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Beilage Freitag, 11. Mai 1928.

Der Abend

Spalausgabe des Vorwärts

Wir werden die Sieger sein!

I.

Bismarck und der Fall Hödel.

Am 11. Mai 1878 fnallte ein junger Mann Unter den Linden dem kaiserlichen Wagen drei Schüsse entgegen. Im Fahrzeuge faßen auf dem Herrschaftssize Wilhelm I. und seine Tochter Luise, Großherzogin von Baden. Das ist alles, was man mit Sicherheit

über die Vorgänge sagen kann, die juristisch auf den Namen Mord versuch Hödels an S. M. den deutschen Kaiser" getauft und also historisch verbucht wurden. Die Menge drang auf den Schüßen ein, er selbst wandte sich zur Flucht, wurde gestellt, mißhandelt und der Polizei übergeben.

Wenige Stunden später verfündigte Wolfs Bureau, daß der Klempnergeselle Hödel aus Leipzig die täglichen Spazierfahrten des Kaisers benutzt habe, um ein Attentat auf ihn zu verüben. Der Verbrecher sei Sozialdemokrat und habe bereits ein volles Geständnis abgelegt. Er behaupte, manche Personen eingeweiht, aber keine Anstifter, Mittäter oder Gehilfen gehabt zu haben.

Ueber Hödel selbst hörte man nun längere Zeit wenig. Es wurde immer nur versichert, daß er Sozialdemokrat sei und aus republikanischer Gesinnung den Kaiser ermorden wollte.

Was der junge Mann als Knabe und Bursche durchgemacht hatte, blieb ein Geheimnis. Den Polizei- und Justizatten wurde es anvertraut. Die Behörden müssen gewußt haben, weshalb sie darüber so schweigsam waren.

Unter trostlosen Verhältnissen aufgewachsen.

Hödel wurde als uneheliches Kind 1857 geboren und ist unter troftlosen Verhältnissen aufgewachsen. Vom 11. Jahre an wurde er Gewohnheitsdieb, zwei Jahre später begann er ein Landstreicher leben. Er wurde eingeliefert und den inzwischen verheirateten Eltern zugeführt. Der Vater starb, die Mutter wußte mit dem wilden Jungen nichts anzufangen. Eine Jugendpflege, die diesen Namen verdient, gab es damals noch nicht. Der Knabe stahl aber­mials, wurde mehrfach angezeigt und in die Besserungsan stalt 3eig geschickt.

Die Besserungsanstalten faßten damals Erziehung ungefähr als identisch mit Strafe auf. Es wurde Unterricht in einigen Elementarfächern erteilt und die 3öglinge hatten, wenn sie vierzehn Jahre alt geworden waren, ein Handwerk zu erlernen. Unterweisen hieß hier Einbläuen und für alle winzigen Berstöße gegen die Lehr- und Hausordnung gab es Prügel, Prügel, Prügel.

Jm Juni 1871 fiel den Zöglingen ein Zeitungsblatt in die Hand, das den Abdrud des Braunschweiger Manifestes" enthielt. Sozialdemokratische Führer protestierten hierin gegen den militä­rischen Sicherungsfrieden mit Angliederung fremden Gebietes und sie bekannten sich begeistert zum Aufstand der Kommune in Paris . Die 3öglinge fannten die geschichtlichen Tatsachen faum und sie begriffen erst recht nicht die politischen Zusammenhänge. Sie glaubten aber doch Gleichheiten herauszuspüren: Berzweifelte er­wehrten sich ihrer Beiniger. Wenn sie das auch versuchen würden? Auf ihre Weise. Eine geglüdte Massenflucht und auch sie wären ihrer Peiniger entledigt.

Hödel war der erste, der diesen Wunsch in Borte faßte. Sein Bort schien alle zu lösen. Sie scharten sich um ihn, er wurde ihr Berater und Anführer. Der Fluchtplan follte nachts ausgeführt merden. Es fand sich ein Verräter und Hödel wurde als Anstifter der Verschwörung zur Rechenschaft gezogen. Der Anstaltsleiter hat den Vorfall der Polizei mitgeteilt, und wir erfahren auch, wie der vierzehnjährige Junge dafür bestraft wurde.

Sechs Tage Einzelhaft. Dreitägige Nahrungsentziehung bis auf Waffer und Brot, 25 Stochiebe an jedem Montag vier Wochen lang.

So wurde Hödel erzogen und der Anstaltsleiter attestierte ihm, daß er das Institut als Gebefferter verlasse. Eine Zeitlang arbeitete Hödel als Klempnerlehrling und Gefelle. Es war eine Schein besserung. Er begann wieder zu stehlen, und um nicht abermals in die Anstalt zu fommen, floh er ins Ausland. Ungarn wies ihn bald aus. In Wien verhielt er sich zunächst anständig, dann unter flug er Geldbeträge und machte sich schleunigst davon. Er fam nach Leipzig zurück und nährte sich redlich von seiner Arbeit. Als er unverschuldet seine Stellung verlor, half er sich durch Betteln fort. Er wollte redlich arbeiten.

Er war verzweifelt darüber, daß er redlich arbeiten wollte und doch nirgends Arbeitsunterkommen fand. Diese widerspruchsvolle Eachlage muß ihn ein wenig nachdenklich gestinumt haben. In einer derartigen Berfaffung geriet er unter die Politiker, bei denen er starke Oppositionsneigungen spürte und die ihm Abhilfeprogramme zu bieten schienen.

Nach bisher unveröffentlichten Akten des Justiz- und Polizeiministeriums dargestellt von Dr. Bruno Altmann. gar nicht tannte, daß mun bald der Name Hödel durch die Gassen stehen, behielt aber, mährend die anderen ganz bestürzt zusammen. aller Städte dröhnen werde. Stöcker, Bebel, Windthorst und selbst fuhren, völlig seine Ruhe. Dann stampfte er mit dem Fuß auf, Bismard würden gar nichts gegen ihn sein. schwang das Telegramm mit einer mächtig ausholenden Bewegung und sagte, ohne jemand damit ansprechen zu wollen:

Bismard nüßt das Attentat aus.

des Kaisers hinweg. Die Schüsse wurden behördlich als Attentats Beinahe hatte er recht. Die Kugeln pfiffen über dem Haupt

30216

Staatsanwalt Tessendorf

vor den Richtern gegen angeklagte Sozialdemokraten plädierend.

verfuch ausgegeben und obgleich Hödel bei seiner Berhaftung eine Mitgliedstarte der Chriftlich- Sozialen Bartei trug, hieß es polizei licherseits, ein Sozialdemokrat habe den Monarchen ermorden wollen. Der preußische Minister des Innern, Graf von Eulenburg, richtete in diesem Sinne ein Telegramm an Bismard nach Barzin. Ein Oberförster überbrachte es geöffnet dem Reichskanzler, als er im Garten mit seiner Frau und mit Freunden spazieren ging. Den Inhalt der Depesche rief der Oberförster stockend, stotternd und schließlich überſtürzt den Promenierenden zu. Fürft Bismard blieb

Jetzt wird es aber durchgebracht."

Niemand verstand die Worte. Endlich fragte die Fürstin: Was wird durchgebracht?"

"

,, Das Sozialistengesetz."

Kein Wort der Teilnahme für den angeblich lebensgefährdeten Monarchen, tein Wort der Besorgnis, feine Frage, ob dem alten Herrn nicht doch etwas geschehen sei.

Fünf Jahre zuvor war die deutsche Regierung mit dem Vor­schlag eines Ausnahmegefeßes an den Reichstag herangetreten, fie war aber fläglich abgewiesen worden. Jetzt war ein Fall" ge­schaffen worden, eine günstige Vorbedingung eingetreten. Die Stunde des Ausnahmegesezes gegen die Sozialisten schien dem Kanzler gekommen zu sein. Bismarck bediente sich nun des unendlich mertlosen Burschen Hödel, um dem weltgeschichtlich ausgereiften Konflikt zwischen fapitalistischer Feudalaristokratie und proletarischem Sozialismus gefeßliche Prägung zu geben. Eine Leg Hödel sollte die sozialistische Agitation in Presse, Versammlungen, Bereinen, Ge. werkschaften unterbinden und so die sozialistische Bewegung ab. würgen.

Die Hehe gegen die Sozialdemokratie.

Der Reichskanzler zeigte sich hierbei auf der Höhe seiner Kunst, die Dynamit günstiger Verhältnisse auszunuzen. In wenigen Tagen hatte er es soweit, daß die Gleichsehung Sozialdemokrat, Anarchist, Fürstenmörder, Gesellschaftsstürzer die populärste Selbstverständlich. feit in Deutschland war. Auf seinen Wink predigten es die Geist. lichen auf den Kanzeln, lehrten es die Professoren der Universität, brachten es Zeitungen und politische Wanderredner in Umlauf.

Sozialdemokraten gab es damals bereits viele. Da man sie nun unter der Bismardschen Suggestion Mörder" betrachtete, ent stand eine mahre Angstpsychose. Der Binger Anzeiger", ein Zentrumsblatt, brachte eine Annonce mit der Ueberschrift in dicem Fettdrud:

Tod, Tod, Tod!"

Darunter wurde in normaler Reklameschrift ein Rattengift empfohlen. Man glaubte aber nicht, daß die Moritat diesen un­willkommenen Mitbewohnern angedroht wurde. Da war eine dunkle Verschwörung gegen die Monarchie und die Gesellschaft im Gange. Offiziere, Bürger, Beamte stürmten das Gebäude und schleppten die Leiter des Blattes auf die Polizei. Der Besitzer der Zeitung mußte nachkommen. Es wurden Verhöre angestrengt. Der Polizeipräsident wurde davon benachrichtigt, machte dem Minister des Innern Mitteilung und Graf Eulenburg ließ die Reichstanzlei und das Justizministerium verständigen. Die drei Minister wechselten über das Tod- Tod- Tod- Injerat mehrere Artenstüde und beruhigten sich erst, als sie sich durch instanzenmäßig angestellte Rückfrage bei der Binger Bolizei vergewiffert hatten, daß die Kriegsansage aud wirklich den Ratten und Mäusen gegolten hatte.

In dieser geistig politischen Zwangslage ging die Justiz an die Untersuchung. Ein Landrichter Joël vernahm den Angeklagten und die Zeugen. ( Fortsetzung folgt.)

Die Erotisierung der Ehe.

Da spricht die Welt von einer ferguellen Krise, ja sogar von einer Krise unserer monogamen Ehe! Wenn es überhaupt so etwas gibt, dann lest nur die Bücher des branchefundigen Herrn van de Velde, und die ganze Krisenmacherei ist zu Ende. Erotisieren heißt sein Losungswort, und: Erotifieren müßt ihr, müßt erotifieren! fein Rezept. Damit bringt man auch die lahmste Ehe wieder auf die Beine, das leimt und fittet alles, selbst die widerstrebendsten Ele­mente. Berwunderlich bleibt nur, daß dieses einfache Hausmittel erst jetzt erfunden wurde. Wieviel Unglück hätte vermieden werden fönnen, wieviel Ratastrophen, ja Kriege wären der Menschheit er­spart geblieben, wenn es ein gütiges Schicksal gestattet hätte, daß Herr van de Velde schon etwa tausend Jahre früher zur Erde fam! Aber anscheinend mußten erst alle schweren Prüfungen über uns tommen, ehe eine so geniale Erfindung wie die der Erotisierung ge­boren werden konnte.

Was nun eigentlich Erotisierung ist, fragt ihr, und wo ihr das beziehen könntet? Ja, seid ihr denn Kinder unseres Jahrhunderts, Kinder der allermodernsten Zeit, daß ihr derartige, ebenjo naive wie euch blamierende Fragen stellt! Erotisierung ist doch... Aber ich euch so nicht sagen. Das muß man schon bei dem Erfinder selber nachlesen, der das so sachtundig und zugleich so anschaulich, so gonz unnißperständlich tut, daß sich hier jedes Mort darüber wie eine elende Stümperei ausnehmen würde. Nur andeuten will ich es, das ist das einzige, was ich mir erlauben fann und darf.

Fortan bewegte er sich unter Sozialdemokraten, Anarchisten, Chriftlich- Sozialen, und für sie alle war er hintereinander und mit unter auch zu gleicher Zeit als Abonnentenjammier, Zeitungsqus träger und Agitator" tätig. 3mischendurch bespizelte er die Bernein, das geht ja nicht. Das kann ich euch hier nicht sagen und fann fonalverhältnisse und Pläne der sozialdemokratischen Führer und hinterbrachte feine Kenntnisse den fonservativen Blättern. Diese Lumperei fam heraus und die Sozialdemokratische Partei , bei der auch noch Klagen über unterschlagene Abonnementsgelder einliefen, Schloß ihn aus?

Do niemand in Leipzig mit Hödel noch etwas zu tun haben mollte, siedelte er nach Berlin über. Er trat in die Dienste der Christlich- Sozialen Partei. Mit den Anarchisten Most und Werner blieb er noch in Beziehungen und wenn er betrunken war. führte er wilde Redensarten im Munde.

Mit Vorliebe hielt er seine politischen Ansprachen in Kneipen und Restaurants. Es zeigte sich hierbei immer mehr, daß Hödel ein geistestranter Mensch war. Der Größenwahnsinn brach aus. Dant Stöcker, fagte er, werde er noch mal eine bedeutende Rolle spielen, Abgeordneter, Minister und vielleicht noch etwas mehr werden. Die Arbeiter, die das in den Lokalen hörten, hielten ihn r ein ganz verrücktes Heft" und trieben, besonders wenn er etwas getrunten hatte, allerhand Ulf mit ihm.

Natürlich hat Herr van de Velde nicht nur ein einziges Buch über dieses Thema geschrieben. Richtiggehende Gelehrte schreiben immer mehrere Bücher über eine Sache, sonst ist sie eben nicht wissenschaftlich, das heißt, nicht gründlich genug behandelt worden. Und nun gar diese Fundgrube für Gelehrtenarbeit, was läßt sich daraus nicht alles machen! Freilich kann man nicht immer nur sozusagen die Technik der Ehe behandeln, davon hat zu seinem Leid­wefen auch Herr van de Velde absehen müssen. Außerdem gibt es selbst an der technisch vollendetsten Ehe immer noch einige andere Seiten, die man daneben nicht ganz unberücksichtigt lassen darf, wenn die ganze Frage umfassend erörtert werden soll. Schließlich sehe ich auch nicht ein, weshalb man nicht noch ein paar Bücher dazu schreiben foll, wenn sich herausgestellt hat, daß die erste Lieferung fo glänzend

hinterher versicherte er in Suzipen Leuten, die er menig oder gegangen iftt

Ich befürchte bei alledem aber nur eins: daß der Wissenschaftler van de Velde über dem quasi Technifer ganz vergessen wird und daß die anderen beiden Bände überhaupt nicht getauft werden, so wie man schon im ersten Bande alle wissenschaftlichen Weitschweifigkeiten schnellstens überschlug und aufgeregt nur nach den technischen Ka­piteln juchte. Darin aber liegt seine Tragit! Er für seinen Teil wollte zwar die vollkommene Ehe, die anderen jedoch wollten nur die vollkommene Technik, soweit sie darin überhaupt noch etwas lernen

fonnten.

Schade nur, daß sich Herr van de Velde daran stark mitschuldig gemacht hat, ja eigentlich die Schuld daran ganz alleine trägt. Denn er beschwor mit seiner Technik nur die bösen Geister, die meist schon für eine gute Che verlorenen( von einer vollendeten Ehe gar nicht erst zu reden). Den anderen aber, die mit dem Problem der Ehe ringen, hart und unerbittlich, immer und immer wieder, denen gab er nichts. Denn sie sehen in der Ehe etwas ganz anderes, etwas viel Höheres als eine bloß erotische Gemeinschaft, nämlich: eine Gemein­fchaft zu gemeinjamem Lebenstampf, zu gefteigerter Lebensfreude, zum Aufgehen in einer höheren Idee für diejenigen, die wir erst in geistiger Ueberwindung des bloß Animalischem erzeugen und die dann unser Bert fortführen sollen. Dazu liefert man aber mit erotisch technischen Untermeijungen, mit der sogenannten Erotisierung der Ehe feine Hilfsmittel. Beides unterscheidet sich vielmehr wie Feuer und Wasser. Die wirklich vollendete Ehe, ja, auch nur das einfache und gesunde Liebesverhältnis beruht auf geistiger Gemeinsamkeit und wird beherrscht von Geistigkeit, das erotische Element ist ihnen nur Motor und legter Gipfelpunkt, um nicht zu sagen höchste geistige Verzüdung. Sie beginnen mit dem Geistigen und gipfeln im Erotischen van de Velde beginnt aber mit dem Erotischen und behandelt das Geistige nur ganz nebenher: das ist der Unterschied zwischen uns und ihm, und das nimmt seinen Büchern jeden Wert.

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Erotisierung der Ehe? Unsinn, höhere Bergeistigung, ja, Ber­geistigung überhaupt erst ist notwendig, damit der Mensch von der Illusion der Erotifierung loskomme, die immer nur wieder Ent­täuschung bereitet, wenn dahinter nicht das dauernde Erlebnis der gemeinsamen Geistigkeit steht und deshalb so viele Ehen zertrümmert. Die Erotisierung als Kitt, als Balsam und als was sonst nech ist Krampf, ist Opium, ist glatter Betrug an sich selber und an den

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