Nr. 81. 5 Pfennig Abonnements- Bedingungen: bonnements. Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Mt., monatl. 1,10 m., wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illuftrierter Sonntags. Beilage„ Die Neue Welt" 10 Bfg. PostAbonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband Tür Deutschland und Desterreich. Ungarn 2,50 Mart, für das übrige Ausland 4 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luremburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Ericheint täglich. Montagsausgabe Vorwärts 5 Pfennig 31. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Solonel geile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Berjamminungs- Anzeigen 30 Pfg. Kleine Anzeigen", das fettgedruckte Wort 20 Big.( zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes writere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort 5 Bfg. Worte über 15 Buchftaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition is bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstraße 69. Fernsprecher: Amt Moritplas, Nr. 1983. Ach- Dallwitz! Ziele Montag, den 23. März 1914. daß der innere Anschluß des Elsasses an ein demofratisches Deutschland sich mit Leichtigkeit bollzogen hätte, und daß er überhaupt erst dann völlig sein wird, wenn wenigstens eine starte Liberalisierung der Sitten, der öffentlichen Einrichtungen und Regierungsmethoden im Reiche Plaz gegriffen hat. Kein Volk schafft sich seine po litischen Ueberzeugungen rein aus der Theorie; sie sind viel mehr das Resultat seiner ganzen geschichtlichen Erfahrung. Deshalb wird auch keine noch so feine Theorie die Elsässer von der Ueberlegenheit aristokratischer Formen überzeugen. Wo diese einmal vergangen sind, da sind sie ber gangen. Idealismus in jeder Form ist ihm fremd und lockt ihm ein Lächeln ab." So schreibt das Blatt jener echtpreußischen Kommißbrot- Idealisten", deren Idealismus" verrufen ist, so weit die deutsche Zunge flingt, weil er in der Soll wirklich, was manch hoffnungsvolles Gemüt anfangs einzigen Weisheit besteht, daß Nehmen seliger ist denn Geben. für einen schlechien Wiz zu halten geneigt war, nüchterne Aber diesen Kommißbrot ,, dealisten" ist Herr v. Dallaftenmäßige, reichsdeutsche Wirklichkeit werden? An der mit der rechte Mann, über den Elsässern die Peitsche zu Spige der Statthalterkandidaten für Elsaß- Lothringen steht schwingen, denn als Mitglied der oftelbischen Herrenrasse ist so will es Herr v. Bethmann Hollweg und Wiler ein Fremder und derb zuzufassen wie ein föniglich preuhelm II. wird ihm darin beistimmen der preußische Biſcher Schußmann versteht er auch. Aber Lorbeeren ernten wird Herr v. DaII wit trotPolizeiminister v. Dallwig, und wenn in der hohen Politik nicht in letzter Minute noch einer der beliebten jähen Sprünge dem oder eben deshalb kaum. Die Erfahrung, die nach 1848 gemacht wird, zieht der Kanalrebell von einst, noch ehe die ein anderer und besserer Erziunker, v. Ale i st- Rezow, Kastanien blühen, in das alte Palais am Straßburger als Oberpräsident der Rheinprovinz machte, wird auch dem Broglieplatz ein. neuey Statthalter der Reichslande nicht erspart bleiben, daß Die Junker, Scharfmacher, Verfassungsfeinde,„ echten es nämlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, einen politisch und Preußen" und was alles an trübem Schlamm der Zaberner demokratisch entwickelten Volksstamm zu den Gefühlen oftSturm an die Oberfläche unseres politischen Lebens gebracht elbischer Gutsuntertänigkeit zurückzuprügeln. Es gibt mur hat, dürfen jubeln, denn ihnen ist die Palme des Sieges. ein Mittel, die demokratischen Elsässer dauernd zu gewinnen; Schon mit seiner ganzen Vergangenheit bürgt der neue Mann das ist die Demokratisierung Deutschlands. So spricht auch dafür, daß er die„ Backes" dort unten, denen die preußische in einer fürzlich erschienenen Schrift zum Verständnis der Bidelhaube nun einmal nicht als der Inbegriff aller irdischen elsässischen Seele" ein Mülhauser Pfarrer namens Scheer Herrlichkeiten erscheinen will, ordentlich auf Standare reiten von der Gewißheit, wird. Aus jenen gesegneten Gefilden Ostelbiens stammend, in denen sich die feudalen Herren mit den Namen auf ow und iz noch heute wie in der Quitows Tagen als die unbeschränkten Gebieter über die bürgerliche Kanaille und das„ skrofulöse Gesindel" der Landarbeiter aufspielen, machte der v. Dallwit die vorgeschriebene Laufbahn durch. Korpsstudent, Regierungsreferendar, Landrat dann kam die Fronde der preußischen Junker gegen den Mittellandkanal, und unter den auffässigen Beamten, die gegen den Stachel der Regierung löckten und jach die Treppe hinunterflogen, gehörte auch Herr b. Dallwig. Er wurde in die Regierung der anhaltinischen Staatsspielschachtel berufen und hier ließ er fräftiglich den Da aber Herr v. Dallmit mit feiner Person und mehr Mut in der Brust seine Spannkraft üben: trot einem Reichs- noch mit seinem System einer der robustesten Hemmflöte verbändler glänzte der Herr Minister in dem Landtägchen gegen die Entwidelung Deutschlands zur Demokratie ist und des Ländchens als ein grimmer Sozialistenfresser, nur daß als Vertreter einer vergangenen Welt und als Verfechter der seine Beschimpfungen der Sozialdemokratie mit den Tat- Ueberlegenheit der aristokratischen Formen nach dem demofachen nicht immer gleichen Schritt hielten. Aber eben um fachen nicht immer gleichen Schritt hielten. Aber eben um fratischen Elsaß kommt, wird in der nächsten Zeit, nicht zum deffentwillen nahm er zu an Wohlgefallen bei den echt preußi- Heil des Anschlusses der Elsässer an Deutschland, ein böser Zuschen Leuten strengster Observanz, und als er an die Spite sammenprall dem andern folgen. der inneren Verwaltung Preußens gestellt wurde, begrüßten Aber eins ist dabei sicher: mag die eiserne Stirn des sie ihn als der ihren einer. Herr v. Dall wit enttäuschte Herrn v. Da II mit noch so hart sein, die Mauer, gegen die auch die Hoffnungen und Erwartungen nicht, die auf ihn geer rennt, ist härter. sezt wurden. Unter seiner Verantwortlichkeit wurde die Verwaltungspraris in Preußen noch verknöcherter, noch subalterner, noch reaktionärer als vordem, und gegen die Sozialdemokratie im besonderen schlug die Erzellenz im Dreiklassenparlament jenen Ton hochnäfiger Ueberlegenheit an, in dem In glänzender Weise hat die„ Rote Woche" die Faseleien unserer fich die Reaktionsminister der Aera Manteuffel in den Gegner widerlegt, die Werbekraft der Sozialdemokratie habe ihren fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts so gern söhepunkt überschritten. Justiz und Verwaltung, Polizei und gefielen. Derart reaktionär war Herr v. Dallmi jogar, Unternehmertum sorgen tagtäglich mit vereinten Kräften dafür, daß es bisweilen Reibungen mit dem Reichskanzler gab, und bielleicht floß bei der Empfehlung des preußischen Polizei- daß der großen proletarischen Armee immer neue Rekruten erministers durch Herrn v. Bethmann Hollweg der Ge- stehen, die zu zielbewußten Kämpfern für eine bessere Zukunft danke mit unter, daß man sich auf diese Weise eines unbe- heranzubilden, vornehmste Aufgabe der proletarischen Organisaquemen Mitarbeiters mit viel Grazie entledigen könne. Auf tionen ist. In hämischen Notizen suchte die gegnerische Presse die jeden Fall wird, mit Ausnahme der kleinen, aber mächtigen Erfolge der Roten Woche zu verkleinern und doch wären die meisten Partei", das preußische Volk froh sein, wenn Herr v. Da II- gegnerischen Parteien heilfroh, wenn sie insgesamt so viel Mit wiz die schwarz- weißen Grenzpfähle im Rücken hat. Wir marschieren. glieder befäßen, als wir neue dank der unermüdlichen Kleinarbeit der Tezten Zeit gewonnen haben. 116 599 neue Mitglieder! 68 187 neue Abonnenten! Aber daß dieser erzpreuß.sche Erzjunker gerade nach Elsaß- Lothringen geschickt wird, die Reichsländer zu striegeln und zu furanzen, das ist all den harmlosen Seelen ein herber Schlag ins Kontor, die noch auf eine friedlich- schiedliche Lösung des Baberner Konfliktes gehofft hatten. Der neue StaatsDas ist das Ergebnis aus 261 Reichstagswahl. sekretär, Graf v. Roedern, schien so übel nicht, und die reisen. Wenn aus den noch fehlenden Wahlkreisen auch nicht chauvinistische Hespresse beschuldigte ihn ja schon geradezu, dem Einfluß der„ Wades" erlegen zu sein, weil er, statt mehr viel zu erwarten ist, das Gesamtresultat der Roten Woche rüpelhaft dreinzufahren, der elsässischen Dialektrede eines wird sicher Landtagsabgeordneten mit freundlicher Aufmerksamkeit ge120 000 Mitglieder und 70 000 Abonnenten " Bernau. Buchholz Ertner Bankow. Rosenthal Stralau. Tegel Weißensee Expedition: S. 68, Lindenstraße 69. Berribrodier: Amt Moritblat. Nr. 1984. Teltow- Beeskow: Drte Niederbarnim: Männer Frauen Zusammen Neugewonnene Abonnenten 23 10 33 12 12 6 18 5. 12 2 14 8 Friedrichsfelde 29 5 34 28 Friedrichshagen 46 10 56 41 Lichtenberg 644 214 858 358 Nieder- Schönhausen. 44 18 62 35 Ober- Schöneweide 121 39 160 110 139 19 158 103 Reinickendorf- Oft 137 16 153 122 Reinidendorf- West 54 9 63 44 23 20 43 12 82 6 38 31 42 17 59 41 203 43 246 253 Diverse fleinere Drte Summa. 88 30 118 1649 464 2113 1203 4 Männer Frauen Zusammen Neugewonnene Abonnenten 44 37 81 20 13 8 21 10 45 9 54 35 Charlottenburg 321 73 394 290 Cöpenic 178 88 261 128 Friedenau 33 9 42 .19 Johannisthal 88 12 50 20 23 19 42 13 46 55 101 68 12 12 798 193 991 780 73 82 105 15 Schöneberg 175 160 335 Steglitz. Teltow Tempelhof Trebbin. 85 17 52 30 12 3 15 24 37 19 56 52 13 2 15 7 111 51 162 90 34 11 45 13 Diverse fleinere Drte 13 4 17 2049 802 2851 Drte Adlershof Alt- Glienice Briz. Ketschendorf Mariendorf Marienfelde Neukölln Nowawes TreptowBaumschulenweg Boffen 21| 1614 Summa. Die erfreulich hohe Ziffer der Neugeworbenen zeigt, wie groß noch die Zahl derer ist, die bei intensiver Werbetätigkeit sich um das Banner der Sozialdemokratie scharen. Vorwärts zu neuer Arbeit! das ist die Lehre, die unsere Genossen aus dem Ergebnis der Roten Woche ziehen. Geburtenvermehrung ohne Gebärzwang. Unsere Gegner gefallen sich in der Behauptung, daß alle Sozialpolitik, alle wirtschaftliche und kulturelle Hebung der erhaltung durch Menschenökonomie breche schließlich an der Volksmasse das Bevölkerungsproblem nicht löse. Alle LebensTatsache zusammen, daß sich die Geburtenzahl durch Vorbeugungsmittel auf Null herabdrücken lasse, während der Herabdrückung der Sterblichkeitsziffer über eine gewisse Grenze das unabänderliche Naturgesez des Todes entgegenstehe. Und indem man darauf hinweist, daß ja gerade mit dem Aufstieg der Familie in wirtschaftlich und sozial gehobene Lebensverhältnisse die bewußte Geburteneinschränkung einsege, fommt man zu der Schlußfolgerung, daß im Interesse eines starken Bevölkerungsauftriebs" die Niederhaltung der breiten Volksmasse in fargen Lohn- und Lebensverhältnissen geradezu geboten sei. Diese These ist sicher die einfachste und angenehmste Lösung der Bevölkerungsfrage für die politischen Sachwalter der kapitalistischen Ausbeutung und für die frommen Männer mit der Devise: Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben. Sie wird aber in der Praris durchkreuzt. Einmal durch den Umstand, der bereits an dieser Stelle dargelegt und mit Zahlenhältnissen mit der Zahl der Geburten der Abgang durch Fehlmaterial erhärtet wurde, daß nämlich in proletarischen Verfolgt war. Die Hoffnungen jener harmlosen Scelen zer- sein. Ein glänzendes Zeugnis der organisatorischen Kraft der rinnen jetzt, denn unter die Betten, Kinder!- jetzt kommt der schwarze Mann, der echte Preuße, der Draufgänger mit Sozialdemokratie, ein neuer Triumph des sozialistischen Gedankens dem eisernen Besen, der es den verfluchten Demokraten im in der Arbeiterklasse! Elsaß und in Lothringen schon zeigen wird. Fruchtbare Arbeit haben in der Roten Woche auch die GeDenn das ist die Quelle des wilden Sasses aller Echt- noffen in Groß- Berlin geleistet. Nach dem nun ziemlich voll- geburten und Frühtod prozentual sehr start steigt. preußischen gegen die reichsländische Bevölkerung, daß hier ständig vorliegenden Ergebnis sind 12571 neue Mitglieder und 8359 Außerdem aber lassen sich die Massen eben nicht niederein Volksstamm lebt, dem demokratisches Bewußtsein nicht neue Abonnenten für den Vorwärts" geworben worden. Diese verhalten. Und in dem Maße, wie die zum Bewußtsein ihrer nur hauttief sitt, sondern in Fleisch und Blut übergegangen teilen sich auf die einzelnen Kreise: ist. Was uns erfreut, daß diefer Stamm die große RevoTution aktiv mit erlebt hat und so einen Sauerteig bilden fönnte in unserem auch politisch so spießbürgerlichen Vaterland, das erbost und erbittert die Rückwärtier bis in jede Herzensfalte hinein. Diese revolutionäre Ueberlieferung und dieses demokratische Bewußtsein sollen den Elsaß- Lothringern mit dem altpreußischen Kriidstod ausgeprügelt werden und darum will man sie nicht wie deutsche Bürger behandeln, sondern wie Hottentotten und Hereros regieren. Mit welch giftigem Sohn überschüttete vorgestern noch die Tägliche Rundschau" das elsässische Volk! Der Elsässer ist es gewohnt, von Fremden regiert zu werden... Derb will und Die Agitation in den beiden um Berlin gelagerten Kreisen muß er angefaßt werden, dann ist es gut und ersprießlich Niederbarnim und Teltow Beestow seitigte in den mit ihm verhandeln, dann gelangt. man mit ihm zum einzelnen Bezirken folgendes Resultat: Lage und zu höheren Kulturansprüchen erwachen, stemmen Männer Frauen Zufammen Neugewonnene sie sich dagegen, mehr Kinder zu haben, als sie haben " Wahlkreis Abonnenten Berlin I 189 12 201 46 II 405 66 471 432 III 289 12 301 145 IV 2621 411 3082 1883 " V 195 10 205 " 185 VI 2750 647 3397 2851 Teltow Beeskow. Niederbarnim. 2049 802 2851 1614 1649 464 2118 1208 Summa. 10147 2424 4 12571 8359 wollen. An diesem immer flarer und entschiedener in die Erscheinung tretenden Willen zur Selbstbestimmung auch in Sachen der Fortpflanzung muß alle Gebärzwangspolitik scheitern. Gäbe es also keine anderen Mittel und Wege, das Sinken der Geburtenzahl aufzuhalten, als die Zwangsmittel der Reaktionäre, so wäre schließlich trop aller Verzögerung durch Sozialpolitik und Menschenökonomie der absolute Stillstand und Rüdgang der Bevölkerung unabwendbar. Aber es gibt solche Mittel. sozialen Stellung abnimmt. Die beffer bezahlten ArbeiterEs ist richtig, daß die Kinderzahl heute mit der gehobenen schichten haben weniger Kinder, als die schlechtest bezahlten. Tie geistige Berufsarbeiterschafkeund der wirtschaftliche Mittel- slaiw schränkt di« tliinderzahl im allgemeinen noch mehr ein, als die g-chobene Handarbeikerschicht. Die hohen Beamten haben weniger Kinder als die mittleren, diese weniger als die untern. Die Erhebung über die Kinderzahl der Beamten der Reichspost haben das drastisch erwiesen. Aber, bevor man aus der Tatsache des Absinkens der Kinderzahl mit der sozialen Stufe des ElternvaarS allgemeine bevölkerungspolitische Schlüsse zieht, must man die Tatsache sechst doch etwas genauer auf ihre Ursachen und veränder- lichen Momente hin prüfen. Warum schränken heute die bessersituierten Schichten rhoe Kinderzahl am meisten ein?— Die„wachsende Genuß- sucht" ist schuld daran, erklären gewisse feiste Moralprediger, die für sich selbst keineswegs gewohnt oder geneigt sind, mit einein bescheidenen Quantum Lebensgenuß vorlieb zu nehmen. Ratiirlich fehlt es nicht an Leuten, die das Kinderkriegen und Kinderaufziehen als eine mangelnde Störung im Vergnügen- reigen der Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintersaison betrachten. In welchen Kreisen diese Lebemänner und Lebe- damen zu suchen sind, braucht nicht gesagt zu werden. Meist handelt es sich dabei u-n physisch oder psychisch degenerierte Exemplare der„besten" Gesellschaft. Mögen sie ihre Keim- zellen aus der K'ette der Generationen ausmerzen! Das ist kein Schaden für den generativ«» Wertbestand des Ganzen. Insoweit aber jchie Moralprediger unter„wachsender Genußsucht" den von der wirtschaftlichen Entwickclung untrennbaren Anspruch auf höhere Persönlichkeitskultur immer weiterer Volkskreise verstehen, so ist das freilich ein Haupt- motiv der Kindereinschränkung. Nur daß es bei gesund empfindenden Menschen eine natürliche Greirze dabei gibt. Man will wohl Kinder haben. Nicht nur das. normale Weib, auch der Mann hat Verlangen nach Nachkommenschaft und bedarf ihrer zu seiner vollen Liebes- und Glücksentfaltung. Was man aber nicht will, ist eine so große Zahl von Käu- deru, daß unter der Last der Aufzucht das eigene Kultur- dasein erdrückt wird. Wo das innerlich gewünschte Maß, von Nachkommenschaft für die einzelnen Elternpaare heute liegt, wissen wir nicht. Denn sicher ist. daß die„freiwillige" Geburteneinschränkung in unzähligen Fällen gar keine frchpoillige ist. Tausend und aber tausend Elternpaare möchten gerne mehr Kinder haben, als sie besitzen. Aber sie können sich den„Luxus" weiterer Kinder nicht leisten, wenn sie im. ihrer Lebenshaltung nicht unter das Maß dessen, was siei| den Aufruf des Reichsausschusses. Trier, lg. März 1914. (gez.) Stein, Domkapitular, Dr. Marx, Seminarprofessor, Rosche!, Pfarrer, T r e i tz, Pfarrer. Tie Erklärung gewinnt an Bedeutung, weil hinter� den vier streitbaren Herren der Bischof Korum von Trier steht. Ohne Zentrumsblatt kein Sterbegeld! Der Katholische Beamtenverein in Köln lud dieser Tage seine Mitglieder unter Ueberreichung des Kassenberichts für das Jahr 1913 zur Generalversammlung ein. Auf der Tages- ordnung stand unter S b als Antrag des Vorstandes:„In Zukunft soll den Mitgliedern, die den Lokal-Anzeiger nicht beziehen, Auch die arbeitenden und erwerbstätigen Frauen bilden sich ein, Sorgen zu haben. Die,.die da in staubigen und dunstigen Fabriksälen und Werkstuben stehen, die da den ganzen Tagend oft auch die halbe Nacht die Nähmaschine treten, die an der Schreib- Maschine, am Telephon oder hinter dem Verkaufstisch ihre Nerven- kraft zusetzen und die vielen, die sich im zermürbenden Kleinkram der Hauswirtschaft aufreiben. Aber was sind das für Sorgen gegen die Sorgen der Frauen, die sich— ein R e i t p f e r d leisten können. Schweres Herzeleid ist über diese Aermsten der Armen gekommen. Man höre nur: die Zeitungen brachten dieser Tage die nieder- schmetternde Kunde, daß der Kaiser sich gegen den Herren- reitsitz der Damen ausgesprochen habe. Wer da weiß, wie gerade die Herrschaften, die dem Reitsport huldigen können, in ver- zückter Verehrung zu jenen steilen Höhen aufblicken, wo Fürsten stehen, der kann die niederschmetternde Wirkung dieser Nachricht verstehen. Auch hier war sofort eine Zeitung bereit, den Sorgen der be- drückten Amazonen ihre Spalten zu öffnen. Eine Zeitung, die für die Not der Heimarbeiterinnen und die Schmerzen der berufs» tätigen Frauen kaum eine Zeile übrig hat. In der„B. Z. am Mittag" wird eine kühne Lanze für den Herrenreitsttz der Damen gebrochen trotz des kaiserlichen Mißfallens, an das man bei seinem Interesse für den Reitsport nicht recht glauben kann.„Jeder Reitersmann wird sich über diese moderne Errungenschaft(!) aus allen möglichen Gesichtspunkten heraus freuen, und nur Leute, die ein Troschkenpferd nicht von einem Rennpferd unterscheiden können, werden prüde Einwendungen dagegen machen," heißt es da. Und noch eine ganze Reihe Argumente gibt es da, die den Herrenreitsttz der Damen als herrlichstes, unveräußerlichstes Menschenrecht proklamieren; ein Recht, viel wichtiger als die poli» tischen Rechte, für die die überspannten Proletarierweiber sich an ihrem Frauentage und in der Roten Woche ins Zeug gelegt haben. Denn für den Herrenreitsttz haben„die Schneider die Kleidcrfrage in einwandfreier Weise gelöst", außerdem ist er„für die Mädchen und Frauen der Gesundheit zuträglicher, das habe» eine ganze Reihe von Aerzten schon des öfteren ausgeführt. Aber auch vom reitsportlichen Standpunkt aus ist dix Befreiung der Damen von der Gabel sehr zu begrüßen".„Auch sind die Damen im.Herren» sattel nicht so abhängig vom Reitburschen und Stallmeister." Diesen und noch anderen Argumenten wird sich kein mitfühlen- der Mensch verschließen können. Aber solange das kaiserliche Miß- fallen Vicht dementiert ist, werden die Damen nur mit sorgen- schwerem Herzen in den Herrensattel steigen. Wie kann man denn riskieren, die Reitalleen des Tiergartens in heiterem Seelenfrieden entlang zu galoppieren, wenn man damit rechnen muß, bei einer sonst so ersehnten Begegnung mit S. M. mit mißbilligenden Blicken aus den allerhöchsten Strahlenaugen bedacht zu werden? Von diesen Sorgen, unter deren Last die Damen aus den Villen des Groß-Berliner Westens ihr? geraden oder krummen Beine üb« einen Pferderücken hängen, hat das Proletenweib, das in all« Seelsnruhe seine Nähmaschine trampelt, keine Ahnung. Eraat. keineSterbeunterstützung gewährt werden." Am Schluß deZ Jahresberichts heißt es dann noch:»So wird ein jeder sehen, wie im katholischen Bcamtenverein gearbeitet wird. Es geschieht alles mit großer Freude im Dienste der katholischen Beamten, es soll weiter geschehen für Kreuz und Krone, zum Segen der Kirche und des Vaterlande s." Der Antrag ist in der Generalversammlung denn auch angenommen worden. Ter„Lokal-Anzeiger" ist das im Verlage von I. P. Bachem erscheinende Kölner Zcntrumsblatt und wird längst von der Geist- lichkeit als der unerläßliche Ausweis zur Seligkeit angepriesen. Nun wird der Abonnementsschein auch zum klingenden Trost für die Hinterbliebenen der katholischen Beamten. Es ist kein Heil, denn bei I. P. Bachemi Ein konservativer Nichter. Während der Reichstagswahlkampagne 1312 widerfuhr in stürmischer Nacht dem Automobil des liberalen Reichstagsabgeord- neten Dr. Neumann-Hofer Unheil: nach einer politischen Versammlung in einem ländlichen Bezirk wurde dem Führer des mit 4 Personen besetzten Automobils in der Dunkelheit eine Hand- voll Dreck ins Gesicht geworfen, so daß er die Gewalt über die Führung verlor und der Kraftwagen in den Straßen- graben sauste. Erheblich verletzt wurde aber niemand. Es stellte sich heraus, daß ein konservativer Parteigänger die Liebenswürdig- keit begangen hatte, er wollte allerdings nicht absichtlich gehandelt haben. 3 W. Geldstrafe wegen groben Unfugs waren für ihn die Folge. Das Schöffengericht in Lemgo verhandelte die Sache- in erster Instanz. Als Zeugen traten Neumann-Hofer und der Redakteur der„Lipp. Landezeitung" auf; Vorsitzender des Gerichts war Amtsrichter Tasche, der als konservativer Agitator am Wahlkämpse teilgenommen hatte. In der Urteilsbegründung erlaubte er sich einen merkwürdigen Ausfall gegen die Zeugen. Es heißt da: »Das ist alles(nämlich nach Ansicht des Gerichts sehr wenig), was... von dem mit großem Geschrei unter leichtfertigen Vermutungen � in die linksstehende Presse hinein- lanciert ist, hineingebracht aus der unmittelbaren Nähe der Zeugen Staercke und Neumann-Hofer, um auch hier für sich und seine Zwecke Sensation zu erregen, ein nicht unwill- kommenes Mittel namentlich zu politischer Reklame unter Erregung der verschiedenen Volkskreise und Berufsstände gegeneinander. Alles, was dabei über politisches Attentat, ver- brecherischen Anschlag auf politische Gegner, konservativ-bünd- lerisch�n Fanatismus� und sonst an Schlagwortcn oder in den Zeitungen entsprechender Qualität breitgetreten ist. gehört in das Reich der Erfindungen.... Man ersieht daraus, mit welcher Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit so- genannte Zeitungswahrheit zuwege gebracht wird." Die liberalen Herren, die also angesprochen waren, ließen sich da? nicht gefallen, sie kritisierten den konservativen Amtsrichter scharf, hatten aber nur den Erfolg, daß sie wegen formaler Beleidi- gung zu 1000 M. Geldstrafe verurteilt wurden. Die Strafkammer erkannt« allerdings an. daß Amtsrichter Tasche über seine Befug- nisse hinausgegangen sei. Nachträglich haben sich nun auch andere Gerichte mit der Sache befaßt, und es ist dabei sehr interessant, zu vernehmen, daß ein Leipziger Schöffengericht dem konservativen Amtrichtcr Tasche ausdrücklich bestätigt hat, er habe, wenn auch unbewußt, unter dem Einfluß seiner politischen Gesinnung ge- standen. Amtsrichter Tasche hatte nicht nur gegen den beteilig- ten liberalen Redakteur Strafantrag gestellt, sondern gegen alle Zeitungen, die damals sein Verhalten kritisiert hatten. Am Freitag wurde die Angelegenheit auch im lippischcn Land- tage von neuem zur Sprache gebracht. Von liberaler Seite bezog man sich auf die Urteile des Reichsgerichts und. des Leipziger Schöffengerichts— auch das hat inzwischen Rechtskraft erlangt— und verlangte, daß dem politischen Amtsrichter wegen seiner Ver- fehlung vom Staatsminister energisch der Text gelesen werde. Nach den Erklärungen des StaatSministeriumS hat das gegen Tasche eingeleitete Disziplinarverfahren ergeben, daß er seine Befugnisse überschritten habe. Zu seinen Gunsten sei jede«, auch wieder angenommen worden, daß er von der Recht- Mäßigkeit seines Verhalten überzeugt gewesen sei. Sehr schön! Immerhin besteht die Tatsache, daß ein deutscher Gerichtshof in einem Falle einmal ausdrücklich bestätigt hat. daß ein Richter in seinen amtlichen Handlungen seiner politischen Ge- sinnung unterlegen gewesen sei. Unbewußt selbstverständlich,— wer wird so frivol sein, etwas anderes anzunehmen! Die Sozial- demokratic empfindet es bekanntlich am eigenen Leibe, daß der- artige und krassere Fälle unbewußter politischer Justiz nicht so selten sind, wie harmlose Leute glauben möchten. Ein Gradmesser prcuhischcr Kultur. Im Jahre 1312 sind nach der„Deutschen Juristenzeitung" in Preußen 17 Personen hingerichtet gegen 13 im Jahre 1311, 22 im Jahre 1310, 13 im Jahre 1309, 10 im Jahre 1308, 15 im Jahre 1907, 13 im Jahre 1306, 7 im Jahre 1305, 21 im Jahre 1901 und 16 im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Unter den Hingerich. teten befanden sich 15(im Jahre 1911 17) männliche und 2(2) weib- liche Personen.. Wieder ein Zwischenfall an der russischen Grenze. Ein russischer- Schmuggler, der bei Mhslowitz die deutsche Grenze uberschritten hatte, wurde, als er bereits aus deutsches Gebiet angelangt war, von den russischen Grenzsoldaten erschossen. Die preußiscbc Behörde hat die Angelegenheit den russischen Be° Horden mitgeteilt und die Bestrafung der Grenzsoldaten verlangt. � �lus diesem Verlangen wird selbstverständlich nichts werden. Solche Vorfalle, daß russische Grenzkosaken aus deutsches Gebiet heruberschleßen und dabei auch schon deutsche Reichsangehörige er- schoben btrben, sind keineswegs eine Seltenbeit; man hat aber bis- ber nie davon gehört, dah die Tater jemals bestraft worden wären. Denn Rußland gegenüber bleibt es immer nur bei den untertänig- sten Vorstellungen. Die Nochette-Kommifsion. Paris, 22. März. Am Schluß der gestrigen Sitzung wurden der frühere Minister Monis und der Oberstaatsanwalt F a b r e. deren Aussagen an verschiedenen Punkten auseinandergehen, ein-! ander gegenübergestellt. Der Borsitzende I a u r e s fragte Monis,! ob er Fabre einen ausdrücklichen Befehl gegeben habe, die Ver-* tagung der«ache zu verlangen. Monis erinnerte daran, er habe bereits angegeben, daß er bei der Acnßerung seines Wunsches nach Vertagung der Sache hinzugefügt habe, daß vor � allen Dingen das Prozeßverfahren sichergestellt und der Rechts-� pflege keine Hindernisse bereitet werden solltxn. Dem- gegenüber bielt Fabre seine Behauptung aufrecht, daß er einen ausdrücklichen Befehl erhalten habe. Monis erwiderte, er� habe keinen gegeben. Fabre fügte hinzu, er habe Monis während ihrer Unterredung inständig gebeten, die Sache ihren Lauf nehmen zu lassen; Monis habe aber erwidert, die Vertagung müsse verfügt werden, da Caillaux cS so wolle. Der Ausschuß be- schäftigte sich weiter mit dem telephonischen Anruf, durch welchen Fabre drei Tage später an Monis' Wunsch erinnert und aufgefor» tert worden sei, ihn dem Gerichtspräsidenten mitzuteilen. Monis erklärte, er habe mit diesem telephonischen Anruf nichts zu tun gehabt, und Fabre sagte aus, daß er allerdings die Stimme nicht als diejenige Monis' erkannt habe. Monis bemerkte zum Schluß, er habe für solche Anschuldigungen nur Verachtung; er habe sein Leben lang den reinsten und einfachsten Lebenswandel geführt und sich nichts vorzuwerfen. Ein neuer Generalstreik? Rom, 20. März.(Eig. Ber.) Das Agitationskomitee der Ar- beiterkamer, das den Streik gegen die Mißstände im Hospitalwescn geleitet hat, wird zu spät gewahr, daß man sich auf die Ver- sprechungen der Regierung nicht verlassen kann. Es war ver- sprachen worden, an Stelle des geschlossenen Hospitals eine Unfall- station mit 20 Betten zu errichten. Aus den 20 Betten sind in der Praxis 3 geworden. Weiter hat der königliche Kommissär wieder 5 Krankenwärter entlassen, verweigert weiter die Aufnahme von Kranken ohne Armenschein und schickt sich an. am 31. März das Hospital der Trinita dei Pellegrini zu schließen. Als ob es mit diesen Provokationen noch nicht genug wäre, hat der Minister Giolitti nach seinem Rücktritt die Vollmackt des verhaßten Kam- missärs G a j e r i um ein weiteres Vierteljahr verlängert. Das hat nun dem Faß den Boden ausgeschlagen und das Agitations- komitee überzeugt, daß man einen zweiten General st reck organisieren mutz, der eine Hauptforderung durchsetzen soll: die Entfernung des Kommissärs Gajeri. Diese Agitation wird in kür- zester Zeit beginnen, falls nicht der neue Minister des Innern es vorzieht, der Bevölkerung Roms ihr Recht werden zu lassen, ohne daß sie es gewaltsam erzwingen muß. Mus Groß-öerlin. Das Gnaüenfest üer„alten lleute�. Wenn den Opfern des werktätigen Schafsens, den Vete- ranen der Arbeit, in höheren Altersstufen jede Möglichkeit genommen ist, sich aus eigener Kraft oder von der mageren Gnade alinosengebender Verwandten durch das Leben zu schlagen, sendet die Stadt Berlin sie ins Spittel. Manch einer, der in jüngeren Jahren, als noch die schwielige Faust kräftig den Hammer schwang, kühne Luftschlösser baute, hat sich dieses Ende nicht träumen lassen. Alte Frauen, deren Sinnen und Trachten nach einem glücklichen Lebensabend im Familienkreise ging, müssen sich bitter erinnern an das wahre Wort, daß eine Mutter zehn Kinder treu besorgt, aber oft zehn Kinder eine Mutter nicht ernähren können. Wo oft vielleicht der beste Wille besteht, ist es nicht möglich, noch für andere zu sorgen, weil das moderne Leben und die Raub- Politik der Höhenmenschen unserer Zeit Anforderungen stellt, daß der einzelne gerade mit sich selbst genug zu tun hat. So sind die alten Leute froh, mit ihren vom Menschenelend zer- mürbten Knochen im Asyl des Siechtums für eine Gnaden- frist untertauchen zu können. Sie müssen manchen Bittgang umsonst tun, ehe sich ihnen das letzte Heim auf Erden öffnet, und betrachten es geradezu als eine Vergünstigung, auf städtische Kosten versorgt zu werden. In das eintönige Leben der Siechenhäuser leuchtete früher die Freude nur selten. Nur die offizielle Besuchs- stunde brachte einige Abwechselung. Erst die neuere Zeit hat den humanen Gedanken ausgelöst, daß auch die Insassen der Siechenhäuser vom langsam Abschied nehmenden Leben noch etwas mehr verlangen dürfen, als ein Lager und Speise und Trank. In den steifen, arbeitsunfähigen Gliedern lebt oft noch ein ungemein reger Geist, der sich ohnmächtig aufbäumt gegen die Ungunst des Geschicks, gegen die Verdammung zum Vegetieren. Sind auch viele der„alten Leute" wie lebendige Leichen zu jahrelangem Siechtum in den Betten verurteilt, bis der Tod sie erlöst, so nehmen andere an dem Treiben der Außenwelt fühlenden Anteil, verschlingen die Tageszeitungen, amüsieren sich auf die eigene bescheidene Art des Alters und machen mit fast jugendlicher Begeisterung die wenigen fest- lichen Gelegenheiten mit. die ihnen das streng geregelte An- staltsleben fürsorglich bietet. Die Ankündigung des Anstaltsfestes ruft auf allen Stationen eine kleine Aufregung hervor. Man weiß ja, was bevorsteht, aber man ist neugierig, was„gegeben" wird. Ein Ball... ach nein, das ist für die alten klapperigen Beine nichts mehr. Die Leutchen im Silberhaar lieben die beschauliche Ruhe, haben selbst für den neumodischen Tangorummel kein Interesse. Gute Musik und andere künstlerische Darbietun- gen, eine kleine Theateraufführung mit Gesang oder ein Lichtbildvortrag, das ist eher nach ihrem Geschmack. Ztvar sind die ausübenden Künstler meist nur von der dritten und vierten Garnitur. Leider stellen sich bessere Kräfte für diesen guten Zweck unter Ausschluß der Oeffentlichkeit höchst selten zur Verfügung. Aber das tut der Freude keinen Abbruch. In sorgfältig geputzter Kleidung, viele an Stöcken und Krücken, trippeln die alten Leute, gesprächiger als sonst, in den Festsaal, verfolgen die Vorstellung mit gespannter Auf- merksamkeit und klatschen so lebhast Beifall, als wären sie noch ein Vierteljahrhundert jünger. Hell und licht ist es wieder für einige Zeit in den eingerosteten Seelen der Alten geworden. Sie haben wieder mal etwas gesehen und gekchrt von dem Leben, das sich da draußen in der unruhigen Welt ohne sie abspielt. jeneS Leben, nach dem sie sich kaum mehr zurücksehnen, weil es sie verstoßen bat. Anderentags lassen sich die Bettlägeriaen. soweit sie noeli nicht in geistiges Siech- tum verfall"!: sind, von den Schönheiten des Anstostsiestes erzählen. Sie müssen auch auf diese kleine, letzte Freude verzichten... Ruinen des Lebens. Einweihung der Königlichen Bibliothek. Mit dem üblillen bökilck'en Prunke ist am Sonntag mittag in Gegenwart des Kaisers der mit einem Kostenaukwande von 25 Millionen Mark errichtete Neubm, der K ö n i g l. Akademie der Wissenschaften und der König l. Bibliothek ein- geweiht worden, nachdem vor einigen Tagen sckion eine»Probeein- weihnng" vorgenommen worden war. Außer Wilhelm II. sprachen Minister Trott zu Solz und Professor.�arnack. In allen Reden wurde hervoroehoben, daß Preußens Könige stets die eifrigsten Förderer der Wissenschaften gewesen seien. Wie bei solchen Ge- legenheiten üblich, wurden im Ansck'luß an die Einweihung zahl- reicbe Bedürssioe mit Orden und Auszeickmungen bedacht; u. a. wurde dem Professor Harnack der erbliche Adel verliehen. Der Sprung durchs Fenster. Kurz vor seiner lleberfnhrung nach dem Moabiter Kriminal- gericht ist aus dem Oranienburger Gerichtsgefäng» n i S der an einer Reihe schwerer Einbrüche in den nördlichen Vor- orten beteiligte Einbrecher Steinicke aus Pankow entflohen. Gegen Steinicke und seine Genossen, auf deren Konto auch ein Einbruch in das Hohen-Neuendorfer Gemeindehans fällt, sollte am kommenden Mittwoch in Moabit verhandelt werden. Als der Häftling im Oranienburger Gefängnis unter Bewachung den Flur im ersten Stockioerk entlaugschritt, um nach Berlin übergeführt zu werden, gelang es ihm in einem günstigen Augenblick durch die Scheibe eines nicht vergitterten Fensters h i n d u r ch z u s p r i n g c n. Der Flüchtling landete auf einem tiefer liegenden Schuppen und floh von dort weiter. Trotz sofortiger Verfolgung mit Hilfe eines Spürhundes war es nicht möglich, seiner habhaft zu werden. Blanke Knöpfe. Es war in der Mitternachtsstunde in einer der kalten Januar- nächte, als ich die lange Chaussee, welche Berlin mit einem seiner Vororte verbindet, mit meinem Rad auf dem Bürgersteig entlang fuhr, um meine Reifen zu schonen. Oft genug hatte ich am Tage das gleiche von anderen gesehen und vermutete alles andere, nur nicht die heilige Hermandad in der einsamen Heide, als vor meiner Acethylenlampe ein dunkler Schatten auftaucht« und.Halt!" donnerte! Im Licht einer Gch'thoflaterne wurden meine Personalien no- tiert, wobei ich in der Tornische ein Wesen weiblichen Geschlechts sah, das wahrscheinlich die Ursache bildete, daß um diese Zeit bei 10 Grad Kälte ein Gendarm noch auf dem Posten war. Acht Wochen später, an einem sonnigen Vorfrühlingstag— die üblichen 3,30 M. hatte ich trotz langer Arbeitslosigkeit beinah ver- schmerzt—, fuhr ich wieder einmal hinaus, und vor mir an einem Bahnübergang überholte ich„meinen Gendarm".— Auch rad- fahrend. Ohne alle Hintergedanken sagte ich mir: Aha,„zum Dienst". Man ist schließlich auch Mensch, und trotz des miserablen Pflasters versuchte ich ein freundliches Gesicht! Plötzlich, einige hundert Meter weiter, mitten auf dem Fuß. weg, so recht breitspurig, die Mientasche am Rade, ein Kommunal- beamter, und nun wurde mein Gesicht noch freundlicher. Mein Rad an die Bordkante des Fußweges steuernd blicke ich zurück, um die Feststellung des„Kollegen" mit anzusehen. Schaden- freude ist zwar keine Tugend, aber verzeihlich. Beide waren sich näher gekommen, der Hüter von Recht und Ordnung bog nach rechts, dann eine kollegiale Begrüßung. Nun tippte ich mir mit dem Finger ebenfalls an die Stirn. Hatte ich dummer Kerl wirklich geglaubt, vor dem Gesetz seien„alle gleich"! Während ich meinen Gedanken nachhing, kam ich zu der Ijeberzeugung, daß für die Pro- leten das Stuckerpflaster gerade recht seil Unter Kohlenmassen begraben. Tin schwerer Unalücksfall hat sich am Sonnabendabend in der Städtischen' Gasanstalt zu Tegel zugetragen. Gegen 11 Uhr abends war der Arbeiter Wilhelm Manns aus Borsigwalde damit beschäftigt, aus einem Kran Kohlen auf eine Lowry abzuladen. Infolge eines Fehltrittes glitt er ab, fiel kn den Waggon und wurde von den Kohlen begraben. Als man den Unfall bemerkte, war es bereits zu spät. Manns kannte nur noch als Leiche geborgen werden. i Die Gemeinüewah!en in üen Vororten. Die Gemeindevertreterwahlen in T e m p e l h o f brachten nnZ am Sonntag in drei Bezirken vollen Erfolg, während in einem Bezirk der sozialdemokratische Kandidat mit einem liberalen Kandidaten in St i ch w a h l steht. Im 1. Bezirk entfielen auf die Sozialdemokratie 255, auf den Liberalen 267 und auf einen Kandidaten der Gewerbetreibenden 52 Stimmen. Es hat somit Stichwahl zwischen dem sozialdemo« kratischen und dem liberalen Kandidaten stattzufinden. Im zweiten Bezirk erhielt unser Kandidat 309 Stimmen, während auf den Kandidaten des bürgerlichen Mischmasches nur 108 Stimmen ent- fielen; 3 Stimmen waren zersplittert. Gewählt ist Gen. Bürge- meister. Im 3. Bezirk erhielt unser Kandidat 180, der Bürger- liche 235 Stimmen. Zersplittert waren 2 Stimmen. Genosse R u h n a u ist somit gewählt. Im 4. Bezirk wurde unser Genosse E w a l d, der 203 Stimmen auf sich vereinigte, gegen den Bürger- lichen, der es auf 135 Stimmen brachte, gewählt. Eifrigstes Bestreben unserer Genossen muß eS sein, in der Stichwahl, deren Termin noch bekanntgegeben wird, auch im ersten Bezirk unserem Kandidaten zum Siege zu verhelfen. Gemeindewahl findet heute, Montag, nachmittags von 3 bis 8 Uhr in R e i- nickendorf- Ost und-West statt. Der e r st e Bezirk wählt wieder in der Turnhalle der' 2. G e m e i n d e s ch u I e, Auguste-Viktoria-Allee 95/96. Kandidat ist Genosse Hein- r ich Schulze. An der Wahl können auch diejenigen teil- nehmen, die gestern nicht gewählt haben. Der zweite Bezirk(Reinickendorf-Mitte und Schweizer- viertel) wählt im Restaurant S a d a u, Residenzstr. 124. K