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Nr. 37936. Jahrgang

3. Beilage des Vorwärts

Das Soziale in der Hygiene.

Von Alfred Grotjahn .

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Die Erschütterungen des Weltkriegs, die Umwälzungen der Revolution haben der sozialen Tatkraft Bahnen ge­brochen. Die Gründung neuer großer Zeitschriften ist ein Zeichen, daß die Probleme in Flug sind und praktische Arbeit werden wollen. In den nächsten Tagen erscheint das erste Heft einer großangelegten 8eitschrift für soziale Sygiene". Sie wird herausgegeben von dem Arzt in Schöneberg Dr. B. Chajes und dem Schöneberger Stadt rat für fommunale Hygiene Geh. San.- Rat Rabnom unter Mitwirkung einer Reihe von namhaften Fachleuten. Der Verlag Gesellschaft und Erziehung, Berlin S. 48, gibt uns Gelegenheit, aus den Bogen des ersten Heftes festzu­stellen, daß dis neue Organ eine zentrale Bedeutung haben wird. Einem Auffah von Alfred Grotjahn über den Begriff des Sozialen in Medizin und Hygiene entnehmen wir folgende Ausführungen:

Den Hauptwörtern Medizin und Hygiene wird gegen wärtig sowohl im wissenschaftlichen als auch im alltäglichen Sprach gebrauch so häufig das Eigenschaftswort sozial beigefügt, daß Zweifel darüber entstehen können, ob nach diefer Richtung nicht hier und da des Guten zubiel geschieht, dadurch Untlarheiten der Fragestellung fünstlich geschaffen oder gar fleinen Wohlfahrtsunter nehmungen ein ernsthaftes Geficht angeschminkt werden foll. Namentlich wer die Ausdrüde soziale Medizin und soziale Hygiene mit besonderer Vorliebe in Mund und Feder führt, hat die Pflicht, darüber zu wachen, daß hier keine Nachlässigkeit einreißt, sondern diesen Ausdrücken unter allen Umständen Ernst, Würde und charat teristische Note gewahrt bleibt. Denn nur unter folcher Voraus febung fönnen diese Bezeichnungen der Forschung und Praxis ihre wegweisenden und anfeuernden Kräfte berleihen.

nistische Manifeft" erließen, schreibt aber der junge Virchow noch Sätze wie die folgenden:

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Sonntag, 27. Juli 1919

diese Maßnahmen zu verallgemeinern. Die Hygiene bedarf, falls sie nicht in Komforthygiene ausarten soll, eines fräftigen sozialen Die Aerzte sind die natürlichen Anwälte der Armen, und die Einschlags. Denn ihr Ziel ist nicht die Gesundheit einiger Bevor­foziale Frage fällt zum größten Teil in ihre Jurisdiktion. Die zugter, sondern die Verallgemeinerung der hygieni­öffentliche Gesundheitspflege hat, indem sie in ihren Forschungen dhe n Kultur. Aber auch als Wissenschaft muß die Hygiene, die in Deutsch­den Lebensverhältnissen der verschiedensten Voltsklassen nachgeht und die feinen, gleichsam geheimen Schwankungen des Waffen- land infolge des überragenden Einflusses der Bakteriologen und lebens verfolgt, bei den meisten sozialen Schwierigkeiten eine ent- Chemifer in die Gefahr geriet, ausschließlich Laboratoriumsforschung scheidende Stimme. Allein darauf beschränkt sich ihre Wirksamkeit zu werden, sich von sozialwissenschaftlichen Gedankengängen be­nicht. Von Zeit zu Zeit werden jene Schwankungen größer, zuweilen fruchten lassen. Soweit die Hygiene eine Naturwissenschaft ist- ungeheuer, indem einzelne Krankheiten in epidemischer Form auf- und daß sie das in erster Linie sein muß, bestreiten auch die Sozial­treten. In solchen Fällen wird die öffentliche Gesundheitspflege hygienifer nicht, kann sie über die hygienischen Beziehungen von souverän, der Arzt gebietend. Die Geschichte hat es mehr als ein- flimatischen Faktoren, Wohnung, Kleidung, Ernährung und Spalt. mal gezeigt, wie die Geschicke der größten Reiche durch den Gesund- pilzen zu dem biologisch umschriebenen Einzelwesen nicht hinaus­beitszustand der Völker bestimmt wurden, und es ist nicht mehr kommen. Aber damit kann sich die Hygiene als Wissenschaft auf die zweifelhaft, daß die Geschichte der Volkskrankheiten einen untrenn- Dauer unmöglich begnügen. Der Mensch hat es verstanden, sich baren Teil der Kulturgeschichte der Menschheit bilden muß." Doch von dem unmittelbaren Einfluß der Natur unabhängig zu machen. diese Worte verklangen in jenen Jahren, ohne unter den Medi- Zwischen dem Menschen und der Natur steht die Kultur und diese sinern besonderen Widerball zu finden, obgleich fie doch schon sehr ist gebunden an die gesellschaftlichen Gebilde, in denen allein der deutlich den Weg wiesen. Sprach es doch zu gleicher Beit S. Neu- Mensch wirklich Mensch sein fann an Horde und Stamm, an mann, ein Freund Virchows, in einer Schrift, die den bezeichnenden Familie und Sippe, an Gemeinde und Staat, an Volf und Rasse, Titel Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigentum" trug, mit ihren geschichtlich und geographisch so überaus verschiedenen geradezu aus: Daß der größte Teil der Stranfheiten nicht auf Wirtschaftsformen, der Natural- und Geldwirtschaft, der Haus- und natürlichen, sondern auf gesellschaftlichen Verhältnissen beruht, be Stadt, der Volfs- und Weltwirtschaft. Die Hygiene muß daher darf keines Beweises. Die medizinische Wissenschaft ist in ihrem auch die Einwirkungen diefer gesellschaftlichen Verhältnisse und der innersten Kern und Wesen eine soziale Wissenschaft, und solange sozialen Umwelt in Betracht ziehen, in der die Menschen geboren ihr biese Bedeutung in der Wirklichkeit nicht vindigiert sein wird, werden und leben, in der sie arbeiten und genießen, sich fortpflanzen wird man auch ihre Früchte nicht genießen, sondern sich mit ber und sterben. Damit wird sie zur sozialen Hygiene. Schale und dem Schein begnügen müssen. Die soziale Natur der Heilfunst steht über allem Zweifel."

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Der Begriff der sozialen Hygiene läßt sich also kurz und er­schöpfend umschreiben als die Lehre von den Bedingungen der Ver­Der wuchtigen Art, in der damals das Wörtchen sozial" in allgemeinerung hygienischer Kultur hinter einer Gesamtheit von Verbindung mit medizinischen und hygienischen Dingen gebraucht örtlich, zeitlich und gesellschaftlich zusammengehörigen Individuen wird, sollten wir uns heute mit Ehrfurcht erinnern, weil leider und deren Nachkommen sowie von den Maßnahmen, die diese Bes gegenwärtig dieses Adjettivum häufig gerade von Aerzten und Ver- dingungen zu modifizieren und zu rationalisieren imftande find. tretern der privaten Wohlfahrtspflege an unrechter Stelle angewandt Wer mit dieser oder einer ähnlichen Definition ausgerüstet ist, fann twird. Denn es geht nicht an, den Ausdruck soziale Hygiene zu nie in den bedauerlichen Jrrtum verfallen, daß etwa die an sich so trivialisieren und damit eine besondere Betrachtungsweise der wertvolle fürsorgeärztliche Betätigung oder gar die karitative Wohl­hygienischen Forschung von vornherein in Mißkredit zu bringen. fahrtspflege das Wesen der sozialen Hygiene erfüllt, sondern wird So heißt beispielsweise das Adjektivum sozial" niemals schlechthin fich stets bewußt bleiben, daß die soziale Sygiene, soweit sie eine nüblich im wirtschaftlichen Sinn; denn viele Dinge find müßlich und Wissenschaft ist, mit der jeweiligen soziologischen Erkenntnis, soweit wirtschaftlich, ohne das Prädikat sozial" zu verdienen. Das Wort fie eine Praris ist, mit den gleichzeitigen sozialpolitischen Be­ist auch nicht gleichbedeutend mit wohltätig für die unteren Bewegungen unlösbar verknüpft bleibt. Daraus ergibt sich ohne völkerungsschichten", denn das fönnte auch eine Boltstüche oder eine weiteres auch ihre Stellung zum Sozialismus. Bolillinit sein, die kein Soziologe als foziale Einrichtungen be zeichnen würde. Auch die soziale Betätigung" irgendeiner Fräulein Tochter in einer sozialen" Frauenschule ist zwar lobenswert, würde aber der Bescheidenheit ihrer Bedeutung besser entsprechen, wenn sie sie in einer Frauenschule für Wohlfahrtspflege" sachgemäß aus­üben lernte. Gar der Sozialarzt" ist eine bedauerliche Sprach­bildung, die den schlichten Fürsorgearzt hoffentlich niemals ver­drängen wird. Angesichts solcher sprachlichen Mißbräuche muß man wirklich noch baran erinnern, daß das Adjektivum sozial sich von dem lateinischen Wort socius ableitet und stets eine gesellschaftliche, gemeinschaftliche oder genossenschaftliche Bezeichnung vorausseßt. Die foaiale Hygiene fann also nur Fragen hygienischer Art be­handeln, die mit dem Gesellschafts-, Gemeinschafts- und Genossen­schaftsleben der Menschen in Beziehung stehen.

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Theater der Woche.

Der Ausdruck joziale Medizin" ist in Deutschland zum ersten Male im Jahre 1848 von Rudolf Virchow und zwar, wie er selbst angibt, nach französischem Vorgang gebraucht worden; er bezeichnete damit in den Auffäßen feiner Zeitschrift Medizinische Reform" die öffentliche Gesundheitspflege im meitesten Ausmaß. Seither hat sich jedoch die Medizin so sehr in einzelne nach For schung und Anwendung verschiedenartige Fächer aufgelöst, daß sie faum mehr als eine einheitliche Wissenschaft aufgefaßt werben fann. Auch sehen wir gegenwärtig die Gesundheitspflege nicht mehr als eine Unterabteilung der Medizin an, sondern als ihre Ergänzung mit dem Rang einer schon durch ihre Fragestellung selbständigen angewandten Wissenschaft. Aus diesen Gründen hat sich die Bezeichnung soziale Medizin im Virchowschen Sinne nicht einbürgern fönnen. Sie verschwindet vielmehr für Jahrzehnte aus der medizinischen Literatur, um erft in Verbindung mit den Aufgaben, die das soziale Versicherungswesen der Heilkunde stellte, wieder aufzutauchen. Aber auch in diesem Zusammenhang ent­zieht sich das Wort einer wissenschaftlichen Begriffsbestimmung; denn für die ausgedehnte und wichtige medizinische Gutachter tätigkeit im Bereich des sozialen Versicherungswesens dürfte die Bezeichnung Versicherungsmedizin vorzuziehen sein. Uebrigens hat Rudolf Virchowo nach den Jahren 1848/49, in denen er mit Leu- Echon an und für sich kann an dem sozialen Wert jeder Hygiene buscher die Medizinische Reform" herausgab, für die Durchdrin- fein weifel bestehen, jener Betätigung menschlicher Vernunft, die gung medizinischer und hygienischer Fragen mit fozialen Gedanken sich die Berhütung der Kranfheiten, die Fernhaltung der den Körper gängen wenig mehr getan. Soweit ihm Zeit zur Beschäftigung mit schädigenden Einflüsse der Außenwelt und die Vervollkommmung der den Fragen der Gesundheitspflege blieb, zog er eine literarische und törperlichen Rüftigkeit zum Biel gefekt hat. Wir dürfen uns mur Residenz- Theater:" Das höhere Leben", 27., 3. n. Gespenster". Theater: Die Faschingsfee". Theater am Rollendorfplag: Die Puppe", Thalia- Theater: Jungfer praktische Betätigung bei der Durchführung der Städteassanierung nicht mit dem Bewußtsein begnügen, daß wir in technischer Hinsicht 27. n. Der Jugbaron", 3. n. Drei alte Schachteln" Renes Operettenhaus: Die Dame vom Sirkus"( vom 27. ab und der ersten großen Krankenhausbauten bor. Seine Entwicklung bereits zahlreichen Anforderungen der Hygiene gewachsen sind. Viel Sonnenschein". Friedrich- Wilhelm­Palast- Theater:" Weinende Erben". zum manchesterlichen Liberalismus, die ihn im Alter so furssichtig mehr führt uns gerade eine soziale Betrachtung mit zwingender Uhr Anfang). städtisches Theater:" Der Hias". Theater in der Friedrichstadt : Drei Ein­gegenüber jeder Sozialpolitit machte, spiegelt sich auch hierin wider. Notwendigkeit zu der Ueberzeugung, daß die erstaunliche Entwicklung after Wallner- Theater: Das Gefeß".- National Theater: Familie Sanne­Im gleichen Jahre, in dem Marg und Engels das kommu- der Gesundheitstechnik wenig helfen tann, wenn es nicht gelingt, mann".

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Boltsbühne: 27. bis 31. Der heilige Florian", 1. bis 4. Der Kuhreigen", Berliner Theater: 27. bis 31. Tolle Romteß", 3. n. Die Fledermaus". 1. gefchl., 2. ff. Die Dame im Frad". Luisen Theater: 27. bis 2., 4. Wenn Frauen lieben", 3." Der Hüttenbeger", 27. n. Ein glücklicher Familienvater", Rose- Theater: 27. bis 31. D 3. n. Der Leiermann und fein Pflegerind". Walhalla schöne Beit, o felige Reit", 1. bis 4. Die Frau des Debutanten". Theater: 27. Kleine Gtlavin", 28. bis 31. Die Frau des Debutanten", 1. bis 4. schöne 8eit, o felige Beit". Urania: 27. ab., 3. n. Die Insel Rügen ", 29., 30. 3m Lande der Mitternachtssonne", 31., 3. Das Oberengadin und der Spluzen", 2. Bon der Zugspige zum Bagmann", 27. n. Der Bierwaldstätter Gee" Täglich: Deutsches Theater: Auch ich war ein Jüngling" Rammer spiele: Das Weib und der Hampelmann". Theater des Westens : Die Geisha". Leffing- Theater: Charlens Tante". Deutsches Künstlertheater: Theater i. d. Königgräger Straße:" Der Häuptling". Die Rutschbahn". Schiller- Theater: Alt- Heidelberg". Komödienhaus: Liselott von der Pfalz". Kleines Theater: Unterm Baume der Erkenntnis", 27., 3. n. Johannis. Romische Oper: Schwarzwaldmädel". Lustspielhaus: So ein Trianon- Theater:" Der gute Ruf", 27., 8. n. Johannisfeuer". Mädel". Metropol

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