung von Arbeitern zu Schöffen und Geschworenen. vor allem ihre Abordnung durch einen auf Grund des allgemeinen, gleichen, ge- Heimen und direkten Wahlrechts gewählten Ausschuß, bezeichnete der sozialdemokratische Redner mit Recht als ein Mittel für die bürgerlichen Parteien, die Porwürfe über Klassenjustiz abzuschwächen. Er tadelte es, daß der Gesetz- cntwurf zur Regelung der Konkurrenzklausel viel zaghafter vorgehe als das österreichische Gesetz, und verglich die bureau- kratische Langsamkeit in der Schaffung dringend notwendiger Gesetze in Deutschland mit der anerkennenswerten Schnellig- kcit auf gleichem Gebiete in Frankreich. Aber vielleicht er- kläre sich die Verschiebung der Strafgesetzreform bis in das Jahr 1917 mit dem Wunsch der Regierung, das Werk mit einem minder roten Reichstag zuwege zu bringen. Dann rechnete Genosse Dr. Cohn kräftig mit den Scharfmachern ab, die gegen das Koalitionsrecht anstürmen, und ließ eine Reihe ungeheuerlicher Urteile gegen Streiksünder und andere„Per- bracher" aufmarschieren, deren harte Bestrafung sich aus dem Klassencharakter unserer Rechtsprechung erklärt. Zum Schluß legte der Redner noch eine der wundesten Stellen unserer Justizhandhabung, nämlich die Rolle der Polizei im Straf- Prozeß, bloß und Pflanzte die Standarte auf: Freie Wahl der Richter durch das Volk, damit die Justiz eine Pflegestätte der Gerechtigkeit werde! Der Staatssekretär schwieg sich aus. Auch der Zentrumsjurist Dr. B e l z e r fühlte nicht den Beruf in sich, die Justiz gegen die vorgebrachten Beschwerden in Schutz zu nehmen, sondern verbreitete sich in einer nicht gerade kurzweiligen Horm über eine Anzahl nicht gerade kurz- welliger juristischer Materien wie den Zwangsvergleich außer- halb des Konkurses und die Behandlung der Geisteskranken. Auch auf den Fall Knittel ging er ein und sprach bei der Be- Handlung des Kapllels Sensationspresse dem„Vorwärts" seine Anerkennung aus, weil er gegen diesen ekelhaften Aus- wuchs des Preßwesens Front mache. Tann kam der Nationalliberale Schiffer. Von seinen Ausführungen gilt: Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen. Aber man hat seit je gelernt, zwischen liberalen Worten und liberalen Taten zu unterscheiden. Nachdem der Pole Dr. v. Laszewski Beispiele für die Schwester der Klassenjustiz, die Nationalitätenjustiz in Posen und Westpreußen beigebracht, schloß die Sitzung. Morgen kurze Anfragen, Weiterberatung des Justizetats/ Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus beendete am Montag in Fortsetzung der Generaldebatte zum Etat des Ministeriums des Innern zuerst die Besprechung über die Dänenpolitik der preußischen Regierung. Die scharfmacherischen und Hakatistischen, jedem Gerechtigkeitsgefühl ins Gesicht schlagenden Treibereien der Regierung und der in ihrem Fahrwasser segelnden Chauvinisten fanden scharfe Verurteilung durch die Abgg. W i t t r o ck(fr. Vpt.), Kloppe»borg(Däne) und ganz besonders durch unseren Genossen Ströbel, der in großangelegter Rede die Entstellungen geschichtlicher Tatsachen seitens des offiziellen PreutzentumS festnagelte, die Gewaltpolitik der Regierung an den Pranger stellte und auch die schmachvolle Ausweisung des sozial- demokratischen Vizepräsidenten des dänischen FolkethingS, Stauning, aus Flensburg zur Sprache brachte. Die Erwiderung des Ministers Dallwitz war wie immer bei diesem Herrn im Polizeijargon ge- halten. Sachlich konnte er die gewaltigen Anklagen StröbelS nicht widerlegen, und so wählte er denn diejenige Art der Diskussion, in der er besonders groß ist, er schimpfte über den Tiefftand deS natio- nalen Empfindens unseres Redners, und ähnlicher Ausdrücke bediente er sich gegenüber unserem dänischen Genossen Stauning. Nach Beendigung dieser Debatte wandte sich das Haus zur Be- ratung der Sparkassenfrage. Hierzu waren eine Reihe von Anträgen auf Abänderung deS erst im vorigen Jahre erlassenen Gesetzes über die Anlegung von Sparkassenbeständen in Inhaber» papieren gestellt, die im wesentlichen darauf hinauslaufen, daß es den Sparkassen gestattet sein soll, die Einstellung ihres Pflicht- bestandes an Jnhaberpapieren in die Bilanz nach dem AnschaffungS- werte vorzunehmen, die buchmäßigen Kursverluste io lange vom Reservefonds abzuschreiben, als dieser nicht unter 2 Proz. der Einlagen sinkt und die Zinsen des Reservefonds den Jahresüberschüssen hinzuzurechnen. Die Debatte soll am DienStag beendet werden. Dann will das Haus die Besprechung der Interpellation über die durch die Sturmflut an der Ostküfte verursachten Schäden vornehmen. Nach Beendigung dieses Punktes soll der Etat des Ministeriums des Innern weiter beraten werden. Aus der sozialdemokratischen Reichstagsfraktiou. In der Fraktionssitzung, die am Montag stattfand, wurden als Redner für das Lustverkehrsgesetz die Genossen Dr. Landsberg und Bender bestimmt. Zu der Abänderung des Militär-Straf- gesetzbuchS werden die Genossen Dr. Frank und NoSke sprechen. Die neue Regierung in Elsaß-Lothriuge» hat, wie osfiziös bekannt gegeben wurde, als Termin für die Wahlen zu den Gemeinderäten im Lande, deren sechsjähriges Mandat erst E»de Juni abläuft, den 17. und— für die Nachwahlen— den 24 Mai bestimmt. Als Grund für diese frühere Anberaumung der Wahlen wird angeführt, daß in diesem Jahre auf Sonnlag. den 30. Mai, das Psingstfest und auf Sonntag, den lt. Juni, das FronleichnainSsest sällr, so daß sich vor dem 21. und 28. Juni„die beiden von der Gemeindeordnung für die Wahl und Nachwahl ge- forderten aufeinanderfolgenden Sonntage nicht finden lassen'. Der tiefere Grund dürste der Wunsch der„neuen Herren" sein, den Land- tag für Elsaß- Lothringen schon Ende März zu schließen oder wenigstens zu vertagen._ Tie Zabern-Kommisfiou. Am Mittwoch tritt die Kommission zusammen, der der Reichstag die zur Zabern- Angelegenheit gestellten Anträge und Resolutionen überwiesen hat. Entgegeri anders lautenden Meldungen versichern nationalistische Blätter, daß das Kriegsministerium leine Vertreter in die Kommission entsenden wird. Geistlichkeit uud Lebeusmittelteucrung. In de» beiden lippischen Fürstentümern verlangen die Pfarrer unter Berufung auf„die sorrschreitende Teuerung der allgemeinen Lebensbedingungen' höhere Löhne, und im Fürstentum Schaumburg- Lippe ist ihrem Verlangen bereits glatt entsprochen worden: die LandeSlirchenbehörde und das landeskirchliche„Parlament" haben die Vorlagen fast ohne jede Debatte angenommen und damit den Geistlichen eine Gehaltserhöhung von rund 20 Pro- zent gewährt. Im Fürstentum Lippe ist es zwar soweit noch nicht: aber die Gehaltsvorlage liegt sozusagen fertig im Schubfach des Konsistoriums. Nachdem hier den Staatsbeamten eine Gehaltserhöhung (von rund 2ö Proz.) zuteil geworden war, besannen sich auch die Geistlichen darauf, daß die Lebensverhältnisse teurer geworden sind, obgleich die Beamten- und Psarrergehälter erst vor sechs Jahren um 20 bis 2ö Proz. erhöht worden sind. Die neue Erhöhung kann nicht durchgeführt werden, ohne daß die Bevölkerung eine wesentliche Steuererböhung träfe: und das Angenehme in diesen Kleinstaaten ist dabei, daß auch der, der keine kirchlichen Bedürfnisse hat, bezahlen muß. weil es ein Kirchen- auStritlSgesetz nicht gibt. Jeder Landesbewohner— mag er Christ, Jude oder Heide sein— ist kirchensteuerpflichtig. Er kann sich beim besten Willen nicht davon befreien. Was würde die Geistlichkeit sagen, wenn die Arbeiter ihr Vorgehen zum Muster nähmen und innerhalb sechs Jahren zweimal 20 bis 2S Proz. Lohnerhöhung verlangten? Die Teuerung der Lebensverhältnisse spürt jedenfalls der- Arbeiter weit rnehr-olS der Geistliche.____ Ter Kampf der Richtungen im klerikalen Lager. Von Zentrumsanhängern unter furchtbarem Tumult gesprengt wurde am Sonntagabend eine Kalhplikenversammlung. die. vom schlefischen Führer der katholischen Aktion, dem Pfarrer NieborowSki. in das St. Elisabethhaus in Breslau einberufen war. Der Vortrag des geistlichen Herrn wurde durch Lärm fast unmöglich gemacht, und als er eine ErgebenheitSreiolution für dm Kardinal Kopp mit der Zustimmung zur Enzyklika Liuxulsri quaäam verknüpfen wollte, entstand ein großer Tumult. Die Anhänger der christlichen Gewerk- schaften sprangen auf die Stühle und schrien dem Priester zu: „Demagoge! Gemeinheit! Reden Sie endlich die Wahrheit!" Schließlich beantragten sie eine Zu- bis an die Knöchel in ihrem Blut." So mutzte, da man der Ge- Walt nicht die Gewalt entgegensetzen konnte, den Bütteln des Sozialistengesetzes auf �schritt und Tritt ein«chnippchen ge- schlagen werden. Da Zusarnmenkünste und Versammlungen verboten waren, hielt man eben ungesetzliche Zusammenkünfte und Versammlungen ab, und da die Herausgabe einer sozialdemokratischen Presse untersagt war, gab man eben ein ungesetzliches Blatt beraus. Zahlreich sind die Anekdoten des dritten Bandes der Lebenserinnerungen, an denen von Nasen erzählt wird, die der Polizei gedreht wurden,«o beschloß man einmal, eine säch- fische Landeskonferenz in Pillnitz abzuhalten. Auf einem Elb- dampfer fuhren vierzig bis fünfzig Genossen stromaufwärts, be- gleitet von vier Geheiinpolizisten, die gehört hatten, datz Fahr- karten bis Pillnitz gelöst waren. Vor dem unfreundlichen Wetter eines trüben Rovembersonntags verzogen sich die Geheimen bald in die Kajüte und, wälaend sie hier mit Eifer den vier Wenzeln huldigten, stiegen die Teilnebmcr der Landeskonferenz an der Haltestelle vor Pillnitz aus und begaben sich nach der Maixmühlc, einer betannten AuSflugSwirtschaft der Dresdener Bürger. Hier schritten die Verbandlungen munter fort, indes die der polizeilichen Beobachtung Entronnenen ab und zu ein fröhliches Lied sangen, um den Wirtslcuten einen harmlosen Gesangverein vor- zutäuschen. Ein andermal hielt die sozialdemokratische Reichs- tagsfraktion mit einer Anzahl Berliner Vertrauensmänner eine geheime Zusammenkunst in dem damals noch wenig bebauten Lichtcrfelde-Qst ab.„Es regnete," schreibt Bebel. „in Strömen. Wir standen im dichtesten Gebüsch, wobei die Regenschauer auf unsere Schirme niederprasselten, datz wir kaum unsere Worte verstehen konnten. Als wir nachts 2 11h r bis auf die Haut durchnäßt den Rückweg nach Berlin antraten und in einer an der Straße liegenden Restauration Ernkehr hielten, stießen wir auf unsere Berliner Geheimpolizisten, die uns offenbar gefolgt waren." Da Bebel der gehaßtestc und gefürchtetfte aller sozial« demokratischen Führer war. folgten ihm nicht nur in Aerlm auf Schritt und Tritt die Spitzel Puttkamcrs und Bismarcks. sondern auch auf feinen Geschäftsreisen wurde er telegraphisch avisiert, so daß bei seiner Ankunft in der nächsten Stadt sorgende Polizeiseelen schon am Bahnhof standen und sich ihm wie sein Schatten �an die Fersen hefteten. Auch diesen Trabanten einen lustigen Streich zu spielen, gelang Bebel so manchesmal, aber doch erbitterte und verbitterte ihn so schmähliche Hetze.„Noch heute", schreibt der Zweiundsiebzigjäbrigc,„steigt mir das Blut zu Kopfe, gedenke ich jener Zeiten." Nur eins brannte ihm noch ätzender auf der Seele: seine Ausweisung, als der BelagerungS» zustand über Leipzig verhängt wurde:„Daß man uns wie Baga- bunden oder Verbrecher ausgewiesen und ohne eine gerichtliche Prozedur von Weib und Kind gerissen hatte, empfand ich als eine tödliche Beleidigung, für die ich Vergeltung geübt, hätte ich die Macht gehabt. Kein Prozeß, keine Verurteilung hat je bei mir ähnliche Gefühle des Hasse» hervorgerufen." Und mit diesem Ge- fühl unauslöschlichen Hasses im Herzen sind damals Hunderte in das Schneegestöber und Kälte hinauSgeirrt, und die Machthaber» die ste jagten und hetzten, können sich Glück wünschen, daß ihre Saat nicht furchtbar ausgegangen ist. Ms Sebels Leben. L Wenn in den letzten Jcchren seines Lebens in stillen Stunden zu August Bebels Herzen so etwas wie ein kalter Hauch aus der nahenden großen Nacht drang, dann ließ eine Hoffnung und ein Wunsch das Blut wieder rascher durch seine Adern strömen: die Sehnsucht nämlich, den Schlußpunkt noch unter die Erinne- rangen setzen zu dürfen, in denen er die reiche Fülle seiner Er- sahrungcn der Partei zu Nutz und Frommen hinschüttete. Ter Glaube, datz ihm dieses Werk noch gelingen werde, hielt den un- ermüdlichen Kämpfer aufrecht, und es war wohl nur eine Vorsichts- Maßregel, wenn er in einer dieser stillen Stunden für den Fall seines Todes Karl Kautsky mit der Herausgabe des dritten Bandes seiner Memoiren betraute. Das war am 21. Juli 1013 und nicht vier Wochen gingen danach ins Land, als in allen fünf Erbteilen die roten Jahnen auf Halbmast sanken: das lebendigste Herz, das je für den Emanzipationskampf der arbeitenden Klassen geschlagen, stand still. Und jetzt, secb» Monate nach dem Tode des Großen, nimmt Teutschlands Arbeiterklasse auS K a u t S k y S Händen Bebels Vermächtnis, eben den dritten Band der Lebens- erwnerungen, dankbar und erwartungsvoll entgegen.") *) AuS meinem Leben. Von August Bebel. Dritter Teil. Herausgegeben von Karl Kautsky. Verlag von J. H. W. Dietz Nachf.. G. m. b. H., Stuttgart 1014 Was an dieser Stelle von den beiden ersten Bänden der Bebel schen Memoiren gesogt wurde, gilt in demselben Matze von dem dritten Bande: es handelt sich mer nicht um geschwätzige Bekenntnisse einer ofsenbarungSfrohen Seele, die sich von allen Seiten bespiegelt und der Oeffenttichkeit zuruft: Seht, so bin ich!. sondern eine karge Zurückhaltung waltet in den Teilen des Buches, da Bebel das Wörtchen: Ich häufiger als ihm lieb ist, hinschreiben muh. Auch in diesem dritten Bande enthüllt sich ganz und gar das Wesen eines Mannes, der seine Person in jedem Augenblick völlig hinter der Sache zurücktreten läßt, und dem das eigene Er- l-bnis nicht durch stch selber wertvoll ist. sondern nur wertvoll wird durch die Beziehungen, die es zu der allgemeinen EntWickelung der Partei hat. Was der Mensch Bebel außerhalb der Sozial- demokratie liebte und litt, wie sein Verhältnis zu privaten, zu nicht- politischen Dingen war» davon erfahren wir so gut wie gar nichts, weil ev für Bebel kein„außerhalb der Sozialdemokrane" gab und weil er nichtpolitische, private Dinge kaum kannte: Bebel und die Partei waren ganz«ins. Dadurch sind seine Lebenserinnerungen weniger„interessant" im wochentäglichen Sinne des Wortes als die anderer Memoirenschreiber, die vor dem neugierigen Leser die Decke des Ehebettes abheben und den Deckel des Wasserklosetts lüfien. aber sie gewinnen an historischer Größe und lassen eher die historische Größe dessen ahnen, der sie schrieb und der, indem er sie schrieb, noch eine historische Aufgabe erfüllte. Der Stoff aber, der in dem eben erschienenen dritte» Bande abgehandelt wird, bringt e» mit sich, daß Anekdoten und Genre- bildchen sich hier häufig« einstellen als m dem vorangegangenen zweiten Bande und daß derart das Ganze bunteren und bewegteren Eindruck hinterläßt. Der drttte Band nämlich umspannt die ersten Jahre des Sozialistengesetzes—„ich habe," schrieb Bebel an jenem 21. Juli an Kautsky,„noch wenig zu tun, so ist der Band bis mit 1882 abgeschlossen und so weit reichen in der Tat die sich in den Lebenserinnerungen drängenden Zeitereignisse. Am 10. Oktober nabm der Reichstag mit 221 gegen 143 Stimmen das fluchwürdige Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemo- kratie an, die Session wurde geschlossen und Bebel fuhr nach Haufe, fressenden Ingrimm im Herzen und entschlossen, alles daran- zusetzen, um die Wirkung des Gesetzes zu durchkreuzen. Er hielt redlich Wort und das bedeutete eine Anspannung aller Kräfte bis zum äußersten, denn Schlag auf Schlag prasselte es jetzt auf die Partei nieder. Schon nach der ersten Lesung des Sozialistengesetzes. im September, war in Hamburg der ParteiauSfchutz in keineswegs gebobener Stimmung zusammengetreten und beschloß notgedrungen auf Antrag des Kassierers G c i b. der alles andere als ein Kämpfertempcramcnt und noch dazu schwer herzletdend ipar. die Partei formell aufgelöst zu erklären: die Kasse und den Kassierer- Posten übernahm Bebel, der während des ganzen Sozialisten. gesetzeS die Stelle de» sozialdemokratischen Finanzministers mit viel Geschick innehatte. Als nun die Organisationen zersprengt, die Zeitungen verboten, die Kassen gelert, die Agitatoren gehetzt und die Versammlungen unmöglich gemacht wurden, ritz zunächst Ver- wirrung in den Reihen der Partei um sich. Unter den Führern gab cS mehr Marodeure und Hasenfüße, als den Unverzagten vom Schlage Bebels lieb war: der eine flüchtete zurück unter das schützende Dach der bürgerlichen Gesellschaft, der andere setzte seinen Stab über das große Wasser nach Amerika, der dritte verlor sich auf andere Weise. Fahnenflüchtige! Aber der als„Fanafiker" verschriene Bebel ruft ihnen kein Wort der Verachtung nach, son- devn er zeigt auch hier die Güte seine» großen Herzens, das sich Menschliches immer menschlich zu verstehen mühte:„die materielle Notlage der meisten", beißt es,„entschuldigt vieles". Es war auch nicht so, wie man es hier und da darzustellen liebte, daß nur die Führer versagten und die Massen den Fuß beim Male hinten. Im Gegenteil! Auch uitter den Massen brach eine Panik aus, als, wer sich Sozialist nannte, wie ein rechtloser Hund gejagt wurde, auch unter' den Massen herrschte Niedergeschlagenheit, Verzagtheit und Verzweiflung, und der Energie der Führer bedurfte es, jie zu wage- mutigem Handeln wieder anzustacheln. Bei dieser Arbeit nun war Bebel unter den Unermüdlichen der Unermüdlichste: er sammelte, warb, munterte auf. und da er so ziemlich der einzige war, den sein Geschäft vor materieller Sorge schützte, so fiel fast die ganze Last der Parteiarbeit auf seine Schultern, eine sechzehnstündige Arbeits- zeit wurde für ihn zur Regel und durch immer neue Schwierig- ketten kämpfte er sich durch diese sorgen- und mühevollsten Jahre seiner Lebens hindurch. Den Machthobern wäre eS natürlich am liebsten gelvesen, die Sozialdemokratie hätte nch zu einem Putsch gegen ihre Unterdrücker hinreißen lassen. Bismarck lechzte nach einem Blutbad und von der Schwester des Philosophen Mainländer erfuhr Bebel. daß auf einer Gesellschaft in Berlin die Offiziere d« Garde Gift und Galle gegen die Partei gesprüht hätten— einer davon äußerte:»Hätten die Kerls den Mut loszuschlagen, wir wateten stimmungZkundgebung für Dr. Porsch, stimmten eigenmächtig ab und erllärten sie für angenommen. Großer Krach auf der anderen Seite. Unter dem Rufe:„Hoch Porsch! Hoch das Zentrum verließen darauf die Christlichen unter ohrenbetäubendem Lärm das Lokal und machten dadurch die Fortdauer der Versammlung unmöglich. Zaber« in der Zweiten sächsische« Kammer. In der Zweiten Kammer des sächsischen Landtages kam eS am Montag bei der Beratung des ElattitelS Vertretung Sachsens im Bundesrat zu einer lebhaften Debatte. Der jungliberale Dr. Zöfel und der nationalliberale Landgerichtsdirektor Hettner kritisierten die teilweise ablehnende Haltung der sächsischen Regierung zu den Deckungsvorlagen, die einen partikularistischen Anstrich gehabt habe. Bor solchem Verhalten müsse sich doch eine Regierung um so mehr hüten, weil auch im preußischen Abgeordnetenhause solche der Reichseinheit gefährlichen Strömungen zutage getreten feien. Im übrigen bemühten sich die nationalliberalen Redner, jeden Verdacht zu beseitigen, als ob sie für irgend ein demokratifch-parlamen tarisches Regierungssystem zu haben seien. Der Finanzminister v. Zielwitz erwiderte darauf, die sächsische Re- gierung habe es sür ihre Pflicht gehalten, die Vermögenszuwachs- steuer abzulehmen. weil sie darin den ersten Schritt zur Reichs- einlommensteuer erblickt habe. Eine solche hätte die Regierung aber unter allen Umständen verhindern müssen. Partikulariftische Be- strebungen hätten der Regterung fern gelegen, aber an der Selb- ständigkeit der Einzelstaaten müsse sie festhalten Genosse F l e i ß n e r wies auf die Lebensmittelteuermrg durch die Zölle hin und geißelte die auf Erlangung eines lücklenlosen Zolltarifgesetzes gerichteten Bestrebungen. Scharf kritisierte er den nationallibeialen Eiertanz, forderte, daß die Regierung für eine Re- form des MililärstrafgesetzeS eintrete, und beleuchtete dabei das Erfurter KriegSgerichtsurteil und die Vorgänge in Zabern, besonders auch die Freisprechung des Obersten Reuter. Die Schärfe der Fleißnerschan Kritik machte den Präsidenten nervös, so daß er mehrmals zur Mäßigung mahnen zu müssen glaubte. Der Ministerpräsident Gras Vitzthum erwiderte aufgeregt. Im ganzen deutschen Vaterlande, so führte er aus, existiere wohl kein national gesinnter Mensch, der sich nicht aufrichtig über die Freisprechung deS Oberst Reuter gefreut habe.(Stürmischer Protest bei den Sozialdemokraten.) Die Beschuldigungen hätten sich als unrichtig erwiesen, und er lasse dahingestellt, ob der Reichstag das Mißtrauensvolum gegen den Reichskanzler beschlossen hätte, wenn er von den Vorgängen richtig unterrichtet gewesen wäre. Der kon- servative Führer Opitz warf sich zum Verteidiger der Zaberner Helden und des preußischen Junkertums im Herrenhause auf, während der Fortschrittler Prof. Koch die direkte Reichssteuer begrüßte und das Zaberner Urteil skeptisch behandelte. Tic neueste Offeubacher Kommuualaffärc. Durch die bürgerliche Presse geht eine neue Geschichte von der ..Mißwirtschaft der sozialdemokratrschen Offenbacher Kommunalver- waltung." Daß die Verwaltung der Stadt Offenbach erheblich teuerer und natürlich auch viel schlechter wie in anderen von büraer- lichen Mehrheiten regierten Gemeinden sei, haben ja die Ver- leuutder der Offenbacher Sozialdemokraten wiederholt behauptet — freilich immer auf Grund erfundener oder gefälschter Ziffern, wie ihnen regelmäßig nachgewiesen lverden konnte. Diesmal soll jedoch ein Sozialdemokrat selbst, ein Offenbacher sozialdemokra- tj�cher Stadtverordneter gar, Zeugnis abgelegt haben für die Miß- wtrtschaft seiner eigenen Parteigenossen. Dieser, der Stadtver- ordnete und Rechtsanwalt Dr. Kay, forderte nach bürgerlichen Bc- richten von dem Oberbürgermeister eine Aufstellung über die Zahl der Beamten und chre Verteilung auf die einzelnen Aemter, und begründete dieie Forderung damit, daß in manchen Aemtern zu viel Beamte beschäftigt würden. So sollten im Versicherungsamt elf Beamte eine Arbeit leisten, die vier reell arbeitende Beamte erledigen könnten. In einem anderen Amt gebe es einen Obersekretär, der v M. Gehalt bekomme und nur auf die Anmeldung von Hunden warte, sonst aber nichts zu tun habe. Die Dezer- nenten, die möglichst viele untergebene Beamte haben wollten, kämen häufig ganz unvorbereitet und ohne Kenntnis ihrer Akten zu den Äommissionssitzungen, wo sie sich dann rasch von einem Sekretär unterrichten ließen. Das sei ein Skandal. Wenn etwas versehen würde, trüge dann hinterher bekanntlich immer die Stadt. verordnetenversammlung die Schuld: er, Redner, bedanke sich aber, das.Llotenhemd der Verantwortung' anzuziehen. Ihm„passe der ganze Kram nicht." In der Tat hat der Sozialdemokrat Katz, wenn auch nicht wörtlich, so doch dem Sinne nach solche Ausführungen gemacht. Mit dieser Rede allein aber konnten die Gegner nichts anfangen, denn daß ein sozialoemokrari scher Gemeindevertreter gegen Pflicht- vergessene Beamte scharf vorgeht, kann ihm am Ende nur als Verdienst angerechnet werden, und daß die beschuldigten Beamten allesamt gut bürgerlich gesinnte Leute sind, ist ein Umstand, den man auch nicht gegen die Sozialdemokratie ausschlachten kann. Man half sich daher in anderer Weise, indem man im bürgerlichen Bericht erzählt, daß Katz'„sozialdemokratische Fraktionsgenossen ob dieser Angriffe entsetzt waren' und sich daher„ein Gewitter entlud über dem Haupte dessen, der die Vorzüglichkeit von Offen- bachs Verwaltung unter der sozialdemokratischen Herrschaft an- zutaften gewagt hatte." Nur die beiden fortschrittlichen Stadtver- ordneten gaben nach dem bürgerlichen Bericht dem sozialdemo- kratischen Ankläger teilweise recht. DaS ist Schwindel: dem sozialdemokratischen Redner trat man in einem Punkte allerdings entgegen, da die Behauptungen des- selben über das Versicherungsamt unrichtig waren und dem Ge- nassen Katz in irreführender Weise von einem intrigierenden Be» amten zugetragen worden find. Im übrigen aber wurde ein- stimmig in einer extra zu diesem Zwecke einberufenen Stadtver- ordnetensitzung beschlossen lwie der bürgerliche Berichterstatter selbst zugeben muß), dem städtischen Kontrollausschuh die Ange- legenhcit zur schleunigen und gründlichen Untersuchung zu über- weisen, zu welchem Zwecke dem Dr. Katz aufgegeben wurde, seine Beschuldigungen schriftlich niederzulegen. In der Tat ist dieser Kontrollausschuß schon eifrig an der Arbeit, und wenn sich die Beschuldigungen bestätigen sollten, wird die sozialdemokratische „Mißwirtschaft" nicht säumen, gegen die arbeitsscheuen Beamten energisch vorzugehen, wie sie das schon bei einer Reibe anderer, noch aus der Zeit der bürgerlichen Herrschaft stammenden Pflicht- vcrgenenen Beamten getan hat. Mit dem Beweis für die Unfähigkeit sozialdemokratischer Kommunalverwaltung ist eS also wieder nichts. Sie mogeln alle. Nicht nur in den Großstädten, auch auf dem Lande bringt die Veranlagung zur Webrsteuer ungeahnte Vermögensbestände anS Tageslicht. So verössernlicht der Landrat des Kreises Isenhagen in der Provinz Hannover eine Bekonnlmachung, worin eS u. a. heißt:„Die oberflächliche Durchficht der Wehrsteuererklärungen hat ergeben, daß in diesem Jahre annähernd dos Doppelte des bisher überhaupt besteuerten Kapitalvermögens deklariert worden ist veter drei Millionen Mark waren bisher im Kreise Isenhagen der Besieuermig entgangen. Es besteht der dringende Verdacht, daß noch erheblich mehr Kapitalvermögen vorhanden ist". Der Landrat macht dann darauf aufmerksam, daß noch bis zur Beendigung der dies- jährigen Veranlagung berichtigend« Angaben hinsichtlich der Höhe bell vorhandenen Vermögens entgegengenommen werden. Da kann man ja auf die endgültigen Ergebnisse wirklich neu- gierig sein. Als kürzlich Meldungen über die überraschenden Resultate der Wehrsteuerveranlagung in den großen Städten durch die Presse Uesen, schrieb die„Deutsche Tageszeitung' wohlgemut, da zeige sich, wo die Steuerhinterziehcr in Wirklichkeit zu suchen seien. DaS oben mitgeteitte Resultat in dem rein länd- lichen Kreise Isenhagen, zu dem nur eme einzige Stadtgemeinde mir 2100 Einwohnern gehört, zeigt aber, daß die Ritter von Aar und Halm nicht minder wie die Industrie-, Handels- und Börsen- Herren bisher verstanden haben, den Staat um Millionen zu betrügen. Ter abgeblitzte Staatsanwalt. In Straßburg wickelte sich am Montag der zweite Akt eines vom preußischen Kriegsministerium eingeleiteten Verfahrens gegen die dort in französischer Sprache erscheinende Zeitung„Journal d'Alsace-Lorraine' ab. Die Zeitung hatte in einem Artikel vom 2S. Juli 1913 die Ansicht vertreten, daß im Kriegsfälle die Elsaß- Lothringer in die vorderste Reihe gestellt würden, damit man sie so am besten los werde. Das Kriegsministerium hatte deshalb gegen die Zeitung Anklage eingeleitet, und der verantwortliche Redakteur Jung wurde seinerzeit zu einer Haststrafe von drei Wochen ver- urteilt, die er bereits verbüßt hat. AuS den Pseudonym des Artikels wollte nun der Staatsanwalt wissen, daß der Verfasser der Mit- redalteur Minck sei,'und die Staatsanwaltschaft zog deshalb auch diesen zur Verantwortung. In der Verhandlung vor der Straf- kammer beantragte die Staatsanwalt gegen Minck als Verfasser des Artikels eine Gefängnisstrafe von sechs Wochen. Das Gerichts konnte sich jedoch nicht davon überzeugen, daß Minck der Tat überführt sei und sprach ihn deshalb mangels Beweisen frei. Militärjustiz. Der Arbeilssoldat Ernst Hipko hatte sich in Königsberg vor dem Kriegsgericht wegen tätlichen Angriff» auf einen Vor- gefetzten und Achtungsverletzung zu verantworten. Bein, Abmarsch zum Turnen stieß der Sergeant Wannagat den Angeklagten an. Dieser erklärte: Herr Sergeant, ich verbitte mir das, wenn Sie dos tun, so ist das ein tätlicher Angriff. Dann soll er dem Sergeanten aus die Hacken getreten haben. In der Bemerkung wurde Achtungsverletzung und in dem auf die Hacken treten-- tätlicher Angriff erblickt. Vier Soldale» bekundeten jedoch, daß eS nur auf Zufall zurückzuführen gewesen wäre, daß der Arbeitssoldat dem Sergeanten auf die Hacken getreten habe. Trotzdem beantragte der Anklagevertreter zwei Jahre und einen Tag Ge- f ä n g n t S. Das Gericht sprach den Angeklagten von der Anklage deS tätlichen Angriffs frei, da es fi» nicht davon überzeugen konnte (trotz der belastenden Aussage deS Sergeanten), daß der Angeklagte absichtlich dem Sergeanten auf die Hacken getreten habe. Wegen der Bemerkung: Herr Sergeant, ich verbitte mir daS und wegen Ungehorsams erkannte das Gericht auf zweiMouate Gefängnis.__ Teutsch-französischc Verständigung über türkische Eiscnbahnfragen. Der Entwurf zu der deutsch-französiscden Abmachung über tür- lisch« Eisenbahn- und Fiuanzfragen ist Sonntag mittag sin AuS- wärtigen Amt von den beiderseitigen Unterhändlern paraphiert worden. Der Entwurf hat die Form eine» Abkommens zwischen der Deutschen Bank, die gleichzeitig die Anatolische und Bagdadbahn« Gesellschaft vertritt, und der kaiserlich Ottomanischen Bank, die gleich- zeitig sür die Syrische Eisenbahngesellschaft und die zu gründende Eisenbabngesellsckiast für das Schwarz« Meetbecken handelt Die deutsche und die ftaitzöstiche Regierung beabsichtigen nach endgültiger Prüfung deS Abkommens von dessen Inhalt durch einen Notenwechsel offiziell Kenntnis zu nehmen. Voraussetzung für das Inkrafttreten der Abmachungen ist die Einigung der beiden Parteien mit der tür- kischen Regterung über die zurzeit noch schwebenden Fragen. Die Verfassungskrise in Schweben. Stockholm, 15. Februar.(Eig. Be*.) Aus dem Mini- sterium De Geer ist es diesmal nach nichts geworden. Die Mitglieder der liberalen Fraktion haben abgelehnt.. sich an der Zache zu beteiligen, bevor nicht die verfassungsmäßige Grund- läge wieder hergestellt ist. Auch die persönliche Bearbeitung einiger Liberalen durch den König ergab kein anderes Resultat, da die liberale� Abgeordneten f e st blieben. In dieser Situation hat der König sich nun an den Herrn Hammarskjöld gewandt, der ihm versprach, einen Ber- such zur Gründung eines Ministeriums„ohne parteipoliti- scheu" Charakter zu unternehmen. Ein nicht parteipolitisches Geschästsministerlum also, das die Ausgabe baben wird, die Neuwahlen zu leiten, falls es sich herausstellt, daß eine Mehr- heitsbildung in der Zwesten Kammer nicht gelingt. Und das ist sicher besser. Tie Reichstagsmehrheit ist entschlossen, vor Lösung der Verfassungskrise keine Mittel zit bewilligen. Herr Hammerskjöld ist ein tüchtiger Jurist von. euro- päischem Ruf, aber sein Ruf alS Politiker ist sehr zweifelhafter Natur. Er ist als waschechter Reaktionär bekannt und wüischte gelegentlich selbst, nicht als Konservativer, sondern als Reaktionär angesprochen zu wer- den. Zu seiner, den heutigen verfassungsmäßigen Verhält- nissen Schwedens nicht mehr angepaßten politischen Gesamt- aufsassung kommt sein royalistischer Servilismus. der ihm zwar in hohem Maße im gegenwärtigen Moment das Vertrauen des Hofes einträgt, ihn aber doch unmöglich macht im Reichstage. Die auf ibn entfallene Wahl zeigt, wohin die Reise gehen soll— wenn der Hof sie dirigieren darf. Die Partei der Konservativen hat sich gehütet, die Verantwortung der Kabinettsbildung zu übernehmen, sie möchte nicht als die Partei des persönlichen Regiments in den W a b l k a m p f ziehen. Aber es ist notorisch, daß an der Berufung des Herrn .Hammarskjöld die konservativen Parteigänger in diskreter Form mitgewirkt haben. An einem Zusammenhang zwischen den Konservativen und diesem Ministerium der Hofkamarilla ist alio nicht zu zweifeln. Während der Hof und seine Helfer nach den passenden Männern sich umsehen, ziehen die Parteien in den Wahl- kämpf. Die Liberalen haben bereits am Freitag einen Aufruf an die freisinnigen Bürger des Landes veröffentlicht, in welchem die Lage scharf umschrieben und festgestellt wird, daß die Krise eine Verfassungskrise ist, die mit der Landesverteidigungsfrage nur in formellem Zusammen. hang steht. Die Konservativen wiederum behaupten in ihrem einen Tag später erschienenen Ausruf das Gegen- teil, sie versuchen, den Bauernzug für ihre Wablinteressen zu ■ruktifizieren und schüren mächtig die Russenfurcht. Die Sozialdemokratie wird entschlossen für eine Herabsetzung der Uebungszeit und der Kosten sowie gegen das persönliche Regiment in den Wahlkampf ziehen. Ihre Position kann zurzeit als unerschütterlich angesehen werden, denn ihre Wählermassen sind Gegner der Rüstungen sowohl als des persönlichen Regiments. Schwieriger ist die Situation der beiden anderen Parteien zu beurteilen. Die Wähler haben zu entscheiden, ob sie sich für die freihestliche Entwickelung des Landes oder für ein scheinkonstitutionelles persönliches Regiment erklären wollen. Das Miutsterrmn Hammarfkjoekd. Stockholm, 16. Februar.„Tagens Styheder" und„Svcnska Tagblatt' enthalten die Ministerliste. die den, Vernehmen nach vom LandeKhauptuianii Hammarfljoeld vorgelegt und vorn König genehmigt loorden sei. Die Liste enthält folgende Namen: Landes- Hauptmann Ha m ma r s k j o e ld Ministerpräsident und Kriegs- minister', Bankdirektor Wallcnberg Minister des Aeußern; Obexgerichtsprästdent Hassclrot Justizminister; Fahrikbesitzcx Benner st en Finanzmini stcr.; LandeSbaupstnann v. S y d o lv Minister des Innern; Professor West man Kultusminister; Schisfsrceder Dan Brostrocm Manneminister; Gutsbesitzer Freiherr I. B e ck- F r i i S Ackerbauminister; ExpeditionSchef Stenberg und Linner sowie Oberst M o e r ck e Minister ohne Portefeuille. Von offizieller Saite wird diese Liste heute weder bestätigt, noch dementiert. Sicherem Vernehmen nach wird das neue Ministerium morgen ernannt werden. Dänemark. Die- BerfassungSreviftl«. In der gemeinsamen Kommission der beiden Kammern haben die Rechtsliberalen unter Christcnsen numnehr die Ab- änderungsanträgc zur Regierungsvorlage, die sie für not- wendig halten, um eine Mehrheit in dar Ersten Kammer für die Verfassungsrevision zu gewinnen, eingebracht. Die Wände- rungsanträge betreffen nur die Erste Kammer, die durch all» gemeines Wahlrecht der Männer und Frauen hervorgehen soll: das Wahlrecht wird aber an eine Altersgrenze von 35 Jahren geknüpft. Es soll ferner die Proportionalwahl angewendet werden, 54 Abgeordnete worden von den Wählern und 12 vom Könige gewählt. Die letzteren werden jedoch von den Parteien der Kammer vorgeschlagen. Die Mandatsdauer soll acht Jahre dauern und die Erste Kammer unauflöslich sein Gegen diese letztere Bestimmung wenden sich aber auch einflußreiche. Mitglieder der rechtsliberalen Fraktion Frankreich. Die HeerescutSgaben Paris, 16. Februar. Der Bericht, de« der Deputierte BSnaz«! im Ramen des HeereSauSschusseS in der heutigen Kanunerfitzung verlesen wird, teilt mit, daß die Regierung anstatt der ursprül, glich angekündigten außerordentlichen militärischen AuS» gaben von 860 Millionen rund 1410 Millionen verlange« werde, und zwar 655 811000 Fr. anstatt 440 Millionen für die Er- höhung deS Friedensstandes und 754,5 Millionen anstatt 420 Millione« für die Verbesserung des Kriegsmaterials. Ferner weist der Bericht« «rstatter auf die Notwendigkeit hin. große UebuygSplätze zu beschaffen. Die aus 1 3 0 M i l l i o n e n F r a n k veranschlagten Kosten wurde» auf fünf Jahre verteilt. Türkei. Die Iuselfrage. Soastimtmopel, 16. Februar. Auf die Not« der Großmächte über die Iuselfrage erklärt die Antwort der Pforte: Die katserliche Regierung war also der festen Hoffnung, daß die Mächte ihr Mandat gebrauchen würden, um der Iuselfrage eine den wohl« verstandenen Interessen der beteiligten Parteien entsprechend» Lösung zu geben. Mit lebhaftem Bedauern stellt sie fest, daß die sechs Mächt« die LebenSmteressen des Reiches nicht genügend in Rechnung zogen und diese Frage nicht so lösten, um jeden ernsten Streit aus dem Wege z» räumen. Indem die kaiserlich« Regierung von ber Entscheidung der sechs Mächte bezüglich der Rückgabe der Inseln JmbroS, TenedoS und Castelorizo Kenntnis nimmt, wird sie. ihrer Pflichten bewußt und die Wohltaten de» Frieden« nach ihrem hohen Werte schätzend, sich bemühen, ihre gerechten und legitimen Forderungen zur Geltlwg zu bringen. Japan. Tie BestechuogSaffare. Tokio, 16. Februar. In der gestrigen Sitzung des P a r- laments kam es bei der Beratung deS Geschäftssteuergesetzes zu stürmischen Auftritten. Die Opposition schlug ein obstruktionistisches Verfahren ein. Ein Mitglied der Opposition zertrümmerte die Stimmurnen. Am Abend drang ein Mann in das Ausschußzimmer und mißhandelte ein Ausschußmitglied so. daß seine Ueberführung in ein Kranken- haus notwendig war. Der Angreifer ist verhaftet worden.— Die Opposition gibt als Grund für ihr Vorgehen an, daß ihre Anfragen und Einsprüche nicht gehört worden seien. Als sich das Parlament um Mitternacht vertagte, war man in der Beratung noch keinen Schritt vorwärts gekommen. Im Oberhaus gab heute der Marineminister bekannt. daß der Admiral Fuju und der Kapitän Sawasika wegen Be- teiligung an der Bestechungsangelegenhett vor ein Kriegsgericht gestellt werden svürden. Auf ein An» frage, warum der P r e m i e r m i n i st e r und der M a r i n c» minister nicht ihre Entlassung einreichten, erklärte der Premierminister, daß man das Ergebnis der kriegSgericht» lichen Verhandlung abwarten wolle: zurzeit stehe noch nicht fest, ab die Korruption allgemein sei, oder ob c5 sich um einen Einzelfall handele. Letzte Nachrichten. Der Sittenskandal in Pose«. Pose«, 16. Februar.(P r i v a t t e l eg ra m m des„Vor» wärts'.) In den aufsehenerregenden Sittetrstandal»verde« immer mehr teil» sehr angesehene Personen hineingezogen. Heute wurden wieder vier Personen wegen Vergehens gegen de» § 175 des Strafgesetzbuchs verhaftet. Außerdem ist eine auf der 2>urchrcise begriffene polnisch-galizische Schau» s p i« l e r i n wegen SittlichkeitsverbrechenS in Haft genommen worden. Weitere Verhaftungen sollen noch folgen. Kapttalistischer Haß. Loado«. 16. Februar.(W. T. B.) Unterhaus. Im Verlauf der beutige« Sitzung wurde angeregt, die aus Südafrika deportierten Arbeiterführer als lästige Au». länder zu behandeln. Der Staatssekretär des Innern, Mac K e n n a, erwiderte, daß dies nicht in seiner Macht stände, da alle Deportierten brittsche Untertanen bzw. naturalifierte britisch« Untertanen seien. Zusammenschluß der belgischen und deutschen christliche« Gewerkschaften. Söl», 16. Februar. Der„Kölnischen BolkSzeitung" zufolg« werden sich die christlichen Gewerkschaften der Gruben» arbeit er in der belgischen Provinz Limburg den deutschen Gewerkschaften anschließen. Der Anschluß an die deutschen Go» werkschaften ist mit ausdrücklicher Genehmigung des Bischofs von Roermond erfolgt. Verwaltung Berlin- Mittwoch, den 18. Februar, nachmittags l'/z Uhr, in Obiglos Konzert- und Festsälcn, Koppenstrafte ÄS: Versammlung aller arbeitslosen Holzarbeiter Grotz-Berlins. Tagesordnung: 1. Bericht über die in der letzten Verjaminlung angeregten Maßnahmen. 2. Bencht der ArbeitSIojendeputation. Bodenleger. Mitttvoch, den 18. Februar, abends 8 Uhr, in Hermcls Bereinshaus, Holzmarktstrahe Ä1; �Utglledcr-TcrFaminlung Tagesordnung: 1. Die gegenwärtige Lage i« unserer Branche. 2. Branchen» ongelcgenhcitcn. S. Verschiedenes. Mas chinenarbeiter. Allittwoch, den 18. Febr., abends 8'/z Uhr, im Englischen Garten, Alexanderstrahe 27c: Branchen- Versammlung. Tagesordnung: 1. Unfallschui, an den Holzbearbeitnngsmaschineu. 2. Lahres» bcricht. S. Brauch cnangelcgenheiten. Korbmacher. Mittwoch, den 18. Februar, abends 8 Uhr, im Alexanderhof, Alexanderstr. Ä7a: eta Versammlung= Tagesordnung: Wirtschaftskrise und Korbmacherhandwerk. Referent; Kollege M. Günther aus Bernburg.\ 83/8 Die Ortsverwaltung. Zentralverband der Zimmerer. Zahlstelle Berlin und Umgegend. Mittwoch, den 18. Februar, abends 8 Uhr, in Obiglos I est sälen, Koppenstr. 29: Zahlstellen-Versammlung Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Regelung der Lokalbeiträge. 3. Bericht der Kommisfionen und Neuwahl derselben. 4. Beschlußfassung über die vorliegenden Anträge. Vollzähliges Erscheüic» der Delegierten ist Pflicht. 254/2 Oer Vorstand. Sie laufen wie eine Biene, wenn Sie unsere gestriklten Haus- u. Straf-enschuhe tragen. Kein Brennen d. Füstc. k. Schweis, fuste, I. geschwoll. Gelenke, k. Krampfad., t. Venenentz., I. Hühneraugen, t. Vallen, t. Druck a. cmpf. hochlieg. Zehen, k. Gicht, k.Rheu- matismus mehr; anschwieg., weich, elastisch, ansdünstungsfähig. Garantie f. sichere, dauernde Hilfe, auch i.d. Per- zweifeltst.Fällen.u.absol.Brauchbark. uns. gestrickt. Schuliwerks. Tel.: Kgst. SLöJJ. Reichh. Lager in sehr warme», mittelwarmen u. kühl. Striclarten. jeder Witrerungsow.jedcrGigenartd. Füste entsprechend. Jllustr. Preisliste fr. Strickscliuk- Fabrik 0., Kraütstr.52, Fabrikgeb. Hof 6.Aufg.SSf\� W., Potsdamer Str.lOO. Roscnthalcr Ztr.>!», Nähe Stcinslraße. VO., Gr.Frankf.Zrr.91, NäheMarkusstr. hfO.,Kottbus.Ztr.S1.I. 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Galavorstellung. Anfang 7» Uhr. Metropol. Die Reise um die Welt in 40 Tagen. Aniang 8 Ubr. Urania. Winter in der Schweiz. Kammerspiele. Der Snob. Lcliiia. Phmalwn. Deutsches Opernhaus. FtgaroS Hochzeit. Deutsches Künstler. Theater. Das Phantom. «öniggräner Strasse. Hinter Mauern. Komödienhaus. Kammermusik. Theater an der Wcidendaoimer Brücke. Wer zuletzt lacht. Theater am Nollendorfplatz. Prinzetz Greil. Lustipielhaus. Die spanische Fliege. Schiller Q. Meyers. Schiller/, Uhr: Gr. Gala-Borstellung. U. a.: I Ed. Wulffs Terrier am Trapez. Herr Burckhard Foottit, Schulreiter aus„Donald'-. Ferner Die Eessems in ihrem| akrobatischen Sketch „Artistenkinder". Hierzu alle grotzen Attrattionen.\ Zum Schluß: „Pompeji«. Metropol-Theater. Abends präzise 7 Uhr 55: Die Reise um die Erde In 40 Tagen. Die wilden Feuerfresser in ihren fanatischen Martern. Mister Happo, der Äusbrecborkönig. Enf esselbar! Lebend!'MS Ohne Exlra-Enlree. Trianon-Theater. Täglich abends 8 Uhr: Anatoles Hochzeit. Admiralspalast. Eis- Arena. Täglich:"Mf} Die lustige?uppe. Großes Ballett auf dem Else. Bis 6 Uhr und von lO*/, Ubr ab halbe Kassenpreise. Wein- u. Bier- Abteilung. Reichshallen-Theater Stettiner Sänger Ziminep Ho.! Urkomische Burleske. Ansang 8 Uhr. Sonntag nachm. 3 Uhr zu ermätz Preisen: EinefloMiD öer Millierstr. Sttonto. Redakt.: Alfred Wielev». Neukölln. Jnseratentell verantw. Td. Glocke, Berlin. Druck u.WerIag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsansmlt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. Untcrhaltungsbl. 8t. 47 31, Mrpn, 1. �\l%t htS LWÜltS" KttliM IlllllSllllltt.-«et.,.7, Z.drM 1N4. Gewerkschaftliches. Notstanüsarbeiten als Mittel zum Tarif- bruch. Gegen die Schaffung von Notstandsarbciicn nnt dem Ziel, dadurch wenigstens einer Anzahl von Arbeitslosen Be- schäftigung und Verdienst zu geben, läßt sich grundsätzlich gewist nichts sagen. Im Gegenteil: wo nur Sozialdcmo- kraten in einer Gemeindevertretung sitzen, da erwarten wir von ihnen, dast sie zu dem erwähnten Zweck die Einrichtung von Notstandsarbciten beantragen. Das entspricht den Forde- rungen, die allgemein von der Arbeiterschaft an Staat und Gemeinde gestellt werden. Aber die Forderung lautet nicht: Notstandsarbeiten um jeden Preis! Durchaus nicht. Dast man fitr Schneider, Goldarbeiter usw. keine Bau- arbeiten einrichten soll, das versteht sich am Rande. Es must aber auch weiter, und zwar grundsätz- lich gefordert werden, dast den bei Notstandsarbeitcn Beschäftigten Arbeitsbedingungen gewährt werden, die mit den Forderungen der Arbeiter nicht in Widerspruch stehen, die vor allem keine Verletzung der von Arbeitern und Unternehmern anerkannten Tarife darstellen. Unter allen Umständen ist das für den in Betracht kommenden Beruf tariflich festgelegte Lohnminimum zu fordern. In manchen Fällen werden aber von den Gemeinden, die Notstands- arbeiten einrichten, die bestehenden Tarife gar nicht beachtet. Das gilt besonders für Bauarbeiter, vorwiegend für Bau- Hilfsarbeiter. Anstatt mindestens den Tariflohn zu zahlen, richten sich viele Gemeinden nach dem niedrigen sogenannten Ortslohn. Ja selbst unter diesen geht man noch hinab. Der „Westd. Arb.-Ztg." berichtet, um nur ein Beispiel auzuführen, ein Bauarbeiter folgendes: .Dem Schreiber sind zwei Orte bekannt, wo der Tariflohn für Bauhilfsarbeiter auf 47— 4K Pf. steht. Der ortsübliche Tage- lohn nach der neuesten Festietzung beträgt aber 3,6» M. pro Tag. Die eine Gemeinde lätzt Erdarbeiten ausführen und soll pro Tag 2 M. zablen und für jedes Kind 11) Pf. Zulage. Die andere da- gegen läßt Abbruchsarbeiten machen und zahlt 27 und 28 Pf. pro Stunde. Bei achtstündiger Arbeitszeit beträgt im elfteren Falle der Lohn 25 Pf. und je nach der Kinderzahl ein paar Pfennige mehr pro Stunde. In letzterem Falle beträgt der Tagelohn 2,16 M. Der Tariflohn beträgt in der nämlichen Zeit 3,76 bis 3.84 M. pro Tag." Die„soziale Fürsorge" der betreffenden Gemeinden be- kommt durch solche Entlohnung den Charakter einer bös- artigen Ausnutzung der Notlage derjenigen, die gezwungen sind, Notstandsarbeiten zu verrichten. Mehr noch! Die Mist- achtung des Tarifs bedeutet auch eine unlautere Äon- kurrenz gegenüber dem Privatunternehmer, der die Ar- bciter nach dem Tarif entlohnt. Und damit wird das oft mühsam errichtete Tarifwerk durch die eigen- artige gemeindliche soziale Fürsorge gefährdet. Gemeinden, die unter dem anerkannten Tarif bezahlen, leisten in Wirklichkeit gar nichts für Arbeitslose, im Gegenteil: sie sparen auf deren Kosten und schädigen die gesamte Arbeiter- schaft! Gegen solche Art„Sozialpolitik" ist Protest zu erheben. Notstandsarbciten dürfen nicht als Aushängeschild für Lohn- drückcrei und unlautere Konkurrenz dienen. Das sollten auch alle Gemcindevertretcr beherzigen— und demgemäst handeln—, die sich über die Enge und Beschränktheit gemeind- lichcn Fiskalismus noch erheben können, und deren Fähigkeit, objektiv denken und urteilen zu können, noch nicht vollständig unter dem Eishauch feindseliger Stimmung erstarrte. öerlin und Umgegenü. Beschwerden der Eugrosschlächter. Ueber.Die neue Arbeitsordnung— eine Per- schlechterung der bestehenden ArbeitSbedin- g nn g en!' referierte Bergmann am Sonntagabend in einer gutbesuchten Versammlung der Eugrosschlächter. Er führte aus: schon vor einigen Iahren wurde eine Verlängerung der Arbeitszeit versucht, aber von der Organisation abgewehrt. Ja, es wurde seiner- zeit sogar erreicht, die Oeffnung der Hallen um eine Stunde hinaus- zuschieben. Alle weitergehenden Forderungen lehnten die be- treffenden Behörden ab mit dem Hinweis, daß die beschränkten räumlichen Verhältnisse in den städtischen Hallen eine weitere Ein- schränkung der ungeheuer langen Arbeitszeit nicht zulassen. In- zwischen sind die Unternehmer bestrebt gewesen, die Arbeits- zeit der Schlächter wieder auszudehnen durch Beseitigung der um eine Stunde späteren Oeffnung der Hallen. Vor kurzem ist nun eine neue Schlachthofordnung herausgegeben worden, durch die am Montag und Donners- tag 15 stunden, am Dienstag und Freitag 9 Stunden und am Mittwoch und Sonnabend 12 Stunden Dampf an die Schlächter abgegeben wird. Das sind 4 Stunden länger pro Woche als bisher, und dementsprechend ist auch ohne weiteres die Arbeitszeit der auf dem Schlachthof Beschäftigten um soviel ver- längert worden. Was das zu bedeuten hat. geht aus dem Umstände hervor, das; nur eine einzige Firma eine wöchentliche Besckäftigungs- dauer von 76 Stunden hat, die meisten jedoch bis zu 95 Stunde»! Es wird nämlich von vielen Firmen vor und nach der Zeit, während welcher Dampf Abgegeben wird, noch stundenlange Arbeit verlangt. Zwar bat das Schlachthof-Kuratorium— angeblich im Interesse der Beschäftigten— in die besagte Schlachthofordnung eine Bestimmung aufgenommen, dast eine Stunde nach Absperrung des Dampfes die Arbeiten beendet fein mühten. Es hat, um dieser Bestimmung Gellung zu verschaffen, gleichzeitig festgefetzt, es solle nach Verlauf der einen Stunde das Licht abgedreht werden. Die Schlachthof- Verwaltung kehre s i ch aber d n r ch a u s nicht andieseBe- stimmung, sondern es erhalte ein jeder Licht, solange er wünsche. Dadurch wird es gewissen Firmen möglich gemacht, die Arbeitszeit um weitere eineinhalb Stunden täglich zu verlängern. Es sei notwendig, die Oeffentlichkeit auf diese ungeheuerlichen Zustände aufmerksam zu machen und den in Betracht kommenden Behörden zu sagen, dast sie durch ihre unverständlichen Mahnahmen derartige Zustände erst er» möglicht haben, obwohl sie vor nicht allzu langer Zeit das Ver- sprechen abgegeben haben, die Arbeitsverhältnisse so zu regeln und zu verbessern, wie es in vielen anderen Groststädten bereits ge- schehen ist. Freilich müssen auch die in Betracht kommenden Kollegen diesen Dingen ein weit größeres Jntereffe entgegenbringen als bisher, wenn eine Befferung erzielt werden soll.— Diese mit einem feurigen Appell schließenden Ausführungen des Referenten wurden mit leb- baftem Beifall aufgenommen und zugleich der Ortsverwaltung vom Zentralverband der Fleischer sowie der SektionSIeitung der Auftrag erteilt, unter Darlegung der hier nur flüchtig umrisienen Verhältnisse bei den zuständigen Instanzen vorstellig zu werden wegen einer gründlichen Aenderung der Arbeitsverhältnisse. Es kau« auch anders! Das.Berliner Tageblatt' nämlich. Wenn eS ihm gerade geeignet erscheint, spielt eS sich gern einmal als radikal auf; und wenn es glaubt, mit einer großen sozial-politischen Geste einige Angestellte für den.entschiedenen' Liberalismus einfangen zu können, kämpft eS»auf dem Boden' auch der radikalsten Angestellten- gewerkschaft. Im Abendblatt natürlich nur: um es im Morgenblatt zu widerrufen. Vor einigen Tagen noch wußte es Treffliches zum Koalitions recht zu sagen und den radikalen Speer zu schwingen. Und am Sonntag brachte es folgendes Inserat: Nach Breslau, möglichst zum 1. März gesucht erfahrener Techniker od. Ingenieur für ff. sanitäre Anlagen, welcher völlig perfekt in Projekt und Ausführung und bewährter Akquisiteur sein must.— Mitglieder des Bundes t e ch n i s ch.-i n d u st r. Beamten ausgeschlossen. Off. m. Zeugnis- abschr., Lebenslauf u. GehaltSanfpr. erb. unt. G. 267 an Haafenstein u. Vogler A.-G., Breslau. Was wird nun Anton Erkelenz in der.Wacht', dem Blättchen des Reichsvereins liberaler Arbeiter und Angestellten zu der Pracht- leistung des großen Bruders sagen? Wahrscheinlich wird er, wie er eL in all seinen zahlreichen Verlegenheiten zu wn pflegt, seine passe-partout-Antwort zur Stelle haben: An der Doppelzüngigkeit des.Berliner Tageblatts' sind natürlich Schuld— die Roten! Deutsches Reich. Der Tapeziererverbaud im Jahre 1S1Z. Obgleich das Tapezierergewerbe eines der Berufe ist, die gegen Erschütterungen des Wirtschastsmarktes am empfindlichsten Kleines Feuilleton. Der Organisator der Schauspieler. Der streitbare Präsident der Deutschen Bühncngenossenschafl H e r m a n n N i s s e n ist am Sonntag im Alter von 59 Jahren gestorben. Ein harter Schlag für die Schauspielerschaft, zweifellos. Man braucht nicht zu glauben, sie werde nun den Weg verlaffen, auf dem ein Nissen ihr Führer wurde; aber keiner doch war so berufen, diese Führerschaft zu übernehmen, wie gerade er. Die Bübnengcnossenschaft hatte das Glück, in kritischer Stunde in ihm den Mann zu finden, den sie notwendig brauchte. Nicht nur für diese Stunde, sondern für ihre weitere Entwickelung. Sie machte Schluß mit der Taktik des unentschiedenen VermittelnZ. sie forderte entschiedenes Durch- greifen. Der diplomotisierende Pohl mußte dem kernig auftretenden Nissen weichen,� zwischen Bühnendireitoren und Schauspielern fuhr da? Tischtuch zerschnitten auseinander und das Hüben und Drüben des sozialen Kampfes stellte Bühnen- verein und Bühnengcnossenschast mit geschliffenen Schwertern in heftige Fehde. So setzte vor fünf Jahren mit Nissens Präsidentschaft die Bewegung ein, von der dieser Führer sagte, sie sei.eine neue Richtung in der �ochauspielerbcwegung, die wir ein- geschlagen haben in bitterer Erkenntnis der Nöte unseres Berufes und aus aufrichtigem, warmein Mitgefühl für die Kleinen und Kleinsten unter un5'._ Was Riffen als Schauspieler am Deutschen Theater, am Burg- theater, zuletzt am Berliner Hebbeltheater gewesen ist, versinkt hinter der sozialen Kampsarbeit seiner letzten Jahre. Die wurde ihm das Wichtigste, und sie zwang ihn, seine Lust am Gestalten hart- fester Charaktere der neuen dramatischen Dichtung dem Amte zu opfern, das die Berussgenossen ihm anvertraut hatten. Das paßt zu der Art dieses Mecklenburgers, der das Halbe haßte und aufs Ganze ging. Er ging aufs Ganze nicht als ein blinder Stürmer, sondern mit klarem Wissen von den hemmenden Schwierigkeiten, die dem Werk aus dem Menschenmaterial seiner Berufsgenossen erwachsen. Er kannte die Gefahr, die den Kampf de»»Schauspieler aus den eigenen Reihen her erschwerte, er zeichnete den Andrang der Arbeitswilligen im Falle eines Schau- spielerstreiks, er rief in den Tagen der Abwehr schmählicher Be- schuldigungen, die ihn stürzen sollten, den Frondeuren zu: ihre Handlungsweise sei ohne Seitenstück in der Geschichte der sozialen Organisationen, und man müsse sich schämen vor jenen Maurern und Zimmerleuten. in deren Atmosphäre zu geraten einer der Widersacher nach seinem eigenen Ausspruch so sehr fürchtete. Trotz alledem übernahm Nissen die Leitung der Bewegung. Sein Charakter ließ nichts anderes zu. Die Sache trieb ihn. Die Gefahren, die Nissen sah, find in den fünf Jahren der neuen Richtung natürlich nicht geschwunden, und es ist bezeichnend. baß sofort in Verbindung mit der Nachricht vom Tode Nissens die RSglichkeit erwogen wird, ob nicht ohne Riffen der Weg der Bühnengenossenschast ein anderer werden könne. Paul Schlenther hofft auf Versöhnung und Einigung mit dem Bühnenverein und appelliert an die Besonnenen. Aber wir meinen, hier wird nicht das Ausscheiden eines einzelnen, hier werden soziale Tatsachen ent- scheiden. Und was ist da geschehen, das dem Schlentherschen Hoffen einen Frühling verheißen könnte? Etwa das Kappen und Hin- schleppen des Theatergesetzes? An diesem Gesetz, meinen wir, wird die Bühnengenossenschaft aufs neue lernen, daß ihr letzter Weg der Weg auch ihres zukünf- tigen Wirkens sein muß. Kämpfer und Baumeister. Das Auge innenglühend und ins Weite gerichtet, das Antlitz in lichtem Käntpfertrotz gegen den Feind erhoben, mit freier Stirn, beschirmt von einem unsichtbaren Schilde, auf dem sieggläubig der Wahlspruch schimmert: Wahrheit und Schönheit. So lebt wohl Ernst Haeckels Bild in Unzähligen, die sich durch des Kämpfers.Natürliche Schöpfungsgeschichte' klären und kräftigen lassen wollten, um loszukommen aus dem Bann alter drückender Mächte. Also Haeckel der Kämpfer! Und den soll man sich nicht aus dem Gesichtskreis wegscheuchen lassen durch das Verdikt, das die letzten anderthalb Jahrzehnte aus ForschungS- und aus FinsterlingSgründen über den Verfasser des auch von uns ver- worfenen Welträtselbuchs fällten. Den Kämpfer Haeckel haben die sechziger Jahre frei gemacht und Plötzlich auf die Bühne geführt. Diese Jahre sind Durchbruchsjahre der neuen Kampfzeit gewesen, deren letzte, höchste Steigerung noch nicht erreicht wurde. Wer Kultur schaffen will, muß die Massen ge- Winnen! Das war die Losung, die in jenen Jahren mit ganz neuer Kraft aufwogte, und Haeckel. an dessen erster großer wissenschaftlicher Kundgebung das zünftige Gelehrtentum vorüberging, als ob sie ein Nichts wäre, nahm die Losung auf. Der Stettiner Naturforscher- Versammlung rief er— vor einem halben Jahrhundert— die Worte zu:„Darwin bedeutet eine Weltanschauung' und„Darwin ist der Newton der neuen Welt". Das waren Worte, die nur von agi- totorisckier Kampfinbrunst geformt werden konnten, und Haeckel wurde der Agitator des Darwinismus, der Agitator des Monismus, der Agitator, dessen Kraft im Kampfe leidenschaftlich wuchs, und der unermüdlich geblieben ist bis heute herauf. Die Grenzen Haeckelschen Denkens liegen seit langem klar zutage. Ein Tor, wer sich durch sie von der Freude an der zähen Agitatorenkrafl seiner Persönlichkeit wegschrecken läßt. Und denr Agitator gesellt sich in diesenr Manne der Organisator. Wir meinen nicht den Heiligen des Monistenbundes, fondern den Naturforscher, der den Faden, den die Naturwissenschaft vor zweihundert Jahren mit Linns bedeutungsvoll anspann, mit reisiger Energie weitertrieb. Goethe, der auf der Linie zwischen Linns und Haeckel steht, hatte gesagt:„Wir befinden uns in einem Chaos von Kennmissen, und keiner ordnet es; die Masse liegt da, und man schütter zu; aber ich möchte es machen, daß man wie mit einem Griff hineingriffe und alles klar würde.' Haeckel hat sich als der Testaments- Vollstrecker Goethes deS Naturforschers gefühlt. Wo Goethe in Ahnungen stecken blieb, wollte Haeckel vorwärts zu Narcn Gewiß- 1 sind, hat die Organisation das Krisenjabr 1913 recht gut überstanden. Der Jahresdurchschnitt der MitgUcdcrzahl stieg von 10 434 im Jahre 1912 auf 10 534 im Berichtsjahr. Arn Jahresschluß machte sich allerdings ein Rückgang auf 10 164 bomcrtbar gegen 10 575 am Schluß des Jahres 1912. Viele Berufsangehörige haben, wie in früheren ungünstigen Geschäftsperioden, dem Beruf zeitweise den Rücken gekehrt, um in anderen Erwerbszweigen ihr Brot zu suchen. Eine ganz beträchtliche Steigerung erfuhren die Ausgaben für Unterstützungen. Es wurden ausgezahlt: Reise- Unterstützung 10 238 M.(5959 M.h Arbeitslosenunterstützung 104 283(75 328) M., Krankenunterstützung 12 522(10 816) M.. Sterbe geldunterstützung 4532(4345) M., Umzugsunterstützung 2540 (880) M.. Notstandsunterstützung 525(620) M.(Die eingcklam- inerten Zahlen sind die für die gleichen Untersiützungszwcige im Jahre 1912 ausgegebenen Beträge.) Die Ausgaben für Streiks betrugen 55 550 M.» für Gemäß» legeltenuntcrstütznug 2171 M. und für Rechtsschutz 1185 M. Tie Einnahmen des Verbandes beziffern sich auf 293 492 M., denen 301348 M. Ausgaben gegenüberstanden, so daß am Jahresschluß ein Verbandsverinögen inklusive der Bestände am Ort und der Gaukaffen von 205 155 M. vorhanden war gegen 213 010 M. im Vorjahr. Die Einnähmen der Filialen betrugen 118 393 M., die Ausgaben 193 828 M., das Vermögen der Filialen am Jahres- schlnß 125 786 M. Das gesamte Vermögen des Tapezierer- Verbandes betritg am Schlnß des Jahres 1913: 330 941 M.; das ist gegen den Bestand am Schluß des Jahres 1912 eine Steigerung von 6709 M. Dir Differenzen in der Flcischwarensabrik von I. G. Siems in Apen(Oldenburg) bestehen weiter, wie aus vielfache beim Fleischerberband erfolgte Anfragen mitgeteilt wird. Eine Einigung ist nur möglich, wenn Herr Siems ausreichende Garantie für die Freigabe des KcmlitionSrcchts gewährt und nicht nur Gelbe, sondern auch organisierte Gesellen beschäftigt. Heute tvcrden organi- sierte Arbeiter in seinem Betriebe nicht geduldet.— Herr Siems fabriziert ausschließlich Büchsenfleisch(Siems Kraftfleisch) und führt die Marken..Exquisit" und„Probst". Abgesetzt werden die Produkte bei Fleischermeisteru, Kolonialwaren- und Dclikateß» geschäften sowie in einer großen Anzahl Konsumvereine. Aus dem gelben Sumpf. Auch in Hagen-Schwelm hat sich in den letzten zwei Jahren die gelbe Werkvereinsbewegung eingenistet. Bei den Gründungs- Versammlungen erklärten die gelben Häuptlinge stolz, man wolle in kurzer Zeit die„Streikgewerkschasten" ablösen. Wenn die beginnende Krise auch den Gründungen der.Wirtschastsfriedlichen' Borschub leistete, so sind die Erfolge dieser Streikbrecherorganisationen doch recht mager. In einer großen Anzahl von Betrieben ist es den gelben Machern nicht gelungen, Boden zu fassen. Rur dort, wo sie durch grenzenlosen Terrorismus der Unternehmer unter« stützt wurden, konnten sie Scheinerfolge erringen. Einige Unternehmer gehen geradezu skrupellos vor. Die schmutzigsten Mittel werden angewandt, um die Arbeiter in die gelben Vereine zu Presselt. Ein Musterbeispiel für derartige Unternehmer bildet die Firma Wittmann Nachf. A. G. Haspe. Jeder Arbeiter, der bei diesem Betrieb um Einstellung nachsucht, muß vor seiner Ein- stellung eine Beitrittserklärung für den gelben Werkverein unterzeichnen. Lehnt der Arbeiter diese Zu- mutung ab und erklärt, er wolle überhaupt keinem Verein auge- hören, wird er nicht eingestellt. Arbeiter, die vor Gründung des gelben Vereins schon in diesem Betrieb tätig waren und eS bisher ablehnten, der gelben Vereinigung beizutreten, werden so lange schikaniert, bis sie den Betrieb verlassen. Man kann die Firma verstehen. Ist eS ihr doch feit Bestehen des gelben Werk- Vereins gelungen, die Löhne um zirka 19 Prozent zu drücken. Um den Gelben scheinbor etwas zu bieten, werden Kranken- znschüsse aus der Werkvereinskaffe geleistet. Wie es aber den lieben Gelben mit einem derartigen Zuschuß geht, beweist folgender Vor- fall. Bei der Gießerei Tücking, die auch einen gelben Werkveretn hat, erkrankte der Gelbe S. Die Krankheit erforderte die lieber- führung ins Krankenhaus. Hier erhielt der Gelbc von seiner Firma folgende Karte: „Hiennit kündige ich Ihnen Ihre Stellung zum 8. Januar 1914, da ich dieselbe anderweitig besetzen mußte. Hochachtungsvoll Gustav Tücking.' Mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsverhältnis erlischt der Anspruch an die Werkvereinskaffe und der Gelbe hat das Nachsehen. heiten. Wo Goethe ein Chaos sah, wollte Haeckel entwirrte Ordnung schaffen. Und er ging ans Werk mit der hoffenden Glut des Apostels, den der begeisterte Augenblick tausendjährig Werdendes prophetisch in schöner Nollendung schauen läßt: bis in die tiefsten Lebenswunder und Welträtsel hinein. Dieser Ueberschwang forschenden Fühlens gehört zur Persönlichkeit des Agitators Haeckel, und wer möchte solch ungestümes Hingerissensein kleinlich schmälern, wo doch jedes Mit- reißen in einem Werben endigt! Das Bedeutende der Arbeit Haeckels steht unverloschltch fest: sie hat gesorgt, daß das Gefühl, in der Natur ein organisiertes Ganzes sehen zu können, in die Maffen dringen konnte. Als ein Kunstwerk sah Haeckel die Natur an. Goethe hatte es ihm vorgetan, und er ging weiter bis zu der äußersten Grenze, die Natur als Künstlerin anzuschauen und anzustaunen. In einem großen Werke der letzten Lebenszeit schlürfte er Anregungen seiner ersten starken Schaffensjahre als ein SchönhcitSfinder und Schönheits- genießer aus. Er schrieb der Zelle, der Zellseele eine plastische Tätigkeit, einen Kunsttrieb zu. Im feinsten und letzten Baumaterial der Lebenswunder sah er die organisierende Kraft an der Arbeit. die auf weise Ordnung und böchste Schönheit abzielt. An diese Lust des Forschers knüpft ein Schüler Haeckels an, der in den schönen Heften der Sammlung„Leuchtende Stunden"(Verlag Vita, Berlin) dem Meister zum achtzigsten Geburtstage eine Arbeit„Die Natur als Künstlerin" widmet. Haeckel selbst leitet die Arbeit ein, und Dr. W. Breilenbach setzt fort, was er sagt: vor allem auch in einer Fülle von Bildern, in denen die märchenhafte Schönheit der Natur- gebilde sich entfaltet. Haeckel will, die Kunst des Menschen soll auf- achten, und auf den Wegen des neuen Kunstgewerbes spürt er Er- füllungcn seines Wunsches. Die Natur ist ihm die vorbildschaffende jlrmeisterin der Kunst. Auch in dieser Schrift ist Haeckel was er immer»vor: der Agitator, der zu den Massen reden will, der Organisator, der dos unendlich Mannigfaltige nach einer Grundidee einheitlich erfaßt, und immer der Mensch. dem alles Schaffen unter der befruchtenden Sonne großer Endziele geschieht und gedeiht. Seine Persönlichkeit ist erst ein Teil der geschichtlichen EntWickelung, die das Wesen der Menschen des letzten halben Jahrhunderts geformt bat. Sie zeigt den Bamneister, der sich aufs Kämpfen versteht, den Mann mit Kelle und Schwert, dessen Art den aufwärts und vorwärts Ringenden ein Vorbild sein kann. Drei„Unsterbliche". Vor einigen Tagen hatte die französische Akademie drei Mitglieder zu wählen. Die Operation wurde sehr flink ausgeführt, trotzdem bei der Besetzung der Fauteuils des ver- storbenen Physikers Henri Poincare die Politik mitspielte. Es be- warben sich zwei repräsentative Männer der Bourgeoisie: Leon Bourgeois, von der älteren, demokratisch-gläubigen Republikaner- familie, Prediger des„SolidarismuS", der Pflichten der Besitzer und der internationalen Schiedsgerichte, und Alfred Capus.der in immer matteren Romanen und Komödien behauptet, daß die bürger- luhe Welt doch so, wie sie ist, mit ihrer Eleganz, nützlichen Charakter« losigkeit und sanften Schweinerei, wunderschön sei, mtd als Plauderer Obgleich also die Arbeiter gelb werden, wird ihnen im Notsall, wie Figura zeigt, der Judaslohn entzogen. Der neueste Bluff der Gelben im Hagen»eschwelincr Bezirk ist die Einführung der sogenannten Militärunterstützung. Jedem Jugend- lichen werden ivährend der Militärzeit nionaUtch drei Marl Unter- stützung versprochen. Trotz dieses Angebots Ivoll-n die Jugendliche» nicht auf die Leimruten der Gelben kriechen. Die Arbeiter sind sich längst über ihre wahren Freunde im klaren und können nur durch größten TerrorismuS in den gelben Werkvereinen gehalten werden. Schon sehen die Arbeiter ein, daß diese Sumpfpflanze nur die Arbeiter schädigt. Die gute Konjunktur wird hosfenttich mit diesem Gebilde gründlich ausräumen.__ Iuslanö. Deutsche Schaudc. Bei einem Streik, der bei einem Unternehmer im Rottcrdamcr Hafen ausgebrochen ist. hat der Unternehmer ISO©trciN brechet von einem Lieferungsbureau aus Harn- bürg komme» lassen. Laut Zeitungsnachrichten befindet sich unter diesen Streikbrechern ein derartiger Janhagel, daß die Eisenbahngescllschaft die Leute am Bahnhof Rotterdam erst aus- steigen lassen wollte, nachdem offiziell festgestellt loar, welche Verwüstungen in den Wagen angerichtet waren. Verschiedene Türen tvaren vollkommen ausgebrochen und ganze Sitzbänte gänzlich zertrümmert. Die starke Polizeibewachung, womit die Herrschaften zur Arbeitsstätte geführt lourden, war wohl nicht nur da. um sie vor der Wut der Streikenden zu schützen, sondern auch, um die Eintvohner vor Ausschreitungen der arbeitswilligen Ordnuugsstützeu zu sichern. /tos der Partei. Gememdewahlcrfolg. Bei den OrtSauSfchußwahlen in dem Kurort M a l e n t e- G r e m s in üh l e n sFürslentum Lübeck) wurden sechs Kandidaten der Sozialdemokratie und zwei Bürgerliche gewählt. Unsere Liste crbiett ISk bis 160 Siimmen, während auf die bürgerlichen Kau- didaten kd-t bis 163 Stimmen entfielen. Die Sozialdemo- traten haben nunmehr inrOrtSausschuß die Mehrheit, da sie von zwölf Sitzen nenn innehaben. Rabiate Stadtverordnete. Die bürgerlichen Stadtverordneten in Zeitz hatten beschlossen, einen jährlichen Zuschuß von 4000 bis S000 M. für ein von einem reichen Fabrikanlen gestiftetes.nationales- Jugendheim zu leisten. Unser Zeitzer Parteiblatt kritisierte diese Bewilligungsfreudigkeit und prophezeite, daß die Arbeiterelteru diese Art.Erlüchligung- der Jugend mcht gutheißen könnten i das Geld sür diese Jugendpflege sei sorlgeworfeu. Diese Kritik hatte die bürgerlichen Stadtverordneten so in Harnisch gebracht, daß in der letzten Sitzung der Stadtver- ordneten flimtliche anwesende vierzehn bürgerliche Stadtverordnete für die H i n a u s w e r f u n g des Berichterstatters des Zeitzer.Bolksboten' stimmten. Die zehn sozialdemo- kratischen Stadtverordneten— die ganze dritte Abteilung befindet sich in den Händen der Sozialdemokraten— verließen hierauf mit dem Berichterstatter des.Bolksboteu- ebenfalls den Berhand- lungssaal. Die Sitzung mußte mm abgebrochen werden, da die Versammlung nicht mehr beschlußfähig war. Totcnliste der Partei. Em alter braver Porreigeuosie, der Barbier und Masseur N o w a g r o tz k i ist in Königsberg i. Pr. an, Sonnabend einem Herzleiden erlegen. Der Verstorbene hat viele Jahre mit seiner Frau zusammen, die Vertrauensperfon der Genossinnen war, für die Partei gewirtt, und er war auch vor etwa zehn Jahren in jenen denkwürdigen Geheimbündelei-, Hochverrats- und Zaren bcleidiguugSprozeß verwickelt. Den Verstorbenen hat die Justiz mit besonderer Härte behandelt. Er mußte fünf- eiuhatb Monate in qualvoller Untersuchungshaft zubringen, nnd wegen Geheimbündelei erhielt er zwei Monate zwei Wochen Gefängnis. Und das unerhörteste war, daß man die Strafe nicht voll auf die Untersuchmigshaft anrechnete. Er mußte noch auf einen Monat ins Gefängnis, hat also OV, Monate verbüßt. Dabei beträgt ba-5 Höchstmaß für Geheimbündelei nur sechs Monate Gefängnis. Die„Geheimbündelei" bestand darin, daß er einige in Deutschland erlaubte Schriften von einem russischen Genossen empfangen und weitergegeben halte, Bon der Anklage des Hochverrats gegen— R n ß l a n d und Zarenbcleidigung mußten im„Figaro" die spießerstche Borniertheit mondain frisiert.— EapuS siegte mit 10 gegen 13 Stimmen, und das war aufrichtig und lehr- reich. Bei der zweiten Wahl standen zwei Historiker einander gegen- über: der Feudale de l a P v r c e, der über die Revolution und das zweite Kaiserreich belanglose Bände geschrieben hat, und E a m i l l e I n k l i a n, der erste ernsthafte Erforscher der gallischen Epoche. Außerdem kandidierte noch der Bicomte d' A V e n e l, der amüsante Feuilletons über Wirtschaftsgeschichte schreibt. Im zweiten Wahlgang siegte der feudale Block und Herr de la Porce erlangte mit der'lln- sterblichkeit den Durchbruch seines Ramens an die Oeffeiitlichkeit. In der dritten Wahl siegte glänzend der Philosoph der Intuition Henri B e r g s o n, der von der Damenwelt belagerte Metaphysiker voni College de France, der von den meisten seiner Verehrer zwar nicht verstanden, aber wegen seiner Gegnerschaft gegen den Materialismus als Helfer gegen die sozialistische, revoln- tionäre Wissenschaft und Vorarbeiter der Rückkehr zur Religion an- gesehen und verehrt wird. Die konservativen Akademiker mußten sich auch beeilen, ihn zu wählen. Denn bei dem in Rom herrschenden Geist müssen sie gewärtig sein, daß er eines Tages als satanischer Einfliisterer des Modernismus verdammt wird. Ein paar Akademiker fehlten bei der Wahl— 21 n a t o l e Franee wie immer a n S Prinzip. Er glaubt ans Leben und hat erkannt, daß. wenn die„Unsterblichen" Unsterblichkeit verleihen, in Wahrheit Tote ihre Toten begraben. Notizen. — Die Muster Wohnung im Berliner GeWerk- s ch a s t S h a u S ist wieder zu besichtigen: Montag, Mittwoch. Sonnabend 0—9 Uhr Nachmittag. Sachkundige Berater sind immer anwesend. — Haeckel im Bilde. Zu HaeckclS Geburtstage hat der Verlag von Georg Reimer(Berlin) eine Sammlung von 24 Haeckel- bildern herausgegeben.(Preis 2.40 M.) Wilhelm Bölsche hat ein Geleitwort dazu geschrieben, das die Bilder in den Rahmen ihrer Entstehungszeit setzt und den Ausdruck des Persönlichen in Zu- sammenhang mit Haeckels Geisteskämpfen bringt. Ein prächtiger Jüngling, ein wackerer Mann, ein Kämpfer, ein Sieger, ein schöner Alter, der sich im Einklang mit der Natur weiß— das sind so die Phasen, die sich in diesem Kopfe spiegeln. Den Künstler und den Mann mit dem offenen Herzen wird man daneben entdecken, wenn man sich in diese Züge vertieft. — K u n st a b e n d. Im Literarischen Cabaret„Gnu" bei Reutz und Pollack, Potsdamer Straße 118c, wird Donnerstag, am 19. Februar, 8'/, Uhr. der bisher als Lhriker hervorgetretene Walter Hasen clever sein noch unveröffentlichtes fünfaktiges Drama„Der Sohn" vorlesen, das als ein Revolutionsstück von heute gelte» will. — Staatsanwalt und Futurismus. Im neuesten Simplizissimus beäugeln zwei Staatsanwälte die Bilder einer fntu- ristijchen Ausstellung, die ein Schutzmann zur Kritik präsentieren nmß, und einer sauckt verzweifelt los:»Nein. Herr Kollege, ich bin auch gegen dies« Richtung— da findet ja kein Deibel die Unzucht rauSl Rowagrotzki sowie die übrigen Angeklagten freigesprochen werden, da sich zur größten Blamage der Staatsanwaltschaft während der Hauptverhandlung herausstellte, daß die Gegenseitigkeit nicht verbürgt war. Die Partei wird das Andenken des Verstorbenen, der die Frau nebst vier Kindern hinterläßt, hoch in Ehren halten. Die Enthüllung des Schuhmeier-Denkmals auf dem Grabe des ermordeten Führers der Wiener Arbeiter er« folgte am Jahrestags der Schandtat des christlichsozialen Kunschak. DaS Denkmal stellt Schuhmeier in ganzer Figur als Redner bei einem Arbeiterfest dar. ES erhebt sicki gegenüber dem Denkmal der bei der Teuerungsdemonstration am 17. September 1912 erschossenen Arbeiter._ polizeiliches, Gerichtliches ufw. Der beleidigte Stadtrat. Gelegentlich der Aenderung des Kommunalwahlrechts in Sur g- st ä d t in Sachsen veröffentlichte die Chemnitzer„Volks- st i m m e" einen Artikel, in dem von WahlrechtSranb und Wahl- rcchtSräuberu die Rede war. Der Stadtrat fühlte sich dadurch be- leidigt nnd die Staatsanwaltschaft erhob bereitwilligst öffentliche Klage gegen die Redakteure Meyer und Kuttner. Der Prozeß endete damit, daß Genosse Meyer zu 14 Tagen Gefängnis, Genosse Kuttncr zu 250 Mark Strafe verurteilt wurde. Jugendbewegung. Antisemitische Strömungen im„Wandervogel". Die Wandervogelbewegung ist wohl die einzige der Erscheinungen auf dem buntscheckigen Gebiete der bürgerlichen Jugendpflege, die unS noch an wenigsten unsympathisch ist, zumal sie gerade auf ihrem eigensten Gebiete vorbildlich nnd bahnbrechend gewirtt hat nnd noch wirkt. Das politische Moment drängte sich bei den Wandervögeln nicht so tendenziös hervor, wie bei andern Gruppen in der bürgerlichen Jugendbewegung, besonders der.Jungdeutsch- land"-Leutc. Ganz besonders sympathisch war aber der energische Kampf, den die Wandervögel gegen den Altohol führten. Nun scheint sich aber in der letzten Zeit ein Umschwung vor- zubereiten. Wenigstens sind viele Hände am Werke, auch die Wandervögel in den Sumpf des ödesten Antisemitismus hinein- zuführen. Von einein Herrn Fulda wurde jüngst eine Broschüre herausge- geben unter dem Titel:„De utsch oder national",„Beiträge des Wandervogels zur Nassenfragc." Die Veranlassung zur Heraus- gäbe dieses Machwerks ist schon bezeichnend genug. In Zittau 'hatte der Mädchenwandervogcl die"Aufnahme eines wanderlustigen jungen Mädchens abgelehnt mit der Begründung, daß sieJüdin s e i. Ein Herr Dr. Wiflee protestierte hiergegen und wies auf die politische und religiöse Neutralität des Wandervogels hin, die satzungsgcmäß feststehe. Daran knüpfte sich eine Diskussion. Eine Menge Zuschriften wurden veröffentlicht, unter denen nur eine einzige ist, die sich die Ansicht des Herrn Dr. Wilker zu eigen macht, wie der Heransgeber der Flugschrift(deren Inhalt eben diese Zuschriften bilden) triumphierend verkündet. Ein Aufsatz eines Herrn Staufs entgegnet dem Protcstlcr von Zittau u. a, folgendes: „Sie scheinen sich aber auch um die Rassenwissenschaft in keiner Weise gekümmert zu haben, sonst hätten Sie doch wohl einmal darüber nachgedacht, warum man früher in Deutschland besondere Judeneide hatte, warum der Mädchen- Handel ausschließlich von Juden betrieben wird, warum das Judentum stet» zugunsten der U n- sittlichkeit und Korruption arbeitet, warum eS in Massen unsere deutschen Mädchen verschändet. Bon all diesen Dingen scheinen Sic keine Ahnung zu haben, obwohl es uns die Juden heute wahrlich deutlich genug heraus- sagen. Und offenbar kennen Sie auch den Talmud nicht, haben keine Lthnung von den Religio usbeftimmungen, unter denen die Juden seit Jahrtausenden stehen, und die sie lehren, die Nichtjndeii a l s Vieh zu betrachten, sie zu betrügen,� zu belügen, zu bewuchern?" An einer anderen Stelle heißt eS: „Wenn eine Ortsgruppe also einen Hebräer ablehnt, eben iveil er Hebräer ist, so handelt sie nicht anders als ein Acrzte- vcrband, der einen, Sattlermeistcr bei aller Anerkennung seiner Person die Aufnahme versagt, eben weil er Sattler ist. Die„Mitteilungen" des Vereins zur Abwehr des Antisemi- tismus, welchen wir diese Ausführungen entnehmen, bemerken dazu: „Ter Schluß wäre ganz richtig, wenn wir statt des Namens „Tentschcr Wandervogel" den Namen„Antisemitischer Jünglings- verein" hätten. Solange diese Namensänderung aber nicht voll- zogen ist, wird sich ohne unredliche Sophisterei unser jüdischer Volksgenosse von unseren Wanderungen nicht ausschließen lassen. "Aber, was ist sa eine kleine Ungerechtigkeit für einen Zlnti- scmiten?" Alles mögliche wird den Juden in die Schuhe geschoben: daß „der Gesellschaftstanz heute mehr und mehr geil und schleimig lvird," daß„das flache und gemeine Theater gegenüber dem guten an Raum gewinnt," daß„die Frivolität und die Geringschätzung des Weibes allgemein zunimmt." Man wirft ihnen vor, daß„die Söhne und Töchter deutscher Eltern verdorben" werden im Verkehr mit ihnen. Man spricht von einer„angeborenen Ehr- und Scham- losigkeit." Fast noch niedriger ist ein Flugblatt, das ein Herr E r l a ch herausgegeben hat. Dieser Herr meint, der Wandervogel soll kein .,2tvlagcrilngsplatz für alte Stiefel, die ehemals auf Plattbeinen gesessen haben und nach Knoblauch stinken," werden.—„Der Mädchenhandel wird stets von Juden betrieben." Es ist nur zu begrüßen, daß solche rüpelhaften Stilblüten hier und dort auf energischen Widerspruch stoßen. Die echtpreußischen und echtgcrmanischcn Jugendretter, denen die proletarische Jugend- bewegung natürlich auch ein Greuel ist, können nicht oft genug etwas auf ihre unsauberen Finger bekommen. Soziales. Spezialisierung im technischen Beruf. Es wird von Tag zu Tag für den Techniker, besonders wenn er tüchtig ist und sich seine Ausbildung hat etwas koste» lassen, immer schwieriger, eine Stellung zu erhalten, in der die Eni- lohnung einigermaßen in einem gesunden Verhältnis zu seinen Leistungen steht nnd zu den Ausgaben, die er sür eine angemessene Lebenshaltung zu machen gezwungen ist. Zu diesen Forderungen, die er an sich zu stellen hat, kommen die, die der Arbeitgeber selbstverständtich an ihn als technischen Angestellten erheben kann, Mit der ausreichenden Leistung des Angestellten an Arbeit nnd der eben erwähnten mehr oder minder ausreichenden Gegenleistung an Gehalt müßten, so meint der Laie, die Pflichten des Angestellten als Techniker erfüllt sein.(Siehe§ 611 des Bürgerlichen Gesetz- bnchs.) Mit dem Fortschreiten der Technik ist, wie man Voraue- sehen konnte, auch eine Spezialisierung der Industrie erfolgt, und rein zwanaslänsig eine Spezialisierung im Beruf. Der Ruhm der Technik, zu spezialisieren, brachte aber iwch weitere Gliederungen hervor, und zwar nach Grundsätzen, die mit der Technik nichts mehr zu tun haben. So soll der Techniker national sein. Das ist er zivar schon ohne seine ausgesprochene Absicht durch seine berufliche Tätiglett im Deutschen Reiche, falls er nicht durch eine Konlurrenztlauscl gezwungen wird, seine Fähigkeiten im Auslande zu verwerten. Sobald dieses neue Gebiet für die Spezialisierung erschlossen war. und die Angestellten nicht nur als Berussmenschen. sondern auch als Staatsbürger erfaßte, darf eS nicht weiter wundernehmen, wenn weiter seine Weltanschauung in die Grundbcdin- gungcn des§ 611 des Bürgerlichen Gesetzbuchs mit hineingezogen worden ist. Tos folgende, in Nr. 6 des„Essener Anzeigers" cr- schiene»? Inserat ist also völlig zeitgemäß: „Für das Bctricbsbureau cincr Klcineiscnzcugfabrit und Gesenkschmiede wird ein Tcchniler gesucht zur Stütze des Betriebsleiters, der auch imstande ist, erforderliche Betriebseiiirichtungen entwerfen zu können. Bc- vorzugi werden wahre Christen jüngeren"Alters. Gest. Angebote mit Beifügung eines Lebcnslaufcs unter 11. 2021 durch die Expedition dieses Blattes erbeten." „Nicht minder zeitgemäß ist auch." bemerkt die„Deutsche Jn- dnstriebeamtcn-Zeitung" zu diesem Lorgang,„wenn— wie wir einem Sprechsaalartikel des„Dortmunder Generalanzeigers" vom 30. Januar 1014 eninchmen— das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk in Essen a. d. Ruhr einem Ingenieur ans seine Bewer- bung sagen ließ, daß es grundsätzlich keine Juden anstelle. Die Spezialisierung der Technik nach politischen und religiösen Gesichts- punkten macht also allem Anschein nach Fortschritte. Die eine Firma braucht zur Herstellung ihrer Fabrikate„wahre Christen", die andere„grundsätzlich keine Inden"...Judenreine Elektrizität" und„wahrhaft christliches Kleineisenzeug" sind die neuesten Er- rungenschaften technischen Witzes." Agrarische Wvhlsahrtseinrichtungeu. Im Landwirtschaftsrat war viel die Rede davon, daß die länd- lichen Arbeiter durch Wohlfahrtspflege dem Lande erHaften werden sollen. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt folgender Fall: Ein Gutsbesitzer v. M a l tz a h n bewirtschaftet 25 Jahre die Güter Duckow und Pinnow bei Malchin in Mecklenburg. Gelegent- lich des 2Sjährigen Jubiläums hat er an seine Arbeiter einen Erlaß herausgegeben, in dem gesagt ist, daß er ans diesem Anlaß seinen Arbeitern von dem Ertrage seiner Güter etwas zukommen lassen will. v. Maltzahn verkündet feierlichst seinen Arbeitern, wenn die beiden genannten Güter einen sährlichcn Reinertrag von über 90 000 M. abwerfen, dann sollen 4 Proz. von dem Mehrertrag an seine Arbeiter verteilt werden. Natürlich unter bestimmten Bor- beHaftungen, wenn die Arbeiter recht lange bei ihm bleiben: hübsch brav sind usw. Eine Einsicht in die Geschäftsbücher ist natürlich ausgeschlossen. In dem Erlasse ist auch von alten Schulden der ?lrbeitcr die Rede. Besonders hoch scheinen die Löhne also nicht zn sein, ftebrigens ist diese Tatsache ein trefflicher Beweis, wie es mit der Not der Agrarier bestellt ist. 90 000 M. Reinertrag: damit läßt sich schon leben. Die verleumdete„Bvtkssürsorge". Im Jahre 1912 wurde bekanntlich vom Zentralverband der deutschen Konsumgenossenschaften nnd von den freien Getverk- schaften die �Aktiengesellschaft„Volksfürsorge" ins Leben gerufen. Sofort traten gegen diese Gründung die zunächst betroffenen Prüiatversicherungsgesellschaiten, weiter die öffentlich-rechtliche n Versicherungsanstalten und ähnliche Unternehmungen auf, in erster Linie die„Deutsche Loltsvcrsüherung. gemeinnützige Akticngescll- schoft". Ein heftiger Konkurrenzkampf, der sich besonders gegen die„Aolksfürsorgc" richtet, war die Folge. Er beschäftigte gestern das Landgericht ll Berlin, zweite Kammer für Handelssachen. Die „Volksfürsorge" hatte gegen die„Deutsche LolkSpersicherung" Klage wegen unlauteren Wettbewerbs angestrengt, und zwar deshalb. weil die„Deutsche Volksverficherung" zwei Zirkulare ver- breitet hat, das eine„An die Herren Arbisttgeber"!. das andere mit der Ueberschrift:„Welcher Voftsversicherung schließe ich wich an?" In diesen Zirkularen stand folgender Satz:„Bekanntlich hat stch die Sozialdemokratie ein« Bolksversicherung geschaffen, und die Gelder der Versicherten werden letzten EndeS dazu verwendet, der Umswrzpartei einen stärkeren Kriegsschatz für den Kampf gegen den Gegemvartsstaat anzusammeln." Die Klage ging dahin, die Weiterverbreitung dieser den Tatsachen widersprechenden Bc- hauptung unter Strafe zu stellen. Die.Volksfürsorge" wurde durch den Genossen Reichstagsabgeordnetcn und Rechtsanwalt Wolfgang Heine vertreten. Er wies zunächst auf die schweren Schäden hin, die die private Bollsversicherung dem Volke zugefügt hat, namentlich dadurch, daß ein großer Teil der Prämien, wenn sie infolge Arbeitslosigkeit nicht weiter gezahlt werden konnten, den Versicherten einfach verloren ging, dann aber auch dadurch, daß zahlreiche Versicherte durch golvissenlose Agenten zum Abschluß von Versicherungen veranlaßt wurden, die über die wirtschaftliche Kraft der Versicherten hinausgingen. Die Gewerkschaften nnd Genossenschaften seien die geborenen Träger einer wirklichen Bolksversicherung. Diese Arbeitervereinigungcn haben das größte Interesse daran, die wirtschaftliche Stellung ihrer Mitglieder durch eine wirkliche Bolksversicherung zu stärken. Das Aktienkapital von 1 Million Mark ist von den Gewerkschaften und den Genossenschaften ausgebracht. Wohl seien an der Gründung Sozialdemo- kraten beteiligt, aber es handele sich keinesivegs um ein Unternehmen der sozialdemokratischen Partei für politische Zwecke und Ziele. Die Beeinsiussuiigsversuche auf das Kaiserliche Aufsicht--- aint für Privatversicherungen seien gescheitert, und nun werde der Kampf durch unlauteren Wettbewerb, politische Gehässigkeit und Voreingenommenheit geführt. Das Zirkular behaupte wissentlich unwahre Tatsachen, denn die beklagte Gesellschaft müsse wissen, daß das Kaiserliche AuflichtSaint sofort gegen die „VolkSfürsorge" einschreiten würde, wenn sie ihre Gelder sozial- demokratischen Parteizweckcn dienstbar machen würde. Tos Zirkular rufe den Versicherungslustigen zu:„Bei der„Volks- fiirsorge" geht Ihr Eurer Gelder verlustig." Der Ausdruck „Kriegsschatz der Sozialdemokratie" könne nur gemeint sein, daß das Geld für angeblich revolutionäre Zwecke verwendet werde, nnd das sei eine infame Verdächtigung. Dieses Vorgehen ist so ahn- lich, als ob etwa die Deutsche Bank gegen eine Konkurrenzfirma aussprengen würde, daß die dort angelegten Depositengelder von betrügerischen Angestellten gestohlen würden. Der Vertreter der beklagten' Gesellschaft, Rechtsanwalt Ulrich, behauptet, daß nicht Tatsachen behauptet, sondern nur ein Urteil ausgesprochen würde. Das Zirkular gebe nur der Befürchtung ?luSdruck, daß die„Volksfürsorge" ein rein sozialdemokratisches Unternehmen sei und den Zweck verfolge, die Sogialdeinokratie in bisher fernstehende Volkskreise einbringen zu lassen. Bekannte Sozialdemokraten, wie v. Elm und Leschc. ständen an der Spitze des Unternehmens. Die Gewerkschaften und Konsumvereine stän- den doch im Dienste der Sozialdemokratie, die sich auch die un- politischen Krankenkassen dienstbar mache. Wenn die„Volks- fürsorge" Hypotheken gebe, so würde dadurch die sozialdemokratisch«. Parteilasse entlastet und könne mehr für Parteiziarcke aufwenden. Das Gericht wies die Klage der„VolkSfürsorge" gegen die „Deutsche Volksversicherung" kostenpflichtig ab. Eine Begründung wurde nicht mitgeteilt, sie soll den Parteien zugestellt werden. )tos Industrie und Handel. Ter deutsche Arbeitsmarkt im Januar. Nach vorläufiger Mitteilung des Kaiserlichen Statistischen Amtes zeigt die Lage des gewerblichen Arbeitsmarktes im Januar 1914 gegenüber dem Vormonat eine weitere Abschwächuug. Gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahre» ist fast durchweg eine erhebliche Verschlechterung eingetreten. Nach den Berichten von 4L größeren Arbeiterfachverbänden mit zusammen 2 000 918 Mitgliedern waren Ende Januar 1914 4,7 vom Hundert der Mitglieder arbeitslos gegenüber 4,8 V. H. Ende Dezember 1913. Bon Ende Dezember auf Ende Januar pflegt im allgemeinen die Arbeitslosigkeit auf der gleichen Höhe zu bleiben, wenn nicht etwas zuzunehmen. Im Vorjahr ergab sich eme Steigerung der Arbeits Ivsenziffer zur gleichen Zeit von TL o«f 3,"2 U. H. Die Arbcitslosen�iffer an sich ist also in diesem Jahr beträchtlich höber als im Vorjahr. Bei oöü öffentlichen Arbeitsnachweisen mit 121 640 Bcrmitt- langen kamen im Januar auf 100 offene Stellen bei den mann- lichen Personen 236, bei den weiblichen 101 Arbeitsgesuche.?ie entsprechcriden Ziffern des Vormonats waren 214 und 120. Hier- nach hätte der Andrang männlicher Arbeitsuchender weiter zuge- nommcn, derjenige weiblicher Arbeitsuchender abgenommen. Vom Tezember zum Januar ergab sich bei den männlichen Personen die übliche Verschlechterung, bei den weiblichen Personen die übliche schwache Verbesserung. Bei den männlichen Personen war aber in diesem Jahr die Vcrhältnisziffcr für die Arbeiter ungünstiger. Die Berichte von industriellen Firmen und Verbänden über die Lage des Arbcitsmarttcs im Januar teilen, von wenigen Aus- nahmen abgesehen, eine weitere Abschwächung mit. Auf dem Ruhr- kohlenmarkt wurde diese?lbschwächuiig durch den Frost, der die Schiffahrt unmöglich wachte, noch verschärft. Im ober- und nieder- schlesischcn Bergbau war die Lage günstiger, hier herrschte noch wie vor Arbeitermangcl. Auf die Lage im Braunkohlenbergbau übte das Froftivctter einen günstigen chinfluß aus; die Wehrzahl der Bezirke klagt über Arbeitermangcl. Roheisenindustrie sowie Stahl- und Walzwerke berichten vielfach einen schwachen Geschäftsgang, der zur Einlegung von Feierschichten nötigte. Die Maschinen- industric wies gleichfalls an vielen Orten einen Rückgang auf. Der Lokomotivbau war hingegen befriedigend, der Autonrobilbau gut beschäftigt. Insbesondere in der elektrischen Industrie machte sich, soweit die Großstädte in Betracht kommen, ein Ueberangcbot an Arbeitern geltend. Die wichtigsten Zweige der chemischen Industrie waren noch wie vor gut beschäftigt. In der Textilindustrie machte sich im Zusammenhang mit dem wenig befriedigenden Geschäfts- gang ein großer Andrang an Arbeitskräften bemerkbar. .ÄonkurrenzkälllPfe in der Elektrizitätsindustrie. Seitdem bekannt geworden ist, daß der preußische Staat dem- nächst von der Kraftquelle der Edertalsperre erhebliche Mengen elck- trischen Stromes abgeben wird, ist der im Wesergebiet arbeitende Elektrizitälskonzern fieberhaft tätig, die in Betracht komineliden Absatzgebiete unter seine Botmäßigkeit zu bringen. In der Haupt- fache kommt wohl die Allgemeine ElektrizitätSgefell- s ch a f t in Betracht. In den letzten Tagen sind die Vorbcratungen für die elektrische Versorgung des. Fürstentums Schaumburg-Lippc abgeschlossen Ivorden. Nach einer amtlidieii Mitteilung wird in kürzester Zeit eine Vorlage über den Anschluß des Fürstentums an das Elck- tnzilätswcri Mlnden-Rave>»sberg den Landtag beschäftigen, und die Arbeiten sollen so beschleunigt werden, daß das Land bereits im kommenden Winter mit Strom versorgt werden kann. Hinter dem Minden-Ravensbergischen Werke aber steht die Allgemeine Elek- trizitätsgesellschaft, die sich auch sonst bemüht, im Wcsergebict festen Fuß zu fassen, sie hat auch in Hameln einen wesentlichen Stütz- Punkt und versucht, kommunale Werke im Fürstentum Lippe an- zukaufen. Leider ist in der letzten Zeit über den Stand der Verstand- langen nichts bekannt geworden, die die preußische Wasicrbauver- waltung mit den Kreffcn und Gemeinden über die Abnahme von Strom vom Kraftwerk der Edertalsperre führt. Diese VerHand- lungen waren auf der Grundlage geftihrt, daß die Wasserbauverwaltung darauf verzichtete, in den Kreisen selbst unmittelbar eburger Landgerichts geführten Schmiergelderprozeß haben wir bereits am Sonntag mitgeteilt. AuS der mehrere Tage in Anspruch nehmenden Verhandlung mag noch folgendes hervorgehoben werden. Angeklagt waren die beiden Inhaber und mehrere Angestellte der Lacksirma Thurm u. Besäbke, die zur Förderung geschäftlicher Interessen an Werkmeister und Angestellte von Fabriken, Wersten, Eiscnbahnverloaltungen usw. in den letzten sechs Jahren mindestens 165 000 M. Schmiergelder verteilt und damit gegen§ 12 des Ge- setzeS gegen den unlauteren Wettbewerb uird gegen§ 333 St.G.B. (Beamtenbestechung) verstoßen haben. Die beiden angeklagten Firmcninbaber Walther und Fritz Bcschke gaben zu,„Ancrkennungsgelder" verteilt zu haben; aber nicht aus unlauteren Motiven, sondern um Erlcnntlichkeit den Meistern dafür zu erweisen, daß Lacke bei ihnen bestellt waren, und daß die Meister auf sachgemäße Verarbeitung ihrer Lacke sahen, gegebenenfalls ihnen auch mitteilten, welcher Verbesserungen die gelieferten Lacke bedurften oder ivelche Nachteile sich bei ihrer Verwendung herausgestellt hatten. Zuungunsten der Angeklagten sprach, daß sie diesen Teil ihrer geschäftlichen Tätigkeit streng ge- heim betrieben. Den schriftlichen Verkehr mit den Reisenden und den Meistern über diese Angelegenheiten ließen sie nur durch eine Verwandte, nämlich durch die Mitangeklagte Kontoristin Altmann führen; die„Anerkcnnungsgeldcr" wurden nicht als solche, soirdern unter anderem Titel, meistens unter allgemeine Unkosten oder „Warenkonto" gebucht. In den Meisterlisten befinden sich hinter einer großen Anzahl von Namen charakteristische Notizen über die Art der Behandlung dieser Angestellten, ob sie„zugänglich" sind, welchen Prozentsatz sie als Schmiergelder erhalten usw.; auch cnt- hält die Liste meistens die genaue Privatadresse der Angestellten. Seit dem 2. Juni 1011 si'rd allein annähernd 01 140 M. für Provisionen und sonstige Schmiergelder ausgegeben, worunter sich 13 045 M. befinden, die die Angeklagten sogar noch nach Eröfftiung des Verfahrens gegen sie an Schmiergeldern gezahlt haben. Der Anklage lag ein 120 Namen umfassendes Verzeichnis bestochener Werkmeister usw. bei. Auch Werkmeister der Reichswerften in Kiel und Danzig sowie der Staatsbahnen sind darunter. Es hau- delte sich dabei um genau fixierte Umsatzprovisioneu, die sich in der Holte von 254 bis 10 Proz. bewegten. Die größten der in Be. tracht kommenden Summen dürfte der Werkmeister der Reichs- werft in Kiel G. Gerdes bezogen haben, der eine Umsatzpravision von"IVz Pxoz. von Lacken und 5 Proz. von allem übrigen Bc- zogenen erhielt und der sich, soweit nock; nachweisbar, in der Zeit vom Mai 1007 bis Dezember 1910 4000 M. und in der Zeil vom Juni 1011 bis Mai 1913 5100 M., zusammen also annähernd 10 000 M.„Anerkennungsgelder" verdiente. Der Werkmeister Martin, von der Reichswerft in Danzig hat im ganzen 970 M. erhalten. Werkmeister Gerdes hat, wie wir bereits mitteilten, am Freitag Selbstmord verübt-__ �us aller Welt. der Kampf gegen üen Umsturz. Ohne Sozialdemokraten geht's doch nicht! Zu dieser recht vernünftigen Ansicht hat sich die hohe Obrigkeit des Fürstentums Reuß ältere Linie bekehren müssen. Mit löblichem Eifer betätigte sie sich für die nationalen Güter, führte sie gleich ihrer preußischen Kollegin den Kampf gegen den roten Umsturz. Ei« würdiges Objekt dazu war ihr in der Gemeinde Hohenölsen unser Genosse Hermann Herzog. Da es den Staat in Gefahr brachte, daß er als Sozialdemokrat Gemeindevorsteher fei, wurde Herzog dieses Postens enthoben und ihm gleichzeitig auch die Funktionen als Standesbeamter genommen. Nachdem er also zwangsweise aus Amt und Würden entfernt und der Staat aus einer großen Gefahr befreit war, wurde er zivangsweisc mit den Obliegenheiten eines Mitgliedes der Stcuercin- s ch ä tz u n g s k o m m i s s i o n betraut. Genosse Herzog ist auch Mitglied des Gemeinderatcs. Jetzt ist ihm durch den Landrat Dr. Drahoia feierlich bestätigt worden, daß er in der Gemeinde- Vertretung der einzige ist, der fähig sei, den Posten de» Ge- meindcratsborsitzcndcn zu bekleiden. Genosse Herzog hatte bei der Wahl aus verschiedenen Gründen den Vorsitz ab- gelehnt und ließ sich in seinem Entschluß nicht wankend machen. Da kam der Herr Landrat noch Hohenölsen, leitete die Ge- meindcratssitzung und unter dieser Leitung wurde der Sozialdemokrat zum Gemeinderatsvorsitz enden gewählt. Um dieser Wahl Nachdruck zu verleihen, erklärte der Herr Landrat unserem Genoffen, wenn er die Geschäftsführung verweigere, müsse das Landratsamt gegen ihn einschreiten. Ohne Sozialdemokraten geht's nicht mehr! Erst sind die Kerle so niederträchtig und eignen sich allerhand Fähigkeiten und Kennt- nisse an und dann müssen sie zwangsweise dazu gebracht werden, die Gemeinde und damit auch den Staat verwalten zu helfen. Eine seltsame Affäre. Ein geheimnisvolles Drama, das sich in dem Hause eines russischen Artillerieobersten abspielte, beschäftigt äugen- vlicklich die Petersburger Gesellschaftskreise. In der Wohnung des Obersten wurde eine jungver heiratete Frau namens Pikel erhängt aufgefunden. Die Wohnung des Obersie» stößt an die Wohnung eines Majors. Als letzterer beim Nachhausekommen bemerkte, daß die Tür zur Wohnung des Obersten unverschlossen war, trat er erstaunt ein und fand zu seinem Entsetzen die Leiche der jungen Frau am Fensterkreuz hängen. Wenige Schritte vom Fenster entfernt schlief der Ober st friedlich in seinem Bette. Der Oberst erklärt nun, von dein ganzen Vorgang nichts bemerkt zu haben und auch die junge Frau von Gesellschaften her nur ganz oberflächlich zu leimen. Die Untersuchung der Aerzte hat Selbstmord durch Erhängen festgestellt. Da? mysteriöse Dunkel, das über der Affäre schwebt, wird noch dadurch erhöht, daß die junge Frau in den glücklichsten Verhältnissen gelebt haben soll. Harakiri. Väterchen Zar will mit Gewalt Harakiri verüben. Er wendet sich in einem Erlaß gegen seinen treuesten Bundesgenossen, den W u t k i. Radikale Reformen sollen in Rußland nach einem kaiserlichen Erlaß vorgenommen werden, um die unvermeidbaren Folgen der Trunksucht zu beheben. Wer die Folgen der Trunksucht beseitigen will, muß vor allem natürlich die Trunk- sucht bekämpfen. Wenn das Väterchen tut, würde er den Ast ab- sägen, auf dem er sitzt. Denn nur zwei Dinge sind es, die daS bewährte zaristische Regime aufrecht erhalten: die unglaubliche Verlumpung der Bureaukratie und der Fusel, der die armen Massen in ihrer Unkultur erhält. Wer an diesen Säulen des Ab- solutismuS rüttelt, stürzt das ganze hehre Gebäude um. Meine Stotize». Gestiichtcter Dcfrandant. Seit 14 Tagen ist der Rendant der Spar« und DarlehnSkasse in Brosewitz in Schlesien, Stellen» bcsitzer Paul König, verschwunden. Der flüchtige Rendant ver» lvaUete seit sechs Jahren die Kasse. Als vor wenigen Tagen die Bücher der Kasse zur Revision nach Breslau gesandt werden sollten. verschwand König. Da er nach dem Ablauf von 14 Tagen noch nicht zurückgekehrt war, nahm man eine Revision der Bücher vor, bei der vorläufig ein Fehlbetrag von 40 000 Mark fest» gestellt wurde, dem nur 8650 Mark als Vereinsvermögen gegen» überstehen. � � SchrcckeuStat einer Mutter. Sine auffegende Szene spielte sich am Montagvormittag in Dortmund in der Nähe des BootS- Hauses am Dortmund-EmSkanal ab. Dort sprang die Ehefrau des Lehrers Beug er mit ihrem 4Vz jährigen Töchter chen in den Kanal. Der Wirt des Bootshauses, der den Vorgang beobachtet hatte, unternahm sofort Rettungsversuche, doch gelang eS ihm nur, das Kind lebend ans Land zu bringen. Die Frau ertrank; ihre Leiche ist geborgen. Die Frau, die seit längerer Zeit gemiits» krank war. vollführte die schreckliche Tat in einem Augenblick geistiger Umnachtung. Schweres Straßcudahnunglück. Ein schweres Straßenbahnunglück ereignete sich am Sonnabendabend in Rochdale. Ein Straßen- bahnwagen, der eine steile Böschung herabfuhr, sprang bei einer Kurve aus dem Glei« und fuhr in einen Laden. 18 Per- s o n e n wurden schwer verletzt. Selbstmord des New Aorkcr Schatzmeisters. John Kennedy, der Schatzmeister des Staates New Jork, hat sicv am Sonntag die Kehle durchgeschnitten. Er sollte am Montag in der B e- stechungSangelegenheit in Verbindung mit dem Staats« kanal als Zeuge vernommen werden. Briefkasten üer Reüaktion. Die lurtfttiaie Eoreaiftunde sind« Lindenstratze 69, dorn diu rreppe» — N-lir stuhl—, woihcnti glich von dih bis 7'/j Uhr abends, Eouuadeud», M» 4 Vi bis 6 Uhr atends statt. Jeder für den Brirflaftra destlmmtc» Ansrage ist ein vuchftadr uad eine Zahl als Merkj eiche« detznfügea. vrtrsttche«ntwori wird uicht erteilt. Aufragen, denen leine AdonnrmcniSanittung beigefügt ist. --erde« nicht draniumrict. eilige Fragen trage mau tu der evrechftundr vor. S. Ä». ZOO. Zunächst muß an die Hersteller und Verbreiter eine Aussordcrung aus Unterlassung ergehen. Erfolgt die Herstellung und Ver- brettmig trotzdem, so haben sie Anspruch auf Schadenersatz. Dieser An« spruch ist im' Wege der Zioilllage geltend zu machen. Außerdem kann Strasantrag bei der Staatsanwaltjchajt gestellt iverden.— F. P. 36. Sic lönneil sosort ausziehen, falls Sie den MietSvertrag nicht cbcnsalls unterschrieben haben. Andernsalls müßten die vertragiichen Kündiguiigs- bestimumligcn iimegehalten werden.— 45. H. Sp. Der Sohn, falls un- verheiratet, miigte den Betrag abgeben, der etwa 25 M. wöchentlich über- steig!. Die Frau soll gegen den Ehemann die Alimentationsllagc erheben und sich vorher beim Armenvorsteher ein Armcnattest besorgen.— 201. M. I. Wir halten Sic zur Zahlung für verpflichtet.— St. B. 23 Versuchen Sie es mit einer Anfrage bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk Ihre Schwiegermutter damals gewohnt hat.— M. B. 54«. Ihr Onkel kann den Antrag ausrechl erhalten. Eine Berufung beim Oberversichcrungs- amt ist erst nach Zustellung de« Bescheide« zulässig.— C. Sch. 6. 1. Fall« das Kind nicht später legitimiert ist, nein 2. In der Rückeristraße. 3. Der Lchrvertrag bleibt güllig. Er kann nicht einseitig durch den Arbeit- geber aus dem genannten Grunde gelöst werden.— R. H. 1043. An- spruch aus die Aufwandsentschädigung von 240 M. besteht nur dann, wenn ans einer Familie Söhne. die ihrer gesetzlichen Dienstpflicht genügt, zusammen sechs Jahre gedient haben.—<£. C. Nein. 31. W. 1889. 1. Ihre Mutter ist krankenvcrsicherungspflichtig. Die Versicherung solgt auS§ 165 der Reichsversich crunasordnung. 2. Nein, nur für die beiden letzten Monaic. I. Als Beschwcrbcinstanz gilt das 25er. sicherungsaml.— Erwin. Grete. 88. 1. Dazu wäre Ihre Tochter bc- rechtigt, jedoch nicht zur Ausblldimg von Lehrmädchen. 2. Das Abkommen wäre rechtsgültig, u. E. nicht stempclp flichtig.— A. F. 100. Ja. bei dem Polizeirevier.- Elsaß 100. 1. Nein. 2. Rund 19»/� Millionen. 3. AuS der Staatskasse nichts. 4. Dagegen nicht gestimmt; ob dasür, nicht fest- stellbar, da eine namentliche Abstünmung bei der entscheidenden Schluß- abstimmung nicht stattsand.— W. M., Schöncbcrg. Leider nicht. Oeflenttiehe politische Versammlungen. liierter Wahlkreis. DieuStag, bcu 17« Februar, abends 8Vs Uhr, in Kellers Festsälen(Inhaber Obiglo) Koppenstraße 29: Große öffentliche Versammlung: für Frauen und Mäuuer. Tagesordnung: »«>' i» Rußland und die Frauen"TW und Rädehen in der russiisehen Revolution HS Referent: Schriststeller Genosse Engen Goldberg.— 2. Diskussion. Zahlreichen Besuch erwartet 211/10� Der Einberufer: Paul Hoff mann. Königsberger Strafe 28. Todes-Anzeigen WlleWtMöAMiMsereul MtBefLReichstags-Vatiikreis. Bezirk 33. Ln» 14. Februar verstarb«nser langjähriges Mitglied, der Maurer August Funke Kirchbachstratzc 14, Ehre seinem Andenken! Die Einäscherung findet«n Donnerstag, den 19. Februar, mittag» 12 Uhr, in der Gericht- stratze statt. Kränze verbeten! Um rege Beteiligung bittet Der Borstand. Dentseiier BaDarbeitenerband. Zweigverein Berlin. Am 14. Februar starb unser Mitglied, der Maurer Aug:ust Funke (Bezirk Westen). Ehre seinem Andenken Di« Einäscherung findet am Donnerstag, den 19. Februar, mittags 12 Ubr, im Krematorium, Gcrichtstr. 37, statt. Um rege Betestignng ersucht 149)29 Oer SozialdemokratiseberWablvereio Ld. 2.Berl.Mehstagswatilkreis. Bezirk Nr. 136a. Am Sonnabend, den 14. Februar, verschied nach langem, schwerem Leiden unsere Genossin Ida UrIif. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den IS. Februar, nachmittags 4'/. Uhr, aus dem städtischen Gemeinde-Friedhof in Buch statt. Um rege Beteiligung ersucht I»«!» Vorstand. Zentraiverband der Kascbinisten o. Heizer sowie Berufsg-Deutsehl. Geschäftsslelle GroB- Berlin. Bezirk Osten. 153/4 Am Sonnabend, den 14. Fe- bruar, oerstarb nach schwerem Leiden unser Mitglied, Kollege llax Oräfe. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Februar, nachmsttags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral-gried- hoseS in Friedrichsselde aus statt. zung erwartet enverwaltuno. SozialdemokratiseherWabiTerein I.d.6.ßeri.Reiehsta§s-Walilkreis. Bezirk 784. Am Sonntag, den 15. Februar, verstarb unser Genosse, der Schleiser Albert Heise Malplaquetstr. 24. Ehre seinem Andenke» l Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Februar, nach- mittags 2'/. Uhr, von der Leichen« , Halle des Städtischen Friedhoses, Mnllerstroßc, Ecke Seestrafie, aus statt, Um rege Beteiligung ersucht 225/4 vor Vorstand. ßeutseber Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Biersahrer Hennsim Gerlach am 13. d. Mts. im Atter von 42 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindet heute Dienstag, den 17. Februar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des HcMg-Kreuz-5dirchhoses in Maricndors, Eisenachcr«trage, aus statt, 62/11 Die Bezirksverwaltung. Am«onnabcnd, den 14. d. ilK., verstarb nach langem, schwerem Leiden mein lieber Atann, unser guter Sohn und Bruder krieclricli Klein, Im Namen der Hinterbliebene» Frau Klein. Die Beerdigung findet am Mitt- woch, den 18. Februar, nachmittags 2'/, Uhr, von der Leichen- Halle in Fricdrichshagen aus statt. 54A Frauen■ Sterbekasse von Mitgliedern der Zentral■ Kranken- und Sterbekasse der deutschen Wagenbauer. Ortsverwaltung Berlin 17. Am Sonnabend, den 14, Februar, verstarb nach langem Leiden unser Mitglied, Frau Ida Duhr geb. Brunnmöhler. Ehre ihrem Zlndenkeil! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Februar, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Halle des Anstatts-KirchhoseZ in Buch aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltung. Bez. 17. Kranzspenden sowie sämtliche* Blumenarraiigemeiits liefert schnell und billig Paul Oross, Lindenstr.69, Tel. Mpl. 7293 SozialdeniokratiscberWahlvErein f.d. 4.BerI. Reiebstagswahlkreis. Stralauer Viertel. Bezirk 325. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Genosse, der Schlosser Max Gräfe, Helsingsorser Platz 2, gestorben ist. Ehre seinem Andenke« l Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Februar, nach mittags 3 Uhr, von der Halle des Zentral-Friedhoses in Friedrichs- selbe aus statt. Petersburger Viertel. Bez. 386 II. Den Mitgliedern zur Nachricht. dag unser Genosse, der Tischler Gustav Pose, Mirbachstr. 17, gestorben ist. Ehre seinem Andenken.' Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Februar, nach- mittags 41/, Uhr, von der Halle des Zentral- Friedhofes w Friedrichsseide ans statt. stöpenicker Viertel. Bez. 167. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Zigarren- Händler lluxo koes, Manteuffelftr. 27, gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Einäscherung findet am Donnerstag, den 19. Februar, vormittags 11 Uhr, im Krematorium, Gerichtstratze, statt, Um rege Beteiligung ersucht vor Voi-stand. «onn abend, den 14. d. Mts., entschlief sonst nach schwerem Leiden mein� teurer Mann und Vater, der Satllermeister Georg: Bichler Neulölln, Ertstratze 4 im 36. Lebensjahre, DieS zeigen hiermit liesbcttübt an Tie trauernde Witwe Sohn und Bruder. Die Beerdigung findet Mittwoch, den 18.Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Neu- köllner Friedhofes, Rudower Str., aus statt. 936b SozialdemokratiseberWahlverein Reukölin. Am 14. Februar verstarb«nser Parteigenosse Georg Richter Erlstr. 4, 7. Bezirk. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Februar, nach- mittags 4 Uhr. von der Leichen- Halle des alten Neulöllner Fried. hoses. Rudower Straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Dp.Siinmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41,."X"» 19— 2, 5— 7. Sonntags 19— 12. SozialdemokratiscberWablvECEin Kreis Niederbarnini Bez. Friedrlcbshagen. Nachruf. Am Dienstag, den 19. Februar, ist in Düren(Rheinland) infolge einer Operation unser Mitglied, der Maurer Gtto Gebauer im Alter von 38 Jahren gestorben. Ehre seinem Andenken! 249/4 Die Bezirksleitung. Danksagung. Für die herzl'che Teilnahme und sür die reichen Kranzspenden beim Hinscheiden meiner lieben Frau »ort» BüttRSr sage ich allen Verwandten. Freunden und Bekannten, dem Personal und den Heimarbeitern der Firma Neli'en u. Co., den Kollegen der Firma W. König, dem Musikvcrcin.Echo', Neu- iölln, meinen besten Dank. 111A Georg küttaer»nd s°hn. Danksagnnpr. Für die uns in so reichem Maße erwiesene Teilnahme und die zahl- reiche» Kranzspenden bei der Beerdi- gnng unseres so früh verstorbenen Paiil üchpoeter sagen wir allen Verwandten und Bekannten, insbesondere der OriSverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes, den Kollegen und Kolle- ginnen bei der Firma C. Lorenz A.-G. und dem Vorstand und Turngcnossen vom Turnverein„Fichte" unseren innigsten Dank. 935b Hermann Schrceler. Familie Rosin. PlasmonKcikck enthält das seit über 15 Jahren außerordentlich bewährte, billigste 1 und beste Elwei Rnfihrpraparat für Körper u. Nerven Plasmon-KaKao(ca. 500/o Eiweißgehalt) ist reich an Eisen, natürlichen Phosphorverbindungen und anderen wertvollen Nährsalzen, daher unentbehrlich für Schwächliche, Bleichsüchtige, Nervöse, ebenso für die heranwachsende Jugend als Frühstücksgetränk.— W Pfund M. 3.00, Ii Pfund M. 1.65, h Pfund M. 0.90, Plasmon* Bisbnlt,-Zwieback, •Schokolade,•Halerkakao, Eisen• Plasmon* Plasmon Gesellschaff nxbJO:. Erhilüich in Apoflstktn und Drondra. Musterkollektion d. Plumoa-Priparal. gegen Einsendnng von M. I.SO überallhin trank». Anslührl, Broschüre versend, gratis W//i/////////////' Deutseber Holzarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler GsKse Wesiger Lil lauer Str. 2 im Alter von 28 Jahren ge< starben ist. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 17. d. Mts., nachm. 2 Uhr. von der Halle des Zentral-FriedhoscS in Friedrichs- selbe aus statt. Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Gustav Pose Mirbachstr. 17 im Alter von 46 Jahren ge- starben ist. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. d. MtS., nach- mittags 4'/, Uhr. von der Halle des Zentral-Friedhoscs in Fried- richsselde aus statt. Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Polierer Friedricd Klein Friedrichshagen, scharnweberstr. 5 im Alter von 31 Jahren ge- starben ist. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. d. Mts., nach- mittags 2>/, Uhr, von der Halle des Friedrichshagener Gemeinde- Friedboss aus statt. Ehre ihrem Andenken! Um rege Beteiligung ersucht 83/9 Die OriSverwaltung. Statt besonderer Meldung. Am Sonntag, den 14. d. MtS., verstarb nach kurzem, schwerem Leiden meine liebe Frau, unsere gute Mutter Klara Riedel geb. Krause. Dies zeigen tiesbetrübt mst der Bitte um stille Teilnahme an Emil Riedel. Heinrich Riedel, Hermine Riedel, Lichtenberg, Wilhelm fir. 14. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. Februar. nachmittags 5 Uhr. von der Halle des Zentralsriedhofs m Friedrichs- selbe aus statt._ 9376 DeutseberHetaliarbeiter-Verbaiid Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht. daß unser Mstglled, der Schleifer rMhert Heise (Malplaguetstr. 24) am 15. d. MtS. an Zuckerkrankheit gestorben ist. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Februar, nach- mittags 2li, Uhr, von der Leichen- Halle des städtischen Friedhoses, Seestraße, auS statt. 112/20 Ferner starb unser Mitglied, der Metallarbeiter Erich Losansky. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Februar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen. Halle des Andreas- Gemeinde. Friedhoses in WilhclmSberg aus statt. Ehre ihre« Audeuke»! Rege Beteiligung erwartet Die Drtsverwattung. Dankfagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die lerchen Kranz- spenden bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes, unseres guten Bruders und Schwagers Raul ReGie Soldiner Straße 3 sagen wir allen Verwandten. Zreun- den und Bekannten sowie deni Wahl- verein, dem Metallarbeiterverband, insbesondere dem Lotterieverein .Deutsche Eiche- und dem Gesang- oerein.Gcsundbrunncr Harmonie- unfern herzlichsten Dank. 1252t Familie Jletlte. �WrÄWvW� RcdÄteur�Älfrcd Witlepp» Neukölln. Für de« Inseratenteil vcrantw.: Th.«locke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt, Duchdruckerei u. LerlagSanstalt Paul Singer Sc Co, Bcrlw SWT Ar. 47. 31 Iahrgaug. 2. KcilM des Jotraärte" Kcrlim lloliiStilaft. Aieustag, 17. Februar 1914. die /lrbeitgebenvahlen zum Kaufmannsgericht werden morgen, Mittwoch, den 18. Februar, in der Zeit von 12—4 Uhr nachmittags v ollzogen. Vom„Kaufmännischen Mittelstand" sowohl als vom „Zentralwahlkomitee der vereinigten kaufmännischen Verbände" wird alles aufgeboten, um die Beisitzer der„Freien Arbeit- gcber" aus dem Kaufmannsgericht zu verdrängen. Deshalb ist cS doppelte Pflicht aller sozial denkenden Kaufleutc, sich an der Wahl zu beteiligen und ihre Stimme für die Liste 2, Freie Arbeitgeber abzugeben. Es gilt zu verhüten, dag ausschließlich nur Groß- kapital und Großindustrie in dem Kaufmannsgericht vertreten ist, oder daß die rückständigen mittelständlerischen Elemente au Einfluß gewinnen. Die Wahl unabhängiger, demokratisch gesinnter Männer ist dringende Notwendigkeit. Die amtlichen Wahlstellen und die Lokale von welchen aus die Agitation betrieben wird sind folgende: Wahl. stelle t- 10 11 12 18 14 16 16 17 18 18 20 21 22 23 2t Stadtbezirke 1, 2, 7 u. 8 3, t u. 201 5. u. 6 8-11 12— lt u. 19 15 u. 16 17, 18, 20 u. 21 22-25 26—30 u. 117—118 31-42 u. 50 43—49 u. 51—62 63—80, 114—116 u. 123-125 81-113B u. 138-139 119—122 u. 126—127 128—135 136-137 u. 140-144 145—162 163—186 187—200 u. 202—204 205—215 218—266 216—217 u. 2614—278 279—304 303-326D iahlstelle Rathauö, Eingang Juden- strotze, III, Zimmer 109. Turnhalle des Berlinischen Gymnasiums zumGrauen Kloster, Neue Friedrich stratze 86. Turnhalle der 24. Gem.- Schule, Hinter der Gar- nisonkirche 2. Turnballe der 130. Gem.- schule, Niedertvallstr. 6/7. Turnhalle des Dorotheen- slädt. Realgymnasiums. Eing. Dorotheenstr. 12. Turnhalle der Friedrichs- werderschen Lberreal- schule, Riederwallstr. 12. Turnhalle der27./44. Gem.- Schule, Wilhelmstr. 117. Turnhalle der 4./5. Gem.- Schule, Alte Jakobstr. 127. Turnhalle der 181./169. Gem.- Schule, Tempel- hofer Ufer 2. f Turnhalle der 107. Gem.- Schule, Genthiner Str. 4. Turnhalle der 108./116. Gem.- Schule, Hagel- bergerstratze 34. Turnhalle d. 28./217.Gem.- Schule, Wilmsstr. 10. Turnhalle der 20. Gem.- Schule. Waldemarstr. 77. Turnhalle der 112./129. Gem.-Schule, Wassertor- stratze 31. Turnhalle der 47. Gem.- Schule, Stallschreiber- stratze 54. Turnhalle der 62. Gem.- Schule, Schmidstr. 38. Turnhalle der 5. Hilfs- schule. Blumenstr. 77. Turnhalle d. 23 Gem.-Sch., «trausberger Str. 9. Turnballe d.lZg./161.Gem.- Schule, Georgenkirckitr. 2. Turnhalle der 8./63. Gem.- Schule, Gipsstratze 23a. Turnhalle d. 15./171. Gem.- Sch.. 5iastan.-Ällee 81/82. Turnhalle der 260. Gem.- Schule Ackerstr. 67. Turnhalle der 113./128. Gem.-Schule. Turmstr. 86 Turnhalle der70./202.Gem. Schule, Ravensstr. 12. .arteilokal Boß, Klosterst. 101. Nitz, Neue Friedrich- stratze 89. Botz, Klosterstr. 101. Med«, Hausvogtei- Platz 2. Weihnacht, Grünstratze 21. Meder, Hausvogtei- platz 2. Rathmann.Wilhelm- stratze 118. Zepp, Wallstr. 36. Schroeter, Mark- grafenstr. 95. Geitzler, Kurfürsten- stratze 37. Hönow, Hagel» bergerstr. 6. Hump, Bärwald- stratze 61. Grundmann, Pück- lerstr. 29. Wolf, Alerandrinen- stratze 114/115. Schakow, Stall- schreiberstr. 6. Voigt, Schmidstr. 6. Pilyecker, Blumen- stratze 34. Schmidt, StrauS- bergerstr. 7. Zpaer, Georgenkirch- stratze 65. Wirth, Auguststr. 51. Zundel, Kastanienallee 29'30. Rhein, Ackerstr. 68. Beyer. Pritzwalker Str.l3,Ecke Turmstr. Kaczerowski, Ra- venostr. 6. Als Legisimation gilt die Benachrichtigung des Magistrats oder Gewerbesteuer- und sonstige Steuerquittung. D i e Wahl ist geheim. Kein Anhänger der Partei darf fehlen: jede Stimme zählt. Unsere Parteigenossen, die über freie Zeit verfügen, er- suchen wir, sich in den vorbezeichnctcn Lokalen, für die sich auf wenige Stunden beschränkende Wahlarbeit zur Verfügung zu stellen._ «Reformen* in öer Siechenpflege öerlins. Die Siecheupflege der Stadt Berlin läßt trotz manchen Fortschritten immer noch sehr zu wünschen übrig, und noch vieles ist an ihr zu bessern. Einiges von dem, ivas uns neuestens als besondere Errungenschaft gepriesen wird, müssen wir geradezu einen Rückschritt nennen. Der Wunsch, weiterer Mehrung der Inanspruchnahme unserer Siechenhäuscr möglichst entgegenzuwirken, ist in den letzten Jahren für die Siechenpflegeverwaltung fast zum leitenden Gesichtspunkt geworden. Haben wir schon Ueberslutz an Siechenhäusern? Es könnte so scheinen, da z. B. Ende Dezember 1913 die drei Anstalten an der Palisadenstratze, an der Fröbelstraße und iu Buch bei zu- sammcn 3400 Betten knapp 3100 Insassen hatten. Indes, der vollen Ausnutzung bis zur höchstmöglichen Belegungszifser sind bei den Siechenanstalten ebenso wie bei den Krankenhäusern gewisse Schranken gesetzt, weil dort wie hier die Trennung der Pfleglinge nach der Art Ures Leidens eine beliebige Verlegung aus gefüllten Abteilungen in minder stark belegte erschwert. Tatsächlich empfindet man in der Siechenpflege Berlins schon lange wieder das Bedürf- nis weiterer Anstaltsvermehrung, und die Notwendig- keit einer solchen ist auch längst anerkannt worden. Aber bisher hat die Lösung dieser Ausgabe nicht recht vom Fleck kommen wollen. Trotz Versuchen und Bemühungen, die vorhandenen Anstalten durch alle möglichen Mittel zu entlasten, wird die Ausführung des ge- pfcmten Erweiterungsbaues an der Fröbelstraße sich nicht läng« auf- I schieben lassen. Für die Wahl dieses Bauplatzes ist ausschlaggebend gewesen, daß künstig die Krankenhäuser mehr als bisher ipurch die Siechenhäuser entlastet werden sollen, wobei ! dann zur Erleichterung des Transportes siecher Patienten die Siechcnhäuser nicht zu weit ab von den Krankenhäusern liegen dür- fen. Gern hätte der Magistrat bei dieser Anstaltsvermehrung wieder einen Bauplatz außerhalb Berlins gewählt, weil von einer Unterbringung der Siechen in einer von Berlin entfernten Anstalt eine Abschwächung und Verminderung des Zudranges zur Hospital- pflege erwartet wird. Diese Erwägung war mitbestimmend für die Verlegung des letzten neuen Sicchenhauses nach Buch hinaus, und die Siechenpflegeverwaltung ist der Meinung, daß ein gewisser der Absicht entsprechender Erfolg tatsächlich eingetreten sei. Nur der Not gehorchend, im Hinblick auf den schon erwähnten Wunsch einer Krankenhausentlastung, will man das jetzt geplante neueste Siechen- haus in erreichbarer Nähe bauen. Bis es dazu kommt, soll wieder mehr als bisher das Mittel der Autzenpflege angewendet werden. Außenpflege ist die Unter bringung siecher Personen in Familien, denen dafür ein Kost- geld gezahlt wird. Schon seit langem hat Berlin sich mit diesem Verfahren zu helfen gesucht, in ausgedehntestem Matze vor Fertig- stellung des Hospitals in Buch. Gewiß gibt es Sieche, die selber nach Ueberweisung in Außenpflege verlangen. Aber die Verwal- tung würde aus manchen Gründen sie gar nicht gerne bewilligen, wenn sie nicht ihren Vorteil dabei sähe. Außenpflege stellt sich billiger als Verpflegung in den Siechenhäuscrn, das ist das ganze Geheimnis der bei der Verwaltung so stark aus- gebildeten Schwärmerei für die Außenpflege. Das den Familien gezahlte Kostgeld für einen Siechen bleibt ja unter den Auf- Wendungen zurück, die für einen Anstaltsinsassen gemacht werden müssen. Die Autzenpfleglinge in Berlin unterzubringen, gilt aller- dings als bedenklich, weil ihnen hier ein so hohes Kostgeld bewilligt werden mutz, daß die in der hiesigen Armenpflege üblichen Almosen- sätze zu sehr davon abstechen. Eine Mehrung der Unterbringungen in Berlin möchte man möglichst umgehen in der ausgesprochenen Absicht, zu verhüten, daß für die Armenpflege sich Schwierigkeiten ergeben. Sehr beliebt ist dagegen— beliebt bei der Verwaltung!— die Abschiebung auf das Land, wobei nicht der Berliner Armenpflege sozusagen„die Preise verdorben" und andererseits an den geringeren Kostgcldsätzen auch recht hübsche Ersparnisse gemacht werden. Ob freilich die Siechenpflege dabei gewinnt, das ist eine andere Frage. Da nur die noch halbrüstigen Siechen in Autzew pflege gegeben werden, so besteht die Gefahr, daß die Pfleger sie als willkommene Ausbeutungsobjekte benutzen. Es ist nicht selten, daß solche Außenpfleglinge den Pflegern eine halbe Arbeitskraft ersetzen müssen. So hat z. B. ein„gut empfohlener Grundbesitzer" in Gransee, bei dem mehrere Jahre hindurch immer gleichzeitig vier Berliner Autzenpfleglinge waren, diese zu Erwerbs zwecken ausgenutzt. Einen gab er weit weg nach Mecklenburg in Arbeit zu einem anderen Grundbesitzer, der dem Pflegling einen Tagelohn und jenem„Pfleger" noch eine Prämie für Ueberlassung der Arbeitskraft zahlte. Als der Pflegling nach Berlin in die Anstalt zurückgekehrt war, ging bei ihm per Post eine Unfallrente ein, die er früher nicht bezogen hatte. Inzwischen hatte er nämlich in Mcck- lenburg bei der Arbeit einen Unfall erlitten, und nun brachte die Rente alles an den Tag. Eine Kontrolle der Pfleger ist jq schwer mög- [ich, darum wird man immer mit solchen und ähnlichen Ausbcutungs- Praktiken rechnen müssen. Schon deshalb muh der Neigung, Außen pflege wieder noch mehr als bisher anzuwenden, entgegengetreten werden. Uebrigens hat auch der leitende Arzt des Sicchenhauses Fröbelstraße sich dahin ausgesprochen, daß die Fälle, in denen Autzenpflege als zweckmäßig ohne Bedenken angewendet werden könne, sehr selten seien. Ihr„Hauptvorzug" ist unseres Erachtens der, daß sie für die Verwaltung den„Reiz" größer« Billigkeit hat. Und jetzt soll sie auch noch dazu dienen, die Ausführung dcS Erweiterungsbaues zu verschleppen! Ist es denn aber in den A n st a l t e n so sehr viel besser? Leider können wir auch diese Frage nicht mit einem rückhaltlosen Ja beantworten. Auch hier ist noch manches nicht so, wie es sein sollte. Wir wollen mal absehen von den üblichen Klagen, wie sie aus all solchen Heil- und Pflegeanstalten immer wieder an uns gelangen, im besonderen von der Klage über Mängel der Bekösti- gung. Unvereinbar aber mit dem Wesen der Siechenpflege scheint uns, daß in den Siechenanstalten der Stadt Berlin die H e r a n � ziehung der Siechen zu Arbeitslei st ungcn in ncw cster Zeit eine so weite Ausdehnung genommen hat. Äehnlich wie bei der Außenpflege besteht hier wieder die Gefahr, daß für die Siechen, was ihnen eine Wohltat sein könnte, in eine Plage aus- artet. Ein bißchen Beschäftigung wird manchem Anftaltsinsassen sicherlich sehr erwünscht sein, aber die systematische Heranziehung zu Arbeitsleistungen verleitet zu Uebertreibungen. In der An stalt Buch, die so gerne mit dem anheimelnden Wort„Altleuteheim' bezeichnet wird, kommandiert der Oberinspektor Hahn. Er hat zum Zweck der Einführung� einer Siechenbeschäftigung vorher besondere Studien gemacht, bei denen er auch in den Hamburger Armen- und Werkhäusern—„Arbeitshäuser" nennt man sie treffender— nach Anregungen suchte. Nicht viel anders als in einem Arbeitshaus werden in dem„Altleuteheim" Buch alle möglichen Arbeiten ge- leistet, auch solche, die mit reichlicher Kraftanstrengung ver Kunden sind. Der letzte Verwaltungsbericht gibt an, daß z. B. im März 1913 von 94 Männern und 78 Frauen gegen Entgelt(durch- schnittlich 3 M. pro Monat) gearbeitet wurde. Die alten Schuh macher führten sämtliche Schuhreparaturen aus. Tag für Tag waiken vier bis fünf Maler tätig, das Mobiliar und die Gebäude in gutem Anstrich zu erhalten. Außerdem arbeiteten Tischler, Klempner, Schneider, Korbmacher, Glaser, Sattler, Tapezierer, Buchbinder, Maurer, Schlosser, Bandagisten, Stuhlflechter,„sich selbst und ihrem schönen Heim zunuNutzcn", wie der Verwaltungs- bericht so hübsch sagt. In der Nähstube, sagt derselbe Bericht, „regen ungefähr 36 Frauen und Mädchen die fleißigen Hände Fast eben so viele flicken, stricken, stopfen auf ihren Zimmern oder in den Tagesräumen. Im Bericht über das vorletzte Jahr stand zu lesen, daß die alten Schuhmacher 909 Paar Fußbekleidungen besohlten und 2041 Paar ausbesserten, woraus sich für die Anstalt nach Abzug der Ausgaben eine Ersparnis von 2429 M. ergab. Sehr nett, nicht wahr? Aber man niache sich einmal klar, was all diese Arbeiten bei Insassen einer Siechenanstalt zu bedeuten haben! Gesunde kommen bekanntlich nicht in ein SiechenhauS, und be- sonders in die Siechenhäuser der Stadt Berlin kann ein« gewöhn- lich«st dann hineingelangen, wenn er schon ziemlich zusammen- geklappt ist. Die wenigen Ausnahmen der noch rüstigen und arbeitsfähigen Siechen beweisen nichts gegen die Regel, daß die meisten schon sehr hinfällig sind. Nun gibt es auch leichtere Arbeiten. gewiß. Beispielsweise schwärmt die Leitung der Anstalt Buch neuerdings sehr für die Korbflechterei, durch die sie, nebenbei be- merkt, in Wettbewerb mit der BlindenbeschäftigungSanstalt zu treten droht. Diese leichteren Arbeiten müssen dazu herhalten, die Siechenbeschäftigung als.H e i l f a k t o r" anzupreisen. Sollen auch die schweren ein„Hcilfaktor" sein? Zum Nutzen gereicht die Siechenbeschäftigung vor allem der Anstalt. In einer Denkschrift, die vor einigen Monaten dem Kuratorium für die Siechenpflege als Material zu der Frage einer AnstallSVermehrung vorlag, wird es für„nicht unberechtigt" und für„sogar empfehlenswert" erklärt, „die Arbeitskraft der Insassen, soweit sie noch vorhanden ist, im Interesse der städtischen Verwaltung auszunutzen und dadurch die der Stadt von ihnen verursachten Kosten etwas herabzumindern." Im Hospital Buch sei mit der Heranziehung der Hospitalitcn zur Arbeit ein„vielversprechender Anfang" gemacht worden, aber diese Neuerung habe bei den Hospitalitcn nicht allge- meine Zuftiedenheit gefunden. Die Denkschrift hebt auch hervor, daß jetzt die Siechen nicht gern nach Buch gehen. Sie erklärt das aus der Entfernung' von Berlin und aus der„in Aussicht stehenden Nötigung zur Arbeit". Also ein doppelter„Vorteil"! Man nutzt die Siechenarbeit aus und man wehrt dem Zudrang zur Anstaltspflcge. Daß durch die Siechenarbeit, auch wenn sie nur den Anstaltsbedarf decken soll, den freien Arbeitern und den selbständi- gen Gewerbetreibenden ein sehr fühlbar« Wettbewerb bereitet wird, scheint denen, die für diese„Reform" der Siecheupflege so sehr schwärmen, nichts zu verschlagen. Die Scheu vor einer Vermehrung der Siechenhäus«, die Ab- schiebung der Siechen in die Autzenpflege, die Nötigung zur Arbeit in den Anstalten— alles das fügt sich zu einem System. Wo bleibt da das soziale Empfinden, ohne das eine Sicchcnpslege doch wohl nicht denkbar ist! Parteiangelegenheiten. Vierter Wahlkreis. Heute abend 3>/„ Uhr: Große öffentliche Versammlung sür Frauen und Männer in'Kellers Festsälen(Inhaber Obiglo), Koppenstr. 29. Tagesordnung:„Der Zarismus in Rußland und die Frauen und Mädchen in der russischen Revolution". Referent Schriftsteller Genosse Eugen Goldberg. 2. Diskussion. Wir ersuchen die Frauen und Mädchen sich recht rege daran zu beteiligen.____ Der V o r st a n d. Ergebnis der Ilrwahl im sechsten Wahlkreis. Die am Sonntag stattgefundenc Urwahl hat folgendes Resultat ergeben: Abgegeben sind 5269 Stimmen. Davon haben erhalten Otto Müller 1286, Paul Binting 1146, Her- mann Obst 1091, Hermann Heyse> 1078. Paul Lüder 318 und Gustav Schulze 214, ungültig 136 Stimmen. Demnach findet am Sonntag, den 22. Februar, Stichwahl zwischen Otto Müller und Paul Binting statt. Zweit« Kreis. Heute Dienstag, abends 8>/„ Uhr, bei Rab«. Fichtestr. 29: Versammlung. Vortrag des Genossen Wiesner üb« .Die Krankenversicherung nach der Reichsversicherungsordnung". Jugendabteilung des 5. Kreises. Am Mittwoch, den 18. Februar, abends Va9 Uhr, findet bei Paveleit, Jostystr. 6, eine Versammlung der 18— 21jährigen Mit» glieder statt. Da in dieser Versammlung ein interessanter Vortrag gehalten wird, liegt es im Interesse der Genossen und Genossinnen zahlreich zu erscheinen. Gäste haben Zutritt. Charlottenburg. Heute, abends llhr: Mitglieder» v er s a mm l ug, g des W a h l v e r e i n s im VolkShause, Rosinenstraße 3. Tagesordnung: 1. Vortrag des Reichstagsabg. Genossen Krätzig. 2/ Bericht von der Kreisgeneralversammlung. 3. Vereins- angelegenheiten und Verschiedenes. Martendorf. Heute abend 7 Uhr: Fl»gblattverbr«it»»g von den Bezirkslokalen aus. Britz- Buckow. Mittwoch, den 18. Februar, 8'/„ Uhr, im Saal von Becker, Chasseestraße 97: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Bericht von der Kreisgeneralversammlung. 2. Vortrag dcS Genossen Groger:.Das demokratische Prinzip". Teltow. Morgen Mittwoch, den 18. Februar, abend« 6 llhr t Mitgliederversammlung. Bericht von der Kreisgeneralverfammlung. Oranienburg. Mittwoch, den 13. Februar et, abend» 8'/, Uhr, im Lokal„Waldhaus Sandhausen", Jnh. E. Paetzold, Schützenstr. 64: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder. Steuerfragen und Reklamationen. Referent: Genosse Berich. P a p l e. Kommunales. Parteiangelegenheiten.— Außerdem wird sich die Versammlung auch mit den von dem vor kurzem ge» gründeten kommunalen Wahlverein erhobenen unberechtigt» Bor- würfen und Verdächtigungen beschäftigen. öerliner Nachrichten. Die Aufnahme im Wöchnerinneuheim. Vor einigen Wochen begab sich ein Arbeiter aus Reukölln, defse« Frau der Niederkunft entgegen sah. nach dem Wöchnerinnenheim in der Urbanstraße, um seiner Frau für die Zett ihr« Niederkunft ein Unterkommen zu verschaffen. Das wurde zugesagt, auch 12 M. An» zahlung entgegengenommen mit dem Bemerken, die Frau mög« kommen, wenn es Zeit sei. Als nun am Donnerstag, den 12. Februar, der Arbeiter seine Frau nach dem Heim brachte, wurde die Ausnahme abgelehnt, weil das HauS überfüllt war. Di« ver- waltung suchte sich zu decken, indem sie sofort einen Brief schrieb de« Inhalts, daß das Wöchnerinnenheim bis zum 1. März 1914 wegen baulicher Veränderung geschlossen sei. Dieser Brief ging erst ab, nachdem der Arbeiter mit seiner Frau abgewiesen war. ES wäre Pflicht des HeimS gewesen, die Benachrichtigung früher«gehen zu lassen, nicht aber daS Geld zu nehmen und dann die Leute abzu- weisen, die auf Aufnahme bestimmt rechnen konnten. Ein solche« Verfahren kann die schwersten Folgen haben. Im vorliegenden Falle mutzte der Arbeiter mit sein« hochschwangeren Frau nach der erfolgten Abmachung schleunigst nach Hause fahren, wo bereits ein« halbe Stunde nach dem Eintreffen in der Wohnung die Entbindung erfolgte._ Eröffnung eines neuen Fernsprechamtes in Berlin. Eine neue Fernsprcch-Permittelungsanstalt wird in Berlin Mitte Mai in Betrieb genommen werden. Sie erhält die Bezeich- nung Hansa und wird beim Fernsprechamt 2 in der Turm- stratze 23 eingerichtet. Der neuen Vermittelungsstelle werden von der Vermittelungsstelle Moabit die Anschlüsse 30 bis 1199 zugeteilt. Diese Anschlüsse behalten jedoch ihre bisherigen Nummern und werden lediglich auf die neue Vcrmittelungs- stelle umgeschaltet. Dagegen erhalten die Anschlüsse Moabit 1 bis 29 andere Nummern. Die Zahl der Vermittelungs- anstalten von Verlin selbst wächst damit auf 10. Es sind dies Zentrum, Moabit und Hansa, Norden. Moritzplatz, Kur- fürst, Lützow und Nollendorf, sowie Alexander und Königstadt. Zu unterscheiden hiervon sind die eigenttichen Fernsprechämter 1, 2, 3. 4, 6 und 7, die den Betrieb letten und beaufsichtige». Die ZZserieuorduung für Berldl. Vom Königlichen Provinzial-Schulkollegium sind die Ferien für die hiesigen Gcmeindeschulen für das Schuljahr 1914 folgendermaßen festgestellt worden: 1. Osterfericw Schluß des Unterrichts: Dienstag. den 31. März 1914. Beginn: Mittwoch, den 13. April 1914. 2. P f i ii g st f e r i c n. Schluß des Unterrichts: Freitag, den 29. Mai 1914. Beginn: Freitag, den 3. Juni 1914. 3. S o m m e r f c r i c n. Schluß des Unterrichts: Frei- tag. den 3. Juli 1914. Beginn: Dienstag, den 11. August 1914. 4. Herbstferien. Schluß des Unterrichts: Mitt- woch. den 30. September 1914. Beginn: Donnerstag, den 8. Okober 1914. 3. 23 e i h n a ch t s f e r i e n. Schluß des Unterrichts: Mittwoch, den 23. Dezember 1914. Beginn: Freitag, den 8. Januar 1915. 'Die Ferien für die höheren Schulen find mit den Ferien für die Gemeindeschulen gleich gelegt worden. Warum nicht schon früher? Wir haben die Gleichlegung seit Jahren gefordert._ Vom Zweckverband. Unter dem Lorsitz des Oberbürgermeisters Mermuth fand gestern vormittag eine Sitzung des VerbandsauSschusses Groß- Berlin statt, der auch der neue Oberpräsident Graf von der Schulenburg beiwohnte. Der Ausschuß stimmte der Um- gestaltung des Generalbebauungsplanes für Egersdorf bei Straußberg zu. Der Bebauungsplan paßt sich der Land- schaft an und sieht auch Spielplätze, Freiflächen usw. in gc- nügender Zahl vor. Tie Ausarbeitung des Bauplanes war wegen der vorgeschrittenen Parzellierung mit Schwierigkeiten verknüpft. Ferner wurde dem neuen Bebauungsplan für Zeuthen, Adlergestell und Gütergotz zugestimmt und ein Bebauungsplan für die Pillarixheide bei Oranienburg beraten und angenommen. Diese forstfiskalischc Heide in der Nähe des Lehnitzsees soll nach Oranienburg eingemeindet werden. Dieses landschaftlich schöne Gelände ist für eine Villen- kolonie reserviert. Genehmigt wurden ferner die Anträge der Großen Berliner Straßenbahn wegen Errichtung eines so- genannten Hansaringes der Linie 190 sowie das Anschluß- betriebes der Großen Berliner Straßenbahn nach der Ostbahn, ferner die Einrichtung von Linien zwischen Köpenick und der Beerenstraße Berlin und zwischen der Gotzkowskystraße in Moabit und Alt-Stralau durch dieFruchtstraßc und Mühlenstraße. Ein Drama in Schöneberg. Mit ihren beiden Kindern vergiftet aufgefunden wurde gestern, Montag, nachmittags gegen 4 Uhr, die 38 Jahre alte Witwe Klara Reinke, geborene Linke, au-5 der Feurigstraße 16. Frau Sieinke war feit neun Jahren Witwe und bewohnte schon seit sieben Jahren im vierten Stock deS OuergebäudeS eine Stube und Küche. Seit dieser Zeit war sie schon beim Schöneberger Magistrat als Reinmachefrau angestellt. Hier riß sie sich vor acht Tagen bei der Arbeit einen Splitter in die linke Hand. Sie schenkte der Verletzung aber keine besondere Bedeutung. In den letzten Tagen verschlimmerte sich die Wunde aber sehr und als sie endlich einen Ar,t zu Rate zog� stellte dieser fest, daß sie an einer Blutvergiftung litt. Die Ver- giflung war schon so weit vorgeschritten, daß er ihre Ueberführung nach einem Krankenhause anordnete, wo dem weiteren Fortschreiten der Vergiftung nur durch«in Abnehmen der Hand hätte vorgebeugt werden können. Davon wollte die Frau fedoch nicht» wissen. Sie beschloß daher, weil sie befürchtete, wenn sie die Hand verloren baben würde, nicht mehr für ihre Kindsr sorgen zu können, mit diesen in den Tod zu gehen. Als gestern nachmittag ein Abgesandter der Schulverwaltung ihre Wohnung aufsuchen wollte, weil beide Kinder nicht zum Unter- richt gekommen waren, fand er die Tür verschlossen. Weil dfe Hausbewohner nun aber weder Frau und Kinder seit Sonnabend abend gesehen hatten, schöpfte man Verdacht, umsomehr, als man bei genauerem Hinsehen feststellte, daß in der Tür von innen ein Schlüssel steckte. AIS jetzt gewaltsam geöffnet wurde, fand man Mutter und Kinder tot in der Küche liegen. Frau Reinke hatte in Kaffee Gift, wahrscheinlich Cyankali, geschüttet, diesen dann ihren Kindern zum Trinken gegeben und dann auch selbst davon zu sich genommen. Eine Tasse mit einem Rest vergifteten Kaffees stand noch auf dem Tisch. In der rechten Hand hielt die Frau einen Brief an die Polizei, in dem sie mitteilte, daß sie mit ihren Kindern freiwillig aus dem Leben scheide. Der Grund hierzu sei die Blut- Vergiftung. Sie wolle sich die Hand nicht abnehmen lasten, sondern lieber auS dem Leben scheiden. Die Polizei beschlagnahmte nach Auf- nähme de? Tatbestandes die drei Leichen. Das Opfer der Gesundbeter. DaS Gesundbeten, das in letzter Zeit wieder öfters von sich reden machle, hat nach dem kürzlich erfolgten Tode der Frau Nuscha Buye-Beermann ein weiteres Opfer durch das Hinscheiden der Hof- schauspielerin v. Lrnauld gefordert. Die Künstlerin litt seit einem Jahr an einer seltenen Erkrankung der Haut, die sich in Geschwulst- bildungen äußerte. Unter entsprechender ärztlicher Behandlung, namentlich unter dem Einflüsse der Strahlenbehandlung mit An- Wendung don Röntgenlicht und Radmmstrahlen, heilte das Leiden in der ehemals Lasiarschen Klinik unter den Händen deS SanitätS- rats Friedländer ausgezeichnet und in auffallender Weise, so daß alle Hoffnung bestand, der Erkrankung ganz Herr zu werden. Da entzog sich Fräulein v. Arnault, betört und überredet von An« hängerinneu der Science and Health der ärztlichen Behandlung und ließ sich.gesundbeten". Das Leiden verschlimmerte sich wieder rapide und bei Vernachlässigung aller chirurgischen Maßnahmen stellten sich schwere sieberhafte Folgezustände ein, denen die Künstlerin jetzt nach schwerem Dulden im Norbert-KrankenharrS in Schöneberg erlog._ Zeppelin über Berlin. Nach lanzer Pause hatte Berlin am gestrigen Rachmittag wieder einmal Gelegenheit, den Grafen Zeppelin am Steuer seines neuesten Luftschiffs hoch in den Lüsten zu bewundern. Er traf gestern morgen in Berlin ein, um die letzten Probefahrten des für die Militärverwaltung bestimmten Z. VÜ persönlich zu leiten. Gegen 3>/, Uhr bestieg er die Führergondel des Z. VII. in der die militärische Abnahmekommission Platz genommen hatte, und gab die nötigen Befehle zum Herausbringen deS Schiffes aus der Halle. In weiten Kreisen ließ er das Luftschiff über Berlin seine Kreise und Schleifen ziehen, wobei der Ballon wechselnd Höhen von 1200 bis 1600 Meter innehielt. Nach einigen Rundfahrten über dem Kriegsministerium umkreiste Z. VII das Schloß und entfernte sich dann, immer höber steigend, in westlicher Richtung. Der Wannsee wurde in etwa 2000 Meter Höhe überflogen und nach etwa Ist, stündiger Fahrt landete Z. VII, der über der Havel vor dem Luftschiffhafen noch einige elegante Manöver dicht über der Waffcr- oberfläche ausführte, wieder wohlbehalten vor seiner Halle. Drei MMioueu Privatersparuiffc der Berlmer Schutzmanuschaft sind in der sogenannten PensionSzuschußtasie der Schutzleute an- gesammelt. Die Organisation dieser Kasse bildet den Hauptanteil 'an der Unzufriedenheit der Berliner Schutzleute, da die Kaste eine Zwangseinrichtung ist und trotz ihres großen Bestandes ihren Zweck nur unvollkommen erfüllt. Jeder Schutzmann ist verpflichtet, monat- lich drei Mar! der Kaste zuzuführen. Dieser Zwangsanteil wird vom Gehalt gleich einbshalten. Der Zweck der Kaste ist, zur Staats- Pension einen Zuschuß zu gewähren, der mit jährlich 108 M. beginnt und nach drei Jahren jährlich eine kleine Erhöhung erfährt. Aus dem Dienst scheidende Schutzleute(freiwilliges Ausscheiden wegen Aufgabe deS Berufs, Uebertritt in eine Privat- oder Staatsstellung usw.) erhalten ihre Einlagen nickt zurück. Die Beamten wollen nun erreichen, daß auS dieser Kaste den Witwen ein Pensionszuichuß und für die unerwacksenen Kinder eine Erziehungsbeihilfe gewährt wird. ganz besonder? dann, wenn der Ernährer während der Dienstzeit stirbt. Hiernach scheint die SchutzmannspenfionSkasie nicht viel anders eingerichtet zu fem wie viele Werkspensionskassen. Drei Feuerwehr�'e verunglückt. Ein gefährlicher Dachsmhlbrand kam gestern(Montag) nachmittag kurz vor 2 Uhr in der B i r k e n st r. 26 in Moabit zum Ausbruch. Als man die Gefahr bemerkte, schlugen schon belle Flammen auS sämtlichen Dachluken des sieben Fenster Front haltenden Wohnhauses. Die Feuerwehr rückte mit den Zügen 15 und 21 an und ging sofort mit zwei Schlauchleitungen, die von einer Motorspritze gespeist wurden, vor. Als eine Löschmannschaft, bestehend aus dem Ober« feuerwehrmannHöpffnerunddenbeiden Feuerwehrleuten Fehrmann und Schönebeck von der Treppe des Vorderhauses aus in den brennen« den Boden vordringen wollte, schoß ihnen plötzlich eine gewaltige Stichflamme entgegen. Sie wurden von der Flamme getroffen und mußten zurück. Wie sich zeigte, halten Höpffner und Fehrmann Verbrennungen zweiten Grades davongetragen, so daß sie von der Brandstelle nach dem Krankenhause Moabit gebracht werden mußten. Der Feuerwehrmann Schönebeck ist mit leichteren Brandwunden davon gekommen. DaS Feuer fand an dem Inhalt der Boden- verschlüge und an der Dachkonstruktion reichliche Nahrung, so daß schließlich auch daS Nachbarhaus Nr. 26 gefährdet wurde. Brand- meister Steiner ließ deshalb noch eine dritte Schlauchleitung vor- nehmen und vom Dach des Hauses Nr. 26 Basier geben, um es zu schützen, was auch gelang._ Gegen die Verlegung des Obst- uud Gemüsehaudels vom Alexander- platz nack der Beusselstraße haben eine Anzahl Vereine Protest ein- gelegt. Vertreter sind beim Dezernenten des Polizeipräsidiums vor- stellig geworden und haben die Mitteilung verbreitet, als sei ihnen dort eine besondere Prüfung der Verhältnisse in Aussicht gestellt worden. Wie jetzt bekannt wird, ist das nickt der Fall. Der De- zernent des Polizeipräsidiums hat nachdrücklich erklärt, daß die Verkebrsverhälliiiffe in der Dirkienstraße unhaltbar find und die in Aussicht genommene Verlegung unter allen Umständen dringend nötig>st. Wir haben früher schon betont, daß der Polizeipräsident seit Jahren die Verlegung fordert und bei seinem Verlangen der Stadt gegenüber groß? Rücksicht geübt bat. Wenn nunmehr die städtischen Körperschaften sich endlich entschlossen haben, den Obst- und Gemüse- Großbandel zu verlegen, so war von vornherein es unwahrscheinlich. daß man im Polizeipräsidium der Erfüllung deS polizeipräsidiolen Verlangens nunmehr Schwierigkeiten machen würde. Daran werden die Protestkundgebungen nichts ändern. Eine Gasexplosion erfolgte gestern, Montagnachmittag, in der L i n i e n str a ß e 106, Ecke Kleine Hamburger Straße. Der ExplofionS- Herd lag in der Privatwohnung der dortigen Großdestillarion von Hechler Nachfolger. Ein Monteur, der«ine Krone ausschrauben sollte, beging die Unvorsichtigkeit, die Leitung abzuleuchten. Er be- merkte nicht, daß sich an der Decke eine größere Menge GaS angesammelt hatte, daS sich sofort entzündete und explodierte. Durch den Lustdruck wurden mehrere Fensterscheiben eingedrückt und Teile der Zimmerdecke abgerissen. Der Monteur erlitt leichte Verletzungen. Eine goldene Damenuhr ist bei dem am 14. Februar stattge- habten Konzert deS Männerchors.Moabit" gefunden worden uud ist bei A. Heßler, Beuffelstraße 81, vorn HI, abzuholen. Vorortnachrichten. Lichtenberg. Lichtenbergs Etat und seine Schuld enwirtschast. Der Entwurf zu den Haushaltsplänen für 1914 schließt ab mit 29 150 903 M. Das ist gegenüber dem Borjahre ein Mehr von rund 5 Millionen Mark. Der Anteil der ordentlichen Verwal- tung beträgt 10028 000 M. gegen 8,7 Millionen im Vorjahr. Diese Summe setzt sich aus folgenden einzelnen Positionen zu- sammen, wobei die vorjährigen Zahlen in Klammern beigefügt sind. An eigenen Einnahmen der Stadt werden 6 459 936 (ö 162 097) Mark erwartet. Den Hauptteil der Mehreinnahmen sollen die städtischen Werke bringen, deren voraussichtliche Ueberschüsse wie folgt in den Etat eingesetzt sind: Gaswerk 1 406 400(730 734) M.. Wasserwerke 841 749(708 720) M.. Elek- trizitätswerk 393 399(385 749) M.. insgesamt also 2,6 gegen 1,8 Millionen. Durch Steuern müssen 3 568 063(3 545 603, M. aufgebracht werden. Die geringe Steigerung erklärt sich wohl aus der Rücksichtnahme auf die wirtschaftliche Lage, deren Ungunst erst in diesem Jahre steuerlich voll in Erscheinung treten wird. Veran- schlagt sind an indirekten Steuern der Ertrag der Biersteuer mit 100 000(90 000) M., die Wertzuwachssteuer mit 60 000 (100 000) Mark, die Hundesteuer mit 68 000(66 000) M., die Umsatz- steuer— im OrtSterl Lichtenberg 1 Proz. für bebaute. 2� Proz. für unbebaute', im Ortsteil AummelSburg IM Proz. bzw. 2Z4 Proz.— mit 200 000(256 000) M. Zusammen ergeben die indirekten Steuern 428000 M., das sind 12 Proz. des gesamten Steuereinkommens. An direkten �steuern sollen 3 126 063 (3 020 603) Mark erhoben werden. Darunter an Betriebssteuern 14 000 M., an Einkommensteuern— wie bisher 100 Proz. Zuschlag— 1 382 000(1 320 000) M., cm Gewerbesteuern— in beiden Ortstcilen nach verschiedenen Prozentsätzen erhoben— zusammen 281 562(260 000) M. und an Grundsteuer, die im Lichtenberger Ortsteil 2,6 vom Tausend für bebaute und 5,2 für unbebaute, im Rummelsburger Ortsteil aber 3,5 bzw. 7 vom Tausend ausmacht, 1462 501(1 440 603) M. Unter dem Kapitel.Allgemeine Verwaltung" fällt vor allen Dingen der Titel 9, Polizeikostenbeitrag, auf, der mit 315 765 M. den Etat belastet, ohne der Stadt dafür auch nur den geringsten Einfluß zu gewähren. Für die jetzt vorhandenen Spiel- und Sportplätze an der Normannenstraße. Eitelftratze. Hirschbergerstratze und Lückstraße sind 3200 M. vorgesehen. Neu erscheinen 120 000 M. Zuschuß zu den Kosten de» Krankenhauses, für daS im Laufe des JahreS ein besonderer Etat auf- gestellt wird, und 110 000 M. für den Fall der Versetzung der Stadt m eine höhere ServiSklasse, wodurch die Bezüge der Beamten und Lehrer sich erhöhen würden. An Beihilfe an den Ortsausschuß für Jugendpflege sind 3600 M. eingestellt. Insgesamt schließt das Kapitel mit 577 100 M. Einnahme und 2 099 500 M. Ausgabe ab, wodurch ein Zuschuß von 1 522 400 M. bedingt wird. Die Hoch- bauverwaltung schließt mit einem Zuschuß von 86 100 M., bei 90 000 M. Ausgabe, ab. Davon entfallen 47 060 M. auf die bauliche Unterhaltung der Schulgebäude und Turnhallen. In der Ticfbauvcrwaltung sind für die Strahenpslasterungen 100 000 M. und 24 000 M. Kosten für Herstellung von Bürgersteigen vorgesehen. Die Verwaltung der Grundstücke und Gebäude verzeichnet 69 400 M. Einnahme und 128 200 M. Ausgabe: bei diese« beträgt der Anteil der Schulgebäud« und Turnhallen 96700 Mark. Besonders wichtig ist daß Kapitel..Kapital- und Schul- d e n v e rw a lt u n g". Hier stehen sich 2 2SOO0O M. Einnahme und 3 581 000 M. Ausgabe gegenüber. Es ist also ein Zuschuß von 1 331 000 M. erforderlich. Die Einnahmen setzen sich zusammen aus 112164 M. Zinsen von Kapitalien, 450 928 M. von den Kano- lisatronen, 601 020 M. Beitrag der Gaswerksverwaltung, 383 784 Mark Beitrag des Wasserwerks, 317 978 M. Beitrag vom Grunderwerbsfonds und 64 980 M. von den Iieubauverwauungen. Von der Ausgabe entfallen auf Verzinsung der Anleihen 2 409 751 M. und aus Tilgung 1 163 871 M. Diese enormen Beträge werden sich noch gewaltig erhöhen, wenn die 12-Millionen-ÄnIeihe zustande gekommen sein wird. Gegenwärtig beträgt die Schuldenlast schon mehr als 50 V5 Millionen. Hinsichtlich des Verwendungszweckes verteilt sich die Summe wie folgt: Anleihen wurden aufgenommen für Schulzwecke 8.9, für Straßenbauten 3.2, für sonstige gc- meinnützige Zwecke 8,3, für das Gaswerk 5. für das Wasserwerk 6,6, für da» Elektrizitätswerk 3,6, für Kanalisationszwecke 8,3 und für den Grundstückserwerbsfonds 6,7 Millionen. Stellen wir die Summe der Zinsbeträge in Beziehung zum gesamten Steuer- aufkommen der Stadt, so ergibt sich, daß die Schuldenzinsen 67,52 Proz. des gesamten Steueraufkommens verzehren! Wilmersdorf« Rückwärts! Es ist bekannt, daß die Stadt Wilmersdorf den Forderungen auf dem Gebiete der Sozialhygiene recht großen Wider- stand leistet. Um den nicht gerade rühmlichen Mängeln selbst elementarer Einrichtungen abzuhelfen, hat die Stadtverordnelen- Versammlung allmäblich im Prinzip einige Beschlüsse gefaßt, deren Verwirklichung indessen immer wieder aus sich warten läßt. Erst in diesen Tagen verbreitete dos städtische Nackrichtenamt die seltsame Mitteilung, daß der Magistrat zurzeit die Errichtung einer Bolksbadeanstalt überhaupt nickt beab- s i ch t t g t. Zum Trost mag es der arbeitenden Bevölkerung Wilmersdorfs gereichen, daß nicht einflußloie Kräfte inn-'hald und außerhalb des StadtparlamentS am Werke sind, um die wenigen sozialpolitischen Errungenschaften, die dank der sozialdemo- kratischen Agitation schließlich erreicht wurden, wieder zu beseitigen. Wie nämlich die.Wilmersdorfer Zeitung", das Organ dar maßgebenden Fraktion, zu berichten weiß, soll in nächster Zeil in der Stadtverordnetenversammlung die Aufhebung der städtischen Fleischhalle gc- fordert werden, und nicht minder wird man gegen die Fischhallc und gegen die Speiseanstalt Siunn laufen. Diese gemein- nützigen Einrichtungen, zu denen man sich in Wilmersdorf nach langen Debatten in einer Zeit der allgemeinen Lebensmittelteuerung aufgerafft hatte, erfreuen sich von Anfang an einer sehr regen Be- Nutzung, nicht nur von der Arbeiterschaft, sondern auch von den recht zahlreichen Beamten und der gesamten minderbemittelten Bevölkc- rung, die selbst im.vornehmen Wilmersdorf" nicht ganz auszu- schalten ist. Desto mehr erregen diese Anstalten den Groll der reaktionären Kreise innerhalb der Bürgerschaft, die daS Gezeter über den.sozialpolitischen Sport" und ähnliche Unsitten unentwegt� fort- setzen. ES ist nicht zu verkennen, daß für derartige rückichrittliche Bestrebungen gegenwärtig ein besonders günstiger Boden vorhanden ist, weil die Stimme des arbeitenden Lölkes im Stadtparlament nicht zum Ausdruck kommen kann, Sache um'erer Genossen und Genossinnen muß eS sein, gerade bei dieser Gelegenheit überall aufklärend zu wirken, damit bald wieder sozialdemokratische Stadtverordnete solchen reaktionärenAttentaten wirksam entgegentreten können. Neuköllu. Dem Projekt über den Anbau des zweigeschossige» Isolier- Pavillons für 32 Betten im städtischen Krankenhauie in Buckow gab der Magistrat in seiner letzten Sitzung die Zustimmung. Die er- forderlichen Mittel zur Austührung des Baues werden aus dem Hauptextraordinarium in Höhe von 188 700 M. zur Verfügung gc- stellt.— Die Abnahme und die Inbetriebnahme der neuen Strecke deS Neuköllner Schiffahrtskanals soll bei der zuständigen Behörde beantragt werden. Die offizielle Einweihung deS Kanals und Hofens soll für den Mai d. IS. vorbereitet werden. Steglitz. Gemeindewahleu am 2. uud 3. März. Die amtliche AuS» schreibung ist am Sonnabend erfolgt, und zwar sind wieder �wie vor zwei Jahren zwei Wahltage angesetzt. Würde ein Sonn- tag als Wahltag benutzt, so wäre eine glatte Abwicklung des Wahlgeschäfts an einem'Tage durchaus verbürgt. Aber t» weit sind wir auf unserem Dorfe noch nicht vorgeschritten. Der Gemeinde- vorstand oder richtiger der Gemeindevorsteher scheint nun einmal die möglichste Erschwerung der Wahl als einzigen Rettungsanker anzu- sehen, der eS noch ermöglichen könnte, die verhaßten Gegner aus dem Rathause fernzuhalten. Denn eine große Unbequem« lichkeit für die Wähler und damit eine Erschwerung des WablgeschäfteS bedeutet unbedingt die Bestimmung des.LlbrechtShofeS" alSWahllokal fürden2. Wahl- bezirk. Bekanntlich bildet für die Teilung des OrteS in zwei Wahlbezirke die Wannseebahn die Grenzlinie. Den 1. Wahlbezirk bildet also die Schloßstratze mit sämtlichen Nebenstraßen, natürlich nur bis zum Bahnkörper, während der 2. Wahlbezirk die Albrechtstraße mit sämtlichen Nebenstraßen, den Südender OrtSteil und den neu- entstandenen Schöneberger OrtSteil umfaßt. DaS Wahllokal für diesen Bezirk, der.AlbrechtShof", liegt also mitten im andern Wahlbezirk, wodurch für die.Bequemlichkeit" der Wähler aufS beste gesorgt ist. Die Sache wäre zum Lachen, wenn es nicht geradezu als Schikane empfunden würde. Eine ganze Anzahl Schulen mit geräumigen Turnhollen stehen mitten im Wahl- bezirk zur Verfügung, trotzdem wird das Wahllokal an dos äußerste Ende verlegt, was für einen großen Teil der Wähler einen f a st halbstündigen Weg bedeutet. Hoffe» wir, daß trotzdem der Zweck diese» Geniestreiches vereitelt wird. Für den e r st e n B e- z i r k ist als Wahllokal der von der Arbeiterschaft gesperrte „Schloßpark" bestimmt, der ebenfalls am äußersten Ende dieses Bezirks liegt. Bon den, Ergebnis diese» Wahlaktes wird neben dem Gemeindevorsteber auch der Oekonom des„Schloßparks" schließlich sehr enttäuscht sein. Nun— geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Unsere Parteigenossen mögen nunmehr, nachdem die Wahltermine bekannt sind, mit der mündlichen Agitation bei jeder sich bietenden Gelegen- heit beginnen, dadurch wird unser Sieg aufs sicherste vorbereitet. Ttegl»tz-Z?r»edeoau. Ein Arbeiterjugeudhrüo ist nunmehr auch der hiesigen Arbeiter- jugend zur Benutzung übergeben worden. DaS Heim befindet sich Kniephofstr. 59. Am Sonntag fand die Eröffnung oeS HeimS mit einer damit verbundenen Feierlichkeit statt. Die Jugendlichen sowie ihre Eltern hatten sich zahlreich eingefunden, so daß die neue Stätte, in der die Jugend sich Nunmehr zusammenfinden soll zu geselliger Unterhaltung und ernster BildungSarbeit, bis auf den letzten Platz besetzt war. Einleitend bracht« die Sänger- abteilung der Jugendlichen das melodienreiche Lied:.Der Frühling naht mit Brausen" zum Vortrag. Räch einem kurzen Rückblick auf die Geschichte des Vereins Arbesterjugendheim durch den Vorfitzenden, würdigte der Schriftsteller H. Schulz die Bedeutung der�Jugend- Heime als Stätten der proletarischen Jugenderziehung. Seine zu Herzen gehenden Worte dürsten ihre Wirkung aus die Jugendlichen und deren Ellern nicht verfehlen. Ein weiterer Gesangsvortrag beschloß die würdig« Feier. DaS Heim macht in seiner ganzen Einrichtung einen freundlichen Eindruck, so daß man sagen kann, der Borstand hat seine Susgabe gut gelöst. Nebe« einer Jugend- bibliöthek, die noch erheblich vergrößert werden soll, sind paffende, Durch ZluZlosung scheiden die Vertreter Nagel aus der zweiten und h.t, s., hri«f«n tt-Tofii' mtÄ SSpim Bericbt der ReckinunaZ- Gesellschaftsspiele vorhanden, so daß für Unterhallung der jugend ichen Besucher gesorgt ist. Pflicht der Eltern ist es nun, dafür zu sorgen, daß ihre erwachsenen Söhne und Töchter das Heim rege besuchen. Dasselbe ist geöffnet an den Sonntagen von i bis 10 Uhr, Wontags und Mittwochs von 6 bis 10 Uhr. Pankow. Eine Schenkung von 50 000 M. wurde der letzten Gemeinde- vcrtretersitzung unterbreitet. Die Summe ist von dem Zigaretten- fabrikanten Garboty-Rosenthal zu einem vom Bürgermeister zu bestimmenden Zweck gespendet. Ueber die Verwendung wird der Versammlung eine besondere Vorlage zugehen, vielleicht dient ste als Grundstock zu eurer Volksbadeanstalt. Eine Reihe kleinerer Borlagen fand Zustimmung. Zur Anlegung eines Schmuckplotzes gegenüber dem Amtsgericht werden 2000 M. bewilligt, 600 M. will die beteiligte Boden- und Aktiengesellschaft beitragen. Der Platz sollte schon längst angelegt werden. ES wurde jedoch immer aus die Fertigstellung der Bauruine an der Kissingenplcch- und Granitzstr.» Ecke gewartet. Diese Hoffnung ist nun aufgegeben. Gegen die Richtigkeit der Wählerliste lagen 5 Proteste vor, die nur teilweise durch Zustimmung ihre Erledigung fanden.— Als vor einiger Zeit die Anstellung der Polizeisergeanten beschloffen wurde, kam die Anregung, auch den Vollziehungsbcamten und Gemeindedienern dasselbe Recht zu gewähren. Die Vorlage bringt die Anstellung für diejenigen, die fünf Jahre im Dienst steh'n. Die Gemeinde- Vertretung stimmte dem zu. ES darf nun, nachdem die Verhältnisse der Beamten so geregelt sind, die Frage aufgeworfen werden: wann wird nun einmal an die Arbeiter gedacht werden? In anderen Gemeinden ist man bereits zu einer gleichen Regelung für die Ar- beiter gekommen.— Bei dem Gesuch der Freiwilligen Feuerwehr, den jährlichen Zuschuß von 500 auf 1000 M. zu erhöhen, entjtan» eine umfangreiche Debatte über die Handhabung der LustbarkeitS- flcuer. Herr Ringel, Vorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr und Präsident des Gastwirtsverbandes, verlangte für das Stiftungsfest der Freiwilligen Feuerwehr Freistellung von der Steuer. Bürger» meister Äuhr stellte fest, daß nur wohltätige Veranstaltungen frei- gestellt werden können. Bei der Etatbcratung dürfte diese Frage noch eine ausgiebige Erörterung finden. Weisieusee. Em tödlicher Automobilunsall ereignete sich gestern nachmittag gegen 6 Uhr in der Friedrichstraße. Das achtjährige Söhnchen des Kaufmanns StalinSli, Friedrichstr. 4 wohnhaft, spielte mir mehreren Altersgenossen auf dem Fahrdamm, als ein Privatautomobil heran- kam. den Kleinen erfaßte und überfuhr. Der Knabe erlitt so schwere Verletzungen, daß er auf der Stelle verschied. Lübars-Waidmannslust. Die letzte Gemerndevcrtretcrfitzung beschäftigte sich hauptsächlich mit der Beitrags- und Gebührenordnung zur Deckung der Kanali salionskosten. Die Ordnung sieht einen Beilrag von 22 M. in Bau klasie v. von 2-1 M. in Bauklasse C und 30 M. in Bauklasse I pro laufenden Meter Grundstücköfront vor. Genosse Kestin bekämpfte dieselbe an der Hand eines authentischen Zahlenmaierials und bean- tragte zur Prüfung der ganzen Beitragsberechnung eine Kommission zu wählen. Man habe der Beitragsberechnung die Kosten zugrunde gelegt, die emstehen könnten, wenn nach vielleicht SO— 100 Jgbren «der Bevölkerungszunahme der letzten drei Jahre nach zu urleilen) der ganze Gemeindebezir! kanalisiert sei, und sie auf 2 064 000 M. veranschlagt. Da jetzt aber nur ein Fünftel des gei'amien Ge meindebezirks lanalisiert sei, würde diese Berechnung eine Be- günstung der Bodenspekulation bedeuten und eine höhere Be lastung der kleinen Mielshäuser, die in Bauklasse V nur zwei Stock hoch sein dürfen, mit sich bringen. Die Folge davon würde die Verdrängung der kleinen Mieter aus dem Land- hausgebiet sein. Nach den bisherigen Beschlüssen der Gemeinde- Vertretung seien die tatsächlichen Ausgaben nur so hoch, daß mit emem bedeuwnd niedrigeren Beitrag, als ihn die Vorlage vorsieht, gerechnet werden könne. Die gesamten Kosten für die Pumpstation seien da» her auf den gesamten Grundbesitz zu verteilen. Die Mehrheit pole- misierte mit allerlei Nebensächlichkeiten gegen unseren Genoffen, konnte aber defisn Zahlenmaterial nicht erschüttern und wußte auch zur Vor- läge selbst nichts Sachliches vorzubringen. Die Abstimmung ergab die Ablehnung einer Prüfung und die Annahme der Beitrags ordnung mit 6:6 Stimmen, wobei der Vorsteher den Ausschlag gab. Hieraus kam ein Antrag unserer Genossen zur Verhand lung. der verlangte, eine Kommission zu wählen zwecks Feststellung, ob nicht die Gebührenerhebung in Prozenten vom Gebäudewert oder der Gebäudewertsteuer einem gerechteren Ausgleich zwischen den Kleinwohnungshäusern, den Luxushäusern und Fabriken darstellt als die Gebührenerhebung in Prozenten vom staatlich veranlagten Nutzungsweit, wie sie die Vorlage vorsieht. Genosse Kestin wies darauf hin, daß der für die Gebührenerhebung in Frage kommende Nutzungswert im Gemeindebezirl im Durchschnitt zirka 4,31 Proz. vom Gebäudewert beträgt. Verschiedene kleine ein- fache Häuser seien zu einem NutzungSwerl veranlagt, der über dielen Durchschnitt hinausgeht, woraus man schließen könne, daß die besseren Häuser mit ihrem Nutzungswert unter diesem Durchschnitt bleiben, sollte dies von der zu wählenden Kommiision festgestellt werden, so sei ohne weiteres zuzugeben, daß die KleinwohnungS- Häuser, wenn die Gebührenerhebung nach dem Rutzungswert erfolgen würde, im Verhältnis mehr belastet werden als die bcfferen. Die Mehrheit erklärte sich auch hier, ihre persönlichen Jnteresien üt den Vordergrund schiebend, gegen den Antrag. Der eine Ver treler des Besitzes äußerte sogar, wie er dazu käme, wenn er sich eine schöne Fassade und Majolikaöfen leisten könne, danach Gebühren zu bezahlen; dabei unierließ er es aber wohlweislich nachzuweisen, daß in solchem Luxushause weniger Abwäffer vorbanden seien als in den einfachen Häusern. Der Antrag wurde mit 6_ gegen 4 Stimmen abgelehnt und die Gebührenordnung �mit demselben Stimmenverhältnis angenommen ES wurde dann über die eingelaufenen Anträge um Aufnahme in die Gcmeindewählerliste verhandelt, die aber mit zwei Ausnahmen abgelehnt wurden, weil die Antragsteller zur Zeit der Auslegung der Wählerliste die Steuern nicht bezahlt hatten. Unsere Genoffen be- ontraglen, sämtlichen Anträgen stattzugeben, und beriefe» sich auf die bisherige Praxis bei den Gemeindewablen. Die Mehrheit würde dem auch zugestimmt babett. wenn nicht der Gemeindevorsteher erklärt hätte, diesen Beschluß zu beanstanden, da bei Ausnahme aller Antragsteller die Wählerliste in Unordnung geraten würde, waS zur Ungültigkeit der Wahlen führen müsse. TieS bestritten unsere Ge- nojsen, da der Steuerbelrag der dritten WählerUosie so niedrig sei, daß bei Berücksichtigung aller Antragsteller die Drittelung immer noch vorhanden sei: es könne deshalb von einer unordnungsmäßigen Wählerliste nicht gesprochen werden. Bruchmühle. Zu einer erregten Auseinaudersetzung kam es in der letzten Ge meindeverlrelersitzung zwischen dem Gemeindevorsteher und unserem Gcitosjcu,- Der Beschlußfassung unterlagen verschiedene Anträge aus Verleihüitg des Wahlrechts und Eintragung in die Wählerliste, auch war von unserem Vertreter Einspruch erhoben worden gegen die Richtigkeit der Wählerliste. Zur Frage der Verleihung deS Wahlrechts vertrat der Gemeindevorsteher die Auffassung, daß die Be- treffenden aus der Großstadt wären und von den Einrichtungen einer Landgemeinde noch zu wenig verstünden, sie müßten erst die Karenz- zeit von einem Jahre durchmachen. Dagegen wollte der Herr drei Bretterbuden als Wohnhäuser gelten lassen, tmd et berief sich dabei auf eine Antwort des LandrotSamtS. linier Vertreter vertrat die ent- gegengsi'etzte Auffaffnng, da die angeblichen Wohnhäuser nur aus einem RaUm bestehen und nichtemmaleinevorschriftsmäßigeFeuerungs- anlage besitzen. Mit Ausnahme de» Herrn Fleischer stimmten die Bürgerlichen dem Gemeindevorsteher zu. Nachgetragen wurden in die' Wählerliste vier. gestrichen zwei, die übrigen Anträge lehnten die Herren gegen zwei Stimmen ab. Fleischer aus der dritten Klaffe auS. Beim Bericht der Rechnung»' Prüfungskommission brachte unser Vertreter zur Sprache, daß der Gemeindevorsteher eigenmächtig Ausgaben bewillige. Letzterer meinte, daß über Ausgaben für die Schule die Gemeindevertretung nichts zu beschließen habe, sondern das sei Sache de» Schul- Vorstandes; sonstige kleine Ausgaben könnte er selbst bewilligen. Der Herr weiß, was er der Gemeindevertretung bieten kann. Nach der Vorberatung über den Voranschlag 1914 sollen wieder 126 Proz. Gemeindesteuerzuschlag erhoben werden. Siblisthekarkonferenz für Meüerbarnim. Wie in Berlin hat sich auch im Kreise Niederbarnim das Be- dürfniS immer deutlicher gezeigt, durch eine engere Fühlungnahme der Bibliothekare untereinander den vieren Mängeln entgegen- zuwirken, die dem Bibliothekwesen im allgemeinen noch anhaften. Diesem Bedürfnis kam der KreiSbildungSauSschuß durch Einberufung einer Konferenz entgegen. Die Zusammenkunft erhielt einen er- höhten Wert durch die Ausstellung eines reichhaltigen, in jahrelanger Praxis zusammengetragenen Anschauungsmaterials. DaS einleitende Referat hielt Genosse S a s I e n b a ch. Er bezeichnete als die dringende Aufgabe im Bereich des Bibliothekwesens, die bisher allgemein beobachtete Planlosigkeit durch einen geregelten, ziel- bewußten Ausbau zu ersetzen. Zu diesem Zweck sei unerläßlich, all- jährlich einen bestimmten Betrag zum Ankauf neuer Bücher bereit- zustellen und mit diesem Ankauf nach bestimmten Gesichtspunkten vorzugehen. Durch den Gedankenaustausch und engeren Zusammen- schluß oller auf diesem Gebiet tätigen Genoffen werde manche Besserung zu erzielen sein. Genosse I a k o b s e n beleuchtete die technische Serie der Auf- gaben in sachkundigen Ausführungen, die wirksam durch das aus- gestellte Anschauungsmaterial unterstützt wurden. Er deutete dann weiterhin die EntwickelungSlinien an, die da? Bibliothekwesen nehmen müsse, um mit den verfügbaren Mitteln den denkbar größten Nutzen zu erzielen. Die darauffolgende Aussprache ergab wohl allgemein das Em- Verständnis der Konferenz mit den vorgetragenen Grundsätzen, doch herrschte noch über den einzuschlagenden Weg Meinungsverschiedenheit. Um aber zunächst einmal die Grundlagen für ein planmäßiges Zu- sammenardeiten zu schaffen, wurde dem Borschlage zugestimmt, in den nächsten Tagen bereits von jedem Ort ein Bücherverzeichnis oder eine AMchriit desselben on den Genossen Otto Gäbel, Berlin 0. 112, Holteistr. 26, einzusenden uud zum Jahres- schluß einen genauen Bericht anszuarbeiten nach einem vom Kreis- bilduttgsausschuß aufzustellenden Fragebogen. Die Konferenzen sollen in nicht zu großen Zwischenräumen wiederholt werden. «nd Gemeindevertretungen. cke Dienstag, nachmittags S Uhr, im Sitzungstage der Stadt Nieder- Schöuhauscn. He Rathause. Teltow. Donnerstag, de» IS. Februar, nachmittags 6 Uhr, im Rathause. Tempelhof. Mittwoch, den 18. d. MtS., nachmittag» 6 Uhr, Im Gc« meindesitzungszirmner, Dorfstr. 42. Diese Sitzungen sind öffenttich. Jeder GemcindeangehSrisi« ist be, rechttgt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Jugendveranstaltnuge». Pankow— Rieder-Schönhauseu. Mittwoch, im Llrbetterjugendheim: Mädchenabend: Donnerstag: Diskulierabend und Freitag, den 2(3. Februar: Zw citcr Bortrag des Herrn Redatteur Schmidt übet.Deutsche Geschichte". ßrauen-Leseabenüe. AMershvs. Morgen Mittwoch S'/j Uhr. Bismarckstr. 31. Vortrag der Genossin Ryneck über:„Das Frauenwahlrecht". Arbeiter-Abstinenteubuud(Ortsgruppe Bcrlm-Vest). Morgen Mitt- woch, abends 8>/, Uhr, Versammlung im Polkshausc, Charlottenburg, Rosinenstraße 3. Bortrag bei Genossen Cr. Perlwitz über:.Menschenkunde". Gäste willkommen._ Marktpreise von Berlin am 14. Februar ltttl. nach Crmittelmtgen beS kgl PolizeivräsidiumS. Mais(mixcd), gute Sorte 16,90—17,20, Donau 16,00— 16,30. Mais(runder), gute Sorte 14,80—15,20. Ätchtstroh 0,00. Heu 6,60— 7,90. Marithallendreise. 100 Kilogr. IZrbfcu, gelbe, zum Kochen 34,00— 50,00. Speisebohnen. Meitze 35,00—60,00. Linsen 40,00— 80,00. Kartoffeln(Klembdl.) 4,00— 7,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1.60—2,40. Rindfleisch, Bauchfleifch 1,30— 1.80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,50— 2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 4,80— 7,20. 1 Kilogramm Kardien 120— 2,60. Aale 1,65—3,20. Zander 1,20—3,20. Hechte 1,60—2,80. Barsche 0,80—2,20. Stblei- 1,60—3.20. Bleie 0,80—1,60 60 Stück«Ireb'e 3.50—24,00 Vefcerall zu beben In Flaschen son 10 PLml Fabtik: Chemische Werke Lubazynski& Co. Aktiengesellschaft, Berlin Lichtenberg Möbelfabrik„Osten" Eingetragene K-nosienschast mit beschränkter Hasiung. Bilanz für das Geschäftsjahr 1913. M, 1424,09 490,- 10147,50 6979,— 2202,— A. Aktivo. KaflaKonto...... Bank-Konto...... Debitoren-Konto,... SSnren-Sonlo..... inen- und Werkzcug- onto...... B. Passiva. Kredttoren-Konto.... Anteil-Konto..... Darlebn-Konto.... Gewinn- u, Bcrlust- Konto 21242,59 M, 1114SL5 240.— 9770,— 86,34 21242,59 Ausgeschieden, noch beigetreten ist kein Genosse. Es bleiben am Schlüsse deS Ge- IchästsjahreS 1913 3 Genossen mit einer Gesamthastsumme von 240 M. 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Verlagsanstalt Paul Actillilig! lioligldeitR. Wegen Streik oder Lohn» differeuze» sind gesperrt: HolzbearbeitungSfabrik VAtU«,- öft K*r«,lt«»p, Schöneberg. Bclziger Straße 61. Da» Berliner Skrbeitswilligen. vermittetungsbureau d. gelbe» .HandiverterfchupverbanbeS*. Zuzug ist streng lernzuhalten. Die Ortsverwaitong Berlin des Deutschen Holzarbeiterverhandea Singer& Co. Berlin SW] Nr. 17. 31. IahrgavH. 3. ökiligk des Jotmürts" Jetlinet öoltetilatt. Diellstag. 17. Februar ISl�. Reichstag. 21S. Sitzung, Montag, den IS. Februar ISIt, nachmittags 2 Uhr. Am Tische des Bundesrats: Dr. LiSco. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des> Etats üer Reichsjustizverwaltung. Auf Borschlag deS Präsidenten wird beschlossen, den Fall der Witwe Hamm am Schluß der Generaldebatte beim Titel.Staats- sekretär" besonders zu verhandeln. Abg. Dr. Cohn(Soz.): ES handelt sich heute darum, die Bilanz für das abgelaufene Jahr zu ziehen, unerfreuliche Erscheinungen, die im Zustizwesen hervorgetreten sind, zu kennzeichnen. Keime einer neuen EntWickelung auszudecken und der Gesetzgebung und Praxis neue|Jiele zu zeigen. Die Ausbeute des letzten Jahres an neuen Justizgesetzen ist nicht gerade groß. Ich erinnere an die Tagegelder für Schöffen und Geschworene. Durch ein doppeltes und dreifaches Sicbungsverfahrcn sind weite Kreise der Bevölkerung von dem Amt der Schöffen und beschworenen ausgeschlossen, vor allem die Arbeiter, die Privat- beamten usw. ES ist zu begrüßen, daß der Staatssekretär des Rcichsjustizamts sich dahin ausgesprochen hat, daß cS das Vertrauen zur Justizpflege heben würde, wenn auch Arbeiter in die Laiengerichte als Schöffen hineinkommen. Daraus kann man folgern, daß bei dem jetzigen System der Justizpflege nicht das volle Vertrauen zu- gewendet werden kann. Die bürgerlichen Parteien, die ja sonst immer siir Versöhnung der Arbeiterklaffe mit dem heutigen Staate schwärmen, hätten hier eine Gelegenheit, die Vorwürfe über die Klassenjustiz abzuschwächen. Eine ausreichende Heranziehung von Arbeitern zu Schöffen und Geschwornen wird sreUich nur erreicht werden können, wenn der Ausschuß, der sie wählt, auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zusammengesetzt wird. In der dringend der Regelung bedürstigen Frage der Kon- k u r r e n z k l a u s e l liegt ein Entwurf vor. der leider viel zag- hafter vorgeht, als das österreichische Gesetz auf diesem Ge- biete und den berechtigten Wünschen der Beteiligten keineswegs entspricht. Ein unerträglicher Zustand ist, daß das Gesetz über die Jugendgerichte noch immer nicht eingebracht ist, obgleich diese Reform von hervorragenden Männern der Praxis, wie zum Lclspiel dem Direktor der öffentlichen Jugendfürsorge in Ham- bürg, Dr. Herz, als äußerst dringend bezeichnet worden ist. Sollten etwa die Schwierigkeiten darin liegen, daß die Kommission, die die Materie bearbeitet, auch Heraufsetzung der Strafmündigkeit ans das H. Jahr vorgeschlagen hat, während die Regierung diese Konzession an die Forderung aller wahr- hasten Pädagogen und Juristen bei der Reform des ganzen Strafgesetzbuches zu machen vor hat und sich jetzt nicht die Rosinen aus dem Kuchen nehmen lassen will. Es wäre ein imer- träglichcr Zustand, wenn eine von allen Seiten als dringend er- kannte Besserung so als Tauschobjekt behandelt »vcrdcn sollte. Man könnte neidisch sein auf die Entschlußkraft, mit der in Frankreich die größten Umwälzungen auf dem Gebiete der Gesetzgebung und Verwaltung in wenigen Monaten vollzogen werden. Aber auch in Deutschland kann man ja unter Umständen sehr schnell Gesetze machen. Ich erinnere daran, wie kurz nach der Verabschiedung des B. G.-B. in der Frage der Hastpflicht der Tierhalter die Regierung sofort auf das Pfeifen der Rechten parierte und apporlierte.(Präsident Kacmpf rügt diesen Ausdruck.) Unser Strafgesetzbuch ist heute beinahe 60 Jahre alt. denn das jetzige enlspricht fast ganz dem früheren preußischen Gesetz, und in dieler Zeit hat eine stürmische Umwertung aller wirtschaftlichen und politischen Werte statt- gefunden. Aber der Staatssekretär erklärt, vor 1917 könne mit der Reform nicht begonmm werden. Warum gerade 1917? Ist dieser Termin vielleicht schon 1912 bestimmt worden mit Rücksicht auf den Ausfall der Wahlen? Will man vielleicht warten, ob sich nicht die rote Wolke verzieht, von der ein fataler Widerschein auf daS neue Kleid fallen könnte, das man der Dame mit der Binde vor den Augen anmessen will. Welche Pläne für das neue Strafgesetzbuch seitens der Regierung bestehen, hat ja der Reichskanzler vor kurzem enthüllt. DaS Konlitionsrccht soll nach dem Willen der koalierten Scharfmacher rrdroffelt werden. Neben einigen Verbesserungen werden ungeheuere Attentate gegen die Arbeitcrllasse und damit gegen die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft geplant. Die organisierte Arbeiterschaft muß und wird sich mit allen Mitteln dagegen wehren.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wäre es anders, dann wären die Arbeiter wirklich die Hundsfotte, als die sie von den gewalttätigen und gewissenlosen Scharfmachern angesehen werden, denn ein freies Köalitionörecht ist für die Arbeiter tu der kapitalistischen Gesellschaft eine Lebensnotwendigkeit, die Lust, in der sie allein atmen können. Wenn ein Mörder seinem Opfer die Kehle zupreßt, so kommt es zu krampfhaften Bewegungen und Stößen, die stark genug sein können, um den Mörder selbst über den Haufen zu werfen. Aus einer Aeußerung der„Altnational« liberalen Korrespondenz" ist ganz klar geworden, wohin der Weg geht. Man spricht vom Schutz der Arbeitswilligen und man meint den Kampf gegen jede Demokratisierung in Deutsch- land oder in Preußen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Bei der Versumpfung der großen Reformwerke aus dem Gebiete der Justiz ist es erklärlich, daß sich an zahlreichen Stellen der Ruf nach Aus- besserung einzelner Teile erhebt. Die Entwickelung des wirtschaftlichen Lebens stellt jeden Tag neue Forderungen, so daß ohne Novellengesetzgebung gar nicht aus- kommen ist. Der bescheidene Anfang mit der Strasgcsetzbuchnovelle von 1912 ermutigt zu weiterem Vorgehen auf diesem Gebiete. Sie hat g ü n it i g gewirkt. Neuerdings ist ja unter dem Eindruck des Erfurter Urteils eine Novelle zum Militärstrafgejetzbuch eingebracht worden und ihr werden hoffentlich andere Novellen auf weiteren Gc- bieten folgen. Es fehlt nur der entfchloffene Wille des Reichstags und der Regierung. Ich erinnere an den Zeugniszwang gegen Redakteure, die EdeSformel, Berufung der Lehrer als Schöffen. Fragen, die Abg. Müller- Meiningen auf eine Umfrage der.Deutschen Juristenztg." als besonders reformbedürftig bezeichnet hat. Hat doch neulich ein Gericht in einer Diebstahls- fache das Zeugnis zweier konfessionsloser Zeugen nicht an- erkennen wollen und die Vernehmung neuer Zeugen angeordnet. Gegenüber den vielen Zehntausenden, die aus der Kirche ausgetreten find, wird sich die Eidesform für Zeugen unter Anrufung Gottes ohne schwere Gewissenskonflikte nichtaufrechterhalten lassen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Mein Freund Haase hat bei der schon erwähnten Umfrage der.Deutschen Juristenzeitung" daS Recht der Zeugnisverweigerung der Parlamentarier, serner die Zeugnisvcrweige- rung gegenüber Fragen nach der politischen Gsinnung und der A b st i m m u n g bei Wahlen als Fragen bezeichnet, die für eine Novellengesetzgebung in Betracht kommen( in der Tat würde sich hierüber leicht eine Verständigung erzielen lassen. Graf W e st a r p hat Gründe gegen � eine Novellengesetzgebung angeführt; aber die sind in der Tat nicht ernst zu nehmen.(Präsident Kaempf rügt diesen Ausdruck.) Für die Novellengesetzgebung eignet sich ferner die Frage der Äonkurrenzklausel. die des Existenzminimums, das höher bemeffcn werden muß als 1S09 M, die Frage des Zwangsvergleichs bei Kon« k u r s e n; ganz dringend ist eine Neuordnung des Wiederaus- na hm �Verfahrens in Strafsachen. Wie steht es serner mit einem Strafvollzugsgesetz? Es ist gar kein Grund ein- zusehen, mit ihm bis nach der allgemeinen Revision des Strafgesetz- buches zu warten. Aber nicht nur die Mängel der Gesetze haben wir zu rügen, auch die Mängel der Gesetzesanwendung, wie wir es immer wieder nennen müssen, die Klassenjustiz. Nicht eine bewußt verschiedene Rechtsprechung verstehen wir darunter, aber eine objektiv ungleiche Behandlung der verschiedenen Klassen, hervorgerufen u. a. auch durch das Bestreben der Richter, sich als einen Teil der Staatsautorität zu fühlen. Ich erinnere auch an die außerordentlich milde Beurteilung von Studenten- e x z c s s e n gegenüber den schweren Urteilen bei gleichen Vergehen von Arbeitern. Bezeichnend sind in dieser Richtung auch die außerordentlich milden Strafen für llebertretnngen von Arbeiterschntzgesetzen. So erhielt ein Arbeitgeber für Nichtein- Haltung einer Bestimmmrg des Kinderschutzgesetzes felbst im Wiederholungsfalle nur die Mindeststrafe von!Z M.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Auch der Ausgang der Ares- lauer Sittlichkeitsaffäre ist charal.eristisch. Nicht die mißbrauchten Kinder wurden vom Vorsitzenden des Ge- richts, Mundrh, als die Opfer bezeichnet, sondern die er- wachsenen Männer(Hört! hört!); bei der Begründung der sehr niedrigen Strafen sagte derselbe Herr, das Gericht müsse einen Unterschied machen, ob es sich um bescholtene oder unbescholtene Mädchen handelt, obwohl im Gesetz nichts davon steht(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), denn der Gesetzgeber habe diesen Fall nicht vorgesehen. In einem Falle, in dem Berufung eingelegt war, mußte das OberlandeSgericht Herrn Mundry attestieren, daß seine Begründung die Grenzen der Objek- tivität überschreite. Durch krasse Urteile bei sogenannten Streikvergehen zeichnet sich auch die Erfurter Strafkammer aus. Ein Arbeiter, der mit Bezug auf einen Streikbrecher gesagt hatte:„Laßt ihn gehen, er mutz wissen, was er tut," wurde wegen Beleidigung mit drei Monaten Gefängnis bestraft.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) In Breslau wurde ein Arbeiter wegen.eines beleidigenden Blicks" gegen einen Schutz- mann zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt.(Hön! hört! bei den Sozialdemokraten� Auch S ü d d e u t s ch l a n d ist von dieser Art Rechtsprechung nicht frei. Auffallend dabei ist auch die geringe Achtung der Gerichte vor der persönlichen Freiheit, indem ganz leichtfertig ungerechtfertigte Untersuchungshaft verhängt wird.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Richter fühlen sich eben nicht als Hüter des Rechts, sondern als Hüter der Staatsräson. Hat doch der Abg. Röchling im preußischen Abgeordneten hause, auch ein Richter, dem Reichskanzler zum Vorwurf gemacht, er habe im Zaberner Fall zu sehr die abwägende Gerechtig- keit und zu wenig die Staatsräson im Auge gehabt. Gnade Gott dem.Streiksünder", der vor einem Richter mit solchen An schauungen steht. Der Abg. Haas gab im vorigen Jahre zu, daß ganz unobjektive, unerfreuliche Urteile gefällt werden. doch seien daS Ausnahmen. Nur zeigen sick diese Aus- nahmen in ganz Deutschland gegenüber.Streiksündern", also gerade in solchen Zeiten, in denen volle Objektivität des Richters erst reckt Pflicht wäre. Nicht mir in Straffachen zeigt sich die Unobjektivität des Richters. In Berlin wurde ein Werkmeister, dem der Wochenlohn nicht ausgezahlt wurde und der deshalb die Arbeit niedergelegt hatte, mit der Klage auf den Lohn für die sechs wöchentliche Kündigungsfrist abgewiesen, das Urteil sagt, der Kläger darf sich nicht auf den starren Rechts st andpunkt stellen(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), er war moralisch verpflichtet, das Geschäftsinteresse wahrzunehmen. Wo das Gesetz bleibt, sagt dieser Richter nicht, auch die Sittengesetze.jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert",„wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht zahlt, ist ein Bluthund", scheinen ihm unbekannt. Ebenso kümmert er sich nicht um das Handelsgesetzbuch und die Gewerbeordnung, die ausdrücklich sagen, wem der Lohn nicht bezahlt wird, der kann gehen.— Ein besonderes Kapitel bildet die Polizei im Strafprozeß. ES zeigen sich da bedenkliche K o r r u p t i o n s e r f ch e i n u n g e n. In Köln wurden Bestechungsgelder an Polizeibeamte als wahr er wiesen. Unter den Augen der Polizei verstößt man gegen den Kuppelerparagraphen; in Altona erschien ein Inserat eines Bordellbesitzers, das ausdrücklich auf das große Eni gegenkommen der Polizei hinwies.(Hört! hört! bei den «Sozialdemokraten.) Ich spreche nicht von der Korruption der politischen Polizei und dem Spitzelwesen; in diesem Zusammenhang will ich nur auf den Fall in E s s e n hinweisen, wo ein Polizeibeamter ein bezahltes Subjekt, einen Achtgroschenjungen, angestiftet hat, in das Lokal des Steigerverbandes einzubrechen, dort die M i tg Ii e d e r- l i st e zu stehlen, die er dann der Unternehmerorganffatjon aus- bändigte. Ein aus demselben Gebiete liegender Fall wird aus Bochum berichtet.— In Berlin mußte ein Schutzmann verurteilt werden, weil er, um besonderen Ruhm als Einbruchsentdecker zu erlangen, einen Einbruch bei sich bestellt hatte und dabei einen Menschen niedergeschoffen hatte. Aehnliche Fälle häufen sich. Eine stärkere Beaufsichtigung, eine Resormierung der Polizei ist dringend notwendig, sie ist eine der wichtigsten Aufgaben der Rechts- pflege und der Justizverwaltung; der Justizminister sollte sich hier- über mit dem preußischen Minister des Innern in Verbindung setzen, und Herr v. I a g o w sollte über seine juristischen Studien nicht die Pflichten seines Amtes vergessen und sich erst dann als Herkules feiern lasten, wenn er den Augiasstall der Polizei gründlich gereinigt hat.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Einen unerhörten Fall politischen Mißbrauchs der Für s o r g e e r z i e h u n g hat neulich mein Freund Rühle erzählt. In Westfalen wurde über einen jungen Mann die Fürsorgeerziehung verhängt, weil er„schon viel von der Sozialdemokratie spreche". (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Als weit mehr als die Richter, dünken sich bei uns noch die Lerwaltungsbeamren, und welche Geringschätzung unsere Rickter unter Umständen in diesen Kreisen genießen, die politisch an der Spitze des Staates stehen, be- weisen die Aeußerungen der„Post" und der„Kreuz-Zeitung" über die Vorgänge in Zaber«.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kralen.) Die Gründung der Richterorganisation wird hoffentlich den Richtern ein besseres Verständnis für gewerkschaftliche Vorgänge und Ideen beibringen. Die Richter sollten Seite an Seite mit den Anwälten für die Hebung des Ansehens der Justiz kämpfen. Was ihnen vorgeworfen wird, ist ihre geringe Widerstandsfähigkeit gegen- über politischen und sozialen Einflüssen. Zu den stolzesten Traditionen der europäischen Gerechtigkeitspflege gehört das Wort: üat. justiüa et pereat mundus(Gerechtigkeit muß geübt weiden und wenn dabei die Welt zu Grunde geht). Nach unserer Anschauung muß die Justiz auf die breiteste Mitwirkung aller BolkSkreise gestellt werden, die Richter müssen vom Volke frei gewählt werden. Wir sind der Meinung in Umkehrung des zitierten Wortes: pereat mundus, fiat justitia: erst muß die jetzige Gesellichasts- ordnung zu Grunde gehen, und durch eine neue ersetzt werhen, ehe wirkliche Gerechtigkeit geübt werden kann.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Präsident Kaempf ruft den Redner nackträglich wegen einer Aeußerung zur Ordnung, in der von der Möglichkeit eines W a h l schwind e ls der Regierung mit den bürgerlichen Parteien die Rede war. Abg. Dr. Belzer(Z.): Wenn wir alle mit der Ausführlichkeit de? Vorredners sprechen wollten, würden wir bis Ostern mit dem Justizetat nicht fertig.— Von den Z a b e r n- Prozessen können wir nur sagen: o rühret, rühret nicht daran.— Auf der Streichung des neuen Reichsanwalts werden wir bestehen.— Der vorliegende Luft- schiffahrtrechtsentwurf bedarf noch wesentlicher Abänderungen. Leider scheint eine internationale Regelung noch nicht möglich. Darüber, ob ein Entwurf betr. den Zwangsvergleich außerhalb des Konkurses zu erwarten ist, wird der Staatssekretär jedenfalls Auskunft geben. — Der nationalliberale Airtrag auf Verbesserung einzelner Teile des Reichsrechts geht uns zu weit, er würde die Reform unseres gesamten Strafrechts und Strafprozeßrechts nur noch mehr hinausschiebe». Dringend notwendig ist allerdings die Beschleunigung unserer Zivilprozeffe. Wie steht es mit der Frage der Neuregelung der An- gc st eilten der Rechtsanwälte und mit der Aeliderung der Gebührenordnung der Rechtsanwälte?— Vielleicht ließe sich eine Zentralstelle für ein Generalschuldenregister errichten, wo die Interessenten Auskunft erhielten, wer den Offen- barungseid geleistet hat.— Die„Deutsche Richterzeitung", das Organ des Deutschen Richterbundes, hat einen unqualifizicr- baren Angriff auf unseren Kollegen Spahn gebracht, weil er airgeblich die Unparteilichkerr des Kolmarer Ober« landesgerichts angezweifelt hat. Der Deutsche Richterbmrd sollte solche Entgleisungen seines Organs nicht dulden.— Ein Krebsschaden ist die S e n s a t t o n S p r e s s e, die private Angelegenheiten in die Oeffentlichkeit zieht und SensationSartikel mit geschlechtlichem Einschlag bringt. Ich freue mich, daß der. Vorwärts" gegen diese ekelhafte, sensationslüsterne Presse Front gemacht hat, und daß bei den Angriffen auf den General- inteiidanten Grafen Haeseler das Gericht einmal ein Exempel statuiert hat.— Sehr bedauerlich ist, daß der Prozeß der Hedwig Müller von der Presse sensationell aufgebauscht wurde. Das Versahren des Staatsanivalts, der besondere Rücksicht auf die junge, hübsche Angeklagte genommen hat, ist ja erfreulicherweise vom preußischen Justizminister gerügt worden. Aber der Schade, den der Prozeß angerichtet hat, kann da« mit nicht gut gemacht werden. Im Volke zieht man Vergleiche zwischen der Behandlung der jungen hübschen Dirne und etwa der einer alten häßlichen, ivegen Forstfrevels angeklagten Frau. In bezug auf die Bekämpfung der Schundliteratur erwarten wir möglichst bald eine Novelle. Mit dem Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen schmutzige Postkarten sind meine Freunde einverstanden; dicS Borgehen richtet sich nicht gegen die Kunst, sondern gegen den Mißbrauch der Kunst. Das Volk ist mit diesem Vorgehen auch ganz einverstanden. Aber nicht einverstanden ist daS Volk mit dem Ausquetsche» der Zeugen vor Gericht, namentlich auch mit den Fragen nach den Vorstrafe», die oft große? Unglück über die Jeugen bringen. Ein besonderes Kapitel bildet die Behandlung der Geisteskranken überhaupt und vor Gericht. Die Forderung einer Reform des Jrrenrechts ist dringend. Mit einem großen Teil meiner Freunde halte ich eine einheitliche, rcichsgesetzliche Regelung dieser Materie für wünschenswerter als eine laiidesgesetzlicke Regelung. Das Volk versteht es nicht, daß bei jedem großen reichen B e r- b r e ch e r der Einwand erhoben wird, er war bei Begehung der Tat geisteskrank und oft genug wird er freigesprochen. Der kleine Mann hat nicht'daS Geld, sich in einer Anstalt auf seinen Geistes- zustand untersuchen zu lassen. Zu oft werden auch mildernde Ilm- stände wegen des sogenannten Dämmerzustandes bewilligt, wie es bei Hedwig Müller geschah. Sehr merkwürdig sind oft auch die Gutachten bei Eni« mündigungsversahren, wo Gutachten gegen Gutachten steht. In solch zweisclhaften Fällen sollte es stets heißen: In dubio pro reo(im Zweitelsfall für den Angellagten). Im Falle Versen erkannte das Amtsgericht Eberswalde auf Entmündigung auf Grund eines Gutachtens des Leiters einer Jrrenaiistalt, der auch die Geistes- krankbeit aus dem Umstände schloß, daß Herr v. Versen gegen seine Zurückhaltung in der Irrenanstalt protestierte.(Heiterkeit und Hört! hört!) Glücklicherweise hat das Landgericht Prenzlau die so begründete Entmündigung aufgehoben. Ueber die Unterbringung in eine Irrenanstalt sollte stets eine Kommission eiitschelden. in der neben Juristen und Psychiatern auch Laien sitzen. Gegen gemeingefährliche Geisteskranke muß die Menschheit allerdings geschützt werden. Allerdings ist die Frage der Feststellung der.gemeingefährlichen Geisteskrankheit" sehr schwierig. Den Lehrer W a g n e r hat vor seiner Tal niemand für geisteskrank gehalten. Ich will die Feststellung der GeisteSgestvrtheit in diesem Falle nicht anzweifeln. Aber Widerspruch muß ich erheben dagegen, daß gleich nach der Tat behauptet worden ist, die Tat könne nur von einem Geisteskranken begangen sein. Das Volk versteht es nicht, daß der Mann, bei dem nie etwas be- merkt worden ist, seit 19 Jahren geisteskrank sein soll. Er ist jetzt als unheilbar geisteskrank in einer Irrenanstalt untergebracht; aber wer bürgt dafür, daß er nicht eines Tages als geheilt entlassen wird. In dem Prozeß Änittel, in diesem im Lande de» Hakatismus geborenen Prozeß, hat der Vorsitzende durch sein Ver- halten weit Schlimmeres sich zuschulden kommen lassen als der An- geklagte.(Sehr richtig! im Zentrum.) Solche Vorkommnisse können das Vertrauen zur Rechtsprechung nicht erhöhen, das unter allen Umständen erhalten werden muß.(Beifall im Zentrum.) Abg. Schiffer(natl.): Den von den Sozialdemokraten erhobenen Vorwurf der Klassenjustiz nehmen wir nicht leicht. Glücklicherweise teilt die Masse diese Anschauung vpn der Parteilichkeit der Richter nicht, sondern sie treten vor den Richter mit Vertrauen.(Zustimmung bei den Nationalliberalen.) Ein großer Teil dieser Vorwürfe trifft übrigen? gar nicht die Richter, sondern die Gesetze, nach denen sie urteilen müffen. Ich er- innere an die Nichtvereidigung des einen Kruppdirektors, weil er angeblich der Teilnahme an der Straftat verdächtig war, obgleich seine Glaubwürdigkeit gar nicht bezweifeil wurde. Das ist eine Barbarei, zu der der Richter durch das Gesetz gezwungen ist, das kann man, ganz abgesehen von der Person, um die cs sich handelt, anerkennen, denn es kann jedem von uns passieren.— Wir müffen eben die Gesetze in Einklang bringen mit der modenren Zeit. Und da die Strafgesetz- resp. Strafprozeßrcform erst nach vielen Jahren zu erwarten ist. sind wir zu einer Novellengesetzgebmrg ge- zwungen. Der Weg, den wir mit der kleinen Strafgesetznovelle begonnen haben, dieser geräuschlose schnelle Weg, der sonst im Reichstag so selten üblich ist. soll unser Vorbild sein. Eine Einigung über die wich- tigsten Punkte wird leicht möglich sein. Wir sehen heute, daß der Wahrheitsbeweis meist erhoben wird, wo es nicht notwendig ist und nicht erhoben wird, wo eS notwendig wäre. Wir sehen eine Ueberwucherung der Privatklageverfahren, wie sie unseres Volkes unwürdig ist. Unhaltbar ist auch der Zustand, daß obgleich der Wahrheitsbeweis vollständig erbracht wird, wegen reiner formaler Beleidigung verurteilt wird.(Sehr richtig! links.) Wichtig ist ferner der Schutz des Gläubigers gegen böswillige Schuldner. Vollständig spruckreissind die Fragen derEinschränkung der Eidesleistung, die Beschleunigung des Verfahrens im Zivilprozeß und Strafprozeß, die Zulassung der Volksschullehrer als Schöffen und Geschworene. Weiter wün)chen wir Beschleunigung und Vereinheitlichung der Rechtspflege. Die Zahl der Instanzen muß nach unten beschränkt werden, das heißt, es muß häufiger gleich die oberste Instanz an- gerufen werden. Hier sollte man einen raschen energischen Schritt tun, wie er in England und Amerika bereits getan ist. Eine Ueberlastung deS Reichsgerichts ist ausgeschlossen, denn die Mlle, auf die es ankommt, gehen ja beute alle ans Reichsgericht. Bei der großen Anzahl unserer höchsten Gerichtshöfe und der Zwie> spälligkeit ihrer Entscheidungen muß einmal ein Ausgleich herbei- geführt werden, um dem Volke die Rechtssicherheit zu gewährleisten. — Unsere Richter sollten sich vor allem in der Tugend der Geduld üben. Ihre Hauptaufgabe ist. sich in die Seele der Leute zu versetzen, mit denen sie verhandeln. Das Leitmotiv für die Richter muß fein: erst kommt der Mensch und dann kommt der Lurist.(Bravo I b. b. Natl.) Abg. Dr. V. LaSzewski(Pole) fordert ebenfalls Beschleunigung der Rechtspflege. Da» Haus vertagt die Weiterberatung auf Dienstag 1 Uhr. vorher kurze Anfragen. Schluß 7 Uhr._ Jbgeorönetenhaus. 28. Sitzung. Montag, den lv. Februar 131», vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. D a I l w i tz. Der Etat ües Ministeriums ües Innern. Die preußische Dänenpolitik. Abg. Wittrock(Vp.): DaZ Anwachsen der dänischen Agitation ist sehr bedauerlich. Seitdem die preußische Regierung durch das Sprachenverbot von 1888 und durch andere polizeiliche Schikonen die Danen zu unter- drücken suchte, ist der Einfluß des DänentumS in Schleswig als Gegenwirkung gegen diese Maßnahmen gestiegen. An dieser Politik kranken wir heute noch. Man verbot öffentliche dänische Versammlungen.— die Dänen bauten sich eigene Ver« sammlungShäuscr. Diesen Versammlungshäusern wurde die WirtschaftSkonzession nicht erteilt,— die Folge davon war daS Anwachsen der Abstinenzbewegung, welche der dänischen Agitation «ine starke sittliche Stoßkraft verlieh. Die Politik der Regierung entspricht weder unserem Gerechtigkeitsgefühl, noch einem richtig verstandenen«staatSinteresse. Die Jugendpflege soll gefördert werden, aber ohne daß der Zweck deS GermanisierenS damit ver- Kunden ist, da man sonst das Gegenteil von dem, waS man be- absichtigt, erreicht. Bei der Politik in Nordschleswig sollte die Regierung sich möglichste Reserve auferlegen, vornehm und ritterlich muß man vorgehen, wenn man die Dänen zu treuen Söhnen des Landes machen will.(Bravo! bei der Volkspartei.) Abg. Ströbel(Soz.): Um den Hakatistischen Treibereien eine größere Weihe zu geben, bat man am Sonnabend auf das SOjähriae Jubiläum der Befreiung Schleswig- Holsteins hingewiesen. Es ist ja bei uns üblich, solche Jubiläen zu reaktionären Gewaltstreichen zu benutzen, ich erinnere nur daran, daß man im Jubiläumsjahre 1913 in Elsaß- Lothringen den Grundsatz proklamierte, die Soldateska brauche sich um Gesetz und Recht nicht zu kümmern. Auch hier gilt eS, einen reaktionären Vorstoß zur Vergewaltigung eines Teiles der preußischen Staats bürger. Deshalb soll die nationale Begeisterung bis zum rücksichtslosesten Chauvinismus aufgepeitscht werden. Sie haben das nötig, weil sonst kein Mensch auf den absurden Gedanken kommen könnte, in der Nordmark liege «ine Gefahr für das deutsche Volk vor. Sie sollten aber vorsichtig sein mit der Heroufbeschwörung an die Erinnerung historischer Tat- fachen. DaS offizielle Preutzentmn hat fein nationale» Herz für die Deutschen in Schleswig-Holstein erst entdeckt, als«in Beutezug damit zu verbinden war, Preußen nahm sich des Deutschtum» in EchleSwig-Holstein erst an, als es möglich war. eine Annexion zu vollziehen. iSehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) 1848 erhob sich das deutsche Volk für die Befreiung SchleSwig-HolsteinS. Auch die Männer, die als die geistigen Träger der Sozialdemokratie gelten, traten für diese Befreiung ein. Sie sehen also, WaS für ein Unsinn e» ist, von der vaterlandslosen Sozialdemokratie zu schwatzen. Aber die Vaterlandsliebe der ecktpreußischen Männer erscheint in recht eigentümlichen, Lichte. DaS offizielle Preußen trat aus Angst vor England und Rußland sehr bald von Schleswig-Holstein zurück, und um so lieber, als der Preußenkönig in der Erhebung der SchleSwig-Holfteiner eine revolutionäre Erhebung sah. Preußen gab damals die SchleSwig-Holsteiner an Dänemark preis. Die Entrüstung, die im Frankfurter Parlament darüber losbrach. kennzeichnet die Entrüstung, die im Bolle herrschte.(Sehr wahr I bei den Soziaidemolraten.) Als 18S4 die SchleSwig-Holsteiner ein selbständiger Bundesstaat unter dem Augustenburger zu werden wünschten, duldeten eS Preußen und Oesterreich nicht. So werden LandeSväter abgesetzt, wenn es dynastischen Interessen entspricht. (Sehr wahr l bei den Soz.) Jetzt putscht man die Regierung gegen die dänischen Stammesangehörigen auf. Das ist alles, was Sie (nach rechts) aus der Geschichte gelernt haben. Daß solche Ber- gewaltigung sich bitter rächen muß, scheinen Sie nicht zu begreifen. Sie tun so, als ob der Angriff nicht von Preußen ausgeht, sondern Deutschland sich wehren muß. Die Absurdität dieser Idee ergibt sich aus der Tatsache, daß höwstcns 150 000 Dänen vorhanden sind. Sie werfen den Dänen Terrorismus vor. Aber gerade Sie wollen bei den Wahlen Kontrolle und Gesinnungsschnüffelei ausüben, sonst würden Sie. für das geheime Wahlrecht eintreten. (Lebhaste Zustimmung links.) Wie können Sie sich über den Terror entrüsten, wenn das Gesetz selbst darauf zugeschnitten ist. Beseitigen Sie die öffentliche Abstimmung, so werden Sie den TerroriSmuS unmöglich machen. Auch die Nationalliberalen, auch die Partei des Herrn Schifferer übt Terrorismus dort, wo sie die Macht hat, im Westen und in der„Effener Volks- zeitung' wird das gebrandmarkt.(Präsident Graf Schwerin- Läwitz ruft den Redner zur Sache.) Am Sonnabend ist von dort drüben von WahlterroriSmuZ gesprochen worden, ich muß deshalb auch darauf eingehen können.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Gewaltpolitik, die gegen die Dänen getrieben wird, muß zur Erbitterung führen, wie auch in zahlreichen Ausführungen einsichtiger Männer zun, Ausdruck kommt. Freilich begehen die Dänen ein großes Verbrechen in den Augen der Hakätisten: Sie wollen ihre Nationalität, ihre heimische Kultur be- wahren und sich nicht zu Musterpreußen machen laffen. Das ist ihr gutes Recht. Die Deutschen in Schleswig-Holstein haben sich in der dänischen Zeit auch ihrer Haut gewehrt. Schon 1844. schon vor der Erhebung, wurde dort gesungen:.Schleswig-Holstein. meer- umschlungen'. Wie kann man eS also den Dänen verdenken, wenn sie alleS aufbieten, um ihre Nationalität zu bewahren! Sie be- haupten, Dänemark nehme teil an dem Kampf gegen die GermanifierungSbestrebungen. Run, damals hat ganz Deutschland teilgenommen an de« gegen die dänische Regierung gerichteten Be- strebungen. So sehr wir die �wangtpolitik mißbilligen, die damals Dänemark trieb, so sehr mißbilligen wir auch heute die ZwangS- Politik Preußens. Und Dänemark hatte noch einen politischen Grund zu seinen Maßnahmen, nämlich die Furcht vor dem Verlust der Provinz, aber bilden denn die 150 000 Dänen in Nordschleswig wirklich eine Gefahr für das Deutsche Reich? Sie sagen doch sonst, wir Deutschen�sürchten Gott und sonst nichts in der Welt.(Sehr gut! bei den Sozialdemolraten.) Man müßte sich vor Lachen ausschütten, wenn die Geschichte nicht so beschämend wäre. Herr S ch i f f e r e r sagte, wenn ein zweiter Napoleon käme, würde Dänemark versuchen, Schleswig-Holstein an sich zu reitzen. Es wäre wahrlich besser gewesen, durch eine Volksabstimmung entscheiden zu lassen, ob die Bevölkerung dänisch bleiben oder deutsch werden wolle. Deutschland wäre nicht schwächer geworden, wenn die Grenze süd- sicher gegangen wäre. Aber nun gehört SchleSwig-Holstein zu Deutschland und da sollte man dafür sorgen, daß die ZwangS- deutschen durch vernünftige Behandlung Respekt und Hochachtung vor den Deutschen bekommen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) Durch eine Gewaltpolitik erreicht man nicht». Die Dänen sind ja auch immer stärker geworden, die dänischen Organisarionen sind fortwährend gewachsen, und werden bei weiterer ZwangS- gcrmanisierung nur immer weiter wachsen. Herr Gchisferer hat gesagt, die Landschaft sollte die dänischen Höfe nicht mehr beleihen. (Lebhaftes Hört! hört t bei den Sozialdemokraten.) Das sagt der- selbe Herr Schifferer, der über den von den Dänen ausgeübten Wirt- schaftlichen Boykott jammert. Auch das VereinSgeletz möchte Herr Schifferer noch verschlechtert haben. In einem Kreis, in dem mehr als 60 Proz. Dänen sind. darf in öffentlichen Versammlungen die. ausländische Sprache benutzt werden, und die Landesregierung darf noch weiteres Entgegenkommen zeigen. Hiergegen läuft der liberale Herr Schifferer Sturm. «Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Und der Herr Minister hat auch bereits Entgegenkommen versprochen. Es wäre nur für die Regierung ehrenvoll, wenn sie liberaler als der nationalliberale Schifferer ihres Amtes waltete. Dann würde sie alle Aufregung unter den Dänen vermeiden, wie sie z. B. der Präsident Suppe durch feine bekannte Rede, in der er von einer zügellosen Agitation der Dänen sprach, entfachte. Ja er sprach sogar die Drohung aus, daß die Regierung zu schärfere« Gegcnwaßregel« greifen müsse, falls die dänische Agitation größere Fortschritte mochte. Und da kommt der Abg. Schifferer, ein Liberaler, und sagt, daß die Regierung gegen die Dänen nicht liberal, sondern mit immer strengeren Borschriften vorgehen müsse. Wir wundern uns nicht über jene Aeußerungen des Regierurigspräsidenten Suppe, ist er dock jener S ch a r s m a ch« r, der die Verfolgung deS Heimat- losen Dänen Eckholm so rücksichtslos betrieben hat, bis der Ber« folgte im Gefängnis eine Heimat fand. Zu den angreifbaren Maßnahmen der Regierung gehört die ge- waltsame Verdrängung der däniswen Sprache aus der Schule. Im Jahr« 1878 waren von 18 Schulstunden noch 16 dänisch. Jetzt ist dte dänische Sprach« mit Hilfe der Landräte und Kreisswulinipeltoren gänzlich auS den Schulen ausgemerzt. Der Abg. Schifferer iagte, wer will denn den Dänen ihre Kultur nehmen? Die Kultur ist ein umfassender Begriff, der mehr als die Sprache enthält. Aber indem Sie den Dänen ihre Heimatsprache zu rauben suchen, nehmen Sie ihnen damit gleichzeitig ihr Heimatsgefühl. Man hat das VereiuS- recht in gesetzwidriger Weis« mißbraucht, um sogar gotteSdrenstliche Veranstaltungen als öffentliche Ber- f a rn m l u n g e n zu erklären und zu verbieten. Zu diesem Kapitel tehört auch da» Verbot des Smundsenlchen Vortrages. !er Graf Baudissin war«S. der die Regierung in der Aufrechterhaltung dieses Verbot» zu bestärken suchte. Vollkommen mißlungen war der Versuch deS Minister«, da» Verbot der Landung deS dänischen Vergnügungsdampfer» in Sonderburg zu begründen. Daß die Musik auf dtesem Dampfer dänische Weisen spielte, ist doch selbstverständlich, oder wollte man vielleicht verlangen, daß .Deutschland, Deutschland über alle»' oder.SchleSwig-Holstein, meerumichlungen' gespielt würde. Gerade, wenn wir internationale Verwickelungen vermeiden wollen, sollten wir unS die Dänen und die ganze nordische Völkergruppe zu Freunden machen und die Dänen mit der deutschen Polttik aussöhnen. Der Minister hat da» Landungsverbot auch damit zu begründen gesucht, daß an dem be- treffenden Tage der Todestag Kaiser Friedrichs III. war, den man nicht durch laute Festlichkeiten hätte stören dürfen, lieber diese Begründung haben sich wohl alle gewundert, denn bisher ist dieser Todestag in Preußen noch niemals beachtet worden. Die Regierung hat unseren Genoffen Stauning, den Vize- Präsidenten de« däniswen Folkething ausgewiesen, da er einen Bortrag über das dänische und preußische Wahlrecht halten wollte und man da wohl glaubte, daß Preußen bei diesem Vergleich sehr schlecht wegkommen würde. Nicht einmal in deutscher Sprache durfte er diesen Vortrog halten. Natürlich fand die Ver- sammlung doch statt und der verbotene Vortrag wurde verlesen. Aber Stauning, der in der Versammlung erschienen war, wurde über die Grenze geschafft. Durch solche Matznahmen fördern Sie unsere Agitation gegen das reaktionäre Junkerpreußen, aber die Regierung macht fich lächerlich durch derartige »«ausgesetzte internationale Ungezogenheiten. Die herrschenden Klaffen dürfen internationale Beziehungen pflegen. Aber wenn das Volk dergleichen tut, so schmeißt ihm die Polizei den Knüttel zwischen die Beine. Und WaS erreichen Sie anderes dadurch, als daß daS Dänentum gestärkt wird und die Sozialdemokratie sich eines gewaltigen Wachstums erfreut. Was die 2000 heimatlosen Dänen in Schleswig betrifft, so haben die Ab- geordneten I o h a n s s e n und S ch i f f e r e r gefordert, daß ihnen das preußische Staatsbürgertum nicht gewährt werde. Ist das nicht lächerlich und beschämend, daß man diese Handvoll Menschen als eine kolossale Gefahr für Deutschland hinstellt. Aber man will sie recht- los halten, sie sollten jederzeit nach Dänemark abgeschoben werde» können, besonder« wenn sie deutsche Frauen heiraten, die ja durch eine solche Heirat ihr Staatsbürgerrecht verlieren. Die bürgerlichen Parteien haben die Gelegenheit, derartige internationale Verwicklungen zu beseitigen, nicht benutzt, da sie diesbezüglich« sozial- sozialdemokratische Anträge abgelehnt haben. Vor einiger Zeit hat man einen solchen Heimatlosen, der einmal als Ibjähriger Mensch einen Verweis wegen eines Diebstahls erbalten hat, aus einem geringfügigen Anlaß ausgewiesen. Aber der Hauptgrund war, daß er ein deutsches Mädchen geheiratet hatte. Wenn da- gegen ein solcher Staatenloser mit einer Deutschen in einem unehelichen Verhältnis zusammenlebt und illegitime Kinder «rzeugt. so geschieht ihm nicht«. Wir bitten den Minister um Aus- kunst, wie weit die Verhandlungen betreff» d«S Vertrages mit Dänemark gediehen sind. Wir fordern, daß endlich der Kriegszustand in den Nordmarkcn aufhöre(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten und den Dänen) und daß mit der frivolen Konfliktpolilik der Kriegshetzer, von der wir in der elfäsfischen Affäre ja auch eine nette Probe erhalten haben, endlich ein Ende gemacht werde. Wir protestieren dagegen im Namen de» Volkes, der Kultur und der nationalen Ehre.(Bravo! bei den Sozialdemokraten und den Dänen.) Minister v. Dallwitz: Daß der Vorredner die Wiedergewinnung SchleSwig-HolsteinS als einen Raub bezeichnet hat, beweist lediglich den Tiefstand seines nationalen Empfindens.(Lärm bei den Sozial- deinokraten.— Lebhafts Zustimmung rechts.) Auf der gleichen Stufe steht es, wenn die Flensburger Sozialdemokraten sich den Führer der dänischen Sozialdemokraten zu sich geholt haben, damit er für sie Reklame mache. DaS Gesuch, den Vizepräsidenten des dänischen Folkething» Stauning reden zu lassen, mußte ab- gelehnt werden, weil es sich um eiue ganz gewöhnliche sozialdcmo- kralische agitatorische Versammlung der dänischfreundlichen Sozial- demokraten in Flensburg handelte. Wenn Herr Stauning sich trotz- dem persönlich an der Vesammluug beteiligte, so hat er sich damit angesichts der gespannten nationalen Verhältnisse in Nordschleswig einer sehr dreisten H e r a uS f o r d e r u n g und Verhöhnung der staatlichen Autoritär und der preußischen Be- Hörden sowie der gesamten deutschen Bevölkerung schuldig gemacht. (Lärm bei den Sozialdemokraten.— Lebhafte Zustimmung rechts und bei den Nationalliberalen.) Abg. Graf Reventlow(5.) spricht der Regierung für ihre Dänenpolitik seine Anerkennung aus. Er verlangt nur, daß die Landräte so lange als möglich auf ihrem Posten in der Nordmark bleiben. Abg. Kloppcnburg(Däne) polemisiert gegen den Abg. Schifferer. Die Dänen mußten eigene Versammlungshäuser bauen, weil man ihnen die anderen Lokale abgetrieben hat. Die Dänen können nur durch eine groß- zügige noble Politik gewonnen werden und alle Ausnahmegesetze sind nur von Uebel. Mit Peitschenhieben kann man daS Natio- nalitätSgefühl nicht austreiben. Die Köller-Politik hat vollständig Fiasko erlitten. Wollen Sie sie jetzt wirklich nochmals wiederholen? Damit können Sie uns wohl reizen, aber Sie werden damit nichts erreichen. Sie müßten uns sonst totschlagen, und das werden Sie als Kulturnation wohl doch nicht wollen.(Beifall bei den Dänen und Sozialdemokraten.) Abg. v. Bonin-Stormann Swinemde. ISl SS©- 1 halb bd. Hamburg �-ögiWS© Zwolkig Berlin 703©! 3 wolkig: Frank!. a.M 763«© j l Nebel i München 767;® i 2 wolkig j Wien 772,030 i 2, Nebel, 7 5 0 7 3 -1 «totwnen SS i Betersburg7l3 SS9 Scilly|76l!StiB Aberdeen 175! i®«® j Pari«>763�0 1« i I Wetterprognose für Dienstag, den 47. Febrnar 4944. Etwa« kühler bei zieinlich irischen westlichen Winden und veränderlicher B cwö.kung; ohne erhebliche Niederschläge. WasserftandS-Nachrichte« d er LandeSanIialt sür Gewässerkunde, miigeterlt vom Berliner©etterburea» ©asserftand M e m e l, Tilfit P r e g« I. Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder. Ratibor . Krossen , grauklurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamrn Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg Walserftand Saale, Grochliy Havel, Svandau') , Ziatbenowft Spree, Svremberg'l . Beeskow © e s er, Münden , Minden Rhein, Maximiliunsau , Kaub Köln Neckar, Heilbrot« Mai», Hanau Mosel, Trier ») bedeutet Wuchs,— Fall.-» Unterpegel.—•) EiSktand.— 4) Treibeis.— Warnung! ße find Bouttlon-SBürfel im Bandet, deren Verpackung derjenigen von hl a g g i' 6 Bouillon-COfirfeln tiufebend nachgeahmt ift.— der richer fem will,)VIaggi'a Bouillon-glürfel zu erhalten, verlange auadrödtUch diefe und achte auf den ftarnen„JVIaggi" fowie die Schutzmarke � KreusCtern.