⚫ Nr. 67. S 5 Pfennig Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis pränumerando: Bierteljährl. 8,30 m, monatl. 1,10 M., wöchentlich 28 fg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags Beilage Die Neue Welt" 10 Pfg. PostAbonnement: 1,10 Mart pro Monat Eingetragen in die Post- Zeitungs. Breisliste. Unter Kreuzband Deutschland und Desterreich- Ungarn 2,50 Mart, für das übrige Ausland 4 Mark pro Monat. Bostabonnements nehmen att: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweben und die Schweiz. Ericheint täglich. für Montagsausgabe 5 Pfennig Vorwärts 31. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel zeile oder deren Raum 60 Bfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins und Versammlmungs- Anzeigen 80 Pfg. ,, Kleine Anzeigen", das fettgedruckte Wort 20 Big.( zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes writere Bort 10 Pfg. Schlafstellenan Stellengesuche und zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort 5 Bfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Summer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Zelegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstraße 69. Fernsprecher: Amt Morikplan, Nr. 1983. Der Marschallstab im Tornister. Bor siebenundsiebzig Jahren wurde blutarmen Webersleuten im Hannoverschen ein Sohn geboren. Der damals unter dem elenden Dach einer elenden Proletarierfamilie zur Welt kam, ist dieser Tage gestorben, und in den Nachrufen, die ihm die internationale Presse widmet, füllt die Zahl seiner Titel, Aemter und Würden Duzende von Zeilen: Fürstbischof von Breslau, apostolischer Vikar von Brandenburg und Pommern, Kardinal der römischen Kurie, als solcher Titularpriester der Kirche San Agnese Auroi le mura in Rom, Mitglied der vatikanischen Kongregationen der Propaganda, der Studien, der Ablässe und des Konzils, Inhaber des hohen Ordens vom Schwarzen Adler, als solcher adlig, Mitglied des preußischen Herrenhauses, Bizemarschall des österreichisch- schlesischen Landtags, Mitglied des österreichischen Herrenhauses, Ehrendoktor der Rechte und Montag, den 9. März 1914. Expedition: S. 68, Lindenstraße 69. Fernivrecher: Amt Moritvlak. Nr. 1984. und sich der Hälfte aller udermärkischen Rittergutsbefizer sagt Leporello in Grabbes Don Juan und Faust", und in verfippt und verschwägert weiß, der wird, denkt man, nicht so der Tat ist von den nebensächlichen Eigenschaften, die zum leicht oder überhaupt nicht gegen den Stachel der Kaste löcken, Eintritt in unsere herrschende Staste befähigen, Verstand so sondern die Dinge so schieben helfen, wie sie seit je in Preußen ziemlich die nebensächlichste. geschoben worden sind: zugunsten der dünnen ostelbischen Herrenschicht. Fähigeiten? Kenntnisse? Unsinn! Für Arbeit sind die bürgerlichen Hilfskräfte vom lieben Gott geschaffen, selber ist man nur zum Regieren da. Und so geht es im alten Trott weiter wie es immer gegangen ist: nur die Konnexion entscheidet, die man sich durch Familienbeziehungen, Korpsmitgliedschaft oder Regimentskameradschaft erworben hat. Ronnegion! Ja, Wenn das ist! Konnegion ist viel; Verstand, Verbrechen, Recht sind gar nichts. Lieber Verstand verlieren als die Sonnegion." Darum ist aber auch dieses Herrschaftssystem, für wie gescheit es sich hält, doch so dumm wie nur möglich. Denn statt die gefährlichsten, weil flügsten Köpfe aufzusaugen und sich nugbar zu machen, treibt es sie in die Reihen der Opposition und macht sie zu grimmen Feinden des ganzen Systems. Diese Scheidung der Geister, die klugen Köpfe in die Opposition, die anderen in die Ministerien, kann uns natürlich nur recht sein, und um dieser versöhnenden Wirkung willen läßt sich schließlich die Tatsache hinnehmen, daß der preußische Soldat nicht den Marschallstab, sondern, wie ein gutes Wort sagt, den Sandsack im Tornister hat. Heraus mit dem Frauenwahlrecht! der Theologie und so fort und so fortes ist, wie man sieht, Ein guter Anfang der Roten Woche. " Glänzender Verlauf des Frauentags. tisch Waffenlose inmitten dieser Stämpfe zu stehen. Die Frauen sind sich bewußt, daß das Wahlrecht eine un= Reformen und in dem Ringen um politische Macht, zum Zwede Der Beseitigung der Klaſſengegensäße und der Sozialisierung der Gesellschaft. Durch den Sozialismus ist allein die Befreiung der Frau möglich. Die Sozialdemokratie ist die einzige politische Partei, die grundsäßlich und energisch die Gleichberechtigung der Frauen fordert und für sie kämpft. allerhand aus dem Webersjungen Georg Kopp geworden. Als er die Schule hinter sich hatte, ging opps Ehrgeiz Dank der kräftigen Agitation des Polizeiministers| Ziele und zu der gleichen Forderung zusammenschlossen. Der eine Zeitlang dahin, Telegraphenbeamter zu werden, und in von Dallwig und seines Schüßlings von Jagow durch Gedanke internationaler Solidarität fand in allen Veranstalder Tat bediente er zwei Jahre als Telegraphist die klappern- die Plakatverbote ist der 4. Frauentag in Groß- Berlin zu tungen lebhaften Ausdruck. den Apparate. Wäre er bei der Stange geblieben, so hätte In den Groß- Berliner Versammlungen wurde folgende die Welt nie seinen Namen erfahren und außer dem Lokal- einer besonders imposanten Demonstration für das Frauenblättchen seines Wohnortes hätte niemand davon Notiz ge- wahlrecht geworden. In den Vororten, wo von Jagoms starte Resolution angenommen: nommen, daß im Alter von siebenundsiebzig Jahren der Hand und juristischer Scharfsinn keinen Einfluß haben, Die gewaltige Entwickelung des Kapitalismus enthüllt in Telegraphensekretär a. D. Georg Kopp, Inhaber des konnten die Plakate Heraus mit dem Frauenwahlrecht" un- immer stärkerem Maße seinen beutegierigen Charakter und treibt Stronenordens IV. Alaffe, ein an seinem Stammtisch beliebter behelligt angeschlagen werden. Die Blamage des Berliner die Arbeiterklasse in immer schwerer und schärfer werdende Kämpfe. alter Herr, das Zeitliche gesegnet habe. Statt dessen trat Polizeigenvaltigen wurde noch dadurch vollendet, daß auch in Angesichts diefer Tatsache empfinden die Frauen der Arbeiter um Kopp in jungen Jahren noch in den Dienft der Herrschafts- Berlin die Platate mit der Wenderung„ Das Frauenwahl so tiefer das bittere Unrecht und die brennende Schmach, als poliorganisation, die in der Auswahl ihrer führenden Köpfe nach recht" an allen Anschlagsäulen prangten. Ueberall sah man pochend auf ihre Leistungen im kapitalistischen Arbeitsprozeß, auf demokratischen Prinzipien verfährt: Stopp hatte Fähig lachende Gesichter. Ist es doch auch zu amüsant, daß selbst der ihre opfervolle Pflichtleistung der Mutterschaft und ihr häusliches feiten, darum stieg er und stieg zu schwindelnder Machtfülle, Polizeiminister seinen ohne daß jemand nach seinen Vorfahren oder gar nach seinem desabouieren müssen; denn die Beseitigung der Aufforderung birette und geheime attive und passive Wahlrecht für alle Staats heißgeliebten Untergebenen hat walten, fordern sie ihr volles Bürgerrecht: das allgemeine, gleiche, Stammbaum auch nur fragte. Ein solcher Aufstieg erinnert an die Zeit, da Napoleon I. Seraus" geschah doch wohl nur, um den erfolglofen bürger bom vollendeten 20. Lebensjahre an für sämtliche gesetzdie Losung ausgab: La carrière ouverte aux talents! Anschein zu erweden, als sei wirklich etwas an den Plakaten gebenden und Verwaltungstörperschaften. Bahn frei für die Talente! Unter den Marschällen, mit denen zu beanstanden gewesen. er fast ganz Europa eroberte, war Augereau eines Die Plakatverbote waren allen Rednern in den 50 Ber- entbehrliche Waffe für sie ist, eine Waffe im Kampf um Maurergesellen, Jourdon eines Heilgehilfen, Soult eines sammlungen innerhalb Groß- Berlins ein Anknüpfungspunkt, Lagelöhners Sohn, auch Bessières und Victor waren um auf die allgemeine Entrechtung aller Deutschen hinzuweisen. als gemeine Soldaten eingetreten, Ney hatte vorher als Denn selbst die Männer, die allerdings ein mehr oder minder Böttchergeselle gearbeitet, 2 annes als Färberlehrling an beschränktes Wahlrecht besitzen, werden wie Unmündige begefangen, Dudinot war Kaufmannsstift gewesen, Masséna hatte seine glänzende Laufbahn als Land- handelt. Um wie viel schlechter muß es den Frauen ergehen, streicher begonnen und der Advokatenschreiber Berna die überhaupt noch nicht ihre Stimme in den Parlamenten dotte rückte nicht nur zum napoleonischen Marschall, erheben dürfen. Die Uebergriffe der Soldateska, wie sie sondern auch zum schwedischen König auf. Im preußischen Babern gezeigt, die Vernichtung des Koalitionsrechts durch Die Frauen versprechen deshalb, den Kampf um ihr Recht mit Deutschland brächte es von diesen berühmten Führern wegen Polizeisäbel und Justizurteile, die Verteuerung von Brot und berstärkter Kraft und glühender Hingabe in den Reihen der ihrer niedrigen" Herkunft keiner, auch der geniale Soult Fleisch durch die Zollwucherparteien, das Schreckensgespenst Sozialdemokratie weiter zu führen. nicht, weiter als bis zum Feldwebel und auch Kardinal der Arbeitslosigkeit bedrohen proletarische Männer und Sie versprechen ferner, unermüdlich und jede Gelegenheit opp erlangte unter Da II wit, selbst bei entsprechender Frauen in gleicher Weise. Aber die Proletarierinnen leiden nugend, für die Ausbreitung der sozialistischen Ideen und für die akademischer Vorbildung, als Proletariersohn schwerlich je doch noch unter besonderem Druck, den sie erst werden beStärkung der sozialdemokratischen Organisationen wirken zu einen Landratsposten. wollen. Denn niemals hat Breußens herrschende Sippe beseitigen fönnen, wenn sie ihre Macht mit der der Männer griffen, daß die Losung: Bahn frei den Talenten! nicht nur in den Parlamenten vereinigen dürfen. eine Ausstrahlung des kapitalistischen Konkurrenzkampfes In den überfüllten Versammlungen erregte es den aller gegen alle, sondern auch eines der Selbsterhaltungs- stärksten Zorn der Zuhörerinnen, wenn die Redner den Gesetzgeheimnisse jeder Herrschaftsorganisation ist. Wenn der entwurf zur Durchseßung des Gebärzwangs erörterten. Es Frauen heraus! Die Partei rief und viele, viele Frauen fatholischen Kirche aus ihren eigenen Reihen heraus selten gibt gewiß faum etwas Aufreizenderes, als die Tatsache, daß tamen und demonstrierten für eine Forderung, deren Verwirkeine ernsthafte Opposition erwächst, so liegt das nicht zuletzt man im gleichen Moment das Biel- gebären erzwingen will, lichung in jedem Kulturlande als selbstverständlich angesehen werdaran, daß sie mit scharfem Blick die fähigen Köpfe entdeckt, wo Regierung und Mehrheitsparteien die Absicht kundgeben, erwachsene Staatsbürgerinnen zu Hunderttausenden sich zu einem den müßte. Aber in Deutschland ist es noch notvendig, daß reife, ihnen Spielraum zur Entfaltung ihrer Gaben gibt und sie bei der bevorstehenden Erneuerung der Handelsverträge die massenprotest zusammenschließen, weil ihnen die elementarsten an der Macht teilhaben läßt. Anders der preußische Staat. Milch durch einen Zoll zu verteuern. Solch ein Beschluß Menschen- und Bürgerrechte vorenthalten werden. Wie bitter die Als Arbeitstiere können in allen preußischen Aemtern, bis in die Ministerien hinauf, auch solche Leute verbraucht werden, müßte sofort die Säuglingssterblichkeit wieder ansteigen Frauen ihre Gleichstellung mit den Unmündigen und Idioten die man sonst im blaublütigsten Hochmut mit Krethi und lassen und es wäre ein um so größerer Wahnsinn, eine Steige- empfinden, zeigte der Massenandrang zu den Kundgebungen. Plethi zusammenwirft. Gott, sie bekommen, wenn sie sich den rung der Geburten zu erwarten, wo man schon heute von Ueberall boten die Straßen um die Mittagsstunde ein völlig Rücken frumm geschuftet und geschustert haben, den Wirk- der Frau verlangt, sie solle die Gefahr der Schwangerschaft anderes Bild als an gewöhnlichen Sonntagen. Im„ Süd- Ost" lichen Geheimen Rat" und den Roten Adler III. Güte nachge- und der Entbindung häufiger auf sich nehmen, ohne daß man war schon längst vor der anberaumten Zeit der Saal bis auf den worfen, aber sie an die Quelle der politischen Macht heran- ihr eine ausreichende Pflege vor und nach der Geburt und legten Platz gefüllt. Um den immer stärker andrängenden Frauen lassen, das gibt es in Preußen einfach nicht, mag diese Quelle eine sorgenfreie Aufzucht des Säuglings zusichert. nach Möglichkeit Gelegenheit zu schaffen, der Veranstaltung beiguauch noch so bescheiden fließen. ,, Regierungsreferendar wollen Sie werden?" Jawohl, ich war auf dem Gymnasium Einschluß der Proletarierinnen eingeführt worden ist, find waltete rührig ihres hochverantwortlichen Amtes und sperrte frühUeberall im Ausland, wo das Frauenstimmrecht unter wohnen, mußten Tische, Stühle und Männer entfernt fverden. und doch reichte der Raum bei weitem nicht aus. Die Polizei stets der Erste, habe meinen Doktor summa cum laude ge- die günstigen Wirkungen eingetreten, die auch wir von der zeitig den Eaal ab. Im Jnteresse der Teilnehmer selbstverständmacht, meine juristischen Examina mit größter Auszeichnung Einführung des Wahlrechts erwarten. Das Ziel ist aber nur lich. Es ist rührend, wie besorgt die Behörden um das Wohl der bestanden, habe außerdem-"„ Schon gut! Schon gut! Korpsstudent gewesen?" Nein, ich hatte feine Zeit dazu." da errungen worden, wo sich die Frauen selbst mit aller Kraft Proletarier find. So kam es, daß Hunderte von Frauen nicht Reserveoffizier?"" Ich bin militäruntauglich."" Stand des dafür eingesetzt haben. Darum gelobten gestern die Prole- Einlaß fanden, obgleich ein zweiter Versammlungsraum noch leer Baters?" Briefträger." Bedaure, nichts zu machen!" Und tarierinnen- da von den Bürgerlichen doch keine nennens- stand. Aber der durfte nicht benutzt werden, dafür war angeblich worden wäre, versauert und verbauert als Amtsrichter hinter Stärkung der sozialdemokratischen Partei, die allein energisch Mitarbeit aufforderten, um Deutschland zu einem freiheitlichen der vielleicht ein genialer Organisator der Verwaltung ge- werte Unterstützung zu erwarten ist, unermüdlich für die feine Erlaubnis eingeholt. Während die Rednerinnen und Redner die Frauen zu regster wärts von Krotoschin, wenn ihn nicht ein gütiges Geschick in die Gleichberechtigung der Frauen vertritt, und für die Aus- Staat zu machen, wimmelte es in und außerhalb der Lokale von eine andere Welt schleudert. Daß der preußische Staat alle Elemente von sich stößt, die breitung der sozialistischen Ideen und der Arbeiterpresse zu Polizisten in Uniform und Zivil. In der Nähe der„ Arminhallen" nicht die vorschriftsmäßige Konfession und nicht eine feudalen Die Begeisterung, welche die Teilnehmerinnen be- ja, warum denn eigentlich? Offenbar nur aus Rüdsicht auf die waren zwei oder drei fliegende Polizeiwachen errichtet, um. Begriffen genügende Kinderstube" haben, hält er in seiner Beschränkung auch für ein Selbsterhaltungsgeheimnis feiner herrschte, wurde wesentlich durch das Gefühl gestärkt, daß am geplagten Untergebenen des Gewaltigen vom Alexanderplatz wurde Herrschaft. Wer alter Herr bei den Saroborussen ist, zu gleichen Tage in ganz Deutschland und darüber hinaus in fast die geplante Revolution in letter Stunde abgesagt, aber die Raisersgeburtstag als Beutnant der Gardeulanen herumläuft allen europäischen Staaten die Arbeiterinnen sich zum gleichen Frauen beschlossen ihre eindrudevolle Kundgebung mit dem une wirken. Die Versammlungen in Groß- Berlin. crschütterlichen Schwur, nicht zu rasten und zu ruhen, bis auch in Deutschland die drückenden Polizeifesseln gesprengt sind. In den Straßen deö O st e n S herrschte von 1 Uhr ab lebhafte Bewegung. In dichten Scharen zogen die Genossinnen, die sich in ihren Bczirkslokalen zusammengefunden hatten, nach den Versamm- lungssälcn. die sich in kurzer Zeit füllten. Der Andrang nach Obiglos Festsalcn in der Koppenstraße war sehr stark. Dem Er- suchen der Ordnerinnen folgend, blieben die Männer draußen. Als der große Saal überfüllt war, wurde im kleinen Saal eine zweite Versammlung veranstaltet. Die Polizei hatte ein sehr starkes Aufgebot nach der Koppcnstraße dirigiert, die von Hunderten von Männern, die in den von Frauen besetzten Sälen keinen Platz ge- sunden hatten, bevölkert war. Da die Polizei nur durch ihre Zahl, aber nicht durch Taten demonstrierte, so vollzog sich nach Schluß der Versammlung der Abzug der Massen ohne Störung. Nicht weit vom Versammlungslokal, an der Ecke der Frankfurter Allee und Petersburger Straße, wo die Heimkehrenden noch in einem dichten Zuge beisammen waren, wurde ein Mann, der ein Hoch auf das freie Wahlrecht ausbrachte, von einem der in mehreren Exemplaren in der Menge vertretenen Kriminalbeamten verhaftet, was natürlich lebhafte Entrüstung bei den Augenzeugen erregte. Brauerei K ö n i g st a d t. �2 Uhr. Schon längst ist der Saal überfüllt. Doch immer noch ziehen neue Scharen zum Ver- sammlungslokal. Züge bis zu 300 Personen fanden sich zusammen. Mehrere Damen in teuere Pelze gehüllt, schauen im Vorbei- fahren neugierig auf den Versammlungseingang zurück. Spieß- bürgerinnen, die zum Kaffeeklatsch gehen, sperren vor lauter Neu- gier und Verwunderung Mund und Ohren auf. Bor einem der Züge wanken drei Lumpcnprolctarierinncn, die Kleidung zerrisien, ihr Aussehen stumm und verzweifelt, an Leib und Seele gebrochen. Opfer unserer so herrlichen Gesellschaftsordnung. Stumpf ziehen sie am Lokaleingang vorüber. Doch hinter ihnen marschieren stolz und siegesbewußt die?lrbciterinncnbataillonc. Am W e d d i n g waren die„PharuSsäle" in der Müllerstraße das Ziel zahlreicher Frauen. In Gruppen, zum Teil zu Hun° derten im geschlossenen Zuge, zogen sie heran. Als die Versamm- lungSstunde näher rückte, war man sich einig, daß der große Saal in kürzester Frist bis zum letzten Platz � gefüllt sein würde. Da griff die polizeiliche Vorsehung ein. ES wurde gesperrt, obwohl nach gehörigem Zusammenrücken der Versammelten noch an zwei- hundert Stehplätze vorhanden gewesen wären. Und wir wissen, wie gern begeisterte Proletarier mit einem Stehplatz vorliebnehmen, wenn es gilt, das Evangelium des Sozialismus zu hören. Tie Hundertc von Frauen, die ausgesperrt im Garten standen und die zum Saalaufgang führende Freitreppe belagerten, zeigten aufs deutlichste ihren Willen, hinaus zu gelangen. Kein Protest, keine gütliche Vorstellung nutzte. Nur dazu ließ sich der blaue Cherubim herbei, soviel Frauen noch zuzulaffcn, als Männer, deren nur wenige im Saal waren, herauskämen. Einige Frauen erkämpften sich auch auf Hintertreppen oben einen Platz, bis auch hier die Polizei dazwischentrat. Und immer noch waren etwa 200 Frauen ausgesperrt. In den Passagc-Sälen in der Bergstraße(Neukölln) muhten mehrere Kriminalbeamte nach Aufforderung durch die Versammlungslcitung unter dem Gelächter der Anwesenden den Saal verlassen. Zu einem interessanten Zwischenfall kam eS nach den Versammlungen in Neukölln. Von der Kncsebcckstraße her bewegte sich ein Zug von 200 Frauen nach der Hermannstraßc, wo er auf einen gleich großen Trupp traf. Die Teilnehmerinnen begrüßten sich mit Hochrufen auf das Frauenwahlrecht und zogen dann ge- meinsam durch die Boddinstratze. Hier stellten sich ihnen mit Revolvern bewaffnete Polizisten entgegen und trieben einen Teil zurück. Ter Spitze des Zuges gelang es, in die Berliner Straße hineinzukommen. Der zurückgetriebene Teil gelangte durch Neben- straßcn ebenfalls in die Berliner Straße, und dort vereinigten sich beide Trupps wiederum. Als die Polizei von neuem anrückte, löste sich der Demonstrationszug freiwillig auf. Im Anschluß an die Charlottenburger Versammlung zogen die Teilnehmer nach dem Spandauer Bock zu, wobei sich die Polizei am Rathaus hindernd in den Weg stellte. Einige Genossen und Genossinnei» wurden verhaftet. Besorgt folgte die Polizei den Demonstrierenden bis zum Spandauer Bock, um sich zu er- eöelleute. Es ging mir zu wenig adlig zu unter meines- gleichen, darum komme ich zu euch. Annemarie von NathusiuS. Als die große französische Revolution schon ihre Schatten auf die rauschenden Prunkmahle deS ancien regime vorauswarf, schrieb ChodecloS de Laclos seinen berühmten Roman Oiaiscrn« Dangereuses, zu deutsch: Gefährliche Liebschaften. Rein äußerlich schien eS eins jener gewagten„galanten Bücher" zu sein, die der ganzen Zeit als Nervenkitzel dienten, aber in Wahrheit war eS ein unerbittlicher Sittenspiegel, der herrschenden Sippe vor die verzerrte grinsende Fratze gehalten. Mit unheimlicher Schärfe malte Laclos' Griffel diese hochfeudalcn GrandseigncurS des vorrevolutionären Frankreichs, die sich nur die eine Mühe gegeben haben, geboren zn werden, und die ihre schrankenlosen Vorrechte ausnützen, um sich in schrankenlosen Lastern zu wälzen. Eine entnervte und vcrmulte Gesellschaft ist eS, hohl bis ins Mark, ohne ethische Werte, ohne sittliche Antriebe, ohne Kraft und ohne Zu- kunft, willenlos hingegeben dem Stumpfsinn gemeiner und ge- meinster Vergnügungen und in ihres selbstsüchtigen HerzenS Leere nur darauf bedacht, den Tag und die Nachr möglichst„kavalier- mähig" todzuhctzen. Alles, was Geltung hat linier nicht ganz ver- dcrbten Menschen, Liebe, Freundschaft, Ehre. Tapferkeit, besudeln diese Autokraten Tag für Tag. Tie Frau ist ihnen nur Geschlechts- iieo» jagdbares Wild. Wer sich in die Oiauons Dangereuses versenkt, begreift, auch wenn er von dem tieferen Sinn des Jahres 1789 als einem Durchbruch der bürgerlichen Klasse durch die feudale Ordnung nichts ahnt, rein gefühlsmäßig, daß die große Sintflut kommen mutzte, um diesen eklen Menschenkehricht aus der Ge- Schichte hinauSzufchwemmen. An die Bedeutung der Liaisons Dangereuse» erinnert ein Buch, oaS Annemarie von NathusiuS eben unter dem Titel Ich bin das Schwert bei Carl Reitzner in Dresden hat er- scheinen lassen. Rein äußerlich auch ein Roman, ist dieses Werk ein Bekenntnisbuch und ein Kampfruf zugleich. Mag man über feine literarischen Eigenschaften streiten, auf jeden Fall lodert eine Flamme darin, die helle Flamme eines unbändigen Hasses...Ich will", bekennt die Verfasserin,„meinen Griffel in Blut tauchen und sie zeichnen, diese Herren meiner Heimat, sie sollen mich hassen, diese Mörder deS RechtS." Und weil eS ihr gelungen ist, ihren Griffel m warmeS LebenShlut zu tauchen, fei ihr Buch nicht als ein literarisches Ereignis— was ist alle papierene Literatur neben iicm strömenden Leben!—, sondern als eine politische Urkunde ge- wertet. Wa» dieser Sittenschilderung des preußischen Junkertums ein besonderes Gepräg« verleiht, ist, daß die sie gibt, dazu gehörte. Nicht ein Außenseiter, der, aus„jüdisch-demokratischen" Kreisen kundigen, ob hier etwa auch geredet wurde. Vor dem Gelächter der Anwesenden zog die heilige Hermandad schließlich ab. Der Frauentag im Reich. In allen Orten, wo eine namhafte Parteiorganisation besteht, fanden am Sonntag Demonstrationsveranstaltungen für das Frauenwahlrecht statt. Ueberall wird berichtet, daß der Besuch sehr gut und weit größer war als im Vorjahre. Ter Verlaus berechtigt zu den besten Hoffnungen für die rote Woche. Aus der Fülle der uns vorliegenden Privattelegramme können wir nur einige wieder- geben: Elberfeld. In Elberfeld und Barmen fanden zwei Versamm- lungen statt, die einen vorzüglichen Verlauf nahmen. Im Kreise Hagen-Tchwelm fanden Versammlungen statt: in Hagen, MewelS- dorf und Schwelm; weiter in Remscheid, woran sich auch Genossen aus Wermelskirchen, Ronsdorf und den umliegenden Orten bc- teiligten. Eine weitere Versammlung tagte in Velbert. Im Wahl» kreise Altena-Jserlohn waren ö Versammlungen einberufen. Leipzig. Hier gestaltete sich der Frauentag zu einer präch- tigcn Kundgebung für das Frauenwahlrecht. Schon äußerlich trat das in Erscheinung. Die Straßen nach dem Volkshaus, nach dem die Leipziger Genossen zwei Versammlungen einberufen battcn, waren trotz des Regens von Frauen belebt, die Straßenbahnwagen von ihnen dicht besetzt. Die beiden Versammlungen waren über- füllt, mindestens 3000 Personen hatten sich eingefunden. Dresden. Es fanden S Versammlungen statt, die von zirka 4000 Personen, meist Frauen, besucht waren. Der Besuch war ein wesentlich stärkerer als das letztemal. Zwischenfälle kamen nicht vor; nur eine Genossin wurde notiert. München. Der Frauentag wurde durch neun überaus stark be- suchte Versammlungen begangen. Die Resolution, die daS Frauen- Wahlrecht fordert, wurde überall einstimmig angenommen. Tie Versammlungen bilden eine prächtige Einleitung zu der roten Woche. Nürnberg. Eine Frauenversammlung in Fürth, die am Sonn- abend abend bei strömendem Regen stattfand, war von zirka 400 Personen besucht. In Nürnberg selbst werden am Montag- abend 11 Versammlungen abgehalten. Hannover. Es fanden zwei Versammlungen statt, die insgc- samt von 4—5000 Personen besucht waren, darunter die Mehrzahl Frauen. Zahlreiche Aufnahmen für den Wahlverein fanden stall und viele Abonnenten für den„Volkswillcn" wurden gewonnen. Die Polizei hatte eine außergewöbnliche Macht aufgeboten; die Massen brachen aber lediglich in ein stürmisches Gelächter aus, als sie die Menge Polizisten sahen. Magdeburg. Der Frauentag nahm einen eindrucksvollen Ver- lauf. In größeren Trupps zogen die Genossinnen der einzelnen Vororte nach dem Versammlungslokal und gaben dem Straßenbild ein besonderes Gepräge. Die Versammlung war von annähernd 2000 Frauen besucht. Der Frauentag im Rus!anK. (Privattelcgramme des„Vorwärt S".) Wien, 8. März!9l4. Wie alljährlich wurde der Frauentag auch diesmal von den sozialdemokratischen Parteien Oesterreichs freudig und machtvoll begangen. Von der deutschen Partei wurden diesmal in allen Ländern Fraucnversammlungen veranstaltet. In Wien, wo man sich sonst mit einer großen zentralen Versamm- lung begnügte, wurden diesmal 13 abgehalten. EL sprachen durch- gängig sozialdemokratische Abgeordnete und Gemeinderätc; in vier Versammlungen nahmen auch Frauen das Wort, um für den bürgerlia)en Stimmrcchtsvercin eine Solidaritätserklärung mit dem Kampf der Arbeiterinnen um das Frauenwahlrecht zu be- künden. An diesem Sonntag hatte auch die Wahl zu einer kaufmänni- scheu Angestelltenkassa stattzufinden. Die Wählerinnen benutzten die Gelegenheit, in geschlossenen Zügen zum Wähllokal zu mar- schieren. Im übrigen Niederösterreich wurden 34, in Lberöfterreich 7, in Salzburg 6, in Steiermark 33, in Kärnten 9, in Vorarlberg 3, in Böhmen 31, in Mähren 17 und in Schlesien 12 Versammlungen abgehalten. In Deutsch-Oesterreich kommen also zirka 200 Frauen- Versammlungen zusammen. Prag, 8. März 1914. Die tschccho- slawische sozial- demokratische Arbeiterpartei hielt in Prag im Hotel „Zentral" eine Frauenversammlung ab. Ter Abg. Genosse Nemec und die Genossin Machova. Redakteurin der Frauenzeitschrift „Zensth Lisi", sprachen. Außerdem fanden in Böhmen noch 38 Frauenversammlungen stalt. Erwähnenswert sind insbesondere die Persammlungen in Pilsen, Brüx, Bodenbach, Laua, Kladno, Tabor, Nimburz. Beraun, Junghunzlau, Königgrätz usw. Brünn, 8. März 1914. In Mähren wurden am Frauentag 20 Versammlungen abgehalten, die außerordentlich gut besucht waren. Die Demonstrationen in Brünn selbst war außerordentlich eindrucksvoll, der größte Saal der Stadt war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Genossin Luxemburg wurde ein Telegramm gesandt. Zürich, 8. März 1914. Am Frauentag in der Schweiz nähmen 29 Städte teil. Die Gesamtzahl der Teilnehmerinneu beträgt 4009. So waren in den Versammlungen anwesend: in Zürich 400, in Basel 600, in Bern 400, in. Genf 600. Alle Versammlungen waren trotz der schlechten Witterung gut besucht. Die Resolution enthält überall die Forderung des Fraucnwahlrechts, des Mutter- und Kinderschutzes, spricht ihre Sympathie der Ge- nossin Luxemburg aus und erhebt Protest gegen die Klassenjustiz. Amsterdam, 8. März 1914. In Holland wurden über 70 Versammlungen abgehalten. In Amsterdam litten die Straßen- umzüge unter großem Gußregen. Die Versammlung im großen Volkspalast war überfüllt. In den Versammlungen sprachen meist Frauen, wie auch zumeist Frauen anwesend waren. �* * Ein Glückwunsch. Sofia, 8. März 1914. Die sozialistischen Frauen Bulga- r i e n s senden herzliche Glückwünsche zu Euerem Kampfe für poli- tische Frauencechtc. Euer Frauentag fällt mit dem erbitterten Wahlkampfe Bulgariens zusammen, an dem sich die sozialistischen Frauen durch lebhafte Agitation für den Befreiungskampf deS internationalen Proletariat» beteiligen. T i na Kyrkow. politische Ueberftcht. Ruhe im Walde. T�er Kronprinz darf mit der bürgerlichen Presse zufrieden sein. An mehr oder minder versteckter Stelle findet sich die 5?achricht von der harten Verurteilung unseres Genossen Meyer zu drei Monaten Gefängnis. Um so ausführlicher und liebevoller beschäftigen sich die Herreit um Mosse und Ullstein mit der Anwesenheit des- hohen Herrn beim— Sechstagerennen! Wir erfahren genau, daß der Kronprinz zwei goldene Zigarettenetuis für das siegende Paar und zwei Paar goldene Manschettenknöpfe(mit Schließung eigener Erfindung?) für das zweite siegende Paar gestiftet bat. sowie von dem lebhaften Interesse, das er für diese Blüte unserer Kultur hegt. Und doch sollte man meinen, daß das Urteil gegen den„Vorwärts" für die gesamte Presse von großer Wichtigkeit sei. Handelt es sich doch um eine Art Justiz, die jede satirische Behandlung unmöglich tnachen würde. Traf das Urteil gegen Lettß die politische Kritik rein politischer Akte mit einer Härte, die sich nur durch die Absicht der Abschreckung erklären läßt, so geht das Urteil gegen den „Vorwärts" im Grunde genommen noch weiter: es verbietet auch jede indirekte und andeutungsweise Kritik. Ginge es nach dem Geiste dieser Justiz, so wäre eine andere als eine byzantinische Beschästigung mit dem Kronprinzen schwer mehr möglich. Aber eben deshalb läßt das Urteil die bürgerliche Preise kalt. Tie byzantinische Beschäftigung wird ja immer mehv die einzige. Seitdem der Kronprinz gar während der Zabern» affäre zu Mosse und Ullstein seinen Adsudonten gesandt hat, sind ja die.Herren so von Tank für diese Aufmerksamkeit erfüllt, daß ihnen nichts ferner liegt als der scharfe Protest, zn stammend, einmal einen flüchtigen Blick in das Treiben der ost- elbischen Herrenrasse werfen durste, schrieb diese erbarmungslose Anklage, sondern eine Junkersche selber, die, Kind eines Junkers, Gattin eines Junker», unter Junkern aufwuchs und lebte, bis der Widerwille sie trieb, aus einer Welt der Verlogenheit und Heuchelei zu fliehen. Anne Marie von NathusiuS— nennt man die besten Namen der konservativen Partei, so wivd auch der Name ZkathusiuS genannt. Der Großvater'Philipp von NathusiuS warf, als die Sievolution von 1848 mit dem feudalen Unrat des Mittelalters ein wenig aufzuräumen drohte, im..Voltsblatt für Stadt und Land" da» Banner des unverfälschten Krautjunkertums aus den Tagen der Köckeritz und Jtzenplitz auf. der Bater, Herr auf Ludom, war der bekannte„Kreuzzettungs"inann, der in den siebziger Jahren die Fronde der junkerlichen Ultras gegen den kapitalistisch verseuchten Bismarck führte— die berühmten „Neuen Äera"-Artikel waren von NathusiuS wenn nicht ge- schrieben, so doch inspiriert und zurechtgestutzt. Und eine Trägerin dieses hochkonservativen Ztamens kommt jetzt und bringt, um die Worte zu brauchen, die Heinrich Votz 1793 auf seinen.Junker Herd" anwandte,„eine Junkeridylle, die den Junkern wie englischer Senf in die Nase kribbeln wird". Eine Idylle freilich im Schmutz und in der Schande, denn die feudalen Herren, die uns mit Sporn und Peitsche regieren möchten, stehen aus dem Bilde, das diese gute Kennerin ihres Wesens ent- wirft, als eine durch und durch verfaulte Kaste da. Der einzelne ist vielleicht nicht einmal ein schlechter Mensch, aber die Klasse als solche ist so historisch überlebt, so inhaltslos, so in ihrer widerlichen Selbstsucht verkommen, das, was in dem einzelnen ihrer Mitglieder an edlen Keime» stecken mag, rettungslos erstickt wird..Tiere in Uniform und Gehrock" nennt Ann« Marie von Na t h u s i u s die Männer dieser„ersten Kreise". Sie haben sick? entwickelt.bei Drinkgelagen, beim Spiel, in schlechter Frauengesellschafi, im rohen, stumpffinnigen Frontdienst, mit irgendeiner konservativen Zeitung als einziger Lektüre, neben einigen Witzblättern und oher- flächlichen Romanen", sie sind leer und inhaltslos, für sie ist kein Kunstwerk entstanden, sie haben keinen Teil an den großen Zielen der Menschheit, für sie ist die Gretchsniragödie umsonst geschrieben. „Hatte mein Mann," fragt Anne Marie von NathusiuS, denn sie i st die Beate von Falkenhain, der sie die Geschichte in den Mund legt, Hatte mein Mann mich jemals aufgefordert, ihm in ein gutes Schauspiel, eine Wagneroper, zu folgen? Hatte ich bei ihm, der mir meine paar Bücher entwendete, jemals gute Lektüre ge- sunden 1 Sprachen meine Hrüder von anderen Dingen, als von Pferden, Wetten, Tennisturnieren, gesellschaftlichen Skandalen, beherrschte sie eine andere Leidenschakt als das Spiel und der gut gedeckte Tisch? Waren ihre Liebes- und Ehegeschichten nicht ein Hohn auf alle feinen, zarten, edlen Gefühle? Wurden ihre Frauen unter ihren Händen nicht zu Zerrbildern ihrer selbst, mit dirnenhaften Gefühlen und Gewohnheiten? Was wollten die wenigen Ausnahmen besagen? Aber sie wissen stramme Zucht zu halten, diese merkwürdigen Edelleutc. auf ihrer Klitsche wie aus dem Kasernenhof und sind skrupellose Ausbeuter eines gedrückten Landarbeiterproletariats, „Sklavenhalter dieser heimatlosen Arbeitstiere, die für besonder» guten Willen ein Glas Branntwein erhielten, um in einige» Stun- den der Trunkenheit ihr Elend zu vergessen, während der Herr Ka- Pannen aß und Pommery trank". Sie haben cven noch die Macht und sie nutzen sie unbedenklich, solange es geht— nach ihnen die Sintflut I Einen neuen Landrat soll der Kreis erhalten. Dann aber beileibe nicht den Herrn v. Gussow, der eine Ausnahme ist, denn er„baut," wie einer der Junker erzürnt hervorschnarrt,„seinen Arbeitern Paläste hin, wiegelt die ganze Landbevölkerung gegen uns aus mit seiner Polksverhätschelung", aber.Tammsdorf ist unser Mann! Der weiß, was dem Kreise gehört! Der ist für uns. für die Ritterschaft. Persteht auch zu repräsentieren. Ist KorvS- student gewesen, bei'ncm anständigen Rement gedient, ist im Hetz» klub und Wildsthutzverein, fährt seinen Biererzug wie kein anderer. Den brauchen wir." Und sie werden ihn schon durchsetzen, denn sie haben die Macht. In diesem Leben, das sich wie eine leere Leierkastcnmelodie ableiert, werden auch die Frauen dieser brutalen Herrenmenschen zu seelenlosen und wertlosen Geschöpfen. Nur als Geschlechtstiere betrachtet, mit Tand behängt, durch LuruS verwöhnt, bringen sie ihre Tage mit Klatsch und Modckram hin, und geraoe bei den temperamentvolleren und siäderen Naturen ist verbotenes Liebes- spiel und Ehebruch ein Stück Revolte gegen schmachvolle Satzung. Denn auch hier sind die Frauen Opfer. Die eine wird von ihrem Mann braun und blau geschlagen und die andere mit Syphilis angesteckt, der eine heiratet ein Komteßchcn mit„Vergairgenheit". weil sie Geld hat, und der andere sucht aus der Schande seiner Schwester bare Münze zu schlagen, und sind dabei alle tadellose Ehrenmänner, preußische Edelleute, Reserveoffiziere der Gardekavallerie, Stützen des Thrones und de» AltarS— Pfui Teufel! Die Frauen aufzurufen zu ihrem Befreiungskampf, hat Annemarie von NathusiuS ihr Buch geschrieben, aber auch um zum Kampf gegen die Tyrannei unserer Gesellschaftsordnung über- Haupt auszustürmen: Bekämpft sie ohne Unterlaß, Die Tyrannei auf Erden, Und heiliger wird unser Haß Als unsere Liebe werden. Aber wenn heute auckj noch diese Kämpfepin mehr zu Nietzsche als zum Sozialismus drängt, so wird ihp tiefere Einsicht in dat Problem. daS sich ihr aus aufrüttelnden Erlebnissen geformt hat, zeigen, daß dieses Problems Lösung nur im Sozialismus liegt. Wie auch die Sozialdemokratie ganz allein mit schonungsloser Schärfe den Kampf gegen jenes hochmütige und verfaulte Junker- tum führt, das die Tochter de»„Kreuzzeitungs'�ManneS mit so prächtigem Haß an den Pranger stellt. Karl Ludwig. dem sie eigentlich ihre»Prinzipien" verpflichten würden. Und bei der Geistesverfassung des deutschen Bürgertums, die selbst sowohl Ursache wie Wirkung dieser Art Journalistik ist. ist der Byzantinismus sa auch geschäftlich vorteilhafter als politische Kritik. Tie Arbeiter aber können daraus er- sehen, wie dringend notwendig es ist, daß sie Blätter� vom Schlage der„Morgenpost" aufgeben und alles daran setzen, .ihr Blatt, den ,.V o r w ä r t s", zu stärken! Ter beleidigte Reichstag und der schwerhörige Staatsanwalt. In der berühmten Gründungsversammlung des Preußen- bundes hat, wie erinnerlich, der Generalleutnant v. W ro ch e m die Liebenswürdigkeit gehabt, den Deutschen Reichstag als eine„gemischte Gesellschaft" und als eine„Rotte" zu be- zeichnen. Daß der Staatsanwalt, der für Beleidigungen des Dreiklassenlandtags oder gar des Kronprinzen ern überaus scharfes Ohr hat, in diesem Falle schwerhörig bleiben würde, war auf alle Fälle vorauszusehen. Wie wir jetzt erfahren, bat sich ein Herr das Vergnügen gemacht, rein der Wissenschaft halber— auf einen Erfolg hat selbstverständlich auch er nicht gerechnet— an die Staatsanwaltschaft eine förmliche An- zeige gegen den schimpffreudigen Preußengeneral zu richten. Er erhielt darauf folgenden Bescheid: Ihrem Antrage, gegen den Generalleutnant z. ST v. Wrochem wegen Beleidigung des Reichstages einzuschreiten, gebe ich keine Folge, da Generalleutnant v. Wrochem der Militärgerichtsbarkeit untersteht und die Staatsanwaltschaft nicht zuständig ist. UeberdicZ bedarf es zur Einleitung eines Verfahrens der Ermächtigung des Reichstages(§ 197 Strafgesetzbuches). Dieser ist aber bersammelt und somit selbst in der Lage, die geeigneten Anträge zu stellen, falls er eine Strafverfolgung wünscht, da der Vorgang, um den es sich handelt, der breitesten Oesfentlichkeit bekannt ist. Der Staatsanwalt scheint danach nicht einmal, wie es sonst in solchen Fällen üblich ist. die Anzeige an die zuständige Stelle weitergeleitet zu haben. Er inetnt, der Reichstag könne ja selbst Strafantrag stellen, d. h. er behandelt den Reichstag wie irgendeine beliebige Privatperson, der es überlassen bleibt, ihre Rechtshändel nach Neigung und Bedarf vor den Kadi zu bringen. Der Reichstag kann natürlich die Er- m ä ch t i g u n g zu einem Strafverfahren gar nicht erteilen, solange der Staatsanwalt sie nicht gefordert hat, Strafanträge zu stellen, ist aber nicht seine Sache. Nebenbei gesagt: die sozialdemokratische Fraktion hätte die Erteilung der Ermächtigung ftlbstverständlich abgelehnt, aber das kann für den Staatsanwalt doch nicht maßgebend sein. Denn die Konservat'ven, die auf den Schutz der Ehre und die Erhal- tung der Autorität so sehr erpicht sind, hätten doch wohl für die Ermächtigung stimmen müssen(oder etwa nicht?) und so hätte sich für sie möglicherweise sogar eine Mehrheit gefunden. Auf alle Fälle beweist die staatsanwaltliche Antwort, daß ein konservativer General den Reichstag nach Belieben be- schimpfen darf. Wagt aber ein oppositioneller Schriftsteller ein temperamentvolles Wort politischer Kritik gegen den Kronprinzen oder gegen das Dreiklassenhaus, dann ist der Staatsanwalt mst der Einleitung des Strafverfahrens gleich bei der Hand. Preußen ist nämlich ein Rechtsstaat, und vor dem Gesetz sind alle gleich.__ Tic Wirkung des Urteils. Karlsruhe, 8. März 1914.(Privattekegramm des„Vorwärts".) In Karlsruhe und P f o r z- heim sprach heute Genossin Rosa Luxemburg über Militarismus und Volksfreiheit. Tie Versammlungslokale waren die größten Säle am Platze, der Besuch war Massen- hast. Die Rede fand begeisterte Zustimmung. Freiburg(Breisgau), 8. März 1914.(P r i v a t t e l c- gram m des„Vorwärts".) Gestern sprach hier Genossin Rosa Luxemburg vor 4300 Perionen. Sie wurde von den Massen stürmisch begrüßt. Tie Rednerin erntete bei Schluß ihrer Ausführungen starken Beifall- Auslands G. m. b. H. Der von Ballin und Strescmann geförderte Plan der Grün» dung einer Deutschen Gesellschaft für Welthandel. die sich auf dem Zentralverband deutscher Industrieller und dem Bund der Industriellen aufbauen sollte, scheint endgültig gescheitert zu sein. Die verarbeitende Industrie hat offenbar dach ein Haar in einem Projekt gefunden, dessen Verwirklichung darauf hinaus- gelaufen wäre, sie zu willen- und einflußlosen Gefangenen der Herren der Kohle und des Eisens zu machen, die in der engsten, eben erst wieder im Preußischen Abgeordnetenhause neu befestigten Verbindung mit dem Bunde der Landwirte stehend, wesentlich an- dere Interessen verfolgen als die von dem Export ihrer Waren lebenden Fertigsabritanten. Nur mit dem Fehlschlagen der so vorsichtig und geschickt lan- zierten Idee läßt es sich erklären, daß jetzt eine Anzahl von Groß- industriellen des Westens sich zu einer„Auslands G. m. b. H." zusammengeschlossen haben. Die„klangvollsten" Namen findet man hier beieinander: Baare(Bochum), den Kruppdirektor Hugenverg(Essen), Emil Kirdorf, Müser(Dortmund), Ludw. Röchling(Völklingen), Hugo S t i n n e s und andere. Di« Art, wie diese Leute die Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen Deuischlands zum Auslande verstehen, ist bekannt. Ihnen geht eS darum, mit Hilfe der Hochhaltung der Preise ihrer Produkte im Inland auf fremden Märkten konkurrenzfähig zu bleiben und sich gleichzeitig den Absatz in Territorien, die eben erst in den Bereich dar kapitalistischen Wirtschaft eintreten, durch das Aufgebot der Machtmittel des Deutschen Reiches zu sichern. Organisieren sie sich noch besonders, um den Außenhandel zu poussieren, so ist dieses Beginnen aus den verschiedensten Gründen geeignet, unsere Besorgnisse zu erwecken. Ter Reichsverband gegen die rote Woche. Wo alles schimpft, da darf der Reichsverband gegen die Sozial- demokratie nicht fehlen, und so haben sich seine Macher entschlossen, ein Flugblatt herzustellen, das sich mit der Roten Woche befaßt. Dieses Flugblatt kommt reichlich spät, denn die Rot« Woche wird vorbei sein, bis es in die Hände seiner Interessenten kommt. Die ganze Tätigkeit des Reichsverbandes besteht seit langer Zeit darin, daß er übex alle möglichen Dinge ein Flugblatt herstellen läßt. Damit will er seinen Geldgebern zeigen, welch„rührige Tätigkeit" er entfaltet. In Wirklichkeit werden seine Flugblätter ganz außer. ordentlich wenig verbreitet.. Zar Desertion getrieben. Vor dem Kriegsgericht der Ii!. Division in Neiße stand wieder einmal einer jener militärischen Vorgesetzten, die es als eine ihrer Hauptaufgaben betrachten, die ihnen zur Ausbildung übergeben«» Rekruten bis zur Verzweiflung zu peinigen. Der Kanonier K u s i ck von der 6. Batterie des Fußartillereie-Regiments Nr. 6 aus Neiße wurde neben den übrigen Rekruten der Korporal-' schaft von dem Obergefreiten K. seit dem Tage des Dienstantritts nach allen Regeln der Kunst geschliffen. Fast täglich wurden die Rekruten um die Tische h e r u m g e j a g t, mutzten auf Be- fehl des Obergefreiten unter die Betten kriechen, dort sehr lange liegen bleiben oder über die Schemel bis zur Ermattung springen, auf die Spinden klettern und dort essen; auch wurden sie wiederholt geprügelt. Wenn der Obergefreite seine Untergebenen drillte, stellte er regelmäßig einen Posten vor die Tür, um dabei nicht überrascht zu werden. Am aller- schlimmsten Hatto unter den Mißhandlungen der Rekrut K u s i ck zu leiden, auf den es der Obergefreite ganz besonders ab- gesehen hatte. Eines Tages'erreichten die Schikanen einen solchen Höhepunkt, daß Kusick sich mit seinem Brotmesser die Pulsadern aufzuschneiden versuchte. Als K. zu Weihnachten auf Urlaub fuhr, kehrte er nicht mehr zum Regiment zurück, sondern d e s e r- ticrte nach dem Ausland, nachdem er sich eine größere Summe Geldes besorgt hatte. In Briefen an seine Angehörigen gab er als Grund die fortgesetzten Mißhandlungen an. Die angestellten Ermittelungen bestätigten die Richtigkeit der An- gaben und führten zu einem Prozeß gegen den Soldatenschinder und den Rekruten-Unteroffizier des K. Beide bestritten natürlich ihre Schuld und brachten auch einen Soldaten als Zeugen auf, der nichts von der schlechten Behandlung der Rekruten gemerkt haben will. Da der Verdacht vorlag, daß die beiden Angeklagten einen Meineid geleistet hatten und der Zeuge dazu verleitet worden ist, standen alle drei auch deshalb unter Anklage. Wegen Mangel an Beweisen erfolgte aber Freisprechung. Wegen Mißbrauchs 0er Dienstgewalt, durch die der Rekrut Ä. zur Fahnenflucht getrieben wurde, und vorschriftswidriger BeHand- lang wurde der Obergefreite nur zu 2 Monaten Gefängnis, der Rekruten-Unteroffizier wegen mangelhafter Boaufsichtt- gung zu 14 Tagen Mittclarrest verurteilt. So billig dürfte der durch die Mißhandlungen zum Deserteur gewordene Rekrut nicht davonkommen, wenn er jemals wieder in feine Heimat zurückkehren würde. Minifterkrise in Italien. Rom, 8. März.(P r i v a t t e I e g r a m m des„Vor- wärt s".) Die radikale Fraktion der Zdammer beschloß einstimmig, gegen das Ministerium G i o l i t t i Stellung zu nehmen. Dies zwingt auch die radikalen Minister Sacchi und Credaro zum Rücktritt. Infolgedessen wird der Ministerrat zu- sammentreten und die Demission des gesamten Ministeriums beschließen. Die Situation entbehrt der Klarheit, da durch die Entstehung der Krise kein Fingerzeig siir oen etwaigen Nachfolger gegeben ist. Denn Giolitti behielte auch ohne die radikale Unter- stützung in der Kammer eine Mehrheit. Er bleibt also Herr der Situation. Trotzdem dürfte er kaum die Neubildung des Ministeriums übernehmen. Vielmehr wird eine Orientierung na ch rechts mit S o n n i n o oder S a l a n d r a als Minister- Präsidenten erwartet. Die Lösung der Krise wird sich ziemlich langwierig und schwierig gestalten. Generalstreik in Rom. Rom, 8. März. Die hiesigen Zeitungen geben bekannt, daß sie infolge des für morgen wegen Mängeln im Krankenfürsorgc- Wesen proklamierten Generalstreiks nicht erscheinen werden. Die Wahlen in Bulgarien. Sofia, 8. März. Unier großer Beteiligung fanden heute im_ ganzen Lande die Parlamentswahlen statt. Zwischenfälle sind nicht vorgekommen. Kolumbien und Venezuela. Bogota, 8. März. Venezolanische Soldaten haben die Grenze überschritten. Die Regierung beauftragte ihren Geschäftsträger in Caracas, formell hiergegen Einspruch zu er- heben, Bestrafung der Schuldigen zu verlangen und der venezolanischen Regierung mitzuteilen, daß, wenn die Grenzver- letzungen fortdauern sollten, die Behörden von Co- lumb'.a die notwendigenMatznahmen ergreifen würden. Ms Groß-öerlin« fta'e Werk! Nicht nur für den. in dessen Fron Ihr steht, sollt Ihr, Arbeiter und Arbeiterinnen, heute, am Ansang der Woche, EuerJTagewerk aufnehmen! Sonst gleicht Euer Leben dem eines Lasttieres, das un- bewußt und willenlos einhergeht und seine Arbeit verrichtet. Es entbehrt der höheren Weihe. Aber heute sollt Ihr über Euer Tagewerk in dieser Welt der kapitalistischen Ausbeutung hmausfchauen! Ihr sollt erkennen, daß Ihr mit Eurer Familie, Euren Brüdern und Schwestern, mit Millionen Eurer Klassengenossen in einer Well des Widerspruches lebt, die Euer Dasein zur seelischen und körperlichen Qual macht. Der Sozialisinus sagt Euch, daß die höchste Pflicht des Menschen in d?r Teilnahme an der gesellschaftlichen Arbeit besteht. Die Tausende der arbeitslosen Männer und Frauen, die mit ihren Angehörigen hungernd dahinleben, sind aber aus dem Produktionsprozeß ausgeschaltet, weil die kapita- listische Produktionsweise in ihrer Anarchie zur Regelung der gewaltigen Produktivkräfte längst unfähig geworden ist. Wie durch ein blindes Schicksal werdet Ihr durch die Krisen zer- malmt, wird Euer Dasein abhängig von den Zufällen des Marktes, werdet Ihr selbst— lebendige Menschen— zu War?n herabgewürd'gt! Von den Sklaven des Altertums unterscheidet Euch aber eines: Ihr und die Millionen Eurer Genossen könnt Euch er- füllen mit dem stolzen Bewußtsein, daß eine bessere Zukunft Euer sein kann. Aber Ihr selbst müßt die Werkmeister Eures Schicksals werden! Aufraffen müßt Ihr Euch, Eure Energie anspannen, selbst Eure Befreiung erringen! Werft ab die feige Verzagtheit und unwürdige Rücksichtnahme! Er- wacht aus Eurer Gleichgültigkeit! Haltet keine Gemeinschaft mit denen, die zu Verrätern an Euch geworden sind und sich für die Zwecke der Herrschenden gebrauchen lassen. Schließt Euch an der sozialistischen Arbeiterbewegung, die die be- ginnende Wirktagswoche zu einer Woche der Vermehrung der Kämpfer, zu einer Sammlung ihrer Kraft gestalten will. Auf Euch, Arbeiter und Arbeiterinnen, die Ihr von den hohen Zielen des Menschheitswollens bisher noch nicht er- griffen ward, rechnen wir. die wir im Kampfe um Eure Be- freiung stehen, um Euch mit aufzunehmen in den Bund des Kampfes zur Besserung Eures Loses. Auf Euch hoffen wir, weil uns mit Euch das gemeinsame Los derbindet. weil Win Eure Kraft und Euer Hirn brauchen, um gemeinsam siegen zu können. T ä u f ch t unsere Hoffnung, täuscht Euch selber nicht! Werdet unser!_ Sieg bei der Kaufmannsgerichtstvahl. Bei der am Sonntag in Lichtenberg stattgefundenen Wahl der Gehilfenbeisitzer erhielten: Liste 1(Antisemiten) 70 Stimmen, Liste 2(Leipziger) 16 Stimmen, Liste 3 lZ c n t r a lv e r b a n d> 7 0 Stimmen. Liste 4(Deutsche Kaufleutc) 17 Stimmen, Liste ö (HilsSverbcmd) 12 Stimmen und Liste 6(S3er) 42 Stimmen. Es erhalten der Z e n t r a l v c r b a n d 3, die Antisemiten 2 und der 58er Verband 1 Beisitzer, die anderen Listen fallen aus. Auch dieses Resultat ist ein Zeichen des Fortschreitens des gewerkschaftlichen Gc- dankens unter den Handlungsgehilfen. Der Zentralverband der Handlungsgehilfen kann auf diesen Sieg stolz sein. Gemeinbewahlsiege. Bei den gestern in Britz sialtgefundcncn Eemeindsbertreicr« Wahlen siegten unsere Kandaditen im Südbezirk wie im Nordbezirk mit überwältigender Mehrheit. Im Südbezirk wurde das Mandat durch den Genossen G u t s ch m i d t mit 3 3 6 Stimmen gegen den Bürgcrvereinskandidaten, der 90 Stimmen erhielt, behauptet. Im Nordbezirk wurde der Genosse Alfred Schröder mit 493 Stimmen gegen den bürgerlichen Wiesang, der 22 Stimmen er» hielt, gewählt. Dieser Bezirk war bisher durch den Bürgerlichen Grau vertreten. In Glienicke(Nordbahn) endete die gestrige Gemeinde- verteterwahl mit dem Siege unseres Genossen Max Krause, der 5 2 Stimmen erhielt, gegen den Bürgerlichen, auf welchen 35 Stim» mcn entfielen. *» * In Pankow hat die Gemeindebertretenwahl in der 3. Ab» teilung, die gestern ihren Anfang nahm, unserer Partei über- raschende Erfolge gebracht. Es erhielten Stimmen: Sozial- Bürger- demokrateu lilba Im 1. Bezirk... 300 252 .. 2...... 740 69 „ 4...... 852 105 Bei der Fortsetzung der Wahl am heutigen Tage(in der Zeit von 12 Uhr mittags bis 7 Uhr abends) muß das so gut begonnene Werk mit vollem Erfolg beendet werden. Namentlich im 1. Bezirk, wo heute von den bürgerlichen Wahlmachern der Terror gegen die Beamten und abhängigen Wähler voll einsetzen dürfte, mutz auch der letzte proletarische Wähler am Wahltisch erscheinen, um die bürgerlichen Hoffnungen auch in diesem Bezirk zu Wasser zu machen. Schlepplokale sind: Für den 1. Bezirk bei Mücke, Grunowstraße Ecke Schulstraße: für den 2. Bezirk bei Busch, Kaiser-Friedrich. Slraße 19; für den 4. Bezirk bei Wendt, Wollankstraße Ecke Görsch- straße. Auch in Nieder schönhausen gewann bei der gestrigen Wahl der dritten Klasse unser Kandidat, Händler Paul D u m s ch, am ersten Tage einen kleinen Vorsprung vor dem bürgerlichen Kandidalen; um ihn aber zum Siege zu bringen, ist es nötig, daß heute, Montag, am zweiten Wahltag, alle Parteigenossen und Gc- nossinne» sich schon nachmittags zur Wahlarbeit zur Verfügung stellen. Die Bürgerlichen machen alle Anstrengungen, um ihren Kandidaten durchzubringen. Schlepplokal ist bei Rettig, Blanken- burger Straße 4. Dienstags wählt die zweite Wählerklasse, Kan» didaten sind die Genossen Gemeindevertreter Friedrich Breit- mann und Wert Müller. Ei» flüchtiger Direktor. Nach großen Veruntreuungen flüchtig geworden ist der 40 Jahre alte Direktor D. aus der Hauptstraße zu Schöneberg. D. war seit sechs Jahren Direktor einer Biervertriebs-Aktien- Gesellschaft. Am Freitag ging er aus seiner Wohnung weg, um das Geschäft aufzusuchen, traf dort aber nicht ein. Als seine Frau davon erfuhr, machte sie sofort eine Vermißtanzeige, da sie glaubte, daß ihrem Manne etwas zugestoßen sei oder dieser infolge seiner großen Nervosität planlos umherirre. Auch im Geschäft konnte man sich sein Verschwinden zuerst nicht erklären. Als man aber die Bücher prüfte, ergab sich, daß er in der letzten Zeit un- gefähr 50 000 Ml. veruntreut hatte. D. soll sich in Sockiilationen eingelassen und dabei viel Geld verloren haben. Eine Stellmacherei in Flamme«. Ein gefährlicher Brand kam gestern nrorgen in der Siemens- straße 12 in der Wagenhandlung von W. Schumann zum Ausbruch. Als man die Gefahr kurz nach 4 Uhr bemerkte, stand die im Erd- geschoß deö ersten Ouergebäudes liegende Stellmacherei schon voll- ständig in Flammen. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle und griff sofort mit zwei Schlauchleitungen ein; trotzdem dauerte es fast eine Stuirde, ehe das Feuer erstickt war. Die Stellmacherei ist mit allem Inhalt an Hölzern, Regalen, Wagen, Hobelbänken, Rädern usw. ausgebrannt. Der Schaden ist beträchtlich und trifft den Inhaber der Wagenhandlung um so mehr, als er nicht versichert ist. Ueber die Ursache des Brandes konnte nichts ermittelt werden. Dnrch eine abstürzende Biertonne zu Boden geschmettert. Das Opfer eines verhängnisvollen Unglücksfalles wurde der Bierfahrer Albert Schultz von der Schultheih-Braucrei. Sch. hatte vor dem Grundstück Brehmestraßc 55 Biertonnen abgeladen. Dabei stürzte eine der schweren Tonnen vom Wagen herunter und traf den Sch. so unglücklich, daß er aus dem Bürgersteig zusammenbrach. In schwerverletztem Zustande wurde der Verunglückte nach dem städtischen Krankenhause gebracht. Das Mortvrium der politischen Gefangenen in Rußland wird der Gegenstand des bereits angekündigten Vortrags des Schrift- stellerS Ulrich Rauscher sein, der am 13. März im B l ü t h- n e r s a a l stattfindet. Der Vorverkauf hat bei sämtlichen Filialen von A. W e r t h e i m begonnen. Dia Ltchtbtlver, die den Vortrag begleiten und die durch jährelange Bemühung gesammelt wurden, werden die Kriegsgefangenen des russischen politischen Kampfes durch alle Etappen ihres Elend« begleiten: Sie zeigen die Kerker deS europäischen Rußlands, sie leuchten in die unterirdischen Höhlen einer fast unverständlichen Grausamkeit, sie schildern den Leidensweg über die endlosen Entfernungen der sibirischen Ver- bannungSorte. sie zeigen schließlich den VerMeiflungskampf mit dem Elend der Deportation und die Opfer der heldenhaften Protest- Selbstmorde. Kohlenstaubexplosion. Lubm, 8. März. In einer hiesigen Grube hat eine Kohlen» staubexplofion stattgefunden, bei der ein Arbeiter getötet und drei leicht verletzt wurden. ben unlauteren Wettbewerb verstoßen hat. Boraussetzung für Die Urteilsbegründung in der Klage die Anwendbarkeit des Wettbewerbsgesetzes ist die Behauptung der ,, Volksfürsorge" gegen die fogenannte gemeinnütige Deutsche Volksversicherung wird von der bürgerlichen Presse veröffentlicht. Es handelt sich bekanntlich um eine Klage auf Unterlassung der Behauptung, daß die Mittel der Volksfürsorge" für sozialdemokratische Zwede verwendet würden. Die Klage stützte fich auf das Gefeh gegen den unlauteren Wettbewerb. Die Kammer für Handelssachen beim Landgericht II in Berlin wies am 16. Februar d. J. die Klage ab. In der jetzt zugeftellten Begründung heißt es: „ Die Klägerin wird mit der erhobenen Klage abgewiesen und verurteilt, die Kosten des Rechtsstreits zu tragen. Die Beklagte hat sich mit zwei Flugblättern an die nationalgefinnten Kreise gewandt, um sie vor der Versicherung bei der Alägerin zu warnen. Die Klägerin wird als sozialdemokratisches Parteiunternehmen bezeichnet. Bei diesem Unternehmen," jo heißt es in dem einen Flugblatt, werden die Gelder letzten Endes dazu dienen, der Umsturzpartei einen neuen starken Kriegeschah im Stampfe gegen den Gegenwartsstaat zu schaffen. Die Beklagte hat ihre Behauptungen zu Zwecken des Wettbewer= bes aufgestellt; es steht in Frage, ob sie gegen das Gesch gegen herbeiführen. Daß die Versicherungsgesellschaften der staatlichen Aufsicht unterstehen, weiß das Publikum. Die Behauptung der Beklagten würde daher, wenn sie den Sinn hätte, den die Klägerin vermutet, bei dem Publikum schwerlich Glauben finden. Dieser Umstand spricht dafür, daß die Beklagte nicht ettva auf die angebliche Absicht der Klägerin zur Begehung gesezwidriger Handlungen hat hinweisen wollen." oder Verbreitung von Tatsachen. Unstreitig richtig ist die Behauptung der Beklagten, daß die Leiter der Klägerin sozialdemokratische Führer sind. Das Uebrige entzieht sich der Nachweisbarkeit und ist daher nicht als Behauptung von Tatsachen anzusehen. Allerdings würde die Behauptung einer Tatsache vorliegen, wenn die Auslegung zutreffend wäre, die die Klägerin der Behauptung gibt, daß nämlich behauptet werde, die Leiter der Klägerin hätten die Absicht, die Gelder der Versicherten ihrem Zwecke zu entfremden, d. H. zu veruntreuen. Die Sozial. Säte wie der, daß die„ Volksfürsorge" um deswillen ein sozialdemodemokratie ist genötigt, bei ihrem Kampf um die Neugestaltung fratisches Parteiunternehmen genannt werden darf, weil ihre Leiter der Staats- und Gesellschaftsordnung sich der Machtmittel der Führer der sozialdemokratischen Partei find, können doch wahrlich gegenwärtigen Gesellschaftsform zu bedienen, so der Autorität keinen Anspruch auf juristische Haltbarkeit machen; ebenso- ganz und der Geldansammlung. Diese Machtmittel sind es, die die höflich gesagt unglaublich mutet der Satz an, daß auch dann von Beklagte als Kriegsschat bezeichnet. Sie können ganz im Rah einer Verwendung der Gelder der Versicherung zu sozialdemomen der bestehenden Gefeße zur Bekämpfung der heutigen Gekratischen Zweden geredet werden könne, wenn diese Gelder als sellschaften vertvendet werden. Man merkt es dieser Begründung an, wie sauer es dem Gericht geworden ist, die„ Volksfürsorge" mit ihrer Klage abzuweisen. Was insbesondere die bei der Klägerin eingehenden Ver- Darlehen an Gemeinden gegeben werden, weil damit der ficherungsprämien anbetrifft, so können die Gelder B. in Einfluß der sozialdemokratischen Führer als Gläubiger der Gemündelsicheren Hypotheken auf Gebäuden, die den Zwecken der meinden steige. Wenn sich ein richterliches Urteil zu derartigen Sozialdemokratie dienen, angelegt werden. Sie können aber gewagten Spekulation versteigen muß, dann kann es um die auch zur Hingabe von Darlehen an Gemeinden verwendet wer- Richtigkeit des Urteils nicht allzu gut bestellt sein. Hoffentlich findet den und so durch die Eigenschaft der Klägerin als Gläubigerin sich ein Obergericht, das dieses Urteil aus der preußischen Rechteine Stärkung der Sozialdemokratie gegenüber den Schuldern sprechung beseitigt. In der Einheit liegt die Macht! Wehrlos wäre die Arbeiterklasse, gäbe ihr nicht die Zusammenfassung ihrer Kräfte Stärke und Macht. Darum ist es Pflicht jedes Arbeiters, sich seiner politischen und gewerkschaftlichen Organisation anzuschließen, um aktiv und mit aller Energie teilzunehmen an dem großen Befreiungskampfe seiner Klasse. Tretet ein in die sozialdemokratischen Wahlvereine, werdet Abonnenten des Vorwärts". Theater. Montag, den 9. März 1914. Anfang 12 Uhr. Kgl. Opernhaus. Sinfonie- Matinee. Anjang 6 Uhr. Cines Palast am Zoo. VarietéLichtspiele. Lichtspiele. Aniana 6 br. Cines Nollendorf- Theater.Varietés Anfang 7, Uhr. Kgl. Overnhaus. Sinfonie- Konzert. Kgl. Schauspielhaus. Geschlossen. Deutsches. Ein Sommernachtstraum. Zirkus Busch. Galavorstellung. Zirkus Schumann. Galavorstellung. Anfang 755 Uhr. Metropol. Die Reise um die Well in 40 Tagen. Anfang 8 Uhr. Urania. Dir. Fürst: Hochspannung. Hörsaal 8 Uhr: Konftr.- Ingenieur A. Kepner: Eisen- und Metallgießerei. Deutsches Opernhaus. Martha. Kammerspiele. Wetterleuchten. Leiing. Pygmalion. Deutsches Künstler; Theater. Der Bogen des Odysseus. Neues Operntheater( Krom). Vaterland. Trianon. Er und der Andere. Komödienhaus. Kammermusit. Theater an der Weidendammer Brücke. Reformtänzerin. Theater am Nollendorfplatz. Prinzeß Gretl. Königgräßer Straße. Die Kronbraut. Lustspielhaus. Die spanische Fliege. Schiller O. Das Glüd im Winkel. Schiller Charlottenburg. Maschinenbauer. Theater des Westens. Bolenblut. Montis Operetten. Jung- England. Berliner. Wie einst im Mai. Kleines. Jettchen Gebert. Thalia. Die Tangoprinzessin. Residenz. Der Regimentspapa. Friedrich Wilhelmstädtisches. Fräulein Trallala. Rose. Maschinenbauer von Berlin. Kajino. Die olle Webern. Herrnfeld. Die von oben und unten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Apollo. Der Stolz der 3. Stompagnie. Anfang 8 Uhr. Quisen. Unser Junge. Walhalla. Tangofieber. Folies Caprice. Café Pingsheim. Der Heiratsgraf. Meyersteins. Anfang 8, Ulbr. Neues Volks Theater. Courtes line- Abend. Anfang 9 Uhr. Admiralspalaft. Die lustige Buppe. Berliner Eispalast. Im Krug zum grünen Sanze. Cines Nollendorf- Theater.Varietés Lichtspiele. Sternwarte, Invalidenstr. 57-62 D. R. Metallotdbrücken( R) Billigster, nicht herausnehmbarer. Zahnersatz. Adeinvertrieb für ganz Groß- Berlin. Mod. Zahnkunst, Neukölln, Bergstr. 156 Kutzer, Chartottenburg, Kantstr. 49. Deutscher Arbeiter- Stenographen- Bund ( System Arends). Mitgliedschaft Groß- Berlin. Neue Anfänger- Kurse beginnen: Charlottenburg: Freitag, den 13. und 20. März, abends 8, Uhr, bei Thelen, Kaiser- Friedrich- Str. 45b. Moabit: Dienstag, 10. u. 17. März, 81, Uhr, bei Baersch. Oldenburger Str. 10. Neukölln: Dienst., 10. u. 17. März, 84, I., bei Stubli, Hermannstr. 75, E.Leinestr. Norden: Montaa, 9. u. 16. März, 8%, Uhr, bei Döhling, Brunnenstr. 79. Reinickendorf- Ost: Freitag, 18. u. 20. März, 8, 1., bei Brüdner, Provinzstr.74. Osten: Sonntag, 8. u. 15. März, vorm. 10 Uhr, bei Fölsch, Petersburger Str. 7. Osten: Dienstag, 10. u. 17. März, 81, Uhr, bei Plöger, Stoppenstr. 34. Südosten: Sonntag, 8. u. 15. März, vorm. 10 11., b. Bieberstein, Adalbertstr. 59. Treptow: Dienstag, 10. u. 17. März, 8, Uhr, bei Hauser, Graeßstr. 68. Schöneberg: Dienstag, 3. u. 10. März, 8%, Uhr, bei Maiwald, Bahnstr. 33. Schöneberg: Donnerstag, 5. u. 17. März, 8, U., b. Schubert; Belziger Str. 60. Wedding: Sonntag, 8. u. 15. März, borm. 10 Uhr, Donnerstag, 12. und 19. März, 8%, Uhr, bei Barleben, Burgsdorfftr. 13, Eing. Willdenowstr. Das Kursusgeld beträgt, Lehrbuch und Schreibhefte inbegriffen, 3,50 M., für Teilnehmer unter 18 Jahren 2,50 M. 283/ 5* Anmeldungen erfolgen am besten in den einzelnen Lokalen zu Beginn des Unterrichtes. 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März verflarb unser Genoffe, der Tapezierer Carl Rabe, am Stromstr. 10 a. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Dienstag, d. 10. März, nachmittags 2 Uhr auf dem Städtischen Kirchhof, Müller Ede Seestraße, statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Verband der Tapezierer Orisverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Carl Rabe am 6. März nach langen schweren Leiden gestorben ist. am Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Dienstag, den 10. März, nach mittags 2 Uhr, auf dem städtischen Friedhof Müller- Ede Seestraße statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. Stoffe eleg. Massanzüge, Paletots Meter 4.-, 6.-, 8-. M. Damen- Kostümstoffe Meter 3.-, 5.-, 7.- M. original englische Stoffe Meter 8.-, 10.-, 12.- M Loden für Pelerinen, Anzüge Meter 2., 3., 5.- M. Reste günstigste Kautgelegenhelt Tuchlager Koch& Seeland G. m. b. E Gertraudtenstr. 20-21 vis- à vis der Sierzu 1 Beilage. Petrikirche. Nr. 67. A. Illhrglwg. KeilU de» Jrarätt»'' Kerlim Wldsdlill Montag. 9. Marz l9!4. Der vornehmste Rock. Einlegen!— Spucknapf ausfaufen V Die Rote Woche! Ne, ne, hier kündigt sich nicht an Ein Stapel der famosen Dezenten Anterhosen, Noch sonst verschiedne Leinendinge, Die man für neunzig Kupferlinge Nach Kaufe tragen kann. Nicht für die Warenhausetagen, And die gesegneten Plantagen, Auf denen man Annoncen baut, Wird heut die Werbetrommel laut— Nun kommt, ob auch die Polizei, Der Klerisei und Junkerei Das Äerz im Leibe poche, Für euch, ihr Männer vierten Stands, „Objekte" eures Vaterlands, Die herbe, derbe Werbezeit Für eure Kraft und Einigkeit— Es kommt die Rote Woche! Die Wochen sind im deutschen Gau Mal schwarz, mal blau Mal schwarz und blau, Mal Kröcher und mal Roeren— Das sind so die Kulören. Euch ist der Kampf! Die Trommel schlagt 3u kräft'ger Werbemesse! Beratet, tagt und höher tragt Das Banner eurer Presse! Ihr seid vereinzelt ohne Wehr, Doch als der Vielen brausend Meer Seid ihr der Zeiten Wender! Drum sammelt auch die kleinste Kraft, Schließt jede Lücke, die noch klafft 5lnd sprengt in den Kalender Der blau und schwarzen Bürgerschaft, Ob sie vor Zorn auch koche, Die purpurrote Woche! st***. Die Boa. Von Stefan KrzhwoszewSti. Frau Rätin hatte bei Mittag nach zwei Tellern Tomatensuppe eine ansehnliche Portion fettes Hammelfleisch gegessen und fühlte jetzt eine bleierne Schwere im Magen. Der Rat mutzte, datz der erschwerte Verdauungsprozetz schlecht auf die Laune seiner Gattin wirkte. Als er im Korridor die Stimmen der Kinder hörte, erhob er sich eilig vom Sessel. Sophie, ein fünfzehnjähriger Backfisch mit heuchlerisch schüchternem Blick, war im Begriff, mit dem Bruder, einem blassen, hageren Gymnasiasten, einen Spaziergang zu machen. Er begleitete sie gern, seitdem der blutjunge Graf ZgrzelSki, der Renommier- aristokrat aus der Prima, in sie verliebt zu sein schien. Sophie hoffte, ihm auch heute auf der Krakauer Vorstadt zu begegnen. Sie rückte ihren Hut vor dem Spiegel zurecht, das bescheidene Jackett schien sie aber nicht zu befriedigen...Bleibt nur nicht zu lange fort!" ermahnte der Rat, wie gewöhnlich. Sophie hatte inzwischen unbemerkt die Federboa ergriffen, die vor dem Spiegel lag und verschwand damit; durch die Tür rief sie: „Auf Wiedersehen, Väterchen!" Der Gymnasiast half der Schwester, die Boa umzunehmen. „Du darfit aber vor Zgrzelski nicht verraten, datz die Boa Mama gehört!" sagte Sophie.„Sie steht mir doch gut?" „Ausgezeichnet!" Der Rat begab sich nach dem Speisezimmer. Am Fenster sag ein junges Mädchen, das schneiderte. „Sie sind so fleißig, mein Fräulein. Lohnt es, sich die Finger wegen eines Rubels wund zu nähen? Das ist gut für alte und hätzliche Frauen. Mein Ehrenwort! Wenn Sie nur wollten..." Er beugte sich über das blasse Mädchen. Sie wich ohne Ent- rüstung zurück, als wäre sie an ähnliche Anerbictungen gewöhnt, und erwiderte: „Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, sage ich es der gnädigen Frau."* „Wie garstig! Glauben Sie übrigens, meine Frau würde es glauben? Sie würden höchstens die Arbeit verlieren..." ent- gegnete der Rat. In demselben Augenblick vernahm sein wachsames Ohr ein leises Geräusch im Vorzimmer. „Kczjo, was machst Tu hier?" fragte Frau Rätin, indem sie ihren Mann und die Schneiderin mit prüfendem Blick mag. „Ich glaubte. Du schliefest und wollte Dich nicht stören..." „Und zogst es vor, dem Fräulein Gesellschaft zu leisten." In den Augen des Mädchens blitzte es auf, aber sie unter- drückte ihren Zorn und bat nur, heute früher gehen zu dürfen, weil ihre Großmutter krank sei. Es war fünf Uhr. „Sie können jetzt gehen, aber ich bezahle nur einen Halden Tag." Als die Schneiderin gegangen war, wandte sich die Rätin wieder an ihren Gatten und sagte mit einem Ton, der keinen Widerspruch litt: �. -Ich sehe e» nicht gern, wenn Du Dich mit de»»ähmädcheu uuterbältü." Dann ließ sie ihre stattlichen Formen wieder auf den Diwan nieder. Doch wurde ihre Ruhe sehr bald durch den Besuch einer befreundeten Dame unterbrochen. Nach einer würdevolle» Be- grüßung begannen die Damen über die Dienstbotennot und über die Messerstecher zu sprechen. Als das Gespräch aber zu stocken begann, sagte die Rätin: „Ich mutz Ihnen meine neue Boa zeigen, die ich von meinem Mann bekommen habe. Kazjo, bring sie mir aus dem Vorzimmer. Der Rat, der ungeduldig auf einen Vorwand wartete, um das Zimmer zu verlassen, beeilte sich, den Wunsch der Gattin zu er- füllen. Doch erschien er bald wieder. „Im Vorzimmer liegt sie nicht." Nun begann ein Suchen, das mit doppeltem Eifer fortgesetzt wurde, als der Gast gegangen war. „Wenn die Boa sich' nicht findet," sagte endlich Frau Rätin zu der Köchin und dem Hausmädchen,„dann lasse ich die Polizei. holen. So lasse ich die Sache nicht durchgehen." Die Köchin wies den Verdacht entrüstet zurück, das Hausmädchen fing an zu weinen. Aber die Rätin regte sich immer mehr auf und rief, sich an ihren Mann wendend: „Du sitzt mit eingeschlagenen Händen da und siehst Dir ruhig mit an, wie man am hellen Tage die Sachen aus der Wohnung hinausschleppt!" Plötzlich zuckte ein Gedanke wie ein Blitz durch ihr Hirn. Die Schneiderin hatte gerade heute um früheren Urlaub ge- beten... Es bestand kein Zweifel... Niemand als sie hat die Boa genommen... „Aber Amelie," wandte der Rat schüchtern ein.„Du hast doch keine Beweise." „Daß Du das Mädchen verteidigst, kann ich wohl begreifen! Ich habe ganz deutlich gesehen, welche Blicke sie Dir zuwarf! Aber ich werde es ihr heimzahlen! Marie, holen Sie eine Droschke!" Der Rat war in arger Verlegenheit. Er fürchtete, die Partei der Schneiderin zu ergreifen, um nicht noch schlimmere Vorwürfe auf sein Haupt heraufzubeschwören. Andererseits beunruhigte es ihn. daß die Heftigkeit seiner Frau schlimme Verwickelungen nach sich ziehen könnte. Aber die Rätin war bereits in Hut und Mantel und wälzte sich wie eine Kugel die Treppe hinunter. Als Lconic der Grotzmuttcr den Tee bereitete, dankte diese der Enkelin gerührt, doch meinte sie: „Wird die Frau Rätin es Dir aber nicht übelnehmen... Sie ist eine feine Dame mit großen Beziehungen, Tu darfst Dir ihre Kundschaft nicht verscherzen." Aber Leonie, die in verschiedenen Häusern herumkam, hatte so manche Erfahrung gesammelt. „Was geht es mich an, ob es eine Frau Rätin oder Gräfin ist," pflegte sie oft zu sagen.„Mir ist ganz gleich, bei wem ich arbeite, wenn man mich nur anständig behandelt. Eine ärmliche jüdische Frau, die nicht gut polnisch kann, setzt mir eher eine Tasse Kaffee mit Kuchen vor und unterhält sich mit mir wie mit einen: Mcufchen." Die Greisin war mit den Jahren und den Schicksalsschläge», die sie erlitten, demütig geworden. Ost warf sie der Enkelin vor, verbotene Plakate. Ohne Hören, ohne Sehen Äteht der Gute sinnend da; Und er fragt, wie das geschehen Und warum ihm das geschah. Wilhelm Busch. Die Zeitschrift„DaS Purkat"(Mitteilungen des Vereins der Plakatfreunde, Verlag Schildberger, Berlin) brachte kürzlich einen Aufsatz über verbotene Plakate, dessen höchst lehr- bafte Illustrationen jeden angehen, der sich für deutsche Un- kulturgeschichte interessiert. Einen so ausgezeichneten Beweis für die Polizeiwirtschaft hatten wir eigentlich bis zu den letzten Verboten des Herrn Dr. jur. v. Jagow noch nie vor Augen gesehen— dieses Bildmaterial, das aus der Samm- lung des Vereinsvorsitzenden Dr. Hans Sachs stammt, sagt mehr als alle Worte. Und es gibt nur noch einen Text, der die Abbildungen überbietet: das ist der Begleittext. Und nun haben wir alles in Reinkultur hübsch beisammen: den Büttel und den guten deutschen Untertan. Die Bildbeigaben schreien— 34 Stück hoch— zuni Himmel. Sie zerfallen in zwei verabscheuungswürdige Gruppen: in die politisch nicht einwandfreien und in die schamlosen Blätter. Politisch nicht einwandfrei ist ein Blatt dann, wenn es die Veranstaltung einer nicht beliebten Partei anzeigt, also haben die Verbote meist sozialdemokratische Plakate betroffen, die aber nicht einmal— und was wäre leichter?— mit knappen Strichen höhnen oder spotten, son- dcrn die artig uiü> bescheiden eine Maifeier anzeigen oder sonst eine ruchlose Festlichkeit Hier versagen nun alle Vor- wände des Verbietens, die nach Roda Roda statt der Begrün- düngen gegeben zu werden pflegen, hier versagt der Z 9 des alten preußischen Preßgesetzes, und auch der jo abgegriffene § 19 II 17 des Allgemcinen Landrechts will nicht mehr her- halten: hier wird einfach, brutal und täppisch verboten: eine lodernde Flamme— denn Flammen haben nur zu Kaisers Geburtstag zu lodern—, sauber gekleidete Arbeiter, die am 1. Mai in den Wald spazieren— was haben Arbeiter im Wald zu spazieren, arbeiten sollen sie...! Da wird verboten ein Blatt mit einer alten pergamentnen Urkunde und der Aufschrift:„Der Polizeipräsident hat nichts einzuwenden gegen gute Plakate." Das Wort„Polizei" mußte fallen, und mit Recht— denn er hat doch etwas gegen gute Plakate ein- zuwenden; allerdings erwies sich die Befürch.ung, man könne das Plakat mit einer amtlichen Bekanntmachung verwechseln, insofern als unbegründet, als man es geschmackvoll nennen kann. Weitaus größer ist die Unsittlichkeit der Plakate. Das ist ja nun ein weites Feld, und seit einiger Zeit tobt ein heißer(Wort)kampf zwischen Polizei und geschädigten Künstlern. Bevor wir uns die Läppereien näher ansehen, die man da als unsittlich verboten hat, wollen wir eins voraus- schicken. Es ist natürlich nicht gleichgültig, wo ein Blatt hängt: im Museum oder in einem schmutzigen Ansichtskarten- geichäft, im Salon oder an der Litfaßsäule. Wenn eine schlechte Postkarte mit einer Leda in der Berliner Friedrich- straße verkauft wird, dann sind sich Hersteller, Verkäufer und Käufer einig, alles andere als ein Kunstwerk unter den Händen zu haben. Es handelt sich um eine nackte Frau. Paul Wrstheim hat im Verein der Plakatfreunde einen Vortrag ge- halten und hat versucht, das Gegenteil nachzuweisen. Es gelang daneben: denn wenn er bei seinen Lichtbildern nicht immer vorher gesagt hätte, um was es sich drehte,— man hätte nichts erkannt, weil die Reproduktionen es nicht zeigten. Und für den, dem der Künstler nichts ist, war's also gleich. Aber: man vergißt ganz, daß es überhaupt nicht ewche der Polizei ist, derartige Tinge zu verbieten. Seid ihr nicht wt genug, um selbst Kontrolle zu üben? Als Westheim er- wähnte, ein besonders krasses Blatt des jungen Malers Appenheim sei verboten worden, erscholl ein dickes„Bravo I" aus dem Dunkel der Versammlung. Er replizierte ziemlich schlagfertig, dann müßten die geschmackvollen Menschen den Kitsch konfiszieren lassen. Aber das sehen die guten Deutschen nicht— wenn nur der Sezession eins ausgewischt wird, sind sie selig... Und der borror vncui, die Angst vor dem un- daß sie nicht genug Achtung für Menschen mit höherer sozialer Stellung habe. In dem Mädchen dämmerten andere Heber- zcugungen und Anschauungen. „Wenn ich Geld hätte, wäre ich ebenso gut wie alle anderen," dachte sie oft bei sich,„oder vielleicht besser, denn ich würde einer armen Näherin nicht die Hälfte von ihrem Tageslohn abziehen." Leonie erinnerte sich, daß sie noch frisches Gebäck holen wollte und lief hinunter. Unterdessen öffnete sich die angelehnte Tür mit großem Lärm. Auf der Schwelle erschien die Frau Rätin. Bestürzt und verlegen bot die alte Frau ihr an, Platz zu nehmen, aber sie fuhr sie mit scharfer Stimme an: „Ich kam nicht her, Ihnen einen Besuch zu machen. Ich will meine Boa wiederhaben I Sonst fahre ich auf die Polizei!" Tie Füße der Großmutter zitterten so, daß sie in den Sessel niedersank. Sie verstand nichts, nur ahnte sie ein großes Unglück und bat die Rätin, zu warten, bis Leonie wiederkommen würde. Aver die Fremde öffnete brutal den Ahornschrank und durchsuchte die darin angebrachten, bescheidenen Kleider. Die Boa fand sie nicht. Mit hastigen Bewegungen leerte sie die Schubladen der Kommode— ebenfalls ohne Erfolg. Sie sah in alle Ecken, unter den Tisch, drehte alles im Zimmer um— die Boa war nirgends. „Ich werde es Euch zeigen! Sie hat es irgendwo versteckt! Wer vor der Polizei bleibt es nicht verborgen! Ich bringe Euch iuS Gefängnis!" Zu Tode erschrocken, ließ die Greisin alles geschehen. Endlich kam Leonie. Mit bleichen Lippen fragte sie: „Um was handelt es sich?" „DaS werden Sie auf der Polizei erfahren!" sagte die Rätin und verließ nun eilig das Haus. Mit verworrenen Worten erzählte die Großmutter den ganzen Hergang. Stille Tränen flössen ans Leo nies Augen. „Großmama! Sic glaubt, ich hätte gestohlen!" „Es gibt eine Gerechtigkeit, mein Kind," sticht« die Greisin das sunge Mädchen zu beruhigen. Noch lange saßen sie beieinander, bis der Abend hereingebrochen war. Tie Familie des Rats saß zum Abendbrot am Tisch ver- sammelt. Tie Sache mit der Boa hatte sich aufgeklärt. In dem hellerleuchteten Zimmer war es warm und gemütlich. Die Strenge der Frau Rätin war gewichen. Sie erwähnte nicht? von ihrem Besuch bei der Näherin und beschloß bei sich, ihr den ganzen Tag anzurechnen. Ter Rat erklärte: Ende gut, alles gut! und ließ Kuchen holen. Er wartete ungeduldig auf da? Ende des verspäteten Abendessens, um rechtzeitig zu seiner Whistpartie zu kommen. Im Hause herrschte jene traute Stimmung, die gewöhnlich einem kleinen Gewitter zu folgen pflegt. Da ließ sich die Klingel vernehmen. Da? Mädchen meldete: bekleideten Körper, läßt man sich besser nicht durch diese Cr- gane bestätigen, die hier nur wieder eine Gelegenheit haben, ihre Nasen in Dinge hereinzustecken, die sie nichts angehen. Im Ernst: es ist nicht einzusehen, warum nicht auch die Reklame mit einer angemessenen Portion gefunder Sinnlich- keit arbeiten soll, die die eifrigen Bürger der Polizei zu Liebe überhaupt zu leugnen anfangen. Aber da kennt man unsere Verwaltung schlecht: sie verbietet. Sie verbietet alles und jedes; sie wartet gar nicht erst ab, bis dumme Jungen ein Plakat iit ihrem Sinne durch Beschmieren und Ergänzen aus- deuten, sie verbietet schon gleich vorneweg mit der Motivie- rung, die Herren Knaben könnten durch Nachziehen von Linien eine Ferkelei aus dem Blatt destillieren. Sie ver- bietet: der Tod da unten in der Ecke neben der unbekleideten Frauensperson kann als ein lüsterner Greis aufgefaßt werden. ein Busen muß durch ein schwarzes Tuch erst verdeutlicht werden: was unterhalb der Tischplatte sitzt, gehört schon gar nicht mehr zur Kunst; und nicht alle haben soviel Witz wie die Franzosen, das konfiszierte Plakat einer Grisette noch einmal lädiert zu bringen mit der Inschrift:„Latte xarüs du dessiu est interdite."—„Dieser Teil des Blattes ist verboten." Hierzulande reagiert man anders. Unsere Intellektuellen „billigen den Standpunkt der Polizei prinzipiell". Wenn auch jede Konsequenz bei seiner Durchführung fehlt,— sie billigen ihn. Wenn auch kleinen Putten Hosen angezogen werden müssen, wenn auch harmlose Familienbadszenen ver- schwinden, wenn auch das gute Blatt der Kollwitz mit dem Berliner Wohnungselend und den zwei ausgemergelten Kindern in der Versenkung unterging... sie billigen. Und sehen heute noch nicht, daß man dem Ding durchaus nicht mit ernsten und schwierigen Debatten näher kommt, sondern mit der simplen Konstatierung, daß es ja den konfiszierenden Or- ganen— denen übrigens jede Vorbildung mangelt— gar nicht auf das Einzelne Blatt, sondern auf die-fff Autorität ankommt. Erst fragen, dann wagen! Es ist sa eigentlich nicht der Busen und Unterleib und all das. Es ist das preu- ßische Prinzip, das heute noch Erwachsene wie Kinder be- handelt, das überall den dicken Finger herauslegt und koin- mandiert: Das Ganze halt!— Sie billigen. So kraß, so simpel, so kräftig wie ihre überlegene Obrigkeit sind sie denn doch nicht. Oho! man ist doch ein komplizierter Mensch, immerbin. Und so einer stellt langwierige Untersuchungen an, geht den verschlungenen Pfaden des Polizeidieners nach, meditiert und sinniert und merkt nicht, wie ihn alte Korpsstudenten und vertrocknete Pedanten einwickeln. Die Faust auf den Tisch! Nein: feine) sehr feine Ironie, juristische Deduktionen, philosophische Abhandlungen und am Schluß die famose Feststellung, daß doch die Zensur im Grunde gar nicht etwas so Schlimmes sein kann, denn:„So manches schlechte Buch oder Theaterstück ver- dankt seinen Publikumserfolg der unfreiwilligen Reklame, die ihm die Zensur verschaffte; ein geschickter Unternehmer wird daher auch die Zensur seinen Zwecken nutzbar zu machen wissen." Na also!„Wenn ihr man Geschäfte macht!"-- Und dieser berlinische, ganz mit Unrecht als scharf der- schriene Normalbürger ist wie der Betrunkene bei Busch: man haut ihm den Hut ein; jeder andere würde sich frei machen, sich wehren, tätig werden... er aber überlegt, mit dem Zeige- finger an der Nase, grübelt und sinnt und er fragt, wie das geschehen, und warum ihm das geschab. Jgnaz Wrobel. Das Interview. „Sie müssen", sagte der Ehef de» ZeitungShause« zum Feuilleton- redakteur,„Prickelnderes bringen; die Leute sollen tagelang davon sprechen, sonst hat's keinen Zweck. Sehen Sie mal zu!"— Der Redakteur ging. „Sie müssen", sagte er zum Reporter,.etwa» ganz Sensa- tionelles machen. Berlin muß lodern, was sage ich Berlin... Deutschland... die Welt... Sehen Sie mal zu!"— Der Reporter ging. „Die Schneiderin ist mit einer älteren Frau gekommen und möchte die gnädige Frau sprechen." Frau Rätin beschlich eine unangenehme Empfindung. Sie hätte sich am liebsten verleugnen lassen, aber e? war zu spät. „Wa? wünschen Sie zu so vorgerückter Zeit, mein Fräulein?" fragte sie hochmütig.„Was soll diese Zudringlichkeit?" „Wir haben bi? jetzt auf Ihre Ankunft mit der Polizei gewartet und möchten nun erfahren, wa? weiter sein wird?" „Wie meinen Sie das?" entgegnete die Rätin und sah dabei ihren Mann und die Kinder an, als riefe sie Gott zum Zeugen an. Leonie fuhr lebhafter fort: „Die Sache ist noch nicht beendet. Mich hat noch nie jemand des Diebstahls verdächtigt. Die Polizei soll sich nur überzeugen! Mir ist es sogar lieber! Es muß eine Gerechtigkeit geben!" „Fräulein Leonie," sagte die Rätin mit einem Anflug von Nachsicht,„eS hat sich alles aufgeklärt. Die Boa hat sich gefunden. Es wird nicht weiter darüber gesprochen." Die Großmutter sagte mit sichtbarer Erleichterung: „Siehst Du, Leonie, ich habe es mir gleich so gedacht." Ein dunkle? Feuer blitzte in den Augen deS Mädchens auf. „O, verzeihen Sie! Daß Sie mich falsch verdächtigt haben, das wußte ich. Aber mit welchem Recht sind Sie in eine fremde Wohnung eingedrungen und haben uns so großes Unrecht angetan? Weil wir arm und ohne Schutz sind, ist es erlaubt, uns geringzu- schätzen?" „Ich bitte Sie vor allem, in meinem Hause leiser zu sprechen. ... Und worum geht es Ihnen jetzt? Glauben Sie, ich lasse zu, daß Sie hier Skandal machen?" Die Großmutter erschrak bei diesen strengen Worten und faßte die Enkelin beim Arm. „Die Frau Rätin hat recht. Da sich alles aufgeklärt hat, so küß' der gnädig'» Frau die Hand und laß uns gehen." Die Demut der alten Frau entwaffnete die Rätin: „Mit Rücksicht auf Sie will ich nicht länger unhöflich sein," sagte sie sanfter. Eine hectze Blutwelle schoß Leonie in die Schläfen. Sie fühlte das Unrecht und begehrte Genugtuung. Wer war für eine? Sie wußte es nicht. Der Großmutter grollte sie wegen ihrer Demut vor diesen Menschen, die iie pon ganzer Seele Hatzte. Ihr Haß galt nicht nur ihnen, sondern allen Einflußreichen und Bemittelten. Wie gern hätte sie ihnen diesen Haß ins Gesicht geschrien! Sie ballte die Fäuste, daß sich die Nägel inö Fleisch krallten, schließ- lich sagte sie, jede? Wort einzeln hervorstoßend: „So wird es nicht immer bleiben. Die Zeit wird noch kommen..." .Was haben Sie gesagt, Fräuleiu?" Er zerbrach sich den Kopf. Sein Name war Pucknat, Zacharias Pucknat, und die Erde war nichl gerade erfüll! von seinem Ruhm. Hier war eine Gelegenheit: Ansehen, Popularität, Zeilenhonorar ... das konnte hier gewonnen werden. Aber wie? Und als nun Pucknat, brennender Zweifel voll, so an der Iannowitzbrücke unter dem Stadtbahnbogen einhergtng, fing er ein Stückchen Gespräch der beiden dort postierten Schutzleute auf- „Jestern, wie wa am Schleschschen Bahnhoff den Kollcjen Fuhrmann noch'n Ständchen jebracht Hain.. Das war's. Die Unterdrückung des Vereins der Schutzleute war aktuell. Es hatte auch etwas Erhebendes gehabt, wie die beiden Uniformierten auf dem Bahnhof die anderen Ordnungshüter in Zivil in Schach halten mußren, damit die Begeisterung nicht über- schäume. Hier mußte eingesetzt werden! Ueberschrift:„Das Interview in der Polizeiwache" oder:„Ter unzufriedene Schutz- mann" oder... aber das würde schon werden. Tie Hauptsache: er hatte ein Thema. Ein sensationelles Thema. Und so machte sich denn der Reporter Pucknat aus, den Berliner Schutzmann zu befragen, ob und inwieweit er mit seiner vorgesetzten Behörde zufrieden sei. Da ist der Schutzmann Schiltzke, und da ist der Reporter Pucknat, und nun wird der Reporter Pucknat an den Schutzmann Schiltzke herantreten und ihn sehr höflich fragen:„Ach, verzeihen Sie, wie kommt man hier wohl am besten nach dem Tegeler Weg?" Ob, der Reporter Pucknat ist das, was man einen gerissenen Jungen nennt; er weiß z. B., daß der Tegeler Weg von hier, von der Köpenicker Straße, sehr weil entfernt ist, und daß eS nicht ganz einfach sein wird, ihn dahin zu weisen. Richtig: der Schutzmann Schiltzke zieht denn auch sein großes Buch aus der Tasche, feuchtet den dicken Zeigesinger an und blättert.„Da müssen Sie.... dann gehen Sie am besten.... wollen Sie nicht lieber fahren. mein Herr?"—„Ja," sagt Herr Pucknat,„wenn es sehr weit ist.... ich weiß ja auch nicht..."—„Gott," sagt wieder Schutz- mann Schiltzke,„fahren Sie doch, das kostet nur zehn Pfennig, und Sie brauchen dann weniger Zeit!"—„Gewiß," erwidert Pucknat, „das Fahren ist schon billig in Berlin."— Und so kommen sie ins Gespräch. Sie unterhalten sich über die Verbindungen in dieser großen Siadt und über die Schnelligkeit der Bahnen, und sie ver- gleichen die Omnibusse mit den Droschken und diese wieder mit den Automobilen. Herr Pucknat behauptet, keine Eile zu haben, und als er hört, daß der Schutzmann Schiltzke gleich abgelöst werde, macht es sich fast von selbst, daß der Reporter ihn ein bißchen einläd. Ein Gläschen Bier, nicht wahr... Und schließlich sind das Ge- schäftsspesen. Gut. Alan sitzt in der kleinen Restauration und plaudert. Was sich eben ernste Männer so zu erzählen haben. Der Reporter ist ungeheuer höflich zu dem Schutzmann, weil der einen Säbel hat, und der Schutzmann ist ungeheuer höflich zu dem Reporter, weil der ihm das Bier zahlt. Sie sagen immer gegenseitig:„Aber bitte, mein Herr!" und:„Wie eS Ihnen beliebt!" Und ganz leise, ganz vorsichtig, pürscht Reporter Pucknat ins Gebiet der Sub- ordinatton, kommt allmählich auf die Abschiedsfeier am Schlesischen Bahnhof zu sprechen, wie sie da alle den strafversetzten Kollegen begleitet hätten, und das sei doch ein schöner Zug— und sie sind auf einmal mitten drin. Der Reporter ist ungeheuer stolz: er hat von je immer ein bißchen Angst vor den Schutzleuten gehabt, und je näher man einer solchen gigantischen Macht ist, desto weniger. meint er, kann sie einem tun. Er möchte Schiltzke» am liebsten ans Herz drücken. Und weil er doch eben so viel Bier trinken muß wie der Sckiutzmann— und das will etwas heißen—, begeht er eine kleine Unvorsichtigkeit, daS heißt, er kam sich sehr schlau vor, als er in die kleine Gaststube brüllte:„Zusammenhalten müssen Sie? Einigkeit macht stark! Sie müssen Ihren Vorgesetzten zeigen, was eine Harke ist!" Und sein kleiner Kovf ist ganz rot, und seine Stimme kräht heiser. Ter Schutzmann Schiltzke sieht den Kleinen so von der Seite an. Und ist auf einmal verschwunden, nicht ohne vorher„Pardon!" geflüstert zu haben. Herr Pucknat duselt sanft über seinem Pilsner ein. Und wacht erst auf, als zwei Uniformierte vor ihm stehen und zu ihm sprechen:„Sie da! Kommen Se mah mit!" Er will sich wehren, will Erklärungen abgeben, mit den Händen fuchteln, wie das so seine Art ist... vergebens: man zerrt ihn zur Revier» wache. Vor dem Wachthabenden hat er nicht viel Glück.„Ich wollte ... ich dachte... ich hatte die Absicht... ich bin nur beruflich hier..." „Das ist nur au? Unbesonnenheit, Frau Rätini" unterbrach die Großmutter eilig.„Leonie, wenn Du mich lieb hast, dann gehen wir. Ich küsse den Herrschaften die Hand..." In dem hell erleuchteten Speisezimmer herrschte eine un- angenehme Stille, die nur durch den keuchenden Atem der Rätin unterbrochen wurde. „Ein Skandal!" erklärte der Rai. „Bei niir darf sie nicht mehr arbeiten!" rief die Rärin mit aufrichtiger Entrüstung.„Noch bei meinen Bekannten! Ueberall werde ich erzählen, was das für eine Person ist!... Morgen lasse ich ihr von dem Mädchen das Geld geben, das ihr noch zukommt, damit sie nicht wieder die Wohnung betritt." Gleichzeitig beschloß die Rätin im stillen, der frechen Näherin nur einen halben Tag anzurechnen. „Sagt selbst." meinte die Rätin nach einer Weile, als sie sich pon der Aufregung erholt hatte,.lohnt es, gegen diese Leute gut zu sein?.._ Abwehr. Mit dieser schwarzweißroten Fratze der Sozialistenfresserei erschreckt ihr heute keine Katze! Die Zeiten sind für euch vorbei. Denn, rühren wir an der Nekrose, daß euch vor Schreck der Hintern hüpft, dann rutscht die Patriotenhose, der ihr so nett und nackt entschlüpft. Ja, stolpert nur mit neuer Beute, ihr Allesschlinger, Fälscher und Betrüger, ehrenwerte Leute; wir kitzeln euch die Sohlen wund. Erfahrung lehrt, daß eure Sünder ihr hinter Wut und Haß verstaut. Wir wissen, manchen Wahrheitskünder hat preußische Justiz verdaut. Wir wissen aber, daß, je schlimmer sich euer Zorn auf uns entleert, auch euer Schuldmaß immer, immer, wie euer Schuldgewicht sich mehrt. Verhüllt die widerlichen Fratzen der Sozialistenfresserei. Uns ekelt— wenn wir einmal kratzen—- vor eurem„Polizei!"- Geschrei. llnb in bcr Ecke einer Zelle bockt ein kleiner Mann und weint die ganze Nacht. Tic Tränen kullern ihm nur itniner so herunter über die schmutzigen Bäckchen, er macht sich ganz klein, ganz klein, er ahnt die blauen Flecken an seinem Körper— es hat ein Zer- würfnis mit dem Wachthabenden gegeben—, er sieht vor seinem geistigen Auge alles entschwinden: das Zeilcnbonorar, den Ruhm und die Popularität; entlassen wird man ihn auch, Ausreden werden nichts helfen, denn ach? er hat eine Erfahrung zu spät gemacht. Die Erfahrung, daß der Deutsche ein Nichts ist auf der Wache seiner Polizei, sei er nun Reporter oder sonst etwas... Und er sitzt auf dem kalten Boden der Zelle, winzig, unansehnlich, jämmerlich an- zuschauen: ein beklagenswertes Opfer seines Berufs. Verächtlichmachung einer Staatseinrichtuag. Ein Freund von mir hatte gegen ein Strafmandat Einspruch erhoben und mußte daher vor dem Schöffengericht eines vor den Toren Berlins liegenden OrteS erscheinen. Ich begleitete ihn. Wir kamen zu früh und konnten somit die borhergehende« Fälle mit anhören. Gin alter Mann wird durch den Gefangcnenanffeher in den Ge- rkchtSsaal geführt. Aus der Personalaufnahme ergibt sich, daß er 72 Jahre alt und in den letzten zehn Jahren öfters wegen Bettelns und auch wegen ßaitb streicherei bestraft ist. „Sie geben zu, gebettelt zu haben?" herrscht ihn der noch junge Ämlsrichter an. „Ja. Aber was soll ich denn machen. Leben will man doch," antwortete der Alte leise und verschüchtert. „Ja, leben und nicht arbeiten! Das könnte Ihnen so ge- fallen. Sie wissen doch, daß Sie nicht betteln dürfen und arbeiten sollen," meinte, nervös in den Akten blätternd, der Richter. „Wer nimmt denn mich noch zu einer Arbeit, Herr Richter?", fragte der alte Mann, an seiner armseligen Gestalt heruntersehend. „TaS geht mich gar nichts an. Soll ich Ihnen bielleicht Arbeit verschaffen? Wenn man will, ffndet man immer Arbeit. Aber Ihnen scheint daS Faulenzen besser zu behagen!" erwiderte der Amisrichter barsch und gab dem AmtSanwalr einen Wink. Der beantragte 14 Tage Hast wegen Bettelns und Land» streicherei. Der Amtsrichter warf ihm einen Blick zu. worauf der AmiSanwalt sich beeilte hinzuzufügen:„Und Ueberweifung an die Landespolizeibehörde". Der Amtsrichter verschwand mit den beiden Schöffen durch eine hinter dem Gerichtstisch befindliche Türe. Kaum einige Sekunden darauf erschienen all« Drei wieder. Der Richter begann herunter zu schnurren: „Ter Angeklagte ist ein arbeitsscheues Subjekt, das die Mildtätigkeit seiner Mitmenschen in frechster Weise ausnützt. Er war energisch zu bestrafen und zwar mit 4 Wochen Haft; auch ist auf lleberweisung an die Landespolizeibehörde erkannt worden. So nun werden Sie wohl das Arbeiten lernen!?" „Ich kann ja nimmer", wimmerte der Äste und zeigte feine zitternden Hände. „Weil Sie ein alter Fechtbruder sind! Führen Sie den Mann ab", schrie der Richter und nahm die Akten des zweiten Falles zur Hand. „Also Sie setzen Kinder in die Welt und überlassen e« der ♦Gemeinde, sie zu ernähren", schrie er einer emtretenden arm- selig gekleideten Frau eistgege». Es ergab sich, daß die Frau krank und arbeitslos geworden, ihr Kind in Gemeinde pflege gegeben habe. Trotzdem sie seit einiger Zeit wieder Arbeit habe, habe sie ihrer Unterhaltspflicht gegenüber ihrem Kinde nicht genügt. Die Frau entschuldigte sich mit dem zu geringen Verdienst. Sie wurde zu 20 M. Geldstrafe verurteilt. „Aber, Herr Amtsrichter, wo soll ich denn die zwanzig Mark hernehmen. Wenn ich die hätte, ließ ich mein Kind doch nicht im Waisenhaus," sagte die Frau. „Das geht mich gar nichts an," rief der Richtet.„Wenn Sie nicht zahlen können, haben Sie eben zu sitzen." „Und dann verlier' ich meine Arbeit wieder." „Das ist dann Ihre Schuld. Jetzt machen Sie, daß Sie rauö kommen," schrie der Mann der Gerechtigkeit. Der nächste Fall war der meines Freundes. Er hatte einen Verein Ärbeiterjugendheim ins Leben gerufen. Die Versammlung dazu hielt er für eine unpolitische und meldete sie daher nicht an. Für Plakate, die er anschlug, hatte er die entsprechende Gebühr bezahlt. Trotzdem erhielt er einen Strafbefehl über A) M., weil et es unterlassen habe, die Versammlung polizeilich anzumelden und weil er die Plakate öffentlich angeschlagen habe. Dagegen erhob er im Gefühl seiner Unschuld Einspruch. Vor dem Gericht schilderte er den Sachverhalt. Als ihm der ?lmtsrichtcr zurief, er solle nicht so frech lügen— zu lügen war bei der ganzen Sache gar nichts— erklärte mein Freund ruhig, aber entschieden: «Herr Amtsrichter, ich halte mich für einen ebenso ehren- werten Menschen, wie Sie sich halten. Was ich gesagt habe, ist die Wahrheit, und ich verbitte eS mir, daß Sie mich hier fortwährend als Lügner hinstellen." „Sie haben sich hier gar nicht? zu verbitten! Verstanden!? Noch ein Wort und ich lasse Sic 24 Stunden einsperren. Ver- standen!?" brüllte förmlich der Amtsrichter. Hierauf ging er mit den Schöffen in den Bcratungsraum. Kurze Zeit darauf erschien er wieder und verkündete das Urteil. Es sei bekannt, daß nur beabsichtigt gewesen sei, die Jugend zur Sozialdemokratie herüber zu ziehen. Die Versammlung sei daher eine politische gewesen und war anzumelden. Auch gegen das Preßgesetz habe sich der Angeklagte vergangen. Wegen seine» frechen Leugnens und seines ungebührlichen Auftretens, sei auf eine exemplarische Strafe zu erkennen gewesen. Somit sei die Geld- strafe auf SS M. erhöht worden. Damit war die Sache erledigt. Als wir die Treppe des AmtSgerichtSgebäudeS hinunter gingen, meinte mein Freund: „Was sagst Du nun dazu, Sepp?" „Was ich dazu sage? Daß diese ganze Justizerei, die ich da heute gesehen, die Verächtlichmachung einer StaatSeinrichtung ist— nämlich der Rechtspflege." 5o. vom Jahrmarkt öes Lebens. Nationalliberale Prinzipien. Manch einer wird verwundert fragen, ob es denn so etwas bei der Fraktion Drehscheibe überhaupt gäbe, lind doch hat die Sache ihre Richtigkeit. Sogar die Nationalkiberalen haben Prin- zipien. Im Landtage freilich andere als im Reichsparlament, wo von Zeit zu Zeit einmal einer die Fahne des unentwegten ZiationalliberaliSmuS treulos verläßt und noch weiter nach rechts hinübersegelt. Wer die Prinzipien der Nationalliberalen studieren will, mache das also nicht in der Reichsquasselbude. Dort wird er bei vielen wichtigeren Debatten erleben können, daß die eine Hälfte der Nationalliberalen Hott sagt, während die andere Hüh. In Reinkultur werden nationalliberale Prinzipien am schönsten im preußischen Treiklassenhause gezüchtet. Dort ist der gegebene Boden. Erst in letzter Woche hat der nationalliberale Geheime RegierungS- rat Dr. Schröder aus Eassel kurz und treffend die voliS- beglückenden Prinzipien seiner Fraktion dargelegt. Danach sind die wichtigsten sozialpolitischen Forderungen der Jetztzeit: er- höhtet Schutz der Arbeitswilligen, Abrüstung in der Sozialpolitik und daher selbstverständliche A b l e h- nung der Arbeitslosenversicherung. Dringend not- tut dem deutschen Volte dagegen nach Ansicht des nationalliberalen Redners StaatShilfe für die armen Hausagrarier. Und nun behaupte noch einer, Fraktion Drehscheibe sei bar aller Prinzipien. die schlemmenöen Arbeiter. Der Bischof von ChalonS sur Marne, T i s s i e r benamset, ist ein recht spaßiger Herr. Bekanntlich hat die katholische Kirche in weiser Würdigung der Tatsache, daß eine zu lange Reihe lustig verlebter Tage und Nächte leicht körperliche und moralische Uebcr» sättigung hervorruft, den fröhlichen Karnevalstagen den sauer- töpfischen Aschermittwoch und die Fastenzeit folgen lassen. In besonderen Fastcnhirtenbricfen waschen die Obcrhirten in diesen Tagen ihren weltlich gesinnten Schafen gehörig den Kopf. So auch Monsieur Tesster. Aber er tut noch ein übrige«: er beschäftigt sich in seinem Sendschreiben mit der Lage der Arbeiterklasse. Nicht etwa, daß er ihrer geistigen und leiblichen Not gedenkt, etwa darauf hinweist, daß Frauen und Kinder in endloser Zahl in die Was sie dazu sagen. Die Rote Woche, diese große Werbeaktion der deutschen Sozialdemokratie, hat natürlich auch die bürgerliche Welt in Auf- regung gebracht. Die gutgesinnte Presse, von der Norddeutschen hundsgemeinen Zeitung bis zum ÄreiSblatr für Ober- und Nieder- k/einstumpfsdorf hat bereits ihren Senf dazu gegeben. Wir sind aber in der Lage, außerdem noch die Urteile einiger Zeitgenossen über die Rote Woche wiedergeben zu können: Die Rote Woche ist eine Auflehnung gegen die Staatshoheit. Die Sozialdemokratie erstrebt die Republik. Wir leben in einer Monarchie. Unsere Gesetze sind mangelhaft. Sie geben nicht ge- nügend Schutz gegen sozialdemokratische Verhetzung. Hier mutz die Polizei einspringen. Sich lästig machende Agitatoren sind fest- zunebmen. Gesetzwidrige Plakatanbringung ist z« bestrafen. Per- schärf:- IleberwachungSmaßnahmen mache ich den Polizeirevieren zur Pflicht. �Jch warne vor Organisation und Vorwärtsabonnement. Traugott v. Jagow, Polizeipräsident. Die Bestrebungen der Sozialdemokratie in der Roten Woche bergen die Indizien des Hochverrats, der Majestätsbel-ndigung. der Ausreizung, der Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen, der Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze und des groben Unfugs in sich Die Staatsanlvalffchaft hat die Pflicht, gegen diese Delikte oder gegen die strafbaren Versuche zu solchen vorzugehen. Da es sich um eine Verabredung zur Begehung von Verbrechen im ganzen Geltungsbereich des deutschen Strafgesetzbuches handelt, ist in allen Landgerichtsbezirken gleichmäßig zu verfahren. Bei der zu erwartenden Belastung der Justizbehörden ist schon rechtzeitig eine Vermehrung des Richter-, Staatsanwaltschafts- und Schreiber- personacs vorzunehmen. In den dem Justizministerium und den, Ministerinm des Innern unterstehenden Strafanstalten ist recht- zeitig durch bedingte Begnadigung von wegen Körperverletzung, Eigentuinsvergehen, Siltlichkeitsverbrechen»Verurteilten Platz zu schaffen, um dem zu erwartenden Andrang politischer Ver- brechet genügen zu können. Eine in diesem Sinne gehaltene Denkschrift habe ich bereits Ihren Exzellenzen dem Herrn Justiz- minister Beseler und dem Herrn Minister des Innern von Dallwitz überreicht. Karl Streberich, Assessor beim Landgericht VII, Berlin. * „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker und taufet sie ttn Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes." So gebietet die heilige Schrift. Es steht aber nirgends geschrieben, daß man Mitglied der sozialdemokratischen Organisation und Vor- wärtsleser werden solle. O, Geliebte in Christo, in dieser Woche, die man freventlich die Rote nennt, gehen die Kinder der Rotte Korah umher und suchen euch abspenstig zu machen vom rechten Wege. Verschließet eure Ohren ihren Lockungen. Denn der Anti- christ spricht aus ihnen und deS Teufels Macht ist in ihnen lebendig. Ihr Dichten und Trachten ist böse von Jugend auf. Ihr Gott ist Kressen und Sausen, Völlerei und Unzucht. Wie sagt unser Herr und Meister?„Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solche» alle» zufallen." Darum wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet und in die Schlingen derer geratet, die eure Seelen verderben wollen. Gottlieb Leberccht Oelig, Pastor. » Habe sowas von Roter Woche gehört. Sozialdemokraten wollen en nmse neue Anhänger rekrutieren. Verfluchte Schweinerei. Ein- fach lachhaft, sowas zu dulden. Einfach Belagerungszustand ver- hängen. Kaballeriepikett» in die Straßen, Patrouillen mit auf- gepflanztem Seitengemehr in die Häuser. Wie in Zabern. Wer sich von roten Brüdern mausig macht— in die Fresse gehauen und festgenommen. Wo Polizeigefänqnisse nicht ausreichen, in die Kasernen gesperrt,'s gibt überall Pandurenkeller. Eginhard v. Klotzig, Oberleutnant im 13. Gardcrcgiment z. F. » Mir soll nur einer kommen, von wegen organisieren und Vor- wärtslesen. In Zeit von Null Komma nischt fliegt er die Treppe runter. Wo unser Stammtisch erst vor ein paar Tagen ein Glück- lounschtelegramm an Oberst Reuter geschickt hat. In unserer letzten Kriegervereinsversammlung hat unser Vorsitzender mit Recht ge- sagt, daß wir in der Roten Woche erst recht treu für Gott, König und Vaterland stehen müssen. Was ich hiermit getan haben will. Friedrich Wilhelm Schulze, Rentier. » Den roten Oberbonzen ist ivohl um ihre Futterkrippe bange? Sie haben wohl noch nicht genug Arbeitergroschen geschluckt, daß sie in der Roten Woche noch mehr Dumme fangen wollen? Sie wollen wohl alle noch eine Villa haben wie Bebel? Aber wir natio» nalen Arbeiter piepen nicht auf den Kalmus. Wir halten treu zu Kaiser und Reich und stehen uns nicht schlecht dabei. Christof Äriechert, Schriftführer im nationalen Arbeiterverein. * Da hat man mir sin Flugblatt und sin paar Zettel in das Saus gebracht. Ich soll mich organisieren und den„Vorwärts" lesen. kapitalistische Fron hineingezogen werden. Ganz im Gegenteil I Er wendet sich gegen das Schlemmerleben dcj: Arbeiter, er wettert gegen die unmoralischen Toiletten und Schauspiele, die Feste'und schlemmerischen Mahlzeiten, gegen die kostspieligen Empfänge, die— wie er sagt— unter der Arbeiterklasse e:n- gerissen sind. Ein kleiner Schalk, der ehrenwerte Bischof Tissier. Seiner An- ficht nach sind dann die wohlgcrundeten Bäuchlein, die in der Geistlichkeit nach einigen Jahren Amtstätigkeit zu finden sind und die sich bei höheren geistlichen Würdenträgern manchmal zu wahren Ungetümen auswachsen. auf besonders strenges Innehalten der Fastenregel zurückzuführen. das sittliche Köln. Das Kölner Nachtleben ist weit berühmt, und so mancher, den der Geldbeutel drückt, fährt gelegentlich in daS deutsche Rom, um eine„Kölsche Nacht" zu erleben. In den engen, aber sehr de- lebten Straßen der Altstadt macht sich infolgedessen die Prostitution außerordentlich bemerkbar. Die Hoheftratze beispielsweise, die Hauptgeschäftsstraße Kölns, ist in den späten Abendstunden von ganzen Rudeln flanierender Damen durchschwärmt. Gegen diese Zustände lausen die Srttlichkeitsvereinler seit Jahr und Tag Sturm. In seiner Not hat nun Regierungsrat Zaun, der Platzhalter für den noch nicht ernannten neuen Polizeipräsidenten folgende interessante Erklärung veröffentlicht: Daß die Polizeibehörde bisher nicht die Hände in den Schaß gelegt hat, belveift der Umstand, daß im letzten Rech- nungsjahre allein gegen die 100 Di rnenhaus- inhaberinnen 760o8 M. Geldstrafe festgesetzt und gegen Dirnen zusammen 12 765 Tage Haft verhängt worden sino. Der Dirnenvlage wird aus die Dauer dadurch abzuhelfen sein, daß die Zahl der Dirnen nach Möglichkeit eingeschränkt wird. In welcher Weise dies Aeschehen kann, unterliegt der Prüfung, wobei auch vollständig« Unterdrückung der Dirncnhäuser in Betracht zu ziehen ist. 76 058 M. Geldstrafe, 12 765 Tage Haft in einem einzigen Jahrs, und trotzdem stetige- Anwachsen der Prostitution! Da sollte doch auch ein preußischer RegierungZrat erkennen, daß mit seiner Macht gegen daS soziale Uebel der Prostitution nichts getan ist. Da aber trotz des heißen Wunsches der Königlichen Polizei die Kunden der Prostituierten sich nicht vom Tage der polizeilichen Erklärung an in asketischen Hebungen gefallen wer- den, und da auch die paar tausend Dirnen in Köln schwerlich in» Kloster gehen, wird die ganze„Unterdrückung" der Prostitution in einer riesigen Vermehrung der heimlichen Preisgabe und in einem Anschwellen der Geschlechtskrankheiten bestehen. der Clou öes Jahrhunderts. Aus irgendeinem Anlasse ist für die Monate April und Mai dieses Jahre» in der früheren Freien und Hansestadt Soest eine JahrhundertauS st ellung geplant. Solche Veronstal- tungen schießen aber in neuerer Zeit wie Pilze aus der Erde: es bedarf daher besonderer Anstrengungen, um das zahlungsfähige Publikum herbeizulocken. Paris hatte als Clou einer Welt- ausstellung den Eifelturm errichtet, Soest wird— wenn es noch dem Wunsche eines dortigen Patrioten gebt— eine alte Hose und einen alten Uniformrock als Mittelpunkt der ganzen Veranstaltung besitzen. Bitte nicht zu lachen! Es handelt sich nämlich nicht um eine xbeliebige alte Montur, die im TrödeUadeu für wenige Groschen zu erstehen ist, sondern— wie der Patriot auf der EsolSwiese des Soeswr Anzeigers verlangt— um eine authentisch nachgewiesene vollständige Uniform Kaiser Wilhelms!. „Wie würde man sich in der altehrwürdigen, ruhmreichen Stadt Soest freuen, einmal ein Erinnerungszeichen von diesem ehrenwerten Monarchen in unseren Mauern vor Augen zu haben!" So ruft in patriotischer Bewegung der Schreiber aus. Wir schließen uns ihm vollständig an. Her mit dem Clou- der Jahrhundertausstellung, damit der Ruhm der altehrwürdigen Stad: Soest späteren Geschlechtern als ein nachahmungswürdiges, aber schwer erreichbares Vorbild diene. Sollte der Bedarf auf die Dauer nicht zu decken sein, dann könnte man ja auch auf Kleidung-- stücke anderer berühmter Leute zurückgreifen. Wie wär's bcispiels- weise mit den Hosen des Herrn v. F o r st n e r.... Ich möcht schon, aber ich kann nicht. Was da in dem Flugblatt steht, daS stimmt schon und dreckig genug gehts mir auch. Aber meine Frau will nicht. Die meint, die 40 Pfennig Beitrag, die das im Monat kostet, könnten wir für uns besser gebrauchen. Und in der„Morgenpost" ständen viel mehr und interessantere Sachen als im„Vorwärts". Und dann bin ich Portier, wo im Vorder- hause lauter anständige Beamte und anständige Koufleute, Buch Halter und so wohnen. Wenn die sehen, daß der„Vorwärts" bei mich gebracht wird, könnten die tücksch werden und ihre Stiefel nicht mehr bei mich besohlen lassen. Und dann hat» ja überhaupt keinen Zweck. Die 110 Sozialdemokraten haben ja auch noch nichts ausrichten können. Es ist überhaupt am besten, man kümmert sich um niehts, da hat man denn keinen Aerger. Eduard SchlapinSki, Portier und Schuhmachermeistcr. • Tie roten Scheißkerle ham also von Tietzen und Wertheim was gelernt. Der ihre weiße Woche ist vorbei und jetzt soll die rote Woche drankommen. Organisieren soll'« wa uns und das Riistblatt, den„Vorwärts" abonnieren. Im..... können sie mich..... Mir soll einer kommen. Ick hau'n an de Wand, daß 6 Maurer zwec Wochen Zeit brauchen, um'n wieder abzukratzen. Ick kann mir das leisten, wo mir der hohe Jcrichtshos schon ein paarmal bc- stätigt hat, daß ich en Staats- und Ordnungserhaltendes Element bin, indem daß ich Streitbrecherdienste verrichte. Wenn mir ein Orjanisierter schief ankiekt, denn dividier ick ihm mit dem Schlag- ring in die Zehne, daß die rate Tinte nur so rumspritzt. Und lesen ttl ick überhaupt nischt. Warum und woso ooch? Mich jeht- doch nicht schlecht. Jiebt's mal nischt zu streikbrechen, denn lasse ick'n paar Mächens nff'n Strich gehen und nähre mir redlich von die jutjehende Fleeschniederlage mit Looflundschaft. Mir soll'n se also in die rote Woche keen'n Kaleika machen, sonst mach' ick's wie mein Freund Keiling: Bvauning raus und, knack?. waS mang de Kaldaunen. Mit det Vaurteiltwerden ist das ja jarnich so schlimm, indem daß ick ja ooch Polizeivijilante bin. Lud ewig Rohdickc, von Berus Streikbrecher. » Wat? organisieren soll ick mir? For 40 Pfennige im Monat? Un'n„Vorwärts" abonnieren for een Meter zehn Fähnriche. Nich in de Tüte. Junge, Junge, det sind ja schon fufzehn Juchteltuchtel mit Pferdebittern oder fufzehn Leichenwagen mit Troddeln oder jar dreißig Nordlichter, die ick mir dafor hinter de Binde ließen kann. Und überhaupt, eene Partei, wo Schnapsbigott ham will, die kann mich gestohlen bleiben. Andreas Duhsel, Gelegenheitsarbeiter. Ernst, Von Schutzleuten zum Krüppel geschlagen. Dortmund, 7. März 1914. Am Sonnabend fand vor dem Dort- üiunder Schöffengericht eine Verhandlung statt, die wiederum ein- mal brutale Mißhandlungen durch Schutzleute an den Tag förderte. uf der Anklagebank saßen, wie dies in Preußen-Deutschland ■ iiler Brauch ist, natürlich nicht die Schutzleute, sondern die Miß- indelten. Tie Anklage richtete sich gegen den Monteur Johann olriesar und den Anstreicher Wilhelm Balzar wegen ruhe- Brenden Lärms. Grisar hatte sich außerdem noch wegen Wider- ' and gegen die Staatsgewalt zu verantworten. In der Nacht : om 8. zum 9. November vorigen Jahres hatten der Monteur Johann Grisar und der Anstreicher Wilhelm Balzar gemeinsam iiit einigen Kameraden eine Wirtschaft in der Alsenstratze be- sucht. Als sie das Lokal in aller Ruhe verlassen hatten, sprach :'alzar auf der Straße mit einem Kollegen, der am Tage vorher wine Arbeit eingestellt hatte, über eine neue Stelle. Balzar ver- 'i'rach seinem Freund, ihm bei der Besorgung neuer Arbeit behilf- uch sein zu wollen. Die Ehefrau des Angeklagten Balzar beob- -chteten diesen Vorgang im Fenster liegend. Als sich Balzar von seinem Freund verabschiedet hatte, wartete er einen Moment noch ?uf die übrigen Bekannten, die etwas zurückgeblieben waren. In diesem Augenblick traten die Schutzleute Jäckel und Grott- .'auS an Balzar heran und forderten ihn ohne irgendwelchen 'lrund auf. nach Hause zu gehen. Balzar erwiderte in ruhigem done darauf, daß er daS machen könne wie er wolle. Der Schutz. mann Jäckel ging dann auf die inzwischen herangekommenen Personen zu, wohingegen sich der Schutzmann GrothhauS Balzar .uwandte, dm er ohne weiteres gegen die Brust stieß, daß Balzar einige Schritte zurücktaumelte. In dem gleichen Augenblick kam der Schutzmann Jäckel mit gezogenem Säbel zurück und schlug balzar wiederholt mit der Waffe über den Kopf. Balzar sank lutüberströmt zu Boden. Die Schutzleute ließen jedoch von dem Schwerverletzten nicht ad, sondern mißhandelten Balzar weiter. dn diesem Augenblick sprang der Angeklagte Griesar hinzu und ersetzte dem Schutzmann Jäckel mit dem Stock einen Schlag an cn Kopf. Griesar wurde von den Beamten mit zur Wache ge- wurmen, wohingegen Balzar von seiner Frau sofort ins Kranken- .aus geschafft wurde. Im Krankenhaus wurde festgestellt, daß der Schädel auf der linken Seite zertrümmert war. Balzar hat über vier Wochen im Krankenhause zugebracht und war auch am Verhandlungstage noch nicht wieder erwerbsfähig. In aller- nächster Zeit muß er sich erneut einer schweren Operation am Kopf unterziehen. In der Verhandlung versuchten die als Zeugen geladenen Schutzleute die Sache so darzustellen, als ob sie von den beiden Angeklagte» dedroht worden wären. Mehrere Zeugen bekundeten -doch übereinstimmend, daß die Angeklagten nicht das mindeste unternommen hätten, sondern daß sie sich durchaus ruhig und an- iiändig betragen hatten. Von ihren Vorgesetzten wurde den Poli- 'cibeamten natürlich daS beste Zeugnis ausgestellt. DaS Gericht am im Gegensatz zu den Bekundungen der Schutzleute zu einer .Freisprechung. In der Urteilsbegründung wurde ausge- führt, daß das Gericht zu der Ansicht gelangt sei, daß die Schutz- l e u t e zu ihrem Vorgehen keinerlei Grund gehabt hätten. Das Vorgehen gegen Balzar sei unberechtigt gewesen. Der Angeklagte Griesar habe aber, als er sah. daß sein Freund in so unmenschlicher Weise mißhandelt worden sei, sehr wohl in berechtigte Empörung geraten können. Wenn er auch in dieser Erregung den Schutzmann mit einem Stock ge« schlagen habe, so habe das Gericht ihn dennoch freigesprochen. Wie im Laufe der Verhandlung zur Sprache kam. ist gegen die beiden Schutzleute ein Disziplinarverfahren mit dem Antrage auf Enffernung aus dem Amte eingeleitet worden. DaS ist natürlich das mindeste, was man verlangen muß. Ob auch der Staatsanwalt die brutalen Schutzleute zur Rechen- schaff zieht, ist immerhin zweifelhast, Theater. KSuiggrätzer Theater: Die Trenkwalder, Komödie von Karl Schönherr. Das neue Schauspiel Schon- herrs, das übrigens bei der Premiere starken Beifall fand, kann sich mit des Dichters beiden letzten Bauerndramen künstlerisch in «einer Weise messen. Von der Gedrungenheit des Baues, der Plastik der Gestalten, die seine..Erde" auszeichnete, ist hier so wenig wie von der großzügigen Einfachheit und inneren Gefühls- I raft seines historischen Gemäldes„Glaube und Heimat" ein Hauch zu spüren. Die„Trenkwalder" nähern sich in ihrer locker sorg- losen Zusammenfügung, ihrem off recht farblos uncharakteristischen Dialoge und der stets durchscheinenden Absichtlichkcit dem Stil des hergebrachten Volksstücks. Statt eines Bildes, das die Phantasie sinnendem Verweilen einlädt, gibt er nur einen bunten, flüch- üg hingetuschten Bilderbogen. Auch dem Spannungsbedürfnisse gröberen Schlages trägt er nur in geringem Maße Rechnung. Die Stunden des Theaterabends schleichen langsam hin. Was dem Stücke trotzdem Bedeutung leiht, das ist die Art, wie hier von einem ernsthaft ehrlichen Beobachter und Kenner der ober- österreichischen Bauernschaft die geistige Verfassung dieser stamm- gläubigen, von jedem noch so leichten Lufthauch moderner Auf- tlärung abgeschlossenen Bevökkerungsschichten gezeichnet wird. Die Brutalitäten eines dumpfen ungebundenen Trieblebens sind durch die Beimischung der angelernten gedankenlosen Glaubensheuchelci vollends ins Fratzenhaft-Grotesie entartet. Wie ein Hexensabbat menschlicher Verrücktheit mutet einen dieses offenkundig Zug um Zug Erlebtem und Geschautem nachgebildete Treiben an. Da ist die Patscheiderin, die reichste Bäuerin des Trenkwalder Wallfahrtsdörfchcns, die etwaige Nachträglichkeiten des lieben Gottes dadurch zu beschwichtigen sucht, daß sie die Frucht ge- beimen Ehebruchs, einen grobschlächtigen Bauernjungcn, zum Pricsteramt bestimmt und obendrein ein Kirchlein stiftet. �Da ist die exstatische Schustcr-Poltin, die sich schaudernd das Schicksal ihres wunksüchtigen Sohnes im Jenseits an der Hand sachkundiger ..Höllenbüchlein" ausmalt und schließlich den Verkommenen zur Rettung seiner Seele in den reißenden Gebirgsbach stößt. Da gibts für ein paar Kreuzer Lohn die Bittgesuche an die Heiligen vermittelndes Wallfahrtsweibl usw. usw. Ter dritte Akt faßt den ganzen tollen Spuk deS Aberglaubens zu einem großen Massenbild zusammen. In der Nacht vor Svnnenwcndtag pilgert, was irgend laufen kann, zur Berg- kapelle. Kerzen und Weihegeschenke werden dargebracht, Anliegen der Mutter Gottes vorgetragen. Eine der Jungfern fleht zur Maria um einen Ehemann und sei er auch mit einem Buckel aus- gestattet und der wüsteste Geselle. Anders betteln um DispenS und gnädige Bewahrung vor den Folgen eines Fehltritts. In den Pausen der Gebete flammt neidisches Uebelwollen, gehässige Schadenfreude auf. Auch bei den Kindern ists nicht anders. Bei dem plötzlichen Bekenntnis der von Gewissensqual bedrängten Pat- sckeiderin, das ihre frühere Sünde kundgibt, geht spöttisches Froh- locken durch die Reihen. Man freut sich der Blamage.— Im letzten Akte lenkt das düstere Stück in freundlichere Bahnen. T«r Lieb- lingssohn der Bäuerin, der Priestcrkandidat, hat feines Bruders Berantwortlicher Redakteur Ernst Metzes Steglitz. Für de Martin junge Frau, die nun ein Kind von ihm erwartet, vor der Ehe verführt. Das Paar muß seine Schuld gestehen. Erschüttert und zugleich doch auch befreit, reißt er die schwarze Tracht vom Leibe und erklärt der Mutter, daß er niemals Pfarrer werde. Martin rast in wilder Eifersucht, er jagt das junge Weib auf die Straße, stürmt selber, Selstmordgedanken im Herzen, fort. Doch wie er die Ver- stoßene, verhöhnt von ihren früheren Freundinnen, mit abgeschnitte- neu Zöpfen am nächsten Morgen wiedersieht, sind Groll und Ver- zweiflung in dem gutmütigen, gesunden Burschen schon halb und halb verraucht. Mögen die anderen klatschen, was sie wollen, er hat seine Annemarie noch immer gern und bietet ihr— diese Szenen sind wohl die stischesten des Dramas— die Hand. Die Aufführung war ungleichmäßig. Maria Pospischil wußte mit der Rolle der Patscheiderin nichts Rechtes anzufangen. Gut und natürlich kam der Martin in der Darstellung Rudolf Teublers heraus. Am echtesten wirkte Frieda Richard in der Episodcnsigur des Wallfahrtsweibls. äst Mus aller Welt. Hochtvaffergefahr. Schneeschmelze und starke�Regengüsse haben jetzt auch in Frankreich und in West- und Süddeutschland großen Schaden angerichtet. So ist in einem großen Teile Bayerns in- folge der neuerlichen Regengüsse Hochwasser eingetreten. Be- sonders schlimm ist die Lage in der Maingegend, speziell im Bezirk von Kulmbach, wo mehrere Dörfer vom Verkehr ganz- lich abgeschnitten sind. Schwere Unwetter werden auch aus dem Allgäu gemeldet, wo zahlreiche Lawinen niedergehen. Aus dem Bayerischen Walde wird berichtet, daß infolge Hochwassers verschiedene Sägewerke stark beschädigt und wertvolle Holzbestände fortgerissen wurden: auch dort ist der Verkehr unterbrochen. Schlimme Nachrichten kommen auch aus der Oberpfalz, wo weite Sstecken überflutet sind. Die Donau ist in Regensburg so gestiegen, daß gestern die tiefer gelegenen Teile des Ortes überschwemmt worden sind. In München ist gestern abend ein heftiges Gewitter mit starkem Hagelschlag niedergegangen. Da die Niederschläge andauern, ist ein weiteres Anschwellen der Flußläufe zu be- fürchten. Infolge der Schneeschmelze und der anhaltenden Regen- güffe der letzten Tage wird weiter aus dem Osten Fr a n k- reichs ein starkes Anschwellen der Flüsse und damit vea> bundene Ueberschwemmung gemeldet. Tie Rhone ist gestern innerhalb weniger Stunden stark g e st i e g e n. Man be- fürchtet Hochwasser. Ueber die Gefahr im Rheingebiet erhalten wiir weiter folgendes Privattelegramm aus Köln: Das seit Sonnabend im gesamten Rheingebiete anhaltende st a r k e Regenwetter, verbunden mit Schneeschmelze, hat ein derartig schnelles Antvachsen des Rheines und seiner Nebenffüsse bewirkt, daß in einzelnen tiefer gelegenen Gegenden mit Hochwasserkatastrophen gerechnet werden muß. In den besonders gefährdeten Gegenden ist ein Tag- und Nachtwackdienst eingerichtet worden. Die Rhein- schiffahrt erleidet seit heute die erste Einschränkung. Das Wasser steigt stündlich um 5 Zentimeter. Bei Köln ist die Pegelhöhe auf über 6 Meter angewachsen. Im Eifelgebiet ist infolge des Hochwassers der Verkehr zwischen den einzelnen Ortschaften völlig unterbunden. Die Provinziallandstraße Aachen— Trier ist überschwemmt. Der vorherrschende starke Nordweststurm hat großen Schaden an Baulich- ketten und Waldungen angerichtet. Angebliche Spionage. Köln. 8. März. sPrivattelegramm des„Vorwärts".) In große Bedrängnis geriet der Fahrgast eines Straßenbahnwagens, der im Wagen ein Paket Bücher gefunden hatte. Er nahm das Paket mit nach Hause, um es am anderen Tage an den Verlierer abzuliefern. Beim Oeffnen deS Pakets erkannte er, daß es sich um Bücher über die Festungsverteidigung handelte. Er beeilte sich, die Bücher an den Ort ihrer Bestimmung abzuliefern, wurde dort aber nach dem Bericht des„Stadtanzeigers" wegen Spionageverdachts verhaftet. Erst nach langwierigen Ver- Handlungen wurde er freigelassen. Den Verlierer der Bücher, die wichtige Geheimnisse enthielten, einen Vizefeldwebel, dürfte wegen 'einer Vergeßlichkeit eine empfindliche Strafe treffen. Verbrechen an der franzöfischen Grenze. Einem schrecklichen Verbrechen ist man, wie aus Perpignan gemeldet wird, in Casa de la Selva nahe der stanzösischen Grenze auf die Spur gekommen. In einer Scheune wurde der Bauer Mitjar erdrosselt aufgefunden. Außerdem wies der Leichnam zwei schwere Wunden am Kopfe auf. Die Frau des Ermordeten und sein eigener Bruder, die in unerlaubten"Beziehungen zuein- ander standen, wurden verhaftet. Beide haben schließlich gestanden, daß der Bruder auf Wunsch der Ehefrau die Tat verübt hat. Der Ermordete wurde im Schlafe überfallen, durch mehrere wuchtige Schläge betäubt und dann erdrosselt. Der. Mörder erklärte die Tat damit, daß der Bruder ihm 200 Pesetas schuldete, die er sich weigerte zurückzuzahlen._ Kleine Notizen. Familientragödie als Folge der Arbeitslosigkeit. Aus Ver- zweiflung über den Tod seiner Frau und längere Arbeits- l o s i g k e i t hat der Fabrikarbeiter Dietrich seine beiden Kinder im Alter von 2 und 4 Jahren erwürgt und dann Selbstmord durch Erhängen begangen. Ein englischer Fliegproffizier vermißt. Auf dem Flugplatz von Hendon ist man in großer Sorge um das Schicksal des englischen Fliegeroffiziers, eines Hauptmanns, der mit Passagier am Sonn- abend früh um 8?L Uhr in Paris aufgestiegen war, um nach England zu fliegen, wo er gegen 1 Uhr mittags hätte eintreffen müssen. Bis jetzt liegt von den Fliegern keinerlei Nachricht vor und man befürchtet, daß chnen ein Unfall zugestoßen ist. Bluttat eines Polizcioffiziers. Ein junger Polizeiofsizier in Petersburg, namens Iwanow, drang in der vergangenen Nacht in das Bureau seines Vorgesetzten ein. Er feuerte auf diesen, den Obersten Thebaiel, mehrere R c v o l v c r s ch ü s s e ab, die den sofortigen Tod des Offiziers zur Folge hatten. Feuersbrunst. Im Mittelpunkt der Stadt Casablanca wütete am Sonnabend eine heftige Feuersbrunst, die fünf G e- schäftshänser zerstörte und beträchtlichen Schaden an- richtete. Das Gebäude der Staatsbank konnte mit Mühe gerettet werden.• Beim Zahnziehen die Wirbelsäule gebrochen. Ein merkwürdiger Fall von fahrlässiger Tötung stand am Sonnabend zur Verhandlung vor den Londoner Geschworenen. Ein Wjähriger Versicherungs- beamter war an einem Bruch der Wirbelsäule gestorben, den er sich beim Ziehen eineS Zahnes durch den Zahnarzt zuzog. Die Sektion der Leiche ergab, daß die Schädelbasis und die ersten Rückenwirbel infolge vorgeschrittener Tuberkulose außer- ordentlich schwach waren. Beim Ziehen des Zahnes brach der Zahnarzt durch den Ruck die Wirbelsäule an zwei Stellen, so daß der l Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag: Vorwärts Tod fast auf der Stelle eingetreten sein muß. Der angeklagte Arzt wurde schließlich freigesprochen. Die Suffragettcnführcrin Sylvia Pankhurst wurde am Sonntag in London in einem Omnibus v e r h a f t e t, als sie sich zu einer Versammlung der Frauenrechtlerinnen auf dem Trafalgar Square begeben wollte. Als die Nachricht von der Verhaftung Sylvia Panihursts eintraf, bewaffneten sich die Franenstimmrecht- lcrinnen mit Knütteln und versuchten nach Downing Street zu mar- schieren, um gegen die Verhaftung Einspruch zu erheben. Die Polizei stellte sich den Frauen entgegeen und berittene Schutzleute trieben sie auseinander. Spiel und Sport. Vom Sechstagerennen. Seit Miltwochabend sind sie wacker im Gange die Sechs- tagefahrer. ES ist die alte Geschichte. Für Fahrer wie für Veranstalter geht es um Geld. Sport komnst hierbei nicht in Frage. Denn das ununterbrochene Fahren auf der Holzbahn ist kein Sport. Aus die Zuschauer wirkt diese Fahrerer verblödend. Etwas Abwechselung kommt in die Sache, wenn einige Angetrunkene, denen es aus Geld nicht ankommt, Prämien aussetzen. Tann kommt Bewegung in die Fahrer zum Ergötzen der Spender. Am Donnerstag- und Freitag- abend gab es so etwas wie Kampf, es galt, einen Tausend- markschein zu erobern. Und dann folgte Prämie auf Prämie. Die Kilometerzahl der einzelnen Fahrer wurde auf das schnellere Tempo gesteigert. Dann aber ging es wieder im ruhigen Trott. Die Geldspender mit ihren Kokotten hatten den Fahrertempel verlassen: die Aufregung war vorbei. Das Nord-Südspiel auf dem Bundesplatz in Weißensee. Die Märkische Spielvereinigung(Mitglied des Arbeiter- Turnerbundes) versammelte gestern nachm. rund 2000 Freunde des Fußballsports zu dem alljährlich stattfindenden Propagandaspiel Nord-Süd. Zur Erläuterung sei bemerkt, daß sich bei diesem Spiel nicht bestimmte Vereine und Mannschaften gegenüberstehen, bei denen man das Resultat einigermaßen im voraus bestimmen kann, sondern daß die Mannschaften aus den besten Spielern der ver- schiedenen Vereine Groh-Berlins zusammengesetzt werden. Dadurch wird das Interesse der Zuschauer vollkommen von allen Vereins- interessen losgelöst und kann sich ganz dem eigentlichen Spiel zu« wenden. Mit großem Interesse verfolgte das Publikum die Leistungen der einzelnen Spieler und kargte nicht mit dem Beifall. Ganz besonders begrüßt wurde das von der Märkischen Spiel- Vereinigung vorgeführte Spiel zweier kombinierter Alters- Mannschaften(30 bis 40 Jahre) Nord-Süd. In weiten Kreisen ist noch die Meinung verbreitet, daß ältere Personen für das Fußballspiel nicht mehr recht disponiert seien, da es an die Schnelligkeit und Ausdauer ziemlich hohe Anforderungen stellt. TaS gestern vorgeführte Propagandaspiel der Altersmannschaften er- brachte aber den Beweis deS Gegenteils. Beide Mannschaften führten ein ausgeglichenes Spiel vor, reich an spannenden Mo- menten. Bei Halbzeit stand des Spiel 1: 1, und es schien fast, als sollten die Mannschaften mit gleicher Torzahl nach Hause gehen. Die Südmannschaft hatte jedoch daS Mißgeschick, ein Selbsttor zu fabrizieren, so daß das Endresultat schließlich 2: 1 für Norden war. Das folgende Spiel der Männermannschaften ließ be- sonders in der ersten Halbzeit darüber in Zweifel, welche Mann» schaft als Sieger hervorgehen würde. Nach Anstoß von Süden wogte das Spiel hin und her, ohne zu einem Resultat zu führen. Erst in der 20. Minute konnte Norden einen wegen Hand gegebenen 11 Meter-Ball zum ersten Tor verwandeln. In der 43. Minute gelang es dem Mittelstürmer der Südmannfchast ein« Flanke des Rechtsaußen zum Tor zu verwandeln, so daß eS mit 1:1 in die Pause ging. Eine interessante und humoristische Abwechselung gab es, als sich nun einige der jüngsten Zuschauer, kleine Knirps« von 8 bis 10 Jahren, die das Spiel mit großer Aufmerksamkeit verfolgt hatten, des Balles bemächtigten und mit großem Eifer den Ball hin- und hersagten. Als es einem dieser Jüngsten gelang, mit gutem Schuß den Ball durchs Tor zu treiben, ließen die Zuschauer es an Beifall nicht fehlen. In der zweiten Halbzeit war Süden im Vorteil. Nach zehn Minuten konnte der Halblinke von Süden einen Schuß des Mittel- stürmers verwandeln, und nach weiteren 10 Minuten folgten noch kurz hintereinander zwei weitere Tore für Süden. Norden konnte nur noch einmal einsenden, so daß das Spiel mit 4:2 für Süden endete. Von der Südmannschaft spielte besonders das Jnnentrio sehr gut, während von der Nordmannschaft der ToJvächter und rechte Verteidiger erwähnt seien. Die Märkische Spielvercinigung hat durch die gestrige Bor- führung bewiesen, daß sie bereits über gute Technik verfügt. ES wäre daher zu begrüßen, wenn die Fußballfreunde innerhalb der Arbeiterschaft sich gänzlich vom Deutschen Fußballbund lossagen würden. Dieser dem Jung- Deutschland- Bund ange- schlossene Verband agitiert wieder lebhaft unter der Arbeiterschaft. um für die nächste Spielsaison die Massen der Arbeiterjugend zu gewinnen. So sind z. B, außer in Berlin auch in Luckenwalde. Brandenburg usw. große Propagandaspiele geplant, wo die Jugend zunächst unter„neutraler" Flagge herangezogen werden soll, um dann später bei den bekannten„vaterländischen" Festen als Sias- sage zu dienen. Die Arbeitereltern werden gut tun, die Jugend darauf aufmerffam zu machen, daß der Sport sehr gut auch in der Märkischen Spielvereinigung betrieben werden kann, die die Ver- quickung der Leibesübungen mit hurrapatriotischen Nebenzwecken entschieden verwirft. Die freien Schwimmer EharlottenburgS brachten auf ihrem gestrigen Schwimmfest in der Badeanstalt in der Krummestraße gute Ucberraschungen, auch auf dem Gebiete der Reigen- und Äettungsvorsührungen. Im Wasserballspiel schlugen sie ihre Magde» burger Gäste mit 1: 0 Punkten. Im Männerspringen und Damen» kopfweitsprung nahmen sie den ersten Platz für sich in Anspruch. Auch in der Männerstafette belegten sie die zweiten Plätze hinter Neptun-Lichtenberg, welcher außer Konkurrenz startete. Den Schluß des Festes bildeten Kommers und Tanz in den Gesamträumen deS Volkshauses Charlottenburg. Die Freie Turncrschaft Neukölln-Brih veranstaltet am Montag. den 9. März� abends bl-iS Uhr, eine öffentliche Frauenversammlung in Barlschs Festsälen, Hermannstr. 49. Tagesordnung:„Gründung einer Abteilung für ältere Turnerinnen". Der Verein erwartet zu dieser Versammlung regen Besuch. Im Vorjahre fand eine solche Versammlung für ältere Turner statt, aus welcher eine an 80 Mit- glieder zählende Abteilung hervorging. Fusiballresultate. V. F. B. 1894 gegen Rüstig-VorwärtS, 1. Jugendmannschast 2: 0 für V. F. B— Stralauer Ballspielklub gegen Rüstig-Vorwärts. 2. Jugendmannschast 6: 0 für Rüstig-Vorwärts.— Fichte 7 gegen Freie Sportvereinigung 0: 14.— Alt-Glienicke gegen Fichte 8 3:0.— Sperber. 2. Mannschaft, gegen Fichte 9, 2. Mannschaft 1:5.— Sportklub Mablsdorf gegen Fichte 71:3.— Weißensee, 3. Mannschaft, gegen Fichte 16. 2. Mannschaft 3:4.— Charlottenburg gegen Spandau 3: 1.— R. B. C., 1. Jugendmannschast, gegen Fichte 9 9:0._______ Suchdruckerei a. Verla gSanstalt Paul Singer& Co, Berlin SWj'