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Redaktion: SW. 68, Lindenstraße 3.
Ferniprecher: Am Morisplas, Nr. 151 90-151 97.
Montag, den 6. Dezember 1915.
Expedition: SW. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morinplag, Nr. 151 90-151 97.
Deutiche und bulgarische Truppen in Ionaftir.
Schutzzoll oder Freihandel der Kultur.
Aus Universitätskreisen wird uns geschrieben:
Die Universität als Pflegestelle der Wissenschaft hat die Aufgabe, auf dem Wege der Bildungs- und Forschungsarbeit fritisch geschulte Persönlichkeiten heranzubilden, die fähig sein sollen, den Kulturstatus eines Staates nicht allein zu repräsentieren, sondern vielmehr seine Entwickelung und Hebung stevig zu fördern und zu lenken. Faßt man den Inbegriff der Universität auf solche Weise und nicht als staatliche Institution, die letzten Endes dazu geschaffen sei, Beamte oder Bildungsphilister zu erziehen, so gewinnt die Frage, wer dazu berufen und berechtigt ist, die Hochschule zu besuchen, wesentlich andere Gesichtspunkte gegenüber der Anschauung, die in engerer Auffassung geneigt ist, die Hochschule als bloße Erziehungsanstalt anzusehen. Vor allem trifft ein neues Licht das Problem, wieweit es für den einzelnen Staat selbst und das Fortschreiten der gesamten Menschheit wichtig ist, fremden Staatsangehörigen Mittel und Wege zu geben, an Universitäten fremder Nationen zu hören, und von welcher Tendenz die Zulassung oder Heranziehung getragen sein soll.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten nach denen sich die Aufnahme von Ausländern an den Universitäten gestalten kann, Wie im Wirtschaftsleben ist es möglich entweder das Prinzip der Abschließung nach außen zu verfolgen, eine Isolierung seiner selbst, und ein Zurückdrängen derer, die sich nähern wollen, oder aber den Grundsay, entsprechend der Politik der offenen Tür zu verfahren und jedem Gelegenheit und Butritt unter leichtesten Bedingungen zu gewähren: Schutzzoll oder Freihandel.
Wenn auch in Zeiten politischer Erregung und besonderen Aufflammens des nationalen Bewußtseins vielfach behauptet wird, es gäbe nur nationale Kultur, so wird ruhigeres Denken sicherlich wieder die weitergehende Auffassung zu Worte fommen lassen, daß wohl die einzelnen Kulturstadien je nach der Nation sich entwickeln und ausbilden werden, daß aber vielmehr gerade das Zusammenwirken dieser einzelnen, gesunderweise auf nationaler Grundlage erwachsenen Faktoren ben Inbegriff in universo schafft, den Inbegriff der Kultur. Gibt es denn mun aber wirklich Gründe, die für eine Abschließung der von einer Nation erreichten geistigen Werte sprechen?
Meldung des Großen Hauptquartiers. beit, ist es durchaus abzulehnen, Angehörigen fremder Völker
Amtlich. Großes Hauptquartier, 5. Dezember 1915.( W. T. B.)
Westlicher und östlicher Kriegsschauplah. Keine wesentlichen Ereignisse.
Balkankriegsschauplah.
In erfolgreichen Kämpfen bei Plevlje und im Gebirge nordöstlich von Ipek wurden mehrere hundert Gefangene gemacht.
Bulgarische Truppen haben südwestlich bon Prizren den zurückgehenden Feind gestellt, geschlagen und ihm über 100 Geschütze und große Mengen Kriegsgerät, darunter 200 Kraftwagen, abgenommen. Im Jama- Gebirge( östlich von Debra) und halbwegs KrcovaOhrida wurden serbische Nachhuten geworfen.
In Monastir sind deutsche und bulgarische Abteilungen eingerückt und von den Behörden wie der Bevölkerung freudig begrüßt worden.
Oberste Heeresleitung.
Der öfterreichische Generalstabsbericht.
Wien , 5. Dezember. ( W. T. B.) Amtlich wird verlautbart, den 5. Dezember 1915.
Russischer Kriegsschauplak. Stellenweise Geschützkampf.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Gestern beschränkten sich die Italiener an der Isonzobei ont auf Geschützfeuer von wechselnder Stärke; nur Oslavija versuchten sie bei Tag und Nacht vereinzelte Angriffe, die alle abgewiesen wurden. An der Tiroler Front ent wickelte die feindliche Artillerie eine lebhaftere Tätigkeit gegen den befestigten Raum von Lardaro.
Südöstlicher Kriegsschauplay.
Bei Celebic kam es nenerlich zu einem größeren Gefecht. Die Montenegriner wurden durch eine von Foca aus eingreifende Gruppe an die Grenze zurückgeworfen. Südlich von Plevlje wiesen unsere Truppen heftige montenegrinische Gegenangriffe ab. Unter dem in Plevlje erbeuteten Kriegsmaterial befinden sich eine Million Infanteriepatronen und hundert ArtillerieMunitionsverfchläge. Südlich von Novipazar wurden gestern abermals sechshundert Gefangene eingebracht.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. v. Hoefer, Feldmarschalleutnant.
Möglichkeit zu nehmen, die Geistesschäße eines Landes kennen und damit achten zu lernen. Und das scheint mir doch, ist der erste Zweck der Kulturnationen, die jeden Augenblick ihr Bedürfnis im Munde führen: den andern Völkern ihre Kultur zu bringen.
Vertrauensvotum für die italienische Regierung.
Rom , 4. Dezember. ( W. T. B.)( Meldung der Agenzia Stefani.) Die Kammer setzte heute die Erörterung der Regierungserklärungen fort. Meda führte aus, daß die Katholiken, indem sie der nationalen Politik zustimmten, die Grundsätze der allgemeinen Brüderlichkeit, die das Wesen des Christentums bildeten, nicht verletzt hätten; denn diese Grundsätze verpflichteten nicht, Gewalt zu erdulden oder dem Hasse das Feld frei zu lassen, sondern sie gestatteten, die Gerechtigkeit mit Gewalt wiederherzustellen, wenn sie durch Gewalt verlegt sei. Der Redner billigte den Anschluß Italiens an den Lon= doner Vertrag, selbst wenn sich daraus eine Verlängerung oder Ausdehnung des Krieges ergeben sollte. Luzzatti sagte: Da der gegenwärtige Krieg die rechtlichen und wirtschaftlichen Grundsäße, die für unantastbar betrachtet wurden, umgestoßen hat, so ist es notwendig, außergewöhnlichen und unvorhergesehenen Forderungen mit außergewöhnlichen Maßnahmen zu begegnen. Luzzatti begrüßte mit warmen Worten die heldenmütigen Völker Belgiens und Serbiens und erklärte darauf, die würdige Aufgabe des italienischen Krieges werde eine neuerliche Bestärkung des Nationalitätengrundsaßes sein. Der Redner sprach den Wunsch aus, daß sich die Diplomatie des Vierverbandes zukünftig weitblickender und energischer zeige und daß das Waffenbündnis von einem Bündnisse der Interessen begleitet sei, das schon jetzt die Grundlage zu neuen Handelsverträgen lege. Luzzatti billigte den Beitritt zum Londoner Vertrag und sprach die Ueberzeugung aus, daß dieser sich nicht auf die negative Formel beschränke, die einen Sonderfrieden ausschließe, sondern dazu dienen werde, Italien die Früchte zu sichern, die es nach so großen Opfern mit Recht erwarten dürfe. Das Parlament möge sich für die Größe des Vaterlandes um die Regierung scharen. Jede Parteirücksicht müsse vor dem Vaterlandsgedanken weichen, der stets der höchste und heiligste Ausdruck menschlicher Solidarität sei und sein werde. Dieses ruhmvolle große Vaterland sei aller Opfer und Hoffnungen würdig.( Lebhafter Beifall.)
Darauf ergriff Ministerpräsident Salandra das Wort. Er gab seiner Freude Ausdruck über die nüchterne und würdige Aussprache in diesem feierlichen Augenblic. Er stimme mit den Rednern überein, die die parlamentarischen Einrichtungen gefeiert hätten; aber die Wiedereinberufung der Kammer im gegenwärtigen Zeitpunkt dürfe nicht als ein Sieg derjenigen aufgefaßt werden, die gegen eingebildete Gefahren und Feinde kämpften. Die Ginberufung der Kammer stelle nur die normale Entwicklung des verfassungsmäßigen Lebens dar. Was die internationale Lage anbetreffe, so seien die Erklärungen Sonninos hinreichend flar gewesen. Es sei nicht im Interesse des Landes, weitere Einzelheiten anzuführen. Er könne jedoch der Kammer versichern, daß die Regierung sich vollständig Rechenschaft gebe von dem Ernst der internationalen Lage und von den ausdauernden Anstrengun gen und der Gintracht, die notwendig seien. Sein Vertrauen auf endlichen Sieg fei feineswegs erschüttert, wobei er jedoch voraussehe, daß keine der materiellen und mora= fischen Energien fehlen werde, deren tätigſte Mitwirkung not
wendig sei, um thn zu erreichen.
Sie werden vorgebracht, aber sie sind wenig stichhaltig. Sie fußen meist in der falschen Auffassung des Zwecks der Hochschule, die stets als ein staatsbürgerbrütendes Gemeindehaus angesehen wird, und deren legtes Ziel, freiurteilende Persönlichkeiten hervorzubringen, durch diesen ersten Scheinzweck übertinct wird. Daraus ergibt sich naturgemäß die ablehnende Stellung gegenüber dem Ausländer, der niemals dieſem fiktiven zwed genügen kann, der mit scheelen Augen Angehörigen des eigenen Staates ist sicher bedauerlich. als Spion betrachtet wird, und dessen politische Anders- Stel- Kommen aber lokale Gründe nicht mehr in Frage, wie bei lung man stets in grelles Licht stellt, während man die der Auswahl von Assistenten usw., so werden doch wohl Gleichheit des Zieles, das Erreichen wissenschaftlicher, gei- Qualitätsgründe maßgebend sein, und bei dieſen müßte die stiger, übernationaler Werke mehr oder minder zu verwischen billigste Gerechtigkeit dem Tüchtigeren den Vorzug geben. und zu bertuschen sucht. Man verwahrt sich entrüstet dagegen, Dazu sind die Mittel, die Art und Weise, wie man berPolitik zu treiben imd treibt anstatt dessen nationale Partei- sucht, den Schutzwall um geistiges Eigentum zu legen, als politit, mit ebendemselben geringen Weit- und Scharfblick. völlig verfehlt und widersinnig anzusehen. Man wagt von einem Stehlen und egoistischer Aneignung Eine finanziell stärkere Heranziehung der Ausländer ist der Wissenschaften zu sprechen, und ungerechter Zurückdrän- die unglücklichste Maßnahme, die nur denkbar. Für den gung der Einheimischen. Wohlhabenden wird es kein Grund sein, wegzubleiben, und Diese Argumente scheinen aber mehr Kleinlichkeit als es ist die Frage, ob unter den weniger bemittelten ZurückgeEinsicht zu verraten. Denn daß Resultate und Entdeckungen drängten nicht ein ebenso großes Talent sich findet. der Wissenschaft einem einzelnen Staate erhalten geblieben Alles andere aber, Sprachenverordnungen, Erschwerung wären, ohne den anderen zugänglich zu werden, wird doch der Aufnahme, Erschwerung der Prüfungszulassung oder werde anerkennen müssen, daß die beste wirtschaftliche Vorbereitung wohl niemand behaupten oder verteidigen wollen? Oder gar Bahbeschränkung, werden als häßliche Kleinheiten und Schi - der Sieg sei. Wenn die Ereignisse eine vorübergehende und ausdaß diese Forderung etwa wünschenswert wäre. Ist dieses fanen empfunden werden, und notwendigerweise zur Er- nahmsweise Beschränkung der verfassungsmäßigen Freiheiten notabgelehnt, so kann es sich nurmehr um Voraussetzungen bitterung führen. Diese Erbitterung wird zurückfluten in wendig gemacht hätten, so werde die Kammer zugeben, daß die handeln, die sich der einzelne erwerben kann. Es ist müßig das Land der Betroffenen, wird dort noch strengeres Vor- Regierung von ihren außerordentlichen Vollmachten nur in mögnoch zu beweisen, daß es des 20. Jahrhunderts unwürdig gehen verursachen, und aus Maßnahmen und Gegenmaß- lichst engen Grenzen Gebrauch gemacht habe, da ja auch das Land märe, irgendeinem Wissensdurstigen und Strebenden die nahmen wird eine folgenschwere und verhängnisvolle Beein- Ruhe bewahrt habe, die es in bewunderungswürdiger Weise weiter Möglichkeiten, sein können und seine Schaffenskraft zu heben, trächtigung, ja Gefährdung des gesamten kulturellen Lebens halte. borzuenthalten oder zu nehmen. nicht allein dieser oder jener nächstbetroffenen Völker erwachsen.
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Salandra fuhr fort: Die bedauerlichen Bedingungen unserer topographischen Unterlegenheit tönnen nur durch einen fiegreichen Krieg beendet werden, der uns in der Abria nicht allein die Sicherheit unseres Landes, sondern auch die kulturelle Borherrschaft gibt, die, ohne die Völker, die ein Recht auf einen Ausgang zur Adria haben, auszuschließen, uns zukommt wegen der Ueberlegenheit unseres Landes, des Gebietes und der Bevölferung, und wegen unserer höheren und älteren Kultur.( Lebhafter Beifall.) Salandra erkannte an, daß man schon jetzt für die zufünftige wirtschaftliche Lage Sorge tragen müsse. Man müsse sich durch geeignetes Studium darauf vorbereiten. Jedermann aber
Salandra erklärte, er könne die Pressezensur
Gar wenn es aus Gründen geschehen soll, wie sie vielfach vorgebracht werden: Rostenaufwand, Plazmangel, daraus Demgegenüber und um all den Kleinlichkeiten und der nicht auf militärische und diplomatische Dinge beschränken, denn entstehende Zurücdrängung der Einheimischen usw. In Auftürmung gegenseitiger Schwierigkeiten zu begegnen, ist es sei unmöglich, festzustellen, wo diese Dinge aufhörten und poli Beiten, wo wesentlich kostspieligere Mittel verwendet werden fonfequenterweise die Politik der offenen Türe bei der Zu- tische Angelegenheiten begännen. Aber die Zensur solle nicht ein um anderen Völkern unsere Stultur zu bringen, sollte man lassung zum Hochschulstudium zu verfolgen. Die richtige Er- Werkzeug werden, um die Regierung der Kritik zu entziehen. Er mit solchen Argumentationen sparsam sein, um nicht schwer fassung des Universitätsbegriffes müßte von selbst dazu für die Reinheit und Vornehmheit, mit der er danke dem sozialistischen Abgeordneten Trebes widerlegbare zurechtweisungen auf sich nehmen zu müssen führen; aber leider ist zu befürchten, daß diese Erkenntnis die Gedanken seiner Partei fundgetan habe. für die Reinheit und Vornehmheit, mit der er Denn der Bau von Hörsälen, die Einrichtung neuer wiffen- nicht rechtzeitig kommen wird, um verhängnisvolle Schritte Ich teile, sagte Salandra, den Idealismus von Treves über den fchaftlicher Institute, ia felbit die Gründung neuer Hochschulen zu verhüten. fünftigen Frieden, aber ich schließe mich besonders an das bewegte ist immer noch bedeutend billiger als gewisse Manipulationen Im Interesse einer wahren Kultur, im Intereffe der Lob an, das er unserem heiligen heldenhaften Wolfe zollte, defen der Diplomaten oder deren Folgen. Zurückdrängung von intensivsten Vergeistigung und Fortentwickelung der Mensch- Herz jedoch nicht mit Kranea andern mit mir zusammenschlägt.