Nr. 57. nbcnncm«ntS'Bcdlngungen: Abonnements- Preis vränumerlmdo: «ierteljährl. S,Z0 Mk� mcnaü. 1,10 Mk, tvöchentlich 28 Psg, frei ms Haus, Einzelne Nummer ö Pfg, EonnlagS- Nummer mit Auftrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 1V Pfg, Post- Nbonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs. Pieisliflc, Unter Kreuzband nir Demichland und Oesterreich. Ungarn 2Ä0 Marl, für das übrige Ausland 4 Marl rro Monat, Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweis, 31. Jahrg. crlcheidl lzgstcd. Devlinev Volksblnkk. vie Insertion;-Cedühl' beträgt für die fechsgefpaltene Kolonel. zeile oder deren Raunt«0 Pfg,, für politische und gewerlschafiliche BereinS- und Verfnmmlungs-Anzeigen SO Psg, „Uletne Mnztfgcii", das fettgedruckte Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort lO Psg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über lSBuch- ftabe» zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „Sczialdtmokrat BerliB", Zentralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Der Gipfel der Slamage. Ablehnung aller Anträge in üer Fabernkommission. Einen Tag nach Aschermittwoch hat die Reichstagsmajorität die Busze vollendet, die sie sich selbst wegen ihrer Sunde am heiligen Geist des Militarismus auferlegt hat. Und der Militarismus darf an diesen reuigen Sündern seine Freude haben. Stolzer als je kann er sein Haupt tragen, verächt- licher als je dürfen die säbelklirrenden Herren Deutschlands ans das gefügige Zivilistenpack blicken, das vor ihrem Stirn- runzeln davonläuft. Da hatte damals der Graf W e st a r p von Erweiterung der Parlamentsrechtc, von unerhörtem Eingriff in die Kom- mandogewalt des Kaisers gesprochen, als der Reichstag dem Kanzler das Misitrauensvotum erteilte und die Anträge zur Regelung der militärischen Befugnisse einer eigenen Kommission, der berühmten Zabernkommission, überwies. Der Schäker! Als ob anders der Beweis schlüssiger hätte geführt werden können, daß auch dieser Reichstag eine Majorität besitzt, die bewußt den Absollltismus lvill und nichts mehr fürchtet, als einen wirklichen Einfluß des Parlaments. Dieser Beweis ist nun allerdings bis zum letzten erbracht. In der Zabernkommission sind alle Anträge, die das Vorgehen der bewaffneten Macht reichsgesetzlich regeln wollten, abgelehnt worden, die Zabernkommission wird keine Sitzung mehr abhalten. Die alte reaktionäre 5lartellmajorität, Klerikale, Konservative und Nationalliberale haben den Wunsch der Negierung erfüllt und mit Zabern Schluß gemacht. Nicht nur die sozialdemokratischen, sondern auch die fort- schrittlichen Anträge sind erledigt, die S c l b st h c r r l i ch k e i t des Militarismus feierlich anerkannt. Wir sind die letzten, die dieser Ausgang überrascht. Haben wir ihn doch von Anfang an vorausgesehen. Nachdem das Zentrum in der ersten Zaberndebatte sein demagogisches Bedürfnis befriedigt hatte, suchte es systematisch alles zu ver- meiden, was es von den Konservativen trennen konnte. Zur rechten Zeit fielen ihm seine partikularistischcn Grundsätze ein, um seine Mitwirkung bei der reichsgesetzlichen Regelung zu versagen zu können. Und die N a t i o n a l l i b c r a l c n dachten ja überhaupt nur mehr an das eine, wie sie den Anfall von Courage vergessen machen, wie sie beiveisen konnten, daß sie an Miliiärfrommheit auch den weitestgehenden An- sprächen genügen. Die Konservativen werden vielleicht selbst über den vollständigen Sieg, den sie ermngen haben, erstaunt sein. Sie tvaren in letzter Zeit recht konfliktslüstern und wollten den„Reichstag der 110" je eher, je lieber zuin Teufel gc- jagt sehen. Aber wie soll die Regierung das mit einem Reichstage machen, der, wie kein anderer, alles erfüllt, was die Regierenden nur immer von ihm verlangen? Und je länger, desto bedingungsloser und bedenkenloser alles erfüllt! Denn gerade weil die sozialdemokratische Fraktion so stark ist, sammeln sich die bürgerlichen Parteien immer mehr um die Regierung und die Angst vor der Sozialdemokratie wird zur einzigen Triebkraft ihrer Handlungen. Die alte Kartellmajorität, die heute in der Zabernkommission so prompt funktioniert hat. wird auch in Zukunft immer öfter in Er- scheinung treten. Und die Konservativen können, ein so kleines Häuflein sie nach den letzten Wahlen geivorden sind, sich mit Stolz sagen, daß ihre Herrschaft heute so fest steht wie je, dank der nationalliberalen Unterwerfung. Es zeigt sich eben immer wieder, daß die bürgerlichen Parteien zehnmal lieber alle Ausivüchse des junkerlichen, bureaukratischcn und militaristischen Systems auf sich nehmen, als daß sie der proletarischen Demokratie auch nur das geringste Zugeständnis machen. Ihre Angst vor uns ist zu groß, als daß sie die Ausübung der Macht in eigene Hände zu nebnien sich getrauten. Deshalb kapitulieren sie, bevor der Kampf noch begonnen. Im Kampf um die Demokratisierung Deutschlands bleibt die Arbeiterklasse, so oft es darauf an- kommt, allein. Das l u ß ihrer Verhandlungen gelangt. Das Ergebnis ihrer Kom- Missionsberatungen ist ein völlig negatives, und zwar hauptsächlich durch die Schuld der Zcntrnmspartei. Bon den National- liberalen war schon längst keinerlei kräftiges Vorgehen gegen die Uebcrgriffe der Militärgcwalt mehr zu erwarten, aber auch das Zentrum hat sich siit Fehrenbachs Fanfaren vom 3. De- zember 1913 Schritt um Schritt rückwärts konzentriert. Noch am 24. Januar, als die Anträge und Resolutionen über die Befug- nisse der bewaffneten Macht im Reichstagsplenum beraten wurden, sagte der Abgeordnete Fehrenbach:„Angesichts der Ersah- rungen, die wir mit der Behandlung gewisser Resolutionen durch die Regierung gemacht haben, müssen wir den starken Willen des Reichstages zum Ausdruck bringen." Zugleich zeigte freilich in der- selben Rede der Abgeordnete Fehrenbach, daß das Zentrum vor den militaristischen Anmaßungen zurückstehen und nur im Einklang mit der Regierung Bethmann Hollwegs die Leguidation der Zabern- affäre besorgen möchte. In der Kommission nahm die Friedens- stimmung des Zentrums immer mehr zu, und durch Zentrums- schuld ist der Versuche durch eine frische Initiative des Reichstags wenigstens die allerärgsten militaristischen Rechtswidrigkeiten, wie sie das Vorgehen des Obersten v. Reuter offenbar gemacht hatte, aus der Welt zu schaffen, zum Scheitern gebracht worden. Die Regierung und die konservative Reaktion können sich ins Fäustchen lachen; das Zentrum rettete sie wieder einmal aus ihren Nöten. In der Kommission gab Dr. Delbrück, Direktor im Reichs- justizamt, folgende Erklärung ab:„Entsprechend den- Wünschen der Kommission sind auf Anordnung des Reichskanzlers die Bundesregierungen ersucht worden, das Material(Gesetze und Vorschriften über das Eingreifen der militärischen Gelvalt zu polizeilichen Zwecken) zu beschaffen. Ein Termin, bis zu dem dieses Material vorgelegt werden kann, läßt sich jedoch nicht angeben. Ueber die zwischen den Bundesregierungen schweben- den Verhandlungen, die eine Uebereinstimmung in den Dienst- Vorschriften herbeiführen sollen, können ebenfalls zurzeit Mit- teilungen nicht gemacht werden." Hierauf beantragt Abgeordneter Fehren bach die aber- malige Vertagung der Kommissionsverhandlungen, und zwar auf unbestimmte Zeit. Die Abgeordneten M ü I l e r- Meinin- gen, B e r n st e i n(Soz.) und Liebknecht ivandten sich scharf gegen diese Verschleppungspolitik. Sie betonten, daß der Reichs- tag es keinesfalls den Regierungen überlassen dürfe, nach ihrem Ermessen über die Dienstvorschriften für den Waffengebrauch des Militärs zu Polizeizwecken Vereinbarungen zu treffen; der Reichs- tag müsse selbst vorgehen und durch Reichsgesetz den militärischen Ilebcrgriffcn Einhalt gebieten; Materialbeschaffung sei dazu gar nicht erforderlich, denn es sei alles Wissenswerte bekannt. Die ZentrumSvertretcr Fehrenbach und.Belb versuchten ihre Stellungnahme mit dem Hinweise zu entschuldigen, daß die Kom- Mission immer noch auf eine rcichsgesctzliche Regelung zurück- kommen könne, wenn sich später herausstellen sollte, daß die Bundes- rcgierungen die gewünschte Einheitlichkeit und Klarheit in den Dienstvorschriften nicht bewirken wollen; jetzt aber solle man Ge- duld zeigen und keine Konflikte herbeiführen. Der konservative Graf Westarp erklärte, daß seine Parteifreunde auch gegen Vertagung seien, weil sie überhaupt nicht wollen, daß die Regierung über die vorliegende Frage mit dem Reichstag irgendwie in Ver- Handlungen tritt. Abg. G ö t t i n g trat für die Zentrumsauf- fassungen ein. Abg. Sevda(Pole) und Abg. Haegy(Elf.) sprachen gegen die Vertagung und Verschleppung. In der Abstimmung wurde der Vertagungsantrag Fehrenbach gegen acht Stimmen(Zentrum und Nationallibcrale) abgelehnt. Er wurde darauf in die Beratung eingetreten des vom Plenum der Kommission überwiesenen Antrags Ablaß und zwar zunächst in die Beratung über§ 1 Satz 1, der prinzipiell durch Reichsgcsetz den Grundsatz aufstellt:„Die bewaffnete Macht kann zur Unter- drückung innerer Unruhen nur auf Ersuchen der zuständigen Zivil- bchärdc verwendet werden" Nunmehr proklamierten Zentrum, Nationalliberale und Konservative, in den Streik eintreten zu wollen. Abg. Fehrenbach gab die. Losung mit der Erklärung aus: Wir beteiligen uns nicht an dieser Beratung und wir werden zur Zeit gegen die Anträge auf reichsgesctzliche Regelung stimmen. Mit 11 Stimmen der genannten Parteien gegen 10 Stimmen wurde 8 1 Sah 1 abgelehnt. Damit war das Schicksal des ganzen An- träges besiegelt; der Antrag wurde zurückgezogen. Ebenso wurde der elsatz-lothringische Antrag, der die reichsgesetzliche Regelung fordert, abgelehnt. Es blieb übrig der sozialdemokratische Antrag auf Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit und Unterstellung der Militärpcrsonen unter die bürgerliche Sirafgerichtsbarkeit. Von fortschrittlicher Seite lag hierzu der Abänderungsantrag vor, nur„nicht mili- tärische Verbrechen und Vergehen" von Milktärpersonen der bür- gerlichen Strafgerichtsbarkeit zu unterstellen. Nach Begründung dieser Anträge durch Vertreter der beiden antragstellenden Par- teien erklärte sich wiederum das Zentrum gegen jede Aenderung des bestehenden Zustandes; das Ziel der Anträge möge vielleicht wünschenswert sein, aber jetzt sei dazu nicht die geeignete Zeit! Der sozialdemokratifcbe Antrag wurde gegen die sozialdemo- (Konservative, Zentrum, Nationalliberale) gegen 10 Stimmen (Konservative, Zentrum, Nationalliberale) gegen 10 Timmen (Fortschrittler, Sozialdemokraten, Polen, Elsässer) abgelehnt. Polizeiagent Meiling. Der Streikbrecher- und Polizciageiit Keiliug ist gestern vom Leilmeritzer Schwurgericht von der Anklage des Mordes freigesprochen und nur wegen Totschlags unter Üeberschreitung der Notwehr, also wegen Vergehens gegen die Sicherheit des Lebens, zu 8 M o n a t e n schweren Kerkers verurteilt. Unsere gestern ausgesprochene Annahme, der unter Polizeiaufsicht stehende Agent der Berliner Polizei und des Arbeitgeberverbandes würde verurteilt werden, weil Leitmeritz nicht in Deutschland liegt, ist also nur zum kleinen Teil bc- stätigt worden. Der Klassenhaß der auch in Böhmen nicht aus allen Teilen der Bevölkerung entnommenen Geschworenen hat über die Gerechtigkeit gesiegt. In prächtig objektiver Weise legte der Staatsanwalt dar, daß die Gerechtigkeit, die Rechtssicherheit die Bestrafung Keilings wegen Mordes erfordere. Unparteiisch solle geurteilt werden, ohne Rücksicht darauf, daß der Anlaß zu dem Morde ein Kampf zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern war. Zugegeben werden müsse, daß gerade die Organisation die Friedlichkeit der Kämpfe befördere. 23 unparteiische Zeugen hätten unwiderleglich bewiesen, daß Keiling.weder mißhandelt noch bedroht worden ist, aber gemordet hat. Die Streiken- den hätten, weit entfernt, sich an Keiling zu vergreifen, nach der Polizei geschickt. Von der Annahme einer. Notwehr könne keine Rede sein. Jeder Mensch, der das Gefühl dafür nicht verloren habe, daß das Leben der Mitmenschen geschützt werden müsse, müsse zum Schuldspruch wegen Mordes kommen. Alle die schönen Worte nützten nichts. Tic aus Unter- nehmerkreisen zusammengesetzten deutschnationalen � Geschworenen folgten den Instinkten ihres Klassenhasses, die der Verteidiger des Mörders rege machte. Dieser führte aus, der Buchdruckerstreik wäre der ungerechrfertigfte Streik gc- Wesen, die Buchdrucker bätten rechtswidrig gehandelt, als sie versuchten, den durch die„Morgenpost" nach Böhmen als Streikbrecher gelockten Arbeitswilligen von seinem mit Keiling geschlossenen Vertrage abwendig zu machen. Den Geschwore- nen wurde nahegelegt, daß der Angeklagte als Agent des Arbeitgeberverbandcs und als Agent der preußischen Polizei Fleisch vom Fleisch der Unternehmer sei. Die Geschworenen lehnten es trotz des klaren Tatbestandes ab, das Werkzeug der Polizei und des Unternehmertums wegen Mordes zu ver- urteilen, eben tveil der Mörder als Werkzeug für die Jnter- essen des Unternehmertums fungiert hatte. Ob � die höhere Instanz der Untergrabung der Rechts- sicherheit, die der Rechtsspruch auch für Oesterreich. bedeutet, durch eine Kassation des Urteils entsprechen wird, steht dahin. Weit wichtiger als die Freisprechung oder die Verurteilung des Angeklagten ist die moralische Stäupung, die das Unter- nehmertum und die Berliner Polizei durch den Prozeß erlitten hat. Wie ihre Stütze aussieht, hat der Prozeß zur Evidenz erwiesen. Daran kann kein Freispruch und keine milde Strafe etwas ändern. Die Sühne des Mordes kann die Arbeiter- klaffe nur durch unablässigen Kampf gegen die Geiellschafts- ordnung führen, die zu Kupplern, Hehlern,. Dieben, Betrügern und Mördern als letzten Helfern greift. Keiling ist typisch für diese Sorte Zeitgenossen, für deren„Schutz" die konser- vative Meute so lebhaft eintritt. Explosionskatastrophe in Lichtenberg-Rummelsburg. IS Tote—$ Schwerverletzte. Eine furchtbare Explosionskatastrophe, bei der zahlreiche Menschen ums Leben gekommen sind und wenigstens 40 Fabrikarbeiter und Angestellte mehr oder minder schwer durch Brandwunden und Glassplittcr verletzt wurden, hat sich am gestrigen Donnerstag, mittags gegen Uhr, in der Fabrik der Aktiengesellschaft für Anilinfabrikativn in-der Haupt- straße 9/11 zu Lichtenberg.Rummelsburg zugetragen. Ueber die entsetzliche Katastrophe, deren vernichtende Folgen, ab- gesehen von dem Fabrikgelände, auch die ganze Nachbarschaft in Mitleidenschaft gezogen haben, werden uns folgende nähere Einzelheiten berichtet: Auf dem umfangreichen Fabrikgebäude in der Hauptstraße zu Lichtenberg-Rummelsburg befindet sich neben den zahlreichen.an- deren Häusern des Betriebs auch ein zweistöckiges Gebäude, das im Augenblick der plötzlich und völlig unerwartet eintretenden Ka- tastrophe etwa 50 Arbeiter und Angestellte beherbergte. In diesem Gebäude war von vier kürzlich von auswärts gelieferten Appa- raten probeweise ein solcher, ein sogenannter Nitrierapparat aus- gestellt. Dieser Apparat hatte unter entsprechender Aussicht von Fachleuten und Angestellten des Betriebes von 10 Uhr vormittags ah bis gegen 11 st- Uhr durchaus einwandfrei gearbeitet, als er plötzlich unter straßenweit hörbarem, furchtbarem Getöse crplo- dierte. Die Wirkung tvar eine entsetzliche. In wenigen Augen- blicken erfüllte den ganzen Raum, in welchem die Maschine gear- bellet halle, ein Gemisch von detonierten, giftigen Gasen, von Flammen und Qualm, dessen ätzender, vernichtender Wirkung sämtliche dort Beschäftigten erlagen, soweit sie nicht durch die Fcn- ster und sonstigen Ocffnungen von der Gewalt der Gase davon- geschleudert worden waren. Auch sämtliche übrigen Baulichkeiten der Fabrik und ihrer näheren Umgebung wurden durch den Der Verurteilte kritisierte die der Gerechtigkeit ins Gesicht. furchtbaren Stoß der Explosion erdbebenartig erschüttert und alles, schlagende Milde mit den Worten:„Na, deflvar ja janich so! was nicht niet- und nagelfest in ihnen war, wurde durcheinander schlimm". Der Staatsanivalt hat gegen das einem Freibrief gestürzt. Sämtliche Fensterscheiben der Fabrik und der ihr gegen- für Mörder von Arbeitern verzweifelt ähnlich sehende Urteil. über gelegenen Häuser wurden zertrümmert, darunter Zentimeter» die Nichtigkeitsbeschwerde angemeldet. l starke Schaufensterscheiben. Aus dem von der Explosion betrof» fencn Gebäude wälzte sich grauer, undurchdringlicher Qualm sicht- bar zum Himmel empor, datz selbst die Feuerwehren so entfernter Orte wie Tempclhof und Rudow zu Hilfe geeilt kamen. Inmitten des furchtbaren Chaos wälzten sich unter Entsetzcnsrufen die mit dem Tode Ringenden und Schwerverletzten. Von den rund 400 Arbeitern und Angestellten des Betriebes stürzten diejenigen, die nicht direkt oder indirekt von dem Unglück betroffen oder verletzt waren, den Ausgängen zu und suchten unter lauten Angst- und Hilferufen und wildem Gedränge das Freie zu erreichen. Wie stets in solchen Fällen, liefen hierbei viele aus Schrecken hinaus, ohne zurückzukehren, wodurch die Feststellung der bei dem Unglück tödlich Verunglückten natürlich sehr erschwert wird. Als man. so- weit dies überhaupt möglich war, den ersten Ueberblick gewann, schössen bereits 20 Meter hohe Flammen aus dem Fabrikgebäude hervor, die einen dichten, grauschwarzen Qualm erzeugten. Irgendwelche Annäherung hilfsbereiter Per- sonen war jedoch, wie sich bald herausstellte, infolge der sich ent- gegenstellenden giftigen und lebensgefährlichen Rauchschwaden, unmöglich. So blieb den von allen Seiten herbeieilenden Polizei- beamten und freiloilligen Helfern zunächst nichts weiter übrig, als die schleunige Alarmierung der Lichtenberger und eines Teils der Berliner Feuerwehr, die denn auch ungesäumt und gefolgt von einem ganzen Park von Wagen des Berliner Verbandes für erste Hilfe anrückte. An Ort und Stelle erschienen ferner die Wehren von Obcrschönewdde, Treptow, Friedrichsfelde und Karls- Horst. Tie Adlöschuug des Brandes. Die Abloschung des Brandes gestaltete sich ungeheuer schwierig. Das ganze Grundstück, ebenso die Umgebung war von den giftigen Gasen und Anilindämpfen erfüllt, die sich lähmend auf die At- mungsorgane legten und zunächst jedes Vordringen unmöglich machten. In größter Eile wurden alle verfügbaren Hydranten angeschlossen und so gaben denn in kurzer Zeit 8 Rohre Wasser. Um den Feuerwehrleuten überhaupt ein Vordringen auf die Brandstelle zu ermöglichen, wurden die Sappeure mit Rauchhelmen versehen und so gelang es ihnen, sich dem Brandherd vorsichtig zu nähern. Vor allen Dingen wurde dem noch immer in mäch- tigen Wolken aus dem Gebäude herausdringenden Rauch Abzug geschaffen. Das war jedoch nicht so leicht, da die in dem Gebäude aufgestapelten Vorräte dem rasenden Element immer neue Näh- rung boten. Als man die Flammen dann ein wenig zurückge- dämmt hatte, drangen einige Feuerwehrleute mutig in das Ge- bäude ein, um die etwa noch darin Befindlichen ins Freie zu brin- gen. Sie fanden jedoch nichts Lebendes mehr zwischen den rau- chenden Trümmern. Nur die gräßlich verstümmelten Leichen der Bedienungsmannschaften konnten geborgen werden. Die Arbeiter waren meist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und konnten erst später rekognofsiert werden. Bis gegen Uhr waren die Mann- schaften mit der Ablöschung beschäftigt. Die Namen der Toten sind: 1. BetriebSingenicnr Ernst Bäsch, Karlshorst, Ringstrade. 2. Werkmeister Karl Rosenskh, Charlottenburg, Kleiststr. 24, 3. Meister Otw Zita, Nieder-Schöneweide, Britzer Str. 6, 4. Arbeiter Rudolf Prill, Mozartstr. 2, S. Arbeiter August Bottke, Kantstr. 16, 6. Arbeiter Otto Bordin, Posener Str. 13, 7. Arbeiter Karl Lindner, Scharnlveberstr. 46. 8. Arbeiter Gustav Kühn, Türrschmtdtstr. 33, 9. Arbeiter Karl Pawlowski, Schillerstr. 2, 10. Arbeiter Fritz Aust, Lessingstr. 3. Die Leichen der Arbeiter Pawlowski und August Bottke ruhen noch unter den rauchenden Trümmern. Außer Prill waren die verstorbenen sämtlich verheiratet und Familienväter.— Die Liste der Schwerverletzten setzt sich folgender. maßen zusammen: 1. Friedrich Bottke, Hauptstr. 19, 2. Paul Rother, Friedrich-Karl-Str. 26, 3. August Gelhaar, Lückstr. 32, 4. Lehrling Meist, 5. Gustav Prill, Kantstr. 1b, 6. Hermann Lux, Schillerstr. 21, 7. Gustav Stubbenick, Friedrichstr. 49, 8. Hermann Reichert. Sie wurden nach Anlegung von Verbänden durch die Feuer» wehr-Samaritcr in Krankenhäuser gebracht. Die Unfallstätte bot einen wüsten Anblick. Das mächtige dreistöckige Gebäude, in welchem sich der neue Apparat befand, ist vollständig eingestürzt. Nur einzelne Brandmauern ragen zum Himmel. Wie ungeheuer die Gewalt der Explosion gewesen sein muß, geht daraus hervor, daß selbst die eisernen Treppen, die sich im Innern des Gebäudes befanden, herausgerissen und auf den Hof geschleudert wurden. Dort lagen auch einzelne Maschinenteile, Schrauben, eiserne Balken und ganze Haufen von Schutt. DaS Fabrikgebäude hatte sich ge- sackt. Man sah deutlich, daß die Fundamente nachgegeben hatten und daß die soliden Mauern, auf denen das Haus aufgebaut war. ringestürzt waren, wie dünne Nabitzwändc. Ter dichte Rauch und Oualm hatte sich überall festgesetzt und alles mit einer schwarzen Rußschicht überzogen. Unter den Arbeitern spielten sich erregte Szenen ab. Viele von ihnen suchten in den zusammengestürzten Bau, in dem sich Väter oder Brüder von ihnen befanden, einzu» dringen und konnten nur mit Mühe an ihrem Vorhaben gehindert werden. Alle Augenblicke gab wiederum ein eiserner Träger unter der'Last des auf ihm liegenden Schuttes nach und krachte dann unter ohrenbetäubendem Lärm in die Tiefe. Auch die anderen Fabrikgebäude sind schwer beschädigt. Infolge der Explosion ist keines der zahlreichen Fenster intakt geblieben. Die Scheiben wurden nach innen gedrückt und so kam es, daß nicht weniger als 12 Personen in das Rummelsburger Krankenhaus gebracht werden mußten, die ernsthafte Augeiwerletzungen, hervorgerufen durch Glassplitter, hatten. Die anderen Verletzten waren zum Teil durch umherfliegende Steine, Eisenteile usw. am Kopse und im Gesicht schwer verletzt worden. Drei Arbeiter hatten versucht, sich aus dem dritten Stockwerk des einstürzenden Gebäudes durch einen Sprung in die Tiefe zu reten. Sie erlitten schwere innere Verletzungen und wurden gleichfalls ins Krankenhaus geschafft. Tie Schuldfrage. Die eigentliche Ursache der verhängnisvollen Explosionskata- strophe konnte bisher nicht festgestellt werden und die Ermittelung des Anlasses wird wohl überhaupt niemals gelingen, weil alle bei den Kesselarbeiten beschäftigt gewesenen Personen getötet worden sind. Nach der Ansicht deS zuständigen GcwerbeinspektorS, der eine Besichtigung des Explosionsherdes vorgenommen hat, kann dem neuen Nitrierapparat wohl kaum eine Schuld an dem Unglück zugeschrieben werden. Die Explosion scheint vielmehr auf einen unglücklichen Zufall zurückzuführen sein. Vermutlich ist einer der anderen Kessel undicht gewesen und hat die Katastrophe herbei- geführt. Ter Nitrierapparat. Ueber den Vorgang des Nitrierens und die Möglichkeiten, unter denen eine Detonation, wie im vorliegenden Falle erfolgen kann, wurden von fachmännischer Seite folgende nähere Angaben gemacht: Ein Nitrierapparar ist eine Maschine, mit deren Hilfe man Salpetersäure in eine andere Substanz einfließen läßt. Dies ge- schieht bei der Herstellung des bekannten Sprengmittels der Pikrin- säure, die durch Vermischung mit Karbolsäure gewonnen wird, de» Nitroglyzerins, das durch Vermischung von Salpetersäure mit Glh- zerin entsteht. Bei der Anilinfabrikation vermischt man nun Sal- petersäure mit Benzol und erhält so Nitrobenzol, aus dem durch Zusatz von Eisen und Salzsäure das Anilin, der allgemein bc- kannte Farbstoff erzielt wird. Bemerkt mutz nun werden, daß sich bei dem Ueberfließenlassen der Salpetersäure eine immerhin starke Erwärmung bildet. Diese Erhitzung birgt bei Benzol, welches bei 80 Grad seinen Siede» Punkt erreicht, eine Gefahr in sich, oer man nur durch entsprechende Wasserkühlung von außen entgegenarbeiten kann. Inwieweit dem entsprochen ist, beziehungsweise ob die Borbeugungsmatzregeln bei dem neu auszuprobenden Apparat wirksam genug arbeiten kann- ten, ob sie versagt haben, oder ob ein gar nicht vorauszusehender einfacher Unglücksfall vorliegt, läßt sich natürlich erst feststellen, wenn man über den Apparat, seine Einrichtungen, seine BeHand- lung und über seine Hantierung unterrichtet ist. Mit Lackschuhen unö Monokel im Urwald! Welch ein Blödsinn!— Herr Erzberger war es. der gestern in der Budgetkommission das reizende Genrebildcken von der deulichen Bureaukratie zum besten gab, wie ein Assessor im kolonialen Urwald in Lackschuhen und Monokel Besuch empfing. Und dabei machte der gelehrte Herr so intransigente, so höhnische und so verbitterte RedenSarlen über den„unvermeidlichen Assessor", der überall dabei sein mutz, daß man sich fragte: was steckt dahinter? Und in der Tat: Nachtigall, ik hör dir lausen! sagt Entspekler Bräsig. Die Asscssorseindschaft des Zentrums hatte seine sehr guten Gründe. Es handelte sich um die Frage, ob in der deutschen Kolonie Neu-Guinea Petroleum vorkommt oder nicht. Die Kotoniolver- waltung hatte im Etat keinen Posten vorgesehen, schließlich aber einen nationalliberalen Abgeordneten in der Kommission gebeten, die Einstellung von 100 000 M. zur Erforschung der Abbauwürdigkeit des Petroleumvorkommens in den Etat zu beantragen. Da» geschah prompt, und nun entspann sich eine tragikomische Debatte darüber, ob das Reick, eventuell die Petroleumquellen selber ausbeuten oder sie kapitalkräftigen Gesellschaften zur Ausbeutung überlassen solle. Und siebe da: Zentrum und Nationalliberale, innig gesellt, der- banden sich zum Schutze der kapitalistischen Ausbeutung. Herr Paaschs beschwor, gewaltig wie der Jeremias der sinkenden Profit« rate, den fünfundzwanzigjährigen Schmerz der Kapitalsstengesellschaft in Neu- Guinea, die 25 lange Jahre keine Dividende zahlen konnte, im letzten Jahre 5 Proz. zahlte und nun Gefahr laufe, daß sie jetzt, wo ihr endlich der Profit winke, alles an den Staat ab- geben müsse. Freiheit, die ich meine, Ausbeutungsfreiheit des Kapitals, kein Reichsbetrieb, kein Monopol. Also iong Paaiche. Und alliogleich begann, wie der Chor in der griechischen Tragödie des Sophokles, der Reigensänger des Zentrums die Amistrophe zu singen: eine Konkurrenz mit dem im Petroleumtrust toaliemn Kapital sei absolut ausgeschlossen. Schon der Gedanke daran sei lächerlich. Ebenso lächerlich sei es, zu glauben, daß das dortige Petroleum für deutsche Zwecke— etwa kür die deutsche Marine verwendet werden könne. Dazu sei Neu- Guinea viel zu abgelegen. Nicht Kampf gegen daS Petroleumkapital sei am Platze, sondern im Gegenteil: Angliedernng, Unter- ordnung. Nur wenn die Petroleumquellen Neu-Guineas der kapi- talistischen Ausbeutung ausgeliefert würden, hätten sie Aussicht auf Rentabilität. Die Bureaukratie sei absolut unfähig. Und hier er- schien plötzlich der Assessor mit Monokel und Lackschuhen im Ur- walde. So singend tanzten sie den Reigen! Und Stille wie des TodeS Schweigen... Doch plötzlich torkelten den gravitätischen Vorbetern de» Kapital- Profits zwei' ihrer eigenen BundeSbrüder zwischen die Beine: Herr K e i n a t h von den Nationalliberalen und Herr Schwarze vom Zentrum machten nicht mit! Sie fanden nicht bloß ein Haar, sondern einen ganzen Weichtelzopf in der Supve, die ihnen ihre Fraktionskollegen servieren wollten. Nirgendswo!ei das Kapital furchtbarer und machtvoller zusammengeschlossen, als in der Petroleum» Industrie. Wenn man hier nun die Möglichkeit habe, durch eventuell reiche Petroleumquellen in Neu Guinea eine Konkurrenz gegen diese Macht zu schaffen, so gelte eS, diese Möglichkeit auszunutzen, nicht aber, die neuen Quellen dem Oellrust widerstandslos preiszugeben. Das lue man aber, wenn man dem Reich die Regelung de» Betriebes aus der Hand schlage. Und kräftig wehrte sich Herr Keinath gegen- seinen Fraktionskollegen Paasche, der ihn entrüstet gefragt Halle, wie er denn dazu komme, 100 000 M. für Petroleum- mutungen zu beantragen, während die Regierung im Etat selber nichts verlangt habe, da wurde aus der Oeldebatte beinahe ein Diskurs über die EratSrechte des Reichstages. Kurzum: eS war eine rührende Szene. Beschlossen wurde sie dadurch, daß die Regierung für ihre Bohrungsversuche nicht 100 000 sondern 500 000 M. bewilligt erhielt. ES wurde ihr klar gemacht, daß man mit lappigen 100 000 M. überhaupt nichts unternehmen könne. Herr Solf wußte erst nicht, ob ers annehmen dürfe. Schließlich ließ er sich zureden und in der Hoffnung, daß der Bundesrat zustimmen werde, ließ er sich durch einstimmigen Beschluß die 500 000 M. votieren. Auch die Sozial» demokraten stimmten dafür, schon um nicht die Regierung zu zwingen, mit kapitalistischen Privatgesellschaften abzuschließen und so die Ausbeutung der eventuell vorhandenen Petroleumquellen dem Privatkapital zum Schaden de» Reiches zu üderantworteu. Der neueste Gewaltstreich öer öerliner Polizei. Die Mittwochabend erfolgte Verhaftung deS russischen Schriftstellers A. Lunatscharsky, über die wir bereits kurz berichteten, hat gestern nachmittag mit der Ausweisung des Verhafteten ihren Abschluß gefunden. Da» hochnotpeinliche Verhör, dem der Ver» hastete auf dem Berliner Polizeipräsidium unterworfen wurde, ergab zwar nicht das geringste, waS die polizeilichen Anschuldigungen auch nur im entferntesten hätte rechtfertigen können. Trotzdem wurde aber der verhaftete Schriftsteller als„lästiger Ausländer" aus Preußen ausgewiesen, wobei die Polizei durch ein Telegramm nach Leipzig, wo für heute ein Vortrag LunatscharskyS angekündigt war, noch dafür sorgte, daß er auch von der sächsischen Polizei mit derselben liebevollen Aufmerksamkeit wie in Berlin bedacht werden sollte. Auf diese Ankündigung hin verzichtete Lunatscharsky natürlich auf seine Reise nach Leipzig und kehrte gestern nach Paris zurück. Das polizeiliche Verhör ergab, daß das brutale Vorgehen gegen Lunatscharsky durch die Denunziation eines Acht» groschenjungen hervorgerufen worden ist. Die Polizei halte zu dem am Montag stattgefundenen Vortrag LunatscharSkys über Maxim Gorki keinen Polizeibeamien entsandt.„Aber— wurde dein Verhasteten während des VerhörS erklärt— wir haben die Ver» sammlung inoffiziell überwachen lassen!" WaS diese.lieber» textchuttg" bedeutete, geht auS dem„Bericht" hervor, der dem Ver- hafteten vorgewiesen wurde und der sich den Erzeugnissen.der königlich-preußischen Spitzelliteratur würdig anreiht. In lügnerischer Weise werden in diesem„Dokument" die Borgänge auf der Montagsversammlung in eine Apologie der Revolution umgefälscht, und dieses Machwerk eines Spitzels genügte, um den Vortragenden zu verhaften und auszuweisen und die zweite Ver- sammlung, die ebenso wie die erste polizeilich angemeldet und be» stätigt war, unmöglich zu machen. Jetzt wird im„Lokal- A n zeiger"polizei-osfiziös erklärt, essei„amtlich festgestellt" worden, daß Lunatscharsky ein„sozialdemokratischer Wanderredner sein soll", der sich wie furchtbar!—„unangemeldet in Berlin aufhielt." Er habe in seinem ersten Vortrag„stark revolutionäre Ansichten zum AuS» druck gebracht" und sei dann aus der Versammlung selbst„als Revolutionär gefeiert worden." In dieser Mitteilung ist ungefähr jedes Wort Schwindel. Weder ist Lunatscharsky ein„sozialdemo- kratischer Wanderredner", noch sind in der Montagversammlung „starke revolutionäre Ansichten" zum Ausdruck gekommen. Sowohl der Vortragende wie auch diejenigen, die während des nach dem Vortrag stattfindenden„gemütlichen Beisammenseins" kurze Ansprachen an ihn richteten, waren sich dessen bewußt, daß Spitzelohren gierig jedes Wort aussingen und gingen nicht über die Grenzen hinaus, die selbst in R u ß l a n d für die Redefreiheit gezogen sind. Die preußische Praxis erwies sich indessen noch schlimmer als die russische. Ohne datz die Polizei über authentisches Material verfügte, erhebt sie nun, gestützt auf die Angaben eines Spitzel«, verleumderische Anklagen gegen die Versammlungsbesucher und de» ertragenden und wendet diesem gegenüber ohne Jede gesetzliche Handhabe die Verhaftung und Ausweisung an. Wir find überzeugt, daß der neueste Gewaltakt der Berliner Polizei in Frankreich und Rußland, wo LunatscharSky als Literatur- kriliker in weiten Kreisen geschätzt wird, scharfe Proteste wachrufen wird. Neben dieser Beeinträchtigung des deutschen Ansehens im Au stände kommt aber noch als wesentlich die Frage in Betracht, ob die Berliner Polizei sich den hier lebenden Russen gegenüber zu jeder Will- kür und jeder krassen Verletzung der bestehenden Gesetze für berechtigt hältl Die Veranstalter der beiden russischen literarischen Vorträge haben in peinlichster Weise die Vorschriften des Gesetzes eingehalten. Seit zwei Monaten sind die Vorträge öffentlich angekündigt und noch unmittelbar vorher vom Polizeipräsidium schriftlich als.zur Kenntnis genommen" bestätigt worden. Wie wenig.gefährlich" der jetzt als kiaffcr Revolutionär verschriene Vorträgende der Polizei erschienen ist, geht schon daraus hervor, daß in die erste Versammlung nicht einmal ein aufsicht- führender Beamter entsandt wurde! Und dennoch— Vereitelung der zweiten Versammlung, Verhaftung und Ausweisung auf Grund un- kontrollierbarer Spitzelmeldungen! Wir verlangen Auskunft: Gelten die Russen in Berlin schon als völlig vogelfrei?_ politische Ueberslcht. Reichseisenbahnamt und Reichseisenbahnen. Die Eisenbahndebatten des Reichstages zerfallen alljährlich in zwei Teile: beim Reichseisenbahnamt werden die allgemeinen Grundzüge des Eisenbahnwesens auf allen deutschen Strecken besprochen, während der Etat der Reichseisenbahnen lediglich die dem Reich gehörigen Eisen- bahnen in Elsaß-Lothringen und Luxemburg betrifft. In der heutigen Sitzung wurde der erste der Etats erledigt und der Etat der Verwaltung konnte noch in Angriff genommen werden. Der Präsident des Reichseisenbahnamts mutzte einer größeren Zahl von Rednern über die verschiedensten Fragen seines Ressorts Auskunft geben. Von unserer Fraktion sprach zunächst Genosse Stolle, der sich namentlich nach dem Er- folg erkundigte, den die Konferenzen über Vereinheitlichung der Einrichtungen im Güterverkehr gehabt haben. Unser Redner führte dann eine ganze Reihe von einzelnen Fragen an, in denen das Berliner Zentralamt bei den verschiedenen staatlichen EisenbahnvenualLungcn Verbesserungen erwirken müßte. Auch Genosse Fischer- Hannover führte mehrere Exempel an, die beweisen, wie verbesserungsbedürftig noch die Einrichtungen des deutschen Eisenbahnwesens sind, und wie namentlich den Reisenden der unteren Klassen, die die meisten Uebcrschüsse einbringen, größere Zugeständnisse ge- macht werden müßten. Gegen den Vorwurf des Genossen Stolle, daß im Eisenbahnwesen des ganzen Reiches die preußi- schen Interessen vorwiegen, wehrte sich der Präsident Herr Wackerzapp, aber selbst Herr O e r t e l mußte mit bitter» süßem Lächeln zugeben, daß Preußen einen äußerst starken Egoismus besitzt. Tie Besprechung des Etats der Verwaltung der Reichs- eisenbahnen wurde durch unseren Genossen Fuchs eingeleitet. Die Personalunion, die die Reichseisenbahnen und die preußisch-hessischen Bahnen in ihrer Spitze vereinigt, hat, wie unser Redner nachwies, Wirkungen, die zugunsten eines preußischen Fiskalismus die allgemeinen Verkehrsinteressen, namentlich in Elsaß-Lothringen, schwer leiden läßt. Fuchtz forderte wiederum, daß die Ueberschüsse der Reichscisenbahnen dem Lande selbst zugute kommen sollen, das sie aufbringt. Welcher Art der preußische Geist ist, der in der Leitung der Reichseisenbahnen herrscht, zeigte der sozialdemokratische Redner sowohl an der Verkehrspolitik wie ganz besonders an der Behandlung der Arbeiter und Angestellten, für die er genaue statistisches Material beibrachte. Mit aller Schärfe wandte er sich schließlich gegen die rechtswidrige Einschränkung des Koalitionsrechts dieser Kategorie Proletarier. Der Nationalliberale, Herr S ch w a b a ch, hatte natur- gemäß sehr wenig auszusetzen. Er sang sein Lied des Lobes auf Herrn v. Breitenbach und seine Verwaltung. Ter Eisenbahn mini st er selbst sprach erst am späten Abend. Er suchte vor allem zu beweisen, daß die Ueber- schüsie der Eisenbahnen mit Fug und Recht dem Reich zu- fließckt, das auch große finanzielle Opfer für sie gebracht habe, und er verteidigte dann die Grundsätze, die ihn in der Ver- waltung der Reichseisenbahnen leiten. Die Debatte wird morgen fortgesetzt. Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus setzte am Donnerstag die zweite Lesung deS Etats der Bauverwaltung fort. In der Generaldebatte gaben die Konservativen noch einmal ihrer Verkehrsfreundlichkeit Aus- druck, indem sie für möglichst hohe Schiffahrtsabgaben eintraten. Ihr Fruklionsredner, Abg. v. Schuckmann machte dabei die ganz neue Entdeckung, daß hohe SchiffahrtSabgabcn nicht der Hemmung. sondern der Förderung deS Verkehrs dienen, da aus ihren Erträgen die künstlichen Wasserstraßen weiter ausgebaut werden sollen. Mit demselben Recht könnte man unter Berufung auf die Förderung des Verkehrs schließlich auch höheren Eisenbahntarifen das Wort reden. Eine sonderbare Logik, gegen die zu polemisieren nicht der Mühe lohnt. Unserem Genosien Hue, der sich über die Kanalftagen ver- breiten wollte, schnitt die Mehrheit gewaltsam das Wort ab. Im weiteren Verlauf der Sitzung trat Genosse Paul Hoffmann warm für den Bauarbeiterschutz ein. Gestützt auf ein reichhaltige? Material und in objektiver Würdigung desien, was der Minister bisher für den Bauarbciterschutz getan hat, begründete unser Redner die aus den Bauarbeiterschutzkongresien erhobenen Forderungen, inS« besondere die auf Anstellung von Kontrolleuren auS der Arbeiterklaffe. Mit Nachdruck wies er darauf hin, daß die gutgemeinten Ministerialerlaffe solange auf dem Papier stehen bleiben, als es an geeigneten Organen zu ihrer Durchführung fehlt und die Strafen gegen Zuwiderhandlungen so gering bemessen sind. Daß der Minister sich gegen die Anstellung von Arbeiter- kontrolleuren erklärte und dabei die Mehrheit des Hauses auf seiner Seite hatte, nimmt nicht Wunder. Die Abneigung der herrschenden Kreise gegen einen wilklrchen Bauarbeiterschutz ist hinlänglich bekannt. Freitag: Fortsetzung der Beratung deS Etats der Bauverwalwng und kleinere Vorlagen._ Erregte Szene im elfäfsischen Parlament. Stratzburg, 22. Februar. Zusammenstöße zwischen dem neuen Unterstaatssekretär Freiherrn v. Stein und Mitgliedern deS klsässisch. lothringischen Landtages ereigneten sich in der heutigen Sitzung der Zweiten Kammer. Bei der Beratung des Etats der Wafferbauverwaltung kam. die Rede auf die Verunreinigung der Jll in Straßburg durch die bekannte Lederfabrik Adler u. Otten- heimer. Während der Fortschrittler Georg Wolf und der Zen- trumsabgeordnete Martz lebhaft für die Firma eintraten, kritisierte der sozialdemokratische Abgeordnete Jurbs die in der Fabrik Herr- schenden Mißstände. Im Verlauf der Debatte rügte der Abg. Wolf das Verhalten der früheren Regierung, deren Stellungnahme er als schikanös bezeichnete. Scharf trat darauf Freiherr v. Stein für die vorige Regierung ein. T-abei gebrauchte er die Redewen- dung, daß sich der Abg. Wolf durch Beschimpfung der alten Re- gierung wohl das Wohlwollen der neuen gewinnen wolle. Diese Aeußerung erregte peinliches Aufsehen. Abg. Wolf verwahrte sich in entschiedenem Ton gegen eine derartige Einmischung in die Redefreiheit der Abgeordneten. Als der Unterstaatssekretär darauf scharf erwiderte, stellte sich Abg. Martz im Namen der Zentrums- Partei auf die Seite Wolfs. Eine Liga zur Verteidigung Elsast-Lothringens. Am Donnerstag nachmittag hat eine Vorbesprechung auf Ein- ladung des Zentrumsabgeordneten Hauß im elsaß-lothringischen Landtagsgebäude stattgefunden, an der eine große Anzahl Abgeord- neter der beiden Kammern sowie Vertreter der Presse teilnahmen. Tie Gründung einer Liga zur Verteidigung für Elsaß-Lothringen wurde allseitig anerkannt, die die Aufgabe haben soll, die clsaß- lothringische Bevölkerung gegen die verleumderischen Angriffe einer gewissen Presse zu verteidigen. Die Meinungen gingen darüber auseinander, ob eventuell in jedem einzelnen Falle die Verleumder vor den Richter gezogen werden sollen. Genosse Bühle vertrat den Standpunkt, daß man sich darüber noch eingehend aussprechen müsse; er könne nicht ohne weiteres mit diesem Vorgehen einver- standen sein. Im Prinzip seien seine politischen Freunde mit der Gründung einverstanden. Die Gründung der Liga wurde darauf- hin einstimmig beschlossen. Zugleich wurde eine Kommission er- nannt, welche das Statut zur späteren Beschlußfassung vorbereiten soll. Aus der Zweiten Kammer wurden gewählt: vom Zentrum die Abgg. Hackspell von der sozialdemokratischen Fraktion die Genossen Bühle und Martin, von dem Lothringer Block die Abgg. Weber und Zimmer, von der Liberalen Fraktion die Abgg. Bürger und Trumm. Aus der Ersten Kammer wurden die Mitglieder Graf Andlau, Dr. Curtius, Dr. Gregoire, Ungemach, Bürgermeister Dr. Schwander gewählt. Die elsaß-lothringische Presse wird durch vier Redakteure vertreten. Zum Präsidenten der Kommission wurde der Kammer- Präsident Dr. Ricklin gewählt. Fsiir die innere Kolonisation. Die nationalliberale Fraktion des preußischen Abgeordneten- hauieS hat, um ihr Interesse für die Förderung der sogenannten inneren Kolonisation zu betätigen drei Initiativanträge gestellt, durch die die Errichtung von drei Fonds in Höhe von insgesamt SSV Millionen Mark beantragt wird. Der erste Antrag verlangt einen Fonds von 100 Millionen Mark zur Gewährung von Staatsdarlehen für den Erwerb und die Errichtung von Klein- und mitlelbäuerlichen Betrieben. Ein zweiter Antrag verlangt einen Fonds von 100 Millionen Mark, um Darlehen zum Erwerbe und zur Errichtung von Land- arbeiterstellen in Landkreisen der Provinzen Ostpreußen. Pommern, Brandenburg, Schlesien, Sachsen, Schleswig-Holstein und Hannover zu gewähren. Ein dritter Fonds von 100 Millionen Mark soll der Regierung zur Verfügung gestellt werden, um Staatsdarlehen für ländliche Be- triebe zu gewähren, die von provinziellen Ansiedelungsgesellschaften zum Zwecke der inneren Kolonisation errichtet werden. Landtagsnachwahl in Sachse«. Die Nachwahl im 2. ländlichen Wahlkreise, Groß-Schönau— Ebersbach, den früher unser verstorbener Genosse Riem vertrat, hat gestern stattgefunden. Es erhielt der nationalliberale Kandidat, Fabrikbesitzer Max R ü ck e r t- Groß-Schönau, 10 221 Stimmen und der sozialdemokratische Kandidat Gustav Z w a h r- Neugers- darf 6288 Stimmen. Rückert lnatl.) ist somit gewählt. Während sich bei der Wahl vor 4 Jahren drei Kandidaten: je ein Sozialdemokrat, Nationalliberaler und Fortschrittler gegen- überstanden, rangen diesmal nur ein Nationalliberaler und der sozialdemokratische Kandidat Zwahr um den Sieg. Infolge des liberalen Kartells wurde der Rationalliberale von vornherein von den Fortschrittlcrn unterstützt. Beide bürgerlichen Parteien waren 1900 zusammen bei der Hauptwahl dem Sozialdemokraten um 1834 Stimmen voraus; auf sie entfielen 7630, auf Riem 2816 Stimmen. In der Stichwahl siegte dann Riem mit 7232 gegen 6091 Stimmen der Nationalliberalen. Der Wahlkreis besteht aus sieben großen Lausitzcr Industrie- dörfern. In allen Orten wurden von uns wie von den Gegnern mehrere Versammlungen abgehalten. Noch am Vorabend der Wahl fanden in jedem Ort eine sozialdemokratische und eine national- liberale Versammlung statt, in denen bekannte Agitatoren, meistens Landtagsabgeordnete, sprachen.— Wie bekannt, wird in Sachsen nach dem Pluralwahlsystem gewählt, das eine Häufung bis vier Stimmen zuläßt._ Ein Opfer der Volksfiirforge. Wie bürgerliche Blätter berichten, tritt der Präsident des kaiserlichen Auffichtsamts für Privalversscherung Dr. Gruner am 1. April d. I. von seinem Amt zurück. Als Grund wird.hohes Alter" angegeben. Unseres Wissens geht Dr. Gruner nicht ganz freiwillig, sondern infolge von Differenzen mit dem ostpreußischen Generallandschastsdirektor Dr. Kapp. Dr. Gruner hat es nämlich gewagt, die Gründung einer Vereinigung privater BersicherungS- gesellichaften zur Pflege des Volksversicherungsgeschäfts im Gegensatz zur genossenschaftlich- gewerkschaftlichen.Volksfürsorge" zu unter» stützen, während Dr. Kapp als Gründer der öffentlich-rechtlichen Lebensversicherungsgesellschaften nur seine Organisation für unter- stützenswert hält. Der Eifer der beiden Herren, die.Volksiürsorge" der Arbeiterschaft zu schädigen, hat sie also zu Gegnern gemacht und Dr. Gruner muß weichen. Tie Besoldungsfrage im hessischen Landtage. Tarmstadt, 26. Februar. In der heutigen Sitzung der Zweiten Kammer, der eine längere Beratung des Finanz- auSschusses voraufging, gab Staatsminister Dr. v. Ewald zum Be- soldungsantrage eine längere Erklärung ab, in der er seststellte, daß die Regierung den Vorschlägen der Zweiten Kammer nicht zustimmen könne, sondern auf ibrem Standpunkt beharren müsse. Der Bericht« prstatter der Zweiten Kammer erklärte, daß der Ausschuß der Zweiten Kammer einmütig bei seinen Beschlüssen bleiben werde. Er bc- antragte, ohne Diskussion sämtliche Gesetze nach den Vorschlägen deS Ausschusses anzuuehmeir. Die Gesetze betreffend die Bcsoldungs- Vorlage wurden sodann einstimmig on.Kloo angenommen und die Sitzung auf morgen vertagt. Morgen findet auch eine Sitzung der Ersten Kammer statt, die zu den Beschlüssen der Zwesten Kammer Stellung nehmen wird._ Frankreich. Tie Verjüngung de? Armee. Paris, 26. Februar. Generalstabschef Joffre hat im Ein- Verständnis mit dem Oberkriegsgerichtsral und dem Kriegsminister einen Entwurf über die Verjüngung der Offizier. kadcrs vorgelegt, danach soll die Altersgrenze für Hauptleute von 53 auf 51, der Majore von 56 auf 24, der Oberstleutnants von 28 auf 26, der Obersten von 60 auf 28, der Brigadegcncrale von 62 auf 60 und der DivisionSgenerale von 62 auf 62 Jahre herabgesetzt werden. Der Generalstab, welcher diesen EnNuurf ausgearbeitet hat, ist der Ansicht, daß vier Jahre genügen würden, um die geplante Verjüngung vollständig durchzuführen. Die dar- cmS erwachsenden Jahrcsausgaben werden auf etwa zehn Mit. lioncn Frank veranschlagt. Spanien. Unruhen in Aalencia. Madrid, 26. Februar. Lebhafte Unruhen sind in verschiedenen Teilen Spaniens wegen der neuen Municipalsteuer ans- gebrochen. Besonders in V a l c n c ia ist die Situation sehr bedenklich. Gestern früh waren in Valencia alle Märkte vollkommen verödet und die Wagen, die Proviant in die Stadt brachten, wurden bei ihrer Einfahrt in die Stadt von den Bewohnern a n g c- fallen und geplündert. Sämtliche Geschäfte waren ge- schloffen und die Handwerker feierten. Die Fabriken sowie die großen Warenhäuser mußten gleichfalls schließen. Die Straßen- bahnwagen wurden von der Menge mit Steinen beworfen; die Straßenbahngesellschaften wurden gezwungen, den Verkehr aufzuheben. Ueber den Hauptplatz der Stadt wurden abgc- hauene Bäume gelegt, um dadurch den Gesamtverkehr unmöglich zu machen. In der ganzen Stadt steht kein einziger Laternenpfahl aufrecht, so daß die Stadt am Abend in völliges Dunkel gehüllt war. Zwischen Polizisten und der Volksmenge kam es mehrfach zu Zusammenstößen. Die Wohnung des Bürger» meisters von Valencia mutzte durch eine Kompagnie Soldaten gegen die Wut der Menge geschützt werden. Als der Bürgermeister schließlich unter dem Schutze einer großen Anzahl von berittenen Gendarmen die Wohnung verließ und auf die Straße kam, rief die Menge:„Nieder mit ihm",„hängt ihn". Es ist wahrscheinlich, daß der Belagerungszustand über die Stadt verhängt werden wird, falls die Unruhen nicht bald aufhören. Rußland. Abschreckungstheorie. Wilna, 26. Februar. Das hiesige Militärbezirksgericht verurteilte den. Gemeinen A n t o n o>v wegen Majestäts- beleidigung zusechsJahrenZwangsarbeit. � Diese schwere Strafe wegen Majestätsbeleidigung steht einzig da und erregt in allen Bevölkerungskreisen den lebhaftesten Un- willen. Wie verlautet, sind die Militärbehörden bestrebt. durch drakonische Strafen umstürzlerische 5»i>een im Heerezu ersticken. Letzte Nachrichten. Vom Berliner Milchkrieg. Gestern abend hat eine von Milchpächtern und Milch- Kleinhändlern Groß-Berlins gemeinsam veranstaltete Pro» t e st v e r s a m m l u n g sich scharf gegen die Interessengemeinschaft märkischer Milchproduzenten ausgesprochen. Eine Resolution verurteill die M o n o p o l b e st r e b u n g e n der in der Interessen» gemeinschaft vereinigten Milchproduzenten, die schließlich den Ruin deS gesamten Milchhandels zur Folge haben würden. Milchhändler wie Milchpächter sehen in dem jetzigen Pachtwesen der Interessen- gemeinschaft die Gefahr, daß sie zu Handlangern dieser Produ- zentenorganisation herabgedrückt werden. Sachsen für iudirckte Steuern und Schutzzölle. Dresden, 26. Februar.(W. T. B.) In der Zweiten Kammer ergriff bei der heute fortgesetzten Beratung des EtatskapitelS „Sachsens Vertretung im Bundesrat" der Finanzminister v. Sehdewitz in später Abendstunde das Wort und erklärte u. a.; Die Regierung muß den Gedanken ablehnen, daß sie aus Rücksicht- nähme auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der Bundesstaaten der Wehrvorlage Schwierigkeiten gemacht hätte. Die Reichserbschaftssteuer wurde von der Regierung nicht als ein so erhebliches Hebel angesehen; denn sie ist eine indirekte Steuer und mit ihr hätten sich die Einzelstaaten abgefunden. Aber die BcrmögcnszuwachSstcuer ist eine direkte Steuer, sie bedeutet einen schweren Eingriff deS Reiches in die Finanzhoheit der Einzel- staaten. Bei den indirekten Steuern sind wir noch keineswegs an der Grenze der Möglichkeiten angelangt; es gibt noch eine Anzahl entbehrlicher Gcnußmittcl. die eine Mehrbelastung recht wohl ver- tragen könnten. In dem Maße, in dem die Einzelstaaten an direkten Steuern verlieren, verlieren auch die einzelstaatliche» Parlamente an Ein» fluh und Bedeutung. Um die günsttge Ausgestaltung der Handels- Verträge ist die Regierung ernstlich besorgt. Sie wird Gelegenheit nehmen, vor Abschluß der Handelsverträge die Interessenten im Lande zu hören. An der bewährten Schutzpolltik wird die Regierung nach wir vor festhalte». Die Entlassung der Frau Hamm. Essen, 26. Februar.(Privattelegramm des ,LZor- wärt s".) Heute nachmittag ist daS Opfer des Elberfelder Schwurgerichts, Frau Hamm, aus dem Siegburgcr Zuchthaus in ihrem Heimatsort Flandersbach eingetrosten. Die Frau ist durch die anstrengende Arbeit im Zuchthaus und infolge der großen Aufregung körperlich soweit heruntergekommen, daß sie bereits seit Ende Dezember im Lazarett lag. Tatsächlich verrät Frau Hamm, die erst 37 Jahre alt ist, und vorher nie krank gewesen war, eine solche Hinfälligkeit, daß sie kaum gehen kann. Sie klagt über allgemeinen Kräfteverfall und über Herzbeschwerden. Trotzdem an der völligen Unschuld der Frau kaum noch ein Zweifel möglich ist, brachte der„Elberfelder Generalanzeiger" noch am 4. Februar eine geradezu schamlose Rechtfertigung des Urteils fertig. Allgemein wird in Flandersbach mit großer Achtung von den sozialdemokra. tischen Abgeordneten gesprochen, die sich der Sache so warm an« genommen haben._ Alterspeusion und Streik der Bergarbeiter. Paris, 26. Februar.(W. T. B.) Infolge der Abstimmung in der Kammer über die Ruhegehälter der Bergleute hat der Verband der Grubenarbeiter die Sekretäre der Bergarbettershndikate für nächsten Sonntag zu einer Zusammenkunft einberufen, um über die Einstellung oder Fortsetzung des Streiks zu beschließen. Fünf Arbeiter durch eine einstürzende Mauer getötet. Konstantinopel, 26. Februar.(W. T. B.) Heute nachmittag stürzte, während zahlreiche Arbeiter im Park des Serails in Stambul mit Arbeiten beschäftigt waren, eine Mauer ein und bc» grub etwa 20 Menschen unter ihre« Trümmern. 2 Arbeiter wur- den getötet, 2 verletzt, die übrigen blieben unversehrt. (Ul�rthdiu JCOmtißmel Fveitag, Sonnabend, soweit vorhanden: Konserven, Kolonialwaren, Fleisch, Fische, Cellugel, Gemüse, Obst, Butter und Käse, Räucherwaren, Wein und Spirituosen darunter: ZU llSN fegMiUälS PssAZZLU äarun,er: Gejfentliche politische Versammlung Stoffe cleo. Jfassanzfige, Paletots Verkauf nur im Fabrikgebäude! VierterWahlkreis Sonntag, den 1» März, abends OV* Uhr, 40: im„Elysium", Landsberger Allee öeffentliede polilizeke Versammlung Tagesordnung: „Feinde ringsum". Referent: Reichstagsabgcordneter Fritz Zubeil* 2. Diskussion. Nach der Versammlung: = Gemütliches Beisammensein und Tanz. � 211/16* Zahlreichen Besuch erwartet ver Elnbcrufer: Paul Litauer, Esmarchstrafte 11. Jfassanzfige, paletots Mrter 4—, 6., S". JÄ. 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Der Zwclgrereinsvorstand, cAr-��vt-ehr- (gMH/tuUreAlp-ßiltiiMidi/ Stukkateure.= 8 Uhr, bei Wilke, = Sektion der Montag, den?. Mär� 1014, abends Scbastianstr. US: Versammlung � Tagesordnung: 1.„Die Arbeitsvermittelung in unserem Berufe und wie kann sie geregelt werden?" Resercnt: Kollege Eeulhoid. 2. Gcwerkschaslliches. 141/3* Zahlreiche Beteiligung erwartet Die Sektiuunleituug. Selimpjer! ecktet auf ciis set�Iick geschü Packung, um Gotdfarb echt zu erhalten JlSoldfarb. weitssMtaxapd- DlR.W.Z.10 6.�2. Health snuff tobacco. Tabac ä priser de santd. fcbaka do laiywania dla zdrowia. Tabacco da naso alla salute. ReutersMerke - 3 Binde 4 ZU ort• Buchhandlung vorwärts Heines Werke . 3 Linde 4 Mar« Buchhandlung vorwärts otmunt- nnb hrauibinbrrri vo» Roben Meyer,* Ind.: P. tiolIctK Mariannenstr. 3. Tel. Mpl.346 Möbel- Kredit. Beim Kaus hierfür 3 M. gut! Bis 29. März 5 Proz. Nach- laß bei jedem Kaus! 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(•csnndbrnnnen: Sucher, Bastianstr. t>. Laden. Geöffnet von ' 9— 2 und von 4—7 Uhr. Scliäiihaiiscr Vorstadt: Karl Mars. Greitenhagener Str. 22. Geöffnet von 9—2 und von 4— 7 Uhr. Adlersliol: Slnrl Scfitoargloie, Bismarckstr. 28. Geöffnet von 7 Uhr morgens bis 8 Ubr abends. A It-O lienicke: Wilbelm Dürre, Kövcnicker Str. 6. It aunischulenw eg: H. Hornig, Maricnlbaicr Str. 13, t. it eruau, liontgental. Zepernick, Schönow. Mchön- brück und Puch: Heinrich B r o' e. Müblenstr. 5. Laden. »ohasdort. Falkenhcrg und Falken hörst: Paul Genich, Bvbnsdon. Gcnossenlchailsbaus.Paradies'. rbarlotteuhnrg: Gustav£ rtin inv cig, Seiciibeim« str. I. Geöffnet von 9— 2 und von 4—7 Ubr. F.ichw aide, Schmöckwitz: OskarMable. Stubenrauch, tr. 99. Erkner, Xen Zittau: E m i l I w a n g. Scharnweberstr. 10. Eredersdorf-Petersliagen. Eggersdort: s. H ö i e l b a r t y, PeierSdag n..,. Friedenau,«tegllt?.,«üdcadc,«4rt>«- Eiebtcrkelde, I.anku it».: H. Bern'ee. Alsenilr. 5 in Steglip. Geöffnet von 11—1'/, und von 4'/,— 7 Uhr.. �...; Fr iecirlch linken, �Iclitenan, Rahnsclorfs Schonclclio, Kl.-Schönebeck: Ernst Wettmann, Friedrichs Hägen. Köpenick« Straße 18. Oriinan: Franz Klein, Friedrichstr. 10.„„ .1 o hau nist liul, Rudow: Max G o n i ch u r, Parkstr 6. Karlsborst: Richard Küler. Rüdelilr. 9. It. � K öiiigs- W usterbauseii, Wildau, Xiederiebrne: izriedrich B a u m a n». Badndofflr. 8. Köpenick: Emil W iffier. Kietzerstr. S. Laden. Geöffnet von morgens 7 Uhr bis abends 8 Uhr. Eicbteiihcrg, Frledrichsfclde. Hohenschönhausen: OUo Seite!. Wartenbergitraize 1(Laden). Geöffnet von 8 /,— u und von 4'/,— 7 Uhr.... ZI alilsdort, Kanlsdork. Hicsdori: P. Heffberg, KauIS- dort, Ferdinanditraffe 17. Zlariendort: August Leip, Ebausteeitr. 29S. Hoi. Marienfelde: Emil W e i n er t, Berliner Str. 114 II. Aenenhagen. Hoppegarteu, Gustav Ley, Woiterstraffe. Zieiikölia: M. H e, n r i ch, Neckar Nr. 2. im Lade». Geöffnet von s 1 und von 4-7 Ubr; Neutölln. Britz: Rohr, Siegirredltrage U8/2». Geöffnet von 7—! und von 4— 7 Uhr. Xiedcr-SchOneweidc: Wilhelm Unruh, Brückenstr. 10, 11. Xowawcs: Wiideim A a v v e. Lutherstr. 2. Obcr-8»chöaewci Seliöneherg: Wilhelm B ä u m r e r, Marlin Lutherstr. 69, im Laden. Geöffnet von 9—2 und von 4—7 Uhr. Spannan, A onuendaiuni, Staaken, Falkenhageu: Stöppel!, Breitestr. 64. morgens bis 8 Uhr abends., 1'egel, ICorsigwuldc, VA'lttenan, Waidmannslnsl, Ikcrnisdori, Rohen- A'eucndorf. Birkenweraer, Freie Scholle n. Reinickendorf- West: Baul KienaN, Borsigwalde, Ränichstraffe 10. Geöffnet von 11—1'/, u. von 4 /,—> Uhr. Teltow: Wilhelm Bonow, Teltow. Bertin« Str. 16. Teuipelhof: Iah. Krohn. Borujsiaslr. 62.„_ Treptow; Rod. Granrcnz, Kreshotzstraffe 412, Laden. Eeoffi.et von 7 Uhr morgens bis 8 Uhr abends._..... W clkensee, Heinersdorf: K. Fuhrmann, Sedaustr. 100, Part. Geöffnet von 11—1'/, und von 4'/,— 7 Uhr.,_.. Wilmersdorf, lluleusee, Schmargendorf: Paul Schubert, Wilbelmsaue 27... � Zeuthen. M iersdorf: Ernst H n t t i g. Zeuthen, Miersdorfer Str. 14 Säuiltichc Paricstilcralur wmle alle wiiienichasltichcii Werte werden getiejert Sonntags find die Ausgabestellen geschloffen._ HierzullBeilagcn u. UnurhaltURg»ll~ Seegefeld und Geöffnet von 8 Uhr Kr. 57. 31. Jahrgang. 1. KeilM des Jotroätb" Kerlim MM Freitag, 37. Febrnar 19l�. Gewerkschaftliches. Der französische Dergarbeitersireik. Paris, 24. Februar.(Eig. Ber.) Wie zu befürchten war, bietet der Bergarbeiterstreik, der von seinen Organisatoren den in Frankreich nur allzu leicht verliehenen Titel eines General streiks bekommen hat, das betrübende Bild der Uneinigkeit dar. Nach den offiziellen Angaben streikt rund ein Drittel der Bergleute, und die Ziffern, die aus den einzelnene Revieren mitgeteilt wurden, mögen so ungefähr mit der Wirklichkeit übereinstimmen, denn die bedeutendsten Becken— die des Pas-de-Calais, Nord und des von Anzin— haben sich mit Ausnahme eines Teils der Belegschaften einzelner Orte der Bewegung nicht ange- schlössen und stehen ihr sogar entschieden feindlich gegenüber. Der Nationalrat der französischen Bergleute, der die sogenannte alte, nicht an die Arbeiter- söderation angeschlossene Gewerkschaft vertritt, fordert die Bergleute auf, der Streikaufforderung des konföderierten „Verbands der unter Tag Arbeitenden" nicht Folge zu leisten und erklärt das vom Parlament be- schlossene Achtstundengesetz wie das Pensionsgesetz, das vom Senat angenommen ist und morgen von der Kammer verabschiedet werden soll, für a n n e h in b a r. Diesen Gesetzen aber haben eben die Streikenden den Krieg erklärt. Sie fordern namentlich: Einbeziehung der «chiefcr- und Erzarbeiter: Herabsetzung des Bezugsalters der Rentenberechtigten von 5S auf 50 Jahre, bei 25jähriger Ar- beit(statt 30jähriger): 2 Frank tägliche Pension für die Ar- veiter, 1 Frank für Witlven und Waisen; vollständige Ab- schaffung der Ueberstunden(das Parlament hat, nach dem ausschließlich von den sich jetzt enthaltenen Revieren durchge- führten Ausstand im November, ihre Zahl auf 60 reduziert); Mininiallohn und Aufhebung des Artikels 11 des Gesetzes. Dieser Artikel 11 ist ein Hauptpunkt und der derzeit wichtigste Gegenstand, wenn auch nicht die erste Ursache des Zwistes in der Arbeiterschaft. Er bestimmt nämlich, daß im Fall, daß die Unternehmer durch Kollektivvertrag den Arbeitern eine Rente sichern, die der von der autonomen, aus Arbeiter- und Unternehmerbeiträgen und Staatszuschüssen gespeisten Kasse gewährten gleich ist, sie und die Arbeiter nicht gehalten sind, Beiträge zum Spezialfonds zu leisten, dessen Zweck es ist, die Erhöhung der jetzigen Rente auf 720 Frank zu ermöglichen. Nun bestehen in der Tat in den nördlichen Becken Abmachungen, die den Arbeitern derzeit größere Renten gewähren, als sie im Augenblick bekämen, wenn sie der durch das neue Gesetz geschaffenen autonomen Kasse ein- gegliedert würden, und bei dieser Eingliederung hätten sie auch erhöhte Beiträge zu leisten. Daß es den Streikenden gelingen könnte, derzeit viel mehr durchzusetzen, als das Gesetz ihnen bietet, wäre auch bei einigeni Vorgehen sehr un- lvahrscheinlich. Das Parlament steht dicht vor seinem Heim- gang, und wer die tatsächlichen Verhältnisse in der De- putiertenkaniiner und ganz besonders im Senat kennt, wird darüber nicht im Zweifel sein, daß besonders eine Materie wie die des Minimallohns nicht mehr durchgearbeitet werden könnte und ebensowenig darüber, daß das Parlament nicht zu bewegen wäre, nachdem es vor ein paar Wochen dazu gebracht worden ist, die Ueberstundenzahl zu verringern, jetzt die Ueberstunden überhaupt abzuschaffen. Dagegen wäre wohl der Artikel 11 keine Frage, die dem Parlament besonders am Herzen läge. Aber hier sind es die Bergarbeiterorganisationen der nördlichen Gebiete, die gegen die Aufbebung protestieren und ihre Sache von den Berg- arbeiterdevutierten Basly, La m endin und G o n i a u x im Parlament vertreten lassen. Ja, sie haben erklärt, daß sie die Aushebung des Artikels mit dem Ausstand beant- Worten würden, sodaß das Parlament, wenn es die Streikenden des Südens durch diese Aufhebung beruhigen wollte, die zahl- reichere Bergarbeiterschaft des Nordens in den Streik triebe! Man sieht, wie heillos verfahren die ganze Bergarbeiter- bewegung ist. Es sind da alte Gegensätze, vor allem auch persönlicher Art, im Spiel, und Was Basly und seinen Getreuen von seinen Gegnern übelgenommen wird, sind nicht nur seine nicht zu leugnenden Sünden und Unterlassungen auf dem gewerkschaftlichen Gebiet, sondern vor allem auch sein Widerstand gegen die anarchistischen Treibereien, die in den Gebieten seiner Organisation seit Jahren unter dem Protektorat des Generalstabs der Arbeitskonsöderation ver- sucht werden. Tie höchst unnötige offizielle Einmischrnig der Konföderation während des letzten Streiks und nachher hat die Verbitterung vergrößert. Die C. G. T. hat eine systema- tische Agitation gegen die„alte" Gewerksdwft versucht, ist aber dabei gar nicht gut gefahren, da Basly eine große Po- pularität hat. Die Redner der E. G. T. hatten wenig Publikum und wurden ausgepfiffen. Es liegt auf der Hand, daß Basly und seine Leute jetzt den ganzen Streik als eine gegen sie geplante Revanche hinstellen. Trotz des Kartells, das der Verband der unter Tag Ar- bettenden mit den Transportarbeitern und Seeleuten abge- schlössen hat und dessen materielle Bedeutung noch nicht zu beurteilen ist, beginnt der Ausstand so unter sehr ungünstigen Bedingungen. Dabei haben die Bergarbeiter des Südens einen so prachtvollen Elan an den Tag gelegt, daß es auf das höchste erbitternd ist, wenn man daran denken muß, daß so viel Hingabe und Kampftüchtigkeit vergeblich, so viel materielle Opfer umsonst gebracht sein könnten— eines unseligen Zwistes wegen, der unschiver beseitigt werden könnte, wenn auf beiden Seiten der Sinn für die S a ch e, das prole- tarische Solidaritätsbewußtsein und das Verantwortlichkeits- gefühl die Oberhand gewönnen. öerlin und Umgegend. Konferenz der Gasarbeiter Grost-Berlins. Tie von dem Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter einberufene Konferenz beschäftigte sich mit den Lohn- und Ar- bcitsverhältnissen in den Gaswerken Groß-Bcrlins. Anwesend waren 76 Delegierte, die Vertreter des Äauptvorstandes und des Filialvorstandes und die sozialdemokratischen Vertreter in den Deputationen der Otaswerke. Der Referent Otto Becker führte aus, daß neben den vielen Mißständen in den Gaswerken die Gasarbeiter besonders darüber zu klagen haben, daß die Lohn- und Arbeitsverhältnisse so sehr verschieden sind. Tie Verhältnisse sind nicht nur in jedem Ort andere, sondern die Gasarbeiter haben in ein und demselben Werk ganz verschiedene Arbeitszeiten und bekommen gcknz verschiedene Löhne. Bei der Fülle von Bestimmungen und Einteilungen ist es nicht vevtounderlich, daß sich die Betriebsleiter und deren Organe gar häufig nicht mehr zurechtfinden uird zum Schaden der Arbeiter falsche Anordnungen geben oder die Löhne falsch berechnen. In einigen Werken bestehen noch überlange Arbeitszeiten von 16 bis 12 Stunden und beim Schichtwechsel 18 Stunden. Alle Bs- strcbungen der Gasarbeiter, die Arbeitszeit zu verkürzen, scheiterten an der Rückständigkeit der Vertvaltungen. Ter Verkürzung der Arbeitszeit stehen nicht evva besondere Schwierigkeiten entgegen und es würden auch keine besonderen Kosten entstehen. Nein, die Verkürzung der Arbeitszeit darf nicht durchgeführt werden, weil einzelne Betriebsleiter einfach nicht wollen. In der Ammoniak- sabrik des Berliner Gaswerks Nr. VI in Tegel herrscht der Herr Professor Drehschmidt, der den wiederholt gestellten Antrag auf Einführung der achtstündigen Schicht ablehnt mit der Be- gründung, wenn in den Ammoniakfabriken im Rheinland und in Westfalen noch 12 und 13 Stunden gearbeitet werde, können es die Berliner Arbeiter auch S Stunden aushalten. Den Arbeitern ist während der ö Stunden nur Vi Stunde Pause gewährt und selbst diese kann sehr häusig nicht eingehalten werden. Die Arbeiter der Ammoniakfabrik stehen also oft volle 9 Stunden in den mit Schtvefekdüusten angefüllten Räumen, ohne etwas genießen zu können. Die achtstündige Wechselschicht ist in den Ammoniak- fabriken der anderen Gaswerke schon längst durchgeführt, also keine Unmöglichkeit; aber Herr Professor Drehschmidt will nicht und deshalb darf anscheinend die Direktion der Berliner Gas- werke auch nicht wollen. Auch die Bestrebungen auf Verbesse- rung der hygienischen Einrichtungen scheitern zum großen Teil an dem starren Festhalten der veralteten Zustände. Tie Aufenthalts- räume und die Arbeitsräume sind vielfach der Verbeß'erung be- dürftig. Die Aufenthaltsräume der Arbeiter in den Außenbetrieben lassen alles zu wünschen übrig. Für 46 bis 66 Mann steht ein Kiosett zur VerfÜWng. Die Löhne der Handtverkcr sind durchweg niedriger als in der Privatindustrie. Meie haben die niedrigen Löhne in Kauf genommen, weil sie glaubten, dem Wechsel der Konjunktur nicht mehr so sehr ausgesetzt zu sein. Aber wie dieses Ständigkeitsvcrhältnis ausschaut, zeigen die Massenent- lassungen, die in den Außenbetrieben der Berliner Gaswerke im Sommer 1913 vorgenommen wurden. Und jetzt noch droht man den Handeverkern des Zentralmagazins mit Entlassung tvegen Arbeitsmangel. Es zeugt von einer ganz besonderen Arbeiter- fürsorge in den städtischen Gaswerken Berlins, daß die DircktiöN nicht verhindern will, daß das Heer der Arbeitslosen nicht Nock? vermehrt wird durch städtische Arbeiter. Aber auch die Verwal- tungen der Werke in den Vororten geben sich redliche Mühe, die Betriebe so zu halten, daß sie ja nicht als Musterbetriebe anzu- sehen sind. In der Diskussion bestätigten die Delegierten die Aus» führungen des Referenten. Die Verwaltungen scheinen der Auf- fassuug zu sein, daß ein Aufpasser besser ist als zehn Arbeiter. Tie Kollegen der Englischen Gaswerke, der Neuköllner und der Charlottenburger Werke haben ganz besonders darunter zu leiden und eS wurden Beispiele angeführt, wo auf 4 Arbeiter 3 Aufseher kamen. Natürlich dürfen dabei auch die Berliner Werke nicht fehlen und das Heer der Aufpasser ist der Verwaltung noch nicht groß genug, sondern wird durch Schaffung neuer Mcisterstellcn und wie sie sich sonst noch nennen, vermehrt. Die Konferenz beschließt einstimmig, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dahin zu wirken, daß für alle in den Gas- werken beschäftigten Handwerker und Arbeiter der Achtstundentag und einheitliche Lohn- und Arbeitsverhältnisse durchgeführt werden. Paul Schulz gab dann noch eine Uebersicht von dem Stand der Organisation in den Gaswerken. In einigen Betrieben sind die Gasarbciter bis zu 7ö und 166 Prozent organisiert. Leider ist dies aber noch nicht in allen Betrieben der Fall. Es gibt noch Betriebe, wo erst 25 bis 36 Prozent der Beschäftigten den Weg zur Organisation gefunden haben. Die Konferenz sprach aus, daß die vielen Mißstände in den Gaswerken nur beseitigt werden können, wenn sich alle GaSarbeiter in einer alle Beschäftigten uiüfasscnden Organisation zusammen- schließen. In der hierzu einstimmig eingenommeneu Resolution heißt es: Die in der Zugehörigkeit vieler Kollegen zu den ver- schiedcnsten Organisationen liegende Zersplitterung der Kräfte sei vom Standpunkt einer entschiedenen Vertretung der Arbeiterintcc- essen bedauerlich. Die Konferenz gibt in dieser Beziehung sthrcr Ueberzcugung dahin Ausdruck, daß die Zusammenfassung aller in. den Gaswerken beschäftigten Arbeiter und Handwerker im Per- bände der Gemeinde- und Staatsarbeiter als die gegebene Grund»i läge dafür zu betrachten ist.__ � Der Tarif der Arbeiter in den Wagen->i»d Karosscriefabrikcn läuft am 31. März ab. Der Tarif ist mit 16 Firmen abgeschlossen. Es sind daran der Melallarbeiter-, Holzarbeiter-, Maler- und Sattlerverband beteiligt. Bon der Karosserie Schebera ist der Tarif- vertrag gekündigt worden, während für alle übrigen Betriebe durch Nichtkündigung der Tarif für ein Jahr verlängert ist. Es besteyt kleines Feuilleton. Das Schinkelmuseum. In der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, irgcndtvo versteckt und verstaubt, ist das Schinkel- museum untergebracht. An drei Tagen der Woche(Montag, Mitt- «voch, Freitag) von 16 bis 1 Uhr ist es frei zugänglich. Kein Wunder, daß die wertvollen Blätter, die hier in stattlichen Mappen lagern, so gut wie unberührt bleiben. Diesem Dauerschlaf wollte der jetzige Museumsverwalter ein Ende bereiten: er veranstaltete eine Ausstellung besonders wichtiger Blätter. Er bekräftigt da- mit aber nur eine Forderung, die schon seit langem erhoben worden ist und die jetzt nicht mehr unerfüllt bleiben darf: das Schinkel- museum muß aus den völlig unzulänglichen und den praktisch tätigen Architekten unzugänglichen Räumen der Technischen Hoch- schule in die Bibliothek des Kuustgewerbemnseums verlegt werde». Erst dann wird der Nachlaß Schinkels, dieses Vorläufers der mo- deruen Architektur, so benutzt werden können, wie er es verdient, und wie es der Gegenwart nützlich sein könnte. ES ist deutlich, daß Schinkel und seine spartanische Sachlich- jett. sein kühl errechneter Rhythmus, seine Abkehr von allem über- stLstigen Schmuck und seine strenge Selbstzucht uns näher ver- tvandt sind, als der wilhelminische Barock mit seinem Schwulst und Holstein Pomp. Für den künftigen Geschichtsschreiber wird Schinkel die Station vor Messel und Peter Behrens sein. Schinkels allbekannte Bauakademie, deren Entwurfszeichnungen jetzt in der kleinen Ausstellung draußen zu sehen sind, kann in ihrer block- artigen Geschlossenheit, in der heimlichen Gotik ihrer flächig ge- bundcnen Pfeiler ganz unmittelbar neben das Manncsinannhaus des Peter Behrens in Düsseldorf gestellt werden. Mit solcher Erkenntnis soll natürlich nicht gesagt sein, daß nun über die deutsche Baukunst eine allgemeine Schinkelei kommen müßte. Schinkel als Mode tväre genau so schlimm wie jede andere Geistesträgheit. Schinkel als Erziccher zur Selbständigkeit, Schinkel als Tradition und als Basis zur Fortentwickelung, Schinkel als ein Stadium der Reife zum Antrieb, eine neue Klassik zu suchen— das ist es. worauf es ankommt. rbr. Gott sei de» Arme» gnädig! Man erinnert sich vielleicht nock. wer Rudolf Martin ist. DaS ist also ein Regierungsrat. den sie an die Luit gesetzt haben und der nun viel Geld verdient, weil er eS aufschreibt, wer alles in dem gesegneten Deutschland viel Geld be- sitzt. Er redigiert mit einem Wort das.Jahrbuch der Millionäre". Und das kündigt er nun an, und in diesem Prospeklus ist eine gar herrliche Stelle enthalten und die lautet so:.TaS Jahrbuch der Millionäre liest der adlige ivie der unadlige Millionär. ES gibt kein Bück, welches so vornehme und reiche Käufer und Leser hat wie ein jedes der Martinschen Jahrbücher der Millionäre. Sie sind in der Bibliothek der Monarchen und Großindustriellen ebenso wie auf dem Arbeitstische des schlichten einfachen Millionärs und Rentiers." Ach Gottchen I so ein oller einfacher ehrlicher Millionär! Wenn er man nur sein bißchen Frühstückbrot jeden Morgen hat und ein paar Dienerchen und sein klein Schlößchen und was der Mensch so braucht. Gott sei den Armen gnädig I Eine wissenschaftliche Radiuwzentrale für Groß-Brrlin. Die Sotzungen der Radiumgemeinschast Groß-Berlin zur gemeinsamen Beschaffung von Radium sind jetzt endgültig aufgestellt Ivorden, nachdem die beteiligten Gemeinden Einwendungen nicht erhoben hatten. Aus den Satzungen ist hervorzuheben, daß für Groß-Berlin ein wissenschaftliches Zentralinstitut zur Erforschung der' Radium- ivirkung errichtet werden soll, dem die in der Radiumgemeinschast Groß- Berlin zusammengeschlossene» Kommunalverbände ein Viertel ihres Radiums unentgeltlich zu Forschungszwecken überlassen. Das Eigentumsrecht hieran verbleibt den Ge- meindcn. In der Radiumzentrale werden die von den be- teiligten Gemeinden überwiesenen ambulanten Patienten unentgeltlich behandelt. Ferner übernimmt das wissenschaftliche Institut,' dessen Leiter der Dircklor des Nadiunrinstiluts der Charit«, Dr. His, werden dürste, die unentgeltliche Unterweisung der Aerzte der angeschlossenen Gemeinden und Kreise in der Radiumbehandlung. Inzwischen sind weitere Beitritte von Stadtgeineinden zu der von Geheimrat His angeregten Radiumgemeinschast Groß-Berlin erfolgt. So hat sich die Stadt Neukölln dem Vorgehen des Kreise« Teltow und der Städte Schöneberg und Charloltenburg angeschlossen und ist der Radiumgemeinschast als Mitglied beigetreten. Für die Ueberlassung von 266 Milligramm Radiumbromid will Neukölln einen jährlichen Beitrag von 3666 M. zur Verzinsung und Tilgung des erforderlichen Kapitals zahlen. Ebenso hat der Magistrat Lichtenberg den Beitritt zur Radiumgemeinschaft beschlossen und die Stadt- verordneten dürften diesem Antrag bereits in ihrer heutigen Sitzung zustimmen. Die im Kreise Niederbarnim liegenden Gemeinde- krankenhänser haben die unverbindliche Zusage gegeben, sich an der Nadiumgemeinschaft zu beteiligen. Deren endgültiges Zustande- kommen ist jetzt gesichert, und eS dürste in nächster Zeit der Kauf von insgesamt 856 Milligramm Radiumbromid abge- schlössen werden. Die Radiumvräparate sind in mehreren Liefe- rungen bis spätestens zum Herbst dieses Jahres von den Verkäufern der Radiumgemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Der beste Grund..Humanitö* bringt folgendes Geschichtchen zur Charakteristik der amerikanischen Parteien: Kürzlich kündigte da« amerikanische Blatl.The Sun of Midnight' an, daß eS einen Preis, bestehend ans einem Truthahn, demjenigen Neger aus seinem Leserkreise zubillige, der persönlich und ohne jed- wede Hilfe seinen republikanischen Parteistandpunkt am besten be- gründe. Drei Neger fanden sicb im Nedaklionsbureau ein. um sich um den ausgesetzlen Preis zu bewerben. .Ich bin Republikaner," sagte der erste,.weil die republikanische Pariei die Emanzipation der Neger im vollen Umfange durchführen will." .Sehr gut, sehr gut. Bill." nickten die Richter..Und nun, Bob, waS habt Ihr zu sagen?" .J-b." antwortete dieser,„ich bin Republikaner, weil die repu- blikaniiche Partei gute und weiie Gesetze geschaffen hat und die Re- publikaner Männer de« Fortschrittes sind". .Bravo!" rief das Preisrichlerkollegium.„Und Ihr, Sam?" „Jck>," erwiderte Sam..bin Republikaner— um den Truthahn zu erhalten." Die Richter waren zuerst ein wenig betroffen. Aber eS dauerte nicht lange, so faßten sie sich wieder, Und nach einer kurzen Be- ratung erkannten sie Sam einstimmig den Truthahn zu. Neue deutsche Ausgrabungen in Tiryns. In der jüngsten Sitzung des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Institut» zu Athen berichtete Prof. Karo über die letzten Ausgrabungen des Instituts in Tirtzns bei Nauplia. Unter dem Palast aus der zweiten Hälfte des 2. Jahr- tausends v. Chr.. den vor fast dreißig Jahren Schliemann und Doerpfeld freigelegt hatten, sind Reste eines älteren Palastes gefunden worden, der eine ganz andere Gestalt hatte und schon vor 1566 erbaut worden ist. Aber schon lange vorher, mindestens seit 2666 v. Chr., war der ganze Burghügel von Tiryns dicht bewohnt. Hier lassen sich drei oder vier auf einander folgende Wohnschichten scheiden. Zu der vorletzten gehört ein mächtiger Rundbau, dessen Fundamente zum Teil freigelegt worden sind. Er maß fast 14 Meter im Durchmesser, war aus Lehmziegel- mauern auf steinernem Sockel errichtet, ringsum durch zungeu- förmige Strebepfeiler verstärkt und einst mit gebrannten Flachziegeln abgedeckt. In diesem bedeutendsten prähistorischen Bau in Griechen- land darf man wohl das älteste Herrenhaus in Tiryns erkennen. Bisher hatte man vergeblich nach den Gräbern der tirynthischen Fürsten gesucht. Nun ist endlich ein ganz ausgezeichnet erhaltenes Kuppelgrab entdeckt und ausgegraben ivorden. Nur ist es leider schon seit mehr als 2666 Jahren feiner Schätze beraubt und in der römischen Kaiserzeit zu einer Oelmühle»mgestaltet worden. Doch geben andere noch nicht ausgegrabene Grüfte Hoffnung auf besseren Erfolg für die nächsten Ausgrabungen. Notizen. — Es geht so auch. Die Jnteriiationale Ausstelllliig für Buch- gewerbe und Graphik, die dieses Jahr in Leipzig stattfindet, hat sich die greuliche Abkürzung Bngra zugelegt. Eine Leipziger Zeitung hat niln ein PreiöaliSschreiben für eine bessere Vezeichnung vorgenommen. Als beste Lösung wurde.Buch und Bild" anerkannt. — A d o r« e V illanh, für deren Nackttänze die Prozesse in München und Paris Reklame gemacht haben, hat für den 4,, 5. und 6. März die Komische Oper gepachtet. — MoissiS Steckbrief. Die Geschmacklosigkeiten der Scherischen Bilderpresse haben einen Rekord erreicht. Unter den Bildern vom Tage wird neben den gleichgüliigsten Zeitgenoffcn, die irgendetwas„Gesellschaftliches" begehe», ein Bild des Schauspielers Moifst gebracht und darunter steht: A. M., der jetzt nach seinen? neuen Vertrag mit Max Reinhardt ein garantiertes Jahreseinkommen von 166 666 M. hat, wofür Prof. Reinhardt allerdings alle Neben- einnahmen aus MoissiS künstlerischer Tätigkeit erhält. FamoS I Echt amerikanisch I Nicht ote künstlerischen-Leistungen, nicht die merkwürdige Laufbahn(von einem unbekannten ausläiidi- schen Juden zu einem der bekanntesten deutschen Schauspieler) erscheint diesen Zeitgeschichtemachern charakteristisch— sondern allein seine Geschäflstüchligkcit, sein Marktpreis. — Das neue Zeppelin-Luftschiff der Militär- Verwaltung ist 132 Meter lang und hat 14 Meter Durchmesser. Die Enden des Schiffes sind etwas schlanker als bei den früheren AuS« führungen, auch die Stabilierflächen sind vergrößert und das Steuer verstärkt worden, damit das Schiff leichter zu wenden vermag. Die vier zum Antrieb verwendeten Motoren von je 156 Pferdestärken sind in zwei Gondeln ausgestellt. Das bemerkenswerteste an dem neuen Schiff ist ein Schacht, der durch die Hülle nach oben zu einer Plattform führt, auf welcher Maschinengewehre aufgestellt werden können I So müssen alle technischen Verbesserungen Moloch zum besten dienen. jedoch Aussicht, auch bei der Firma Zchebera zu einem neuen Tarif- Verhältnis zu gelangen. Tarifvcrlüngcrungcn im Berliner schmicdegcwerbr. Nachdem die Berliner Schmiedegesellen bereits vorher in einer starlbemchten Ver- samnilung beschlossen hatten, den mit der Innung abgeschlossenen Tarif nicht zu liindigen, haben die Unternehmer jetzt ein Gleiches beschlosses. Der Tarif der Berliner Schmiedegesellen gilt dainit als auf ein Jahr verlängert. Achtung, Gastwirtsgchilsc»? Herr Fäll in er, Restaurant zur Wildgrube, Brunnenstr. l/4, und Herr Behrend, Restaurant, Wcißcuburgcr Str, 2S, lehnen jede Vereinbarung mit der Organi- iation ab. Beide Betriebe sind fnr organisierte Gastwirtsgehilfen gesperrt. Verband der Gastwirtsgehilfen. Ortsverwaltung l. Im Elektromobil-Droschkcnbetrieb G. rn. B. H., Halenfee, Joachim-Friedrich-Str. 37, sind die Kraftdroschkensnhrer und Wagen- iväscher in einen Abwehrstreik getreten. Die Leitung des Betriebes liegt in Händen eines Herrn Fischer. F. führt in den ver- schiedensten Städten Kraftdroschken ein und hatte unsere Organi- iation lviederholt Gelegenheit, sich nilt dem llnternehnicn des Herrn Fischer zu beschäftigen. F. nimmt den Standpunkt des Herrn in, Hause ein. Als 1912 in Kattowitz ebenfalls Differenzen ausgebrochen waren, lehnte Herr Fischer eine Verhandlung unsererseits hier am Orte ganz energisch ab. In Halensee nahm die Firma Lohnreduzierungen der Wäscher in Höhe von 9 M. pro Woche sowie Arbeitsverlänge- rung von 28 Stunden pro Woche vor. Eine Verhandlung von Verbands wegen wurde abgelehnt. Als die Wäscher hierauf nochmals vorstellig wurden, erklärte der Herr Direktor einen Wäscher für entlassen, weil ihm der Verband ins HauS gesetzt sei. Weitere Verhandlungen wurden brüsk abgelehnt. Da eS sich noch um weitere Mißstände handelte, unsere Organisation auch mit sämt- lichen Kraftdroschkenbetrieben stets in Verhandlung tritt, war eine Abwehrbewegung nicht zu vermeiden. Hoffentlich sieht die Direktion ?ald ein, daß ein gegenseitiges Verhandeln unter den heutigen Ver- Hältnissen das beste ist. Der Betrieb ist für organisierte Kollegen gesperrt. Wir erwarten strenge Solidarität. Deutscher Transportarbeiterverband. Bezirk Groß-Berlin. Deutsches Neich. Ist„Streikbrecher" eine Beleidigung't Zur Zeit des vorjährigen Werftarbeiterstreiks war der Geschäfts- führcr Kühne des Verbandes der Kupferschmiede als Vertreter des Hauptvorstandes in einer Versammlung in Stettin. Da stellte ein Kollege au ihn die Frage:„Was sind nach Meinung des Haupt- Vorstandes die Kollegen, welche von Hamburg nach Steltin ge- kommen sind und auf der Vulkanwerft arbeiten, wo wir gegen den Willen des Hauptvorstandes in den Streik getreten sind?"— Kühne antwortete:„Wenn auch der Haupivorstand den Streik nicht billigt, so ist eS doch Talsache, daß hier gestreikt wird, also sind diejenigen, welche während des Streiks Arbeit ge- nommen haben, Streikbrecher",— Die Namen der betreffenden Arbeitswilligen wurden in der Versammlung nicht genannt, auf ihre Person wurde auch nicht Bezug genommen. Die Frage war auch nicht dieser Personen wegen gestellt worden, sondern um den Haupt- vorstand in die Enge zu treiben. Trotzdenr erhoben drei Arbeits- willige, als die Frage und ihre Beantwortung durch den Versamm- lungsbericht im Verbandsorgan bekannt wurde, Beleidigungsklage gegen Kühne und den Verbandsredakteur Souper. Beide sind vom Schöffengericht freigesprochen worden. In zweiter Instanz wurden sie jedoch von der neunten Strafkammer des Berliner Landgerichts I wegen Beleidigung verurteilt. In völliger Verkennung der tatsäch« lichen Verhältnisse hat das Gericht angenommen, die Frage sei nur deshalb gestellt worden, damit die Kläger durch die Bezeichnung »Streikbrecher" beleidigt werden könnten. Das Urteil zeigt, wie weltfremd die Gerichte sind. Der Aus- druck„Streikbrecher" kann beleidigend ja in der Tat nur für den Arbeiter sein, dem dadurch zu Unrecht der Vorwurf des Soli- daritätsbruches nachgesagt wird. Wer einen Streik brach, indem er die Arbeit da aufnahm, wo andere streiken, kann durch den Ausdruck »Streikbrecher", der ja doch kein blosies Schimpfwort ist, unmöglich beleidigt werden. Im Interesse der„schutzbedürftigen nützlichen Elemente" stempelten aber die Gerichte den Ausdruck„Streik- brecher" zu einer formalen Beleidigung. Sie brachten sich selbst dabei in eine nicht geringe Verlegenheit. Wie sollte man nun— ohne beleidigend zu werde»— die„nützlichen Elemente" bezeichnen? Da erfand ein findiger Staatsauwalt den Ausdruck„Arbeitswilliger". Was damit eigentlich sür die Schützlinge des Unternehmertums ge- bessert sein soll, ist uns unverständlich. An die Stelle eines richtig gewählten Ausdruckes ist nur ein anderer, begriffe- verwirrender getreten. Die Sache'bleibt dieselbe. Jeder klaffen- beivusite Arbeiter empfindet heule die Bezeichnung als„Arbeits- williger" genau so beschimpfend wie früher die als„Streikbrecher". Und fragt ein Richter den arbeitswilliger! Zeugen in wohlmeinder Absicht:„Sie waren in der bestreikten Fabrik als Arbeitswilliger tätig?" Es nutzt nichts! DaS gibt dem lieben Schützling der Unternehmer und Gerichte denselben Stich inS Herz, wie der Ausdruck»Streikbrecher" I Tie Handlung ist eben eine so ver- sichtliche, datz sie jeder Arbeiter als solche empfindet. Und wenn die Herren Richter tausend neue Ausdrücke dafür prägen, sie alle werden diesen häßlichen Beigeschmack behalten. Der»Streikbrecher" ist tot es lebe der—.Arbeitswillige"! Staötverorönetenversammlung. 7. Sitzung vom Donnerstag, den 26. Februar 1911, nachm. 2 Uhr. Vorsteher Michelet eröffnet die Sitzung nach 0% Uhr mit der Mitteilung, daß der Stadtv. Nelke lA. L.) verstorben ist. Sein Andenken ehrt die Versammbmg in der üblichen Weise. Tie G e n e r a l d i s k u s s i o n über den Entwurf dcS Ttadthaushaltsctats für 1911, den der Kämmerer Böse in der vorigen Sitzung eingebracht hat, wird eröffnet. Oberbürgermeister Mermuth: Unsere Etatsberatung begleitet diesmal eine überaus lebhafte Erörterung in der Oesfentlichkcit über die Finanzen der L-tadt Berlin, eine Erörterung, die nicht durchweg für uns günstig ist. Es wird in manchen Zeitungen so dargestellt, als ob wir schon amfs tiefste und unrettbar in Schulden versunken seien; andere richten eine heftige Kritik gegen unsere Finanzwirtschaft; ein Blatt meint, wir wollten„prahlen", und das habe prächtig ausgesehen, bis der metallische Nachgeschmack gekommen sei; eine Korrespondenz, die sonst dem Zweckverbande dient, mackt sogar die Person des Oberbürgcrnieisters veraut- Ivortlich.(Hört! hört!) Ich halte auch zu einer Entgegnung darauf für berechtigt und verpflichtet. Unsere Finanzlage ist gut -und gesund, sie genießt das Vertrauen der Außenwelt und ver- dient, es zu behalten. Unsere Finanzen nehmen unter denen der sämtlichen Städte des Reiches den hervorragendsten Platz ein; sie sind gesund und werden es bleiben, wenn uns nicht von außen Aufgaben aufgedrängt werden, denen auch der beste Etat nicht gewachsen ist.(Hört! hört! und Beifall.) Ein lleberfluß von 12,2 Mil- lioncn Mark gehört an sich' nicht zu den finanziellen Unglücksfällen. lHciterkcit.) Daß der Ueberfluß zur Balancierung des ordentlichen Etats verwendet wird, halte ich an sich nicht für wünschenswert; ich habe im Reiche mit allein Nachdruck gegen ein solches Ver- fahren mich aufgelehnt. Bin uns liegt dics Sache deshalb etlvas anders, weil sich bei uns seit 16 Jahren immer nur Neberschüsse zwischen 4,2 und 14,6 Millionen ergeben haben, aber kein Fehl- betrag. Wenn 1913 der lleberschuß nur auf den Durchschnitt von 9 Millionen sinken sollte, hätten wir für 1912 immerhin für einige Millionen Mehreinnahmen zu sorgen. Dem steht aber zu- nächst gegenüber die äußerst besonnene und vorsichtige Schätzung der Einnahmen. Tie Erhöhung des Einkommensteueraufkommens von 44 auf 42 Millionen halte ich für durchaus zurückhaltend. (Zustimmung.) Ich habe bestimmten Grund zu der Annahme, daß der Wehr Beitrag auf die Kommunalein- kommen st euer Berlins nicht ohne ziemlich er- heblichen Einfluß bleiben wird. Auch die anderen Einnahmen sind sehr vorsichtig geschätzt. Unser Ausgabeordi- Nartum steigt von 1913 auf 1914 von 316,3 auf 326,9 Millionen; diese Steigerung von 16,6 Millionen muß ich als durchaus mäßig und absolut nicht furchterregend bezeichnen. Von 1969 bis 1914 ist das Ordinarium von 244 auf 326 Millionen, durchschnittlich jährlich um 12 Millionen gestiegen. Die Steigerung der An- leihe von 36 auf 71 Millionen ist zweifellos sehr bedeutend, aber im einzelnen sind die Posten durchaus regulär und geben zum Teil auf Beschlüsse von 1964- zurück. Aus der Anleihe von 1911 sind hier 47 Millionen eingestellt. Es wird mir nun unterstellt, daß diese „großzügige" Finanzwirtschaft Berlins auf meincJnitiativc zurück- gehe. Ich weise diese Behauptung mit aller Entschiedenheit zu-- rück. 1911 haben die städtischen Behörden Unternehmungen aus- zuführen beschlossen, welche zirka 326 Millionen kosten. Ich war damals mit der Wahrung der deutschen Finanzen im Reichs- schatzamt befaßt; 1912, im September, kam ich zu Ihnen und habe diese Aufgaben mit Freuden mit auszuführen unternommen. Jetzt wird aber außer der Nordsüdbahn und dem Westhofen auch noch der Osthafen und sogar der Urbanhafen mir zur Last ge- legt.(Heiterkeit.) Es ist mir eine Ehre, daran mitgearbeitet zu haben, daß die Verlegung der Großmarkthalle erfolgt. Ich weise es weit von mir, daß die finanziellen Konsequenzen dieser Unter- nehnttingcn mit meinem Amtsantritte an- und ausgebrochen seien. Ich weise es ebenfalls so weit von mir ab, daß auch die künftigen Anleiheraten aus diesen Unternehmungen mir per- sönlich vor die Tür gelegt werden. Freudig übernehme ich per- sönlich die Verantwortung sür den Ankauf Lankes, obivohl auch dieser Ankauf vom Magistrat e i n st i m m i g beschlossen worden ist. CSört! hört!) Wenn Handel und Industrie mehr und mehr das Rückgrat der Steuerkraft Berlins werden, dann müssen wir auch das Nötige tun, diese in ihrer Lebenskraft zu erhalten und woniöglich auch zu stärken; und wenn die Gemeinde diesem Ziele nachkommt, darf sie auch, wie der Kauftnann selbst, zu Anleihen schreiten. Berlins Belastung mit Anleihen zu nicht werbenden Zwecken ist ganz überaus günstig; es kommen 169 M. auf den Kopf der Bevölkerung. Köln, Hannover, Aachen, Frankfurt a. M., Düsseldorf und Charlottcnburg gehen weit höher, der Betrag steigt bis auf 466 M. Das Wort..großzügige Wirtschaft" ist meinem Sprachgefühl ebenso fremd wie der Begriff meiner nüchternen Verwaltung. Ich befürworte keine eilzügige oder O-zügige Wirtschaft in den?lusgaben; ein frischer Zug lssuß in der Verwaltung sein. Eine Stadt wie Berlin kann nicht sagen: „Laßt mich aus mit dem Vorwärtsschreiten, meine Ruh' will ich haben"(Lebhafte Zustimmung und Heiterkeit); sonst kommt es um so schneller zu einer unverhältnismäßigen Häufung der Ausgaben. Die Gefahr liegt in den Aufgaben, die uns von außen aufgezwungen werden sollen. Ist es nicht eigenartig, daß die heftigsten Angriffe auf unsere Finanz- Wirtschaft gerade aus den Kreisen kommen, die uns immerfort mit Plänen von unglaublicher Tra,stveite beglücken wollen? Ueber die Grotz-Berliner Fragen, über die Niederbarnimer Steuerer-- höhung spreche ich heute nicht, ich sehe auch ab von der Einge- meindungsfrage, wo wir wieder ein glattes Nein zu hören be- kommen haben, während andere Städte gleichzeitig große Ein- geineindungen vollziehen dürfen. Die Frage des Schullastenaus- gleichs ist sehr zar Unzeit wieder aufgerollt worden, ohne Not und ohne Aussicht auf Erfolg; nachdem die Agitation von den östlichen Vororten aber wieder eingesetzt hat, werden wir uns mit neuem Material zu rüsten haben. Wenn andererseits die eine Eingemeindung wünschenden Vororte auf den Ersatz durch den Schullastenausgleich vertröstet werden, so werden sie eine bittere Enttäuschung erfahren. Lassen Sic uns gemeinsanl an den Etat herantreten in dem Bestreben, unsere Finanzkraft gesund zu er- halten und sie zu stärken. lBeifall.) Stadtv. Eassel(A. L.): Wir können dem Oberbürgermeister für diese klaren Darlegungen nur dankbar sein. Die Angriffe auf unsere Finanzwirtschaft können uns nicht schrecken; wir haben ähn- liches schon früher erlebt und werden auch in Zukunft damit nicht verschont bleiben. Dem Kämmerer sind wir für die übersichtlichere Gestaltung des Etats ebenso wie für sein Bestreben, bei den Aus- gaben eine gewisse.Sparsamkeit walten zu lassen und das Gefühl dafür auch bei uns rege zu erhalten, erkenntlich. Wir wollen Berlin entwickeln, sollen aber nicht alles auf einmal machen; gewisse Straßendurchbrüche haben nicht so große Eile. lZustimmung.) Der jetzige Kämmerer hat die Balance ohne Steucrerhöhung und ohne Ueberschreitung der 166 Proz. herzustellen erstrebt, während ftüher der Magistrat in dieser Beziehung nicht die Initiative ergriffen hat; auch dafür verdient Herr Böß Anerkennung. Tie 166 Proz. sind ja für mich kein Dogma, aber dabei zu verbleiben, das bleibt gleich- wohl ein Ziel,„aufs innigste zu wünschen". Einige kritische Be- merkungen des Kämmerers über ftühere Gemeindebeschlüsse und deren jetzige finanzielle Konsequenzen fordern zum Widerspruch heraus. Großmarkthalle und Westhafen sind von uns beschlossen und müssen ausgeführt werden; wir haben darüber sehr ernst bc- raten, und ich nehme an, daß eine gleiche ernste Beratung auch im Magistrat stattgefunden hat. Unser Gewissen ist rein. Ter Ankauf von Lankc ist, wie wir heute hören, vom Magistrat einstimmig beschlossen worden(Zuruf: Auch Böß!); das ist für uns von Be- deutung. Die neulichcn Bedenken des Kämmerers habe i ch schon bei der Beratung der Ankaufsvorlage vorgebracht; was nachträgliche Bemerkungen darüber für einen Zweck haben sollen, sehe ich nicht recht ein. Die Kritik des Kämmerers richtet sich ja auch in Wirk- lichkeit gegen den Magistrat; das muß er mit sich und dem Magistrat ausmachen. Im Geiste der Städteordnung und der Selbstverwal- tung wäre es aber, wenn eine einheitliche Haltung des Magistrats uns gegenüber beobachtet würde, wenn uns seine Vor- lagen als von einem einheitlichen Willen getragen entgegen- gebracht würden.(Zustimmung.)— Der Redner wendet sich dann mit großer Schärfe gegen die Politik der Regierung im Punkte der E i n g c in e i n d u ng, wodurch Berlin und nur Berlin aufs schwerste benachteiligt werde, und gegen den Schullastenausgleich, den gewisse Vororte anstreben.— Mit dem Lberbürgermeiste': er- wartet auch der Redner aus dem Generalpardon eine erhebliche Steigerung der Kommunalsteuereinnahmen.(Beifall.) Stadtv. Leid(Soz.): Alle Finanzminister würzen ihre Reden mit der Aufforderung zur Sparsamkeit. Verständlich ist auch bei jedem Finanzminister der Wunsch, mit recht großen Ueberschüssen vor seine Zuhörer zu treten. Gegen die Mahnung zur Sparsamkeit würde sich kaum etwas sagen lassen; man kann mit dieser Redensart sehr wenig anfangen; maßgebend bleibt immer das von Fall zu Fall zu prüfende Bedürfnis. Aber unser Kämmerer hat sich nicht darauf beschrankt, sondern hat Kritik an der gangen Kommunalpolitik des Jahres 1913 geübt. Wir haben sehr oft Gelegenheit nehmen müssen, die Kommunalpolitik der Versammlung unter die kritische Lupe zu nehmen; aber die Kritik des Kämmerers war unberechtigt; wir unsererseits billigen und vertreten vollkommen die von ihm an- gegriffenen Beschlüsse. Er hat für seine Kritik eine sachliche Unter- läge kaum gehabt. Der Westhafen hat eine Leidensgeschichte, die Schuld dafür liegt aber nicht auf feiten der Versammlung. Wir müssen bedauern, daß alle diese Projekte nicht schon viel früher ausgeführt werden konnten. Die Aufsichtsbehörden sind es, die durch ihr Verhalten diese Verzögerung herbeigeführt haben. Tie Geschichte des Großmarkthallenprojektcs ist ja auch alt, der bezügliche Beschluß nichts Neues oder Plötzliches. Ebenso ist es eine billige Redensart, daß die Südlinien der städtischen Straßen- bahnen nicht hätten eröffnet werden sollen vor der Untertunnelung der Linden. Die Geschichte der städtischen Straßenbahnen zeigt uns ja auch einen Dornenweg, den die cstadt hat gehen müssen, zum Vorteil der allmächtigen„Großen Berliner Straßenbahn". (Sehr richtig!) Je eher wir mit unseren Unternehmungen zu Rande kommen, desto eher werden wir wieder daraus Einnahmen ziehen. Unser Finanzminister scheint allerdings entgegengesetzter Ansicht zu sein. Er unternimmt den Versuch, die Ausführung hintanzuhaltcn(Unruhe); sonst wäre es nicht zu verstehen, daß er kurz nach Abschluß der vorjährigen Etatsberatung an die Bau- Verwaltung die Verfügung erließ, sich in den Ausgaben nach Mög- lichkeit zu beschränken und die Etatspositionen für 1914 möglichst knapp anzusetzen. Beim Erwerb von Lanke ist doch der finanzielle Gesichtspunkt in keinem Falle ausschlaggebend gewesen. Die Angst des Kämmerers vor der Beschaffung besserer Verbindungen nach Lanke zur Aufschlietzung dieses Geländes ist vollends unverständ- stich. Auch eine Erhöhung der Gebührensätze für die Krankenhaus- pflege hat der Kämmerer angekündigt. Ich möchte dagegen ganz entschieden Widerspruch einlegen.(Zustimmung bei den Sozial- demokratcn.) Wir würden das als eine erhebliche Verschlechterung der städtischen Gesundheitspflege ansehen, die die breiten Massen der Bürgerschaft schwer schädigen könnte. Die Krankenhäuser der Stadt können nicht in erster Linie vom finanziellen Standpunkt aus beurteilt werden. � Tie städtischen Einrichtungen für die Unterbringung unserer Siechen genügen auch nicht mehr den An- forderungen; es müssen Siechenhäuser gebaut werden. Anderer- seits kann es nicht Aufgabe der Gemeinde sein, mit allzu großer Härte zu verfahren bei der Eintreibung von Gebühren gegen An- gehörige, die oft selbst kaum das Nötige zum Leben �verdienen. Jetzt wird ganz formularmäßig verfahren, und am Schluß dcS Abdrucks der betreffenden gesetzlichen Bestimmungen steht die A n- drohung mit dem Arbeitshaus, auch bei solchen, die sich noch nicht geweigert haben. Das wird von der� Bevölkerung sehr unliebsam empfunden und sollte abgestellt werden. Ter Vor- redner meinte, der Schuletat für 1914 sei reichlich ausgestattet; wir können das nicht finden. Für 2,2 Millionen Mark Schul- bauten sind g e st r i ch e n(Hört! hört!); darunter drei erste Raten für neue Schulen.(Hört! hört) Wir halten die schleunige Inangriffnahme der Schulbauten für doppelt notwendig in dieser Zeit der Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Depression; in den Zeiten schlechter Konjunktur baut es sich auch entschieden billiger als bei Hochkonjunktur. Auch unsere Schulverwaltung würde unS dafür sehr dankbar sein. Tie Finanzgebarung des Bauetats im Schulwesen stimmt auch mit der Erklärung des Oberbürgermeisters vom vorigen September in betreff der Schaffung von Arbeit für die Arbeitslosen nicht überein. Diese Arbeiten sind notwendig; beschleunigen Sie sie; dann ist damit den Arbeitslosen am besten gedient und wir brauchen keine Notstandsarbeiten.(Lebhafte Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Der Kämmerer sprach auch von einer„geringfügigen Zurückhaltung" in der Tiefbauverwaltung. Tatsächlich ist unser Bauetat um nicht weniger als drei Millionen Mark beschnitten worden(Hört! hört!-; darunter befindet sich eine Brücke, die kürzlich dem Magistrat von der Versammlung noch besonders empfohlen worden war! Sogar die Kochküche der Zentrale Buch hat es ihm angetan; sie ist ge- strichen. Ich will von diesem und anderen Kunststückchen des Kämmerers nicht weiter reden, aber diese Etatsgebarung ist eben nicht recht in Einklang zu bringen mit den früheren Versprechun- gen, durch besonders rege Bautätigkeit den Baumarkt zu heben und die Holzbranche zu berücksichtigen. Die Bauverwaltung bitte ich dringend, in erster Linie auf den städtischen Bauten Berliner Arbeiter und nicht Arbeiter von außerhalb, aus Küstrin usw., zn beeschäftigen. Bei den städtischen Arbeitern schießen nach wie vor in bezug auf schlechte Bezahlung unsere Straßenreiniger und die Arbeiter auf den städtischen Gütern den Vogel ab. Ein Lohn von 2,26 M. ist wirklich zum Verhungern zuviel und zum Sattessen zu wenig; auch die städtische Verwaltung sollte doch zum mindesten nicht unter den ortsüblichen Tagelohn heruntergehen, der jetzt für Osdorf und Grotzbeeren 3 M. beträgt. In der Waisen- pflege befinden sich mehr als 9666 Kinder; nur 766 davon sind in eigener Anstaltspflcgc, die andern 8666 in Nnßenpflege. Trotz aller Revisionen entspricht hier die Erziehung nicht den be- rechtigten Anforderungen. Viele schulpflichtige Kinder geben wir auss Land hinaus; sie kommen da in schlechtere Schul- Verhältnisse. Wie sollen diese Kinder nachher den Kampf ums Da« sein führen? Die Stadt muß eigene Anstalten bauen; daran fehlt es uns.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Es darf nicht sein, daß unsere Waisenkinder nach Ostpreußen gegeben werden, wo sie dann in zwciklassige Schulen kommen. Das Für- sorgewesen scheint ja erfreulicherweise einer Reform entgegenzu- gehen. Aber auch hier hat der Kämmerer uns wieder einen bösen Strich durch die Rechnung gemacht; wir werden im Etatsausschuß versuchen müssen, diesen Fehler wieder gutzumachen, damit die von uns beschlossene Anstalt schneller errichtet und ihrer Bestimmung übergeben werden kann. Die Zentrale für die Jugendfürsorge, der wir erst ganz kürzlich eine Subvention bewilligt haben, hat sich in ihrer Zeitschrift gegen die Waiscndeputation gewendet und ihr eine bedauerliche Schwenkung vorgeworfen, die die vorbeugende Arbeit der Zentrale sehr erschwere. Der städtische Dezernent soll neuer- dings von der Äuffassung ausgegangen sein, die Fürsorgeerziehung sei billiger als die Waisenpflege. Von einem solchen fiskalischen Gesichtspunkt soll doch unsere Verwaltung nicht ausgehen. Vor- beugende Mittel sind die Horte und Kindergärten, die Spielplätze und Fericnspicle; auf allen diesen Gebieten hat die Stadt noch nicht allzuviel getan. In Berlin befinden sich mindestens 26 666 K i n d e r ohne Aufsicht und Schutz während der Arbeitszeit der Mütter.; in den Kinderhorten sind davon nur 6266 untergebracht; die Zahl der Horte muß mindestens verdoppelt werden. Der Stadt wird nichts übrig bleiben, als ihr Hauptinteresse mehr wie je auf diese vorbeugenden Maßnahmen zu richten. Tic Kinder sind schutzlos, weil die Mütter durch die heutigen Wirt- schaftlichen Verhältnisse zum Broterwerb gezwungen werden und aus dem Hause geben müssen. Mit den gegenwärtigen Mitteln wird auch nicht entfernt dem Bedürfiiis genügt, den Kindern den Besuch der Spielplätze zu ermöglichen. Auch an den Frei- karten für Badeanstalten hat der Kämmerer noch abgestrichen; soll vielleicht der für die Olhmpischcn Spiele hergegebene Be- trag auf diese Weise wieder herausgeivirtschaftet werden?(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Für die schwachveranlagten Kinder, die ganz besonders schlimm dastehen, wenn ihre Eltern gestorben sind, muß auch mehr geschehen, es müssen eigene Anstalten von Stadt wegen für sie geschaffen werden, wo sie für das praktische Leben ausgebildet werden, um sich nachher durchzuschlagen, die privaten Bemühungen auf diesem Gebiete reichen nicht aus. Auch wir sind der Meinung, daß der Wehrbeitrag manche Steuerdrückebergerei ans Tageslicht bringen wird; das wird aber noch lange kein Grund sein, den Wünschen der Haus- und Grundbesitzer auf Ermäßigung der Kanalisationsabgabe oder der Grundsteuer nachzugeben; weit eher dürfte Anlaß gegeben sein zur Beseitigung der über- aus lä st ige n und schikanösen Lustbarkeitssteuer. (Sehr wahr!) Der Magistrat scheint allerdings gerade diese Steuer für besonders emwickelungsfähig zu halten; auch die Theaterver- eine will man jetzt dazu heranziehen. Käme der Magistrat dami? durch, dann würden diese Bereine firr öffentlich erklärt und kon- zessionspflichtig, damit wäre ihnen aber auch der Boden entzogen. Der angestrebte Schullastenausgleich hat lediglich den Hintergrund, daß der Staat sich von seiner Verpflichtung, wenig steuerkräftigen Gemeinden Zuschüsse zu leisten, auf Kosten der Staot Berlin be- freien will. Ein Radikalmittel dagegen ist lediglich die Ein- gemeindung; die Mehrheit dieser Versammlung kann aber die Schuld nicht von sich abwälzen, den Zeitpunkt der Ein- gemeindung verpatzt zu haben.(Zustimmung und Wider- spruch.l Diesen Fehler soll man nicht durch neue vermehren. Es soll sich nächstens entscheiden, ob in Zukunft die Stadt Berlin in den Vertrag der B. E. W. eintritt. Nach meiner Änsicht hat die Stadt die Verpflichtung, endlich einmal für die Allgemeinheit einen großen Schritt zu tun. Wir wünschen, daß nicht das Bank- und Börscnkapital mit seinem Einfluß so stark sein möge, daß da» Interesse der Stadt mit Füßen getreten wird. In diesem Sinne verden wir an die Beratung des Etats herangehen.(Beifall bei oen Sozialdemotraten.) Stadtv. Mommscn(Fr. Fr.): Ter Vorredner traut doch in der Eingemeindungsfrage den Aeußerungcn von Ministern zuviel vupillarischc Sicherheit zu. Tie Eingemeindung wäre damals doch nicht zustande gekommen. Einer großzügigen Jnkommunalisierung bat die Versammlung 18SS zugestimmt; heute sind wir alle in oiesem Punkte einer Meinung. Mit den Erklärungen des Ober- eürgermeistcrs und mit der Zurückweisung der Insinuation einer persönlichen Politik sind wir durchaus einverstanden. Die scharfe »ritich die der Kämmerer an der vorjährigen Kommunalpolitik übte, mußte sehr befremden. An Magistratsbeschlüssen steht ihm eine nachträgliche Kritik nicht zu; auch wenn er in der Minorität '•lieb, muß er die Beschlüsse als solche anerkennen. Ein anderes Verhalten kann seinem Ansehen nur schaden. Für unsere Selbst- Verwaltung sind diese Angriffe schädlich selbst dann, wenn jemand, der seine Zustimmung zu einem Beschlüsse erklärt hat, nachher darüber Reue empfindet.(Sehr gut!) Die Exekutive kann nur einheitlich geführt werden. Wie kommt der Kämmerer zu der„gc- wissen Plötzlichkeit", mit der die Ausgaben beschlogen worden find? Wir haben nichts davon bemerkt. Wir sind es übrigens nicht, die die Stadt zu immer neuen Ausgaben und zur Uebernahme immer neuer Unternehmungen drängen; wir werden uns bei den Berliner Elektrizitätswerken darüber noch näher auseinandersetzen. Der Ausspruch:„Laute kam zuerst, sonst wäre es wohl nicht angekauft worden," enthält eine sehr böse Kritik, die nur als Entgleisung entschuldbar ist.— Redner geht dann in die Einzelheiten des Etats ei». Die Idee der Anlegung eines Ausgleichsfonds aus den lieber- (Hüffen billigt er; aus 19lZ scheint aber kein Ueberschuß zu er- warten zu sein, denn der Kämmerer habe darüber kein Wort verloren. •Im Bau etat sei stark gestrichen worden. Von der Erweiterung des Obdachs und den damit in Verbindung stehenden Anstalten, Ge- Asicchtskrankenstation usw., von Ausgestaltung des Fürsorgewesens •ei im Etatsentwurf keine Rede. Die großzügige Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten sei namentlich im Hinblick auf die Bestrebungen zur Hemmung des Geburtenrückgangs eine der nächsten Aufgaben, die Berlin in Angriff nehmen müsse.(Leb- hafte Zustimmung.! Scharf tadelt er die Geringfügigkeit der Auf- ivcndungen zur Erhaltung der städtischen Schulen in baulichen Würden.— Redner schließt: Auf den städtischen Säckel werden jetzt scharfe Attacken geritten, nicht nur von> Zweckverband. Die Bürgermeister der Vororte werden mit ihrem feindlichen Vorgehen( gegen Berlin im Punkte des Schullastcnansgleichs sich schließlich ins eigene Fleisch schneiden. Berlin soll auf die Knie ge- z w u n g e n und vor einer wirklich großzügigen EntWickelung be- wahrt, soll als Torso erhalten werden; den: müssen wir mit aller unserer Kraft entgegenwirken.(Beifall.) Stadtv. Rosenow(N. L.): Auf den 4lX)-Millioncn-Etat dürfen wir stolz sein. Die Finanzlage Berlins ist eine glänzende. Der Betrag des Steueraufkommens ist stetig gestiegen. Tie Lage des Hausbesitzes ist sehr ungünstig; mit der zweiten Hypothek ist manchen Hausbesitzern noch lange nicht geholfen. Man muß ihnen die Möglichkeit geben, ihre Häuser, soweit sie alt und veralte� sind, zu modernisieren, damit sie auch vermietbar{Verden. Dieser schritt würde auch dem Berliner Steuersäckel zugute kommen. Die Rekri- minationen des Kämmerers habe ich nicht tragisch genommen, sie scheinen sich an eine bestimmte Adresse zu richten. Der Magistrat mag seine häuslichen Angelegenheiten allein ausmachen. Hat der Magistrat einen Beschluß gefaßt, so muß er auch als Beschluß des ganzen Magistrats gelten.— Sicherlich wird der General- vardon viel Geldbesitz an den Tag bringen, von dem auch die städtische Steuerkassc Nutzen ziehen wird. Wie steht es mit der Revision der Beamtcngehälter, die doch gewissermaßen versprochen ist? Wie lange soll ein verheirateter ständiger Bureaugehilfe noch mit IKlX) M. jährlich auskommen? Das Fehlen höherer Mädchen- schulen macht sich immer unangenehmer bemerkbar. Die neue Südlinie der städtischen Bahnen floriert nicht, weil sie ein Torso ist. Eine Erhöhung der Gebührensätze für die Krankenhäuser würde ich sehr beklagen. Ter Kämmerer sprach von den„reichen" Krankenkassen, die es bezahlen könnten. Tatsächlich sind die Kassen jetzt schlimm dran, zum Teil allerdings durch eigene Schuld. Mit der Erhöhung würde man nicht bloß die Kassen, sondern auch den Mittelstand schädigen. Stadtv. Landsbcrg(A. L.) sucht, nachdem er nach%10 Uhr das Wort erhalten, die Versammlung für die„Misere des Berliner Grundbesitzes" zu interessieren, stößt aber mit seineen Darlegungen vielfach auf Widerspruch, besonders bei den Sozialdemokraten. Auf den 400 Millionen-Etat könne man alles andere eher als stolz sein. Die Grundbesitzer müßten gestützt werden; die Landtage und Re- gierungen setzten zur Prüfung der Frage Kommissionen ein, aber in Berlin geschehe nichts Durchgreifendes. Die Grundsteuer werde unrichtig veranlagt; die Steuern seien gerade zur Zeit der tiefste» Bedrängnis des Hausbesitzes zu dessen Ungunsten noch weiter heraufgesetzt worden, außer der Grundsteuer auch die Kanalisa- tionsabgabe. Die Versammlung solle auch für den Grundbesitz im Sinne des Schutzes ddr Allgemeinheit eintreten. Damit schließt die Generaldiskussion. Der Etatsentwurf geht an einen besonderen Etatsausschuß, der sofort vom Vorstande er- nannt wird. Nachdem noch die Vorlage wegen anderweitcr Festsetzung des Kostentarifs für Verpflegung von Geisteskranken in Dalldorf, Herzberge und Buch, sowie von Epileptischen in Wühl- garten ohne Debatte genehmigt worden, schließt die öffentliche Sitzung gegen 10 Uhr._ Soziales. Unfälle des täglichen Lebens. Sind Unfälle des täglichen Lebens, wenn sie sich bei einer dem Interesse eines versicherten Bctricbss dienenden Tätigkeit er- eignen, als Betriebsunfall zu entschädigen? Mit dieser Frage hatte sich der große Senat des Reichsversicherungsamts in den Sitzungen vom 21. und 2li. Februar zu beschäftigen. Als Unfälle des täglichen Lebens sind solche Ereignisse anzu- sehen, die, für sich»betrachtet, jedem zustoßen können, der sich zufällig an der betreffenden Stelle befindet. Ein Spaziergänger, der durch den Wald geht, kann dort von einem giftigen Insekt genau so gut gestochen werden, wie ein Waldarbeiter. Einem spielenden Kind kann auf der Straße ebenso ein Blumentopf auf den Kopf fallen wie einem versicherten Laufburschen, und eine äuf der Straße abgeschossene Kugel kann ein altes sich sonnendes Müt- terchcn treffen, sie kann aber auch einen auf dem Bock sitzenden 5hUscher verwunden. Der Spaziergänger, das Kind und das Mütterchen erhalten, wenn das Vorkommnis sie schädigt, keine Unfallrente, da sie nicht versichert sind. Haben aber die anderen, die sich den Schaden bei ihrer Arbeit zugezogen, Anspruch auf Eni- schädigung? Tie Frage ist natürlich nicht neu. Sic hat die Rechtsprechung schon so lange beschäftigt, so lange wir die Unfallversicherung haben. Daß sie noch immer nicht klipp und klar entschieden ist, hat an der schwankenden Haltung des Reichsversicherungsamts gelegen. Von vornherein hat sich dies zwar auf den Standpunkt gestellt, daß alle beim Betriebe sich ereignenden Unfälle entschädigt werden müßten. Es hat sich aber ganz kurz darauf korrigiert und hat ausgesprochen, daß Unfälle des täglichen Lebens keine Betriebsunfälle seien. Die beiden Auffassungen haben ihre An- Hänger gehabt und zu ihnen hat sich eine dritte gesellt, die ver- mittelnd in der Mitte stand, indem sie solche Unfälle zivar cnt- schädigte, aber immer mehr oder weniger künstlich einen Zu- sammenhang des Unfalles mit dem Betriebe konstruierte. Allmählich gewann aber die allein richtige Auslegung des Be- griffs„beim Betriebe" wieder die Oberhand und es wurde in den Epische idungea 2305 und 3334 klipp und klar ausgesprochen,! daß sich die gesetzliche Unfallversicherung auf alle Gefahren er- strecke, die durch den Betrieb geboten werden, und daß dazu auch die Gafahren des täglichen Lebens gehören, sofern ihnen der Ver- sicherte infolge seiner Betriebstätigkeit ausgesetzt ist. Das ist so logisch, daß es einer besonderen Begründung gar nicht bedarf. Auch das Reichsgericht teilt diesen Standpunkt, den allerdings nur einzelne Senate des Reichsversichcrungsamts schon vor der Beratung der Reichsversicherungsordnung eingenommen haben. Bei dieser Beratung nahm aber die Kommission ausdrück- lich zu dieser Frage Stellung und es wurde dabei der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß sich das Reichsversicherungsamt von dieser, dem Sinne der Gesetzgeber unzweifelhaft entsprechenden Recht- sprechung durch noch so starke Treibereien einflußreicher Kreise nicht wieder abbringen lassen werde. Diese einflußreichen Kreise haben sich durch diese an maß- gebender Stelle abgegebene Erklärung nicht beirren lassen. Sie haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Reichsversicherungs- amt umzustimmen. Dies schien um so aussichtsloser, als die Reichsversicherungsordnung den Begriff des Betriebsunfalles über- Haupt erweitert hat, indem sie die Vorschrift enthält, daß auch verbotswidriges Verhalten der Versicherten den Anspruch auf Schadenersatz nicht ausschließt. Dabei wurde in der Kommission festgelegt, daß der zeitliche und räumliche Zusammenhang mit dem Betriebe auch bei betriebsfremdem, verbotswidrigem Verhal- ten genüge, um dem dabei Verunglückten die Rente zu sichern. Diese Erweiterung des Begriffs Betriebsunfall muß natürlich zu- gunsten der Unfälle des täglichen Lebens in die Wagschale fallen. Um dem in der Rechtsprechung bis jetzt herrschenden Wirrwarr ein Ende zu machen, mußte sich der grvße Senat des Reichsversiche- rungsamts mit der Sache beschäftigen. Seinen Beratungen lagen zwei verschiedenartige Fälle zugrunde. In dem einen war ein Steinwurf, in dem anderen ein zufällig losgegangener Schuß die Ursache der Verletzung. In beiden Fällen waren die Verletzten im Interesse des Betriebes unterwegs gewesen. Der große Senat hat dahin entschieden, daß auch Unfälle des täglichen Lebens als Betriebsunfälle gelten, wenn die Ver- letzten diesen Gefahren durch ihre Betriebstätigkeit ausgesetzt sind.» Ein Betriebsunfall liege aber nicht vor, wenn der Verletzte einer gesundheitlichen Schädigung erlegen sei, an deren Zustandekommen die Betriebsarbeit nicht ursächlich mitgewirkt habe. Ebenso, wenn der Verletzte durch sein Verhalten den Zusammenhang mit dem Betriebe gelöst habe, oder wenn er bei Verrichtung einer eigen- wirtschaftlichen Tätigkeit verunglückte. Auch Schädigungen, die bei rein persönlichen, nicht mit dem Betriebe in ursächlicher Be- rührung stehenden Streitigkeiten zustande kommen, ebenso solche bei größeren elementaren Ereignissen, Erdbeben, Ueberschwemmun- gen und dergleichen seien keine Betriebsunfälle. Bei Unfällen des täglichen Lebens müsse die Betriebshandlung am Zustandekommen des Unfalles ursächlich mitgewirkt haben. Sei der Verletzte durch seine Betriebstätigkeit den Unfällen des täglichen Lebens ausgesetzt, so seien damit diese Unfälle zu Betriebsunfällen geworden. Eine besondere oder höhere Betriebsgefahr sei nicht erforderlich. Soweit die hier in Streit stehende Frage in Betracht kommt, kann man mit dieser Entscheidung des großen Senats zufrieden sein. Schwarze Liste». Wie organisierte Unternehmer Arbeiter, die ihnen nicht genehm sind, auszuhungern suchen, zeigt folgendes Schriftstück: Tilsit, den 7. Februar 1914. Geschäftsstelle des Arbcitgcberverbandes für Tilsit und die Nachbarorte(E. V.) Telephon Nr. 532. Sehr geehrter Herr! Die Monteure..... und..... sind am 6. d. Mts. von dem zu unserem Verbände gehörigen Elektrizitätswerk Tilsit wegen ungehörigen Betragens und mangelhaften Arbeitens entlassen worden. Indem wir Ihnen hiervon Kenntnis geben, bitte» wir Sie, dieselbe» uicht in Arbeit nehme» zu wollen. Hochachtungsvoll I. A.: H. Wander. Ist das kein TerroriSmus? Wirkung des Tarifabkommens. Ein Heizungsmonteur klagte gestern vor der Kammer V des GewerbegerichlS gegen die Firma Degen u. Gäbe l. Er forderte ö6,47 M. Dieser Betrag ent- spricht dem tariflich festgestellten 7l/zprozentigen Zuschlag auf die ge» samte Akkordsumme bei Arbeiten außerhalb Berlins. Die beklagte Firma wendet ein, sie sei nicht Mitglied einer Organisation, die den Tarifvertrag abgcichlossen haben. Sie bestreitet nicht, daß der Zuschlag üblich ist. Sie gibt auch zu, den Kläger durch den Arbeitsnachweis vermittelt zu haben, der nur tariftreue Arbeiter vermittelt. Sie muß auch zugeben, in einem anderen Falle dem Kläger bereits den Zuschlag bezahlt zu haben. Nun beruft sie sich darauf, daß der Akkordführer dem Kläger aus» drücklich gesagt habe, ein Zuschlag werde bei dieser Arbeit nicht ge- währt. Eine schriftliche Vereinbarung, wie der Tarif bei Ab- weichungen verlangt, ist nicht getroffen. Auf Grund dieses Sachverhalts verurteilte da? Gericht die Firma zur Zahlung. Erlaß über die Dienstbotenversicheruug. Der Minister für Handel und Gewerbe hat unter dem 13. d. M. an die Oberversicherungsämter eine neue Verfügung erlassen, die Donnerstagabend in der„Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht wird. Dr. Shdow sagt in dem Erlaß, die Errichtung von Landkranken- lassen tei in erster Linie dem Ermessen der Gemeindeverwallungen überlassen worden. Die Folge hiervon sei gewesen, daß nur in den wenigsten Städten Lanvkrankcnkassen für die Versicherung land- krankenkassenpflichtiger Personen bestehen. Es hätten sich hieraus empfindliche Unzutläglichkeilen bemerkbar gemacht. Den in die Er- scheinung getretenen Wünschen sei am besten durch Dienstboten- kraukenkassen gedient, doch das Gesetz kenne solche Kranken- lassen nicht; deshalb müßten diese krankenkassenpflichtigen Personen den Ortskrankenkassen überwiesen werden, wobei die Beiträge erheblich niedriger bemessen werden könnten. Dann heißt es weiter:.Das Königliche Oberversicherungsamt ersuche ich, mit den Stadtgemeinden, für die nach der Zahl der Dienstboten die Errichtung einer Landkrankenkasse angängig erscheint, und wo im Hinblik auf die Art der Versicherung bei der Allgemeinen Orts- krankenkasie die Errichtung einer Landkrankenkasse als notwendig be- zeichnet werden kann, in Verhandlung zu treten und das Ergebnis bis zum 1. Juli d. I. zu berichten. Die Monatsabschlüsse der Landkrankenkassen im Bezirke gemeindlicher Versicherungsämter sind für die Monate Januar bis April beizufügen. Von der Anordnung von Landkrankenkassen ist jedoch bis auf weiteres abzusehen. Im Einzelfall ist noch zu prüfen, ob den für die Dienstboten bestimmten Land« krankenkasien auch die landwirtschaftlichen Arbeiter angehören sollen." Der Erlaß ist dem Oberversicherungsaml Groß-Berlin mit dem Beifügen zugegangen. eS solle im März eine Konferenz oller Ver- sicherungsämter der Groß-Berliner Krankenkassen stattfinden zum Zweck der Gründung einer oder mehrerer Landkrankenkassen für die Dienstboten Groß-Bcrlins. Im Interesse der Dienstboten ist zu wünschen, daß besondere Landkrankenkassen trotz des ministeriellen Erlasses nicht errichtet werden. Der Borfitz in der Dresdener OrtSkrankenkasse. Der Kampf um den Vorsitz in der Dresdener OrtSkrankenkasse, der sich monatelang abspielte, wird nun voraussichtlich durch eine > Einigung beendet werden. Für die Verhandlungen, wegen deren die für Dienstag, den 24. Februar, anberaumt gewesene Wahl vertagt wurde, ist vorgeschlagen worden, alle zwei Jahre einen Vertreter der Versicherten mit einem Vertreter der Arbeitgeber im Vorsitz wechseln zu lassen. Die Vertreter der Versicherten haben zu diesen Ver- Handlungen den weiteren Vorschlag gemacht, daß Genosse Fräßdorf für die nächsten zwei Jahre Vorsitzender wird. Die Verhandlungen werden voraussichtlich zur Annahme dieser Vorschläge sühreu. /ius Industrie und Handel. Die englische Seeschiffahrt im Jahre 1913. Die rasche Erneuerung der nordatlantischen Schiftahrtskon-- vention erklärt sich durch die augenblickliche Lage des Frachtenmarktes. Dem Konjunkturrückgang, der naturgemäß auch zu einer Verringerung des Güter- und Personenverkehrs führt, müssen die Reedereien durch Herabsetzung der Raten Rechnung tragen, so- lange keine Vereinbarungen über den Anteil der einzelnen Gc- sellschaften an dem Gesamtverkehr getroffen werden. Nun hat nach den außerordentlich günstigen Jahren 1911 und 1912 die Geschäftslage gerade fnr die britische Handelsflotte» deren Ge-- deihen für das Wirtschaftsleben des Landes eine überaus wichtige. Rolle spielt und deren Bedeutung daraus zu ermessen ist, daß sie der Tonnenzahl nach mehr als 43 Prozent der Handelsflotte der Welt ausmacht, im Jahre 1913. einen Rückschlag erfahren. Dieser machte sich namentlich gegen Ende des Jahres bemerklich und wird sich aller Voraussicht nach im Jahre 1914 weiter ver- schärfen. Infolge der vielen Neubauten vermehrte sich der zur Verfügung stehende Schiffsraum beständig, während sich anderer- seits die Nachfrage einschränkte. Infolgedessen ist ein Uebermaß an Sckiisfsraum vorhanden, welches in den nächsten Monaten vor- aussichtlich witer zunehmen wird. Unter der Ungunst der Si- tuation haben besonders die Schiffe in wilder Fahrt zu leiden. Die Frachtraten, die sich im ersten Halbjahr noch ziemlich hielten, obgleich sie fast durchweg niedriger standen als 1912, erlitten im zweiten Halbjahr einen scharfen Fall. Der hohe Preis der Kohlen trägt dazu bei, die neue Lage der Dinge für die Reeder noch un» günstiger zu gestalten. Der Größe nach hat der Schiffsverkehr im vergangenen Jahre auf fast allen Routen indessen noch eine namhafte Zunahme aufzuweisen. Dies gilt auch für den Verkehr mit Deutschland, sowie für den Verkehr unter deutscher Flagge. Bekanntlich wies der deutsche Außenhandel infolge' der gesteigerten Exporttätigkeit der vom Konjunkturrückgang bedrohten Industrien im Jahre 1913 Rekordzisfern auf. Japanisches Zuckersyndikat. Die japanische Zuckerindustrie besitzt einen durch hohen Zoll geschützten Inlandsmarkt. Wenn sie jedoch die Vorteile desselben ausnutzen will, so müssen die Rohzuckerfabriken von Formosa so- wohl unter sich eine Konkurrenz vermeiden als auch mit den Zuckerraffinerien in Altjapan entsprechende Vereinbarungen treffen. Diese Ziele waren bei den vielfach sich widersprechenden Interessen nicht leicht zu erreichen. Zunächst wollen die Fabriken den Rohzucker teuer verkaufen, während die Raffinerien ihn billig einkaufen wollen. Ferner geht ein Teil des Rohzuckers direkt in den Konsum über, woran die Fabriken meist mehr verdienen sollen, als an dem Verkauf für Rafsinierungszweckc. Wird jedoch zu viel Rohzucker für unmittel- baren Verbrauch auf den Markt gebracht, so kann, da dafür nur eine beschränkte Anfnahmefähigkeit vorhanden ist, leicht ein Preis- fall eintreten, unter dem die Fabriken zu leiden hätten. Endlich herrscht Uneinigkeit über die Verteilungsquote des zu liefernden Zuckers unter den einzelnen Fabriken, da diejenigen von ihnen, die in ihrem Bezirk eine gute Ernte haben, einen Anteil nach der Größe der wirklichen Produktion, die anderen jedoch nach der Preßfähigkeit ihrer Fabriken wünschen. Um zunächst Einigkeit unter den Zuckerfabriken zu schaffen, ist seit Mitte Oktober v. I. ein Zuckerindustrieverband zusammengetreten, der eine Verständigung über die Hauptpunkte erzielt hat. Die beteiligten. Fabriken kontrollieren insgesamt eine Produktion von 144 Millionen Kilogramm. Der gesamte japanische Jahresbedarf an Zucker wird auf 390 Millionen Kilogramm angeben, wozu noch erhebliche Mengen als Rohmaterial für die nach Ehina gehende Raffinade treten, die 1912 b4 Millionen Kilo und in den ersten zehn Monaten 1913: 89 Mil- lionen Kilo betrug. Es folgt hieraus, daß noch große Mengen ausländischen Rohzuckers gebraucht werden, die den japanischen Zuckerfabriken die Ausnutzung des hohen Zolls erlauben. Versammlungen. Generalversammlung der Buchbinder. Auf der TageSorbinrng stand als erster Punkt:„Die Arbeitsvermittelung". Der Referent stellte die Nachteile des jetzigen Zustandes den Vorteilen gegenüber, die eine zentrale Regelung für alle Beteiligte mit sich bringt, und kam zu dem Schluß, daß auf eine derartige Regelung mit allen Mitteln hingearbeitet werden müsse. In der Debatte hier- über kam zum Ausdruck, daß die kürzliche Ablehnung durch die Urabstimmung nur darauf zurückzufiihrcn fei, daß es leider bisher nicht möglich war, die Arbeitgeber fiir den obligatorischen, pari- tätischen Nachweis zu gewinnen. Es lvcrde nicht zu umgehen sein, einen ernsten Kampf für die Sache zu führen. Im weiteren Ver- lauf der Aussprache kamen dann noch verschiedene Einzelheiten der heutigen Verhältnisse auf dem Gebiete der Arbcitsvermittelung inr Buchbindergewerbe zur Erörterung, oft in recht erregter Form. Brückner und Klar verstanden es aber, unter lebhaftem Beifall der Versammelten darzulegen, daß der vom Verband eingeschlagene Weg zur Erreichung einer geregelten Arbeitsvermittelung unter den gegebenen Bedingungen der einzig zum Ziel führende ist. Der Geschäfts- und Kassenbericht lag gedruckt vor. Aus ihm sei folgendes hervorgehoben: Die wirtschaftlichen Ver- Hältnisse waren der EntWickelung der Zahlstelle nicht günstig. Der Mitgliederbestand ging in den drei ersten Vierteljahren um 598 auf 8462 herab.' Im letzten Quartal zeigt sick jedoch bereits wieder eine kleine Steigerung, so daß jetzt 8619-Mitglieder vorhanden sind. Entsprechend den Umständen nahmen die Lohnbewegungen nur einen geringen Raum ein. Abgesehen von einem wilden Streik in den Paragonwcrken waren zwei Abwehr- und ein Angriffsstreik zu verzeichnen. Davon ist der letztere— es handelt sich um den Tarifiampf der Etuiarbeuer— nach über 29wöchiger Dauer noch nicht beendet! Der Kassenbericht ergibt für die Zentralkasse 212 629 M. Einnahme gegen 299 433 M. im Vorjahr; 193 949 M. Ausgabe gegen 192 206 M. Von diesen entfallen 85 678 M. auf Arbeitslosen- und 17 268 M. auf sonstige Unterstützungen. Die Lokalkasse schließt ab mit 84 695 M. Einnahme und 66 277 M. Ausgabe, während sich der Bestand auf 191 998 M. beläuft. Auch von diesen Ausgaben entfällt ein erheblicher Teil auf Unter- jiützungscinrichtungcn. Ueber die Geschäfte im Arbeitsnachweis orientiert nach- stehende Zusammenstellung: männlich weiblich 1912 1913 1912 1913 Eingeschrieben.... 5750 4462 8159 8499 Beschäftigung erhielten. 4396 3368 6437 6924 An den Jahresbericht schloß sich keine Diskussion an. Auch die Neuwahl der Funktionäre war bald erledigt. Allgemeine Kranken, und Sterdekasse der Metallarbeite». (B. a. G.) zu Hamburg. Filiale Baumschulenweg. Morgen Sonnabend, den 28. Februar, abends 8'/, Uhr, im Lokal von Boche, Baumlchulcnstr. 67: Mitgliedervcriammlung Landsmannschaft Ilcckermunde- Usedom- Wollt«. Sonntag, den i. März, im Lokal von Rodrigo, Borsigstr. 24: Verjammlima. Gifte aus dem Kreise willkommen. Mus aller Welt. Hlutbilanzen. Die serbische Regierung gibt jetzt die richtiggestellten Ziffern der Kriegsverluste bekannt. Aus dem ersten Balkankriege zählt man 6000 Tote und 18 000 Verwundete, aus dem zweiten Balkankriege 7000 bis 8000 Tote und 30 000 Verwundete. 2500 Soldaten find nachträglich ihren Verletzungen erlegen. 4300 starben an der Cholera(davon 4000 während des zweiten Krieges I), 11000 bis 12 000 an sonstigen Krankheiten. Im ganzen etwa 30 000 Tote und 48 000 Verwundete. An diesen Zahlen sind zu»ächst bemerkenswert die außerordent- Blutopfer des zweiten Balkankrieges. Dieser Kampf, der nach wenig mehr als einer Woche zugunsten der Serben und Griechen entschieden war, hat l'/zmal soviel Soldaten getötet wie der erste Balkankrieg. Man bekommt einen Begriff von der mastlosen Erbitterung, mit der er geführt worden ist. Die gleiche Schlustfolgerung— für beide Kriege— lästt sich aus dem auffallenden Zahlenverhältnis der Toten und Verwundeten ziehen. Einschliestlich der ihren Verletzungen Er- kegenen find in beiden Kriegen zusammen 15 000 serbische Soldaten im Felde gefallen; 48 000 wurden verwundet. Auf je einen Toten kommen demnach wenig mehr als 3 Verwundete. Ebenfalls bemerkenswert und für den Zivilisationsgrad der kämpfenden Völker nicht eben rühmlich ist die große Zahl der an Krankheiten Ge- storbenen. Sie ist etwas höher als die Zahl der Gefallenen; während beispielsweise schon im Kriege 1370/71 auf deutscher Seite 26000 Soldaten fielen, aber nur 14 000 Krankheiten erlagen. Da Bulgarien im ganzen über 50 000 Mann verloren hat, lästt sich der Gesamtverlust der an beiden Kriegen unmittelbar be- teiligten Völker: der Bulgaren, Serben, Griechen, Montenegriner. Türken— auf mindestens 140000 schätzen. Dies bei einer Volkszahl(vom Osmanischen Reich kommt nur die europäische Türkei in Frage) von 18 Millionen. Deutsche und Franzosen verloren in dem Kriege 1870/71 zusammen 136 000 Mann, bei einer Volkszahl von 76 Millionen; verhältnismäßig also 4 bis ömal weniger als die Balkanvölker. Die reparierte Ehre. Im Walde von Orly bei Metz hat am Donnerstagmorgen zwischen zwei Offizieren vom Infanterieregiment Nr. 98 ein Pistolenduell stattgefunden, bei dem einer der Duellanten durch einen Schuß durch die Brust getötet wurde. Als Gegner standen sich gegenüber die Leutnants La Valette St. George und H a a g e. Bereits beim ersten Kugelwechsel er- hielt H a a g e den tödlichen Schuß. Die Militärverwaltung bewahrt über die Ursache des Duells Stillschweigen; nur soviel wird bekannt gegeben, daß die Ursache eine schwere Beleidigung sein soll. Nach Berichten, die in der Stadt Metz umlausen, gaben den Anlaß zu dem Zweikampfe Beziehungen, die während der Karnevalstage zwischen Leut- nant von La Valette St. George und Frau Haage aufgenommen worden waren und zu einer so schweren Ehren- kränkung des Leutnants Haage führten, daß sie selbst unter Rücksicht- nähme auf die beim Karneval herrschende Stimmung nicht in milderem Lichte erscheinen konnten. Deutlicher gesagt, scheint es sich also um eine Liebesgeschichte mit oder ohne Ehebruch zu handeln. Die von den Kavalieren stets so betonte Berechtigung des Duells wird damit wieder einmal all absurdum geführt; ist doch bei dem„Gottesurteil" wie so oft der vermeintlich Beleidigte nieder- geknallt worden. Ein Mng mit 16 Passagieren. Eine bisher unerreichte Leistung gelang in Petersburg dem russischen Flieger Sikorskh. Er flog 18 Minuten mit 16 Passag ieren und einem Hunde auf einem neuen Flugzeug Jlya Mourometz, wobei er eine Höhe von 300 Meter erreichte. Die Belastung betrug 1310 Kilo ohne Benzin und Oel. * Auf dem Flugfelde von ChartreL erreichte der französische Flieger G a r r a i x auf einem Zweidecker mit vier Fluggästen eine Höhe von 3150 Metern und stellte damit eine neu« Höchstleistung auf._ Hochwasserkatastrophe. Nach einer Meldung aus Brünn ist infolge Eisstopfung die March bei Nedakonitz und Ungarisch-Hradisch über die Ufer getreten; 96 Häuser sind überschwemmt, 13 eingestürzt und 41 mehr oder weniger beschädigt. 171 Personen sind o b d a ch- los, Verluste an Menschenleben sind jedoch nicht zu beflagen; der Schaden wird 160 000 Kronen geschätzt. Kleine Notizen. Der Mädchenhandel. Im Zusammenhang mit der Mädchen- Händleraffäre in Myslowitz wurden in Sosnowice zahlreiche Haus- suchungen vorgenommen. 25 des Mädchenhandels verdächtige Per- sonen wurden verhaftet; kurz vorher hatte die Polizei bereits 19 Personen festgenommen. Man spricht davon, daß Sosnowice eine Zentrale für den Mädchenhandel im Westen Rußlands bilden soll. Der Sturm im Mittelmeere. Der furchtbare Sturm in Mittel- ländischen Meere hält immer noch an. In der Nähe von C a s a- b l a n c a sind zwei Dampfer, ein österreichischer und ein englischer, an die Küste geworfen worden und befinden sich in einer ge- fährlichen Situation. Die Namen der beiden Schiffe sind jedoch noch nicht bekannt. Hilfsdampfer sind zur Unterstützung abgegangen. Einsegnungs- Stiefel Neueste Modelle! Höchst preiswert! Knaben. Schnürstiefel»<760* Ä20 r�TZ— � � � � � � � � Knaben-Schnürstiefel �--f<>50 !a Rindbox...........»O Madchen-Schnur. U..Knopfstlefel�00 �90«20-« �50-4 Z50 Echt L-xcalf, Chevreau.. X V laL Echt Ehevreau und Soxcalf........ � � AV jl S' Conrad Tack s Cie. m. Burg Ges. bei Magdbrg. -144 Verkaufsstellen im Neich, davon 21 in Verlin und Umgebung C, CpItttteiarH-IS C, TtofcntpaUr Str« treusoraender, unvergeß- licher Pater, Schwiegervater und Großvater, der frühere Schuh. Warenhändler Gustav Schönberg im vollendeten 69. Lebensjahre. Dies zeigen tiesbetrübt an mit der Bitte um stille Teilnabme Die trauernden Hinterbliebenen, Neukölln. Jonasstraße 35. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. März, nachmittags 4 Uhr, von d« Leichen- halle deS neuen Jakobi-Friedhofs, Hermannstraße, auS statt. 52A Hierdurch die traurige Nachricht, daß unsere liebe gute Mutter. Schwiegermutter und Großmut!« Mlbelminn Schmidt geb. Kehfeld nach langen schweren Leiden sanst enttchlasen ist. 1668b Beerdigung Sonnabend; nach- mittags 3'/, Uhr, aus dem Neu- löllner Gemeinde-Friedhoj, Ma» riendorfer Weg. Um slilleS Beileid bitten loaehim Meyer. Martha Meyer geb. Schmidt. Ma* Telkmit. Frida Tolkmit geb. Schmidt. Otto Oalichau. Valeska Oalichau geb. Schmidt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlich« Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters sagen wir allen Freunden und Bekannten sowie dem Verein Charlottenburg« Schanl- wirte und der Zimmerer-Innung unsern innigsten Dank. 113A Chariottenburg, 25. Februar 1914. Die trauernde Witwe k�rau A. Busch nebft Kinder». Danksagung. Für die vielen Beweise berziich« Teilnahme und Kranzsvenden beim Hinscheiden meines lieben Mannes säge ich allen meine« herzlichsten Dank. 13ÜA Spandau, 25. Februar 1314. tau Wilhelmine Voelker. Für die Beweise liebevoller TeU» nähme bei d« Beerdigung unser« Schwester und Schwägerin Martha Flerke 1�-. sagen wir allen Freunden und Be» kannten sowie den Genossinnen und Genossen von Mahlsdors unleren herzlichsten Dank. t664b Friedrich Fischer u. Frau. / Möbel aur Kredit!\ t 2 Stube und Küche und zwar: 2 Bettsteilen 1 Kleider schrank 1 Spiegc» 1 Spiegelspind 1 Tisch 2 Stühle 1 Kuchensctirank 1 Küchentisch 1 Küchenstuhl 1 Küchenrahmen 15 Aiuahlnng Wochenrate 1.50 M. an 2 Stuben u. Küche von und zwar: 2 Battateilen 2 Matratzen 1 Waechtollette 1 Kleiderepind 1 Wäschespind______ 1 Trumeau.,1. 1 Sota. 1 Tisch 4 stuhle und Anzahloan 1 farbige Küche»a Wochenrate 2— 3 M. an 35 Garderobe für Herren Damen Moderne Schiaf-.Spelse- u. Herrenzimmer in jeder gewünschten Art von 40 M Anzahlung; an. Einzeln« Mftbsistflcke von 3 M. Aasahluag ab Wocheprate 1 Mark. Anaahlnngr S Mark»n Wochenraie 1 Marie Gehr Lieber AlexanderslT. 16' SL iUP>■ ImIC WV vla-ü.vls der Holzmarfctatraas* m- Bitta, au« blaue Schlldar achten.-W» direkt am Bahohot Jaimowltzbrück«. | Sonntag von 12—2 Uhr qmaitnmt. 3» I •3 mg n *9 KerautworUicher Rebekteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Lnferat-mleil veranw.: TH.Gloil-.Berlin. Druck u.BerIag:VorwärtsBuchdruckerei u. Verlagsanjtalt Paul Singer& So« Berit» SW. 5t. 57. 31 Jahrgang. 2. ßdlnjr des Joimitts" ßtiltett Freitag. 27. Februar 1914. Parteiangelegenheiten. Tie neue Lokalliste ist der heutigen Nummer des„V o r w ä r t s* beigelegt worden und wiederum richten wir an die gesamte Arbeiterschaft das dringende ersuchen, die Lokalliste meyr zu beachten als bisher. Es ist unbedingte Pflicht jedes Ar- beitcrs, alle Lokale zu meiden, die der Arbeiter- schaft zu Versammlungen verweigert werden. Beachtet die Arbeiterschaft diesen wiederholt an sie gerichteren Appell, und handelt sie streng danach, so mutz es uns ge- lrngen, alle Lokale, die durch den Besuch der Arbeitcrsckaft erst ihre Existenz haben, auch zu Versammlungszwecken zu erobern. Wo uns aber Säle zu Versammlungen zur Verfügung stehen, dort können wir das Versammlungsrecht erst wirklich ausnülien, darum ist der Kampf um Versammlungsräume auch ein Kamps um des Versammlungsrecht. Deshalb: Beachtet stets die Lokallistc! Ferner ersuchen wir die Vorstände und Komitees, bei allen ihren Veranstaltungen dafür zu sorgen, datz das notwendige Bedienungspersonal stets vom kostenlosen Arbeitsnachweis des Ver- bandes deutscher Gastwirtsgehilfen bezogen wird.(Ortsverwaltung Berlin, Grotze Hamburger Stratze 18/l9. Tel. Amt III, 1813.1 Außerdem ist es im eigenen Interesse der Vereine selbst dringend notwendig, datz allen Verträgen mit Lokalinhabern eine Klausel angefügt wird, wonach für den Fall, datz das betreffende Lokal später für Arbciterversammlungen verweigert werden sollte, der Vertrag seine Gültigkeit verliert. Alle sonstigen Anfragen, Mitteilungen usw. sind stets durch die in der Lokalliste angegebenen Kommissionsmitglicdcr an den Ob- mann der Lokalkommission zu richten, soweit Lokale Berlins und der Kreise Nieder-Barnim, Teltow-Bceskow und Potsdam-Ost- Havelland in Frage kommen. Für die übrigen Provinzortc sind alle Anfragen direkt an den Obmann zu richten, in keinem Falle jedoch direkt an die Redaktion des„Vorwärts"; dies bitten wir zu beachten. Zum Schluß ersuchen wir die Parteigenossen, die jeweilige Lokalliste stets bis zum Erscheinen der nächsten aufzubewahren, sowie von allen in der Zwischenzeit eintretenden etwaigen Säende- rungcn Notiz zu nehmen. Für verloren gegangene Listen kann jederzeit Ersatz von allen Kommissionsmitgliedern bezogen werden. Tic Lokalkommission. Eine große Volksversammlung findet Dienstag, den 3. März, in den Konzert- und Festsälen, Inhaber Obiglo, Koppenstr. 29 statt, mit der Tagesordnung: „Gegen den staatlichen Gebärzwang". Referenten sind: Reichstagsabgeordnetcr Aug. Brey, Genossin Luise Z i e tz, Genosse Dr. S i I b c r st c i n. Ten Genossen und Genossinnen ist aus der Presse be- kanut, welche reaktionären Anschläge von den bürgerlichen Parteien wider den. Geburtenrückgang unternommen sind. Anschläge, die, ivcnn sie glücken, schwere gesundheitliche Gefahren für die Bevölkerung mit sich bringen und sich zudem in der Praxis als arge Ausnahmemaßnahmcn gegen die Minderbemittelten enthüllen werden. Diesen Vorstoß der reaktionären Mächte gilt es durch wuchtigen Protest niederzuschlagen und noch lauter und nach- drücklicher als seither jene Rcformforderungen zu erheben, die als kulturell segensreiche Matznahmen zur sozialen Hebung des Proletariats am wirksamsten dem Geburtenrückgang cnt- gcgcnwirken. Also, auf zum Protest! Ter geschäftsführende Ausschuß. Vierter Wahlkreis. Sonntag, den 1. März, abends VU Uhr, findet im Elysium, Landsberger Allee 40, eine öfient- l i ch e Versammlung statt. Tagesordnung: Vortrag des Reicks- tagsabgeordneten Fritz Zubcil über:„Feinde ringsum". 2. Dis- kussion. Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammen- sein mit Tanz. Steglitz. Heute Freitag, Vpö Uhr abends, findet im Albrcchts- hos, Albrechlstr. In, eine öffentliche Wählerversammlung statt, in der die Genossen Gcmeindeverlreter A tz m a n n und Kandidat Leim- b a ch über:„Die Reaktion im Steglitzer Dorfparlament" sprechen werden. Wilmersdorf. Die Genossen und Genossinnen werden ersucht, sich in der arn Sonntag, den 1. März, mittags 12 Uhr. in Steglitz, Albrechlstr. 1ü, stattfindenden Protestversammlung gegen das Frank- surter Strafkgmmerurteil einzufinden. Am Dienstag, den 3. März, findet von unseren Bezirks- lokalen aus eine Flugblattverbreitung statt. Mariendorf. Die Gcnossinneu und Genossen, welche an der Versammlung am Sonntagvormittag in Sieglitz teilnehmen, treffen sich um 10 Uhr vormittags am Bahnhof Martendorf. Mahlsdoif an der Ostbahn. Am Sonntag, den 1. März, morgens 8 Uhr, allgememe Flugblattverbreitnng. Die Genossen treffen sich im Süden bei Mader. Köpenicker Allee, in der Kolonie bei Lmke, Gruuowstratze. und im Norden bei Anders, Bahnbos- stratze. Während der Wahlzeit am Nachmittag von 2—7 Uhr be- finden sich die Wahlbureaus unterer Partei für den Südbezirt im Restaurant von A. Schulz, Köpenicker Allee 00; für den Norddezir� im Restaurant von Müller, Schlotzbräuquelle, Berliner Str. III. Kandidaten unserer Partei sind: für den Süd- bezirk Roberl Oertel, Kassenbote, für den Nordbezirk August G i e s e, Maurer. Tempclhof. Zu der am Sonntag, den 1. März, in Steglitz im Lokal AlbrcchlShof statlfinvenden Protestversammlung gegen das Urteil im Luxemburg-Prozetz, treffen sich die Genossen'.,11 Uhr am Mariendorfer Bahnhof. Ahrensfelde. Am Sonntag, den 1. März, nachmittags 3 Uhr. im Lokal von I. Schneider, öffentliche Kommunalwählerversammlung. Tagesordnung: 1. Was will der Sozialdemokrat in der Gemeinde- Vertretung? Referent: Stadtverordneter P. Brühl(Lichtenberg). 2. Diskussion. 3. Ausstellung der Kandidaten. öerliner Nachrichten. Gegen die Stadtkämmercrpolitik. Die Stadtverordnetenversammlung unter- »og gestern den Entwurf des neuen Stadt Haushalt- e t a t s einer Generaldebatte, die reichlich vier Stunden dauerte. Nach der' eigenartigen Einführungsrede, mit der in der vorigen Sitzung der Kämmerer Bötz den Etat- entwurf vorgelegt hatte, durfte man sich auf lebhafte Erörte- rungen gefaßt machen. Zu einem Kesseltreiben gegen den Kämmerer, das mancher vielleicht erwartet hatte, kam es nun allerdings nicht. Schließlich hatte Herr Böß doch zu sehr der freisinnigen Mehrheit der Stadtverordneten aus dem Herzen gesprochen, wenn auch seine forsche Attacke im ersten Äugenbl-ck als heftige Anrempeluna der ganzen Stadtver- ordnetenversaminlung und des Magistratskollegiums empfun- den wurde. Tie Tebalte wurde gestern eröffnet vom— Oberbürgermeister Mermuth. Ten Vortritt hatte die Opposition, und sozusagen als Führer der O P P o- sition gegen die Stadlkämmerer Politik trat diesmal der Oberbürgermeister auf l Ein intekessantes Schau- spiel war's, das Stadtoberhaupt in Verteidigungsstellung gegenüber dem Kämmerer zu sehen. Auf gewisse Zeitungen, die den Herzenserguß des Kämmerers mit zustimmenden Aeußcrungcn begleitet hatten, schlug Herr Mermuth los— aber den Kämmerer meinte er. Schuf trat er dem Vorwurf einer Häufung und Ueberstürzung„unwirtschastlicher Millionenprojekte" entgegen. Eine Gemeinde wie Berlin könne nicht handeln nach dem Grundsatz:„Laßt's mich aus mit den« Vorwärtsschreiten, meine Ruh' will ich haben!" Aus der Stadtverordnetenversammlung ergriff als erster der Stadtverordnete Cassel das Wort. Seine Freunde hatten es ihm aus die Seele gebunden, dem braven Stadtkämmerer nur nicht zu wehe zu Inn, und das führte er getreulich aus. Die Sparsamkeitspredigt vom vorigen Tonnerstag hatte Herrn Cassels vollen Beifall. Nur weil so etwas bisher„nicht Brauch war", mißbilligte er die Kritik, durch die der Kämmerer sich in einen offenen Gegensatz zum Magistrat gebracht hatte. Ach, wie vorsichtig verstand Herr Cassel dem Herrn Böß die paar freundschaftlichen Klappse zu verabreichen! Einen ande- ren Ton schlug unser Genosse L e i d an. Fast alle die Projekte, die der Kämmerer als Beispiele einer überstürzt drauflos wirtschaftenden Kommunalpolitik hingestellt hatte, waren ja von langer Hand vorbereitet. Der Kämmerer, den es mit Sorge erfüllt, daß sie nun endlich ausgeführt werden sollen, hat bei anderen, bereits in der Ausführung begriffenen Pro- jekten sich nicht gescheut, die Arbeiten zu hemmen. Die von den einzelnen Verwaltungen für unbedingt nötig gehaltenen Mittel durch kräftige Streichungen zu kürzen, hat er sich eifrig bemüht. Unser Redner führte ein paar geradezu skanda- löse Beispiele hierfür an und hob im Anschluß daran hervor, wie sehr dadurch die Möglichkeit, durch Ausführung von Bauten die Arbeitslosigkeit zu lindern, eingeschränkt wird. Er ging dann über zu einer Betrachtung der einzelnen Verwaltungen und berührte eine Reihe Aufgaben, deren Lösung dringend zu wünschen ist. Zu ihnen gehört auch die Uebernahme der Elektrizität swerke. Mit einem Hin- weis aus die Notwendigkeit dieses wichtigen Schrittes, den Berlin in nächster Zukunft wird tun müssen, schloß Genosse Leid seine eindrucksvolle Rede. Es sprachen sodann noch Stadtverordneter M o m m s e n und Stadtverordneter Rose- n o w, die beide dem Stadtkämmerer sehr viel entschiedener als Herr Cassel den Standpunkt klarmachten. Die Debatte endete mit einem„Notschrei" der H a u s a g r a r i c r, den der Stadtverordnete Landsbcrg beisteuerte. Ter Etatentwurf wurde schließlich dem Ausschuß überwiesen. Vom städtischen Scefischverkauf. Die Markthallen- Deputation hatte sich in ihrer letzten Sitzung mit einem Antrage des FUchhändlervemus zu beschäftigen, den städtischen Seesischverkauf im Frühjahr einzustellen. Die Herren begründeten den Antrag damit, datz der Verein viel besser wie die Stadt die Versorgung mit Seefischen durchführen könne, namentlich sei der Verein in der Lage, bei großen Fängen sofort zu kaufen und die Fische billig auf den Berliner Markt zu bringen. Auch sei dem Verein die Unterstützung der Fi'chereidircktion in Ham- bürg zugesichert. Genosse Hintze als Referent konnte darauf hin- weisen, datz die Versorgung durch die Stadt in den 2'/� Jahren des Bestehens zu keinerlei klagen Veranlassung gegeben und datz die Berliner Einrichtungen von anderen Städten als mustergültig über- nommen seien. Es liege lein Grund vor, den bisherigen zustand zu- gunsten einzelner Händler zu ändern, zumal auch die Fischerei- direktion in Hamburg die Angaben des Vereins als unrichtig be- zeichnet habe. Gerade die Einricktung, datz nur beste und frische Ware zu annehmbaren Preisen unter Aufsicht der Stadt in den Handel gebrockt wird, hat dazu geführt, datz in zahlreichen Familien wöckcnt- lich Seefische auf den Tisch kommen. Die strenge Aufsicht scheint aber einem der Herren des Vereins nicht gut bekommen zu sein und er versucht nun auf Umwegen den Verkauf in seine Hände zu bekommen. Es wurde einmütig beschlossen, den Verlauf in der bis- herigen Weise fortzuführen. An jedem Dienstag und Donnerstag findet der Verkauf von Seefischen, Schollen, Rotzungen usw. in den bekannten Hallen statt. Die Schließung einiger nicht rentierender Detailhallen gab zu längerer Debatte Veranlassung. Festgestellt wurde, datz einige dieser Hallen jährliche Zuschüsse von 30—40 000 M. erfordern. Die Deputation will jedoch erst die Verlegung des GrotzmarkteS nach der Beusselstratze abwarten, um dann erneut die Frage der Schließung einiger Hallen in Erwägung zu ziehen. Polnische Wirtschaft. Die Berliner Stadtsynode hat zahlreichen Berlinern Aufforde- rungen zur Nachzahlung von Steuern aus den Jahren 1iU0 und 1911 zugehen lassen. Darunter befinden sich Zensilen, die ihre Kirchensteuern stets pünktlich bezahlt haben und nun entrüstet sind, datz sie diese Steuern nach vier Jahren nock einmal entrichren sollen. Die Sladtsynode verlangt die Vorlegung der Steueiquittungcn, trotzdem sie doch damit rechnen mutz, datz die Zensilen diese Ouitlungcn nicht ausbcwahrl haben. Nach wie vor erfolgen auch noch zahlreiche Ver- anlagungen solcher Personen, die seil Jahren aus der Kirche aus» geschieden sind. Eilte recht nette Wirtschaft! C'iuc Familientragödie hat sich in der Ruppiner Straße abgespielt. Dort hat der 44 Jahre alte Werkmeister Alfred Wadepuhl seine beiden Stiefkinder, einen Knaben von fünf und cm Mädchen von drei Jahren vergiftet. Das Mädchen ist gestorben. Wadepuhl hatte trotz eines mittleren Einkommens infolge be- sonderer Verhältnisse mit Sckwierigkeiten zu kämpfen. Er wurde von Tag zu Tag nervöser und fürchtete auch noch arbeitsunfähig zu werden. So kam er auf den Gedanken, mit Frau und Kindern aus dem Leben zu scheiden. Am Sonnabend schickte er die Frau zu seinen Eltern in der Uckermark, um den Sohn, der dort seit sieben Wochen zur Erholung war, zurückzuholen. Am Dienstag- nachmittag traf sie mit dem Knaben ein. Zur Ausführung seines Planes blieb Wadepuhl dann nachmittags aus der Fabrik weg. Während die junge Frau abends einholte, mischte er Morphium in die Schokolade, die er aufwärmte und gab sie dann den Kindern zu trinken. Die Kleinen wurden darauf gleich schläfrig und Wadepuhl legte sie selbst ins Bett. Als die Mutter kam. schliefen sie schon. Gestern morgen horte Frau Wadepuhl die Kleinen schwer röcheln. Jetzt gestand ihr der Mann, was er getan hatte und schlug ihr vor, mit ihm zusamnren auch Morphium zu nehmen. Beide aber fanden nicht den rechten Mut zum Selbstmord. Während sie unschlüssig und ratlos dastanden, kam ein Bote von der Fabrik, um zu fragen, weshalb der Werkmeister nicht zum Dienst komme. Als er auf sein Klopfen keine Antwort erhielt, schöpfte er Verdacht und holte einen Sckutzmann. Dieser ließ öffnen. Er fand die Eheleute ganz kopflos im Schlafzimmer der Kinder stehen. Sie gaben ihm kurz an, was vorgegangen war, und der Beamte ließ sofort einen Arzt holen, der für die Ueberführung der Kinder nach dem Krankenhause Moabit sorgte. Das Ehepaar wurde hieraus nach der Wache gebracht. Nach dem ersten Verhör wurde Wadepuhl der Kriminalpolizei am Alexanderplatz zugeführt, seine Frau nach Hause wieder entlassen._ Schwerer Zusammenstoß zweier Straßenbahnwagen. An der Ecke der Alexanderstratze und der Prenzlauer Stratze ereignete sich gestern mittag ein Zusammenstotz zweier Straßen- bahnwagen, bei dem zwei Personen schwer verletzt wur- den. Die Verletzten sind ein Fräulein Luise Gertz aus der Dan» ziger Str. 30 und ein Kaufmann Benno Z e s k e r aus der Heiners- dorfer Stratze in Berlin. Arbciter-BildungSschule. Am Sonntag, den 1. März, erfolgt pänklüchst vormittags lO'/j Uhr die Fortsetzung der von Genossin Dr. Liebknecht geleiteten Führimg durck das Kaiser-Friedrich-Museum. Teilnehmer wollen stck spätestens 10'/� Uhr am Museum(Brücke) einfinden. Mitgliedsbuch dient als Legitimation. Tic kaufmännischen Schulen der Korporation der Kaufmannschaft von Berlin eröffnen ihr Sommersemester am 2. April. Anmeldungen für die vericknedenen Abteilungen der kaufmännischen Sckulcn (Abendschulen iür männlicke Angestellte, den höheren Handelskursus für junge Kauflcute, welcke die Berechtigung zum eiiijährig-frei« willigen Dienst besitzen, für die 6 Tagessackickulen für die obli» garoriichen Scküler, welcke vom städtischen Pflichtschulbesuch befreit sind, für die Fachickule für Lehrlinge des Versicherungsgcwcrbcs, für die drei Handclsmädchensckulen, welcke vom dreijährigen Besuch der städtischen Mädchenpflichiickulen befreien, für die Selekte» der Handelsmädckenickulen und die Fackklassen für Mädchen, die vom Besuch der städtischen Mädchenpflichtichulen befreien) werden in den Schulen während des Unterrickts und im Direktorialbureau in der Börse, Burgslratze 25 II, täglich von 9 bis 3 Uhr entgegen- genommen. Im Berliner Aquarium sind einige seltene Schlangenarten ein- getroffen. Drei davon, die für den Menschen als ungistig bezeichnet werden können, da ihre kleinen Giflzähne ganz hinicn stehen, stammen ans Madagaskar. Eine größere, die R o l s ch w a n z- T r u g» Natter, ist»n Terrarium 7, gegenüber der Zierfischabteilung untergebracht. Einige schön braun und gelblich längsgebänderle Streife ii- Scklan knattern bewohnen zusammen mit einer durch ihre schlitzförmige Pupille sich als Nackltiere leiinzeickiieiiden Tr u g-Würfel natter das Terrarium 13 gegenüber den Bast- lisken. Drei weitere grotze, sehr giftige indische Lette nv ip e ra sind aus rötlich graubrauiienr Grunde, mit scharf abgegrenzten runden; dunklen Flecken geikichliki: sie leben friedlich mir ihren Landslenl4iD den Brillenschlangen, im Terrarium Nr. 18 zusammen. Eine A v i c e n n a- V> p c r. die als Bewohncrin nordairikanischer Dünen sich auch in ihrem Behälter Nr. 11 meist mehr oder weniger voll- ständig in den Sand einwühlt, mit dessen Farbe sie auch ausge« zeichnet übereinstimmt, schenkte kürzlich Herr Oberleutnant Kirchheim. Das Heim des Bundes für Mutterschutz für hilfsbedürftige werdende Mürier, sowie für Mütter mit ihrem Kinde, befindet sich jetzt Wilmersdorf, S i g m a r i n g e n st r a tz e 25 I. Dort ist auck die Z e n t r a l a u s k u n s l S st c l l e, in der von der Oberin täglich von 9—1 und Dienstag und Freitag auch von 7—9 Uhr abends Rat und Auskunft(über Unterkunst, Rechtsschutz, Vcrmilt- lung von Pflegestellen, Arbeitsnachweis usw.) erteilt wird. Außer- dem wird an fylgcnden Stellen ebenfalls Auskunft gegeben: 80.. Mariannenufer 2'(Sprichst. 2—4), N. 87, Schönhauser Allee 164, Frau Lcsbeim(Sprechst. 2—3) Regcnsburgcr Stratze 12, Frau Möller(Spiechst. 10— U'/a), W. 35, Lützowstratze 75, Frau Hoc Witz (Sprechst. 4— 5). Rat und Auskunft uiientgelltich. Brandstiftung in der Dauziger Ttrasic. In der Nacht zum Donnerstag wurde die Feuerwebr nach der Danziger Str. 95 gerufen, wo in dem Zigarrengeichäfl von Volle und in einer an- grenzenden Wohnstube Feuer- ausgebrochen war. Die Flammen konnten von den Mannichasten des 19. Löfchzuges aus der Oder- berger Straße schnell erstickt werden, so datz nur die Wohnstube aus» gebrannt ist. Wie sich nach der Adlösckung zeigte, war das Feuer vorsätzlich angelegt worden. Es wurden nicht weniger als sieben verschiedene Brandherde vorgefunden, die von» einander räumlich vollkommen getrennt waien. Die benachrichtigte Kriminalpolizei stellte noch in der Säacht Ermittelung, n an. Der Besitzer des Zigarreiigcschäsls war beim Ausbruch des Feuers nicht anwesend. Von wem nun eigentl ch die Brandstiftung verübt worden ist, bedarf noch der Aufklärung.— Außerdem hatte die Webr in der vergangenen Nackt längere Zeil in der Wiesenstr. 56/59 zu tun, wo auf einem Lagerhos ein grötzercr Posten KokSasche brannte. Im hiesigen Polizcigcwahrsam verstarb am 16. Februar d. I.. nachmittags gegen 5 Uhr, ein etwa 40 bis 50 Jahre alter Mann. Der Unbekannte, der anscheinend dem Arbcitcrstandc angehörte, war wegen Trunkenheit eingeliefert worden. Er ist 1,65 bis 1,67 Meter groß, hat dunkelblondes Haar, vorne Glatze, dunkel- blonden und graumelierten Vollbart. Bekleidet war er mit einem schwarzen und einem braunen Jackett, schwarzer und brauner Hose, weißem Hemd init schwarzen Streifen, grauen Strümpfen und schwarzen'Schnürschuhen. Nachricht über die Identität erbittet die Kriminalpolizei nach Zimmer 349 III, zu den Akten 633 1V.b514. Auch nimmt jedes Polizeirevier Mitteilungcu entgegen. Vorortnachrichten. Einer, öer uns Moral lehren wollte. Die„Tenipelhofer Zeitung", deren verantwortlicher Re- dakteur und Verleger Hermann W e g n e>- ist, betreibt mit besonderem Efter die Bekämpfung der Sozialdemokratie in Tempelhof und Martendorf. Ans Anlaß der Berwaltungs- streitsache unseres Genossen Ewald gegen die Tempelhofer Gemeindeverwaltung zog die„Tempelhofer Zeitung" wieder ans Grund unwahrer Angaben gegen die Sozialdemokratie los und verstieg sich sogar dazu, unseren Parteigenossen Moral lehren zu wollen. Der„Vorwärts" lehnte es ab, mit dem Redakteur Hermann Wegner über Moral zu diskutieren und sagte, auch eine sachliche Auseinandersetzung mit der Redaktion der„Tempelhofer Zeitung" müsse einst- weilen oBgeleljnt werden, bis Klarheit darüber geschaffen sei, ob der Redakteur Hermann Wegner identisch fei init einem Rechtskonsulenten gleichen Namens, dem im Jahre 1M6 wegen etwa 30, zum Teil schwerer Vorstrafen, die Konzession zur Ausübung der Rechtskonsulententätigkeit entzogen wurde. Hermann Wegner, der sich durch diese Anfrage beleidigt fühlte, hat unscrn verantwortlichen Redakteur, Genossen W i e l e p p, verklagt. Gestern sollte die Klage vor dem Schöffengericht Neukölln verhandelt werden. Der Vorsitzende versuchte vor Eintritt in die Verhandlung einen Vergleich anzubahnen. Doch Wielepp sowie sein V e r° t eidiger, Rechtsanwalt Dr. Heinemann, lehnten jeden Vergleich ab mit der Begründung: Der Kläger, der uns Moral habe lehren, wollen, habe>m Jahre 1909 den Offenbarungscid geleistet, er sei bis 1912 als Prokurist in dem Geschäft seiner Frau(Mariendorfer Verlagsanstalt und Druckerei) tätig geivesen. Dann wurde das Geschäft in eine offene Handelsgesellschaft umgewandelt und der Kläger nebst seinem Sohn als Eigentünier des Geschäfts eingetragen. An demselben Tage wurde die offene Handelsgesellschaft wieder aufgelöst und der Sohn des Klägers blieb alleiniger Geschäfts- inhaber. Dem Kläger sei die Konzession als Rechtskonsulent entzogen worden, weil er etwa 30 Vorstrafen erlitten habe, darunter Betrug im Rückfalle, Urkunden- fälschung, Kuppelei und Wider st and gegen dieStaatsgewalt.— Mit einem Manne, der ein solches Vorleben hinter sich habe, könne der Angeklagte unter keinen Umständen einen Vergleich schließen. Der Anwalt des Klägers bemerkte, es sei Herrn Wegner darum zu tun, daß seine Vorstrafen im„Vorwärts" nicht mehr erwähnt werden. Der Beklagte solle eine dahin- gehende Erklärung abgeben.— Auch das wurde abgelehnt. Wielepp und sein Verteidiger erklärten: Wir gehen keine Verpflichtung dem Kläger gegenüber ein. Hierauf zog der Anwalt des Klägers die Klage bedingungslos zurück. Daß es so oder ähnlich kommen mußte, haben wir voraus- gesehen. Herr Wegner hätte wirklich kliiger getan, wenn er die Klage gar nicht erst erhoben hätte. Noch klüger wäre er allerdings gewesen, wenn er eine an sich erledigte Sache nicht zu Angriffen auf unsere Genossen in Tempelhof und auf den „Vorwärts" ausgenutzt hätte. Die Art, in der dies in seinem Blatte, in der„Mariendorfer Zeitung" geschah, zwang uns zu einer energischen Abwehr um so mehr, als unsere Genossen in Tempelhof und Mariendorf schon des öfteren von diesem Blatte in der unschönsten, von persönlicher Gehässigkeit diksierten Weise heruntergerissen wurden. Wir wollen hoffen, daß wir nicht mehr gezwungen werden, gegen eine gehässige Kampfesweise der„Mariendorfer Zeitung" vorzugehen. Neukölln. Ein gewaltiger Brand kam gestern nachmittag in der Fabrik für Ceresin, Lanolin und Stearin von Graab u. Kranich in der Julius- stratze 10/11 aus. Ans die Meldung Grotzfeuer rückten sofort die beiden Automobillöschzüge der Hauptwache sowie der Löschzug der Wache II zur Brandstelle aus. Schon von weitem war das Feuer an dem hellen Schein und den dicken Rauchwolken erkennbar. Unter Leitung des Branddirektors Posdziech ging die Wehr mit zwei B-Rohren und sechs L-Rohren gegen die Gewalt des FeuerS vor. Nach mehrstündiger angestrengtester Tätigkeit gelang es ihr, den Brand auf den vorgefundenen Herd zu beschränken. Ein ausgedehnter Lagerraum, der mit Putzbaumwolle, Stearin, Wachs und Säcken an« gefüllt war, wurde fast vollständig vernichtet. Die angrenzenden Fabrikgebäude konnten dank der energischen Tätigkeit der Wehr ge schützt werden. Die Entstehungsursache wird auf unvorsichtiges Umgehen mit brennendem Licht zurückgeführt. Sonntag, den 1. März, findet ein gemeinschaftliches Spielen der Kinder statt. Treffpunkt: Hermannstratze, Ecke Grüner Weg, vor- mittags 9 Uhr. Ende 12 Uhr.— Mittwoch, den 4. März: Märchen- Vorlesung bei Bartsch, Hermannstr. 49. Anfang 5 Uhr, Ende ö'/z Uhr. Eintritt frei. Um rege Beteiligung ersucht Der Spielausschuß. Charlottenburg. Schulärztliche Befunde an höhere« Schulen. Außer an den Ge« meindeschulen sind in Charlottenburg auch an den höheren Knaben- und Mädchenschulen Schulärzte angestellt. Auch diese Schulärzte sind sowohl mit der Ueberwachung der gesundheitlichen Ber- Hältnisse der Schulgebäude wie mit der der Schüler betraut. Ihre Untersuchungen haben ebenfalls alle neu eintretenden Schüler inner- halb sechs Wochen nach der Einschulung zu unterziehen, um die- jenigen Schüler zu ermitteln, die einer dauernden ärztlichen Ueber- wachung und einer besonderen Berücksichtigung beim Unterricht be- dürfen. Diese Untersuchungen erstrecken sich auf die Sinnes- und Atmungsorgane, Herz, Wirbelsäule, das Nervensystem und die Haut sowie speziell auf Seh-, Hör- und Sprachfehler. Wie bei den Gemeindeschulen hat auch hier der Schularzt für jeden Schüler einen Gesundheitsschein auszufüllen und findet in jeder Schule monatlich eine ärztliche Sprechstunde statt, in der aber nur eine Untersuchung der einer genaueren Obhut be- dürftigen Schüler, aber keine ärztliche Behandlung stattfindet. Eventuell wird auch eine Untersuchung des Sputum»(Auswurfs) vorgenommen. Bei der Untersuchung von 1119 Schülern der Siemens- Oberrealschule ergab sich, daß die Zahl der herzkranken Schüler— anämische Geräusche, leichte Störungen der Herz- tätigkeit und Pulsunregelmäßigkeit in den verschiedensten Formen— a bis 3,5 Proz. betrug, während unter den Schülern der Gemeinde- schulen nut 1,4 Proz. herzkrank befunden wurden. Diese Er- scheinung wird als eine Folge nicht nur der stärkeren Anforderungen der höheren Schulen an die Schüler und des intensiveren und längeren Unterrichts, sondern auch der U e b e r t r e i b u n g von Leibesübungen bei verschiedenen Sportübungen und der Rekordsucht beim Radfahren, Rennen als Pfad- f i n d e r usw. gehalten und zeigt, daß diese Sportübungen bei un- zulässiger Ausdehnung leicht mehr Schaden als Nutzen bringen können. Schöneberg. Ueber die politische Lage referierte in der letzten Mitglie- dervevsammlung des Wahlvereins Genosse W u s ch i ck. Nach dem mit rcicheni Beifall aufgenommenen Vortrage verwies Genosse Hüter auf die rote Woche. Ehrensache aller Frauen sei es zunächst am Frauentag, der die rote Woche einleitet, teilzunehmen und zu zeigen, daß sie gew'llt seien, in Gemeinschaft mit dem männ- * lichen Proletariat für die Beseitigung unserer wirtschaftlichen und politischen Zustände zu sorgen. Auch dürfe an der am 3. März stattfindenden Flugblattverbreitung keine Genossin fehlen. Die Absicht der Konservativen, der roten Woche eine schwarzweißrote Woche entgegenzusetzen, müsse uns erst recht zur intensivsten Agitationsarbeit anspannen. In ähnlichem Sinne äußerten sich noch die Genossinnen Maurer und Böhm. Marienfelde. Die Gemeindewahl findet in unserem Orte am Freitag, den 6. März statt. Die 3. Klasse wählt von vormittags 19 Uhr bis nachmittags 2 Uhr. Die 2. Klasse von 3 bis 4 Uhr und die 1. Klasse von 411 bis 5 Uhr. Wahllokal ist Nestau- rant Lindenpark, Inhaber Emil Petsch. Wohl selten ist in einer Gemeinde in Groß-Berlin so wenig Rückficht auf die erwerbstätige Bevölkerung genommen wie hier. Der Wahlverein hatte schon vor längerer Zeit beim Gemeindevorsteher beantragt, die Wahl auf einen Sonntag festzusetzen; statt einer zusagenden Antwort erfolgte diese rigorose Zeitfestsetzung. Man scheint es daraus abgesehen zu haben, den auswärts beschäftigten Arbeitern das Wählen zu er- schweren. Pflicht der Arbeiterwähler muß es nun sein, zu verhin- dern, daß die Hoffnungen der Gegner in Erfüllung gehen. Jeder denkende Arbeiter muß sich sagen: Nun erst recht zur Wahl. Der Wahlverein hat wiede- den früheren Vertreter Genossen Fritz Greulich aufgestellt. Die Gegner sind im geheimen schon sehr tätig, aber wie es scheint, noch nichi reckt einig. Es steht noch nicht fest, ob der jetzige Vertreter, Eigentümer Krope oder der Rentier Heidmann kandidieren wird. Am Sonntag, den 1. März, nachmit- tags 3 Uhr, findet auf dem Hofe des Gastwirts Hempel, Berliner Straße 61, eine öffentriche Versammlung statt. Karlshorst. In ciner von der bürgerlichen Mietervereinigung einberufeneii Wählerversammlung langweilte der Gemeindeverlreler Herr Hinze die Anwesenden eine geschlagene Stunde mit den nebensächlichsten Dingen. Bevor in eine Deskussion eingetreten wurde, gab der Vor- sitzende Herr Schäfer bekannt, daß er unter keinen Umständen zulassen würde, wenn etwa Diskussionsredner„programmalischc Reden" zu hallen beabsichngten. Daß die Herren einer erlisten sachlichen Auseinanderietzung aus dem Wege gehen wollten, erhellte aus den Darlegungen des DurchiallSiandidaten Herrn Moralh. Der Herr meinte, daß ein Gemeindeverlreler kein Programm brauche, vielmehr müsse er die Dinge an sich heran- kommen lasten und dann urieilen. Gleichwohl verschmähte er eS nicht, mit einigen Argumenten aus der Küche des Reichsverbandes zu operieren. Am Schlüsse seiner„Rede" sprach er den Wunsch aus, daß es Göll verhüten möge, den Sozialdemokralen den Sieg zukommen zu lassen. Erst durch den nächsten Redner, unseren Genossen Engel, wurde die Debatte auf eine gewisse Höhe gebracht. Leider mutzte es sich der Redner gefallen lassen, von dem Vorsitzenden forigeietzl unterbrochen zu werden. Und als die Anwesenden diese Art der Geschäftsführung durch entrüstete Zurufe geißelten, drohte der Herr mit der gewaltsamen Entfernung. Mit der Geduld des Herrn Schäfer war es vollends zu Ende, als unser Genosse auf die hiesigen Schulverhältnisse zu iprechm kam. Jetzt fuhr der Herr dazwischen und enlzog unserem Genossen das Wort. Charakteristisch für die Zusammensetzung der Versammlung war es, daß sich die Versammelten das Vorgehen ihres Vorsitzenden gefallen ließen. Die Redezeit wurde nunmehr auf 5 Minulen festgesetzt; unseren nachfolgenden Rednern war es somit nicht möglich, den Bürgerlichen in ausreichendem Maße zum Bewußtsein zu bringen, wie sich Sozialdemokralen die Tätigkeit in der Gemeinde denken. Gelächter mußte es erregen, als Herr Schäfer unseren Genossen die Zumutung stellte, sie sollten gleich im ersten Wablgang für ihren Kandidaten stimmen.— Die Vorgänge in der Versammlung zeigen zur Genüge, daß die Arbeilerschast gleich bei der Hauplwahl dem sozialdemokralischen Kandidaten zum Siege verHelsen mutz. ilveihensee. Die Frage deS Ausgleichs der Schullasten war Gegenstand der Verhandlung der letzten Gemeindevertrctersitzung. Der Bür- germeister empfahl die Absenkung einer entsprechenden Petition an den Lendtag. Schon vor zwei Jahren seien die Vertreter mehrerer Gemeinden zusammengetreten, um die Aufgaben des Zweckverbandes auf diesem Gebiete zu erweitern. Der dem Ab- geordnetenhause zugegangene Entlvurf zum Kommunalabgaben- gesetz enthalte keine Bestimmung über den Ausgleich der Schul- lasten, trotzdem die Petenten seinerzeit damit vertröstet wurden. Die industriereichen Vororte litten stark unter den ungeheuren Schullasten; während die westlichen Vororte mit Leichtigkeit die Schullasten aus dem Einkommensteuersoll bestreiken, seien die östlichen und nordöstlichen Vororte dazu nicht in der Lage. Für Weißensee müßte zur Zeit das Einkommensteuersoll verdoppelt werden, um nur die Volksschullasten zu bestreiten. Wenn die be- troffenen Gemeinden energisch ihren Standpunkt vertreten, dann hofft er und mit ihm auch der Schöffe Mowes auf einen Erfolg. Anders dachte hierüber Genosse Taubmann, der betonte, daß der Staat wohl den Schulzwang eingeführt habe, aber die Kosten den Kommunen überlasse. Gerade in den letzten Jahren habe der Staat verschiedentlich die winzigen Zuschüsse noch gekürzt. Die Herren müßten schon längst begriffen haben, daß der Staat für Kulturzwecke herzlich wenig übrig habe. Der einzige Weg wäre den Eingemeindungsgedanken wieder aufzunehmen und die hierin vorgehenden Gemeinden tatkräftig zu unterstützen. Das hiesige Amtsorgan habe allerdings den Eingemeindungsgedanken abfällig kritisiert, jedoch sei das ein falscher Standpunkt. Die propagierte Stadtwerdung befreie uns nicht von den Schullasten, im Ge- genteil würden neue Lasten hinzukommen in Gestalt der Abfin- dungssumme an den Kreis, Polizeilasten usw. Diese Anregungen hatten den Erfolg, daß in der Petition zum Ausdruck gebracht werden soll, daß, wenn der Schullastenausgleich nicht zustande kommen sollte, die Eingemeindungsfrage erneut erwogen wird. Der Bürgermeister hält zurzeit diese Frage noch nicht für spruchreif, da die Regierung von einer Eingemeindung in Berlin nichts wissen will. Daraufhin wurde die Petition einstimmig an- genommen. Mariendorf. Au eine« unliebsame« Austritt zwischen Leidtragenden und dem Totengräber des Kirchengemeindefiiedhofes kam es bei der Beerdi- gung unseres Genossen Löwcnhogen. Als der imposante Leichenzug ohne Störung vor dem Friedhos anlangte und dem Sarge des Ver- storbenen folgen wollte, forderte der Tolengräber die vorderste Reihe der Kranzträger in provozierender Weise auf, die roten Schleifen von den Kränzen zu entfernen; da das dem Herrn anscheinend nicht schnell genug ging, versuchte er die Kranz- träger zurückzudrängen. Die oftmals zur Schau getragene Stimmung dieses Herrn im Kampfe gegen die roten Schleifen ist unseren Genossen aus früheren Vorkommnissen nicht unbekannt, und nur der Ruhe und Besonnenheit der Kranzträger war es immer zu danken, daß die Empörung über das Vorgeben sich nicht auf dem Friedhofe Lust machte. Die Auftraggeber dieses Herrn sind wohl schwerlich niit seinem Vorgehen einverstanden. Unseren Genossen in der Gemeindevertretung erwächst nunmehr die doppelte Pflicht, für die Schaffung eines Gemeindesriedhoss einzutreten, damit solche Auf- tritte bei Leichenbegängnissen vermieden werden. Britz. Neber uusrre Ziele und Aufgaben in der Gemeindevertretung referierte in einer öffentlichen Gemeindewählerversammlung Stadt- verordneter Genosse Conrad. Nach dem Referat erstattete Genosse Prenzlow Bericht von der Gemeindevertretung. Der Redner betonte, daß es unseren fünf Vertretern gelungen sei, einige Forderungen in der Gemeinde durchzusetzen, so z. B. die Bewilligung von 1999 M. für die Arbeitslosen, sowie die Vornahme von Notstandsarbciten in eigener Regie; außerdem seien Anfänge einer Pflichtfortbildungs- schule erreicht, sie weiter auszubauen, würde das Bestreben unserer Genossen sein. Der Errichtung eines Kinderspielplatzes habe die sozial- demokratische Fraktion zugestimmt und daran die Forderung ge- knüpft, daß derselbe auch unseren Kindern zur Verfügung stehe. Zu bemerken sei, daß die Gemeinde einen Platz für Errichtung eines Denkmals bewilligt habe. Unsere Vertreter hatten gefordert, daß der Platz besser für die Schaffung eines Parkes verwendet wer�. Des ferneren erwähnte Redner, daß die sozialdemokratische Fraktion An- hängerin einer Betriebsgemeinickast Neukölln-Briy für die elektrische Licht- und Gasversorgung sei. In der Diskussion sprachen mehrere Versammlungsteilnehmer. Mit einem Appell an die Wähler, am Tage der Wahl ihre Pflicht zu tun, wurde die Versammlung ge- schloffen. Nieder-Schöuhause«. Aus der Gemeindevertretung. Denjenigen Beamten. Lehrern und Lehrerinnen, die nach§ 165 der Reichsverficherung der Kran- kenversicherungspflicht unterliegen würden, soll für den Fall der Erkrankung ein Anspruch auf Krankenhilfe in Höhe und Dauer der Regelleistungen der Krankenkasse oder für die gleiche Zeit auf Gehalt, Ruhegeld oder ähnliche Bezüge im eineinhalbfacken Be- trage des Krankengeldes gewährleistet werden. Für Notstands- arbeiten wurden zur Anlegung eines Fußsteiges in der Franken- stratze weitere 599 M. bewilligt. Infolge der schlechten Finanzen hat der Gemeindevorst md sich auf die Suche nach neuen Steuer- quellen gemacht, es ist nun von ihm eine Filialsteuer vorgeschlagen worden. Diese Steuer würde zirka 7399 M. einbringen; gegen die Stimmen unserer Vertreter gelangte die Vorlage zur An- nähme. Zum Schluß entspann sich eine kleine Wahldebatte. Herr Gebhardt meinte, ihm werde in dem sozialdemokratischen Wahl- flugblatt der Vorwurf gemacht, er habe bei der Arbeitslosenver- sicherungsdebatte den Aasspruch gewachi:„Wenn man den Ar- beitern bares Geld gibt, so setzen sie es doch nur in Alkohol um". Diese Aeußerung habe er bei der Bewilligung von Mitteln für die Suppenküche getan, seine Meinung sei die, daß die Suppe dien- licher sei, als die paar Bettelpfennige. Herr Hermann Kuhlmann wandte sich gegen das Flugblatt, weil darin der Anschein erweckt werde, als ob nur die Herren Sozialdemokraten die richtige Ge- meindepolitik betrieben. Ihm wurde vom Genossen Breitmann treffend heimgeleuchtet. Hierauf folgte eine längere nichtöffent- liche Sitzung. Reinickendorf-West. Am Sonnabend, den 2b. Februar, veranstaltet der Gesang- verein Einigkeit II(M.A.Sög.) sein Wintervergnügen im Lokal von Beyer, Scharnweberstraße 191. Da der genannte Verein sich bei Parteiveranstaltungen stets zur Verfügung stellt, wird die Arbeiterschaft ersucht, die Veranstaltung zu unterstützen. Mahlsdorf an der Ostbahn. Für die bevorstehende Gcmeindevertrcterwahl sind unsere Ge- Nossen in eine rege Agitation eingelrewn. In einer gut besuchten öffentlichen Versammlung hielt Genosse Franz Käming eine gründ- liche Abrechnung mit den bürgerlichen Vertretern der Gemeinde. Er zeigte, daß alle Wohtfahrlseinrichtungen, wie Errichtung einer Aporheke, die Reinigung der Straßen, die Müllabfuhr, die Anstellung einer Gemeindekrankenschwester, die Verbesserung der Schulverhält- nisse in.Süd", sowie die Uebernahme des Fahrgeldes der Schul- linder von„Süd", welche die Schule in.Nord" besuchen müssen, auf Gemeindekosten und endlich die Errichtung eines Begräbnisplatzes mit einer würdigen Leichenhalle lediglich dem Drängen unserer Vertreler zu danken sei. Ein richtiges Bild von der Tätigkeit der bürgerlichen Parteien bekomme man, wenn man sehe, wie Personen, welche den Grundstücksspckulanien als Zutreiber dienten, im Hausbesiyerverein das große Wort führen. Dabei solle man sich einmal die schwindel» haften Anpreisungen an den Schildern längs der Bahn ansehen; da werden baureife Parzellen mit Wasseranschluß, reguliertem Siraßen- land, wie Baugelder für billiges Geld angepriesen. Sobald die kleinen Leute auf solche Anpreisungen eingingen, ihr erspartes Geld noch in Stempel-, Umsatzsteuer- und Notarkosten gesteckt bältcn, sähen sie, daß sie sich noch lange kein eigenes Heim bauen könne». Dann komme der Hausbefitzerverein und spiele sich als Netter der kleinen Leute auf, schimpfe aus den Gemeindevorsteher und die Sozialdemokraten, die das Bauen dadurch erschwerten. daß sie den Anliegern an gepflasterter Slraße eine Mark pro Tausend mehr Steuer abnehmen. Lebhafte Zustimmung lohnte den Redner. In der Diskussion sprach zunächst ein Vertreter des Hausbesitzervereins, Herr Bartsch; er versuchte das Flugblatt mit den Ausführungen des Referenten in Gegensatz zu bringen. Tie Genossen Schumann und Schmidt zeigten, wie jämmerlich die bürger» lichen Vertreter versagten, als es galt, bei der Wabl zum Sckul- vorstand und Schöffen das spärliche Selbstverwaliungsrecht der Gemeinde zu wahren. Zum Schluß forderte der Vorsitzende die Wähler der 3. Abteilung auf, um Sonntag, den 1. März, für die sozialdemokratischen Kandidaten Genossen Aug. G i e s e und Rob Oerrel, sowie in der 2. Abteilung am Sonntag, den 8. März, für die Genossen W o h l g a r t und Wiedemann zu stimmen. Kleitt-Zchönebeck-Fichtenau. Mit unerhörten Mitteln führen diesmal unsere Gegner den Wahlkampf, um unseren Genossen das Mandat der dritten Klasse zu entreißen. Nicht genug damit, daß zirka zwcihuudert sogenannte „Forensen" in die Wählerliste aufgenommen wurden, um die steucr- zahlende Einwohnerschaft vollends ihres durch das elende Dreiklassen- system und Hausbesitzerprivileg schon bis auf das äußerste ver- lümmerlen Wahlrechts zu berauben, arbeiten auch sonst noch unsere Gegner in einer Weise, daß sich ein anständiger Mensch entsetzt davon abwendet. Und wir stehen erst am Beginn des WahlkampieS. Das skandalöseste dabei ist aber, daß nian uns nicht Auge in Auge gegenübcrtritt, sondern in hinterhältiger Weise nach dem Vorbild von Giftmischern das gesteckte Ziel zu er- reichen sucht. Dafür nur ein Beispiel. Durch die Freundlichleit eines gleich uns empörten Forensen waren unsere Genossen in den Besitz eines Rundschreibens gekoinmen, welches die Grundbesitzer- vereine Klcin-Schönebeck-Fichlenau und der Bllrgerverein Fichtenau den Forenien zugesandt hatten, und worin diese ersucht wurden, .keinerlei Vollmachten an Vertreter de» sozialdemokratischen Wahl« lomitees zu erleilen, zumal in der drilten Abteilung ein Mann aufgestellt worden sei, der in keiner Weise besähigt sei, ihre Interessen wahrzunehmen, und der auch ein.prin» zipieller Gegner des Grundbesitzes" ist. Aufklärung darüber solllcn die Forensen in einer am Sonntag stattgefundenen Versammlung erhalten. Begreiflicherweise wollten sich auch unsere Genoffen diese.Enthüllungen" nicht entgehen lassen, sie zeigten sogar ein so lebhaftes Interesse dafür, daß sie bald die groß« Mehrheit der außerordentlich stark besuchten Versammlung bildeten. Ob nun das die Ursache war, daß der Referent, Gemeindeverlreler und Vorsitzender des Grundbesitzervereins Schramm, so unerwartet sachlich blieb, ist ja nicht festzustellen, aber wer.gemeint hätte, ein Wörtchen von diesen.Enthüllungen" zu hören, war im Irrtum, Herr Schramm las den Gemeindeetat vor und bat dann die Erschienenen, mit ihm zu beraten, wie der Gemeinde am besten gedient werden könne. AlS dann unier Genosse Tobias den Stier bei den Hörnern packte und eine Erklärung für die Ver» dächttgungen unseres Kandidaten verlangte, trat etwas Unerwartetes ein. Sämtliche Vorsitzenden der bürgerlichen Vereine bestritten mit Entrüstung, das Rundschreiben losgelassen zu haben, auch Herr Schramm. Erst als unser Genosse ihnen dasselbe unter die Nase hielt, mußte sich Herr Schramm, nachdem er ganz erstaunt hinein« geblickt, als Verfasser desselben bekennen. Eine ungeheure Ent- rüswng, die auch die anwesenden Bürgerlichen ergriff, bemächligl« sich darauf der Versammlung. Nicht ein einziger der Freunde des Herrn Schramm fand sich, dieses Heldenstückchen zu verteidigen. Und als dann die Keulenhiebe unseres Genossen Wasewitz auf den öffentlich Bloßgestellten niederprasselten, als ferner Genosie Mey durch Verlesung unserer Anschreiben an die Forensen und die unserer Gegner die Kampfesweise der letzteren be- leuchtete, da war sich die Versammlung einig, daß unsere Genossen allein mit anständigen, ehrlichen Waffen in den Wahlkamps ein- getreten sind und daß sie schon jetzt den m o r a l i s ch e n S i e g errungen haben. Mit Begeisterung nahm die Versammlung die Nominierung unserer Genossen Max Schweriner für die zweite Klasse und Otto Mey für die dritte Klasse auf. Spiel und Sport. Radfahrer. Arbeiter- Radfahrcrbund„Solidarität-'. Ortsgruppe Berik», Tourenpla« zum Sonntag, de« 1. Mörz. 4. Abt.: RowaweS(Singer). Start: 1 Uhr: Bülowstr. 58. 2., 3., 4. und 9. Abt.; AdlerShos(Wöllstein). Start: 1 Uhr an de» bekannten Stelle«. 9. Wt. jeden 1. und 3. Dienstag im Monat: Pflichttour zu Tehsara, Melchiorstraze 17. j. Abt.: Glienicke o. d. Nordbahn. Start: 1 Uhr Petersburger Straße, Elyfium. 6. Abt.: Waidmannslust(SchweizcrhSuschen). Start: 1 Uhr Oder- bcrger Straße 28. V.Abt.: Heiligensee und HeUtgenseer Schweiz. Start: 1 Uhr Schul- straße 29. 8. Abt.: Waansee lFürstenhof). Start: 1 Uhr NW, Levetzowstraße (Kleinert). Neukölln. Sonnlag, den 1. März: Anfahrt Zchlendors(Mick). Start: 1 Uhr Jdealpassage. Schöneberg. Sonntag, den 1. März: Fintenkrug. Start: 1 Uhr bei Obst. Lichtenberg. Tour wird am Start bekanntgegeben, l. Wteilung Start: 12'/, Uhr Psarrstr. 71. Pankow-Niederschönhausen. Unterbezirkstour nach Schön- Walde. Start: 1 Uhr Pankow, Marltplah. Gäste willkommen. Bernau. Untcrbezirkstour nach Schönwalde bei Schulz. Start: 1 Uhr(Temler) Wallftr. 2. Ober-Schöncweide. Sonntag, den 1. März: UntcrbczirMag in Schöneiche(Mann). Start 12'/, Uhr, Restaurat Th. Schüffler, Siemen-- straße 28.— Bei schlechtem Wetter: 1 Ubr ab eadowa per Bahn nach Lricdrichshagcn, dann mit der Benzolbahn nach Schönciche. Motorfahrer! Die Motorradsabrcr-Abteilung tagt jeden erilen Donnerstag im Moant tn Siegels Festläie. Große Franlsurter Straße 30. Wilmersdorf. Anfahrtstour: Sonntag, den 1. März, mittags 1 Uhr. nach Treptow(Schneidercit), ilöpenicker Landstraße, Am Treptower Park 69, Konkordia-Säle. Anschließend Besuch der Sternwarte. Start: 1 Ubr Wilmcrsdors. Lauenburger Straße 21, bei Schilling. 2lrbciter-Radfahrcrvercin tstroii-Bcrlin. Sonntag, den 1. März, Nachmittags'2 Uhr, nach Johannisthal bei Krüger, Fried richar. 10. Turner. Sonnabend, 28. Februar, 13. Männer-Abteilung: Oeffentlichcs Turnen in der Turnhalle Görliper Straße öl. 8— 10 Uhr. Turnverein„Fichte", 8. Mönner-Abt. Am Sonntag. den I.März, folgende Tour: Potsdam— A!t-GcUow— Petzow— Ferch— Michendorf. Tressvuntt: 6.30 Uhr Potsdamer Bahnhos. Sonntag, den 1. März: 2. Männer-Abteilung. Partie nach Tegel— Lieiligensec— Hennigsdors— Velten. Treffpunkt: 7'/, Uhr Schlesischer Bahnhof. Tie Freie Turnerschaft Wilmersdorf kann den Turnbetrieb in der renovierten städtiswer Turnballe, Berliner straße 10, in der nächsten Woche wieder ausnehmen. Gäste jederzeit willkommen I Die Dameuabt. turnt Montags und Donnerstags, die Mönnerabt. Dienstags und Freitags von 8— 10 Ubr abends. Für die Damenabt. ist der erste Turnabend der L. März, jür die Männerabt. der 3. März. Fußball. Märkische Spielvereinigung. Bez. Groß-Bcrlin. Am kommenden Sonntag finden folgende Spiele statt: Fichte XVII gegen Weißenlee in Reinickendorf, Thuner straße lSchäfeifee) Rummelsbura gegen Fichte III in Lichtenberg, Trislweg; Südstern gegen NcuhellaS auf dem Tempclbofcr Feld i Fichte XI i gegen V. f. B. in Weißcnsee, Nennbabnitraße; Viktoria gegen Libeickas in Tempelhos, Friedrich-Karl-Straße; Charlottcnburg gegen Schöneberg in Charlottenburg, Rüsternallee; Allemania gegen Fichte XI in FriedrichShagen, Gcmeinesportplatz.— Spielbeginn'/,! Uhr. Hockey. Fichte III gegen Fichte X nachmittags Wanderer. 3 Uhr Turnplatz Treptow. Teutfcher Arbeiter- Wanderbund„Tie Naturfreunde". Orts- gruppe Berlin. Am Sonntag, den 1. März, findet w den PharuS- Sälen, Dlüllerstr. 112, ein g roßcr Lichtbildervortrag statt. Eintritt 30 Pf. Näheres im Inserat am Sonntag. Ortsgrupbe Neukölln. Heute Freitag abend bei ikrämer, Weichiclstr. 31: Mitgliederversammlung. Zahlreiches Erscheinen ist der wichtigen Tagesordnung wegen notwendig.— Sonntag, den 1. März: Tour nach Bernau, Lanke, Hellsee, Rüdnitz. Abfahrt Bahnbof Neukölln 6.38 Uhr, Stettiner Bahnhos 7.3l Ubr. Ortsgruppe Steglitz. Tour nach Potsdam, Krampnitz, Sakrower See, Wannsce. Abfahrt Bahnhos Steglitz vormittags 7.13 Uhr, Potsdamer Vorortbahnhos vormittags 7.53. Gäste willkommen. Arbeiter- Wanderverein„Berlin". Sonntag, den 1. März: Wanderfahrt nach Strausberg, Bötzsee, Fängersee, Gielsdorser Müdle, Keiselsec, Gamcngrund, Hirschseide, Werneuchen. Abfahrt 7.19 Uhr Schles. Bahnhof. Weglänge zirka 23 KUometer. Gäste willkommen. Arbeiter-Toüristenverein„Tie Naturfreundes. OrtSgruppeBerlin. (Mitgl. d. Zentr.-Komm. für Sport u. Körperpflege). Sonntag, den 1. März, Wanderungen: 1. Finkenkrug, Bneselang, Krämer, Vellen. Abfahrt Lehrter Haups- bahnhos nach Finkenkrug 6.28 Uhr. 2. Zeuthen, Wernsdorf, Steinfurth, Erkner. Abfahrt nach Zeuthen Görlitzer Bahnhof 7.10 Uhr. 3. Ludwigssclde, Beuthen, Michendorf. Abfahrt nach Ludwigsseide Anhalter Bahnhos 6.15 Uhr. 1. Heule Freitag, abends 8'/, Uhr: Sitzung der geologischen Abteilung im Be lincr Klubhause, Ohmstr. 2.\ Gäste willkommen. Schwimmer. Schwimmverein„Vorwärts" Berlin 1897 veranstaltet durch die Abteilungen Bärwaldftraße und Kottbuser Damm am kommenden Sonn- tag. den 1. März, in der städtischen Volksbadeanstall Bärwoldilraße sein diesjähriges erstes Abteilungsschwimmsest. Herren-, Damen-, Jugend- und Springkonkurrenzen kommen zum Austrag, außerdem werden Wasserball- svicle und Neigen ausgesührt. Beginn des Festes um 3 Uhr. Der Eintritt heirügt 50 Pj. Die Nachfeier im großen Saale des Gcwerkschastshauses, Engelufcr 15. * Arbeiter-Samariterbund, Kreis Brandenburg. Lehrabend haben in dieser Woche(Beginn 8'/, Uhr): Am Sonntag, den 1. März, vormittags von 11—1 Uhr: Frauen- sührung durch das Pathologische Institut. Berlin. 1. Abt. Montag, dm 1. März, bei Haverland, Neue Friedrich- straße 35. Neukölln. Am Freitag, den 6. März, Weichselstr. 6(Jdealpassage). Spandau. Mittwoch, den 4. März, bei Danneberg, PichelSdorier Straße 5. Mariendorf. Mittwoch, den 1. März, bei Hennig, Tempelhof, Manteuficlstr. 15. N o w a w e s. Dienstag, den 3. März, in der Fortbildungsschule. Ober-Schöneweide. Montag, den 2. März, bei Schulz, Siemensstraße 12. Alt-Glienlcke. Dienstag, den 3. März, bei Bahr, Köpenicker Straße 15. FriedrichShagen. Donnerstag, den 5. März, Friedrichstraße 60, 2. Hof. WilhclmSrah. Montag, den 2. März, bei Hirsch, Reinickendorf, Residcnzstr. 6. Arbeiter-Samariterbund, Kolonne Grost-Berlin. Heute abend pllnlllich 8'/, Uhr, im Restaurant Haverland, Neue Friedrichstraße 35: Außerordentliche Generalversammlung. Lehrabende: Montag, de» 2. März, 6. Abteilung, Reue Friedrich- straße 35 im Restaurant Haverland. Donnerstag, den 1. März, 7. Abteilung, Charlottenburg, Rofinenftr. 3 im BolkShaufe. Sitzungstage der Stadt- und Gemeindevertretungen. FriedrichShagen. Heute Freitag, 27, Februar, nachmittags 5 Uhr, im Rathause, Fricdrichftr. 87. Zeuthen. Heute Frellag, den 27. Februar, nachmittag» 5'/, Uhr, im Gcmeindehaufe: Etatsbcratung. Diese Sitzungen find öffentlich. Jeder GcmeindeangchSrige ist be- rechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Jugendveranstaltnnge». Pankow-Niederschönhausen. Heute Freitag, abends 8 Uhr, im Jugendheim, dritter Vortrag über:„Deutsche Geschichte".— Sonntag, den 1. März: Spielen im Freien auf dem Spielplatz bei Reuß, Niederichön- hausen. Platanenstvaße(Ecke Kaiserweg). Treffpunkt 1'/, Uhr Pankow, Kirche. Wcitzensee. Am Sonntag, den 1. März, in der Gememdeturn- und Festhallc, PisloriuSstraße: Großer Lichtbildervortrag.Die sranzösische rcmdenlcgio»". Vortragender E. Rosemann-Berlin. Enttee 21 Pf. wsseneröfinvng 6 Uhr, Ansang 7 Uhr. Billetts auch an der Kasse. Wir bitten alle vrolctarichen Eltern, auch deren erwachsene Söhne und Töchter, an diesem interessanten und lehrreiche» Wend sich recht zahlreich zu beteiligen. Wilmersdorf. Am Montag, den 2. März, abends 8'/, Uhr, spricht im Jugendheim, Mannheimer Str. 51, Herr Hardt- München übert „Proletarische Jugendbewegung im Auslande". Sriefkaften üer Neüaktion. M. G. ZK. In solchem Falle hastet niemand. Die Empsängniszeit rechnet vom 181. bis 302. Tage vor der Geburt zurückgerechnet.— Jo. 1. 1. Kündigung nur bis zum 15. mit Wirkung zum darausiolgenden Ersten zuläsfig. 2. u. 3. Ja.— G B., Buchstr. I. 1. u. 2. Nein.— I. B. 100. Für die beiden Tage lönnten Sie alsdann noch Lohn beanspruchen. - Sadlow 9911. Jährlich 166,60 M.— O. H. 20. Ja.— G. B. 39. H upitelegraphenamt, Französischestraße, Ecke Oberwallstraßc.— F. 109. Sie sind für die Kosten hastbar.— C. E. 100- Der Vor- mund berechtigt, dir Klage bei dem jür den Wohnsitz des Beklagten zuständigen Amtsgericht zu erheben.— A. N. 12. Das ist zulässig, es dars jedoch kein Lärm nach Außen dringen. — Li. N. 11. 1. Nein, sosern nicht der Gcsellschastsvertrag etwas anderes bestimmt. 2. Mittwochs und Sonntags, im Winter von 3—5 Uhr, im Sommer von 1—6 Uhr.— A. St., Postamt 52. Da nach Ihrer Angabe ein Jahr bereits verstrichen ist, haben Sie keinen Anspruch mehr.— C. S. 09(69). 1. Ja. 2. Mindestens 1000.— G. R. 88. Zur Be- zablung der Prämie sind Sie verpflichtet.— P. W. 22. 1. Ja, salls jetzt ein Sohl, dient. 2. Antrag bei der Ortsbehörde.— S. 20. 1. Wir halten den Standpunkt der Versicherungsgesellschast sür falsch. Eine Klage erscheint durchführbar. 2. Liberales Organ.— P. R. 100. Emen bestimmten Anwalt empfehlen wir grundsätzlich nicht.— F. R. 14. 1. Mit Ende Kalenderjahr 1913 hört die Steuerpslicht aus. 2. 3000 M. sür die Session. 3. 15 M.— P. F. 1. 1.— 4. u. 6. Diesbezügliche Auskunst erhalten Sie in einem der Auswandererbureaus, Unter den Linden. 5. Mindestens 3 Monate, salls nuldernde Umstände zugebilligt werden. Witterungöüberiicht vom 2K. Februar 1914. CtiXflOSlOD s si 1£' if »=4 || g-(Stirn s? si Swinemde. Hamburg Berlin Franks. a.M München Wien 76l!OSO 76lO 760 O 759NO 757MW 2 wolkig 3 Schnee 2bedcckt 3 bedeckt Mebei »ö i? M« -1 — 1 — 0 2 1 CtotUrnen davaranda761 Petersburg 770 759 758 761 Scilly Aberdeen Paris i'lä »f N Still SW S Still (BeUtt wölken! Dunst wolkig heiter bedeckt ii Ii —19 -13 8 4 2 Wetterprognose für Freitag, de» 27. Februar 1914. Ein wenig wärmer, ziemlich ttübe und nebelig bei mäßigen östiichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. WafierstandS-Nacbrichte« der Landesanstall sür Gewässertunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburea» Wasserstand Memel, Tilfit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Rattbor , Krassen , Frankiurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Bordamm Elbe, Leitmeri; , Dresden , Barbg , Magdeburg am 25.2. om 381») 171-) 217 351 193 186 171 110 66 123 68') 288 231 seit 21. 2. om') —38 —26 +5 —17 4-7 4-6 4-12 4-4 —2 —82 -f-oS +18 +23 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandaus , Rathenow') Spree, Spremberg') , Beestow Weser, Münden. , Minden Rhein, Maximiliansau , Kaub , Köln Neckar. Heilbron» Main, Hanau Mosel, Trier am 25.2. cm 256 91 76 110 127 328 396 430 335 486 158 327 328 seit 21.2. ora') —2 0 4-5 +10 +1 +12 4-6 4-4 —12 —16 — 1 —15 —49 >i+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) llnterpegel.—■) Gründels treibe«. —') Eisgang. Maassen R. M. G.m.b.H. 4 RekSame-Tage 4 Zur Einführung der reuen Ausstichware Edel-Margarine Kostüme an«; marineblauen und Phantasie-Stoffen, schicke Verarbeitung, neueste Fassons Kostüme nach Maß aus prima Stoffen und Zutaten in exakter Ausführung 68°° 8200 9500 Kostüm ans Kammgarn- Cheviot, prima_ Verarbeitung.9mm Vollmiuselin- f 50 I Wollpopelinc-£25 I Paillelteseiden- Q7S I Eolienner 4 1175 BIom.. M,'} j Bluse... M. 0| Bluse.., M.V{ Bluse.. M.iU Einsegnungs- und Priifungs-Kleider 14=° ig» 25,# ZS" Verlangen Sie kostenlos unser neues Modenblatt. Sonntags von 12— 2 Uhr geöffnet. GOLD staatsmedaiiie allerfeinster Eflbutter- Ersatz veranstalten wir in den Tagen von Staatsmedaille Sonnflieilll, den 28. FeBrunr ms IMlM, den 4. 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Deutsches Sünstlcr- Theater. Schirm und Gertraude. Deutsches Opernhaus. Mandragola. Neues Operutheater(Kroll). Vaterland.» Kammeripiele. Der Snob. Soniggräner Strahe. Die süns Frankfurter. Komödienhaus. Kammermusik. Theater au der Weidendammer Brücke. Wer zuletzt lacht. Theater am Nollendorsplah. Prinzeß Greil. Lnstspielhaus. Die spanische Fliege. Schiller O. Andreas voser. Schiller«harlottenburg. Das Glück im Winkel. Theater des Westens. Polenblut. Montis Operetten. Iung-England. Berliner. Wie eins! im Mm. Steines. Icttchen Gebert. Trianou. Geschlossen. Tbalia. Die Tangoprinzcssin. Residenz. Hoheit— der Franz. Friedrich- Wilhelmstadtisches. Fräulein Trallala. Rose. Die Maschinenbauer von Berlin. Kasino. Die olle Webern. .Herrnfeld. Die von oben und unten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Apollo. Hartstein, der Stolz der 3. Kompagnie. Aniang 8'/. Ubr. Luisen. Das erste Ehejahr. Walhalla. Tangosieber. Folies Gaprice. Cass Pingsheim. Der Heiralsgras. Vleycrstcins. Zlniang 8'/, Ubr. Neues BolkSthcatcr. Der Kaiser- jäger. Aniang 9 Ubr. Ndmiralspalast. Die lustige Puppe. Berliner Gispalast. Eissport. GincsNollendors-Theater.Larietö- Lichtspiele. � Sternwarte. Jnvalidenstr. 57— 62 Theater a.d. Weidendammerbrücke 8 Uhr: Wer zuleüt lacht.. ZedilleF-7hesleF0.Uea7er! Freitag, abends 8 Uhr: _ Andreas Hof er. Sonnabend, abends 8 Ubr: Das OlUck im Winkel. Sonntag, nachmittags 3 Ubr: (■eschäft ist Gesohüft. Sonntag, abends 8 Uhr: Flachsmann als Erzieher. SebilleF-TlieateF ChbrCn" Freitag, abends 8 Uhr: Das Glück im Winkel. Sonnabend, nachmittags S'/s Uhr: Die Stützen der(iesellschaft. Sonnabend, abends 8 Ubr: Die Haschinenbancr. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Andreas Huf er. Sonntag, abends 8 Uhr: Die iHaschincnbauer. Theater inilerKßiiigsiitzEr Straße 8 Uhr: Die fünf fniiilifnrtfr. Komödienhaus. 8 Uhr.„KawMtMllfiK". 8 Uhr. BeFlineF TheateF. Abends 8 Uhr: Wie einst im Mai. Msehes Künstlertheater Sozietät. Nürnberger Straße 70/7). am Zoo. Kasse; Nollendorf 1333. Sonnabend, 3'/, Uhr: Zum 25. Male: Feterehens Hondfahrt. Sonnabend, 8 Uhr: Cafard. Sonntag, 3 Ubr: I8chirln und Gertraude. Sonntag, 8 Uhr: Calard. Theater des Westens. s uhr: Poienblist. Sonnt. Nm. 3'/, U.: Der liebe Augustin. Theatsp atn Nolleiidorfplätz S. s uhr: Prinzeß Oretl. Morgen 4 Uhr: Die Schiffbrüchigen. !OSE=THEATEj Graste Frantiurier Str. 132. Die Maschinenbauer von Berliu. Slnsang 8 Uhr. Sonnabend und Sonntag: Die Hasohinenbauer von Berlin. Sonnabend 4 Uhr: Schneewittchen. Sonnlag 3 Uhr: Lenore,_ Reiehshallen-TiiealeF Stettiner Sänger ZinifflEr Ko. 13. Urkomische Burleske. Ansang 8 Uhr. Nächsten Sonntag nachm. 3 Uhr zu ermäst. Preisen: „Bosco". Friedr.-Wilhelmst. Theater. Ansang 8 Uhr. Fräulein Trallala. Sonntag 3 Uhr: Die Kine-Kenigi». 8 Uhr Residenz-Theaterui. Hoheit— der Fron;! Musikalische Groteske in 3 Akten von Artur Landsberger und Willi Wolff. Musik von Robert Winterberg. Morgen u. s.Tage: Hoheit- der Franz! V ol« t- Theater Badstraste 58. Freitag, den 27. Februar 1914: Romeo und Julia. Traucrsp. in 3 Alt. v. W. Shakespeare. Kaffencröffn. 7 Uhr.?lnf. 8'/. Ubr. Voranz. Montag, 2. März, Benefiz tnr l.iss> Feters: Er u. seine Schwester. Trianon-Theater. Heute Freitag geschlossen! äonnabend Uhr: Zum 1. Male: Er nnd der Andere. URANIA Tauhenstraße 48/49. 8 Ulir: Hauptmann Koch, Kopenhagen: Die dänischs Durchquerung Nordgrönlands 1912/13. Folies Caprice. ,/ Cafe Pingsheim §/,| Der Heiratsgraf ( Mcj ersteln» Casinos Theater Lothringer Itrastc 37. Täglich 8 Uhr Ein neues Berliner Bolksftück: Die olle Webern. Ur-Berl. Figuren, Ur-Borl. Humor! Einziges Theater in diesem Genre! Im Stile der alten Wallner-Bühne. Sonnt. 4 Uhr: Hädehcnehre. Vereinigte Kerliner Volksbühnen. Euisen-Theater. Walhalla-Theater. S1/. Uhr: Letzte Abendausführung: Täglich 81/. Ubr: Tangoflcber. Das erste Ehejahr. Gr. Posse m. Gel. u. Tanz in 3 Akten Schausp. in 5 Akt. v. Ernst Rilterscldt. I oon E. Urban. Musil v. Hugo Hirsch. Zrsuerei 7rieSrieKskAin iSonntag, den 1. Härz 19X4 Anfang 5 Uhr: Jubiläumsfeier des bei. Festwirts Schorsch Ehrengruber. Das gr. bayr. Bockbierfest 4 Kapellen— Jubiläumsgeschenke etc. etc. Ausschneiden! Vorzeiger dieses Inserats hat nur 30 Pf. statt 50 Pf. Entree zu zahlen. Jt»Clou« MaiiPrctraflo— 2 :: Berliner Konzerthaus Mauerstrafle 82— ZimmerstraBe 90/91. Cxrroßes Konzert! des Mtinncr-Gesangvereins..Glocke".(Gegründet 1873). Dirigent Hugo C'reutzbnrg, unter Mitwirkung des Musikkorps des t. Garde-Dragoner-Regiments. Dirig. Oberm. Baarz und Tegernseer und HKillcrthaler, Dirig. Hans Starp. Anfang S Uhr. Eintritt SO PI. Anfang 8 Uhr. Karton im Vorverkauf a 40 Pf. im„Clou" und den mit Plakaten belegten Handlungen. Arnold 8cholz. Heue Welt. Hasenheide 108/114. Heute Freitag, den 27. Februar, abends 71/2 Uhr: Gr. Elite- Vorstellnng. U. a.: Taplatado österr. Vollbluthengst, in der hohen Schule geritten von Dir. Alb. Schumann. Therese Kenz, dressierte Elefanten und Ponys. Original Eittle Freds Akrobat, u. kunstreit. Hunde. Kn-Ha-Di— Goldmephisto u. d. übrig, neuen Attraktionen. Das gr. Ausstattungsst. i. 7 Bildern „Tipp" der Derby-Eavorit 1014. IMIIWIB I— B———i Zirkus Busch. Heute Freitag, den 27. Februar, abends?>/, Uhr: Humoristischer Gala-Abend. U. a.: Ed. Wniiks Wunderhunde sowie Die Eessems in ihrem alrobatischen Sketch „Artistenkinder". Zum S ch I u st: „pompSJi". Orig. Ausstattmigs-Pantomime des ZirkuS Busch in 5 glänz. Akten. Vorletzter Tag! Metropol-Theater. Abends präzise 7 Uhr 55: Die Reise um die Erde in 40 Tagen. Madge Lessing nnd Fred Wright Grock u. Lole Komisches Musik-Duo Perezoff- Truppe Jongleurszene „Un souper chez Maxim" und die von Publikum und Presse glänzend beurteilten Eebruar- Attraktionen! — Kauchen gestattet!— Apollo-Theater. asr- Tel.: LOtzow 2757.-q» 8Uhr. Zum 67� Maie: 8 Uhr. Der Gtolz d. 3. Hornpagaie mit i'ßanistviu. Lache» ohne Pause!"M Ranchcn gestattet! Admiralspalast. Eis-Arena. ger Täglich;-»Q Ais lustige?uppe. Großes Ballett auf dem Eise. Bis 6 Uhr und von lO"/, Uhr ab halbe Kassonpreiso. Wein- u. Bier- Abteilung. steht fest! Kein Zirkus- Gastspiel erregte jemals gröliere Bewunderung, bei Presse und Publikum, als das Gastspiel der Zirkus ZM- Täglich:-ML in den bayerisch. Alpen. Bockbierfest Wunderbare Alpendekoration. Rudi Winklers beliebte Bayern- Kapelle. Hadamc Sisi m. ihrem Oberlandler Blasorchester. Die urfldelen Keferloher. Dienstag, Hittwoch, Elite- Tage. 30 Anfang 7 Ehr. Donnerstag: bayerische Hadl. 6 Kapellen. Entree 30 Pf. Die wilden Schau. Premiere in Weißensee An der 1'arUstraße Ecke Pistoriusswaße Feuerfresser 1 Sonnabend, in ihren fanatischen Martern. Mister Rappo. der Ausbrecherkönig, E'nf esselbar! Gebend!"tK Ohne ExtFa-EntFee. 28. Februar, abends S1/. Ghr. Der Zlrkns ist gut geheizt. Das Beste zum Einweichen der Wäsche sowie zum Putzen, Scheuem und Spülen. Altbewährt und unerreicht! _ HENKEL& Co., Düsseldorf. �Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für de? Lnferatenteil verantw.: TH. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:VorwärtSBuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul SinLer St Co. Berlin SW, Hi. 57. 31. Illhrgavs. 3. Minze des Joritärts" Mite Freitag. 27. Februar 1914. Reichstag. 222. Sitzung. Donnerstag, den 26. Februar 1814, nachmittags 1 Uhr. Am Tische de? Bundesrats: Wackerzapp. Die zweite Beratung des Etats für öas Neichseisenbahnamt wird fortgesetzt. Abg. Stolle(Soz.): Im vorigen Jahre stellte der Präsident des Reichseisenbahnamts in Aussicht, daß eine Verständigung über Vereinheitlichung der Eisenbahneinrichtungen im Güterv er kehr zwischen den Eisen- bahnverwaltungen erfolgen werde. Ich frage ihn nun beute, ob ihm etwas über eine solche Verständigung bekannt geworden ist und was? Gestern hat er nur gesagt, es hätten Kon- ferenzen staltgefunden. Da ist wohl die Frage be- rechtigt, welchen Erfolg diese Konferenzen gehabt haben? Eine Verbindung vom Königreich Sachsen nach der U n t e r w e s e r ist von allen beteiligten Handelskammern wieder- holt gefordert worden, aber noch immer ist diese Forderung nicht erfüllt. Da wäre es Pflicht des Reichseisenbahnamts endlich ein- zugreifen. Wenn wir das verlangen, beweisen wir gerade, daß wir die Bedeutung des Reichseisenbahnamts nicht unterschätzen.— Wie weit ist serner dem Wagenmangel abgeholfen worden? 190S waren nur 486 666 Güterwagen vorhanden, von denen allein 266 666 für die Kohlenbcförderung gebraucht werden. In England laufen mehr Güterwagen, trotzdem die Länge der gesamten Eisen- bahnstreckcn dort bedeutend geringer ist. Gestützt auf die Verfassung sollte auch hier das Reichseisenbahnamt als übergeordnete Behörde endlich Wandel schaffen und die Eisenbahnverwaltungen zwingen, mehr Wagen anzuschaffen. Sonst könnten die Großkapitalisten das Reich verantwortlich macheu für den Schaden, der ihnen aus dem chronischen Wagenmangel entsteht. In Frank- reich ist die Berechtigung eines solchen Anspruchs bereits anerkannt worden.— Unsere Betriebssicherheit hat der Präsident des Reichs- eisenbahnamts gestern als besonders gut hingestellt. Dabei hat sich neulich in einem Prozeß in Elberfeld herausgestellt, daß preußische Eisenbahnbeamle bei der Abnabme von Lieferungen in der Weise betrogen worden sind, daß von ihnen als unbrauchbar zurück- gewiesenes Material doch mit dem Stempel versehen geliefert wurde. Die ganze bürgerliche Presse hat diese Dinge totgeschwiegen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Durch schlechtes Material erklärt sich offenbar auch so manches Eisenbohnunglück. DaS Unglück am Harrastunnel ist durch falsche Sparsamkeit verursacht worden, weil man einen Sicherheits- Posten, der früher dort war, eingezogen hat. Die beste Gewähr für die Betriebssicherheit ist die Gewissenhaftigkeit und Dienst- freudigkeit der Beamten. Diese wird aber nicht gehoben, wenn es vorkommt, daß jüngere Leute in höhere Stellen einrücken auf Kosten älterer Beamten, die länger als zwanzig Jahre gedient haben. So werden vielfach Zugführer, die von der Pike auf gedient haben, zurückgesetzt hinter Militäranwärtern.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Ich hoffe, das Reichöeisenbahnamt wird den Mut haben, hier init kräftiger Hand zuzufaffen. Den Kohlenmagnaten werden nach Holland billige Ausfuhrtarife gewährt, sodaß nicht einmal die Betriebskosten gedeckt werden. Deutschland aber muß die t e u e r st e n K o h l e n p r e i s e be- zahlen!— Gegenüber dem Abg. S ch w a b a ch kann ich nur noch- mals betonen, daß wir uns der Interessen der Eisenbahner sowohl hier im Reichstag wie im bayerischen und sächsischen Landrag stets auf das energischste angenommen haben.— Redner geht schließlich auf den sächsisch-preutzischen Eisenbahnkrieg ein und fordert auch hier ein kräftiges Eingreifen des Reichseisenbahn- amtS.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. List(natl.): Abg. S ch w a b a ch hat gestern nur gesagt, daß sich die Sozial- demokratie den Bestrebungen der Eisenbahner auf Festlegung ihrer Rechts- und Arbeitsverhältnisse feindlich gegenüberstelle. Der Gedanke einer Reichseisenbahngemeinschaft macht immer mehr Schule, er wird in der Presse und literarischen Werkeu häufiger erörtert. Der Staatsbahnwagenverband hat sich gut bewährt. Eine Denk- fchrift über seine Wirkungen im einzelnen wäre aber doch sehr wert- voll. Noch steht es bei uns sehr mangelhaft mit der Einheit- lichkeit im deutschen Eisenbahnwesen. Vor allem sollten Umleitungen im Güterverkehr nicht zugelassen werden. DaS hat auch der württembergische Landtag gefordert, der im übrigen eine Betriebsmittelgemeinschaft empfiehlt. Besonders benachteiligt ist Sachsen durch Umleitungen im Personen- und Güterverkehr.— Zweifellos ist, daß die Ausnutzung der Wagen und des Lokomolivparks viel besser ist, je größer das einheitlich ver- waltete Gebiet ist. An die Möglichkeit der Schaffung von Reichs- eisenbahnen glaube ich nicht. Preußen wird sein Finanzrückgrat nicht aufgeben wollen. Daß beste wäre vielleicht, die außerpreußisch« hessischen Bahnen für das Reich zu erwerben und sie gemeinsam mit den elsaß-lothringischen als Reichseisenbahnen dem preußisch-hessischen Eisenbahnnetz als gleichberechtigten Faktor an die Seite zu stellen. Hier ist ein Feld, die nationale Ge- sinnung praktisch zu betätigen und dem Reichßgedanken zum Siege zu verhelfen.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Siebenbürger(k.): ES ist notwendig, daß die Schweine vor dem Verladen gut ge- füttert und getränkt werden. Wer das Wesen eines fetten Schweines kennt(Heiterkeit), weiß, daß die Schweine dann ohne Schädigung deS Fleisches vom Osten nach dem Westen transportiert werden können. Die jetzige Bestimmung, daß die Schweine unter- wegs gefüttert werden müffen, wenn sie länger als 24 Stunden unterwegs sind, bedeutet eine Roheit für die Tiere. Abg. Dr. Pfeiffer(Z.) wünscht dringend die Einführung von Schlafwagen dritter Klasse) wenigstens einen Versuch sollte man damit machen. Abg. Koch(Vp.) wünscht die Beseitigung des gefährlichen Tunnels bei Ei Sieben durch eine andere Führung der Linie; im Falle einer Mobilmachung könnte ein Unglück in diesem Tunnel zu einer verhängnisvollen Sperrung der militärisch sehr wichtigen Linie Halle— Kassel führen. Abg. Dr. Arendt(Rp.) schließt sich dem Vorredner an. Abg. Fischer-Hannover(Soz.): Von Reichseisenbahnen ist bei den bürgerlichen Parteien heute gar nicht mehr die Rede. Wir werden alio noch manchen Kampf auszuführen haben, bis dieses große Verkehrssnstitut R e i ch s f a ch e ist. Aber auch jetzt könnte das Reichseisenbahnamt. wenn es nicht nur bittend käme, sondern seinen Einfluß ernstlich geltend machte, manche Reformen durchsetzen. Zunächst ist das Reisen bei uns zu teuer. In der Schweiz und in Belgien reist man billiger. Die Rentabilität würde unter einer Verbilligung der Personentarife nicht leiden, es würde mehr gereist werden. In- Deutschland scheint man statt an eine Verbilligung, sogar an eine Verteuerung der TariD zu denken. 1666 hat man die Fahrkartensteuer eingeführt, und jetzt heißt es. daß man die Steuer für die erste und zweite Klasse herab- setzen und sie auch für die vierte Klasse einführen will. Dagegen muß entschieden Verwahrung eingelegt werden.— Ein weiterer Wunsch bezieht sich auf die A r b e i t e r f a h r k a r t e n, die nur bis zu Entfernungen von 1ö Kilometern ausgestellt werden. Diese Grenze müßte erweitert werden(Zustimmung bei den Soz.). Auch müßten die Wagen, in denen die Arbeiter befördert werden, bessere Einrichtungen erhalten, zum mindesten müßte für Sitz- gelegenheit gesorgt werden.— Daß die Wagen 4. Klasse modernen Anforderungen nicht entsprechen, darüber besteht kein Zweifel; läßt man diese Klasse aber bestehen, so müßte man auch bei ihnen Nichtraucherabteile einführen und sie auch in Eil- züge einstellen. Freilich ist die 4. Wagenklasse überhaupt keine Beförderung für Menschen.(Zustimmung bei den Sozial- demokraten), sie müßte ganz beseitigt werden, und ebenso die e r st e Klasse, die nur eine Belastung der Bahn darstellen. Die Ueber- schüffe der Eisenbahnen verdankt man den Reisenden dritter und vierler Klasse. Aber auf diese Reisenden nimmt man die ge- ringste Rücksicht.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die günstigsten Schnellzüge führen meist keine Wagen ö. Klasse. Abg. Schirmer(Z.): Der Abg. v., V o l l m a r hat sich stets gegen Reichseisenbahnen ausgesprochen; er erblickte darin genau wie wir die Gefahr einer Verpreußung der Eisenbahnen. Bemerken möchte ich noch, daß die Arbeiterverhältnisse auf den bayerischen Bahnen bessere sind als auf den übrigen Bahnen Deutschlands.(Sehr richtig! im Zentrum.) Abg. Zimmermann(natl.) wendet sich gegen die Fehmarn-Linie, an der vielleicht Westdeulsch- land und Westeuropa ein Interesse haben, nicht aber Ost-, West- und Mitteldeutschland, diese sind mit den jetzigen Verbindungen nach Kopenhagen zufrieden. Präsident Wackerzapp: Auf die meisten der erwähnten Dinge bin ich gestern bereits eingegangen.— Zwischen Leipzig und Bremen besteht bereits eine günstige Tag- und Nachtverbindung. Daher begreife ich die Eni- rüftung des Herrn Abg. Stolle nicht. Auch seine Befürchtungen in bezug auf die Größe des Wagenparks treffen nicht zu. Im letzten Jahre hat der Wagenpark den Bedürfnissen bis auf ein Manko von 6,66 Proz. genügt. Im übrigen ist eine Vermehrung um 6 Proz. in ÄuSsicht genommen. Der Unfall im Harras- tunnel ist wohl auf höhere Gewalt zurückzuführen. Es wird aber. geprüft werden, ob die vorgenommenen vorschriftsmäßigen Untersuchungen des Tunnels richtig ausgeführt worden sind.— Daß Preußen sich Sachsen gegenüber illoyal ver- hält, muß ich bestreiten. Daß die schnelleren Züge von Breslau nach Basel über Preußen gehen, liegt an den größeren Gelände- schwierigkeiten in Sachsen. Den Antrag auf Einführung der vierten Klasse in Eil- und Schnellzügen hat der preußische Eisenbahnminister mit Recht wiederholt abgelehnt, weil dann diese Züge an jeder kleinen Station halten müßten, was ihrem Wesen wider- sprechen würde.— Ein ganz befriedigender Zustand wtrd im deutschen Eisenbahnwesen nicht so leicht zu erreichen sein. Aber man sollte sich durch die geringen Mängel den Blick nicht nehmen lassen für die wirklich in großem Maße erzielten Vorteile. Nach meiner Meinung ist das deutsche Eisenbahnwesen gesund und in kräftiger Fortentwickelung. Abg. Dr. Oertel(k.): DaS deutsche Eisenbahnwesen kann sich gewiß vor dem In- und Auslande sehen lassen. Die Klagen und Wünsche Sachsens habe auch ich jahrelang vorgetragen. Allerdings habe ich nie behauptet, daß Preußen illoyal vorgegangen wäre, dessen ist Preußen nicht fähig.(Oho I und Gelächter links.) Doch hat Preußen einen etwas ausgeprägten Egoismus. Im übrigen hat gerade der sächsische BundesratSbevollmächtigte in solchen Fällen immer behauptet, Preußen fei Sachsen immer besonders liebenswürdig entgegen- gekommen. Das Rauchverbot in den Speisewagen in Preußen widerspricht entschieden dem Artikel 42 der Reichsverfassung(Große Heiterkeit), der eine einheitliche Gestaltung des Eisenbahnwesens verlangt. Wir verlangen diese Einheitlichkeit im Sinne Bayerns, wo dies Rauchverbot nicht besteht. Ein Schlußantrag wird angenommen. Der Etat wird bewilligt. Es folgt der Etat der Verwaltung der Reichseisenbahnen. Abg. Fuchs(Soz.): Die Personalunion des Chefs der preußischen Eisenbahnen und der Reichseisenbahnen könnte segensreich wirken, wenn der Chef der ReichScisenbahnen sich nicht zu sehr von partikularistisch- preußischem Geiste leiten ließe, worunter die allgemeinen Verkehrsintereffen und die speziellen elsaß-lothringischen Wünsche zu kurz kommen. Der Staat, aus dem die ganzen Einnahmen der Reichseisenbahnen fließen, hat unerklärlicherweise auf die Verwaltung der sogenannten Reichseisenbahnen nicht den geringsten Einfluß. Das ist ein unhaltbarer Zustand.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Die Ueberschüsse der Reichseisenbahnen sollten dem Lande zugute kommen.— Eine Reihe äußerst rückständiger Privatbahnen in den Rcichslanden müßten längst angekauft sein. Auch der Ausbau des Klein- bahnnetzes ist noch sehr mangelhaft. Redner führt einzelne Strecken, speziell auch aus seinem Wahlkreise an. Der Frage der Saar- und Mosel-Kanalisterung setzt der Chef der Reichseisenbahn- Verwaltung ebenfalls einen zähen, einer besieren Sache würdigen Widerstand entgegen. Ein wichtiges Kullurwerk ist der Ausbau der Verbindung Basel— Straßburg, worüber uns eine ausführliche Denkschrift zugegangen ist. Der Minister hat sich auf den Boden des viergleisigen Ausbaues gestellt. Wichtig ist jedenfalls eine Entlastung deS Riedes eventuell durch eine Reihe Stich- und Nebenbahnen. Bei Vergebung der Arbeiten sollten nach Möglichkeik einheimische Firmen zugelasien werden und es müssen die zwischen Unternehmern und Arbeitern am Ort abgeschlossenen Tarife anerkannt werden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das ist beim Bau der Nordbahn in Mül- Hausen, der an eine Berliner Firma vergeben wurde, nicht ge- scheben, was die bekannten Tumulte zur Folge hatte. Auch in der Frage der F r e i f a h r k a r t e n der eliässischcn Landlagsabgeordneten aus den Reichsbahnen zeigt der Minister echt preußischen Geist. Er hat die Forderung>n junkerlich-schneidiger, um nicht zu sagen schnoddriger Weise ganz kurz abgelehnt.(Präsident K a e m p f ruft den Redner zur Ordnung.) Gründe für seine brüske Ablehnung hat der Minister nicht angeführt.— In der Frage der Erfüllung von A r b e i t e r w ü n s ch e n sind nur sehr geringe Forlschritte zu verzeichnen. Die gesetzliche Regelung der Dienst- und Ruhezeilen wird abgelehnt, da»kein Bedürfnis dafür vorhanden sei." Diese brüske Ablehnung erfolgt trotz des immer wieder geäußerten Wunsches des Reichstags alljährlich mit denselben Worten. Dabei sind die Löhne, z. B. der Weichensteller und Bahnwärter, ganz un- zureichend. Auch die Lokomotivführer haben in den letzten Jahren nichts Nennenswertes erhalten. Sehr schlecht sind auch die Heizer gestellt, die sogar vielfach Lokomotivführerdienste zu verrichten haben. Um den zahlreichen Beamtenwünschen entgegenzukommen, sollte die Verwaltung sich endlich zur Einsetzung von Belimtenausschüssen entschließen. Die Beamten der Reichseisenbahnen fordern auch in der Besoldung und im Ruhegehalt den Beamten der Post gleich- gestellt zu werden.— Den Wünschen der Arbeiter kom'mt der Minister nicht entgegen. Die Dienstzeit von 8 Stunden ist nicht ein- geführt worden, immer noch wird die Verkürzung der Arbeitszeit von 16 auf 9 Stunden für unmöglich erklärt, stellenweise ist sie sogar auf 16Vz Stunden ausgedehnt worden. In klein- sicher Weise wird die Vj siündige Essenspause von der Arbeitszeit abgerechnet. In der Arbeitsfrage kommt der Minister auch den bescheidensten Wünschen nicht entgegen, so daß die Arbeiter bei den badischen und würltembergischen Bahnen sich besser stehen als bei den reichsländischen.— Die Löhne sind ja im Durchschnitt etwas aufgebessert worden, das erkennen ivir an; aber die Auf« besserung entspricht keineswegs der Steigerung aller Lebensbedürfnisse, und in Baden und Württemberg sind die Löhne höher. Manche Arbeitergruppen erhalten ganz un- zureichende Löhne, so die Rottenarbeiter, die im Durchschnitt nur 3,36 M. erhalten. Auch die Güterlader erhalten ganz unzureichende Löhne; bei ihnen herrscht auch noch das Präaniensy ftem, durch das die Arbeitszeit bis auf dreizehn Stunden ausgedehnt wird. Auch die Maschinen- und Wagenputzer haben das Recht, für Ib'/Mndige Arbeitszeit so viel zu verlangen, wie die Werkstättenarbeiter in neun Stunden. In der Dienstordnung für die Rottenarbeiter wird b e- sondere Vorsicht gegenüber Anträgen auf Lohnerhöhung anempfohlen, da solche Forderungen leicht um sich greifen— gerade als ob von einer ansteckenden Krankheit die Rede ist.— Trotz der gesteigerten Verkehrsverhältnisse hat sich die Zahl der Werkstättenarbeiter nicht vermehrt, sondern vermindert. Die Zahl der Ueberstunden ist etwas � gesunken; aber daraus folgt im Zusammenhang mit der Verminderung der Arbeiter« zahl, daß die Ausbeutung des einzelnen, die Intensität seiner An- spammng größer geworden ist. Hierzu führt namentlich der Zeitakkordlohn, für den der Zeitlohn eingeführt werden müßte.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Sehr umständlich ist auch die Einteilung der Arbeiter, die in 43 verfchiedene Betriebsarten und in 81 v e r s ch i e d e n e L o h n« klaffen zerfallen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten). Die Herren der Verwaltung sollten den Wünschen der Arbeiter, die in den Arbeiterausschüssen geäußert werden, mehr entgegen- kommen. Es geschieht dies nur bei nebensächlichen Bagatellen, aber die Wünsche der Arbeiter inbezug auf Lohn, Arbeitszeit und gesundheitliche Verhältnisse bleiben unberücksichtigt. Verlangt muß auch werden, daß man den Arbeiteransschüssen das Jnverbindung« treten zu gemeinschaftlichem Vorgehen und die Schaffung eines Ze'ntralarbeiterausfchusfeS gestattet. Inbezug auf die Pensionskasse fordern die Arbeiter, daß die Pensionierung schon mit 66 Jahren, und zwar ohne Rücksicht auf die Gesundheit eintrete. Das Koalitionsrecht verlangen wir für die Staats. arbeiter ebenso wie für die Arbeiter in Privatbetrieben, die Staats« arbeiter haben dieselben Interessen wie die in privaten Betrieben. Die Notwendigkeit eines besonderen Staatsarbeiterrechts können wir deshalb nicht einsehen. Sie(zu den Liberalen) fordern es vielleicht, weil den Arbeitern auch heute das Koalitionsrecht durch brutale Verwaltungsmaßregeln genommen wird. Aber ein Staatsarbeiterrecht, dem Delbrück und Breitenbach zu« stimmten, würde den Arbeitern nur neue Fesseln bringen. Präsident Kaempf untersagt die Ausdrücke.brutal" und„widerrechtlich" in bezug auf die Reichseisenbahnverwaltung.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Abg. Fuchs: Ich werde mich den Wünschen deS Präsidenten nach M ö g« lichkeit fügen.(Große Heiterkeit.) Das unwürdige S ch n ü f f e l» f y st e m sollte doch endlich von der Verwaltung aufgegeben werden. Man will keine.Streikverbände"— aber gegen das Koalitionsrecht der Aerzte und den streikenden Leipziger Aerzteverband hat die Re« gierung nichts einzuwenden.(Sehr wahr! bei den Soz.) Welcher Staatsarbeiter würde sich in einen Streik begeben, da er doch weiß, daß seine Existenz auf dem Spiele steht. Durch vernünftiges Ent- gegenkommen könnte die Verwaltung die Streikgefahr ganz be? leitigen. Statt dessen aber schreibt man den Arbeitern vor, welchen Koalinonen sie angehören dürfen; daß man sie zwingt, den freien Gewerkschaften fernzubleiben, ist eine glatte Rechts« Widrigkeit(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten), die zu bekämpfen wir niemals aushören werden.(Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Schwabach(natl.) bespricht die Finanzlage der Reichseisenbahnen, die sich infolge deS engen Verhältnisses zu den preußisch-hessischen Eisenbahnen günstig gestaltet hätten. Die Beweise des Abg. Fuchs, denen ich im einzelnen nicht habe folgen können, für die Verhältnisse der Werk- stättenarbeiter schienen mir nicht schlüssig. Die Lage der Arbeiter hat sich gebessert. Die neue L o h n o r d n u n g hat den Eisenbahnern wesentliche Vorteile gebracht. Eine Ueberanstrengung des Personals muß schon in Rücksicht auf die Sicherheit des Betriebes vermieden werden. Bei den Gütertarifen sollte man den Wünschen von Industrie und Handel je nach den lokalen Bedürfnissen entgegenkommen. � Eine allgemeine Herabsetzung der Gütertarife würden wir für gefährlich halten, einer Erhöhung der Tarife aber können wir nur ein pnnoipiis obsta entgegensetzen. Solange die preußischen Bahnen solche Ueberschüsse erzielen, kann davon keine Rede sein.(Bravo! bei den Nationallibcralen.) Präsident Kaempf ruft nachträglich den Abg. Fuchs zur Ordnung für den Vor« wurf der„glatten Rechtsverletzung" gegenüber der Verwaltung der Reichseisenbahnen. Minister v. Breitenbach: Der Abg. Fuchs hat die Personalunion der preußischen und elsässischen Bahnen lebhaft bedauert, er schien es für besser zu halten, wenn die elässischen Bahnen Landesbahnen wären. Damit hat er sich in unheilbaren Widerspruch mit der grundsätzlichen Forde- rung seiner Partei nach Reichsbahnen gesetzt.(Heiterkeit.) Im übrigen hat gerade der jetzige Zustand für Elsaß-Lothringen eminente Vorteile gebracht. Außer Baden hat kein Land in Deutschland ein so dichtes Eisenbahnnetz wie Elsaß (Hört! hört!); in keinem Bundesstaat wird ferner ein so geringer Verdienst pro Kilometer erzielt.(Hört! hört!) Wenn auch nicht bei der Verwaltung, so wird doch bei der Ge« staltung der Verkehrsverhältnisse das Land mit seinen Wünschen be- rücksichtigt. Der Ueberschuß der Reichseisenbahnen, den Abg. FuchS auf 56 Millionen berechnete, ist nur ein Rohüberschuß, ein wrrk« lieber Ueberschuß ist nur in wenigen Jahren besonderer Hoch- konjunktur erzielt worden. Der Beitrag des Landes zu den Kosten des Ausbaus der elsässischen Bahnen ist äußerst gering.— Die Vergebung der Aufträge nur an einheimische Firmen ist undurch- fühlbar und unvereinbar mit dem Grundsatz, daß das Reich wirtschaftlich ein E i n h e i t s g e b i e t ist. Dazu komMt. daß die elsässische Industrie Riesenaufträge von anderen Elsen- bahnverwaltungen erhält. Die Forderung liegt also auch nichl im Landesinteresse.— Die Firma, die die Arbeiten in Mül- Hausen ausführte, hat durchaus anständige Löhne gezahlt. Sie hat sich dem dortigen Tarifverlrage nicht unierworw)., weil sie darin nicht milgewirkl hatte und die tariflichen Löhne außerordentlich hohe waren. Die Reichseisenbahnverwaltung hatte kein Recht, auf den Unternehmer einen Druck auszuüben.— Der Abg. Fuchs hat dann ein Mosaik von Wünschen vorgetragen. Beamtenausschüsfe halte ich nach wie vor in unserer Verwaltung nicht für angebracht; diese Frage ist für mein Ressort erledigt. DaS Verhältnis zwischen Beamten und Verwaltung ist ein so vertrauensvolles, daß eine solche VermittelungSstelle nicht notwendig ist.(Bravo! rechts.)— Protestieren muß ich dagegen, daß die Lohnerhöhungen nur unter dem Drucke der sozialdemo- lralischen Forderungen erfolgt seien. Die Eisenbahnverwaltung als größler Arbeitgeber ist stets bestrebt gewesen, die LohnverhäUaiffe er Arbeiter fortgesetzt unter Anpassung au die Löhne, dso in ndel und Industrie und in der Landwirtschaft gezahlt werden, zu n.bessern. Vorangehen kann eine Staatsverwaltung in dieser Be» ■chmig nicht; die Staatseisenbahnarbeiter befinden sich ohnehin in ..vorzugter Stelle. 18 Proz. der Staatseisenbahnarbeiter ' llen ISIS über ö M. Lohn. sHört! hörtl rechts.) Das Akkord- nshstem würde von den Arbeitern, wenn sie unbeeinslusit itimmeiu.würden, zweifellos gutgeheißen toerden. Das Recht der .reinigung rauben wir unseren Beamten und Arbeitern durchaus tit, klangen aber, daß sie nicht sozialdemokratischen e rein en und solchen angehören, die den Streik provozieren. ' ni einem Schnüffelsysiem gegenüber anderen Vereinen kann keine .'Ze sein. Wir verlangen nur, daß in den Versammlungen nicht .gen die Verwaltung gehetzt wird.(Bravo! rechts.) Das Haus vertagt die Weiterberatung auf Freitag 1 llhr ) niktlich. lVorher: Anfragen.) Schluß C?U Uhr._ Mgeorönetenhaus. 36. Sitzung. Donnerstag, den 26. Februar 1914, v ormittags 10 Uhr. Am Ministertifch: v. Breitenbach. Der Dauetat. Zum Kapitel«Einnahmen der Bauverwaltung"(Verkehrsabgaben) spricht Abg. v. Schuckmann(k.): Die Mosel- und Saarkanalisierung lehnen wir in 'Übereinstimmung mit der Regierung ab. Abg. Dr. Röchling hat ni Zweck der Schiffahrtsabgaben verkannt, wenn er sie als eine .mmung des Verkehrs betrachtete; sie sollen vielmehr zum Ausbau er künstlichen Wasierstraßen beitragen. Dieser Ausbau kann nur im sammenhang mit dem Ausbau der Eisenbahnen vorgenommen werden.(Beifall rechts.) Abg. Graf Moltke(fk.): Einseitige Interessen einzelner Landesteile dürsten beim Bau üon Kanälen nicht den Ausschlag geben. Minister v. Breitenbach: Die großen Interessen Rheinland-Westfalens dürfen in der Frage der Mosel- und Saarkanalisierung nicht übersehen werden. Die Abgg. Tourneau(Z.) und Dr. Wendlandt(natl.) fordern Schiffbarmachung der Werra, um auf diese Weise schließlich eine Verbindung Weser-Donau herzustellen. Abg. Dr. Wendlandt wendet �U.danii gegen die Monopolbestrebungen der großen Lektrizitätsfirmen, weist darauf hin, daß diese bereits 31 Proz. der ulungen im Besitz haben und fragt, ob die Regierung hiergegen r orgehen wolle, z. B. durch Einführung der Konzessionspflicht. Ein Regieruugskommissar st-gt Prüfung zu. Abg. Haseuclever(natl.) bespricht Tariffragen, über die die Regierung falsch unterrichtet sei. Ein Schlußantrag wird angenommen. Abg. Hue(Soz.) 'onstatiert, daß ihm hierdurch das Wort abgeschnitten wird, obgleich : im den anderen Parteien zwei, ja sogar drei Redner gesprochen oben, von den Sozialdemokraten noch gar keiner.(Hört! hört! l.nks.) Die allgemeine Besprechung des Bauetats findet beim Titel . Ministergehalt" statt. Die Besprechung des Berliner Opernhaus- baueS wird zurückgestellt. Abg. Gerlach(Z.) verbreitet sich über die Frage der Berücksichtigung künstlerischer ' deen im öffentlichen Bauwesen und bespricht dann Fischerei- ragen. Die Hochseefischereihäfen müssen ausgebaut werden. Die gegenwärtigen Bestimmungen der Gewerbeordnung betreffend das Baumeisteraesetz reichen nicht aus, den Titel„Baumeister" vor Miß- brauch zu schützen. Die Weichsel muß ausgebaut werden, der Off- 'anal ist nötig. Stillstand wäre Rückschritt, darum: Semper avanti! Immer vorwärts!")(Beifall im Zentrum.) Abg. Wohlfarth(natl.) wünscht eine Beschleunigung der Mainkanalisation. Der Ausbau der Wasierstraßen sollte stärker gefördert werden. Die Tarife für die Frachten sind zu hoch; dadurch ist es uns, trotz deS Schutzzolles, iast unmöglich, die Konkurrenz des Auslandes zu bestehen. M i t Recht fordern die Arbeiter auf dem Magdeburger Werk höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit, um den Arbeitern in der übrigen Industrie gleichgestellt zu werden. Dem Wohlwollen des Ministers empfehle ich die Architekten, damit sich der Fall an- läßlich des Preisausschreibens des Botschasterpalais in Washington nicht wiederhole, wo der Bau des Palais hinterrücks einem Archi- »ekten übertragen wurde, der sich an dem Wettbewerb nicht be- reiligt hatte. Das war eine herausfordernde Beleidi- g u n g gegenüber den Bewerbern. Die Anstellungsverhältnisse der Regierungsbaumeister sind sehr ungünstig.(Beifall bei den National- liberalen.) Minister v. Breitenbach: Auf die Washingtoner Frage kann ich nicht eingehen. Für das Wohl der Fischereibevölkerung an der Ostsee wird gesorgt werden. Auf die Anregung, ausländische Arbeiter mehr als bisher bei den Tiefbauarbeiten zu beschäftigen, kann ich nicht näher ein- gehen, da sie nicht in mein Ressort gehört. Ich werde gemeinsam mit dem Minister deS Innern die Grundsätze feststellen, die den ausländischen Arbeitern gegenüber zur Anwendung kommen. Es ist Sache der Gewerbeordnung, das Recht auf Führung des Bau- Meistertitels zu bestimmen. Abg. Dr. v. Woyna(fk.) bespricht in zustimmender Weise einen nationalliberalcn Antrag, der die Regierung ersucht, mit Bremen über den Staatsvertrag vom 31. Mai 1904 hinsichtlich der Regulierung der Wesermündung in Unterhandlung zu treten, damit die unerträglichen Folgen, die dieser Pertrag durch unklare Vorverhandlungen namentlich für die Stadt Lehe gehabt hat, noch für das laufende Jahr vermieden werden. Bremen hat den Vertrag nicht loyal gehandhabt. Als größter Bau- Herr in Preußen soll der Minister für öffentliche Arbeiten durch schnelle Ausführung der öffentlichen Bauten für eine Milderung der Krise auf dem Baumarkt Sorge tragen. Bei den Arbeiten der Strombauverwaltung sollten keine Arbeiter vom Staate der Landwirtschaft entzogen werden. Für die Tiefbau- arbeiten find ausländische Arbeiter heranzuziehen, um das Tiefbaugewerbe zu heben. Die Einführung des Wasiersttatzengesetzes muß durch geeignete Maßnahmen vorbereitet werden. Abg. Lippmann-Stetiin(Vp.): Auch wir treten für den Schutz des Baumeistertitels ein. Die Heranziehung ausländischer Arbeiter für die Tiefbauten lehnen wir entschieden ab; das würde eine Herabdrückung der Lebens- Haltung der deutschen Arbeiterschaft zur Folge haben. Es ist dem Minister der Vorschlag gemacht worden, nicht gediente Leute nicht einzustellen, um der Landwirtschaft keine Arbeitskräfte zu ent- ziehen. Auch diesem Vorschlag treten wir als einer�unzulässigen Beschränkung des Rechts auf Freizügigkeit entgegen. Schwere Vor- würfe muß man gegen den Hamburgischen Staat machen, der unsere Seefischerei durch eine nicht zu rechtfertigende Konkurrenz bekämpfte.-- Ter Küstenschutz ist eine prinzipielle Aufgabe des Staates. Abg. Paul Hoffmann(Soz.): Hunderttausende Arbeiter sind in der staatliche» Bauberwaltung beschäftigt. Wie steht es da mit dem« r b e i t e r s ch u tz? Ueber 14 000 schwere und über 1300 tödliche Unfälle find in einem Jahr vorgekommen.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Die gesamten Unfallzahlen gehen ja in die Hunderttausende, ja in die Millionen und aus diesen erschreckenden Zahlen spricht furchtbares Elend. Es ist nötig, auch Berufskrankheiten, die zu frühem Siechtum führen, als Unfälle anzuerkennen und zu ent- schädigen, damit sie nicht der Armenpflege zur Last fallen. Be- sonders viele Unfälle kominen auf das B ä u g e w e r b e, es muß endlich den Forderungen der Bauarbeiterorganisationen- und schütz- kommissionen Rechnung getragen werden. Der Minister bat selbst zugegeben, daß die Kontrolle nicht ausreicht, warum stellt man dann nicht Arbeiter auch im Auffichtsdienst ein? Besonders gefährdet sind die Tiefbau- und Abbruchsarbeiter; für sie muß etwas ge- schehen. Die Bauarbeiterschutzkommissionen haben darüber er- schreckendes Material gesammelt, so über das Fehlen von Unfall- verhntungsvorschriften, über mangelhafte Gerüste, über das Arbeiten ohne jeden Schutz, über Trinkwassermangel, keine oder schlechte Ab- orte usw. Selbst auf staatlichen Bauten fehlt es vielfach an den notwendigsten Schutzmaßregeln, ich nenne nur den einen Fall in T h o r n, wo auf dem Bau der Artilleriekaserne die Dachdecker ohne jeden Schutz arbeiteten und alle Beschwerden selbst der BerufSgenossenschast erst nach drei Monaten Erfolg hatten! In dem letzten Erlaß des Ministers sind ja eine Reihe von Arbeiterforde- rungen berücksichtigt, aber die kgl. Bauverwaltungen tragen dem Verbot des offenen Koksfeuers nicht Rechnung, so z. B. beim Bau des Bibliolheksgebäudes in Berlin, das man nach zehn« jähriger Arbeit überhastet fertigstellen will. Dort sind Arbeiter an den Koksgasen erkrankt und erst eine Anzeige ans, Polizeipräsidium schuf Abhilfe. Wir haben nichts gegen die Beschäftigung ausländischer Ar- beiter, wenn sie ebenso bezahlt werden wie Inländer, aber bei der jetzigen schlechten Konjunktur müßten doch vor allem In- l ä n d e r beschäftigt werden.(Sehr wahr! links.) Die deutschen organisierten Bauarbeiter haben es sich ein mächtiges Stück Geld kosten lassen, auf der Leipziger Baufachausstellung im Hause der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands einen modernen Bau vorzuführen. Die Bauarbeiter erkennen an, daß der Schutz verbessert wurde, sie fordern aber strenge Ueberwachung, Bestrafung der Uebertretungen und Heranziehung praktisch geschulter Bauarbeiter zum Aufsichtsdiensi. Hier, wo es sich nicht um Parteipolitik handelt, sondern um den Schutz unzähliger arbeitender Mitbürger, sollte das ganze Haus so einig sein, wie bei der Hilfsaktton für die durch die Sturmflut Geschädigten. Wir erwarten eine entgegenkommende Erklärung des Ministers.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Minister v. Breiteobach freut sich über die Anerkennung des Vorredners für die Förderung des Bauarbeiterschutzes durch die Regierung. Es ist auch gelungen, die Unfallzahlen herabzudrücken— mehr wie in Bayern, obwohl dort Arbeiterkontrolleure tätig sind.(Hört! hört! rechts.) Gewiß müssen die Schutzvorschriften stets überwacht werden. Die Bauten- kontrolle ist von Jahr zu Jahr intensiver geworden. Ich bitte, alle Mißstände zur Kennfiiis der Behörden zu bringen, die einschreiten werden, wie es sich für eine preußische Behörde von selbst ver- steht.(Beifall.) Das Haus vertagt sich. Freitag 11 Uhr: Kleine Vorlagen, Weiterberatung. Schluß 4 Uhr._ parlamentarisches. Der Kampf um die Sonntagsruhe. Die SonntagSruhekommifston des Reichstages verhandelte am Donnerstag ausschließlich über die A r b e i t S st u n d e n, die nach der von der bürgerlichen Mehrheit beschlossenen Trennung der Orte in solche mit über und solche unter 75 000 Einwohner den letzteren zugebilligt werden sollen. In der Debatte wurde vom Regierung?- Vertreter erklärt, daß in den letzten Tagen zahlreiche Vorstellungen und Eingaben, namentlich seitens der Bürgermeister größerer Orte, eingelaufen seien, nach denen man eine starke Benachteiligung der Geschäfte in Orten mit über 75 000 Einwohnern und völliger Sonntagsruhe durch die kleineren umliegenden Orte mit erlaubter Sonntagsruhe fürchtet. Die Regierung teile diese Bedenken sowie das andere, daß das in den größeren Städten von der Sonntags- arbeit besteite Personal in den benachbarten kleineren als Hilfskraft zur Sonntagsarbeit herangezogen werde. Die Abstimmung wurde ausgesetzt, um eine Klärung durch Aussprechen in den Fraktionen zu ermöglichen. Die von der Regierung versprochene Zusammen st ellung der Ortsstatute über die Sonntagsruhe ist endlich eingetroffen. Sie besitzt aber das Material von 1908 und� soll auf sozialdemo- kratischen Antrag bis in die neueste Zeit ergänzt werden. Danach haben 31 deutsche Städte mit mehr als 100060 Einwohnern ent- weder völlige Sonntagsruhe oder 2 bis 3 Arbeitsstunden, nicht über 2 Uhr hinaus; 23 deutsche Städte mit 50 000 bis � 100 000 Einwohnern haben 2 bis 4 Arbeitsstunden bis höchstens 3 Uhr; 69 deutsche Städte mit 10 000 bis 50000 Einwohnern haben 2 bis 4'/.j Stunden sonntägliche Arbeitszeit bis höchstens 4 Uhr. und 157 Orte mit unter 10 000 Einwohnern legten die sonntägliche Arbeitszeit von 4 bis 4'/» Stunden meistens bis 4 Uhr nachmittags; vier selbst d i e s e r st l e i n st e n Orte, nämlich: Korntal in Württemberg, Kockersdorf, Plösfen und Ramlersrauth � in Bayern. haben jedoch völlige Sonntagsruhe eingeführt! Petroleumfuude in den dentschen Kolonien. Die Beratungen der Budgetkommission begannen am Donnerstag mit einer Petroleumdebatte. Nach den Angaben, die ein Regierungsvertreler über das Vorkommen von Oel in Kaiser- Wilhelms-Land machte, sollen von der Regierung Bohrungen zur Feststellung des geologischen Schichtenbaues vorgenommen werden. wofür 100 000 M. gefordert sind. Durch Aufteilung der 30 000 Ouadratkilometer umfassenden Oelzone hofft man mehrere Finanz- und Erwerbsgesellschaften für die Ausbelitung zu gewinnen. Das Zentrum erhob zahlreiche technische Bedenken gegen das RegierungS- programmund behandelte dieses mit auffälliger Skepsis. Abg. Paasche (natl.) trat lebhaft sür Ueberlassung der Oelbobrungen an Privat- gesellschaften ein, während sein Fraktionskollege K e i n a t h mehr die Interessen des Reiches an der vielleicht sehr entwickelungssähigen Industrie gewahrt wissen mollte. Abg. W a l d st e i ndem Bahnhof Streikposten stand, den Keiling irgendwie gestoßen oder mißhandelt haben. Vom Bahnhof ist dieser Zeuge zu einem Maskenball gegangen und er hat dort den Maschinenmeister Solin- ger in dem Kostüm eines englischen Polizisten gesehen. Als Waffe hatte Solinger einen Gummischlauch bei sich, den die englischen Polizisten zu tragen pflegen. Zeuge Gefängnisaufseher Ezcstka und seine Frau bestätigen, daß Keiling ihnen zwei Tage nach seiner Einlieferung eine völlig zerrissene Krawatte mit der Bitte gegeben hat, sie wieder zu- sammenzunähen. Zeuge Buchdrucker Gerlach war gleichfalls auf dem Masken- ball und bat gesehen, daß Solinger dort aus Scherz mit einem Gummiknüppel schlug.— Bert. Tr. Glaeßner: Ueberhaupt sollen die meisten Buchdrucker in dieser Kackt nicht schlafen gegangen sein, selbst die nicht, die auf dem Maskenball waren?— Zeuge: Einige Buchdrucker sind allerdings nicht schlafen gegangen, teils, weil sie auf dem Ball waren, teils, weil sie die Nacht hindurch auf dem Marktplatz vor dem Hotel„Stadt Prag" auf- und abgingen, um unter keinen Umständen den Arbeitswilligen Hinz unaufgeklärt die Arbeit aufnehmen zn lassen.— Bert. Dr. Glactzner: Das Hotel wurde also auch während der Nacht gleichsam vollständig zerniert. Die Gcrichtsärzte Dr. Heinze und Böhl« geben unter Berufung auf das Obduktionsprotokoll ihr Gutachten dahin ab, daß die Kugel die Halswirbel des Solinger durchschlage« hat und tief in die Rückenmuskulatur eingedrungen ist. Dadurch entstand ein starker Blutdruck auf das Rückenmark und der Tod wurde herbei- geführt. Ter aus mindestens drei Schritt Entfernung abgefeuerte Schuß war unbedingt tödlich. Das Bewußtsein Solingers blieb noch etwa 24 Stunden vollkommen klar.— Die Waffensachverständigen erklären den Browning, der ganz aus Eisen ohne alle Holz- teile gefertigt ist,- für ein geradezu glänzendes Erzeugnis der Waffentechnik. Diese Repctierpistole sei bis auf 100 Schritt Ent- fernung eine Waffe von böchft gefährlicher Durchschlagskraft. Hätte jemand unmittelbar hinter Solinger gestanden, so hätte er noch durch denselben Schuß getötet werden können. Die Sicherung der Waffe sei normalerweise so fest, daß keine Gewalt der Erde sie durch bloßen Zufall zur Entladung bringen könnte. Ter Auge- klagte müsse also, schon als er die Pistole lud, die Sicherung ge- lockert habe», sonst hätte der Schuß unmöglich in dieser Weise los- gehen können. Nur wenn das richtig sei, könne sich vielleicht beim Herausziehn des Revolvers aus der Tasche oder beim Hantieren damit, die Feder gelockert haben, so daß dann der Schutz möglicher- weise aus Versehen erfolgt sein könnte. Tie Waffe fei, Iveil sie nicht die Länge von 18 Zentimeter erreiche, für Oesterreich unbr- dingt verboten.— Bors.: Angeklagter Keiling, wie habe« Sie den Waffenschein bekommen?— Angekl. Kctling: Ich war am 3. Ja- nuar von den ausständigen Buchdruckern in Prag nnt schweren nägelbeschlagenen Holzteilcn mißhandelt worden, so daß das „Prager Tagblatt", für das ich Streikbrecher lieferte, zum Schutze meiner persönlichen Sicherheit einen Waffenpaß für mich bei der Polizei beantragte. Der Browning, den ich schon damals besaß, ist von der Polizei nicht beanstandet worden. Von den Schlägen, die ich in Prag erhalten hatte, rühren noch die Kratzwundcn her, die man bei meiner Verhaftung festgestellt hat.— Vertreter der Nebenklägcrin Frau Solinger, R.-A. Köhler: Sie haben aber gestern gesagt, diese Wunden seien Ihnen von den Buchdruckern in Tetschen am 8. Februar beigebracht worden und in der Notwehr hätten Sic geschossen!— Bngckl.: Tie R ratzwunden sind älter. Am 8. Februar bin ich nur mit einem Gummischlauch geschlagen worden. Es wird dann das Protokoll über die Bcrnchmung Solingers borgelesen, die unmittelbar vor der Operation erfolgt ist. Der 34jährige Mann hat dabei erklärt, daß Kciling auf ihn gezielt, und �daß er geglaubt habe, Keiling wolle ihn deshalb töten, weil er(Solinger) angekündigt hatte, den Keiling wegen seiner gefähr- lichen Drohungen von der Polizei verhaften zu lassen. Ob und inwieweit die Mordtat mit dem Buchdruckerstreik zusammenhängt, sei ihm weder im Augenblick der Tat bewußt gewesen, noch wiffe er es gegenwärtig. Zur Erläuterung der Vorstrafen sollen die Urteile über die Vorstrafen verlesen werden. Es stellt sich jedoch heraus, daß die meisten Urteile nicht eingetroffen sind, weil sie noch beim Berliner Polizcipräsidinn» lagern. Zur Verlesung gelangen nur drei Ur- teile wegen Körperverletzung. Nach dem in Hannover im Jahre 1897 gefällten Urteil ist Keiling bestraft, weil er einen Mann mit einem Schlagring übel zugerichtet hatte, der sich weigerte, mit Keilings Dirne mitzugehen. Für die Klage auf Zahlung einer Buße an die Familie So- linger wird noch die Frau des getöteten Maschinenmeisters So- lingcr vernommen. Das Erscheinen der schwächlichen Frau in tief- schwarzer Trauerkleidung ruft im Saal lebhafte Bewegung hervor. Sie gibt an, daß ihr Mann einen Wochenlohn von 40 Kronen hatte, daß sie fünf Kinder hat und ein sechstes Kind erwartet. Nach Verlesung einer Reihe weiterer Protokolle wird die Be- wcisaufnahme geschlossen, und der Gerichtshof formuliert folgend? Schuldfragen: 1. Auf Mord. 2. Auf Körperverletzung mit tödlichem Ausgang; hierbei wird die Unterfrage gestellt, ob berechtigte Notwehr vorliegt oder ob der Angeklagte in Furcht, Schrecken oder Bestürzung diese Notwehr überschritten hat. 2. Auf fahrlässig- Tötung und 4. auf Führung einer unerlaubien Waffe m, Staatsanwalt Tr. v. Roctka beanstandet alle Fragen nach Not- wehr, da der Angeklagte selbst Notwehr gar nicht mehr vorschützt. — Bert. R.-A. Tr. Glaeßner bittet auch zur Hauptfrage nach Mord oie Unterfragc nach Notwehr zu stellen.— Tiefem Antrag gibt das Gericht statt. Staatsanwalt T� Edler v. R-rtka: Wirtschaftliche Kämpfe zwischen Arbeitern, die ihre Lebensverhältniffe verbessern wollen« und Unternehmern, die dem Widerstand entgegensetzen, sind hi nicht Den Orsanisationcn ist es zu danken, baß diese Wirtschaft- ..i m Kämpfe heute durchaus friedlich verlaufen. Auch der söge- mimte Buchdruckerstreik in' Böhmen, der ja überwiegend eine Aus- s.> Ung war, hat im Gebiet der Staatsanwaltschaft Leiimeritz nur in iwei ganz unbedeutenden Fällen zu einer Strafanzeige Anlaß ! e geben. Es wäre ein sehr schwerer Fehler, wenn die Geschworenen icsen Teil der sozialen Frage irgendwie Rücksicht nehmen wür- ... Sie sind nicht dazu berufen, in diesen wirtschaftlichen Fragen . igendeine Entscheidung zu fällen. Wenn man aber davon absieht, daß es sich hier um einen Kampf zwischen Arbeitnehmern und rbeitgebern gehandelt hat, wird die Entscheidung ganz leicht zu i iien sein. Sie haben auf der einen Seite die Verteidigung eines ! eklagten, der nicht weniger als 17inal vorbestraft ist, darunter i:.cre Male wegen Körperverletzung und dann wegen Kuppelei, etrug, Diebstahl, Freiheitsberaubung und Nötigung. Er ist auf � Anklagebank kein Neuling und hat sich eine Verteidigung zu- nlgelegt, die ich wenig geschickt finde. Auf der anderen Seile .'ben wir die durchaus übereinstimmenden Bekundungen von :> cinwandfreien Zeugen, die ihn in. jedem Punkt widerlegt haben. Er bat behauptet, schon auf dem. Bahnhof in Bodenbach belästigt worden zu sein. Weder der Arbeitswillige Hinz noch der Haus- mciiter Winkler haben irgend etwas davon gesehen. Hingegen l aben drei Zeugen bestätigt, daß Keiling schon auf dem Wege von ' Weilbach nach Tetschen mit seinem Revolver gespielt und sich mit r'., cr Schiehsertigkeit gebrüstet hat. Im Gasthaus des Zeugen ■ zl ist Keiling ebenfalls in keiner Weise belästigt oder ange- .frn worden. Auch im Gasthaus„Stadt Prag" hat ihn nie- and mißhandelt oder bedroht. Die 4v Buchdrucker, die den Keiling an-blich umringt haben, hat er sich aus der Lust gegriffen. Es V keinesfalls mehr als 16 gewesen. Keiling hat sich ohne jeden > rnd in das Gespräch zwischen den Streikenden und dem Arbeits- n- gen Hinz eingemischt und mit Schießen gedroht. Auch darauf- sind die Streikenden nicht über ihn hergefallen, sondern haben . nach der Polizei geschickt. Nun hat es allerdings drei verdächtige Momente gegeben, die d!>. Keiling hätten entlasten können. Einmal: warum haben ihn d> Buchdrucker bis in die Küche verfolgt; dann: wie ist Solinger i! den Besitz cines� Gummiknüttels gekommen und schließlich: wo i rten die Wunden und Schrammen des Keiling her?— Alle ■ c drei Umstände sind völlig aufgeklärt. Tie Buchdrucker sind i in die Küche gefolgt, damit er nicht fliehen konnte, sondern I> der Polizei wegen seiner gefährlichen Drohungen festgenommen > den konnte. Der Gummiknüttel des Solinger stammt von >. im Maskenfest und ist, nach den übereinstimmenden Bekundun- >' i sämtlicher Zeugen, gegen Keiling überhaupt nicht angewendet : den. Schließlich hat Keiling heute selbst zugegeben, daß er die S tz wunden vielleicht schon von früher her hatte. Wer weiß, aus eher Schlägerei sie stammen? Offenbar sind sie ihm erst nach- stich als eine gute Ausrede eingefallen, ebenso wie die zerrissene > matte, die er 5 Tage nach der Mordtat vorgezeigt hat. Diesen l zaben steht die unbestreitbare Tatsache gegenüber, daß Solinger : t näher als drei Schritt an Keiling herangekommen ist. Die : hin und der Kellnerjungc, also ganz unbefangenes Hotelpersonal, rn die Angaben der Streikenden in vollem Umfang bestätigt. t ibst wenn die Geschworenen gegen die Aussagen der Gewert- s ms- und Parteigenossen des Solinger ein Mißtrauen hätten, - durch die Tatsachen nicht begründet ist, müßten sie diesen > vandfreien Zeugen glauben. Keiling hat sich nicht anders zu !■ scn gewußt als dadurch, daß er die Aussagen sämtlicher Zeugen, c h der von ihm selbst angeführten Zeugen, für unwahr erklärt i i. Meinetwegen mag man die Aussage jedes Zeugen auf seine v lulstnürdigkeit hin prüfen. Aber man darf keinem der Zeugen ,:e weiteres zutrauen, daß er sich eines Meineides schuldig ge- i cht hat. Wenn Sic mir folgen, so werden Sie anerkennen ssc», daß Keiling weder mißhandelt, noch bedrobt worden ist, g niemand ihn am Arm gepackt und daß er de» Revolver nicht iii die Höhe gehalten, sondern daß er ganz ruhig gezielt hat. Tie utschuld, die auf dem Angeklagten lastet, darf nicht ungesühnt iden. Wenn er freigesprochen würde, würde die Gerechtigkeit i vcrcn Schaden leide», und der Frcispruch loürde ein Anreiz i für andere, ebenso rücksichtslos Menschenleben zu vernichten. :nn Sic den Angeklagten des Mordes schuldig sprechen, werden i? nicht nur seine Tat sühnen, sondern für jeden ein Warnungs- - ichen aufrichten, der das Leben seiner Mitmenschen gering schätzt. Advokat Köhler schließt sich als Rechtsbeistand der Familie M illinger den Ausführungen des Staatsantvalts durchivcg an: Erst d■ Strcikbrecheragenten haben die Gewalt in die friedlichen. Wirt- . aftslämpfe hineingebracht. Alle Angaben des Keiling haben sich > � erlogen erwiesen. Er war schon tausendmal-mit Streikenden iammengeraten und hat daher ganz genau gelvutzt, daß er für ''■Ii Leben nichts zu fürchten hatte. Wie ruhig, wie wenig auf- s'regt Keiling gewesen ist, beweist die Tatsache, daß er seine : eisetasch? und seinen Spazierstock aus dem Gastzimmer mit in r r Küche genommen hat. Viele Tausende haben dem ermordeten liinger die letzte Ehre erwiesen. Wenn Ihr Wahrspruch, meine >' irren Geschworenen, den Angeklagten schuldig spricht, werden :c nicht nur die Gesinnungsgenossen Solingers befriedigen, son- !' rn jeden Menschen, der ein Gefühl dafür hat, daß Menschenleben geschützt werden müssen. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Glaeßncr, geht davon aus, "ß zuungunsten Keilings vor allen Dingen seine Vorstrafen :''rechen. Aber man darf über keinen Menschen nur auf Grund .uer Vergangenheit urteilen, sondern muß es mit den Worten ' älhclm Tells zu Parricida halten:„Was Du auch immer ge- :.1N, Du bist ein Mensch, ich bin es auch". Die Vorstrafen müssen o.'.her im vorliegenden Fall vollkommen ausschalten. Der An- i klagte bestreitet, überhaupt gezielt zu haben. Stach dem Urteil r Sachverständigen ist es durchaus möglich, daß der Schuß sich st.rch irgendeinen unerklärlichen Zufall gelöst hat. Außerdem ist >.. dem Angeklagten nicht nachgewiesen, daß er irgendwie gezielt i> id einen bestimmten Menschen aufs Korn genommen hat. In der unklcn Küche wäre das auch gar nicht möglich gewesen. In der ! r.nklen Küche hat auch niemand sehen können, ob nicht ein anderer rschentlich den Revolver gestreift oder den Keiling am Arm ge- ststagen hat. Hat Keiling aber geschossen, so geschah es in bc- r-chtigtcr Notwehr. Was die Bnchdruckerorganisation in Tetschen getan hat, war nicht rechtmäßig, sondern rechtswidrig. Wenn sie < ich keine Vergehen gegen das Strafgesetzbuch begangen hat, so lat sie sich doch dauernd gegen die Gewerbeordnung vergangen, .".dem sie die Leute, mit denen Keiling einen Vertrag abgeschlossen hatte, zum Vertragsbruch zu verleiten suchte. Gerade die, die ein Stecht auf Arbeit proklamieren, sollten es auch bei anderen Leuten anerkennen. Keiling der ja von seiner Tätigkeit als Agent der preußischen Polizei gewiß nicht hat leben können, hat den Beruf. des Arbeitsvermittlers nicht zu seinem Vergnügen, sonderü' für seinen Erwerb ergriffen. Es mag das für eiiw Arbcitcrorganisa- l.on ein schädliches Gewerbe sein, sicher ist es kein ungefährliches Getverbe und hat Anspruch darauf, wie jedes andere Gewerbe geschützt zu werden. Namentlich der Buchdruckerstrcik in Böhmen mar der unberechtigstc Streik, der in Szene gesetzt worden ist. Es ist charakteristisch, daß die deutschen Buchdrucker sich geradezu da- nach gedrängt haben, die Stellen in Oesterreich zu bekommen, so gut war die Bezahlung schon vor dem Streik. Keiling war der Vuchdrnckerorganisation maßlos verhaßt, weil er den' Prinzipalen dabei half, sich dem maßlosen Tcrrorismus der Arbeiter zu wider- setzen. Infolgedessen ist er planmäßig schon sogleich nach Ankunft in Bodcnbach verfolgt worden. Fluchtartig hat er das Gasthaus des Lehnet verlassen, und auch in der„Stadt Prag" ist er keinen Augenblick seines Lebens sicher gewesen. Die ganze Nacht hin- durch haben die Streikenden wie Soldaten vor dem Hotel„Stadt Prag" Posten gefaßt. Wer kann bestreiten, daß angesichts aller dieser Umstände Furcht und Bestürzung bei dem Angeklagten vor- Händen gewesen sind? Die Vorgänge am Morgen der Tat sind keineswegs vollkommen klargestellt. Alle Zeugen haben irgendeinen Moment bekundet, in dem sie nicht hingesehen haben wollen. Ge- rade dieser Moment ist es offenbar gewesen, in dem Keiling ge- schlagen worden ist. Tie Schrammen hat er doch jedenfalls nicht sich selbst zugefügt. Wenn die organisierten Buchdrucker als Zeugen erklärt haben, es sei dem Keiling nicht das geringste geschehen, so halte ich ihre Aussage für durchaus nnglaubtvürdig. Sie halten eben fester zur Organisation als zur Wahrheit. Tie Tatsachen lassen gar keinen Zweifel daran, daß Solinger den Keiling mit dem Gummiknüttcl geschlagen hat. Sonst hätte er in der Sterbestunde doch nicht daran gedacht, daß man ihm vor allen Dingen den Gummikniittel aus der Tasche nehmen sollte, damit er nur ja nicht bei ihm vorgefunden wurde. Warum haben die Buchdrucker Keiling nicht einfach laufen lassen, als er in die Küche flüchtete? Sie hätten dann Zeit genug gehabt, sich mit allen Arbeitswilligen zu besprechen, die er herangeschleppt hatte. Aber sie hatten es eben auf Keiling abgesehen und wollten es ihm ver- leiden, jemals wieder Arbeitswillige nach Tetschen zu bringen. Wie ein wildes Tier ist Keiling gejagt worden und dagegen hat er sich schließlich zur Wehr gesetzt. Bedenken Sie das alles, ehe Sie das Urteil über ihn abgeben. Nach zweistündiger Beratung verkündet der Obmann der Ge- schworencn folgenden Wahrspruch: Tic Frage nach Mcrd ist mit allen 1'2 Stimmen verneint war- den. Mit 11 gegen eine Stimme wird bejaht die Frage nach Tot- schlag und mit 9 gegen drei Stimmen die Frage nach Ueberschrei- tung der Notwehr. Mit 8 gegen 4 Stimmen ist der Angeklagte schließlich eines Vergehens gegen die Sicherheit des Lebens für schuldig erachtet, worden. Von der Anklage der Ueberschreitung des Gesetzes über das Waffentragcn ist der Angeklagte mit 11 gegen 1 Stimme freigesprochen worden. Der Staatsanwalt Dr. Edler v. Roctka bittet um eine hohe Strafe, da man es mit einem gefährlichen Mann bei dem An- geklagten zu tun habe, der Verteidiger Dr. Glacßner bittet, dem Angeklagten die mildernden Umstände nicht zu versagen. Das Gericht fällt nach kurzer Beratung folgendes Urteil: �, Der Angeklagte wird nach dem Wahrspruch der Geschworenen mit acht Monaten schweren Korker bestraft. Die Untcrsuchungs- Haft wird auf die Strafe angerechnet. Der Angeklagte erklärt, daß er sich erst überlegen wolle, ob er sich, bei dem Urteil beruhigen soll. Ter Staatsanwalt meldet sofort die Nichtigkeitsbeschwerde an. Der Bußanspruch der Frau Solinger, die IM M. Monatsrente fordert, wird auf den Zibilweg verwiesen. Als der Angeklagte abgeführt wird, sagt er halblaut: Na, dct wa ja jarnich so schlimm. Der Schrifsctzcr Richard Hinz, Berlin, Brandenburg Straße 38 ersucht uns mitzuteilen, daß er mit dem Arbeitswilligen Hinz, welcher in dem Bericht des Strcikbrecheragenten Keiling genannt ist, nicht identisch ist. Wir kommen diesem Wunsch gern nach und bemerken, daß wir nach dem richtigen Namen des Ar- beitswilligen recherchieren werden. In der österreichischen Fach- presse wurde als ArbritswilliLer„Henz aus Oranienburg" ge- nannt. Ms öer Partei. Totcnlistc der Partei. In Hamburg starb Genosse Ludwig K i m m c l. Der Verstorbene, von Beruf Tischler, war schon früh in seiner Berufs-. organisation tätig, bat vor allem seine Kraft der Partei gewidincti Schon unter dem Sozialistengesetz war er ein eifriger Agitator für die Sache des Proletariats. Nachdem das Schandgesetz ge- fallen, schlug Kimme! sein Heim in B e r 11 n und später in Düffel- dors auf. Hier' in Düsseldorf ivar er als Verleger der„Nieder- rheinischen Volkstribüne" tälig. 1894 kam Kimmcl nach Hamburg. Dem Hamburger Proletariat ist der Verstorvene eine allbekannte Persönlichkeit gewesen. � Ganz besonders lag seine Befähigung auf rednerischem Gebiet. Seit zirka sechs Jahren bat er dem dritten Wahlkreis seine ganze Kraft als Distriktsführer im Distrikt IlHlLN- Horst gewidmet. Eine tückische Krankheit, die mit mehrmaligem Blut stürz endete, hat ihn schnell dahingerafft. Das Schöffengericht verurteilte den Angeklagten zu 9 Monate« Gefängnis. Die von ihm hiergegen eingelegte Berufung wurde gestern von der Strafkammer kostenpflichtig verworfen. Gerichtszeitung. Zum Frankfurter Pockcnprozcß. Das Reichsgericht hat gestern auf die Rebision des Staatsanwalts das Urteil des Landgerichts zu Frankfurt a. M. vom 21. Juni v. I. aufgehoben, soweit durch dasselbe die beiden Aerzte Dr. Spohr und Bachem von der Anklage der fahrlässigen Körperverletzung und Tötung durch Pocken- ansteckung freigesprochen worden waren. Dr. Spohr war selbst an Pocken erkrankt und sollte die Krankheit durch Fahr- lässigkeit auf andere Personen übertragen haben. Schon wieder eine Kindesmißhandlung. Wieder war es, genau wie in dem gestern mitgeteilten Fall, ein uneheliches Kind, dessen trauriges Lebensschicksal im Mittel- punkte einer Verhandlung vor dem Strasrichtcr stand. Wegen einer Reihe geradezu viehischer Roheiten und Quälereien gegen sein unehelich geborenes Kind war der Händler Karl Weiß ange- klagt.— Ter Angeklagte halte Mir einer gewissen Morgenstern in Beziehungen gestanden, aus denen ein jetzt Illjährigcr Knabe hervorgegangen war. Als die Mutter starb, nahm der Angeklagte, der sich irizwischen verheiratet hatte, den Knaben zu sich, für den von diesem Augenblick an ein wahres Martyrium begann. Als endlich Nachbarn Anzeige erstatteten, befand sich der Junge in einem wirklich grauenhaften Zustand, der auf ganz unmenschliche Mißhandlungen hindeutete. Ter Körper des Kindes war derartig mit blutigen Striemen bedeckt, daß eine bwöchige Behandlung im Krankenhause notwendig war, um eine Heilung herbeizuführen.— Veruntreuungen bei der Tiskonto-Gcscllschaft. Effenktendiebstähle bei der Direktion der Diskonto-Gesellschast bildeten die Grundlage einer Anklage wegen schwerer Urkunden» sälschnng, Urkundenvernichtung und Diebstahls in zivci Fällen, welche gestern die 2. Strafkammer des Landgerichts 1 beschäftigte. Angeklagt war der Bankbeamte Bollrad Eiscntraut. Ter 39jäbrtge Angeklagte, der in Newenhagen ein Grundstück besitzt, war seit mehreren Jahren bei der Direktion der Diskonto- Gesellschaft angestellt. Im Frühjahr v. I. geriet er in Schulden. da er sich in Spekulationen eingelassen hatte, die weit über seine Verhältnisse hinausgingen. Um sich in Besitz von Geldmitieln zu setzen, entwendete er aus der Efscktcnmappe des Dr. Freiherr Lucius von Ballhausen- für 19 009 Mark 5 prozentige Naphtha- obligationen, die er am nächsten Tage zu Gelde machte.- Um den Diebstahl zu verdecken, fälschte er aus recht raffinierte Weise in mehreren Büchern die Zahl 2 215 900 Mark in 2 295 999 Mark, so daß es den Anschein hatte, als sei das von Ballhausensche Bank» konto durch verschiedene Transaktionen auf diese Summe zurück- gegangen. Als die Bank an von Ballhausen einen Brief richtete, in dem sie ihm mitteilte, daß sein Konto für die Versicherungs- Prämie belastet sei, vernichtete der Angeklagte diesen Brief. Da er zum Jahresabschluß wieder eine Ausdeckung des Diebstahls zu be- fürchten hatte, entnahm der Angeklagte aus der Mappe eines anderen Bankkunden, Dr. von Martins, für 13 500 Mark Gelsen- kirchencr Obligationen, die er bei einer anderen Bank lombardierte und gleichzeitig den Auftrag gab, ftir 19 999 Mark nom. Naphtha- obligationen zu kaufen. In diesem Stadium der Sache kamen die Verfehlungen zur Entdeckung. Ter Angeklagte wurde in das Chef- kabinett bestellt, wo er, als man ihm die Diebstähle auf den Kopf zusagte, ein offenes Geständnis ablegte. Dies wiederholte er gestern vor der Strafkammer.— Der Staatsanwalt beantragte Schnv gegen Polizeibcamtc. Am 9. Juni vorigen Jahres hetzte in Guttstadt der 31 Jahre alte Polizeisergeant Skupis-seinen Hund aus einige junge Leute, die sich stritten. Als jemand den Hund wegscheuchen wollte, nahm dem Mann der Polizeisergeant, der angetrunken war, den Stock weg und schlug ihm damit über den Kopf. Ter' Arbeiter Mund- kowski rügte das, worauf er von dem Polizeibeamten einen Stoß vor die Brust erhielt. M. wollte sich an einem Baum festhalten, er ivnrdc jedoch von dem Pvlizeisergcantcn zur Erde gestoßen. Als sich Mundkowski aufrichten wollte, stieß ihn Skupis wieder nieder. Dann zog dieser seinen Säbel und hieb mit ihm herum, obwohl ihn niemand bedrohte. Schließlich aber versetzte der Polizeibeamte dem Mundkowski mehrere Hiebe mit dem Säbel über den Arm und hirb ihm ohne jede Veranlassung mit dem Säbel über den Kops, daß der Mann blutüberströmt zusammenbrach. Der Arbeiter trug eine erhebliche Kopfwunde' davon. Wegen dieser schweren Vergehen erkannte die Strafkammer in Bartenstein gegen den Polizeibeamtcn aus— 100 Mark Gcldstrofc. mit Rücksicht auf den von dem Angeklagten begangenen groben Vertrauensmißbrauch ein Jahr Gefängnis. Da? Gericht erkannte auf sechs Monate Gefängnis._ Ein Links-Anwalt, der seine Klienten in der raffiniertesten Weise betrogen hat, stand gestern unter der Anklage des Betruges in sieben und der Ur- kundensälschung in zwei Fällen vor der 4. Strafkammer des Land- gerichts I. Ter Angeklagte Buchhalter Erwin Krumphardt legte sich nach mehreren Vorstrasen gegen das Eigentum auf die Be- sorgung fremder Rechtsgeschäfte und hatte bald recht viel zu tun. Er hat aber dabei lediglich in seine Tasche Bewirtschaftet, indem er ftir die angebliche Erledigung der ihm übertragenen Rechts- geschäfte Vorschüsse, Honorare, Gelder für angeblich zu entrichtende Gerichtskoslcn usw. sich zahlen lieh, tatsächlich aber in all diesen Angelegenheiten nichts für seine Klienten tat. In einem Falle ließ er sich Vorschuß geben, um angeblich nach dem Kriminalgericht zu fahren und bei der Staatsanwaltschaft Akten einzusehen. Er kam mit dem erdichteten Bescheide zurück, daß sein Klient verhaftet werden solle, wenn er nicht eidesstattliche Versicherungen beibringen könne, daß seine häuslichen Verhältnisseii gute und solide seien. Für die Beschaffung dieser eidesstattlichen Versicherungen heimste dcp Angeklagte eine größere Summe ein,-tat aber dafür nichts. Einer Frau nahm er 49 M. ab, um beim Bormundschaftsgcricht die Unterbringung einer Pflegetochter in Fürsorgerziehnng zu bc- treiben. Einem Gastwirt redete er vor, daß er sich bemüht habe, bei dem Gericht die Aushebung eines Zahlungsverbots durch- zusetzen, was ihm auch gelungen sei. Für seine Bemühungen und für„Gerichtskosten" erhielt er auf Verlangen die von ihm in An- satz gebrachten Gelder. In einigen Fällen täuschte er seine Auf- traggeber noch durch die Vorlegung„gerichtlicher Protokolle" über Termine, die er in ihrem Interesse wahrgenommen haben wollte. Diese Protokolle waren von Ibm gefälscht und gaben in völlig vorschriftsmäßiger Form auf richtigen gerichtlichen Formularen den Gang der erdichteten Verhandlung wieder. Wie der Angeklagte in den Besitz dieser Formulare getommcii ist, war nicht recht aus- zuklären. Ter im vollen Umfange geständige Angeklagte wurde zu 1 Jabr(Oefängnis unter Anrechnung von 2 Monaten Unter- suchungshaft verurteilt._ Eingegangene Druckschriften. Von der„Neuen Zeit-- ist soeben das 22. Hest dcS 32. Jahrgangs erschienen. Aus dem Jnlialt des Heftes heben wir hervor: Der Hinter- grund der Hetze.— Juristischer Terror. Von E. Norden.— Eine Ockonomic. ohne Wert. Von N. Bucharin.— Der neue amerikanische Zolltarif, Von Lapis, New Aork fSchliitz).— Schuldebaiten im Reichstag. Von Heinrich Schulz. Ist eine Acnderung der Orgaiiifationsform der Gewerkschaflen not- wendig? Von H. Backhaus.— Honorö Daumier. Von Fritz Th. Schickte. Die„Neue Zeit" crfcheint wöchenllich einmal und ist durch alle Buch- bandlungen, Poslanitallcii und Kolporieurc zum Preise von 3,Ä!» M. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieselbe bei. der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 26 Pf. Tic Richterin. Roman von H. Land.(Kronen-Bücher Nr. 11.) IM.— Kronen-Verlag, Berlin 81V 68. Tarstcllende Geometrie des Geländes. Von R.Rothe.(Rathcm. Bibl. 14.) 60 Ps.— B. G. Tenbiier, Leipzig. Marktpreise von Berlin am 26. Februar 15)14, nach Erinillelnngen des kgl. PolizeivräiidllimS. Mais(mixed), gute Sorte 16,90—17,20, Donau 00,90—00,00. Mais i runder), gute Sorte 14,60— 14,90. Richtstroh 0,00 bis 0,00. Heu 0,00—0,00. Mar i l h a l 1 en prei s e. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 34,00—50,00. Svcisebodnen. weihe 35.00— 60,00. Linien 40,00—80,00. Kartoffeln(Kleinddl.) 1,00— 7,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,60—2.40. Rindflench, Bauchfleilch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,50—2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 4,40— 6,00. 1 Kilogramm Kare teil 1,20—2,60 Aale 1,60—3,20. Zander 1,20—3,20. Hechte 1,40—2,80. Barsche 0,80—2,20. Schleie 1,60—3.20. Bleie 0.80—1.60. 60 Stück Kredit 3,50—24.00. in die Verbraucher von Maggi's Suppen; Die Zubereitung von MAGGI« Suppen ist gewiß sehr einfach(ein Kind kann's machen!); es muß aber besi jedem Würfel die für die einzelnen Sorten verschiedene Kochanweisung genau beachtet werden. Dann werden Ihnen Maggi's Suppen vortrefflich schmecken. Zum vierten Sozialöemokratischen Frauentag erscheint eine ittttstrierte Agitationszeitung Krauenmahlrecht! Aus dein Inhalt heöen wir hervor: Der Tag wird kommen. Gedicht von Ludw. Pfau.— Blick aufl Gedicht von Otto Krille.— Ostara. Von Klara Müller-Janle.— Berheitzung. — Frauentag und Internationale. Bon Adelheid Popp.— Thomas More, der Pfadfinder der Gleichheit und Freiheit Herausgegeben von Klsrs Zetkin. Bon Berta Selinger.— Robert Owen. Bon Mathilde Wurm. — Charles Fourier. Von Luise Ziey.— Was die Frauen Marx und Engels verdanken.— Müssen vie Proletarierinnen im Parlament Vertreterinnen haben? Von Hilja Pärjsinen. — Vom Kampf für das Frauenwahlrecht in Holland. Von I M. Wibaut und Helen Ankersniit.— Unser Jahr in Grotz- britannnien. Von Dr. Marion Philipps. London.— An künst- 1 lerischen Bildern enthält die Zeitung:„Amazone� von Tuaillon. „Der schwere Gang" von Fr. v. Uhde.„Die Wasserschöpferinnen" von Millet.„Madonna mit dem Kind" von Murillo. Preis 10 Pf. Zu beziehen durch alle Zeitungsausgabestellen und durch die Buchhandlung Vorwärts, Lindenstr. 00. «sin «rstlit- Hau$! Reell! Billigt Kulan«! Mttbel auch auf Teil* Zahlung 60 000 □ Fuss Ausstellungen aliein Brunnen- Strasse 120. Weitere Ausstellungen Im Fabrikrebduee Teilzahlung erhöhen diese Preise nicht Otto Vorzugspreise für Brautleute! Pisbl Brunnen8tr.120 Berlin N Garnituren 100-350 M. Bettstellen 21-72 M Sclilafsofas 75—120 M. Walzen Diwan 52-85 M. Kleiderschranks 19- 165 M. Chaiselongues 21—65 M. Vertikos 38-72 M. Kein Kredit Hausl Büfette I2S— 450 M. vm TTTTjnp i\ v' enthält das seit über 15 Jahren außerordentlich bewährte, billigste j und beste Eiwelänatarpräparat für Körper n. Nerven Plasmon-Kallao(ca. 50% Eiweißgehalt) ist reich an Eisen, natürlichen Phosphorverbindungen und anderen wertvollen Nährsalzen, daher unentbehrlich kür Schwächliche. Bleichsüchtige. 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