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Nr. 292.

Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Biertel­jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. frei tn's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags: Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage ,, Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 8,30mt. pro Quartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Desterreich Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mt.pr.Monat. Eingetr. in der Post- Beitungs- Preisliste für 1894 unter Nr. 6919.

Vorwürts

11. Jahrg.

nfertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzetle oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Bersammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inferate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ift an Wochen­tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn­and Fefttagen bis 9 Uhr Vor­mittags geöffnet.

Fernsprecher: Amt 1, Nr. 1508. Telegramm- Adresse:

Sozialdemokrat Berlin ?

Berliner Volksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Sonnabend, den 15. Dezember 1894. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

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Arbeiter! Parteigenossen! Trinkt kein boykottirtes Bier!

An die Möglichkeit, die§§ 130 und 131 in der vor- In Bukunft soll die bloße Entschuldigung oder

Bur Umfurzvorlage. geschlagenen Form zur Annahme zu bringen, glaubt des- entschuldigende Erklärung eines Verbrechens oder Ver­

Wie es nicht anders erwartet werden konnte, nahmen halb heute schon kein Mensch mehr, selbst nicht in den gehens bereits ein mit Gefängniß bis drei resp. einem in den dreitägigen Etatsdebatten neben den Steuerfragen Kreisen, wo man sich für Knebelgesetze gegen die Arbeiter- Jahre oder Geldstrafe bis zu 600 M. zu ahnendes Ver­die Ausführungen über die Umfturzvorlage den breitesten schaft begeistert und der Meinung ist, daß man noch ganz brechen sein. Blag ein. anders" vorgehen müßte, als es in der jetzigen Vorlage ges Wer also in Zukunft für eine unglückliche Mutter, Zwar hatte der Herr Präsident zu Beginn der Etats- schehen ift. die, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen, zur Diebin debatten den Wunsch ausgedrüdt, die Redner möchten das, Besteht aber feine Aussicht, den Haß- und Ver- geworden ist, ein paar entschuldigende Worte spricht, oder Das fie in bezug auf den Umsturz auf dem Herzen haben, achtungs- Paragraphen wieder aufleben zu lassen, so wer dasselbe thut für die armen Bergarbeiter der Antonien­fich aufbewahren, bis dieser auf der Tagesordnung stehe, werden wir doch von allen Seiten mit der Versicherung hütte, welche infolge übereifriger polizeilicher Maßnahmen aber diese Mahnung fand nur in sehr eingeschränktem Maße heimgesucht, daß man dem sonst in der Vorlage enthaltenen in einen Landfriedensbruch Prozeß hinein geriethen und Beachtung. gesunden Kern" volle Beachtung schenken werde. Es ver- schwer verurtheilt wurden, der hat Aussicht, auf Monate, lohnt sich deshalb, daß wir uns diesen Kern einmal etwas hinter schwedische Gardinen gesteckt zu werden. näher ansehen. Bekanntlich handelt es sich da um Bestim­mungen, welche der anarchistischen Propaganda entgegen­wirken und weiter verhindern sollen, daß die Umsturz­bestrebungen in die Armee hineingetragen werden.

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Faft alle Redner nun, welche der Umsturzvorlage Erwähnung thaten abgesehen natürlich von dem Redner unserer Partei- glaubten ihre Verbeugung vor diesem neuesten Machwerk deutscher Gesetzgebungskunst in sofern machen zu müssen, als sie betonten, daß in der Vor­lage, neben manchem Unannehmbaren, doch auch Vorschläge Nach den Motiven der Vorlage sollen Vorgänge aus stecken, welche der Beachtung und eventuellen Aufnahme in neuester Zeit die Ueberzeugung aufdrängen, daß Abwehr­unsere Strafgesetsammlung würdig erscheinen. Es fielen maßregeln gegen die anarchistische Propaganda nicht länger folche Aeußerungen besonders auch von den Rednern der mehr hinausgeschoben werden können. Als Beweis dafür ' beiden Volksparteien. Wir wollen nun zur Ehre wird auf die Gründung einiger anarchistischer Vereine, auf diefer Redner annehmen, daß sie ihre Aeußerungen das Abhalten von Versammlungen dieser Leute und die 1 haten, ohne sich vorher mit dem Inhalte der Umsturz- Einwanderung von im Auslande ausgewiesenen Anarchisten Toorlage genauer bekannt zu machen, denn andernfalls wäre hingewiesen. Daß dem Verfasser der Motive bei der Auf­es unerfindlich, wie liberale Männer zu der Anerkennung zählung der anarchistischen Gefahren das Malheur paffirte, tommen tönnen, daß in der Umsturzvorlage irgend ein an den Vorwärts" mit dem Sozialist" zu verwechseln, sei nehmbarer Vorschlag enthalten sei. nur nebenbei als Beweis dafür erwähnt, in welch' gründ­licher" Weise die Vorarbeiten gepflogen worden sind.

In fast allen uns bisher zu Gesicht gekommenen Be­Sprechungen werden die Aenderungen der§§ 130 und 131 es Str.-G.-B. als der Kern der Vorlage bezeichnet und gegen die dort gematen Aenderungsvorschläge richtet sich hauptsächlich die Opposition.

Das Wort der Bibel, daß der Buchstabe tödtet, gilt für die Verfaffer der Vorlage nicht. Ausdrücklich wird in den Motiven zur Begründung des§ 111a angeführt, daß häufig die Gesezwidrigkeit der Handlung nicht in Abrede gestellt, diese aber vom Standpunkt einer angeblich ge rechteren Weltanschauung zu entschuldigen oder zu beschönigen versucht werde".

Das soll in Zukunft unter schwere Strafe gestellt werden. Wer also in Garibaldi's Bug der Tausend" nach Marsala, oder in Robert Blum's Reise nach Wien und seiner Theilnahme an der Vertheidigung dieser Stadt gegen die Schergen Windischgräß' eine lobenswerthe That sieht, oder wer Schiller's Worte aus Tell: ,, Wenn der Gedrückte nirgends mehr sein Recht kann finden 2c." deklamirt, ber hat Aussicht, auf Monate und Jahre lang ins Gefängniß zu spazieren.

Was weiter die in neuester Zeit angeblich brennend gewordenen Gefahren des Anarchismus betreffe, so hat der Verfasser der Motive sich nicht einmal die Mühe genommen, die diversen Denkschriften zu den jeweiligen Das Verlangen, Inftitutionen wie z. B. die Monarchie, Belagerungszustands- Verlängerungen aus der Zeit des Religion, Eigenthum 2c. als sacrosanct und unangreifbar Sozialistengesetzes zu lesen. Hätte er dies gethan, dann zu erklären, erscheint selbst unseren lammfrommsten Philistern würde er gefunden haben, daß diese Gefahr vor 10 Jahren so ungeheuerlich, daß diese Vorschläge von vornherein auf und früher schon genau so lichterloh brannte, wie sie jeßt entschiedensten Widerspruch stießen. in den Motiven geschildert wird. Wenn Leute vom Schlage des dicken Milan von Welcher Art sind nun die Mittel, mit denen man durch Handlungen, welche einen Anfang Serbien oder des englischen Kronprinzen als Repräsentanten diesen Gefahren steuern will?

Einen ganz ungeheuerlichen Vorschlag bringt auch der Danach soll mit Zuchthaus bestraft neue§ 129 a. werden, wenn mehrere in der Absicht, auf den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staatsordnung hinzuwirken, bie Ausführung eines Verbrechens verabredet oder sich zur fort­gesetzten Begehung mehrerer, wenn auch im Einzelnen noch nicht be stimmter Verbrechen verbunden haben, auch ohne daß der Entschluß der Verübung des Verbrechens der Ausführung enthalten, bethätigt

der Monarchie gelten fönnen, wenn Fürften- Töchter um In betracht kommen hier besonders die neuen worden ist". eitlen irdischen Tandes, nämlich um Kronen willen, ge- SS 111a und 129 a der Vorlage und der neu ein­wohnheitsmäßig die Religion wechseln, und wenn man alle gefügte Absatz II des§ 126. Tage sieht, wie Lug und Trug, Spiel, Wucher und schama Was zunächst den neuen§ 111 a anbetrifft, so soll in Zukunft lose Ausbeutung die vornehmsten Quellen find, aus bestraft werden, wer öffentlich durch Schrift oder Wort Ver­denen das Eigenthum geschöpft wird, dann hält es brechen oder Vergehen, anpreist oder als erlaubt" hinstellt. Bis­eben doch schwer, diese Institutionen als an sich" heilig her war nach§ 111 des Str.-G.-B. nur strafbar, wer zu einer strafbaren Handlung aufforderte oder anstiftete. und unantastbar hinzustellen.

Feuilleton.

Im Exil.

[ Nachdruck verboten.]

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Roman von Georges Renard. Autorisirte Uebersetzung

von Marie Kunert .

In diesem Augenblic glitt der Schatten einer Frau dicht bei den beiden Liebenden vorüber, und während René fich tief verneigte, verschwand er wie eine Erscheinung in dem Nebel.

Und sie reichte ihr den Brief. Das junge Mädchen überflog ihn, und während sie las, überzog sich ihr Gesicht bis zum Halse mit Purpurröthe.

Nun? Sollte das wirklich wahr sein? Annette schwieg, dem Weinen nahe. Ihre Mutter be­gann von neuem:

Ich spreche it Dir, Fräulein Tochter! Erweise mir doch die Ehre ner Antwort. Ich hoffe, daß Du nicht Lügen wirft. Bei diesem Wort, das sie wie ein Peitschenhieb traf, erhob Annette entschlossen den Kopf Es ist wahr, sagte sie.

Du

Frau Roveray erstickte faft vor Born. Am nächsten Tage erhielt Frau Roveray einen Und das gestehst Du mir so ruhig? rief fie. anonymen Brief, in dem sie die Schrift einer ihrer Nach- sinkst nicht vor Scham in die Erde? Du fühlst nicht, daß barinnen zu erkennen glaubte, einer jener süßsäuerlichen ein solches Betragen skandalös ist? Frommen, vor denen Annette seit ihrer Kindheit einen Das junge Mädchen, das jetzt ganz blaß geworden wahren Schrecken empfand. Der Brief war folgendermaßen war, stand aufrecht da mit zusammengepreßten Lippen und abgefaßt: starren Augen. Ein freundlicher Vorwurf hätte vielleicht Eine mitfühlende und ergebene Freundin glaubt Frau bewirkt, daß sie verwirrt und weinend ihrer Mutter in die Aber sie erinnerte sich so vieler Roveray davon benachrichtigen zu müssen, daß ihre Tochter Arme gesunken wäre. Annette gestern Abend um 4 Uhr mit Herrn Messant, heftiger Auftritte, bei denen ihr ganzer Stolz mit Füßen der sich ihr die Hand zu küssen erlaubte, gesehen worden getreten worden war! Der alte Geist der Empörung er Es ist dies ein Beweis mehr dafür, daß man wachte in ihr. War sie denn ein Kind, daß sie so behandelt den Menschen, die keine Religion befizen, stets miß- wurde? Und ihr ganzes Wesen reckte fich in stummem trauen muß.

ift.

Frau Roveray las diesen sonderbaren Brief zweimal. War es denn möglich? Ihre Tochter! Ein Kind, das nach den besten Grundsägen erzogen war! Aber sie war so unbesonnen, und diese Franzosen waren so leichtfertig. Sie ließ Annette sofort rufen, und sobald sie in das Zimmer trat, sagte sie in dem Tone eines Untersuchungs­richters zu ihr: Lies dies hier.

Trozze empor.

Demüthige Dich doch wenigstens! rief Frau Roveray. Wenn man etwas Schlechtes gethan hat, senkt man doch die Stirn und bereut.

Was habe ich denn so Schlechtes begangen? brach es endlich aus Annette hervor. Ich habe Herrn Meffant zu­fällig getroffen. Ich habe ihm einige Worte der Theil­nahme gesagt, er hat mir die Hand getüßt. Das ist alles. Wirklich viel Lärm um nichts!

Wenn man weiß, daß das Reichsgericht bisher bereits die Verbreitung von Blättern, wie z. B. die Autonomie", als Hochverrathsverbrechen behandelt hat, so wird man bie des. vorstehenden Paragraphen bes Ungeheuerlichkeit Bisher mußte die Verbreitung folcher greifen. Druckschriften oder doch die bestimmte Absicht dazu Angeklagten nachgewiesen werden, Hm ihn dem

Um nichts! Um nichts! wiederholte Frau Roveray ironisch, außer sich über diese ruhige Kühnheit. So hast Du also alle Scham verloren! So nimmst Du die un­passenden Vertraulichkeiten dieses Herrn an?

Und warum nicht, wenn er mich liebt und ich ihn liebe!- Du wirst mir doch nicht sagen, daß Du diesen Ver bannten, einen Revolutionär, einen Gottlosen, einen Mädchen­verführer liebst?

Unter diesen Schmähungen, die ihren Freund trafen. flammte Annette auf, ihr Haar hatte sich in der Erregung etwas gelöst und umgab ihr Haupt wie eine Löwenmähne. So stand sie und schleuderte ihrer Mutter heftig die Ant­mort entgegen, die sie rächen sollte:

Ja, gewiß, ich liebe ihn, und ich habe ihn immer ge­liebt und werde ihn immer lieben, weil er unglücklich, weil er edel, weil er nicht bigott ift.

Frau Roveray war außer sich. Sie that einige heftige Schritte im Zimmer und stieß dabei dumpfe Laute des Bornes aus. Dann wandte sie sich wieder ihrer Tochter zu, die sie hoch aufgerichtet, in trogiger Haltung erwartete. Sie versuchte Annette mit einem Blicke niederzuschmettern und sagte mit vor Zorn bebender Stimme:

Es ist genug. Geh' auf Dein Zimmer und entferne Dich nicht von dort. Ich werde sehen, was zu thun ist, um einer derartigen Aufführung Deinerseits für künftig vorzubeugen. Inzwischen wirst Du überwacht werden, da Du wie ein ungezogenes Kind überwacht werden mußt.

An jenem Abend ging René vergeblich unter der Terrasse entlang, von der ihm so oft Hoffnung und Trost ins Herz gefallen waren. Er sah niemand und ging nach denklich, ja ein wenig unruhig nach Hanse, ohne daran zu zweifeln, daß Annette und er an einer entscheidenden Krise ihres Lebens angelangt waren.