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Seilage öes Vorwärts
Donnerstag, IS. November lH2l
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Der gestrige Tag war der Tag des arbeitenden Volkes. In un übersehbaren Scharen strömte die Berliner Arbeiterschaft zu unseren Feiern und Versammlungen, Männer und Frauen, jung und alt, festen Schrittes. Werktagskleidung trugen sie, zum Symbole gleich- sam, daß der Tag der Revolution Künder der freien Arbeit, des freien Mannes ist. Keine rauschenden Feste wurden gefeiert. Ernst war die Stimmung und doch gehoben, weil alle eins waren in dem Bewußtsein, den Tag des Volkes zu begehen, eins im Gedanken, die Revolution nicht versanden zu lassen. Das klare Winterwctter be- günstigte unsere Feiern. Kein Nebel legte sich lastend auf die ge- waltigen Massen, die den Worten ihrer Führer und Genossen folgten, innerer Zustimmung voll. Die Republik kennt keine Feiern, wie Wilhelms Geburtstagskomödie sie alljährlich befahl: Feiertage sind ihr Bekenntnis, sind ihr Gelübde, festzuhalten am Errungenen und es auszubauen zu neuer Gestaltung. Jeder der Teilnehmer an den Versammlungen ging mit dem Gelöbnis heim: Kämpfer zu fein für die gemeinsame Sache des Proletariats, Hüter der Republik und Streiter für jene Gesellschaftsform, die Klassen und Klasienherrschaft allein überwindet. Dann brachte der Abend die Feiern im engen Kreise mit Re- zitationen und Gesangsaufführungen, die auf die Bedeutung des Tages gestimmt waren. Fahnenschmuck lenkte am„V 0 r w ä r t s'» H a u s in der Lindenstraße die Blicke der Passanten auf sich. Vom Dach hingen zwei mächtige Fahnen herab, eine rote und eine schwarzrotgoldene. Aus den Fenstern des ersten Stockwerks flatterten kleine Fahnen in rot und fchwarzrotgold. Auch das Afa-Haus in der Belle- Alliance-Straß« fiel durch Flaggenschmuck auf. Aus dem dritten Stockwerk, in dem die Afa-Bureaus untergebracht sind, hingen zw« große Fahnen in rot und in fchwarzrotgold. Der Wittsnbergplatz bot ein ungewohntes Gepräge. Statt des gewohnten Schieber- Publikums in Gehpelz und Sealmantel füllten ihn Tausende und ober Tausende von Proletariern. Bon fünf Stellen wurden An- spmfren gehalten. Für die SPD. sprachen die Genosien Breuer und Kuttner. Genosse Breuer führt« aus: Gegen den Willen des Bürgertums, dessen Zeitungen den 9. November totgeschwiegen baben, begehen wir diesen Tag in Erinerung an den Aufstand des Volkes gegen blutige Kriegsdiktatur. Ludendorff , blau bebrillt, floh: das Volk rettet«, während die Ratten sich ver- krochen. Aber die Ratten kehren wieder: schon nagen sie an den Stützen der Republik . Darum sei uns der 9. November ein Tag des Entschlusses. Tod den Rattenl Proletarier, die Paläste de« Reichtums blicken auf Euch herab. Ihr habt sie gebaut, Ihr er- haltet sie und die darinnen wohnen. Ihr habt erworbenes Recht, die neue freche Diktatur des Kapitals im Kekme zu ersticken. Cure Eintracht allein kann und wird den Sieg bringen.— Genosse Kuttner führte aus: Di« reaktionären Blätter verhöhnen uns, daß wir den Gedenktag der Republik feiern, und fragen, ob es uns denn so gut ginge? Wir können mit dar Gegenfrage antworten, warum denn diese Leute jede Weihnachten den Geburtstag des Friedensgottes feiern, nachdem sie mit Wollust vier Jahre lang das scheußlichste Menschenmorden bejubelt haben! Das Elend ist gewiß groß, die Mark fällt, die Preise steigen. Aber wir wissen, daß dies Elend mit dem Krieg« begonnen hat. Die Kriegshetzer be'euern zwar, daß sie den Krieg nicht gewollt hätten. Der Ka- pitän, der auf dem Wannfee den Dampferzusammenstoß herbei- führte, hat das Unglück auch nicht gewollt, ober er hat es ver- schuldet. Und wie mit dem Dampfer„Kaiser Wilhelm " ist es mit der Person des Kaiser Wilhelm . Er ist der fahr- lässige Steuermann, der bAeucrte, daß sein Kurs der rich- tige sei. Aber er hat das Schiff in den Untergang ge- st e u e r t. Geschichtlich ist die Reaktion erledigt. Wenn sie immer wieder zum Leben zurückkehren möchte, ist die Uneinigkeit der Arbeiterklasse daran schuld. Die Arbeiter allein sind die Stütze der Republik , wenn diese Stütze sich spaltet, so kann die Republik nicht feststehen. Will man uns jetzt mit monarchistischen Leichennsrad-n schrecken, so denkt an das Bibelwort:„Laß die Toten ihre Talen begraben, Du aber folge mir nach!" Wir folgen
Die Revolutionsfeiern in Herlin Massenaufgebot zu den Nachmittags-Versammluugen.
der Fahn« des Lebens, der Zukunft» der Kultur, dem Sozialismus! Er und die Deutsch « Republik lebe! Da nach Schluß der Rede noch neue Züge eintrafen, so sprach Genosse Kuttner nochmals vor einem Auditorium von mehreren tausend Zuhörern. ?n öer hasenheiöe. Auf dem Kaiser-Friedrich-Platz erschienen schon kurz nach 2 Uhr die ersten roten Fahnen. Rasch füllte sich dann der weile Platz, an dem zur festgesetzten Zeit eine große Menschenmenge Kopf an Kopf gedrängt stand. Die Redner wiesen auf die Bedeutung des Tages hin und forderten auf zum Kampf gegen die Reaktion und zur Einigung der Arbeiterklasse. Genosse Lüdemann, auf den Stufen der früheren Garnisonkirche stehend, führte etwa folgendes aus: Der Zusammenbruch des alten Staates hat von der Arbeiter- schaff nicht voll ausgenutzt werden können, weil die Sozialisten un- einig und gespalten waren. Trotzdem hat die sozialistisch denkende Arbeiterschaft alle Ursache, die dritte Wiederkehr des 9. November zu feiern, weil an diesem Tage der demokratische Volksstaat aufge- richtet worden ist, der für das Proletariat die besten Möglichkeiten zur Verwirklichung seiner sozialistischen Kampfziele bietet. Leider haben weite Volkskrckf« die Ursachen des Zusammenbruches noch nicht erkannt oder bereits wieder vergessen. Infolgedessen hat sich der Nationalismus in den letzten Monaten sehr ausdehnen können und ist, wie die letzten Wahlen beweisen, noch im Wachsen begriffen. Das Abenteuer des letzten Habsburger und die„Proklamation" des Prinzen Rupprecht in Bayern sind Beweise dafür, wie stark sich die Nationalisten und Monarchisten bereits wieder fühlen. Gleichzeitig hat es der Kavitalismus verstanden, die Not des Volkes auszunutzen und zugleich feinen Einfluß auf die Staatspolitik immer mehr zu verstärken. Der letzte Beweis dafür ist das Verhalten der Indu- ftriellen in Sachen der Millionenkredite. So tritt zu dem Diktat der Entente, das in dem von Ludendorff verschuldeten Frieden von Versailles begründet ist, für das deuffche Volk das Diktat der Kapitalisten. Die Anbäufuna der Profite auf der einen Seite bringt es aber mit sich, daß ein Winter der Teuerung vor der Tür steht. Da ist die Einigkeit aller Arbeiter not. Eine Annäherung auf dem Boden der Demokratie ist bereits«riolgt. Wir müssen dahin streben, wie in Thüringen , Sachsen und Braunschweig eine sozio- listische Mehrheit zu bekommen. Di« parlamentarischen Verhältnisse bringen es für uns mit sich, daß wir gel>:acntlich mit denen pak- tieren müssen, die nicht zu uns gehören. So kam erst kützlich in Preußen jenes Kabinett zusammen, dem viele unlerer Varteigenossen ablehnend gegenüberstehen.«Sehr richtig! aus der Versammlung.) E» wurde gebildet, um Schlimmeres zu verhüten, und hoffen wir, daß die Rerbt behosten, die sich Vorteile von diesem Experiment ver- sprechen. Wir müssen«ine Politik des tatsächlichen realen Einflusses treiben. Als geschlossene Macht muß die Arbeiterschaft den Vertretern des Nationalismus und des Kapita- lismus gegenüberstehen. Wir stehen vor einem trauriaen Winter, und wir haben Parlamente, in denen die bürgerlichen Parteien die Mehrheit haben. Da ergibt sich für uns die Aufgabe, den Einfluß der Arbeiterklasse zu stärken. Von unserer Partei sprach ferner Genosse Kurt H e i n i g. Das Hoch auf die Republik unh.den Sozialismus wurde stürmisch und begeistert aufgenommen und pflanzte sich auf dem Kaiser-Friedrich- Platz rundnim die Kirche fort. Der Abmarsch der Arbeiter und An- gestellten vollzog sich, ebenso wie dos Anrücken in mustergül- tiger Ordnung. Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei'der kleine Zug der Jugendlichen der„V 0 r w ä r t s"- B e tr i e be, die ihre Baner nach der Lindenstraße unter fröhlichem Marschgesang zurückführten. 7*uf üer Neberwlese im Osten Berlins an der Frankfurter Allee sprach Heinrich Vi e r- bücher: Es ist kein Freudenfest, das das Volk zusammenführt, sondern ein ernster Gedanke. Vor drei Iahren hat sich gezeigt, daß die Mächte der Vergangenheit nicht mehr für die Politik zu ge- brauchen waren. Unter dem Anprall des gesamten deutschen Pro- letariats sank das ganze schändliche Gebäude in Trümmer. Niemals, solange Weltgeschichte geschrieben worden ist, ist ein Volk schlimmer betrogen worden als da; deuffche. Niemals ist auch ein Volk gedul- diger gewesen. Was sich 1918 zugetragan hat, war recht und billig. 1918 hatten wir die Macht, aber wir verstanden es nicht, sie auszu-
nutzen, weil das alle Erbübel der Deuffchcn, die Uneinigkeit, auch das Proletariat zerspalten hat. In diesem nutzlosen Bruderkampf ist mehr Energie vergeudet worden als gut ist. Deshalb müssen wir heute nicht z u sehr Parteileute als vielmehr Sozia- listen sein. Schritt für Schritt hat uns die Reaktion zurückge» drängt. Wir müssen aber alle Kräfte aufbieten, um das Verlorene wieder einzuholen. Denn eines ist uns geblieben: die Republik mit allen ihren Fehlern zwar, aber auch mit all ihren Möglichkeiten der Verbesserung. Die Grundlage der Republik muß aber besesffgt wer- den, und es kann nur dadurch geschehen, daß die Arbeiterschaft sich festigt und einigt. Auf dem Boden der Republik kann nur der sicher stehen, der aufgehört hat, den Brudertampf weiterzuführen. Die Angehörigen einer Partei müssen es lernen, auch die der anderen Partei richtig einzulchätzen und zu wür- d i g e n. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Republik vielleicht in Wochen, vielleicht aber schon in wenigen Tagen eine schwere Krise zu bestehen haben wird. Da heißt es, den Kopf hoch und die Besinnung behalten, auf der Hut fein. Vorwärts und auswärts aus diesem Chaos heißt die Parole. Vorwärts geht es aber nur dann, wenn wir endlich zum Sozialismus durchdringen. Das ist das einzige Mittel, zurzeit aber auch der einzige Gedanke, der noch imstande ist, die im Elend bald verzweifelnde Mass« emporzureißen. Der Redner schloß mit den Worten:„Vereinzelt sind wir nichts, ver- eint haben wir all« Macht in Händen" und mit einem dreifachen Hoch auf die. internationale Sozialdemokratie, in das die Anwesen- den brausend einstimmten. Außerdem sprachen noch Polenske für die SPD. , Dr. Hertz und Z i s k a für die USP. Die ganze Demonstration verlief in vollster Ruhe und Ordnung und wurde nur dadurch sehr erschwert, daß um den ganzen Platz erst vor wenigen Tagen ein Drahtzaun gezogen worden war, den die gewaltio? Masse nur durch zwei schmale Zugänge passieren konnte. Im humboiüthain lauschte eine nach vielen Tausenden zählende, fast unabsehbare Menge den Worten der Redner. Es waren erstste Mahnungen, die Gen. H e tz s ch 0 l d an die Versammelten richtete. Heute vor drei Jahren, so führte er aus, wurde die Republik ausgerufen, nachdem offenkundig die Tatsache vorlog, daß das Volk von den Machthabern, den Militaristen und Vertretern des alten Regimes schmählich ver- raten, belogen und bettogen war. Die Militaristen mußten ihr eigenes Lügennest zerreißen, mit Ihrer Herrlichkeit war es vorbei: der Zusammenbruch war da. Seit diesem historischen Tage hat die Republik ihre Daseinsberechtigung glänzend be- wiesen. Und andererseits hat das arbeitende Volt bewiesen, daß es völlig einig in der Abwehr aller Bestrebungen ist, die daraus gerichtet sind, den Bestand der Republik anzutasten. Das alte Regime war vom Kapitalismus beseelt, der kalt berechnend über Leichen hinweggeschrittcn ist, um seine Macht zu befestigen. Er ist schlauer als der blöde Militarismus und hat sich in die neue Zeit herübergerettet. Der Kampf des Proletariats gegen seine Macht wird auch in der Zukunft nicht leicht sein. Die Republik bildet aber einen Boden, auf dem der Klassenkampf von dem arbeitenden Volke mit Erfolg geführt werden kann. Es wird dem Kapital nicht ge« lingen, uns den Achtstundentag wieder zu entreißen und die Ar- beitskraft des Volkes bis zum Weißbluten auszubeuten und in Ge- meinfchaft mit anderen nationalistischen Elementen die Völker in einen neuen Krieg zu Hetzen. Die Republik bedeutet den Frieden, den Aufstieg des Volkes zur Kultur. Das weiß die Arbeiterschaft zu würdign. Wie der kapitalistische Betrieb über den heutigen Tag denkt, lehrt eine Drohung in den AEG.- Werken, daß man angesichts der Beteiligung der Ar- bdter an der heutigen Demonstration gewillt fei, die Nachmittags- schicht wieder nach Haufe zu schicken.(Stürmische Entrüstungsrufe.) Daneben habe man merkwürdigerweise bekanntgemacht, daß oni Bußtag nicht gearbeitet werde. Durch derartige Dinge werden wir uns von unseren Entschlüssen nicht abbringen lassen, solche Macht- sprüche zeigen uns aber ggpade, wie notwendig es ist, in völliger Einigkeit für die Errungenschaften der Revolution und den weiteren Ausbau der Republik weiter zu kämpfen. Der Geist des 9. No- v e m b e r muß hineingetragen werden in die noch nicht aufgeklärten Volksmassen, mit diesem Geist muß der Unverstand der Massen, der jener Feind ist, den wir am tiefsten hassen, bekämpft werden, so werden wir endlich zum Siege gelangen.
ÜOj
Fräulein.
Von Paul Enderling . „Walzer tanzen, Doktor! Welche Herrlichkeit liegt in dem Gedanken, welche Jugend I" „Ja, ja. Also die Umschläge alle zwei Stunden wechseln und—" „Jugend ist doch das einzige, weshalb das Leben gelebt werden soll. Und gerade dies wird uns verpfuscht, oder wir verpfuschen es uns selber. Sehen Sie meinen Neffen Her- mann. Wie froh könnte er sein, und er läuft umher, als wenn er die Welt auf seinen abfallenden Schultern tragen müßte. Für ihn ist die Jugend Zwangsarbeit." „Ja. arbeiten muß man beizeiten lernen." „Und Jugend sollte doch Tanzen sein. Fliegen, Schweben, Herumeseln." Der Arzt emvfahl sich. Er werde abends wieder nach ihm sehen. „Noch einen»Augen blick. Doktor. Sie müssen mir noch etwas sagen,©eben' Sie mich mal an. Glauben Sie, daß ich ein Mann bin?" � „Potztausend, ja!" „Also sagen Sie es mir, obne Umschweife, ohne Hörner und Klauen, wie der streitbare Gottesmann sagte: Wie lange Zeit aeben Sie mir noch?" Der A'-Zt zuckte die Achseln.„Es gibt eine Menge Leute in meiner Praxis, die kränker als Sie waren und noch herum- laufen." „Also viel Chancen sind nicht mehr?" fragte der Kranke hartnackig.'' � „Ihre Natur ist kräftig. Sie hilft sich schckn durch. Nur den Willen baben!" � � „Ja. da hapert's. Das Wollen habe ich nicht mehr recht. Nur eins möchte ich noch: auf den Marienturm möchte ich noch mal klettern' „Donnerlüttchen!" „Wird es das nach mal für mich geben?" „Es ist möglich." �. „Schwören Sie es, daß es das noch einmal geben wird! „Nun. gerade schwören—" Der Arzt wand sich etwas. Der Oberlehrer sah ihn fast triumphierend an.„Sehen
Sie wohl, Medizinmann? Nun weiß ich Bescheid. Nun tun Sie mir aber den Gefallen und nennen Sie mir einen guten Notar." „Einen Notar?" „Ja, ich möchte Sie zu meinem Universalerben ernennen, Doktor." Der Arzt stimmte in sein Lachen ein.„Das sollen Sie tun, wenn es Sie beruhigt, und abends bring' ich einen mit." „Schicken Sie ihn lieber nachmittags her!"- '„Warum?" „Sicher ist sicher. Und das Testament soll doch nett aus- sehen. Nicht so in der letzten Stunde vor den großen Ferien gemacht, wie es meine Sekundaner immer taten." Kopfschüttelnd ging der Arzt. Nun lag der Oberlehrer allein. Er blinzelte zur Decke empor. Es war ein trüber Tag. Der Nebel, der tagsüber die Stadt wie in Watte gepackt hatte, war gegen Abend gelichtet, aber noch nicht gewichen. „Ich hätte ein großer Gelehrter fein können," dachte der Oberlehrer,„ein Astronom wie der alte Hevelius, der mir bloßen Augen die Sterne kontrollierte.— Ach kaum, meine ?lugen sind immer schwach gewesen. Aber einen Stern habe ich zu guter Letzt doch nocb entdeckt. Den Zlbendstern... den Stern meines Abends. Wie gut meint es doch das Leben im Grunde mit uns." Die Hobe Standuhr rasselte, ächzte, stöbnte, klapperte und 'klingelte endlich mühsam die Stundenzahl heraus. „Die letzte? Nein. Nun, gleichviel— in einer dieser Stunden wirst du sterben, wie es in dem alten Klosterspruch bieß. Aber gut müßte es doch fein, in solch einer Stunde eine liebe Hand auf der Sffrne zu fühlen... eine Hand, die streickelt und kühlt..." Die Tür ging leise auf. Fräulein kam. nach ihm zu sehen. Er schloß die Augen fest, als ob er schliefe. Lautlos ging Fräulein zurück. Er hörte ibre leichten Schritte wieder auf der Stufe. Die Schritte zögerten. Ging sie so langsam heute? Oder empfand er alles nur schneller? Von oben hörte er Stimmen, die ängstliche Stimme seiner Schwester und Fräuleins ruhige, merkwürdig tiefe Stimme. Die Stimme der Schwester fragte etwas. Fräuleins Antwort war kurz. Er hörte alles. ' Die Sonne kam noch einmal durch.
Mit großer Anstrengung, trotz der schmerzenden Stiche an den Schulterblättern, drehte er sich herum. In einem kleinen Glas welkte ein Büschelchen Reseda. Die bescheidenen graugrünen Blüten sandten einen feinen, leichten Duft herüber.„Wenn Fräglein einen Vornamen hat, muß sie Reseda heißen. Ich muß es ihr doch noch vorschlagen." Die alte blanke, geschweifte Kommode blinkte im Sonnenlicht. Im Bücherregal blitzten die Goldbuchstabe» der Buchrücken. I<n unteren Fach hinter dem geblümten Vorhang standen die Schulbücher. Er hatte sie stets verhüllt, wenn er mit der Arbeit fertig gewesen war. Nun mochten andere die Aufsätze korrigieren:„Wie bringt Schiller uns Wallenstein menschlich näher?"-- Haha, es war zu dumm. Es gab wirklich Gescheiteres zu denken. Und langsam, vorsichtig drehte er den schweißbedeckten Kopf herum, bis er Schopenhauer ansehen konnte. Ein Sonnenstrahl glitt über die Nase des Philosophen. „Lacht er nicht? Niest er nicht? Ich habe immer niesen müssen, wenn die Sonne meine Nase kitzelte. Ach, das ist nun vorüber. Bald werden die Sonnenstrahlen auf meine? Nase tanzen, ohne daß ich niesen werde. Dann bin ich wie Sie, Herr Schopenhauer .. An einem Sonntag starb Oberlehrer Sanders. Und am Mittwoch fubr der Leichenzug durch die ganze Stadt, durch. das Olivaer Tor, durch die große Allee an dem Stadtpark und' den Eaf6s vorüber zum Marienkirchhof. Der Sarg war voller Kränze. Ihm folgte«ne stattliche Reibe Wagen. Im ersten faß das Ehepaar Görke mit dem Konsistorialrat. im zweiten Tbea, Frau Franzius und Her- mann, im letzten, dem achten, faß Fräulein mit den Kindern. „Er bat ein Testament gemacht," sagte Julius Görke leise zu seiner Frau. „Ein Testament?" „Ja. Nun, wir baben es ja auch an nichts fehlen lassen.' Und befriedigt betrachtete er beim Aussteigen die Reihe der Kränze und der Wagen. Am Grabe standen schon die Schüler und warteten. Um die eine Seite der Gruft stellte sich die Familie, um dse andere die Kollegen des Verstorbenen, alle in schwarzen Bratenröcken und Zylindern. Es war eine stattliche Ansammlung der Hut- moden aus den letzten Jahrzehnten. -(Forts, folgt.)