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BERLIN

Donnerstag 24. Mai

1928

Der Abend

Erscheint täglich außer Sonntags. Sugleich Abendausgabe des Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW68, Lindenstr. 3

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Spätausgabe des Vorwärts

10 Pf.

Nr. 243

B 120 45. Jahrgang.

Anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Poßscheckkonto: Vorwärts- Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Donhoff 292 bis 297

Der Nordpol überflogen!

Neue Giftgaserkrankungen in Harburg und Wilhelmsburg .

Der Rückflug nach Spitzbergen

Oslo , 24. Mai.

Wie dem Norwegischen Telegraphenbureau auf Spitz­ bergen gemeldet wird, hat die Italia " gegen Mitter­nacht den Nordpolüberflogen. Ob eine Landungs­mannschaft ausgesetzt worden ist, ist noch nicht bekannt.

Rom , 24. Mai.

Wie General Nobile dem Unterstaatssetretariat der Luftschiffahrt durch Radio mitteilte, hat er heute Nacht 1,15 Uhr den Nordpol er­reicht, um 1,20 Uhr die italienische Flagge und 10 Minuten später das Kreuz des Papftes abgeworfen, worauf er mit der Italia " den Rückflug antrat. Der König von Italien erhielt gleichfalls eine Mit­teilung von dem erfolgreichen Nordpolflug.

Das Luftschiff befindet sich zurzeit wieder auf dem Rückflug nach Spitzbergen . Die Küste müßte es zurzeit schon erreicht haben.

Die Opfer des Giftgafes.

Die Unschädlichmachung der Phosgengasvorräte. Hamburg , 24. Mai.

Rakete II in voller Fahrt.

Das Raketenauto Fritz v. Opels bei der gestrigen Probefahrt auf der Avusbahn. Die höchst zulässige Geschwindigkeit auf dieser Bahn- 200 km in der Stunde- durfte nicht überschritten werden. Das Auto mit seinem Raketenantrieb ist aber mit Leichtigkeit imstande eine weit größere Leistung zu bewältigen.

Am geffrigen Mittwochabend haben sich in Harburg­Wilhelmsburg weitere vier Personen, davon drei Mitglieder einer Familie, als frant infolge Einatmung von hosgengajen gemeldet, und zwar müssen drei dieser neuen Tergiftungsfälle als schwer betrachtet werden. Damit bestätigt ich aufs neue die Ansicht der Aerzte, daß noch längere Seit hindurch die Folgen des Giftgajes sich in der Bevölke­rung der betroffenen Stadtteile bemerkbar machen werden. Die weitaus größte Anzahl der Erfranffen soll sich jedoch nach Auskunft der verschiedenen Krankenhäuser nicht mehr in Cebensgefahr befinden. Bis zum heutigen Donnerstag früh aren bei den amtlichen Stellen Hamburgs und Harburg­Wilhelmsburgs insgesamt zehn Todesfälle infolge der Gift- Sunderte von Denunziationen über angeblich heimliche Bei seiner sechsjährigen Tätigkeit in der Kommission habe er

gastatastrophe bekannt.

Auf Grund der zwischen den zahlreichen Sachverständigen aus allen Teilen Deutschlands in Hamburg abgehaltenen Besprechungen über die Beseitigung der bei der Firma Dr. Stolzenberg jetzt noch lagernden Phosgengasvorräte ist heute mit der Unschädlichmachung des Gases an Ort und Stelle auf dem Lagerplatz an der Hofeftraße begonnen worden. Auf dem unversehrt gebliebenen 15 Rubikmeter Bhosgen fassenden Tant sowie auf die nahezu 3000 Stahlflaschen werden nach und nach unter Lösung der Verschlüsse Stahlzylinder aufgesetzt und durch diese Natronlauge und Ammoniakgas in die Be­hälter geleitet, wobei natürlich größte Vorsicht beobachtet wer­den muß. Zum Schuß gegen das Entweichen von Phosgengas­mengen bei der Lösung der Verschüsse müssen alle bei dieser Arbeit beteiligten Bersonen mit Gasschußmasten, und zwar mit solchen mit besonderen Atmungsfiltern, ausgerüftet sein. Der Zutritt von Natronlauge führt zur Bildung von fohlen- und chlorsauren Salzen, die Berbindung mit Animoniafgas zur Erzeugung von Ammonium­salzen, die sämmtlich unschädlich sind und keinerlei giftige Gase mehr ausströmen fönnen. Auf diese Weise wird das Gas zuverlässiger zer stört, als wenn es, wie Dr. Stoltenberg es vorschlug, auf Schiffe verladen und in der Nordsee versenkt worden wäre, da auf diese Weise leicht eine Vergiftung der Fische und damit später Schä­digungen für die Fischkonsumenten eingetreten wären.

Allerdings wird das jetzt begonnene Verfahren bei dem großen Umfang dieses Phosgengaslagers mindestens zwei Wochen in Anspruch nehmen. Während dieser Zeit bis zur Beseitigung des ganzen Lagers wird das Fabrifgelände der Firma Dr. Stolzen berg abgesperrt bleiben, wie überhaupt diese Arbeit sich unter schärfster Beaufsichtigung der Behörden und sonstigen Instanzen vollziehen wird.

tastrophe hervorgerufen wurde, mit 3 uftimmung der Inter Geheimnisvoller Mord in Pommern. alliierten Militär- Kontrolltommission aus alten Heeresbeftänden getauft.

Ein alter Landwirt von dem Nachbar erschlagen. Steffin, 24. Mai. ( Eigenbericht.)

Giftgasfabrikation in deutschen chemischen Werfen erhalten. mals aber hätten diefe Denunziaten bei der Prüfung der Tatsachen ftandgehalten, niemals fei festgestellt worden, daß Deutschland gegen die Bestimmungen des Versailler Bertrages verstoßen habe. Alles, was über heimliche Giftgasfabrikation in Deutschland in der aus­ländischen Presse erzählt worden sei, sei Phantasie oder Un- schäferei entfernt, in einer Bluflache tot auf. wissenheit.

Ein furchtbares Verbrechen wurde in dem Orte Alt- Sar­now bei Stepenih in Pommern verübt. Dort fand man gestern mittag zwischen 12 und 1 Uhr den 71jährigen Landwirt Hem­pet, etwa 150 meter von seiner Befihung, der sogenannten Hammel­

Die Behörde war gewarnt!

Von der Handels- und Industriegesellschaft Müggenburg in Ham burg erhalten wir folgende Zuschrift:

In den Berichten Ihres Blattes über die Gaskatastrophe im Hamburger Hafen ist unsere Gesellschaft verschiedentlich mit der Che mischen Fabrit Dr. Hugo Stolzenberg identifiziert worden; es han delt sich hierbei um einen Irrtum, der sich wohl daraus erklärt, daß wir vor ungefähr anderthalb Jahren den Fabrikkomplex an der Müggenburger Straße von Stoltenberg erworben haben. Tatsäch lich hat unsere Firma überhaupt nichts mit Stolzen berg zu tun und ist in keiner Weise mit Dr. Stolzenberg und seinen Unternehmungen identisch.

Das Grundstüd, auf welchem Dr. Stoltenberg das Phosgen eingelagert hatte, ist von unserem Werk durch den Müggenburger Kanal getrennt und gehört unseres Wissens dem Stahlwerk Werner. Als wir im Dezember vorigen Jahres die Einlagerung dieses hochgefährlichen Gases in nächster Nähe unseres Werkes be­merften, machten wir die zuständige Behörde fofort auf die leben­bedrohende Gefahr aufmerksam, welche auf diese Weise für die An­gehörigen unseres Betriebes entstanden war. Durch das Unglück am legten Sonntag ist es zur schmerzlichen Tatsache geworden, daß sich unsere sehr ernste Auffassung von der Gefahr des Stolzenbergschen rechtfertigt erwiesen hat."

Das Giftgas stammt aus dem Krieg. Bhosgen- Lagers mitten im hamburgischen Induſtriegelände als ge­

Paris, 24. Mai.( Eigenbericht.)

Der ehemalige Celter der chemischen Abteilung in der Inter­alliierten Militär- Kontrollkommiffion, Mura cour, veröffentlicht im Mafin " ein Gutachten über die Hamburger Giftgastatastrophe. Was Muracour zu sagen hat, stellt das beste Leumundszeugnis für Deutschland dar. Die Herstellung von Chlorgas und Phosgen sei im Versailler Bertrag nicht verboten. Die Stoltenberg- Werte in Hamburg hätten das Phosgen- Gas, durch deffen Explosion die Sta

( Siehe auch 2. Seite.)

Ueberfälle auf Kinder. Giffgasdebatte in Hamburg .

Berichte aut der 2. Seite.

Der Befund wies von Anfang an auf Mord hin, und so wurde fcfort die Mordkommission der Kriminalpolizei Stettin alarmiert, die noch im Laufe des Tages an den Fundort eilte. Im Verein mit den Ortsbehörden wurde festgestellt, daß Hempel durch mehrere Schläge auf den Kopf getötet wurde. Die Beamten stellten bet ihren Ermittlungen weiter fest, daß als Täter wahrscheinlich der Nachbar des Hempel, ein 51jähriger Landwirt H., der seit Wochen und Monaten mit dem Getöteten in Streit lag, als Täter in Frage kommt. Als man H., der von der Landjägerei sofort fest­genommen wurde, nach den Ursachen der schweren Bluttat befragte, bestritt er mit aller Entschiedenheit die Täterschaft. Er machte dabei aber so widersprechende Angaben, daß sich der Verdacht gegen ihn noch weiter verschärfte. Die weitere Untersuchung ist im Gange. Die Leiche wurde von der Kriminalpolizei beschlagnahmt.

Angriff auf einen Anwalt. Aufregender Vorfall auf dem Potsdamer Gericht

Zu einem aufregenden Borfall fam es heute mittag gegen 12 Uhr auf dem Potsdamer Amtsgericht. Im Zimmer 84 fanden Bersteigerungstermine statt. Es wurde die Sache gegen eine Potsdamer Straßenhändlerin F. aufgerufen. Kaum hatte die F. das Zimmer betreten und darin ihren Gegenanwalt, den deutsch nationalen Rechtsanwalt Dr. Averdünk, erblickt, als sie mit erhobener Hand und mit den Worten Du Lump"," Du Betrüger", auf ihn zueilte. Noch ehe man die Rasende festhalten konnte, schlug fie Averdünt mit der Faust ins Gesicht. Auch der Ehemann F. mischte sich in den Streit. Beide mußten schließlich auf zwei Stunden in Haft genommen und der Termin vertagt werden. Aber auch in der Zelle tobte die F. weiter und stieß mit Fanften und Füßen gegen die Zellentür.