Nr. 117 41. Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Wiederaufleben der Schundliteratur.
Es ist eine allbekannte Tatsache, daß Riefenfräfte tagtäglich am Berle sind, die Boitsfeele zu vergiften. Die geistigen Kräfte der Menschheit gehen in ihrer Gesamtheit trotz gewaltiger technischer und wissenschaftlicher Fortschritte einem rapiden Niedergang entgegen. Besonders werden hiervon selbstverständlich die besiklofen Schichten erfaßt. Ein nicht unbedeutsamer Faftor im Strome der in dieser Richtung wirksamen Mächte ist die Verbreitung der Schundliteratur.
Die Form der Verbreitung.
Wenn man heute durch die Stadtbezirke Berlins wandert, wird man in überaus vielen Straßen die Schaufensterauslagen der fleinen Buch. und Echreibmaterialienhandlungen mit den befannten bunten Heftreihen angefüllt finden. Die westlichen Verwaltungsbezirke stehen dabei allerdings bedeutend besser da, während eine Schund literaturfontrole in den Arbeiterbezirken, abgesehen von der sozialen Notlage, auch in dieser Hinsiat ungeheure Mißstände zutage fördern würde. Allein im Beziri Friedrichshain dürfte eine genque Umfrage die Feststellung ergeben, daß in diesem Bezirk nicht weniger als 100 Läden vorhanden sind, in denen neben anderen Berfaufigegenständen Schundliteratur feilgeboten wird. In den Bezir fen Mitte, Prenzlauer Berg , Wedding und Kreuzberg wird es nicht viel besser aussehen. Einige der schlimmsten Heftreiben feien hier festgehalten. Da ist einmal Fred Caterpink", der Mann. der im Interesse der Armen die Reichen wie die Polizei gleichermaßen oft prellt; dann Phil Morgan", der Mann, der einen Apparat, für Luft- und Unterseefahrten zugleich geeignet, gebaut hat;" ür gen Peters", der Schiffsjunge, der mit 15 Jahren außerordentliche Heldentaten vollbringt; Bercy Stuart, der Freund und Beauftragte des Erzentricclub; Ralf Clifford, der unsichtbare Mensch; Brinzessin lle bermut, die gleichfalls im Interesse der Armen und Unterdrückten allerhand Streiche vollführt; Bill Cnog", der Gummimensch, dem keine Kugel und teine Waffe etwas anhaben fann; Frant Allan, der Rächer der Enterbten; ferner noch Bildteter", Winoga". Felsenherz" und andere Ge stalten aus dem Wilden Westen Es ist selbstverständlich, daß die neuesten Kinohelden Harry Piel , Nobody, Lee Barry, Harry Hill, Eddy Bolo u a. nicht fehlen. Mehr denn 100 verschiedene folcher Heftreihen sind im Laufe der Jahre auf den Markt geworfen zumeist find es teine Schreibmaterialien handfungen, die den Vertrieb dieses Seelengiftes übernommen haben. Andererseits existieren auch Leihbibliotheten", deren Einnahme in der Hauptsache auf dem Bertrieb wie auf der Berleihung von Schundliteratur bafiert. Neben neuen Schriften( 10- und 15- ẞf Heften) wird die Verleihung in großem Maßstabe betrieben. Der Modus ist dabei der, daß in der Regel ein Pfand von 8-10 pf. und eine Leihgebühr von 2-5 Pi. erhoben wird. Man fann jedoch auch gelesene hefte für einen dementsprechenden Preis taufen oder gar eintauschen. Gegen Rüdgabe von zwei Heften darf man
worden.
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fich nach Belieben eins aussuchen. Einige Inhaber solcher" Leih. bibliotheken" find auf den Gedanken gekommen, 10 und mehr Hefte zufammen einbinden zu lassen und sie darauf der Berleihung zu überliefern. Hier findet man dann die verschiedensten Preise. Aeltere Heftreihen aus der Borkriegszeit sind beliebt und erhalten in der Preisgestaltung den Vorzug, da sie wertvoller" sind. Einem Pend von 2-3 m. oder guter Wertgegenstände steht hier eine Leihgebühr von durchweg 20-30 Bf. gegenüber. Für die neueren Heftreihen werden 1-2 m. Pfand und 10-30 Pf. Leihgebühr genommen. Selbstverständlich stehen auch noch andere Bücher der Berleihung an. heim, doch ihr Inhalt gibt oft dem der Schundserien nichts nach. Aufnahme in der Jugend.
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Es ist im allgemeinen befannt, wie unter der Schuljugend zu meist natürlich unter den Jungen mit den Schundheften getauscht und geschachert wird. Doch mit dem Tausch im engen Freundeskreis allein hat es heute nicht mehr fein Bewenden. Wer z. B. in der Schummerstunde noch einen schnellen Einkauf erledigen möchte und dabei in die Nähe einer Schundliteratur- Leihbibliothek gerät, der wird oft ein sonderbares Echauspiel beobachten fönnen. Sobald sich ein Fußgänger dem Laden nähert, umringt ihn die Schar der Jungen, ihre gelesenen Hefte zum Kauf anbietend; man fann sich ihrer taum erwehren. Die Konkurrenz unter ihnen ist nicht immer
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Da riß ihr Blic, in dem nicht Zorn und nicht einmal mehr Berachtung war, alle Masken und jede Selbstbelügung weg und traf ihn so, daß er plötzlich vor der Tatsache stand. Seine Stimme war rauh: Entscheide du!"„ Laß mich leben oder knalle mich nieder; aber entscheide du!" schrie, völlig preisgegeben, fein Wesen. Die Augen glozten.
Gie Ichwieg, bewegte den Kopf nicht. Nichts rührte sich
an ihr und in ihr. Ihr Blid blieb blicklos.
Und Jürgen wußte, daß auf der Welt nur er allein ent scheiden konnte, gestand zum erstenmal sich ein, daß er sich schon entschieden hatte." Beh, Ratharina, geh, geh du nach Hause jetzt, Katharina." Seine Stimme ertrant in innerlichem Weinen. Schlafe gut."
" Schlafe du auch gut." Das war der Abschied.
Ihr Leben öffnete sich bis in die frühen Kindheitstage. Sie fah die lange Kette des Leides und der Hingabe. Sab, was ihr noch verstattet und beschieden sein konnte. Sie nahm ihr Leben an die Brust.
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sanfter Natur, und so ist man froh, nach einigen energischen Entgegnungen von der Schar befreit zu sein. Hier spielt sich das Gegen stück zum Ladenhandel ab. Angeregt durch die Form des ganzen Schundschriftenhandels, machen hier die Jungen felbst ihren Laden auf". Nachmittags wie abends findet man manchmal Menschenfalle, die hier eine Schundliteraturbörse ganze Scharen folch junger Menschenfinder vor dieser geistigen aufgemacht haben, und das Geschäft geht oft zweifellos gut. Bis weit in die Kreise der Erwachsenen hinein wird in wie vor den Läden diese geistige Roft der unteren Hunderttausend erhandelt. Will man die Ursachen ergründen, so darf man zweifellos nicht achtlos an der wirtschaftlichen Notlage der Gesellschaft vor. übergehen.
Gefahren.
Sonntag, 9. März 1924
Biel ist auf diesem Gebiete noch zu schaffen. Die zu überwindenden Widerstände find start und danken uns oft unütermindlich. Sind jedoch die Möglichkeiten geschaffen, die Wurzeln des fo= zialen Elends auszurotien, so wird man im Kampf mit den gesellschaftlichen Mächten der Bergangenheit Hand in Hand mit jener Arbeit auch die 3ersetzungserfchemungen einer überlebten Kultur, die Mißbildungen einer verkehrten Weltordnung das jetzt noch fo glühende Lebenslicht ausblasen önnen.
Um den Stadtmedizinalrat.
Der Beamtenabbau treibt sonderbare Blüten. Eine der un erfreulichsten fündigen bürgerliche Blätter in Verbindung mit Beränderungen im Magiftrat Groß- Berlins an: drei besalbete Stadträte, nämlich die Leiter des Gesundheitswesens, der Bauverwaltung und des Wohlfahrtsambes sollen dem Abbau verfallen. Sogar ein dahingehender Magiftratsbeschluß liegt dem Vernehmen nach bcreits vor. Die Entscheidung ruht jedoch natürlich bei den Stadtverordneten, die damit vor eine schwere Verantwortung ge stellt werden. Namentlich gilt das von dem geplanten Abbau des Stadtmedizinalrates Rabnow, die zu einer grundsäglichen Be trachtung vom Standpunkte der Entwicklung der städtischen Gefundheitspflege nicht nur Berlins , sondern der Großstädte überhaupt geradezu herausfordert.
Wir sahen bereits oben, wie der Vertrieb der Schundliteratur im allgemeinen vor sich geht. Der Besuch dieser Leihbibliotheken 3. B. in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs in der Gollnow . und Litauer Straße oder gar in der Meme. ler, Ede Rönigsberger Straße ist mit außerordentlich unangenehmen Beobachtungen verbunden. Die Bücher befinden sich meist in einem Zustand, zerrissen, befchmutzt, der jeder Beschreibung spottet. Ein einigermaßen an Reinlichkeit gewöhnter Mensch wagt lebigen und achtlosen Jugend jedoch gibt das wenig zu denken. Sie es nicht, viele dieser Schwarten auch nur zu berühren. Der schnell. Wie in den Zeitungen zu lesen ist, hat der Stadtbaurat Hoff fucht nur material fur ibre Phantasie und übersieht sammlung abzuwarten, feinen freiwilligen Rücktritt erklärt. Man mann bereits, ohne erst den Beschluß der Stadtverordnetenver leicht nicht allzu offensichtliche Gefahren. Ihr erwächst daraus auch begreift, daß seinfühlige Naturen einen solchen Abgang dem auflein Borwurf. Die Berantwortung gebührt den erwachsenen Gene- genötigten vorziehen. Mer den Stadtmedizinalrat Genoffen rationen, die ihre Jugend solchen Bazillenherden aller erdenklichen Rab now bennt, weiß, daß er gern diesem Beispiel folgen würde. Krankheiten ausliefern. Nun noch einige Borte über die geisti und es lediglich seinem Pflichtgefühl zu danken ist, wenn er auf die gen und feelischen Wirkungen des Schundlefens. Bitten aller, die es mit der Weiterentwicklung der verheißungsvoll der geistigen und feguellen Feisezeit des jugendlichen Menschen zu wesens gut meinen, aushält und die Entscheidung der Stadtverord Es iſt d'emlich klar, daß die Zeit des Lefens solcher Literatur mit begonnenen Organisation des Berliner städtischen Gefundheits strömen in dieser Zeit zu einem gewaltigen Strome lebendigen in den Ruhestand treten? Ueber feine physische Rüftigkeit besteht sammenfallen. Alle in diesen Funktionen wirksamen Lebensfäfte neben abwartet. Warum soll eigentlich der jezige Stadtmedizinalrat Wollens zufammen. Diesem Bollen Geleit und Zielrichtung zu an teiner Stelle ein Zweifel. Eine ernsthafte persönliche Gegnergeben, wäre Aufgabe der Erwachsenen, des zur Erziehung Befchaft ist taum bei irgendeiner Gruppe der Stadtverordneten oder teuerbrang Aufgaben zu stellen, deren Lösung der Borwärtsentwid Tiefe Annahme ist lächerlich, denn das Rubegeld beträgt 80 Bro3. rufenen. Statt nun hier dem jugendlichen Betätigungs- und Aben der Magistratsmitglieder vorhanden. Aus Sparsamteit? lung des jungen Menschen findes in seelischer Beziehung dienlich des Gehaltes und die Arbeit, die der unermüdliche bisher getan, wäre, läßt man sich heute leiten von den Grundfäßen einer schema muß doch von irgend jemand geleistet werden, der mehr kostet, als lung der Jugend wird fein erstrebenswertes Ziel geftedt, der Abentisch inszenierten und aufgebauten Pädagogit. Der Eigenentwid- bie restierenden 20 Broz. ausmachen. Als Gründe können daher teuerlust werden nur die Schranken altväterlicher Gefeßlichteit ge- bemokratisches Magistratsmitglied los zu werden, und fobann nur zwei in Frage tommen: einmal das Bestreben, ein sozialöffnet. Die heutige Jugend in ihrer Frühreife verlangt mehr, er. wartet liebevolles Eingehen auf die jugendlichen Bedürfnisse geisti. die Ansicht, man brauche die Stelle eines Stadtmedizinalrates überhaupt nicht wieder zu befegen, sondern fönne fid) ger und seelischer Natur. Hier flafft eine Lüde mit einem farblosen Direktor des hauptstädtischen Gesundheitswefens begnügen. Gerade dieser zweite Grund, der in der Deffentlichkeit und in den Parteifreisen nicht genügend befannt ist, macht diese Art die Gefundheitspflege und ihre Organisation überhaupt. Seit den Abbau zu einer Angelegenheit von grundsätzlichster Wichtinkeit für achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts läßt sich der Kampf um den Stadtmedizinalrat an der Hand von Protokollen, Zeitungsaus schnitten und stenographischen Berichten aus der Stadtverordnetenversammlung verfolgen, und zugleich nachweisen, wie hartnädig gerade von den Sozialdemokraten zuerst unter 3. 3 a beitsamt und ein Stadtmedizinalrat als Leiter des genannten städdets, dann unter H. Wenis Führung ein besonderes Gesund tischen Gesundheitswesens gefordert war. Dieser Forderung ver fchloß sich der Freifinn, der damals das Rathaus regierte, lang Beit hindurch. Als man die Notwendigkeit einer persönlichen Spike nicht mehr leugnen fonnte, hieß es, daß ein Direktor genüge. Erst nach dem Amtsantritt des neuen Oberbürgermeisters Wermuth gelang es, die Wahl eines Stadtmedizinalrates mit Sig und Stimme im Magistrat durchzusehen. Bei dieser Wahl gab die sozialdemofratische Stadtverordnetenfraktion den Ausschlag und wurde damit zur Schöpferin des Gesundheitsamtes und des Stadtmedizinalrates. Die Kriegszeit, die bald darauf einsetzte, machte es dem neuen Stadtmedizinalrat Weber überaus schwer, sich durchzusehen. Der Schreiber dieser Zeilen, der damals im Gefundheitsamte arbeitete, fönnte aus eigener Anschauung manches davon erzählen, wie auf der einen Seite die alten freisinnigen Stadtväter beflissen waren, das neue Amt nicht zu
Was ist zu tun?
widlung zwedentsprechend entgegenzuwirken ist, denn die hier beiEs ergibt sich nun die bange Frage, wie dieser trüben Entspielmäßig aufgeführten Beobachtungen aus dem Berliner Often laffen fich zweifellos aus anderen Stadtbezirken oder gar anderen Großstädten beliebig vermehren und ergänzen. Bisher bestand feinerlei gefeßliche Grundlage, irgendwie wirksam hiergegen ein zuschreiten. Im Gegenteil wer sich den Kampf gegen Schmutz und Aber mit einer eventuell zu schaffenden gesetzlichen Grundlage für Schund mit zur Lebensaufgabe gestellt hat, verfolgt und verurteilt. die Bekämpfung der Schundliteratur allein ist es ja nicht getan. Endgültig Abhilfe zu schaffen, ist Aufgabe jener Organe und Körperfchaften, die sich die Erziehung der Jugend zu gefunden, geiffige wie materielle Werte schaffenden Menschen zum Ziele gesetzt haben sowie der Menschen, die die Fähigkeit erwarben, im Laufe des Lebenstampfes mit Berständnis und Narer Erkenntnis des Not wendigen auf die gesamten Bedürfnisse des jungen Menschenfindes cinzugehen. Auch die Kommune wird nicht umhin tönnen, durch Schaffung von Heimen und Lefehallen durch Jugendliteratur ausstellungen und Einleitung von Jugendwanderungen und anderem mehr neue Wege zu meifen. Nur durch die Beschäftigung der Jugend mit nüßlichen Arbeiten nach freier Wahl, durch die Ber. mittlung und Erläuterung guter Literotur, durch die Bedung des geistigen Lebens und die hebung freudvollen Erlebens in der weiten Natur wird sie sich mit Etel abwenden von jenem Schmutz.
im besten Sanatorium," stand auf unsichtbaren Tafeln. In der Billa wurde nur noch geflüstert. Wenn die Tante einen Auftrag zu erteilen hatte, schlich sie, balancierend, auf Phinchens rund sich öffnenden Mund zu. Jürgen war unum schränkter Herr und zugleich das Kind im Hause, wohlbehütet Tag und Nacht.
Im Garten schaffte der Frühling. Wenn Jürgen auf dem Sonnenbalton im Liegestuhl ruhte, an warmen Tagen stun denlang wachträumend vor sich hindöste, sah er, wie das Sein, das Leben, die Sträucher in sich leise zudten, wie ein Blättchen fich aufrollte, der Sonne entgegen.
Halb fühlte und halb dachte er: Mein Leben steigt noch
einmal von Grund auf an. Eine zweite Kindheit! Mein
Leben rollt sich auf, so sanft, fo mild.
Im Halbschlafe ging er über Brüden, immer wieder von neuem und immer weiter über Brücken. In dieser Gegend gibts nur Brücken. Nichts als Brüden!"
Keine Schärfe war in dem Geschwächten. Kein Wunsch berührte ihn. Alle Kämpfe, alle Leiden lagen weit zurüd. Katharina lebte ganz verblaßt in blauer Ferne.
Seine weichen, beglückenden Seelenstimmungen, die Wohlgefühle der Gefundung und seine unbestrittene Macht über die Tante, die den Zurückgekehrten wie einen tau'end Gefahren entronnenen, schwerverwundeten Krieger betreute, erhielten ihren Grundgehalt von dem Gefühle:„ Ich habe diese Ruhe mir verdient!" Alles fügte sich widerstandslos inein.
" Du auch, schlafe du auch gut," flüsterte Jürgen immerzu und mußte dem 3wange folgen, immer in die Mitte der Steinander. platten zutreten, mit denen der Gehweg belegt war. Um nicht auf eine Rike zu treten, mußte er drei ganz fleine Shritte machen. Schlafe du auch gut." Und einen Sprung. da eine große Blatte tam. Du auch gut."
leberquerte halb die Straße, lief zwischen den Schienen weiter. Die Straßenbahn fam auf ihn zugefauft. Entscheide dich! Entscheide dich!" schrie er, gepackt von dem 3wange, die Schienen erst verlassen zu dürfen, nachdem er bis zehn gezählt hatte. zwei. fünf... acht, neun zehn
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" Noch bis fünfzehn!" schrie er. Bählte:... zwölf, drei zehn, vierzehn Und erwachte zwei Tage später im Schlafzimmer der Tante, Kopf und Beine in diden Verbänden. Elisabeth faß bei ihm.
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Duftlofe Blumen standen im Krankenzimmer. Bhinchen trug ihr Glück auf den Behenspißen, auch wenn fie im Reller oder im Dachboden war. Die Pflege muß besser sein, ais
Ich verabschiede mich von Katharina," konnte Jürgen ohne Erinnerungsschwierigkeit erzählen, als er frei von den Berbänden, heiler Haut und Elisabeth am Arme, dem weiß gedeckten Kaffeetisch unter dem Nußbaum zufchritt,„ verab ichiede mich wie immer: Gute Nacht, Katharina, schlafen Sie gut. Wie man eben so fagt, nicht wahr. Schlafen Sie auch gut, antwortet sie mir. Und ich gehe die Straße hinunter, be ichäftigt mit einem Gedanken, allerdings mit einem jener entfcheidenden Gedanken- ich nenne fie Mittelpunktgedanken, die uns das ganze Leben plötzlich von einer völlig neuen Seite sehen und verstehen lassen."
Auch an dem Unglücks all ist dieses entfehliche Mädchen mit ihren verrückten Ideen schuld, hatte die Tante, als Jür gen ins Haus gebracht worden war, zu Phinchen gesagt. Jetzt ließen Angst und Scheu vor dem Zurückgekehrten nicht einmal die Erinnerung daran, daß sie dies gefagt hatte, in ihr aufkommen.
Bereit, den Sah nicht zu Ende zu sprechen, sagte sie vor.
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sichtig:„ So tiefsinnige Gespräche sind vielleicht nichts für einen Refonvaleszenten."
„ Die Tante hat ein Kind bekommen. Das päppelt sie," pottete Jürgen, der in Gegenwart Elisabeths nicht als Kind behandelt und nicht bemitleidet sein wollte.
" Du hast viel gelitten, Jürgen."
Sein Blid, in dem Zorn sich schon ankündigte, ließ die Tante sofort verstummen. Sie hätelte schweigend weiter an dem Sesselschoner und häkelte meiter an ihrem Plane. Ihr Bantier hatte sie lachend beruhigt über den Stand des Bankhauses Wagner; dieses Gerücht sei nur ein Börsenmanöver der Konkurrenz gewesen
Banfiers noch Häusermafler gewesen, dachte die Tante.„ Dic Zwar ist die Familie Wagner sehr jung, der Vater des Geschichte der Familie Kolbenreiher dagegen kann bis in die Anfänge des fünfzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Aber mit der Zeit werden auch junge Familien alt." Dabei herchte sie auf die Stimme Jürgens, der selbst das Gefühl hatte, selten so mühelos geistvoll gesprochen zu haben.
Von den Zehenspitzen bis zur Schädeldecke voller Ruhe, blickte sie Jürgen und Elisabeth nach, der fein Mensch ansehen fonnte, daß noch ihr Großvater ein fleiner, schmieriger Häusermafler gewesen war.
Und jetzt zeigen Sie mir Ihr Knabenzimmer." „ Das liegt aber sehr versteckt, oben, unter dem Dach. Dort vermutet uns niemand.
Sie gab ihm seinen Erobererblick zurüd.
" Ich selbst habe es seit vier Jahren nicht mehr betreten," fagte Jürgen und betrachtete die ovalen Photographien der Familie Kolbenreiher, die, zu einem großen Oval geordnet, über dem ichmalen Ranapee hingen.
Bom Fenster aus sahen sie den Nußbaum und den Kaffeetisch, wo die Tante, ein winziger, schwarzer Punkt, häkelnd faß.
Wortlos blidte er Elisabeth an, schritt zur Tür, schloß ab. Sie trug ein blaßblaues Seidenkleid, stand mit dem Rüden gegen das Fenster, die Hände auf das Sims gestützt. Der Herzschlag ticte unter der zarten, weißen Haut am Halse. Ihr Haar war blond, heller an den Stellen, die Luft und Sonne ausgefeßt blieben, und in den Tiefen gelblichgrün, gleich unreifem Getreide.
Einen kaum bemerkbaren rofa Schimmer im ganzen Ge= sicht und den bleibend flaren Blick fest auf Jürgen gerichtet, fagte sie, selbstbewußt die Schulter leise zuckend, ihm wortlos, daß es nur geschah, weil auch sie es wolle.
( Fortlegung folgt.)