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BERLIN Mittwoch 1. Juni

1932

Der Abend

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Das Kabinett der Barone

Bon Schleicher bis Papen und Neurath

Die Beauftragung des katholischen Zentrumsagrariers von Papen mit der Bildung einer Regierung der nationalen Konzentration" findet in der gesamten Bresse einen von den Krisenmachern faum erhofften Wider­hall. Zwar hält sich die Rechtspresse auffällig im Urteil zurüd und beschränkt sich darauf, Nachrichten zu geben, aus denen jeder herauslesen kann, was ihm Spaß macht. Aber auch sie fühlt sich veranlaßt, wenigstens durchblicken zu laffen, daß die ,, nationale Opposition" das heißt Nazis und das heißt Nazis und

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von Papen

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Hugenberger sich auch gegenüber dem Kabinett Schleicher Papen frei fühlt und für nichts verantwortlich sein will. In den übrigen Blättern wird besonders auf die un glückliche Diplomatenrolle hingewiesen, die Bapen in Amerika gespielt hat und die seine jezige Be­rufung gerade in Amerika als einen bösartigen Affront wirken läßt. Ein Mann, der im damals noch neutralen Amerifa Sabotage afte unterstützte und dann nach seiner erzwungenen Abberufung auf die Heimreise die Scheck abschnitte mitnahm, aus denen die Emp­fänger der Gelder leicht festzustellen waren, der als Diplo mat" so unvorsichtig war, diese belastenden Dokumente in die Hände der damals kriegführenden Engländer fallen zu lassen - ein solcher Mann kann nicht als politische Vertrauens­person irgendeines nennenswerten Teiles des deutschen Volks anerkannt werden. Aber er ist ein Jugendfreund Schleichers, mit dem er zusammen die Kadettenanstalt besuchte, und dieser Jugendfreundschaft verdankt er sicher seine' Berufung als Regierungsbildner mehr, als seinen politischen Fähigkeiten.

Die Zentrumspresse distanziert sich unzweideutig von dem Zentrumsmann" v. Papen . So schreibt die Kölnische Volkszeitung", das führende Zentrumsblatt vom Rhein , die Nachricht von der Beauftragung von Papens fönne man ,, nur mit stiller Wehmut" vernehmen und man wäre geneigt, sie

zunächst für einen schlechten Scherz zu halten, menn sie nicht auf Wahrheir beruhte. Was jetzt unternommen werde, sei nichts Halbes und nichts Ganzes. Es sei eine Berlegenheitslösung ersten Ranges, die weitere Verlegen­heiten zwangsläufig mit sich bringen müsse. Das Zentrum lehne die verantwortliche Zeichnung für dieses Unternehmen ab. Es sei selbstverständlich, daß Herr von Papen nicht im Einverständnis oder gar im Auftrag der Leitung der Zentrumspartei handele.

Und die Schlesische Volkszeitung", die mehr auf dem rechten Flügel des Zentrums steht, äußert sich nicht minder unzufrieden:

Die Lösung, die man jetzt in Berlin gefunden hat, schafft eine Halbheit. Mit Herrn von Papen fühlt sich das Zentrum weniger verbunden als je. Wir verargen ihm gewiß heute nicht mehr seine wiederholten Extratouren als Abgeordneter des frühe­ren Landtags und tragen es ihm auch nicht nach, daß er versucht hat, die Partei und Sozialpolitik in durchaus ein feitigem Sinne zu beeinflussen. Wir müssen es jedoch ab­lehnen, in ihm als Kanzler den Vertreter des rechten Zentrums­flügels zu betrachten, wie er in verschiedenen offiziösen Meldungen genannt wird. Das Zentrum sträubt sich mit Recht, gegen seinen Willen mit Verantwortung belastet zu werden, die heute anderen zufällt, zumal menn dieser neue Exponent als partei= politischer Außenseiter betrachtet werden muß. Mag von Papen sein Kabinett bilden und regieren, so gut er fann, das Zentrum wird ihn nicht daran hindern. Für die Partei kommt jetzt nach der Art und Form, in der der Abgang eines Brüning statt­fand, nur die Opposition in Frage."

Gefahrensignal an der Börse

Spekulation auf kommenden Inflationskurs der neuen Regierung

An der Berliner Börse hat sich die Aktienhausse der letzten Tage| Publikums vorliegen. Entscheidend sind aber für die jetzigen sprung­heute in tollen Sprüngen fortgesetzt. Die Aktienkurse schnellen nach oben, während die fest verzinslichen Werte vollständig vernachläffigt sind und wieder bis zu 2 Proz. verloren haben.

Man hört von den Banken, daß dort größere Kaufaufträge des

Sozialdemokratische Erklärung

Die

erklärt:

Schärfftes Mißtrauen. sozialdemokratische

Reichstagsfrattion

Der Sturz der Regierung Brüning, der außerhalb des Parla­ments durch unverantwortliche Ratgeber des Reichspräsidenten her­beigeführt worden ist, eröffnet eine außerordentlich schwere innen- und außenpolitische krije.

Die Art der Bildung und der Zusammensetzung der Reichs­regierung ist gegen das Boltsintereffe und gibt keine Gewähr für die Aufrechterhaltung der Sozialpolitik, ins­besondere der Rechte der Arbeitslosen. Zugleich ist die Führung einer Außenpolitik gefährdet, die zu einer Wiederherstellung des Bertrauens und der notwendigen internationalen Zusammenarbeit

führt.

haften Kurssteigerungen allein die Maßnahmen des Spekulanten­tums an der Börse. Es scheinen Kolonnen an der Arbeit zu sein, die die gegenwärtige Befürchtung, die neue Regierung werde viel­leicht Inflationspolitit machen, im eigenen Interesse aus= nügen.

Die Aktienkurse sind in den ersten Stunden allein um 5 bis 11 Punkte gestiegen. So z. B. JG.- Farben von 88% auf 95, Reichs­bankanteile von 119 auf 125, Siemens von 117% auf 123, Bemberg von 32 auf 37%, Salzdetfurth- Kaliaktien von 153 auf 162. Auch die Montanaktien nahmen an der Hausse teil, obwohl sie bekanntlich sehr schlecht beurteilt werden. So erhöhten sich vor allem Stahl­wertsaktien von 15% auf 17%, Mannesmann stieg von 38 auf 41.

Für die Deffentlichkeit wie für die gegenwärtig sich bildende alarmierend wirken. Regierung müssen die Vorgänge auf der Berliner Börse

An der Börse zeigt sich bereits, in welcher Weise das inflations­erfahrene kapitalistische Deutschland auf ihre Inflationsmaß­

nahmen reagieren würde.

Eine wirtschaftlich günstige Wirkung könnte auch vorübergehend alle Interessenten sofort auf die Ausschöpfung der Augenblicks aus einer Inflationsmaßnahme nicht erwartet werden, weil sich norteile stürzen. Wenn diese Furcht vor Inflationsmaßnahmen fich auf den Börsen weiterhin in so tollen Steigerungen der Aktienkurse und gleichzeitigen starken Entwertungen der feftverzinslichen aus

wirft, steigt von neuem

Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion ist entschlossen, die Gefahr eines Runs auf Banken und Sparkassen gegen alle fozialreaffionären Anschläge, gegen alle inflationistischen Experimente und gegen alle Angriffe herauf, für den nach der jetzigen Lage keinerlei Anlaß besteht. Die auf die Verfassung und die Demokratie den Kampf zu führen, steht Schwerindustriellen und Großagrarierkamarilla durch den Sturz ungeheure Gefährlichkeit des frevelhaften Spieles, mit dem die der fich bildenden Regierung mit schärfftem mißtrauen der Regierung Brüning die wirtschaftliche und politische Stabilität gegenüber und wird daraus alle parlamentarischen kon- in Deutschland gefährdet hat, zeigt sich an den Börsen in wahrhaft gefahrdrohenden Symptomen! fequenzen ziehen.

von Schleicher

von Neurath

Fraktionsfizungen im Reichstag.

Jm Reichstag ist heute vormittag zunächst die fozialdemo­kratische Frattion fast vollzählig zur Beratung der polifischen Lage zu einer Sigung zusammengetreten.

Eine ursprünglich für 10 Uhr in Aussicht genommene Frat­tionssihung des Zentrums ist auf 12 Uhr mittags ver.

schoben worden.

Nazi- Krawalle verhindert.

Starte polizeiliche Sicherungen.

Die Polizei hatte heute umfassende Vorkehrungen getroffen, um derart beschämende Zwischenfälle, wie sie sich gestern beim Auf­ziehen der Marinewache ereignet haben, zu verhindern. Die Anmarschstraßen der Wache wurden besonders gesichert, und außerdem wurde das Begleitfommando der Wachtruppe erheblich verstärkt. Auf Wache 30g heute wieder die Reichswehr auf, die die Marinewache ablöste. Der Aufmarsch der Wache vollzog fich im großen und ganzen ruhig. Lediglich einige Nazis lärmten durch Schreien.

Uebergang zum Hitler- Faschismus.

Alle Welt in der Beurteilung einig.

Paris , 1. Juni. ( Eigenbericht.) Der sozialistische Populaire" schreibt zu der bevorstehenden Er­nennung eines Kabinetts von Papen: ,, In einer solchen Regierung, die man natürlich als eine Regierung der nationalen Konzentration oder der nationalen Einigkeit hinstellt, hat die Nation nichts zu suchen, die Konzentration oder die Einigkeit noch weniger. Zwei Militärs und einige Aristokraten bilden ein Kabinett nach dem Muster des alten Regimes, das die laufenden Geschäfte erledigen wird, bis Hitler an die Macht kommt. Denn um die Macht wieder zu erobern, brauchen die Generale und Aristokraten einen parvenu."

,, Petit Parisien" ist der Ansicht, das Kabinett sei dazu bestimmt, den Uebergang zwischen der politischen Formel Brünings und der Ferner hält feit den Vormittagsftunden die Fraktion der Formel Hitlers sicherzustellen. Man habe mit größter Bayerischen Bolfspartei eine Sihung ab.

Für 12 Uhr ist außerdem eine Sihung der Fraktion der Kon­fervativen Volkspartei und des Chriftlich- Sozialen Bolfsdienftes

vorgesehen.

Schnelligkeit gehandelt, um die in Paris , London und bringen und auf diese Weise eine Vertagung der Lausanner Kon­Washington hervortretende Beunruhigung zum Schweigen zu bringen und auf diese Weise eine Vertagung der Lausanner Kon­ferenz zu vermeiden.

Echo de Paris" behauptet, durch das neue Kabinett werde eine