Nr. 100. Abonnements- Bedingungen: Abonnements. Preis pränumerando: Bierteljährl 3,30 m, monatl. 1,10 M., wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„ Die Neue Welt" 10 Bfg. Post, Abonnement: 1,10 Mark pro Monat Eingetragen in die Post- Zeitungs. Preisliste. Unter Areuzband Tur Deutschland und Desterreich, Ungarn 2,50 Mart, für das übrige Ausland 4 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Ericheint täglich. Vorwärts Berliner Volksblaff. 31. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel zeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereinsund Versammlungs- Anzeigen 30 Big. ,, Kleine Hnzeigen", das fettgedruckte Wort 20 Big.( zulässig 2 fettgedrudte Worte), jedes weitere Wort 10 Big. Stellengesuche und Schlafstellenan zeigen das erste Wort 10 Pig., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Nr. 1983. Auferstehen! Sonntag, den 12. April 1914. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morigplak, Nr. 1984. Auferstehung und Aufstand beides leitet sich ab von sogenannten Staatslenkern ein augenblicklicher Ausweg immer das aufstehen, und doch sind die beiden Worte so wesensverschieden bequemste ist, und den zu bestreiten sie sich nie bedenken werden, wie Christentum und moderne Arbeiterklasse. Denn wer der Auferstehung entgegenharrt, der liegt schon bei lebendem Zeibe in Zeichentücher gehüllt bedächtig auf dem Rücken und wartet auf das große Ereignis von außen, das seines Grabes Riegel sprengt. Wer aber der erlösenden Kraft des Aufstandes gewiß ist, der rührt die Hände und ballt die Fäuste und rüttelt selbst an dem Kerkertor, überzeugt, daß er es zerbrechen fann und wird. ob er auch für die Zukunft die schwersten Gefahren einschließt. Es wäre ein wahres Kinderspiel gewesen, der tschechischen Obstruktion Herr zu werden; entweder mit geschäftsordnungsmäßigen Mitteln, hat; oder durch einen sachlichen Vergleich, zu dem alle Bedingungen weil sie nur noch mit Verlegungen der Geschäftsordnung operiert vorhanden waren. Aber es ist gar so bequem, mit dem§ 14 zu regieren, das kann, um mit Cavour zu reden, jeder Esel; wozu sich also plagen und mühen, da es doch auch so geht? Das ist wirflich der Gedankengang der beschränkten Köpfe, die jetzt in Oesterreich am Ruder sind! Diese Schandwirtschaft ist freilich nur möglich angesichts des hohen Alters des Kaisers, dem dadurch jeder eigene Ueberblick fehlt und der die Regierungen, die vor allem sich selbst erhalten wollen, in Desterreich wie in Ungarn so wirtschaften läßt, als es ihnen beliebt. Die einzige Bedingung, die ihnen zeitig zur Stelle ist; wie, das interessiert die Herren oben nicht, gestellt wird, ist die, daß das, was der Militarismus fordert, rechtund hierin machen sie, da bei ihnen von einer rechtschaffenen Messias, wir erlösen uns selbst mit starker Faust, und wenn fonstitutionellen Gesinnung nie eine Spur zu erbliden war, feine am Ostermorgen auf dem Wege zu Christi Grab Maria Schwierigkeiten. Daß mit dem Parlament auch der Staat ins Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, die bange Frage Wanken gerät, verstehen sie nicht, wie sie sich über das Kommende hatten: Wer wälzet uns den Stein von des Grabes Tür? so nie Gedanken gemacht haben. haben wir die frohe Antwort: Wir selbst! Bei der Beratung des Etats im preußischen Dreiflassen parlament spektakelte ein biederer Zentrumsmann gar erheblich über den Weihnachtsartikel des„ Vorwärts", der eine Verhöhnung des christlichen Glaubens sei und ähnliches. So wenig es uns nun beifommen kann, in Wahrheit den christ. lichen Glauben lächerlich zu machen, so sehr wird der gute In diesem Aufstand der Geister, der Köpfe ist die Mann es schon uns überlassen müssen, wie wir uns mit den moderne Arbeiterklasse mitten drin, sie marschiert, sie schreitet von Kirche und Gesetz vorgeschriebenen hohen Feiertagen des aus, sie stürmt vorwärts, und wie die Kunde aus einer Jahres abfinden. Zudem handelt es sich ja nicht einmal um anderen Welt klingt ihr darum die Botschaft der christlichen wirklich ursprünglich christliche Feste, denn wie die Menschheit| Kanzeln, daß sie sich geduldig wieder niederlegen soll, in Weihnachten, das Fest der Wintersonnenwende, begangen hat, Zeichentücher gehüllt, und sanftmütig harren, bis irgendein lange bevor man von den Evangelien Mathäus, Marcus, Messias von irgend woher sie erlöst. Nein, sie selbst ist der Lucas und Johannes etwas wußte, so wird sie auch noch Ostern, dem Fest der Göttin Ostara, dem blühenden Einzug des Frühlings, zujubeln, wenn längst der christliche Katechismus nur mehr als historisches Quellenmaterial gewertet wird. Zum zweiten legen ja auch die herrschenden Klassen den Festen des Jahres just den Sinn unter, der ihnen paßt. Und so dröhnt uns aus dem Geläut der Osterglocken die Wer's nicht glaubt, der sehe einmal, wie sich etwa die Deutsche Weise des Osterliedes für Europa von 1881 entgegen, in die Tageszeitung" zum legten Balmsonntag ausläßt. An sich ist der unglückliche, längst verschollene Dichter Ortlepp da es schon ein Hochgenuß, die rotwangigen Nutznießer des Brot- mals sein Sehnen und Hoffen bannte: und Fleischwuchers mit christlicher Entsagungsmiene salbadern zu hören über die wundersame, innige und sinnige Stimmung" des Tages Palmarum wie über den„ linden, heimtrauten" und den herben, dröhnenden" Klang der Palmensonntagsglocken, aber padt man schärfer zu, dann läuft die ganze Innigfeit, Sinnigkeit und Heimtrautheit dieser Kapuzinerpredigt auf eine Lobpreisung agrarischer Interessen hinaus. Denn wenn Palmarum als Sonntag der Treue angehimmelt wird, so steht gleich hinter der ersten Mahnung: Sei getren der Heimat! die Aufforderung an den ostelbischen Landproletarier: Begib Dich der Freizügigkeit! Auf der heimatlichen Scholle bleib, für den angestammten Gutsherrn schanzend! Und auch die zweite Mahnung: Sei getreu Dir selbst! sagt im Grunde genau dasselbe, zumal der schöne, bodenständige Berufsstolz des Vaters, der den Sohn am liebsten dort sieht, wo er selbst gestanden hat", gerühmt wird, und wenn schließlich die Losung der Gottestreue ausgegeben wird, so heißt auch das nichts anderes als: Untertan! Sei gehorsam der Obrigkeit, die Gewalt über Dich hat, auch wenn fie Dich zu Unrecht in den Pandurenfeller sperrt! So deckt sich die von dem Bündlerorgan verkündete Treue des Palmsonntags mit jener Sklaventreue, mit jener Hundedemut, die einst schon der demokratische Dichter verspottete: Es klingt ein Lied wie Orgelton Das rühmen alle Kenner; Das trähn im Mutterleibe schon Die deutschen Biedermänner; Und wo ein Dichter Verse schmied't, Da singt er stets aufs neue, Das alte Lied, das schöne Lied, Das Lied von der deutschen Treue. 3war eine schöne Tugend ist die Treue, Doch schöner ist Gerechtigkeit! Auferstehen! Auferstehen! Da, wo Pflicht ist, sei auch Recht! Gleiche Wage soll bestchen Für den Herrn, wie für den Knecht. Gunst soll nicht den Spruch verrenken, Geld soll nicht die Schale senken; Allen ein Gesezesbuch Und dem Rechte schnellern Flug! Auferstehen! Auferstehen! Echo, donne' es fort und fort Ueber Feld und Tal und Höhen Das gewalt'ge Osterworf! Donnr es in des Herzens Räume! Donnr' es in des Schlafes Träume! Wie des Weltgerichts Gefrach, Donnre, donnre alles wach! Der Paragraph 14. Und nun wirtschaftet die Regierung Stürgkh munter drauflos. Sie hat mit dem§ 14, also ohne Zustimmung des Reichsrates, schon folgende Dinge gemacht: eine Erhöhung des Rekrutenkontingents der Staat von dem Börsenkapital gebührend ausgeplündert wird) um 31 000 Mann; eine Anleihe( die Staatsschahanweisungen, wobei von 400 Millionen; eine„ Beihilfe" zu dem Bau von strategischen Eisenbahnen in Bosnien von 400 Millionen; dies alles, was doch die grundlegenden Rechte des Parlaments angreift, als ob es sich um harmlose Selbstverständlichkeiten handeln würde! Den Lum pereien suchte sie nun ein sozialpolitisches Mäntelchen umzuhängen; sie hat nämlich die vom Abgeordnetenhause( aber nicht vom Herrenhause) beschlossene Vorlage über die Unfallversicherung der Bergarbeiter gleichfalls mit dem§ 14 in Straft gesetzt. Ein Meisterstüc widerlicher Demagogie natürlich; denn daß den Leuten, die in Oesterreich Minister werden, die Leiden der Bergarbeiter alles andere denn dringlich" erscheinen, braucht nicht dargetan zu wer= den. Soweit bei diesen Dußendmenschen von einem bewußten Bestreben überhaupt gesprochen werden kann, ist es unverkennbar, daß die Regierung die Untergrabung des Ansehens und der Be deutung des Parlaments anstrebt und herbeiführen will; es foll der Bevölkerung gezeigt werden, daß weder der Staat noch sie etwas Aber da die verliert, wenn das Parlament davongejagt wird. Geschichte mit sich nicht spaßen läßt, wird sich der echt schwarzgelbe Plan ganz bestimmt an seinen Urhebern rächen. Dem Spotte Europas ist dieses unfähige Staatswesen, das unvermögend ist, die widerstreitenden Teile zu einer Einheit zu binden, längst verfallen; es werden also wohl auch die Bundesgenossen einmal darauf kommen, in welche Bedrängnis sie sich begeben, wenn sie der österreichischen Herrlichkeit sich verschreiben. Aus Wien wird uns vom 9. April geschrieben: Die österreichische Verfassung ist nun auf den berühmtesten ihrer Paragraphen reduziert worden: auf den§ 14, der sie beseitigt. Wenn das Wesen der Verfassungsmäßigkeit darin gesucht werden Das erstaunlichste scheint nun wohl, daß sich das Volk, ins kann, daß Geseze nur mit Zustimmung des Parlaments, das darum besondere die breiten Massen, den Stürgkhschen Absolutismus der gesetzgebende Körper genannt wird, erlassen werden und das gefallen läßt. Denn in Wahrheit kann er sich darauf berufen, daß Wesen des Absolutismus darin liegt, daß das Volk aufhört, sich im Volke irgendeine ernstliche Gegenwehr nicht sichtbar wird, daß selbst zu regieren: so ist nun die Verfassung in Oesterreich beseitigt, man ihn zwar haßt und verachtet, aber von einer Bekämpfung und der Absolutismus verzeichnet eine fröhliche Auferstehung. Daß wenig zu spüren sei. Es ist wahr, der Massen hat sich eine unge jich die Aufhebung der Verfassung in dem Scheine des Gebrauchs heure Gleichgültigkeit gegen das Parlament bemächtigt, und jene eines Paragraphen der Verfassung vollzieht, ändert selbstverständ- Hochspannung des Volksgefühls, dem das demokratische Parlament lich an dem wahren Verhältnis gar nichts. Man kann das nicht sein Entstehen dankt, ist längst erloschen, hat sich ganz verflüchtigt. einmal das Kompliment nennen, das das Laster der Tugend macht, Es fehlt eben dem österreichischen Abgeordnetenhause, das in fachund der„ Grund" des§ 14 schafft dem Absolutismus nicht einmal licher Arbeit immerhin seinen Mann stellt, an allem, was impoWie die moderne Arbeiterklasse die unterwürfige Sta- bas Feigenblatt herbei, das die Frechheit der Regierungen in niert, anzieht, hinreißt; sein Dasein, seine Arbeitsfähigkeit werden nailleneigenschaften stolz ablehnt, die ihr das zu Nutz und unserer Zeit nicht missen fann. Das ist einfach ein österreichischer immer von neuem in Frage gestellt, es erzeugt den Eindruck des Frommen der Herrschenden zurechtgedrechselte Christentum Schwindel diesem Lande der Selbstbelügung und Verlogenheit Unfähigen, Lebensuntüchtigen, und das hat ihm alle Sympathien aufzwingen möchte, so will sie auch von dieser Art Treue eigentümlich, das sein Lebtag von gern geglaubten Fabeln lebt und genommen. Eigentlich befinden sich die Massen gegenüber dem nichts wissen, sondern hält es lieber mit einem anderen Dichter, aus den Verstrickungen der Lüge sich nicht zu lösen vermag. Parlament immer in einem traurigen Zwiespalt: wenn das Parder dem Blute nach ein Junker, aber dem Herzen nach auch Die Regierung Stürgkh, eine Regierung jener typischen öfter- lament versagt, werden sie von Grimm gegen das Parlament erin Demokrat war, mit BI aten: ( reichischen Minderwertigkeit, die Josef Unger einmal dahin kenn- füllt, wenn der§ 14 kommt, hat sich ihr Grimm wieder gegen die zeichnete, daß sie, weil zu nichts, zu allem fähg sei, hat die Regierung gefehrt. Aber es ist schwer, für ein Parlament zu Obstruktion der Tschechen dazu benützt, den Reichsrat heimzuschicken. Kämpfen, das selbst für sich nicht zu kämpfen vermag! So breitet Diese Obstruktion hat mit den Gesetzesvorlagen, die im Reichsrat sich der Fatalismus immer weiter, untergräbt dem Parlament die Und dieser Gerechtigkeit freie Bahn zu bereiten auf hätten verhandelt werden sollen, gar nichts zu tun; ihr Beweg- Wurzeln und läßt das Glend zu hohen Jahren kommen. Wären die Erden, soll für uns auch die Losung des Osterfestes sein. grund ist die Erbitterung über den Absolutismus im Lande für den Staat Verantwortlichen nicht mit der Kurzsichtigkeit beFreilich, der Heilsbotschaft der Schrift stehen wir dabei achsel Böhmen, wo seit dem Sommer des vorigen Jahres statt des er- haftet, die ihr Treiben anzeigt, so würden sie freilich diese allge zuckend gegenüber, denn Jahrzehnt um Jahrzehnt ist ver- wählten Ausschusses des Landtages eine sogenannte Verwaltunge- meine Gleichgültigkeit, diese Staats- und Parlamentsverdrossenstrichen, Jahrhundert um Jahrhundert verrollt, und immer fommission, aus staatlichen Bureaukraten zusammengesetzt, das Re- heit als die schwerste Gefahr erkennen. Aber sie denken ja wieder haben die Herren mit Tonsur oder Bäffchen die lichte giment führt. Die Parole lautet: Ohne Landtag fein Reichsrat! nur an ihre Bequemlichkeit. Osterlegende verkündet, aber immer sind die unterdrückten und so wurde der Krieg für die Wiedererweckung der Verfassung in Massen eingeschlossen geblieben in der Grabesnacht ihrer Böhmen tatsächlich damit geführt, daß die Verfassung im Reiche zerschlagen wurde: eine Tollheit, die ohne Methode scheint, aber in Knechtschaft und nimmter ist ein Engel gekommen, um den Desterreich sich als höchste Vernunft spreizen darf. Ebenso logisch Stein vom Eingang der Gruft wegzuwälzen. Das ist ja denkt die Regierung: statt sich ihrer Verpflichtung bewußt zu wer überhaupt, was den breitesten Abgrund zwischen Christen- den, die Schande in Böhmen aus der Welt zu schaffen, ergreift sie Nur im langsamsten Schneckentempo geht die Feststellung tum und Arbeiterklasse aufwirft, daß jenes duldend ist und mit wahrem Behagen die Gelegenheit, sich des Reichsrates ent- der Wahlergebnisse in diesem Lande vor sich. Fast fönnte es diese handelnd, daß jenes von einem außerweltlichen Erlöser ledigen zu können, macht den Absolutismus in dem größten Kron- scheinen, als ob man vor der Aufmachung der Stimmzettel das Heil erwartet und diese in der eigenen Brust ihres lande mit dem Absolutismus im Reiche wett. Dabei fehlt diesen bange ist. Bisher sind erst 33 der 230 Mandate festgestellt. Schicksals Sterne weiß, daß jenes an die Auferstehung glaubt Leuten, deren Nichtswürdigkeit nur von ihrer Dummheit über Davon haben die Konservativen 14, die Liberalen 6 und und dieses an den Aufstand! Nicht- beruhige Dich, Staats- troffen wird, das Gefühl gänzlich, daß der Zusammenbruch der unsere Genossen 13 Mandate erhalten. Gewinne haben nur anwalt!- an den Aufstand mit geschwungenen Heugabeln Volksvertretung des aus allgemeinem und gleichem Wahlrecht her- die Konservativen, und zwar 4 Mandate, während wir eins vorgehenden Parlaments doch nicht minder ein Zusammenbruch und die Liberalen drei verloren haben. Der letzte liberale und geradegeschmiedeten Sensen, der eine rote Fahne über der Staatlichkeit ist: eine Schande für den Staat, in dent als dem Verlust ist allerdings mehr fiktiver Natur, denn der Inhaber Barrikaden trägt, sondern an den weit unheimlicheren Auf- einzigen in ganz Europa ohne Zustimmung des Volfes regiert dieses Mandats gehörte schon vorher dem Reichstage an. Es stand der Geister, der als festen Reif uni Millionen und aber wird; sie spürt gar nicht, welchen Mafel sie damit dem Staate ist das ein Magistratsmitglied in Norföping, der früher ins Millionen Köpfe den Ostergedanken des Sozialismus zufügt. Es ist das wieder nur eine Bekundung der öster reaftionäre Lager übergetreten ist. Seine Wahl in Nor schmiedet. reichischen Leichtfertigkeit, aus der heraus jenen köping ist von seiner politischen Parteistellung nicht abhängig. Schwedische Wahlergebnisse. Malmö, 8. April.( Eig. Ber.) da sie lediglich seiner persönlichen Beliebtheit zu verdanken ist. Als Kommunalpolitiker soll er ebenso tüchtig sein wie als Kammermitglied unzuverlässig. Und in dicscni Lande wird danach nicht so sehr gefragt, viclniehr sind hier Person- liche Einflüsse und Freundschaften von ausschlaggebender Be- deutung.. Tos glänzende Wahlergebnis in Gotenburg, wo die Liberalen ihre zwei Mandate hielten und wir den Konser- � vativen ein Mandat abnahmen, wird vielfach als Vorbcdeu- tung für die Ergebnisse in den Industriegebieten angesehen. Gotenburg ist eine alte konservative Hochburg, in die bei der Wahl 1911 unter dem deniokratisierenden Wahlrecht Bresche gelegt wurde. Zu dem einen Mandat, das wir vorher dort > von sieben hatten, eroberten wir ein zweites. Aber diesmal wollten die Konservativen nicht nur dieses zurückgewinnen, sondern auch den Liberalen eines ihrer zwei Mandats ab- ' nehmen. Der Wille. war gut und an Anstrengungen haben sie i es wahrlich nicht fehlen lassen. Aber die Wähler folgten der konservativen Partei nicht. Nach dem Ausfall der Goten- burger Wahl ist auch die Stimmung in der konservativen Presse etwas gedämpft. Sie versuchen zwar, den Ausgang in Norköping für sich zu deuten, aber, wie oben zu ersehen, kann von einem konservativen Parteisieg in Norköping nicht die Rede sein, sondern gesiegt hat da nur der Rüstungsfanatis- j mus über die Person des liberalen Kandidaten, der in dieser Frage von seiner Partei öffentlich abgerückt ist. In M 0 l in ö sind Veränderungen nicht eingetreten, wie bisher find zwei Sozialdeniokraten und ein konservativer Ab- geordneter gewählt worden. Die südschwedischen politischen Verhältnisse sind bereits.so abgeklärt, daß unter dem Proporz Verschicbungen nicht zu erwarten sind. Ein Blick auf die Stimmenzahlen zeigt das auch. Tie Sozialdemokraten steigerten ihre Stimmenzahl um»69 auf 1862, die Konser- i vativen ihre um 693 auf 3271. Tie Liberalen gingen zum erstenmal unter dem neuen Wahlrecht mit eigener Kandidatur vor und erhielten 396 Stimmen. Zählt nmn diese zu denen � der Sozialdemokratie, so hat die Linke rund 1266 gegen rund 706 der Konservativen gewonnen. Tie Teilnahme an der Wahl betrug 72,3 Proz. der eingeschriebenen Wähler gegen 66,8 Proz. 1911. Aus den Stockholmer Landkreisen liegen erst die Gesamt- zahlen für den Südkreis vor. Von 17 932 Wahlberechtigten haben hier 11 969 gestimmt, das sind 66,7 Proz. gegen 11 Proz. im Jahre 1911. Tie Mandatsverteilung ist noch nicht fest- gestellt. Schon die bisherigen Ergebnisse bestätigen die Auffassung, daß große Verschiebungen nicht zu erwarten sind. Tie Tendenz ist aber erkennbar, daß die Liberalen geschwächt wiederkehren und daß von dieser Schwächung unsere Partei ungefähr in gleichem Maße profitiert wie die Konservativen. Tiefe haben in Stockholm und Norköping einen Vorsprung erreicht, der aber sicher von uns im mittelschwedischen In- dnstrierevier eingeholt wird.— In der Regierung hat sich insofern eine Aenderung ergeben, als der Kronprinz die Regentschaft für seinen erkrankten Vater übernommen hat. Obgleich die Regentschaft des Kronprinzen in der Dynastie- Politik noch nichts wird ändern können, ist es vielleicht für die Abwickelung der Krise nach der Wahl nicht ohne Bedeu- tung. Denn es ist bekannt, daß der Kronprinz liberalen Ein- flüssen zum mindesten zugänglich ist. Er liebt allerdings nicht den Herrn Staaff. aber falls es zum Ministerwechsel «kmnmen sollte und die Liberalen Staaff nicht untreu werden. dürste der Kronprinz einem neuen Ministerium Staaff kaum Widerstand entgegensetzen. Sonst ist das Verbleiben des Ministeriums Hammarskiöld bis nach den Septemberwahlen sicher, was überdies auch den Neigungen dieses Ministeriums entspricht. politische Uebersicht. Der Zwifk in der nationalliberaleu Partei. Tie Junglibcralen setzen sich gegen die Zumutung, ihre Organisation aufzulösen, im ganzen Lande zur Wehr. Auch der Vorstand des Jungliberalen Verbandes Groß-Berlin hat sich niit dem Beschluß des national- liberalen Zentralvorstandes auseinandergesetzt und eine Eni- schlicßung gefaßt, in der der Vorstand des Jungliberalcn Reichsvcrbandes aufgefordert wird, dem Wunsche des Partei- Vorstandes keine Folge zu leisten. In der Resolution heißt es: .Ter Bestand des R e i ch s v e r b a n d e s ist LebenSbedin- gung für unsere politische Betätigung, und seine Auslösung würde den Verzicht auf eine großzügige Wer betätig- keit für unsere Partei bedeuten, einen Verzicht auf die Verwirklichung all dessen, was die Besten der Partei von uns erwarteten und wir in den verflossenen Jahren in redlicher Arbeit erstrebten: insbesondere würde die lebendige Fühlung zwischen der Partei und den breiten Schichten des Volkes, dem Mittelstand, den Angestellten, Beamten und den Arbeitern gefährdet werden. Auch eine äußerliche Auflösung des a l t n a t i o n a l- liberalen Verbandes wird seinen Ouertreibe- reien durchaus kein Ende bereiten. Um der Partei und des Vaterlandes willen ersuchen wir den Gesamtvorstand des Reichsverbandes, sich in Verhandlungen zum Zwecke der Auflösung der wichtigsten Werbeorganisation der Partei keinesfalls c i n z u l a s s e n." Wie man sieht, wissen die Jungliberalen sehr genau, daß eine Auflösung des Jungliberalen Reichsverbandes nichts anderes bedeutete, als die glatte W a f f e n st r e ck u n g vor der Richtung Fuhrmann-Röchling- Friedberg. Denn die Altliberalen beherrschen ja den Parteivorstand derart, daß sie i h r e Sonderorganisation ruhig preisgeben können, ohne von ihrem Einfluß das geringste ein- zubüßen. Lassen sich dagegen die Jungliberalen zur Auf- lösung ihrer Sonderorganisation beschwatzen, so sind sie vollends zur Ohnmacht verdammt. Das Häuflein der libe- ralen Ideologen ist dann völlig zersprengt, während sich die altnationalliberalen Schlotbarone durch ihre gefüllte Kriegs« lasse nach wie vor den verhängnisvollsten Einfluß sichern. Ter Abg. Friedberg fährt freilich fort, der Opposition zuzureden. Sicherlich würden ja auch nach der Auflösung der Sonderorganisationcn die Meinungsverschiedenheiten fort- bestehen und jeweilig zum Austrag gebracht werden müssen. Ter Vorteil für die Gesamtpartei bestehe aber darin, daß die beiden Richtungen dann nicht mehr ihre Haupttätigkeit in der gegenseitigen Bekämpfung erblicken würden, wodurch die Gegensätze„künstlich emporgeschraubt" würden und sich nach außen hin schroffer darstellten, als sie in Wirklichkeit seien. Tarin hat Herr Tr. Friedberg sicherlich recht, daß der nationalliberale Bruderzwist die Gegensätze aufbauschte. Konnten-doch Naive wähnen, daß die Jungliberalen ein wirklich liberales Element darstellten, während sie in der Tat doch nur die brutal kapitalistische und scharfmacherische Tendenz der nationalliberalen Partei phraseologisch zu ver- schminken suchten. � Die Borussifizierung Elsah-Lothringens. Die Karlsruher.Südd. Kons. Korrespondenz", die sich besonderer Beziehungen zu chauvinistischen Kreisen rühmt, schreibt über die Ab- sichten der Berliner Regierung: 1. Eine Versetzung des Straßburger Generals v. D e i m« l i n g kommt für die nächsten Jahre nicht in Betracht. Wilhelm II. wird im Gegenteil„den verdienten General" bei seinem Anfang Mai zu erwartenden Beiuch durck besondere Ehrungen auszeichnen. 2. Solange der Zaberner Magistrat nicht parsr peccavj sagt und an Stelle des Herrn Knöpiler ein anderer Bürgermeister - Mus öem noröschweöischeu Eisenerzöistrikt. (Von unserem Korrespondenten.) Kiruna, Anfang April. Von Boden bis Kiruna ist eine Tagereise, die durch die nörd- lichen Teile Lapplands geht. Von dieser Strecke(Lutea— Rarvik) kommen die nordschwedischen Eisenerze, deren hervorragende Eigen- schaften sie zu einem unentbehrlichen Rohmaterial der deulichen Stahl- und Eisenindustrie machen. Es geht nicht die ganze Aus- beute»ach Deutschland, auch England und Belgien, sogar Amerika sind Bezieher der nordschwedischen Eisenerze. Zu dem in der deutschen Stahlindustrie angewandten Bessemer-Bersahren sind Roh- erze von der Reinheit und dem Phosphoi geholt der schwedischen notwendig. Die nordschwedischen Erze enthalten 63—75 Pro,;, und mehr reineS Eisen. Die Ausfuhr nach Deutschland geht teils über den norwegische» Hafen Narvik nach Rotterdam und den Rhein hinauf, teils über de» schwedischen Hafen Lulea am Bottnischen Meerbusen nach Lübeck und Stettin, woselbst der Berhüttungsprozcß vor sich geht. Gerade dieser Bezirk soll nun von Rußland besonder? ge- fährdct sein. In seinem Drange, einen eisfreien Ausgang zum Atlantischen Ozean zu bekommen, soll Rußland beabsichtige», seine nordfinnischen Grenzen zu berichtigen und einen Teil von Rorrland Schweden abnehmen zu wollen. Daß darin der Eisenerzbezirk ein- geschlossen liegt, das ist für jeden schwedischen„Vaterlandsfreund" selbstverständlich. Als ich aber einem auf die Bude rückte, erklärte er. Rußland würde sicher noch weit südlicher gehen, um nicht nur Narvik, sondern auch Drontheim als eisfreien Hafen zu gewinnen. Der Phantasie sind hier zurzeit keine Grenzen gesetzt. Der Distrikt ist landschaftlich zwar nickt hervorragend, aber doch fehr schön. Große, weiße Ebenen vom Gebirge eingeschlossen. das vereinzelt Höhen von über 2000 Meter über dem Meere erreicht. Der Winter reicht bis in den Mai hinein und Sommer wird es vor Ende Juni nicht. Die Sonne brennt aber schon jetzt am Mitlag nicht schlecht auf die weiten Schneefelder, ohne ihnen viel anhaben zu können. In der Nacht sinkt die Temperatur auf mindestens 20 Grad Celsius, aber auch auf 80 Grad und darunter. Für die Landwirtschaft ist hier kein günstiges Feld. Getreidebau ist gänzlich ausgeschlossen, und obgleich die Vegetation während des kurzen Sommers eine fast tropische sein soll, ist die Landwirtschaft wesentlich auf Viehzucht angewiesen. Dazu kommt die Renntierzucht der Lappen. die als Nomaden ihren Tieren folgen. Die Wald- Wirtschaft ist hier auch nicht hervorragend, da im Gebirge die Vegetation bald aufhört. Am höchsten klettert noch die Birke, allerdings in Zwcrgform. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren die Lappen mit ihren Renntieren fast unbegrenzte Herren dieses Landes. 1864 wurden die Erzfunde an die Engländer verkauft. Die Ausbeutung lohnte sich jedoch nicht, so lange keine Eisenbahn den Transport zur Küste be- sorgte. Von Malmberget-Gellivare bis nach Lulea sind 203 Kilo- meter und diese Strecke wurden die Erze früher mit Hilfe von Renn- lieren transportiert. DqS konnte natürlich keine größere Ausbeulung der Erzgruben gestatten. Erst der Eisenbahnbon brachte die Mög- lichkeit der Industrialisierung. In anderthalb Jahrzehnten sind aus den alten Lappendörfern Jndustrieplätze geworden, die mehrere Tausend Einwohner zählen und von großer Bedeutung sür die künftige Entwicklung der schwedischen Jndustne überhaupt gr- worden sind. 1 In Malmberget-Gellivare werden jährlich rund eine Million Tonnen Eisenerze für den Export gefördert, in Kiruna. 100 Kilo- meter nördlicher, über drei Millionen. Die Förderung befindet sich in starker Steigerung, seitdem die Gesetzgebung eine größere AuS- fuhr gestattet. Die Kirunagruben gehören zur Hülste dem schlvedi- scheu Staat, zur anderen Hälfte dem GrängeSbergstrust, der auch Eigentümer von Malmberget ist. CS bandelt sich hier um das kapitalkräftigste Industrieunternehmen Schwedens. Die neben Kiruna liegenden Eisenfelder von Luosiawara gehören ganz dem Staat, sind aber noch nicht im Betrieb. Die Gruben in Malm- berget konnten wir unter Führung eines Ingenieurs der Ge- sellschaft besichtigen. Die jetzt im Abbau befindliche Erzader hat eine Länge von rund 6 Kilometer, die bis auf 800 Meter Tiefe genau untersucht ist. Der Abbau erfolgt einstweilen über Tag. Durch Tunnel im Gebirge sind die Bruchstellen mit der Sortierstelle und der BerladungSstation verbunden. Mit Ausnahme der ersten Verladung an der Bruchstelle erfolgen alle weiteren Verladungs- Prozesse durch Kippvorrichtungen, da eS sich ja immer um den Transport von Berg zu Tal handelt. Die Sortierung selbst erfolgt auf magnetischem Wege. Die Eisenerze werden im großen Sortierungswerl an magnetischen Rollen festgehalten, die Granit« und unreinen Stücke fallen ab. Alle Vorrichtungen sind modernster Art, auch die Arbeiterschutzvorrichtungen sind im wesentlichen mustergültig. Nur im Sorlierwerk, wo auch das Zerkleinern der Erzblöcke auf maschinellem Wege erfolgt, zeigt sich eine reichliche Staubentwickelung: die Absaugung könnte besser geordnet sein. Die Arbeitsverhällnisse wurden von dort tätigen Genossen als zufrieden- stellend bezeichnet: die Löhne bewegen sich zwischen 4 Kronen für weniger gualisiziert» Arbeiter und 8 Kronen für Hauer und Ver- lader usw., alles pro Schicht von acht Stunden. Die Behandlung der Arbeiter durch die Verwaltung in Malmberget wurde als in jeder Hinsicht gut bezeichnet, dagegen soll in Kiruna das Verhältnis weniger günstig sein. WohnungS- und Lebensmittelverhältnisse sind hier sehr teuer, die Wohnungspreise haben sogar Berliner Höhe er- reicht, trotzdem Baugrund in überreichem Maße vorhanden ist. Die Lebensmittel müssen größtenteils aus dem Süden des Landes herangeschafft werden. Die Zufuhr ist schlecht organi- siert und die Lebensmittelzölle verteuern die Lebenshaltung der ganzen Bevölkerung einschließlich der Bauern deS ganzen Nord- schweden. Für die Rückständigkeit der schwedischen Lebensmiitel- distribntion ist bezeichnend, daß die Kartoffeln aus Norddeutschland billiger nach dem hohen Norden gebracht werden als ans dem kartoffelproduzierendcn Mittel- und Südschweden. Ter hier in großen Mengen konsumierte Speck wird aus Amerika eingesührr. Mit knapper Rot gelang es in der letzten ReichstagSsession, den Zoll auf Speck von 30 auf 12 Ocre pro Kilogramm herabzusetzen. Die Entscheidung mußte durch das Los herbeigeführt werden, da die Liberalen zum großen Teil ihr Freihandelsprogramm verleugneten und mit den proleklionistischen Konservativen für die Beibehaltung des Zolles stimmten. Da Stimmengleichheit vorlag, entschied da« Los, diesmal zugunsten der nordschwedischen Konsumenten. Bisher sind die Eisenerze un verhüttet ausgeführt worden. Inzwischen hat schwedische Jngenicurkunst, im Verein mit den un- ermüdlichen Bestrebungen der Ingenieure anderer Länder, daS Problem der elektrischen Eisen schmelze so weit gelöst, daß dauernde Betriebe bereits eröffnet sind. Die Kirunaerzc sollen, wie mir der hiesige Bergmeister A s p l u n d. ein Parteigenosse und Mitglied der Ersten Kammer, mitteilte, sich zur Herstellung phoSphor- armen Roheisens eignen. Im elektrischen Schmelzofen wird nur ein Drittel der sonst notwendigen Menge Holzkohle gebraucht. Sobald es gelimgm sein wird, auf elektrischem Wege mit Hilfe von Koks tritt, erhält Zaber» kein Militär niehr. Die S9er werden in eine andere Garnison verlegt. 8. Die Garnisonieruiig der elsaß-lothringischen Rekruten in altdeutsche Garnisoneir ist in Bälde zu erwarten. Nun fehlt nur noch, daß Dallwitz Statthalter wird und die preußische Herrlichkeit ist in Elsaß-Lothringen perfekt. Lockrufe für die Nationalliberalen. Mit steigender Inbrunst fleht das Zentrum die Nationallibe- ralen an, den Freisinn seinem Schicksal zu überlasten, um an die starke Seite des blauschwarzen Blocks zu treten. Diesem Zweck dient auch ein Artikel der„Kölnischen Voltszeitung"(Nr. 320), der den Nationalliberaleu verspricht: „Für sie würde ein Abrücken vom Freisinn keineswegs eine Schwächung zur Folge haben. Denn die Verluste, welche ihnen durch Versagen der freisinnigen Hilfe entstehen könnten, würden ohne Frage mehr als ausgeglichen durch ein Uebereinkommen mit den rechtsstehenden Parteien. Durch ein solches Zusammen- gehen gegen die Linke könnten die National- liberalen eine große Anzahl von Wahlkreisen. die heute sozialdemokratisch oder fortschrittlich vertreten sind, die aber früher vielfach schon nationall iberal� vertreten waren, wieder er- o b e r n, teils in der Stichwahl, teils schon im ersten Wahlgange. Das Gewicht der liberalen Stimmen in der Gesamtheit wäre dann wahrscheinlich nicht geringer, als es jetzt ist. Daß diese Rechnung die Wahrscheinlichkeit sür sich hat, zeigt ein Vergleich mit früheren Wahlen." Von dem Verhältnis der Nationalliberalen zu den Fortschritt- lern wird gesagt: „Es läßt sich auf die Dauer nicht vereinbaren, daß die Nationalliberaien sich als die entschiedensten Gegner der Sozialdemokratie betrachten, aber gar keinen Anstand nehme», immer und überall die Fortschrittler, denen die Unterstützung der Sozialdemokratie das A und Z ihrer politischen Betätigung ist, als die gegebenen Bundesgenossen anzusehen. Das Sprich- wort:„Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist",, hat doch auch in diesem Falle seine Berechtigung nicht ganz eingebüßt. Heute liegen durch die Schuld des Freisinns die Tinge so, daß seine Unterstützung eine indirekte Unterstützung der Sozialdemokratie ist."_ Merikalismus und Geburtenbeschränkung. Zu den heftigsten Rufern im Streit gegen die Geburten- bcschränkung— man denke an die Kundgebung der Fuldacr Bischofskonferenz!— gehört der Klerikalismus, und heftig wird gegen die Sozialdemokratie gewettert, die darin hauptsächlich eine Folge wirtschaftlicher Ungunst und eines gesteigerten Berantwort- lichkeitsgefühls der Massen sieht. Die Zentrumspresse weist gern auf die Geburtenziffern in katholischen Gegenden hin, die viel höher seien als in protestantischen: dabei unterschlägt sie natürlich, daß in den überwiegend katholischen Großstädten, in Köln und vor allem in Aachen, der Geburtenüberschuß in ganz rapider Weise sinkt. Interessant sind nun einige statistische Erhebungen des„Annaire Statistique de Belgique" über die Verhältnisse in dem f a st völlig katholischen Belgien. Aus ihnen ergibt sich, daß Belgien nebst Frankreich die letzte Stelle hinsichtlich der Geburtenzahl ein- nimmt: 22,9 im Jahre 1911, gegen Frankreich 18,7, Oesterreich 29,4. 1912 hatte Belgien noch 28,4 Geburten auf 1000 Einwohner. Von insgesamt 1 370 778 Ehen in Belgien hatte» 1910 796 231, also weil über die Hälfte, höchstens zwei Kinder.— Hat man hierfür auch keine Vergleichsziffern aus Deutschland, so steht doch fest, daß es mit der tindergesegneten„Sittlichkeit" in überwiegend katholisch beeinflußten Ländern nicht weit her ist. Der außer- ordentlich zahlreiche Klerus in dem kleinen Belgien wird eS sicher an entsprechenden Ermahnungen kaum haben fehlen lassen. Journalisten im Reichsdienst. Die„Post" hält gegenüber einem Dementi der„Berliner Neuesien Nachrichten" die Keldung aufrecht, wonach in die Presse- abteilung des Auswärtigen Amtes einige Berufsjournalisten einlrctcn sollen. Die„Post" beruft sich auf Rücksprachen, die der Unterstaats- sekretär Wahnschaffe im Reichstag genommen hat. J ein billiges Roheisen herzustellen, wird die Industrie noch einen ganz anderen Ausschwung nehmen. Nicht weit von Gellivare liegen im Lulea-Elf die Porgussälle, die ungeheure Wasserkräfte— man schätzt sie auf 400000 Pferde- stärken— darstellen. Der schwedische Staat baut für 18 Millionen Kronen zurzeit die Porgasfälle aus. Zunächst sollen 23 000 Pferde- stärken ausgebeutet werden, montiert wird für die Benutzung von 62 300 Pferdestärken. Neben elektrischer Betriebskraft für die Bahn wird die Industrie hier billige Betriebskräfte erhalten und die Absicht besteht, später auch mit elektrischer Eisenschmelze zu beginnen. Tie industrielle Entwicklung geht demnach in diesem Bezirke einer großen Zukunft entgegen. Diese nördliche Gegend ist eS also, die von den russischen Expansionsbestrebungen bedroht sein soll. Man fragt sich unwilllllr- lick: Was wollen die Russen hier? Erzreichtümer haben sie in ihren weiten Territorien mehr als sie zurzeit überhaupt untersuchen und ausbeulen können. Auch ihre Montan- und Maschinenindustrie hat bei ihrer Rückständigkeit kein Interesse an den hiesigen Erzen. Die Ausfuhr geht ja auch gar nicht nach Rußland. Absatz russischer Jndustrieprodukte kommt noch weniger in Frage. Für Agrarprodulic wäre eher ein Absatz hier zu finden. Aber dazu bedarf es wirklich leiner Annektion, sondern lediglich besserer Organisation der russischen Ausfuhr. Für diese Ausfuhr kann der menschenarme Bezirk hier oben aber auch dann keine Goldgrube sein, weil sein Konsum im Verhältnis zu Rußlands Getreideverladungen viel zu gering ist. Es kämen also nur st r a t e g i s ch e Rücksichten in Frage. Worin sollten die bestehen? Aber Rußlands künftige Schlachtfelder liegen nicht im Nordpolgebiet, sondern im Orient, auf dem Balkan und an den südlichen Küsten der Ostsee. Renntiere und Walrosie jagen ist keine lohnende Beschäftigung für das russische Heer. Metcr- liefer Schnee im gebirgige» Terrain, Tausende Kilometer vom Zentrum russischer Kraftentfaltung entfernt und 20—30 Grad Kälte, sind auch gerade keine Faktoren, die auf strategische Interessen Rußlands schließen lassen. Aber dieser Bezirk soll angeblich Rußland nach Narvik führen. DaS ist nichts als eine müßige Kombination. Denn die vorhandene Eisenbahn Lulea-Narvik ist zwar für den ErztranSport ausreichend und genügt zur Not dein Personenverkehr in der menschenleeren Ge- gend. Zum Transport großer Armeen kann sie im jetzigen Zustand überhaupt nicht in Frage kommen.„Die Züge können auf dieicc Bahn, die von der schwedisch-norwegischen Grenze bis Lulea 303 Kilo- meter lang ist, nur sehr langsam fahren. Die Fahrt auf der ein- gleisigen Bahn dauert 14'/, Stunden, das ist eine Geschwindigkeit von 22 Kilometer in der Stunde. Um die 39 Kilometer von der Grenze bis Narvik zurückzulegen, gebraucht man eine Stnnd« 40 Mi- nuten. Diese Strecke geht am Abhänge hoher Felsen mit ewigem Schnee dahin, ein Holzverschlag über der Bahn soll verhüten, daß sie nicht verschüttet wird, wenn die Schneemasien in Bewegung kommen. Für strategische Zwecke ist diese Bahn sicher mibrauckibar. Zudem kann Rußland wohl kaum damit rechnen, diese Bahn in seine Hand zu bekommen, denn in, Kriegsfalle würde sie doch sicher sehr schnell zerstört werden, wenn Schweden keine Möglichkeit mehr sehen würde, sie zu halten. Will Rußland aber eine Bahn nach Narvik bauen, so kommt' es auf leichterem Wege dorthin als durch einen Krieg mit Schweden. Rußland hat vom Endpunkte seiner finnischen Bahnen bis Narvik eine kürzere Strecke zurückzulegen auf dem jetzt ihm gehörenden Gebiet, als über Schweden. Aber es ist überhaupt Unsinn, Rußland zuzutrauen, daß es Milliarden auf diesen Schneefeldern verpulvern würde. Und um Milliarden handelt es sich bei all diesen Projeft». Nr. 100. 31. Jahrgang. 1. Beilage des„ Vorwärts" Berliner Volksblatt. Gewerkschaftliches. Herrn v. Jagow zur freundlichen Kenntnisnahme. Da gegenwärtig die Auslegung des Reichsvereinsgefezes dahin geht, unsere Gewerkschaften unter die politischen Vereine einzureihen, wollen wir einer hohen Behörde ihre Aufgabe etwas erleichtern und ihr einige Tatsachen unterbreiten, die ihrem scharfen Auge bisher entgangen zu sein scheinen. Es handelt sich um die gelben Organisationen, die im Westen Deutschlands sich Werkvereine, im Osten reichstreue Vereine nennen. Der Titel„ Gewerkschaft" kommt jenen Vereinen nicht 31. Dagegen werden sie sämtlich zu den politischen Vereinen zu zählen sein, wie sich aus nachstehenden Feststellungen ergeben dürfte. Zu den ältesten gelben Organisationen in Deutschland gehören die reichstreuen Bergarbeitervereine in Schlesien und im Mansfelder Revier.( Gegründet 1890 und 1891.) Nach außen geben sie sich als Unterstützungs- und Geselligkeitsvereine mit gewerkschaftlichem Einschlag. Die Art ihrer Haupttätigkeit kennzeichnet sie jedoch als politische Wahlvereine im Dienste der Reichspartei. Ihre Vereinsorgane in Schlesien der Feierabend des Arbeiters" und im Mansfelder Revier der„ Mansfelder Bergbote" find politische Zeitungen und bei Reichs-, Landtagsund Kommunalwahlen im freikonservativen Sinne tätig. Polizeibehörden, die dem Reichsvereinsgesetz Geltung verschaffen wollen durch den Nachweis der politischen Haltung jener Vereine und ihrer Organe, werden keine Mühe damit haben. Jeder Jahrgang enthält Dußende Beweise. So ist in einem Bericht des Feierabends", in dessen Nummer vom 26. November 1910 über eine Verbandsversammlung der reichstreuen Bergarbeitervereine vom 20. November 1910 zu Iesen: „ Ganz besonders interessant gestaltete sich die Besprechung über die Stellungnahme zu den nächsten Reichstagswahlen. Der aus Berlin( als möglicher Kandidat) erschienene, in der nationalen Arbeiterbewegung außerordentlich eifrige und erfahrene Baron v. Reibniz hielt einen längeren Vortrag, in dem er fein Programm entwidelte. Verschiedene andere Redner ermahnten die Kameraden, schon jest in den Bereinen auf die kommenden Wahlen hinzuarbeiten, damit nicht erst im letzten Augenblic, also zu spät, die Wahlarbeit einsetzt." Zu bemerken wäre dabei noch, daß dieser freifonservative Wahlverein Jugendliche von 14 Jahren ab zu seinen Mitgliedern zählt. Mit gleichem Eifer widmeten sich die reichstreuen Vereine im Mansfelder Kreise und der Bergbote" den Wahlgeschäften bei der Reichstags- und Landtagswahl. So erschien für die Landtagserfazwahl im Jahre 1911 der Wahlaufruf für den fonservativen Kandidaten v. Hassell im Bergboten", Nr. 29 von 1911, mitunterzeichnet von den Leitern der reichstreuen Vereine. Genau so hantieren sich die gelben Werkvereine im rheinisch- westfälischen Industriegebiet. Nur der eine Unterschied besteht, daß im Westen die politische Tätigkeit der Werkbereine ausschließlich der nationalliberalen Partei zugute fommt( was übrigens auch im Saargebiet zutrifft). Allerdings ist hier die gelbe Vereinsbewegung noch jung und konnte erst in lezter Zeit vor allem bei den Gemeindewahlen- politisch wirken. Aber gerade auf diesem Gebiete haben die Werkvereine als Wahlvereine sich anscheinend gut eingeführt. Einige Beispiele: daten auf. 1. Der Wertverein der Zeche Karl Funke beschloß in seiner Bersammlung am 16. November 1913 felbständiges Vorgehen bei der bevorstehenden Gemeinderatswahl und stellte die Kandi2. Im Wertverein der Zeche Rosenblumendelle- Humboldt hielt in der Versammlung am 16. November 1913 ein Herr Jost cine Rede zur bevorstehenden Stadtverordnetenwahl und er mahnte zur tatkräftigen Unterstügung des Kandidaten des Wertvereins. Kleines Feuilleton. Sonntag, 12. April 1914. 3. Der Werkverein der Zeche Frei Vogel und Unverhofft" dessen Spize die gelben Führer Heß, Dr. Arnold und hatte am 20. Oftober 1913 eine Versammlung, die zur bevor man chra dt stehen. Das wurde mitgeteilt in der Versamm stehenden Gemeinderatswahl Stellung nahm. Am 29. November lung der Verbandsvertreter für die Werkvereine von Essen und 1918 konnte die Vereinsleitung folgende Meldung veröffentlichen: „ Bei der Gemeinderatswahl am 17. d. M., an der sich umgegend am 6. Dezember 1913. unser Verein zum ersten Male beteiligte, haben wir gezeigt, daß Disziplin in unserem Verein herrscht. Wir haben 119 Stimmen, die Sozialdemokraten dagegen nur 146 aufgebracht. Bravo!" Die angeführten Tatsachen sind entnommen dem Werkberein" in Effen. Dasselbe Blatt bringt gelegentlich auch Berichte über die Erfolge gelber Wahlvereine in anderen Teilen Deutschlands. Zum Beispiel in Nr. 12, 1914: Divje kleine, sehr kleine Blütenlese mag für heute genügen: Die hier angeführten Tatsachen beschränken sich nur auf die gelben Vereine und auch nur auf zwei Industriegegenden und eine Industriegruppe. Nicht nur von den gelben Vereinen ist so etwas zu melden, sondern auch von allen gegnerischen Gewerkschaften, nicht zulegt von den christlichen, die jetzt ihre hämische Freude darüber äußern, daß die sozialdemokratischen" Gewerkschaften für politisch erklärt wurden. Berlin und Umgegend. " In Weißwasser O.- 2. wurde der zweite Vorsitzende des vaterländischen Arbeitervereins mit 779 Stimmen in die Gemeindevertretung gewählt; der Genosse erhielt 431 Stimmen." „ Aehnliche gute Erfolge hatten die Mitglieder des WerkAchtung, Schuhmacher! Neben dem Kampf in der Maßbranche vereins Thale aufzuweisen. Ihr Kandidat siegte in Neinstedt in bestehen bei der Schuhfabrik Doederlein u. Dulberg, Prenzder zweiten Abteilung mit 65 gegen 5 rote Stimmen und in der lauer Allee 36, Differenzen. Die Firma, welche erst einen neuen dritten Abteilung mit 148 gegen 38 sozialdemokratische Stimmen." mechanischen Betrieb errichtet hat, bietet der Arbeiterschaft beschämend Da die Polizeibehörden in Preußen ohne Zweifel großes niedrige Lohnsäge. Einem Maschinenzuschneider mutete man zu, Gewicht auf strengste Einhaltung der reichsvereinsgefeßlichen für einen beinahe um die Hälfte zu niedrigen Akkordsatz zu arbeiten. Vorschriften legen, darf man wohl als sicher annehmen, daß die Recht unzulängliche Bezahlung erhalten auch die Arbeiterinnen. angeführten Vereine und Verbände zu politischen Vereinen er- Eine erwachsene Arbeiterin erhielt für eine ganze Arbeitswoche den horrenden Lohn von 8,75 M. ausgezahlt. Aehnlich niedrige Verklärt werden. Wir leben doch in einem Rechtsstaat! dienste sollen auch die anderen Arbeiterinnen erzielen. Wir ersuchen daher die Kollegenschaft, bei Engagements nach dieser Firma sich zuvor in unserem Verbandsbureau zu erkundigen. " P Die Zeitung Werkverein" hat übrigens einen vorwiegend politischen Inhalt. Sie wird im ganzen rheinisch westfälischen Industrierevier von den Werkvereinen und ihren Mitgliedern als Vereinsorgan benutzt. Aus den Berichten geht hervor, daß die Werkvereine in ihren Versammlungen vorwiegend politische Themas behandeln. In lezter Zeit u. a. auch in folgenden Werkvereinen: Zeche Langenbrahm: Hier hielt der Vorsitzende Kluwe am 11. Januar 1914 einen Vortrag über die Sozialdemo= fratie. Zeche Wolfsbank und Neuwesel: Am 7. Februar 1914 hielt der Vorsitzende Cowib einen Vortag über die sozialdemo= fratische Partei. Bezirksverband Dortmund- Hamm faßte am 22. Februar 1914 den Beschluß, gegen die Rote Woche" der Sozialdemo= tratie Front zu machen. Zeche De Wendel: Die Versammlung am 1. März 1914 befaßte sich mit der Sozialdemokratie und deren Roter Woche. Zeche Doritfeld hatte am 8. März Versammlung. Hier berichtete der erste Vorsitzende Schulte von der Roten Woche der sozialdemokratischen Partei und empfahl Gegenmaßregeln. Werkverein Phönig, Dortmund, befaßte sich in zwei Versammlungen mit der gleichen Sache, am 6. und 13. März 1914. Das erstemal referierte der Vorsitzende und ein Herr Werner, Das zweitemal der zweite Vorsitzende. Werkverein Union- Dortmund ging noch gründlicher zu Werke. Hier sprach in zwei Versammlungen am 26. Februar und am 28. März 1914 der erste Vorsitzende Werner über die Rote Woche und die Sozialdemokratie. In einer dritten Versammlung des Vereins am 19. März hielt ein Kaufmann Paul Hoffmann einen Vortrag über die Rote Woche sowie über die Lehren von Mary und Engels. Es wurden weiter politische Reden gehalten in den Versammlungen der Werkvereine: Gute Hoffnungshütte, wo am 29. März der Leiter des Jugendbundes Kirschner sprach, auf Zeche Sälzer Neuack, wo der Sozialsekretär Schulte am 29. März referierte und auf Zeche Zollverein, ivo am 29. März Steiger Lagemann vor jugendlichen Bergarbeitern einen politischen Vortrag hielt. Dasselbe empfehlen wir den Kollegen in bezug auf die Firma Singe Nachf., Blumenftr. 81, two in letzter Zeit fortgesetzt Lobs reduktionen vorgenommen werden. Mußte erst fürzlich ein Akfordftanzer einem billigeren Lobnstanzer Plazz machen, so wurde jetzt dem Stifter der Lohn gekürzt. Weitere Abzüge sollen noch bevorstehen. Ferner bringen wir der Kollegenschaft das Resultat der Delegiertenwahlen zur Kenntnis. Abgegeben wurden 811, davon 793 Es erhielten Stimmen: Burger 589, Bendig gütige Stimmzettel. 560, Hannig 405, Vollmerhaus 351, Matting 333, Weißenborn 311, Blaffert 292, Keßler 170. Gewählt sind: Burger, Bendig und Hannig. Stichwahl zwischen Vollmerhaus und Matting. Außerdem weisen wir darauf hin, daß das Verbandsbureau am 3. Feiertag nur vormittags geöffnet ist. Zentralverband der Schuhmacher, Drtsverwaltung Berlin. Feiertagsruhe im Friseurgewerbe. Die Friseurgehilfen fordern die Arbeitsruhe an den drei zweiten Feiertagen, eine Forderung, die in vielen Städten Deutschlands, worunter die meisten Großstädte, längst erfüllt ist. Da jedoch in Berlin unter den Geschäftsinhabern keine Zweidrittelmehrheit für die Betriebsruhe an den drei zweiten Feiertagen zu haben ist, hat der Polizeipräsident von Jagow es abgelehnt, die Arbeitsruhe für die Gehilfen und Lehrlinge anzuordnen. Der Regierungspräsident zu Potsdam hat erklärt, sich in dieser Beziehung ganz nach dem Verhalten des Berliner Polizeipräsidenten zu richten. Um so mehr macht es sich für die organisierte Gehilfenschaft notwendig, durch tarifliche Vereinbarung die Arbeitsruhe an den zweiten Feiertagen durch zusetzen. Die Kundschaft der Barbier- und Friseurgeschäfte kann dazu sehr viel beitragen, wenn sie dem Wunsche folgt, an den zweiten Feiertagen, also jezt am Ostermontag die Barbierand Friseurgeschäfte zu meiden. Aus dem Fleischergewerbe. Die Fleischermeister S. Pohle, Märkische Fleischzentrale, Berlin, Palisadenstr. 29, Koch. Berlin, Liebenwalder Str. 16a, und Neugebauer, Neukölln, Münchener Straße 36, weigern sich, den Tarifvertrag der Organisation an zuerkennen. Die Betriebe sind für organisierte Fleischergesellen gesperrt. Die Tariftommission. Die Zeitung der Gelben in Rheinland- Westfalen, der Werfverein", dem all diese Feststellungen entnommen sind, ist nach seinem Inhalt ein politisches Organ. Man findet darin Achtung, Gastwirtsgehilfen! Herr Altenkirch, Restaurant Artikel über die Politik im In- und Auslande, über die Gesez- Bismarchöhe" in Werder a. Havel, bemüht sich, durch Stellengebung, über Parteiführer, Angriffe auf politische( sozial bermittler organisierte Stellner zu engagieren, denen aber der tarifdemokratische und Zentrums-) Zeitungen u. a. m. Diese poli- liche Lohn nicht bezahlt wird. Herr Altenkirch versendet Zirkulare an die Gewerkschaften und Arbeitervereine aller Art, in denen er tische Zeitung wird von der Leitung der gelben Werkvereine diese zum Besuch seines Lokals auffordert. Herr A. sucht damit den den beim Militär dienenden Vereinsmitgliedern unentgeltlich Anschein zu erweden, als ob die Differenzen erledigt seien. Diese in die Kaserne geschickt.( Die Werkvereine nehmen durchweg bestehen aber nach wie vor; für organisierte Gastwirtsgehilfen bleibt Jugendliche von 14 Jahren als Mitglieder auf.) Die Zu- der Betrieb bis auf weiteres gesperrt. sendung ist beschlossen vom„ Verlag nationaler Schriften", an Verband der Gastwirtsgehilfen. Berlin I. sogar in der Rhythmit eines einziges Striches. Um dann wieder durch die Qualität einander nahezukommen. Während die jungen Monumentalen noch immer durch eine teils bewußte, teils noch nicht zu vermeidende Ungepflegtheit sich ähnlich sehen. Von solchen Artunterscheidungen, ihren Ursachen und Werten soll noch gesprochen werden; denn welches ist der Sinn der regelmäßig wiederfehrenden Ausstellungen, wenn nicht der: Klarheit zu bringen, so den Künstlern wie den Kunstfreunden. Theater. R. Br. Sezessionisten, die von jeher das Gesicht der Sezessionsausstellun-| Das, was aber ihre eigentliche Kraft ausmacht, ist die besondere gen in Berlin bestimmten; die Neuen", das sind einige Revolu- Handschrift, in der der Pulsschlag einer geschlossenen Menschlichtionäre, die sich aber durch nichts von den Jungen, wie wir sie am feit unnachahmbar zu spüren ist. Manet, Monet, Lieber Kurfürstendamm( bei den Freien" also) auch finden, unter- mann und Slevogt( der Kleinformatige), wie sehr sie auch Wie alt ist der Osterhase? In dem österlichen Volfsbrauch, scheiden. Einige, so Kiesling, Schmidt- Rottluff und die Laurencin, von den gleichen Absichten geleitet wurden, so scheiden sie sich doch der in unserem heutigen Leben noch eine Rolle spielt, steht der sind sowohl hier wie in der Lennéstraße 6a( bei der Neuen" also) Hase wohl an erster Stelle. Osterhasen in den verschiedenartigsten vorrätig. Woraus sich am besten ergibt, daß den Kunstfreunden Gestalten und Formen, bald als Atrappe mit süßer Füllung, dann die Mühe des doppelten Spazierganges erspart werden könnte. toieder selbst eßbar und zum Anbeißen lecker, schauen aus allen Die Ausstellung am Kurfürstendamm ist ebenso interessant Läden und Schaufenstern, und die Ostereier erscheinen fast ale wie lustig; sie zeigt sehr viel Abwechselung und in der Mannigeine Nebensache neben dem freundlichen Tier, das sie legt. Dabei faltigkeit der Talente und Absichten auch eine stattliche Schar ist aber eine merkwürdige Umkehrung in der Volksanschauung vor meisterlicher Qualitäten. Die Sammlung eines fürzlich verfich gegangen. Uralt ist das Ei als Fruchtbarkeitssymbol; der storbenen Mäzens, die einen der Räume ganz füllt, ist nicht nur Osterhase dagegen ist jungen Datums und in seiner Herkunft recht ein Maßstab dieser einen Ausstellung, sie ist zugleich eine Festdunkel. Fast scheint es, daß dies Tier gar kein bodenständiges stellung dessen, was die beste Malerei der Gegenwart, wenigstens Wachstum des Volfsglaubens darstellt, sondern vielfach erst von die des Impressionismus, überhaupt erstrebt und zu leisten verder Stadt aufs Land übertragen worden ist. Jedenfalls tennt man mag. Diese Sammlung enthält nur fleine Formate, bürgerliche Königgräber Theater: Mr. Wu- oder die Rache in den meisten Gegenden Deutschlands den Osterhasen erst, seit er Formate sozusagen; das ist es, was das Wesen unserer Malerei des Chinesen, großes Schauer- und Sensationsdrama mit chinejiin den Geschäften so modern" geworden ist. Der Osterhase tritt sowohl nach Gelingen als nach Versagen charakterisiert. Das ist scher Musik von unsagbaren Qualitäten. So müßte diese Osterüberhaupt in der toffskundlichen Literatur bis um die Mitte des zugleich ein entscheidendes Merkmal der Revoltierenden: sie wollen überraschung von rechtswegen heißen. Hat das chinesische Milicu 19. Jahrhunderts sehr spärlich auf; im 18. Jahrhundert aber hören das Format der guten Stube" sprengen; sie wollen das Wand- bisher zum Vorwande für Operetten( Mikado), eine Oper( Mawir wohl hier und da ganz ernsthaft von wunderbaren Hasen, die bild, das monumentale Maß, den Schmuck von Räumen, in denen dama Butterfly) und reine Ausstattungsstücke( wie neulich bei richtige Gier gelegt hätten, und solche„ Haseneier" werden in den große Massen sich bewegen. Daher kommt es, daß dieje Neuen, Reinhardt) gedient, so ist hier endlich das chinesische Kinostück erKunstkammern als Raritäten aufbewahrt. Jedenfalls waren es wie man das immer wieder sehen kann, mehr wollen als Ver- reicht. Was den Kolportageroman mit erotischer Staffage aus. früher allgemein andere Tiere, denen man mit mehr naturwissen mögen aufweisen. Auch diesmal sehen wir sie noch rütteln und zeichnet: Rührseligkeit, Spannung in mehrfacher Potenz, Schauer das alles ist hier wundervoll vereinigt. schaftlicher Berechtigung das Legen der Ostereier zuschrieb. Natür- stürmen; sie werfen Fackelbrände, verachten die Tradition und und Entsetzen lich steht hier die Henne voran, denn der Hahn ist ja als Ver- schiden grelle Schreie nach unsichtbaren Polen. Sie lassen sich ihre den englischen„ Entdeckungen" der Firma Bernauer u. Meinhard tünder des Lichtes eine Hauptperson beim altgermanischen Experimente nicht leicht fallen, fie ringen ernsthaft; einige kommen wird dieses Schauspiel nicht zuletzt zählen. Frühlingsfeste. Auch Storch und Kudud bringen als Boten des auch vorwärts. Unbekümmert um einzelne Namen darf man Im reichen Rahmen echten( für den Export bearbeiteten) Frühlings zum Zeichen ihrer Ankunft den Kindern aus der sagen, daß die beiden Ausstellungen den Beweis erbringen, daß chinesischen Lebens und unter Vorführung erheblicher ethnographis Fremde bunte Eier mit, und im Elawischen ist es die Gans, die die neue, noch immer ein wenig befremdende, aber offenbar durch scher( total gefälschter) Details spielt sich eine höchst vorstadtdie Ostereier legt, wobei aus dem Wort„ Gaus" durch schlechte eine Gemeinsamkeit des Instinttes geleitete Malerei einem Ernte- bühnenmäßige Affäre ab. 1. Bild: Der Sohn des englischen Hussprache allmählich Hoos", Has", geworden sein soll. Damit tag näherkommt. Am Kurfürstendamm: Karl Hofer, der mit Großhändlers Gregory( Sitz in Hongkong) hat des reichen Chinesen find wir bereits bei jenen Erklärungen angelangt, nach denen die Menschenleibern tiefe Räumlichkeit illusioniert und musikalisch Wu Tochter Nang Bing geliebt und verführt( Detail: chinesische Eristenz des Osterhasen einfach auf einem Mißverständnis beruht. durchströmen macht, edel, Bechstein und Kirchner. In Lyrik). Er wird aber seine geliebte Pflaumrenblüte dalassen und Bekanntlich ist Ostara jene geheimnisvolle altdeutsche Frühlings- der Lennéstraße besonders Riesling, der trob seiner Jugend mit seinen Eltern nach England zurückkehren. Zuvor aber wird göttin, mit der man das christliche Ostern in Verbindung gebracht es schon zu einer schönen Reife fatter Farbigkeit brachte. Indessen, er von Wu überrascht und eingesperrt. 2. Bild: Wus furchtbare hat; auch ihr waren Gier heilig, und aus„ Ostaras- Eier" soll dann es wäre tatsächlich richtiger, die Namen dieser Vorstoßenden noch Macht und schreckliche Rache zeigt sich in untergegangenen Schiffen, das sinnlose„ Osterhas- Eier" entstanden sein. Mit dieser Deutung zu verschweigen; was sie eint, die Struktur ihres Temperamentes streifenden Kulis Gregorys. Große Auseinandersetzung zwischen waren natürlich die Gelehrten nicht zufrieden, und sie haben sich und die Tendenz ihres Empfindens, ist wichtiger und ausschlag- dem verschlagenen, fühlen Chinesen und dem brutalen Gregory ( mehrere Revolver gehen nicht los). Die höchst besorgte Frau redlich den Kopf zerbrochen, um den Osterhasen einwandfrei aus gebender als die Eigenart der Persönlichkeiten. Gregory vermittelt. 3. Bild: Sie geht allein zu Wu, der ihr ihren der Mythologie der Völker zu erklären. Sohn wiederzugeben verspricht. Und nun sträubt sich die Feder: vor den Knalleffekten. Doch es muß sein. Wu läßt alle Türen schließen und eröffnet der erbebenden Gregory, daß er seine Tochter getötet habe und ihren Sohn nur freigebe, wenn sie seiner Rache ihre Ehre opfere. Als Retter in der Not erweist sich eine Gift flasche, deren Inhalt aber nicht die Gregory, sondern Mister Mu dahinrafft. In seiner Todesangst gibt er das Zeichen zur Be Anders steht es um jene zweite Gattung, um den Strom, der den Katarakten bereits entfloh, und heute so breit und ruhig daDie beiden Sezessionen. Es gibt deren jetzt nämlich drei. Die liegt, daß Kurzsichtige fast meinen möchten, er sumpfe bereits eine, in der ein Teil der alten Gezession unter der Führung von Anders steht es um die Meister, die eben jener Kunstfreund, dessen Corinth verblieben ist, trat bisher nicht in Funktion. Die Neue" Sammlung der Ausstellung am Kurfürstendamm zugleich ein zählt drei, vier Mitglieder, vielleicht auch fünf, fie fönnte aber Rüdgrat und einen Maßstab gibt, zusammentrug. Auch sie haben getrost mit der Freien" unter einem gemeinsamen Dach ihre Gemeinsames: die Hingabe an die Natur, eine ungemeine ReizSchäße auspaden, Die" Freie", das sind die ausgeschiedenen barkeit gegen die Erscheinungen des Lichtes und der Bewegung. Unter deutsches Reich. Schießende hintzegarüiften. In Braunschweig streiken seit dem 1. April etwas über hundert Kutscher, Güterbegleiter und andere Arbeiter der Speditionsfirma Louis F r i ck e. Die Firma hat von Essen a. R. mehrere Transporte Hintzegardisten erhalten, die alle mit Revolvern und dicken Knüppeln ausgerüstet sind. Am letzten Sonntag übte sich die Garde auf dem Frickeschen Platze lebhaft im Revolverschießen, ohne dafi die Polizei dagegen einschritt. Aus den angrenzenden Wohnungen liefen leb- hafte Klagen über die gefährliche Schiesierei ein. Doch die Streik- brecher suchen ihre Revolver auch prallisch in Anwendung zubringen. Schon am Montag schoß ein Streikbrecher auf belebter Straße au andere Wagenführer, als er von diesen nur angeredet wurde. Er flüchtete darauf und wurde auf Veranlassung der Streikleitung fest- genommen. Schon nach zwei Stunden konnte man den Mann jedoch wieder auf der Straße sehen. Am Mittwochabend kam eS jedoch zu einer ganz gefährlichen Schießerei. Als ein Mann— kein Strei- kender— an einem Fuhrwerk vorbeiging, das von einem Streik- brecher geführt wurde, sprang dieser plötzlich vom Wagen und schoß ohne weiteres auf den Mann, angeblich, weil er nach dem Pferde gelvorfen haben soll. Auf den Schuß stürzten sofort etwa zwanzig mit Revolvern bewaffnete Streikbrecher aus dem Frickeschen Grundstück hervor und gaben an die vierzig scharfe R e v o l v e r s ch ü ss e auf die Straßenpassanten ab. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Die Garde scheint auch der Meinung zu sein: Wir Streikrecher können einen totschlagen, uns passiert doch nichts. Die Klempner- und Jnstallatcurgchilfen in Braunschwcig sind, 120 Mann stark, ausständig. Die Unternehmer haben seit dem 2. Februar die.Kündigung des Tarifvertrages zum 1. April in Händen. Sie haben aber noch nicht Zeit gehabt, sich mit den Ge- Hilfen zu einigen, die einen Stundenlohn von öö Pf. für vollwertige, von SO Pf. für Junggesellen und einen Lohnausschlag von 3 Pf. auf die bestehenden Löhne für das Jahr 1914 und von 2 Pf. für 1915 fordern. Die Innung lehnt den Verband als Vertrags- kontrahenteit ab und will nur 2 Pf. für 1914 und 1 Pf. für 1915 bewilligen. Außerdem will sie den Zuschlag für Sonntagsarbeit herabmindern._ Busland. Ein holländischer Protest gegen die Ausweisung siid- afrikanischer Arbeiterführer. Seit einigen Tagen hält sich der Genosse Hessel P o u t S m a, einer der von der Burenregierung aus Südafrika ausgewiesenen Arbeiterführer, in Holland auf, um in einer Reihe von Versamm- lungen die den Buren stammverwandte holländische Bevölkerung gegen die Brutalität der Burenregierung aufzurufen. In einer Be- sprechung, die PoutSma mit Redakteuren unseres Amsterdamer Parteiblattes hatte, sprach er die Erwartung aus. daß bei den Wahlen für das südafrikanische Parlament, die spätestens im Früh- jähr 1915 stattzufinden haben, der jetzigen Regierung Botha-SmuiS gewaltig aufs Haupt geschlagen werde. Die Siege der Arbeiter- Partei bei den letzten Provinzialwahlen in Transvaal seien dafür eine Gewähr. Er fPoutsma) werde persönlich dem Minister Smuts im Wahlkreise Pretoria-West gcgenübertreten, und er sei sicher, daß er ihn verdrängen werde. Diese Aussicht sei wohl auch der Grund, weshalb Smuts ihn habe ausweisen lassen, er fürchte ihn als poli- tischen Gegner. Die gewaltige Erregung der englischen Arbeiter habe ihren Eindruck bei der Regierung Südafrikas auch nicht ver» fehlt, und die Protestaktion iip stammverwandten Holland werde sicher auch in dieser Richtung wirken. Poutsma empfindet seine AuS- Weisung durch die Burenregierung auch um deswillen als besonders gemein, als er im Kriege gegen die Engländer den Buren große Dienste erwiesen habe, wie die Generale Herzog und De Wet ihm wiederholt mit bewegten Worten brieflich bezeugt hätten. Er glaube, daß die Abhängigkeit vom Minenkapital die Bnrenregierung auf den Weg dieser niedrigen Kampsesweise gebracht habe. * Am Karfreitag fand in Amsterdam ein von 3000 Per- sonen besuchtes Meeting statt, das sich mit der füd- afrikanischen Reaktion beschäftigte. Für die holländischen Gewerkschaften sprach Henri Polak, für die sozialdemokratische Partei BandergoeS, und als Vertreter der Generalkommission der deutschen Gewerkschaften war Adolf Cohen erschienen, der in seiner Ansprache eine Parallele zwischen der preußischen Reaktion und der englischen Freiheit zog, einer Freiheit, die freilich jetzt in Südafrika auf das rufsische Niveau herabgesunken sei. Die Lehre müsse daraus gezogen werden, daß nur vom Sozialismus und der internationalen Organisation die Befreiung der Arbeiterklasse zu erwarten sei. Poutsma, der verbannte südafrikanische Arbeiterführer, schilderte in überaus fesselnder Weise das Erwachen der südasrtkanischen Arbeiter. Er sprach die Erwartung aus, daß bei fortdauerndem Prolest der freiung so, heilsames Versehen) und die Geretteten finden sich vor dem sich mystisch öffnenden und schließenden Tore wieder. Die Stimmung hält an. So endigte dieses höchst moralische Stück, das jeden jungen Mann vor chinesischen Abenteuern warnen sollte. Und die wirk- same Aufführung unterstützte diesen Eindruck. Da war die zierliche chinesisch trippelnde und allerliebst zwitschernde O r s k a(als Rang Ping), da legte Meinhard die ganze Verschloflenheit und Verschlagenheit des Orientalen in Wus starre und doch bewegte Züge. Helene Fehdmer ließ uns die Angst der um ihren Sohn kämpfenden Mutter voll mitempfinden. In keinem Theater hätte dieses Kinostück besicr gespielt werden können.— r. Notizen. —„Der eiserne Moloch' vor dem Staats- anwalt. Da in Berlin die Unsitllichkeitsschnüffler Triumphe über Reproduktionen künstlerischer Bildwerke und selbst über wächserne Schaupuppen feiern, wollen auch die Mucker im gemütlichen Sachsen eine Freude haben. Als Objekt haben sie sich den großen Lemonnier herausgesucht, der selbst in dem klerikalen Belgien eines Denkmals siir würdig gefunden worden ist. Das„Sächs. Volksblatt" in Zwickau hatte unlängst seinen Roman.Der eiserne Moloch" ab- gedruckt. FlugS waren nach Unrat schnüffelnde Nasen dabei, um die prächtige künstlerische Form zu zerstören und die kraffe sexuelle Materie herauszuschälen. Diese brachten sie dann dem Staats- anwalt. — Bühnenchronik. Der bisherige Direktor der Neuen Freien Volksbühne, Licho, übernimmt am 1. September die Leitung des Dresdener Albert-Theaters. — Karl Chun, Professor der Zoologie in Leipzig und als Tiefseeforscher auch in weiteren Kreisen bekannt, ist in Leipzig im 62. Lebensjahre gestorben. Chun hat die erste deutsche Tiefsee- cxpedition geleitet, die 1898 und 1899 auf der.Valdivia" unter- nommen wurde. Nachdem die große englische.Challenger"-Expedi- tion die Wichtigkeit solcher Expeditionen für die gesamten Natur» Wissenschaften erwiesen halte sHaeckel hat diesen Teil der Funde in seinem großen Radiolarienwerke behandelt), gelang es der.Valdivia". Expedition, besonders deren verbesserte Fangmethode, unser Wissen vom Leben deS Meeres, besonders des liefen, vielseitig zu bereichern. Chun selbst hat in einer wirklich populären und auch gut ge- schriebenen Darstellung/z Uhr, Anfang 7'/« Uhr. vorörtnachrichten. Ein»evangelisch Ungetanster". Die Taufe empfangen zu haben, war früher die notwendige Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Christentum. In neuerer Zeit, wo die Abwendung von der Kirche und die förmliche Los- sagung von ihr immer weitere Kreise des Volkes ergriffen hat, ist man genügsamer'geworden. Auch Ungetauftc zählen heutzutage als„Christen", ungetauftc Kinder, die durch die Schule zur Rettung ihrer Seele in. irgendeiner christlichen Konsession unter- wiesen»«den sollen.' Da« geschieht, sogar gegen den Millen der Eltern— und ihrem Widerspruch zum Trotz wird, wenn sie über die Zuweisung ihres Kindes zu einer bestimmten Konfession sich nicht, erklären, in der Schule das Kind auf den„Glauben" des Vaters zwar nicht getauft, aber wenigstens gebucht. In neuester Zeit hält man nun doch noch wieder eine besondere Kennzeichnung der ungctauft„christlichen" Kinder für nötig, damit sie sich als Ungetauftc aus den Reihen der Getauften abheben. Aus Schulentlassungszeugnissen ungetaufier Kinder, die trotz Per- zicht auf die Taufe den„Christen" zugezählt worden waren, haben Eltern zu ihrer Ucberraschung hinter der Konsessionsbezeichnung noch d'en Zusatz„ungeiauft" gesunden. In Reinickendorf schien dem Vater eines als„evangelisch" und„ungetaust" be- zeichneten Schülers, der jetzt zu Ostern aus der 5. Gemeindeschule entlassen wurde, diese Kennzeichnung so verwunderlich und un- gehörig, daß er zum Rektor ging und ein anderes Zeugnis forderte. Der Rekior antwortete, er habe sich nach der Anordnung der ihm vorgesetzten Behörde zu richten und müßte zunächst mal bei ihr anfragen, ob sie genehmigen will, daß ein neues Zeugnis ohne den Zusatz„ungetaust" ausgefertigt wird. Bisher hat der Vater noch keine Mitteilung erhalten, wie über seinen Protest, sofern der Rektor ihn überhaupt weitergeben zu sollen geglaubt hat, ent- schieden worden ist. Da der Vater schon lange vor der Geburt des Jungen aus der Kirche ausgeschieden war, so möchten wir ihm raten, sich, dagegen zu wahren, daß sein ungetaufter Sohn als dem evangelischen Glauben zugewiesen gilt und aus dem Schul- enilaffungSzeugnis so bezeichnet ist. Er meint freilich, der Junge könnte, wenn das Zeugnis ihn als„ungetaust" kennzeichnet, irgend» wie in seinem Fortkommen geschädigt werden. Auch wir bestreiten der Schule das Recht zu einer solchen Kennzeichnung der Kinder und können nur wünschen, daß alle Eltern, die sich von ibr unangenehm berührt fühlen, nachdrücklich dagegen Einspruch erheben. Aber die Sorge, daß Jungen oder Mädel, die auf ihren Entlassungszeugnissen sich als evangelisch oder katholisch Ungetauftc präsentieren, hiervon einen Schaden haben könnten, wird um so mehr von ihrer Berechtigung verlieren, je mehr Eltern für ihre Kinder auf die Taufe verzichten. Noch immer haben Diatzregeln, die wie Maßregelungen aussahen, nur dazu geführt, den Widerstand zu stärken und die Eniwickcluug rascher vorwärts zu treiben. Kommt einmal eine Zeit, wo die meisten der Schulentlassenen als.ungetanst" bezeichnet werden müssen, dann wird da? wirken als Kennzeichnung nicht mehr der Kinder, sondern höchstens der Kirche in all ihrer Verlassenheit. Neukölln. Die Neuköllner Schulzahnklinik soll am 8, Mai d. I. im Hause Wildenbruchstr. 73/30 eröffnet werden. Die Leitung der Klinik unter- steht dem Lokalkomitee de» deutschen Zentralkomitees für Zahnpflege in den Schulen. In der Klinik werden die die hiesigen Gemeinde- und Mittelschulen besuchenden Kinder behandelt werden. Die Be- handlungSgebllhr für ein Kind beträgt pro Jahr 1 M. Sind mehr als drei Kinder einer Familie in Behandlung, so ist für sämtliche Kinder ein JahreSbetrag von 3 M, zu zahlen. Kinder unbemittelter Eltern werden völlig kostenlos behandelt. Die Klinik wird mit den neuesten hygienischen Apparaten von dem Lokalkomitee ausgestattet werden. Sie«rbält den Namen„Neuköllner Schulzahnklinik Pro- fessor Dr. Ritter". Zum Leiter der Anstatt ist bereit« der städtische Schulzahnarzt Wolowski aus Bielefeld vom Lokallomitee gewählt worden. Lichtenderg. Zu« leitenden Arzt der inneren Abteilung des neuen städtischen Krankenhauses ist in der letzten Masistratssitzung Herr Professor Dr. Ferdinand Blumenthal, zurzeit leitender Arzt am israelitischen Krankenheim, gewählt worden.' Köpenick. Die Generalversammlung des WahlverrinS ehrte zunächst das Andenken de« verstorbenen Genossen Ernst Raatz. Alsdann gab Genosse Wißler den Bericht vom verflossenen Geschäftsjahr. Er betonte, daß man mit dem Erfolge der Aktionen im letzten Jahre zufrieden sein kömie. Die Mitglicderzahl betrug am Schlüsse des Geschäftsjahres 1566; darunter 1311 männliche und 255 weibliche. Aufgenommen wurden 377 männliche und 08 weibliche Mitglieder. Die Rote Woche allein habe insgesamt 261 Neuaufnahmen gebracht. Tie Wahlvereinsversammlungen hätten entsprechend der Mit- gliedcrzahl besser besucht sein können. Die öffentlichen Versamm- lungxn seien durchlveg gut besucht gewesen. Die Zahl der„Bor- wärts"-Abonnenien beträgt 1320. Nicht rasten und ruhen, sondern weiterhin wirken für die Partei, müsse auch für daS neue Geschäfts- jähr eines jeden Losung sein. Den Kassenbericht erstattete Genosse Kießling. Gesamt- einnahmen von 5584,20 M. stehen Gesamtausgaben von 5342,47 M. gegenüber. Die HauSkassicrung hat sich gut bewährt. Genossin Schmidt konnte in ihrem Bericht über die Frauenveranstaltungen mitteilen, daß die Leseabendc im Durchschnitt von 50 Genossinnen besucht wurden. In den Vorstand wiedergewählt wurden als 1( Vorsitzender Wißler. als 2. Vorsitzender Müller, als Kassierer Kießling. Der 2. Kassierer wurde auf Antrag nicht besetzt. Als Schriftführer wurde Lorenz, als Beisitzer Hoene und die Genossin Schmidt gewählt. Ueber die Besetzung der Lokalkommission entspann sich eine lebhafte Debatte, weil die drei bisherigen Mitglieder. Kegel, Pürrwitz und Micltsch. eine Wiederwahl ablehnten. Tie Wahl dieser Kommission wurde bis zur nächsten Mitgliederversammlung vertagt. Als Revisoren wurden wiedergewählt Reichert und Kuhring, neugewählt Breitenborn. Die Beschwerdekommission setzt sich zusammen aus den Genossen Frohlosf. Dittmann. Karl Noack, Richard Kube, Wilhelm Pärschke und Kitzing; die Zeitungskommission aus den Genossen Breitenborn, Schurras und Kitzing. In die Kinderschutzkommission wurden neugeivählt die Genossin Fischer und Genosse Stein, wieder zcwählt wurde Gritzbach. Tie Neuwahlen des BildungSauSschusses und der Bibliotbekkommission wurden vertagt, weil deren Geschäftsjahr erst im Juli abläuft. Als Bezirtsführer fungieren für die Dammvorstadt Fritz Heidrich. für die Altstadt Raschte, für die Kietzvorstabt Wilhelm Fischer und für die Köllnische Vorstadt Klauck. Zur Neuausnahme hatten sich 13 Genossen gemeldet. Eine rege Debatte erweckte eine Beschwerde des Gesangvereins„Männerchor", der den Antrag des Sport- kartellS, der im Wahlverein und im Gewerkschaftskartell seine Zustimmung fand und der besagt,„daß BillettS zu Vergnügungen, die nicht den Stempel des Sportkartells tragen, von der organi-' sierten Arbeiterschaft zurückgewiesen werden sollen", als einen gegen ihn gerichteten Boykott empfindet. Es wurde nochmals darauf hingewiesen, daß dieser Beschluß für den Gesangverein „Männerchor" nicht in Anwendung gebracht werden könne; es solllc» nur- lediglich die Klimvimvercinc getroffen werden. Beschlossen wurde, gegen das Mitglied Klempner Artur Gühne wegen Streik- bruch» das AuSschlußversahren einzuleiten. Genosse Neucndorf teilte mit, daß am 24. April im Stadttheater eine Agitation?- Versammlung der Baugenossenschaft„Selbsthilfe" stattfindet. Zum «chluß ersuchte Genosse Wißler um rege Beteiligung an der Mai- feier. Die Vormittagsversammlung findet im GesellschaftShaus. die Abendfcicr im Stadttheater statt. Tharlottenbnrg. Cltcrnvcrein sür freie Erziestung. TienSiag. den 14. April (Dritter