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Albendausgabe

Rr. 42

B21

45. Jahrgang

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Der Bormärts mit bet flluftrier ten Sonntagsbeilage Bolt und Zeit fomie den Beilagen Unterhaltung und Biffen. Aus der Filmmelt", .Stadtbeilage.Frauenstimme, Der Kinderfreund Jugend- Bor marts". Blid in die Bücherwelt", Kulturarbeit und Technit

crscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal

Vorwärts

Beelinee Bolksblatt

Mittwoch

25. Januar 1928

Die

mart

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Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297. Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin

Vorwärts- Verlag G. m. b. H.

Fabrikeinsturz in Kaffel.

4 Verletzte, 1 Toter, fahrlässige Bauausführung.

Raffel, 25. Januar. ( Eigenbericht.)

Auf dem Neubau der Kaffeler Blaudrudfabrik, die zu dem bekannten& arstadtkonzern gehört, ereignete sich heute vormittag um 10% Uhr eine schwere Einsturz katastrophe. Ein Teil des Gebäudes, der von sechs Betonjäulen gestützt wurde, brach zusammen.

Der Aufmerksamkeit des Poliers der Firma, die die Maurer­arbeiten ausführt, ist es zu danken, daß größere Opfer an Menschen­leben glücklicherweise vermieden wurden. Der Polier hatte an einer Säule die plöhliche Bildung auffälliger Risse be­merkt. Er schlug sofort Alarm und erreichte, daß der größte Teil der nuf der Bauffelle Beschäftigten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen fonnte. Ehe noch die Leiten das gefährdete Gebäude ver­laffen hatten, stürzte das Haus unter donnerartigem Getöse zusammen. Sofort eilten alle verfügbaren Sanitäts reifungswagen und die Kaffeler Feuerwehr zur Unglüdsstelle. 3hren gemeinsamen Bemühungen gelang es, zunächst drei Berlebte, von denen einer schwere Berletzungen erlitten hatfe, zu bergen. Der Montageleiter einer auswärtigen Firma für Heizungsanlagen wird noch vermißf. Man glaubt, daß er unter den Trümmern liegt und rechnet mit seinem Tode.

Ueber die Urjache der Katastrophe sind nähere Einzelheiten noch nicht bekanntgeworden. Doch geht in Kassel seit längerem das Gerücht um, daß die Bauarbeiten mit einer unerhörten ad­läffigfeit ausgeführt worden sind. Als Bindemittel für die Siegelbouten wurde fein ordnungsmäßiger Mörtel, sondern ein Ge­misch, das zum größten Teil aus Lehm besteht, verwandt. Die Auf­

räumungsarbeiten werden noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Bis zur Stunde find Feuerwehrleute, Sanitäter und Arbeiter emfig bemüht, Ordnung auf der Trümmerstätte zu schaffen und vor allem versuchen sie, die Leiche des vermißten Montageleiters zu finden.

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Häusereinstürze in mehreren Stadtteilen Berlins , auch in Frankfurt am Main und Nürnberg , jetzt auch der Einsturz des Fabrifneubaues in Raffel das ist eine Häufung von Ereignissen gleicher Art, die alarmierend wirkt. Daß die alten Häuser Don privaten Bauherren gebaut wurden, daß auch der Kaffeler Bau bei einer privaten Baufirma zur Ausführung gelangte, ist bei der heutigen Berfassung des Baumarktes selbstverständlich, wenn es auch auf die fachliche Lüchtigkeit dieser Kreise ein eigenartiges Licht wirft. Aber man nuß sich doch fragen: haben die Behörden, die mit der Verhinderung notwendiger Neubauten gewöhnlich sehr rasch bei der Hand find, aud) mirflich alles getan, um derartige Unglüdsfälle zu verhindern?

Man muß das bezweifeln. Aber wohin soll es führen, wenn das Wohnen in einem älteren Haus und der Bau einer neuen Fabrik in gleichem Maße gefährlich find? Ist der Behördenapparat, ist vor allem die Boupolizei der größeren Städte Leistungs­fähig genug, um überall nach dem Rechten zu sehen? Alle diese Fragen find Angelegenheit der öffentlichen Ber­maltung und der zuständigen Staats- und Gemeindebehörden. Es tut dringend Not, daß diese zusammen an der Ueberwindung der schweren Mißstände arbeiten, die in den letzten Wochen und jest erft wieder in Raffel zutage getreten sind.

Die Agrarier drohen mit Revolution

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Der verzögerte Proteft.

Die Kleine Entente unter Drud.

Die Aufdedung illegaler Waffentransporte von Italien nach Ungarn durch die österreichischen Zoll­beamten der Station St. Gotthard hat besonders in Prag und in Belgrad beträchtliche Aufregung erzeugt. Auch in Bukarest war man über diese geheime und vertrags­vidrige Aufrüstung Ungarns durch Italien empört. Es be­stand nun zwischen den drei Mächten der Kleinen Entente die Absicht, beim Völkerbundssekretariat zu intervenieren, damit der Rat auf seiner kommenden Tagung im März eine offi­zielle Untersuchung dieser Angelegenheit beschließe.

Die Bertreter der Tschechoslowakei und Südflawiens in Genf sind bereits seit mehreren Tagen im Besiz von gleich­lautenden Noten ihrer Regierungen, durch die ein Eingreifen des Rates veranlagt werden soll. Diese Noten fonnten jedoch bisher nicht überreicht werden, weil der Vertreter Rumäniens noch feine In struktion von seiner Regierung erhalten hat und weil in allen wichtigen politischen Dingen die drei Mächte der Kleinen Entente gemeinsam vorzugehen pflegen.

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Der Grund dieser Berzögerung ist nicht schwer zu er­raten: Die Angelegenheit von St. Gotthard ist nämlich min­destens ebenso fompromittierend für Italien , das die Waffen erzeugt und geliefert hat, wie für Ungarn , das die Waffen erhalten sollte. Die Regierung Muffolinis versucht nun mit allen Mitteln, den peinlichen Borstoß der Kleinen. Entente zu durchkreuzen. Sie fann sich dabei schwerlich an die Belgrader Regierung wenden, mit der sie sowieso auf ge­spanntem Fuße steht. Eine Einwirtung auf Prag kommt ebenfalls faum in Frage; denn, einerseits waren in dem vorliegenden Falle die italienischen Maschinengewehre offen­fundig dazu bestimmt, die ungarische Irredenta an der flo­wakischen Grenze zu bewaffnen, und außerdem sind die Be­ziehungen zwischen Rom und Brag infolge der demonstrativen Freundschaft zwischen Italien und Ungarn seit langem getrübt.

Eine Milliarde für die Landwirtschaft?- Bauernbündler fordert im Reichstag Muffolinis und Horthys zur Schau getragen wird, doch bleibt

zur Zerstörung von Finanzämtern auf.

lichkeit zugute kommen.

In der vorletzten Sigung des Ausschusses für den Reichshaus:| daß den Großgrundbesizern hohe Bodenpreise gezahlt werden. Eine halt hatte, bei der Beratung des Haushalts des Reichsministeriums eventuelle Wertsteigerung des Grund und Bodens müsse tet Deffent für Ernährung und Landwirtschaft der Minister Schiele die Er. flärung abgegeben, daß die Reichsregierung bereit sei, die Erlan gung und Ausgabe von Leihgeldern durch öffentliche Stellen zur 11 mfchuldung der Landwirtschaft zu unterstüßen. Bis diese Gelder flüssig gemacht werden könnten, werde die Reichsregie­rung im Rahmen des Möglichen Vorschüsse gewähren. Des weiteren wolle die Reichsregierung den Landwirten durch Er mäßigung und Stundung von Steuern helfen.

Um diese den Landwirten so überaus entgegenkommende Er­flärung drehte fich die allgemeine Aussprache in der Dienstags­fizung des Haushaltsausschusses, und die Vertreter der Landwirt­schaft zögerten nicht, nach dem Grundsatze zu handeln, daß man das Eisen schmieden müsse, so lange es warm fei.

Der Abgeordnete Kling( Bauernbund) stellte große Straßendemonstrationen in Aussicht, bei denen es auch zur Zerstörung von Finanzämtern kommen könne.

Der deutschnationale Abgeordnete Jandren redete andauernd von dem Pulverfaß, das bald zur Explosion kommen werde, und erwiderte auf einen Zwischenruf Ra, na!" die Sozialdemo fraten follten nur nicht glauben, daß sie die Re­volution in Erbpacht genommen hätten."

Diesen Ausführungen traten Genosse Dr. Hilferding und der 3en­trumsabgeordnete Erfing aufs schärffte entgegen. Erfing schloß seine Rede mit den Worten: Benn Sie zu Straßendemonstrationen und ähnlichem auffordern, fo erkläre ich Ihnen: diefen Weg werden wir nicht mit Ihnen gehen."

Zu Beginn der Sizung erörterte Genosse Schmidt- Berlin die Frage, wie den kleinen landwirtschaftlichen Betrieben, die haupt­sächlich Biehaufzucht treiben, geholfen werden solle, und erklärte, daß das beste Mittel dazu die Aufhebung der Futtermittelzölle fei. In Dänemark , wo ganz niedrige, aber für die Landwirtschaft doch noch auskömmliche Viehpreise herrschen, sei dies nur durch ganz niedrige Futtermittelpreise möglich. Im 3mischenhandel herrschten Mißstände, die die Erregung der städtischen Bevölkerung erflären. Den Borschlägen des Abg. Dietrich,

überschuldete Großbetriebe durch den Staat aufzukaufen, stehe die Sozialdemokratie grundfäßlich nicht ablehnend gegen über Die Boraussetzung dafür sei indessen, daß Hand in Hand mit dieser Maßnahme eine Bodenreform gehe, die es ausschließe,

Genosse Dr. Hilferding kontrastierte in seinen Ausführungen das Verhalten des volksparteilichen Abg. Hepp, des Führers des Reichslandbundes im Ausschuß mit der zügeltofen Agitation des Landbundes draußen im Lande. Hier habe Herr Hepp davor ge marnt, sich Erwartungen hinzugeben, die nady Lage der Dinge nicht zu erfüllen sind. Draußen werde vom Landbund wust a gi tiert. Die Diftate des Landbundes mochten auf die Sozialdemo­fratie aber feinen Eindrud. Was die Verschuldung betreffe, so leugnet die Sozialdemokratie nicht die schwierige Lage mancher Be­triebe. Sie wende sich aber gegen jede Beraügemeinerung. Die Sozialdemokratie sei bereit, an der Umschuldung mitzuarbeiten, aber die Kredite dürften nicht als Bejizkredite, sondern nur als Betriebs­kredite gegeben werden. Daraus folge, daß kontrolliert werden müsse, ob diese uredite in der Tat nur für produktive Zwecke Ber­wendung finden. Genosse Dr. Hilferding verlangt vom Minister genaue Details über diesen ganzen, noch immer nebelhaften Plan. Reichsregierung und Regierungsparteien lamentieren und tlagen den Reichstag an, daß er eine zu große Ausgabenwirtschaft treibe. Hier wolle man aber in die Landwirtschaft ohne jeden festen Plan Riefensummen hineinpuffen.

Man spreche von einer Milliarde Auslandsanleihen, und zwar als erste Nate!

Den Kommunen habe man alle Auslandsanleihen abgeriegelt, ob wohl Zinsen und Amortisation absolut sichergestellt waren. Den Berliner städtischen Werfen, die Milliardenwerte darstellen, habe Herr Schacht Auslandsanleihen verjagt. Bei den Landwirten sind Zinsen, und Amortisation nicht sichergestellt. Das Reich wird einen Teil der Zinsen durch einen Zinsenzuschuß jedenfalls übernehmen müffen. Es handelt sich also im Grunde um eine verschleierte An­leihe des Reiches. Er wünsche zu wissen, was der Reichsbankpräsident Schacht zu diesem Plane gesagt habe. Die Sozialdemokratie werde vor Klarstellung all dieser Berhältnisse ben Etat für Ernährung und Landwirtschaft nicht verabschieden.

Unmittelbar nach dem Genossen Dr. Hilferding erhob sich der Minister Schiele, um mit wenigen Worten zu erklären, der Reichs bankpräsident

Schacht sei mit den Plänen der Reichsregierung durchaus ein­verstanden.

Die Detailfragen des Abg. Hilferding, wie die Dinge sich im ein­zelnen abspielen merden, fönne er allerdings noch nicht beantworten, da die Beratungen noch nicht geschlossen feien. Es werde jedenfalls dazu kommen, daß die Provinzen in diesen Plan einbezogen werden.

Dagegen unterhält Italien verhältnismäßig gute Be­ziehungen zu seiner lateinischen Schwester" auf dem Balkan , Rumänien . Diese Freundschaft leidet zwar zeitweilig) ebenfalls unter der Intimität, die von den Regierungen immerhin Rumänien der Staat in der Kleinen Entente , dessen Verhältnis zu Italien relativ das beste ist. Deshalb versucht gegenwärtig die italienische Regierung Rumänien dafür zu gewinnen, daß es sich von der geplanten gemein­famen Attion in Genf wieder lo sf age. Der rumänische Außenminister Titulescu, der ursprünglich zu Erholungs-, zwecken an der italienischen Riviera meilte, wird von Mussolini umworben. Titulescu ist in Rom in Be­gleitung des bisherigen zweiten Vertreters Rumäniens im Bölterbundsrat Comnene( der demnächst den Berliner Ge sandtenposten antreten wird), eingetroffen. Einstweilen dürfte also der gemeinsame Schritt der Kleinen Entente in Genf unterbleiben. Außerdem find die Botschafter Italiens in London , in Paris und wohl auch in Berlin sehr rührig am Werke, um die einzelnen Großmächte für eine Ber­tuschung der St.- Gotthard- Angelegenheit zu gewinnen. Man hofft, daß ein allgemeiner Drud der Großmächte die Regierungen in Prag und Belgrad schließlich veranlassen wird, von ihrem Vorhaben in legter Stunde abzusehen. Im Laufe des vergangenen Jahres ist es der Regierung Mussolinis mehrmals gelungen, die Völkerbundsmächte von der Erörterung solcher Angelegenheiten in Genf abzuhalten, die Italien peinlich werden konnten. Man denke an Albanien . Mussolini scheute sich dabei nicht, mit der erpresserischen Drohung eines Austrittes Italiens aus dem Völkerbund an­deutungsweise zu operieren. Es ist daher leider fehr wohl möglich, daß es ihm auch diesmal gelingen wird, den Waffen­schmuggelskandal von St. Gotthard zu vertuschen. Die Prager und Belgrader Blätter äußern sich bereits sehr erbittert über diese Bestrebungen, deren Erfolg einen neuen Beweis für die Mangelhaftigkeit des Böllerbundes bedeuten würde. Die geftrige Debatte im Prager Abgeordnetenhaus und ins­besondere die Rede des stellvertretenden Ministerpräsidenten Schram ef hat bereits die tiefe Mißstimmung deutlich offen­bart, die die tschechoslowakische Regierung über den Zwang empfindet, der auf sie ausgeübt wird.

Was nun Deutschland betrifft, so möchten wir die Wilhelmstraße dringend davor warnen, sich dazu herzugeben, die italienisch- ungarischen Waffenschmuggelgeschäfte vertuschen zu lassen. Das Argument der Solidarität" zwischen dem entwaffneten Deutschland und dem entwaffneten Ungarn ist hier durchaus un angebracht. Es handelt sich in dieser Affäre um den flaren Beweis der friegerischen Minierarbeit des italienischen Faschismus im Herzen Europas . Die Ab rüftungsbestimmungen der verschiedenen Friedensverträge von 1919 find in ihrer Einseitigkeit zweifellos ungerecht. Ihre Revision auf legale Art ist unbedingt erforderlich, falls nicht in fürzester Zeit die in diesen Friedensverträgen feier­lich versprochene Angleichung durch allgemeine Abrüstung verwirklicht wird. Aber eine Ungleichung ,, unter der Hand" mithilfe gefälschter Fracht­