Nr. 207.
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13. Jahrg.
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Die Proportionalwahl in der
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Freitag, den 4. September 1896. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3:
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John Stuart Mill , Th. Buckle, Herbert Spencer, Ludwig ihnen nicht eingefallen, deshalb den Proporz zu schmähen und Büchner, Robert von Mohl , Niendorf, Bluntschli und ihn für den erlittenen Verlust verantwortlich zu machen. Cavour, In seiner Broschüre über die Proportional- Der Züricher Kantonsrath wird wahrscheinlich im wahl( Meine Proporzperle vor dem Züricher Kantonsrath") Monat September eine oder mehrere Sigungen abhalten zum fonstatirt unser Genosse Karl Bürkli , der eine Kapazität in fpeziellen Zweck der Wahlreform. Der Staatsschreiber Da auf dem nächsten in Gotha stattfindenden Parteitag der der Frage des Proportional Wahlsystems ist, daß in fremden Stüßi stellt nämlich das Initiativbegehren auf Einführung des Deutschen Sozialdemokratie auch die Proportionalwahl behandelt Barlamenten die Wahlreform mehr als 30 Mal und in schweize: relativen statt des absoluten Mehrs und Genosse Bürkli be wird und dieselbe bis jetzt unseres Wissens einzig in der Schweiz , rischen mehr als 20 Mal behandelt worden ist, und er theilt antragte im Kantonsrath die Einführung der Proportionaldas heißt in mehreren Kantonen, eingeführt ist, so ist es wohl ferner mit, daß er sich eine chronologische, d. h. der Zeitfolge wahl. Von der Regierung sprach sich eine Mehrheit für zeitgemäß, darüber einiges zu berichten. nach geordnete Zusammenstellung der verschiedenen, die das erstere Begehren und eine Minderheit für Die erste Anregung zur Einführung der Proportionalwahl proportionale Wahlreform behandelnden Bücher, Broschüren, Antrag Bürkli's aus. Bon der kantonsräthlichen Kommiffion wurde anläßlich der Revision der Genfer Staatsverfassung im Revuen, Rathsverhandlungen, Reden, Berichterstattungen 2c., ist dagegen die Mehrheit für das Proportional- Wahlsystem, für Jahre 1846 von Vittor Considerant in einem längeren im ganzen etwa 550 Aufzeichnungen gemacht gemacht hat, das sich voraussichtlich auch die Mehrheit des Kantonsrathes er Sendschreiben gemacht. In demselben wird einleitend gesagt: welche Biographie er gelegentlich zu veröffentlichen ge- flären wird. Gleichzeitig beantragt die Kommissionsmehrheit die " Das Wahlverfahren, das heißt die Art und Weise, wie dente. Es sind zirka 250 ihm bekannte Bücher und Einführung des fakultativen Proportional- Wahlsystems für die die Volksvertretungen zusammengesetzt werden, befindet sich Schriften erschienen, darunter fast 100 schweizerische, wovon Gemeindewahlen. noch immer in einem barbarischen Zustand. Es mehr als 30 deutschschweizerische, 60 französische und belgische, Seit Jahren besteht ein aus Angehörigen verschiedener ist gewaltthätig, blind, unorganisch; in feinem Repräsentativ- 50 englische und amerikanische, 20 italienische, 15 deutsche. Parteien zusammengesetztes Initiativkomitee für Einführung Staate repräsentiren die gewählten Rathsversammlungen In den letzten Jahren beschäftigte das Proportional- Wahl der Proportionalwahl des Nationalrathes, die Meinungen der Wähler und den wirklichen Stand system die Regierungen und Kantonsräthe( Landtage) in den das auch den Gedanken erörterte, die ganze Eid des Wahlkörpers.... Damit es gerecht und wahr sei, sind zwei Kantonen Zürich , Tessin , Genf , Neuenburg, St. Gallen , Bug, genossenschaft als einen Wahlkreis zu behandeln. In Rücksicht Dinge nothwendig: 1. Daß die Rathsversammlung alle Solothurn , Bern , Aargau , Waadtland , Freiburg , Luzern , Bern zc. aber auf die 25 Kantonalsouveränitäten, die von den weitesten Meinungen in demselben Verhältniß enthalte, in welchem sie im Den größten Triumph erlebte das Proportional- Wahlsystem im Voltstreifen eifersüchtig bewacht werden, ließ man den Gedanken Wahlkörper selbst vorhanden sind und 2. daß jede Meinung, die Kanton Tessin , wo es auf den Rath des Bundesrathes in fallen und einigte sich auf die Beibehaltung der jetzigen eideinen Anspruch darauf hat, im Rathe giffernmäßig vertreten zu Bern hin eingeführt wurde und sich als ein ausgezeichnetes Bazis genössischen Wahlkreise, in denen meistens mehrere, sogar bis sein, ihre Mandate denjenigen Bürgern ertheilen fann, welche sie fikationsmittel zur Beruhigung des revolutionär erregten Kantons fecha Nationalräthe gewählt werden. Der vorjährige in Bern als die für die Vertretung Fähigsten und Würdigsten erklärt." bewährte. Die Kleritalen halten ein wahrhaft tyrannisches Re- stattgefundene schweizerische sozialdemokratische Parteitag sprach Confiderant empfiehlt nun die Einführung eines anderen, giment gegen die Liberalen ausgeübt und sie systematisch unterdrückt, fich dafür aus, durch das Initiativbegehren die Proportionalneuen Wahlverfahrens. Er sagt: welcher unhaltbare Zustand zu der Septemberrevolution der Liberalen wahi des Nationalrathes in die Bundesverfassung hinein Das wahre Wahlverfahren besteht in der Ber - im Jahre 1890 und zum Sturze der klerikalen Tyrannei führte. zubringen, wollte aber für das Vorgehen einen geeigneten trümmerung der Erdscholle, d. h. Abschaffung der Wahlkreise, Die eingeführte Proportionalwahl gilt für den Regierungs- und Beitpunkt abwarten und sich vorher darüber auch mit den an die der Wähler gefesselt ist; also Emanzipation des den Kantonsrath und erhält nun jede Partei die ihrer Stärke Proporgfreunden der bürgerlichen Parteien verständigen. Wählers, der nun in vollster Freiheit seine Wahl- entsprechende Vertretung. Dhne Zweifel würde dieses Bestreben bedeutend gefördert vereinigungen selbst suchen und formiren fann. Der Wähler 46 Jahre nach der Confiderant'schen Anregung hat auch der werden, wenn der einflußreiche Kanton Zürich das neue Wahlist souverän in der Ausübung feines Wahlrechts. Fesselt Kanton Genf das Proportional- Wahlsystem für den Großen verfahren einführte. Geschieht dies, so gestaltet sich die Situation den Souverän nicht an die Scholle des Wahlkreises. Alle Rath eingeführt, desgleichen Neuenburg, Bug( für die Gemeinde für das neue System in den Kantonen, wo noch das MehrheitsWähler, die einer Meinung sind, sollen sich frei durch das und Kantons-, inkl. der Regierungswahlen), Solothurn ( für system besteht, günstiger, aber auch für die Einführung der ganze Wahlgebiet vereinigen, gruppiren können und sollen nach Kantons- und Gemeindewahlen), Wallis für die Kantonsrathswahlen Proportionalwahl des Nationalrathes, die für die eidgenössische Berhältniß ihrer Zahl und ihres Rechtes und ganz nach ihrem obligatorisch, fürGemeindewahlen fakultativ), Freiburg ( fakultativ für Politik eine wichtige Errungenschaft wäre und wohl auch auf Wohlgefallen ihre Vertreter auswählen tönnen. Das ist der die Gemeindewahlen) und Stadtgemeinde Bern für die Stadtverord die Wahlfragen im Auslande nicht ohne Rückwirkung bleiben Hauptgrundsatz... Jede Partei würde, je nach ihrer Stärke, neten- Wahlen. In den Kantonen St. Gallen und Bern sind die würde. mindestens so viele Kandidaten aufstellen, als sie glaubt, bei Initiativbegehren für Proportionalwahl der Regierung und des der Wahl durchbringen zu können. Das Wählen würde somit Kantonsrathes vom Volte abgelehnt worden, in andern Kantonen tein Kampf mehr mit Gegnern sein, sondern eine freie Aus- ist die Sache zum theil seit Jahren„ pendent." wahl innerhalb der Partei, sei diese nun groß oder klein, Für die Proportionalwahl der Kantonsräthe ist überall die und jede Meinung würde sich durch diese billige und genaue Eintheilung in Wahlkreise mit Liftenwahl beibehalten worden. Vertretung ganz befriedigt fühlen." Abgesehen von einzelnen Verschiedenheiten sind die bezüglichen Ein werthvolles Agitationsmittel hat uns der Es war wohl ein Irrthum von Confiderant, daß bei der Gefeße in der Hauptsache übereinstimmend in bezug auf die Ein- preußische Minister für Landwirthschaft, Domänen und Proportionalwahl im ganzen Wahlgebiet als einem Kreise der reichung der verschiedenen Parteienlisten bei der höheren Ver- Forsten an die Hand gegeben dadurch, daß er in einer Kampf mit den Gegnern aufhören würde. Es ist doch ganz waltungsbehörde, die dann von sich aus die amtliche Veröffent Denkschrift all die Benefizien, Erleichterungen und Zuselbstverständlich, daß bei der Fortexistenz mehrerer Parteien lichung, sowie die Zustellung der Listen mit Kouvert an die wendungen, die das Reich und der Staat Preußen in den neben einander die eine die andere zu schwächen und sich selbst Wähler besorgt, ferner in bezug auf die Behandlung der letzten Jahren der Landwirthschaft, d. h. einigen tausend auf deren Kosten zu stärken sucht, und das ist eben Kampf, mag Stimmen, die Vertheilungsberechnung, das Nachrücken bei ent- Großgrundbesitzern und Großbauern gewährt, zusammen= er nun in 400 Wahlkreisen oder in einem Wahlkreise sich ab- stehender Bataus zc. Ueberall in den genannten Kantonen, wo die stellen und auf ihren Ertragswerth hin abschätzen ließ. spielen. Parteien auch in der Politik Gerechtigkeit gelten lassen wollen, mit Ausnahme der Frage der Handelsverträge, des Antrags Der Genfer Verfassungsrath gab der Anregung Confiderant's sind sie mit den Erfolgen der Proportionalwahl zufrieden. So teine Folge, sondern behielt das Mehrheitssystem bei. Aber nach haben z. B. bei den vor kurzer Zeit im Kanton Solothurn Kanit und der Doppelwährung ist. Herr v. Hammerstein ihm erklärte sich eine stattliche Anzahl berühmter Gelehrter und stattgefundenen Kantonsrathswahlen unsere Genossen weniger und mit ihm das gesammte Staatsministerium ein Herz Sozialisten für die proportionale Wahlreform, so Louis Blanc , Vertreter erhalten, als sie früher auf dem Wege der Verständigung und eine Seele mit den leitenden Schreiern des Bundes Pierre Leroux , Emile de Girardin , Prevost- Paradol, Laboulaye, mit den bürgerlichen Parteien erhielten, allein trotzdem ist es der Landwirthe". Man, die Regierung, erkenne voll und
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Rienzi.
Römer ist, und ihrer Einladung folgend, kommt, um ihr seine Ehrfurcht und Huldigung darzubringen."
Der eruste Offizier konnte sich bei der sonderbaren Dreistigkeit des Knaben eines Lächeln nicht enthalten.
" Ich erinnere mich, Herr Angelo Villani, daß die Signora Nina an der großen Treppe mit Euch sprach. Madame, ich werde Ihren Auftrag erfüllen. Folgen Sie mir gefälligft."
gemilderte Tageslicht erleuchtete in purpurnem Glanz alles, was die Kunst jener Tage Kostbares oder der königliche Luxus Theueres darbot. Die filbernen Kandelaber von florentinischer Arbeit, die Fußteppiche aus der Levante , die Tapeten aus Venedig und Genua , Gemälde, wie die illus minirten Bilder in alten Meßbüchern, auf Goldgrund und in jenen lebhaften, blendenden Farben, antike Statuen und Büsten aus den glänzendsten Tagen Athens , ausgegrabene Mosaiktafeln, so vortrefflich erhalten, als seien sie eben erst aus der Werkstätte des Künstlers hervorgegangen, goldene Gefäße, aus denen die Wohlgerüche Arabiens strömten,
Bu jenem Saal jedoch richtete unsere Gesellschaft nicht ihren Weg, sondern zu dem Eingang in die Privatgemächer des Palastes. Und hier bildete die Pracht, der mehr als tönigliche Glanz der Residenz des Tribunen einen starken Gegensatz zu der patriarchalischen Einfachheit seines Ge- Der Offizier entfernte sich in die inneren Gemächer des richtshofes. Selbst Ursula, die früher des Glanzes italienischer Palastes, fehrte aber bald zurück und führte Ursula und und französischer Höfe nicht ungewohnt war, schien in Er- den Knaben durch den großen Audienzsaal des Palastes. staunen zu gerathen, als sie in einen Saal trat, mit Be Vierundzwanzig Säulen von orientalischem Alabaster, welche aber so gemildert, daß sie dem gesünderen Duft der Blumen dienten in kostbarer Livree angefüllt. Die marmornen aus den Ruinen der Kaiserpaläste hervorgegraben waren, nicht Eintrag thaten, welche an den Wänden in mar und vergoldeten Säulen mit Blumenkränzen umwunden um den Palast des Erneuerers der alten Republik zu mornen und alabasternen Vasen umherstanden; ein kleiner und die an den Wänden aufgestellten Banner mit den schmücken, trugen das leichte Gewölbe, welches halb Springbrunnen, der aus Rosenkrängen hervorzubringen vereinigten Wappen der republikanischen Stadt und des gothischer und halb klassischer Bauart, und mit purpurner schien, und eine angenehme Kühle in der Luft Papstes geziert. und vergoldeter Mosait ausgelegt war. Der Fußboden war verbreitete, alles dieses in dem reichsten Luxus vereinigt. Ursula, die nicht wußte, an wen sie sich wenden sollte, mit reichen Teppichen belegt, an den Wänden hingen theils war mit dem ausgesuchtesten Geschmack zusammengestellt, wurde bald durch einen Offizier in einer farmoisinrothen, tostbare Tapeten, theils Gemälde mit mystischen und sym- die alten Künste mit den neueren vereinigend und die Sinne in Gold gestickten Uniform, der mit ernster Bescheidenheit, bolischen Darstellungen. Am oberen Ende dieses stattlichen entzückend und berauschend. die in der ganzen Bersammlung vorherrschte, sie ehrerbietig Saales führten zwei Stufen zu dem Thronsiz des Tribunen, Wäre aber auch das Zimmer selbst etwas zu phantastisch fragte, wen sie suche, aus ihrer Verlegenheit befreit. Die über welchem wieder die Wappen des Papstes und der und überladen eingerichtet gewesen, so würde die Erscheinung Signora Nina!" erwiderte Ursula, indem sie ihre stattliche Stadt angebracht waren. Nina's dieses nicht haben bemerken lassen; so sehr schien Person mit einer ihr natürlichen, wenn auch etwas ver- Der Offizier öffnete eine Thüre am Ende des Saales, die sie der Geist des Ortes zu sein, so sehr entsprach ihre alteten Würde aufrichtete. in ein kleines mit reichgekleideten Pagen angefülltes Zimmer Schönheit, welche jetzt noch erhöht wurde durch befriedigte Heute, Madame", entgegnete der Offizier, empfängt führte. Wenige unter ihnen waren älter als Angelo, und schienen Eitelkeit und Liebe, der glänzendsten flammensprühendsten die Signora blos römische Damen. Morgen ist der für nach ihrer Schönheit die Blüthe der römischen Jugend Dichterphantasie. fremde Damen bestimmte Tag." zu fein.
Nina erhob sich etwas, als sie Ursula erblickte, deren Ursula erwiderte etwas ungeduldig:„ Mein Anliegen Kurze Zeit nur konnte Angelo feine fünftigen Rame- sonst traurige Züge unwillkürlich ihr Erstaunen und ihre ist jener Art, die in Palästen jeden Tag nicht unwillkommen raden betrachten, denn bald erschien die Signora Nina. Bewunderung über eine so seltene und so bezaubernde ist. Ich tomme, um der Signora gewisse Geschenke zu Das Zimmer war nicht groß, aber es war groß genug, Liebenswürdigkeit aussprachen, die aber, unverblendet durch Füßen zu legen, von denen ich hoffe, daß sie deren An- um zu beweisen, daß die schöne Tochter der Roselli ihren den sie umgebenden Glanz, bald ihren gewohnten Gleichnahme genehmigen wird." früheren Traum von Glanz und Pracht ausgeführt hatte. muth wieder gewann, und sich auf das Kissen setzte, auf lub sagt, Signor," fügte der Knabe schnell hinzu, Es war ein Zimmer, das schwer zu beschreiben ist, es welches Nina zeigte, während ihr junger Begleiter in „ daß Angelo Villani, ben die Signora Nina gestern mit schien ein Rabinet für die herrlichsten Kleinodien der Welt tindischer Verwunderung wie angefesselt mitten im Zimmer ihrer Aufmerksamkeit beehrte, kein Fremder, sondern ein zu sein. Das durch Fensterscheiben von gefärbtem Glafe stehen blieb. Nina lächelte, als sie ihn erkannte.