Nr. 140.
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Vorwärts
11. Jahrg.
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Mittwoch, den 20. Juni 1894.
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
Arbeiter! Parteigenossen! Trinkt kein boykottirtes Bier!
Sechsundfechzig Millionen.
fautesten, führt gar keine Preissteigerung für die Mann gläschenweise zu entrichten hatte. Nun sollen es, Verbraucher herbei, es ist also von keiner höheren da die zu zahlende Liebesgabe 33 M. für das Hektoliter Verbrauchssteuer, von keiner Vertheuerung die Rede, der betragen soll, sechsundsechszig Millionen Mark werden. Kanzler hat sein Versprechen erfüllt. Und nur gewerbs- Sechsundzwanzig Millionen Mark mehr noch als bisher In der Reichstagssigung vom 27. März 1886 ist der mäßige Reichsnörgler tönnen sich gleich dem badischen sollen den ostelbischen Branntweinbrennern, das heißt durch Bismarckische Branntweinmonopol- Entwurf mit allen Finanzminister Buchenberger eines Lächelns nicht er- die Bank Großgrundbesitzern und junkerlich- kapitalistischen Stimmen gegen die der Abgeordneten Delbrück , von Goldfus wehren". Aktionären der an dem Kontingent betheiligten Handvoll und von Wöllwarth verworfen worden. Wenn diesmal ein Geburtshelfer bei dem neuen Monopolplan, der seinem gewerblicher Großbrennereien, in den nimmersatten Schlund Monopolplan, sei es von den Agrariern, sei es von dem Vorgänger im Wesentlichen gleicht, war der bekannte geworfen werden. Steuerzahler, habt Acht auf diesen Steuerfinder Miquel, wird vorgelegt werden, ist sicherlich Konflikts- Diest- Daber, jener alte Frondeur, der neuen Kreuzzug der Mannen für Liebesgabe, Brotzoll und der ganze agrarisch- reaktionäre, Klüngel dabei, mit Hurrah 1854 einen rühmlichen Streit mit dem Ministerium Zuckerprämie auf Eure Taschen! die Vorlage zu bewilligen. Waren doch die Konservativen, Manteuffel- Westphalen Simons v. d. Heydt ausfocht und Das Branntweinmonopol ist wie folgt gedacht. Das die Freikonservativen und ein Theil der Nationalliberalen in den siebenziger Jahren mit dem Hausmeier Bismarck einen deutsche Reich wird verpflichtet, den von den Maischbottichdamals schon dem Monopol günstig gefinnt, und nur Span hatte. Jetzt spintisirt der alte Agrarier, wohlwollend Herren erzeugten Spiritus, der jetzt abzüglich der Maischdie eigenartige politische Konjunktur verhütete 1886 begönnert von Miquel, dem Liebling der Brotvertheurer und raumsteuer 36-37 M. das Hektoliter bringt, für 50 Mt. das Zustandekommen des gemeinschädlichen Unternehmens. Fuselbarone, über die Nothlage des oftelbischen Großgrund- abzunehmen. Der Weltmarktpreis für den Spiritus stellt Heuer, wo Dutzende von Nationalliberalen die Dienstleute befizes und heckt Entwürfe aus, wie man aus der Haut sich in Hamburg auf 17 bis 18 M., ohne Faß auf etwa des Bundes der Landwirthe sind, kann der Handel viel der armen steuerzahlenden Plebs Riemen für die Edelsten 13 M. Bei einem Saße von 50 Mt. erhöhte sich also das leichter abgeschlossen werden. und Besten" schneide. Der Schnaps ist das Ziel der Diest : Brenner- Trinkgeld von 20 auf 33 M. Daberschen Steuerschöpfung, und Herr Miquel steht bei dem Wechselbalg natürlich Gevatter.
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Die Tage von 50 M. soll nur gelten für die kontins gentirten Brennereien, die vor dem 1. Oktober 1890 bestanden haben. Das Reich soll alljährlich am 1. Ottober nach dem Durchschnitt des Verbrauchs der letzten drei Jahre die herzustellende Branntweinmenge festsetzen und auf die vorhandenen Brennereien nach Maßgabe der vor dem Gesetz vorhandenen Kontingente vertheilen.
Wenn die Deutschfreisinnigen durch ihre Presse erklären, der Plan müsse an der feierlichen Erklärung Caprivis scheitern, die Regierungen würden nicht auf eine höhere Hilfsbereit ist unsere Regierung, sobald sie dem nackten Branntweinbesteuerung zurückgreifen, so zeigen sie hier eine Elend der armen Bauern" gegenübersteht und sie ist willig, sentimentale Ueberschäßung feierlicher Worte. Die Rickert die Pfennige der arbeitenden Klaffe zu opfern, auf und Genossen haben schon ganz die Erinnerung an die Ge- daß die Sonne wieder scheine über den geflickten Stroh schichte der letzten Militärvorlage verschwitzt. Wo sind denn, dächern" der Kaniz, Mirbach und Manteuffel. Mit der um im Caprivideutsch zu reden, die leistungsfähigen Zukunftsmusik der agrarpolitischen Konferenz ist es eben Das Reich foll also der einzige Abnehmer für Spiritus Schultern" geblieben, auf die die Kosten der Heeres, reform" nicht gethan, die Herren östlich der Elbe fordern hand- werden und mag ihn dann nach seinem Belieben mit einem gewälzt werden sollten? Tabakfabrikatsteuer, Weinsteuer, greiflichere Liebesbeweise, als Anerbenrecht, das für die Katz' beliebig höheren Zuschlage weiter verkaufen. Während nach Quittungs -, Frachtstempelsteuer ist, und Organisation des ländlichen Kredits, die auch auf dem 1886 er Entwurfe der Einzelverkauf und Ausschank durch Indeß gehört denn Graf Caprivi zum eisernen Bestande sich warten läßt. Reichsbeamte geschehen sollte, will der Diest - Daber'fche der Reichsregierung? Läßt er an seinem Kanzlerwort Baar Geld lacht, heißt die Losung. Neue Zölle, höhere Plan, daß dieser Kleinverschleiß durch konzessionirte, also wirklich nicht drehen noch deuteln, ei, die Junker, denen Steuern auf Lebensbedürfnisse der Masse, verstärkte, ge von der Gnade der Regierung abhängige Ausschänker bes der Vater des deutsch russischen Handelsvertrags wie die festigte, erhöhte Liebesgaben find nothwendig, um den von sorgt werden soll, denen die Regierung Höchstpreise für den Hektik im Blute rast", hätten feine schönere Gelegenheit, Herrn Sering als nothwendig bezeichneten standesgemäßen Kleinverkauf vorschreibt. als hier den Verhaßten zur Strecke zu bringen. Die nächste Lebensunterhalt" der Nachfahren des Strauchritterthumes Nur Qualitäts- Branntwein aus Roggen, Weizen, Zukunft wird uns ja lehren, ob Graf Caprivi , der zu sichern. Gerste, Obst u. s. w. soll nicht von der Reichsbeim Fall des von ihm vertretenen Volksschulgeset- Was kann man Besseres thun, um zwei Fliegen mit verwaltung übernommen, sondern mit einer Verbrauchsentwurfes erst seine Entlassung eingereicht und dann sich Einer Klappe zu schlagen, den Militärsäckel zu füllen und abgabe der Erzeugungsstätte belegt werden löblich unterworfen hat, sodaß dem Grafen Zedlitz der die nicht minder unergründlichen Taschen der ostelbischen in gleicher Höhe mit dem Mehraufschlage der Regierung. Ruhm verbleibt, staatsmännisch gehandelt zu haben, in Aristokratie, als die Liebesgabe von 20 auf 33 M., um die Will sagen, daß die Kartoffelbrenner Ostelbiens den Gewinn der That die Schneid hat, zu gehen, wenn er mit seiner Kleinigkeit also von fünfundsechzig Prozent empor- der erhöhten Liebesgabe allein einfäckeln wollen als be Gegnerschaft gegen eine Branntweinsteuer- Reform alleinsteht. zuschnellen! rufene Reichs- Almosenempfänger, während die süd- und
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Aber es ist schon dafür gesorgt, daß die Hinter- Bisher haben die großen Brennereien, die sich in den westdeutschen Kleinbrenner u. f. w. abseits stehen sollen. thürchen der gouvernementalen Sittsamkeit offenstehen. Löwenantheil der Liebesgabe theilen, 3876 Schnaps- Hier ist der Punkt, wo das Schachergeschäft mit den südWas? Tritt der Kanzler etwa für eine höhere Branntwein- brennereien erhalten von den 40 Millionen Mark der und westdeutschen Sentrumsleuten einsehen kann, hier lassen besteuerung ein, wenn er das Monopol verficht? Das Spende 37 Millionen von 2 Millionen Hektolitern nur sich dann Zugeständnisse zu gunsten der Fruchtbrenner und Monopol, so fabelten ja seine eifrigsten Fürsprecher am je 20 M. Brandschatzung erhoben, die ihnen der kleine Getreidebrenner, was ja den Junkern nichts fostet, machen,
Feuilleton. Der Inde.
Deutsches Sitten gemälde
aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts.
Von E. Spindler.
Drittes Kapitel.
Was ist schärfer denn ein Pfeil? was giftiger denn Schlangengeifer!
Die Zunge des Bösen, der den Feind will verderben. Persisches Gleichniß.
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Rathsdiener schneckten durch die Gänge. Altbürger, im Be- welche schon der Name ihres Volkes den allgemeinen Hohn, wußtsein ihres städtischen Ansehens und Gewichts, stiegen die gräßlichste Erbitterung rege machte. Seit Wochen be gravitätisch umher, und maßen mit finsterm Blicke die zahl- reits lagen die Juden im Thurm, und noch war die Art 68 reichen Edelleute vom platten Lande, die, um Händel und und Gattung ihres Frevels nicht laut geworden unter dem Späne mit der Stadt beizulegen, herbeigekommen waren, Volke. Ursache genug, die grausame Neugier zu verdoppeln, um wider Willen ihr hohnlächelndes Haupt vor der Rechts- und den Wunsch zu erhöhen, bald ein blutiges Urtheil pflege der reichsfreien Bürger zu beugen. Nebst all' diesen, aussprechen zu hören, vollstrecken zu sehen. Denn: todes mehr oder weniger im Heiligthume der Gerechtigkeit be- würdig, so vernünftelte das Volk-todeswürdig müßte schäftigten Leuten, drehte sich noch in den Hallen eine nicht ihr Bergehen sein, und unmenschlich die Strafe. Mit unbedeutende Anzahl müßiger Gesellen, die heute schon die Ungeduld harrte die Menge auf ihre Opfer, um ihnen Osterzeit begonnen hatten, um allenthalben ihr neugierig schon diesen ersten sauern Weg durch Verwünschungen und und faul Angesicht zur Schau zu tragen, und eine Menge Schmähungen noch schrecklicher zu machen. Plößlich lief ein Gesindels, das, feinem zünftigen Gewerbe zugethan, sein Gemurmel durch die Reihen. Seht Ihr den Rothkopf...?" elend Stücklein täglichen Brotes täglich aus der blauen Luft flüsterten sie unter einander: Kennt Ihr den Juden, der Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche holt, wie eine Lerche auf gut Glück den Acker bestreift und sich taufen ließ? Dort schleicht er die Treppe hinan. war ein reges Getreibe auf dem Römer. Die Osterfeier mit leichter Mühe aus der Furche den Weizen holt, der was will der hier?" Scheuen Blicks schritt Zodick tage waren vor der Thüre und alle Geschäfte des Raths im Grunde nicht für sie bestimmt ist, und von welchem sie durch das murmelnde Bolt, grüßte hier demüthig einen ihm wie des Gerichts mußten bis auf den Punkt vorbereitet noch nicht wußte in verwichener Nacht. Die Einen dieses begegnenden Vornehmen, der vor ihm ausspuckte; warf werden, die Ostertage hindurch ohne Gefahr und Nachtheil Gelichters hielten vor dem Gebäude die Pferde der Junker dort einem bösen Schuldner, der ihm auswich, einen drohenruhen zu können. Die Kanzleien waren angefüllt von vom Lande, die andern zeigten den Fremden die Eingänge den Wink zu; zog vor dem Kruzifig der Vorhalle ans fleißigen Schreibern, harrenden Boten, befehlenden und in zu den verschiedenen Kanzleien; die Trägsten endlich bettel- dächtig kriechend den Hut, und berührte darauf furchtsam die Feder sagenden Rathsherren; die Vorgemächer wimmelten ten geradezu die Vorübergehenden an, oder bildeten, an die Zizis, die er streng verborgen unter seinem Taufvon ungeduldigen Klienten und Parteien, unter welchen Mauer und Treppengeländer gelehnt, eine Straße von schilde und unter dem faltigen Wams auf der bloßen wie geschmeidige Aale Fürsprecher und Momparen hin- und Gaffern, durch welche alles hindurch mußte, um gehörig Brust trug, um den hochgelobten Gott der Sünde wegen, herschlüpften, bald zu gütlichem Vergleich beredend, bald bewißelt und beschrieen zu werden. Für dieses Mal hatte daß er den Sabbath entheiligen müsse, um Vergebung zu zu cruftem Streite vor dem Richter anheßend. Gläubiger jedoch der Mund dieser Faulthiere Feiertag, wie ihre be- bitten.
mit ihren Echuldnern, Treuenhänder mit ihren Mündeln, ständig ruhenden Hände, und unverwandten Blicks starrten Er verlor sich in den schwach erhellten Gang, der zu Tabellionen mit Kaufluftigen gingen Thüren aus, Thüren sie hinab zur Eingangspforte, hinaus auf die Gaffe, wie der Thüre der peinlichen Kammer führte. Während dessen ein, und ein schwirrendes Getöse erfüllte das weite statt- Menschen, die auf etwas Außerordentliches gespannt sind. entstand eine lebhaftere Unruhe unter dem in den Säulenliche Gebäude, die Säle ausgenommen, wo hinter schweren Es war nämlich durch einen nicht allzuverschwiegenen Die gewölben harrenden Böbel. Von starter Wache geleitet, Flügelpforten die vierzehn Schöffen ihre Gerichtsbank hielten, ner des peinlichen Stuhls ruchbar geworden, daß heute der schleppten sich in schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des ocer Bürgermeister und Rath im weiten Kreise versammelt hundertjährige Jude und sein Sohn vor dem Oberstrichter Leidens über die Stufen des Gebäudes: Der Greis Jochai faßen, des Regiments zu pflegen. Wichtig thuende Schreiber im stillen Verhöre erscheinen würden. Dem Gesindel war und sein Sohn. Das Elend einer kurzen, aber entsetzlichen fnechte flogen mit Schriftbündeln auf und ab; mürrische es schon ein Fest, diejenigen von Angesicht zu sehen, gegen Haft hatte Wunder des Jammers an beiden bewirkt; aber