Beiblatt zur Berliner Volks- Tribüne.
№ 48.
[ Nachdruck verboten.]
Nur eine Kellnerin.
Bon
Sonnabend, den 30. November 1889.
und starrte in das schweigende Dunkel niemand, niemand!...
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III. Jahrgang.
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und griff nach ihren Kleidern. Sie wollte fort. Hinaus! Sie vermochte es nicht zu ertragen. Sie sprang auf Fort von hier! Einerlei wohin!
Da mährend sie dalag und ihr alles wieder einfiel und der Morgen immer klarer in's Zimmer fiel Da war nicht ein einziger, für den sie ihrem Handeln da drang plößlich durch die helle Stille ein lautes, aufnoch irgend einen Zwang hätte auferlegen mögen.. kläffendes Bellen an ihr Ohr, und in athemlosem Entsezen Mochten sie alle von ihr denken, was sie wollten! Was richtete sie sich jäh in die Höhe. Der Hund da war hatt es ihr genügt, dies Alleinstehen unter den anderen? er wieder! Sie lauschte in bebender Spannung. Es dau= Wer bewies ihr denn Achtung? Kein Mensch! Sie war erte fort. Ganz diefelben langgezogenen, schrillen, nervenMarl saß wieder auf ihrem gewohnten Platz, in die die Kellnerin, das verachtete Mädchen, welches sich selbst erregenden Laute, wie an jenem Morgen. Sie warf fich harte Sophaecke gedrückt und fah vor sich hin. Ihr war unter den Strich gestellt hatte, welchen die Ehrbarkeit nieder und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. in der letzten Stunde plößlich ein Gedanke aufgestoßen, zwischen sich und die anderen" gezogen hatte. Zum ersten Aber es half nichts. über welchen sie nicht hinwegkonnte. Sie mußte immer Male wurde ihr dies völlig klar. Sie hatte bisher alles daran denken, aber sie konnte sich nicht mehr recht befinnen, um sich her mit ihrem eigenen Blicke betrachtet. Nun sah was es eigentlich gewesen war. Sie war so müde, daß sie auf einmal alles mit den Augen der andern, und alles fie sich schon im nächsten Augenblick nicht mehr auf das hatte sich plötzlich verschoben und erschien ihr in anderem befinnen konnte, woran sie noch eben gedacht hatte. So blieb sie sitzen, apathisch und still, bis sie gemahnt wurde Sie fühlte in diesen Stunden keine Schmerzen und von ihrer Wirthin, in's Bett zu gehen. Sie wäre am keine Müdigkeit. Fest in die Kissen gepreßt lag sie da liebsten hier fizzen geblieben. Sie wußte, sie würde nicht und bis in das Leinentuch, um vor Verzweiflung nicht schlafen können. Die Gedanken würden wiederkommen, aufschreien zu müssen und ihre Wirthin zu wecken, welche und die Angst, und die Schmerzen in der Brust... so leicht schlief und für welche der Schlaf so kostbar war Aber sie mußte sich doch zu Bett schleppen. Sie schlief indessen etwas, wenn auch nur eine Stunde. nach der schweren Arbeit des Tages. Und Marl dachte immer weiter. Dann wachte fie plößlich auf, von Durst gequält und mit heftigen Stichen in der Schläfe. Sie griff mit der Hand nun alles vor ihr! Alles hätte anders sein können. Wie trostlos lag nach dem Wasserglase neben ihr am Bett und trank. Es freisten immer um eins, aber sie wurden immer verworreIhre Gedanken verwirrten sich; fie war nur ein Schluck noch im Glase und er vermehrte nur ner und famen ihm nicht näher. Nur ein dumpfes, halb noch ihren Durst. Aber eher wäre sie erstickt, als bis sie klares Gefühl schrie ihr fortwährend zu: das, was du für fich ermannt hätte aufzustehen.
Lichte.
Und während sie sich ankleidete, durchzuckte jäh ein Gedanke ihre Stirn, welcher ihr bis dahin ganz fern gelegen hatte. Wie, wenn sie zu Hans Grüßmeyer ginge? aufhörlich verfolgt von jenem Bellen. Das war das EinSie dachte in fliegender Eile weiter, immer und unzige, was ihr noch übrig blieb. Dieser Mann war der Einzige, der ihr geholfen hatte, der sie geliebt hatte, dem fie vertraute!
Wenn sie hier bliebe, würde es doch in wenigen Tagen wieder beginnen, das Elend, welches ihr jede Kraft ge= nommen hatte, es auch noch einen Tag länger zu ertragen. behalten, bis sie genesen war- und Aber Hans würde ihr helfen und rathen, und sie dort
Sie dachte alles in stürmischer Hast durch. Etwas
Sie schloß die Augen, um wieder zu schlafen. Aber als eine hochmüthige Ueberhebung über deine eigene Natur, gekommen, und ließ sie diesen Gedanken festhalten und Sie schloß die Augen, um wieder zu schlafen. Aber gesundes Gefühl gehalten hast, ist nichts weiter gewesen, von ihrer alten Kraft und Energie war wieder über sie es war umsonst. Sie wußte ganz gut, daß sie nun bis welche nun dies alles von sich abgeschüttelt und ihr Recht verfolgen. Sie dachte nicht daran, wie thöricht und verzum Morgen wachen mußte. Sie glaubte übrigens länger verlangt hat. Nicht einmal das Bewußtsein blieb ihr, zweifelt er war, sie überlegte keine Folgen, sie wollte nur geschlafen zu haben, als es der Fall war. Ihre Schmerzen daß sie wahr gewesen war. Nein, sie wußte jetzt sogar, gerettet sein. Und dazu gab es nur noch diesen einen in den Schläfen ließen nach. Aber da kamen die Gedanken daß sie sich selbst fortwährend belogen hatte, und es däm Ausweg. So stand es bei ihr fest. Jeßt, jetzt brauchte wieder, wie die Spinnen aus allen Ecken des halbhellen merte ihr auf, daß wahre Sittlichkeit nicht darin besteht, fie Liebe! Und jetzt wollte sie Liebe geben!. Zimmers und krochen an den Bettrand empor und in die die gesunden Regungen der Natur in den albernen, wahnStirn hinein, und singen an zu bohren und zu wühlen, wißigen Ansichten eines franken, unnatürlichen Sittengesetzes wahllos und unordentlich und band es zu einem Bündel. Sie raffte zusammen, was ihr in die Hände kam, unablässig und quälend. Und auf einmal fiel Marl wieder ein, was es gewesen war, was sie vorhin, als die Dann griff sie nach ihrem Gelde. Es mußte reichen bis Wirthin mit ihr gesprochen hatte über den Herrn, durch welcher nie über die Stunde, nie über den engen Kreis Sie ahnte das nur. Ihr kleiner, beschränkter Geist, dahin. Dann hatte sie nichts weiter nöthig. zuckt hatte. Da war er wieder, der Gedanke Mit fürchterlicher Klarheit und Nüchternheit stand er unsicher, halb angstvoll an all diesen Vorurtheilen, und sie nicht gehen lassen! Recht leise, damit keiner geweckt Sie ließ ihrer Wirthin ein paar Zeilen zurück in ihres armen Lebens hinausgesehen hatte, taftete nur halb ihrer großen zitternden Schrift. Nichts sagen- sie würde nun wieder vor ihr: daß es zwecklos gewesen war, so suchte vergebens nach einem Ausweg. Aber wenn in diesen rein zu leben, wie sie versucht hatte sich zu erhalten in Stunden eine andere Leidenschaft ihr genaht wäre, ſie würde. täglichen Kämpfen und in tropigem Stolz! Wie zusammen wäre ihr willenlos erlegen. gebrochen war alle nlöklich, Wozu hatte sie to get wäre ihr willenlos erlegen. Denn sie wußte gar nicht gelet: mehr: was wat we we
zu ersticken..
Sie war fertig. Da wollte ihr der Muth sinken. Aber das Bellen schreckte sie wieder von neuem auf,
Für wen eigentlich? Weshalb hunt fe nicht das gethan, Günde und was war Wahrheit war Unrecht, was war melches fie in den letzten Minuten ganz vergessen hatte. was alle anderen auch gethan hätten? Sie hätte lachen nicht mehr wissen, sie wollte leben, leben! Es tuntmerte sie noch einmal an den anty and seene, was to mögen vor dumpfer Verzweiflung. Aber sie konnte ja fich ja doch kein Mensch um sie, ob sie lebte, oder ob sie der linken Hand fest ihr kleines Bündel hielt, auf das nicht mehr, weder lachen, noch weinen. Es war ihr alles starb, ob sie rein oder entehrt war. Und im Grunde war Papier noch: Vielen, vielen Dank für alles!" so grenzenlos gleichgültig geworden. es auch egal, ob sie sich des Abends da draußen auf der Sie sah sich noch einmal um. Sie hatte das Gefühl, So plößlich fiel dieser Gedanke wieder in ihr Bewußt Straße herumtrieb und in Sammet und Seide ging, oder als habe sie etwas Wichtiges vergessen. Aber es war sein zurück, daß er sie willenlos mit sich fortriß. Sie ob sie sich in dem elenden Loch abquälte für die paar wohl nichts. Fort, nur fort! Jeden Augenblick konnte wußte, es lag etwas Wahres in ihm; und dies Wahre Pfennige Trinkgeld, und dort die Rohheiten und Gemein- jemand kommen.
standen war dieses Bewußtsein ganz langsam, nach und
drängte sich ihr auf und nahm sie gefangen. Aber entheiten mit anhören mußte, oder ob sie wieder nach Hause Sie glitt die Treppe hinunter. Der Schlüssel in der nach, in den letzten Wochen während der einsamen Stunden ging, und sich von dem schändlichen Weibe prügeln ließ Hausthür ging so schwer; sie mußte beide Hände zu Hilfe und von neuem das Elend ihres Schwächlings von Vater nehmen, um ihn umzudrehen. Das Schloß sprang flirrend der Krankheit, in welchen ihr auch so manches andere näher mit ansah-- aber nein, daran wollte sie nicht mehr zurück. Sie riß die Thür auf und machte sie schnell wiegerückt worden war, was ihr bis dahin ferner gelegen denken, damit wenigstens war sie fertig. Lieber tausend- der hinter sich zu.
hatte.
Nun hatte sich alles, was sich in ihr angesammelt
hatte an halben Wahrheiten, halben weifeln und halben
Gefühlen auf fie geworfen und hatte sie überwältigt. Sie krallte die Finger tief in die Bettdecke. In die sem Augenblicke hätte sie sich jedem hingegeben, der her
mal sterben, als das noch einmal!
Der Sturm ihrer Sinnlichkeit hatte sich gelegt. Sie
Wenn mich nur niemand hört," war ihr einziger, Als sie draußen stand, fühlte sie erst, wie schwach fie
war wieder zurückgesunken in die Theilnahmlosigkeit der fortwährender Gedanke,„ und mich zurückholt-" legten Wochen. Aber sie war in dieser Nacht eine ganz war. Sie eilte aber trozdem hastig die leere Straße hin= andere geworden. Alle ihre Anschauungen hatten sich geändert, alles lag unter. An der Ecke stand ein Wagen; der Kutscher schlief. Sie rief ihn nach kurzem Besinnen an. eingetreten wäre und nach ihr verlangt hätte. Jedem vor ihr in anderem Licht, und in ihr Herz hatte sich der Sie rief ihn nach kurzem Besinnen an. " Ich will zum Bahnhof," sagte sie. für nichts! Sie fühlte, daß sie sich selbst auf das Haß gesenkt, dieser seltsame Bruder der Liebe, dies urSchmählichste betrogen hatte, um alles: um ihre Jugend, wüchsige Kind des Rechtsgefühls, diese einzig wahre Regung auf die nun hin war, um ein Glück, daß sie nie beseffen, und des Menschenherzens, welche in die eine Seele den Schatten, auf daß sie nun dafür wieder um ihr einziges betrogen worden und in die andere das Licht wirft, den Haß, welche himwar: um ihren Stolz. Was an Sinnlichkeit in ihr lag melhoch die Liebe überragt, wie das Gefühl den Gedanken, Sie mußte sich selbst den Schlag öffnen. Als sie endund was fie so lange nicht hatte beachten wollen und mit und welcher die scheußlichste Frevelthat und die edelste übermenschlicher Anstrengung erstickt hatte, es brach nun That der Ueberzeugung mit ganz den gleichen Mitteln lich saß und der Wagen fortrollte, kam eine Art dumpfer Betäubung über sie; so saß sie bewegungslos und halb hervor aus dem kranken, elenden Körper und verlangte gebärt.
Der Kutscher richtete sich mürrisch auf und blinzelte sie nieder. sie nieder.
" Zu welchem Bahnhof denn?"
Sie nannte ihn den Namen der Stadt.
mit seiner ganzen Ungestümheit sein Recht. Ja, sie sehnte Marl wußte jeßt, was Leben heißt: daß die Schwere schlafend, bis der Wagen hielt.
Marl hat sich nie mehr daran erinnert, was fich geradezu darnach, in dieser Nacht in den Armen eines und Härte des Lebens nicht in der Schwere und Härte Mannes zu liegen, und alles kennen zu lernen und alles der Arbeit, sondern in der dumpfen Angst, welche es mit an diesem Tage mit ihr vorgegangen ist. Sie wußte noch, daß sie den Kutscher bezahlt und selbst zu genießen, was sie so oft geahnt hatte in wüsten jeder neuen Erkenntniß in das Herz gesenkt, besteht. Träumen, in scheuer Begierde und in schreiender Sehnsucht; Sie war in einen halben Schlummer gefallen; aber sich ein Billet genommen, und daß sie dafür fast ihr alles, von dem sie so oft hatte sprechen hören in halben er war so leicht und unstät, daß sie fühlte, wie die ganzes Geld hingegeben hatte; daß sie dann im Waggon Worten, in zynischen Andeutungen, in unterdrückten Seuf- Schmerzen in ihrem Körper wieder begannen. einer grobschrötigen Frau mit einem stillen, häßlichen zern; was sie gelesen hatte in langen, gierigen Blicken, in Es war fast Morgen, als sie ganz erwachte. Die Kinde, dessen Augen entzündet waren, gegenübergesessen halbverstandenen Bewegungen, in seltsamem Lachen; alles, graue Wirklichkeit trat wieder vor sie hin und sie dachte hatte und daß ihr diese von ihrem Essen mitgetheilt und was fortwährend nach ihr über die Mauer gelugt hatte, jetzt nicht mehr daran, ob ihr Denken und Handeln gut ihr viel erzählt hatte; daß diese gutmüthige Frau ihr dann mit welcher sie sich in ihrer stolzen Reinheit so kühn um- oder falsch war, sondern ob sie heute noch von ihrem gesagt habe, wo sie aussteigen müsse, und daß sie dann geben hatte und hinter welcher sie sich so sicher geglaubt wenigen Gelde zu leben imstande sei, oder ob sie auch den anderen Menschen nachgegangen war, worauf sie auf hatte. Ja, alles, alles!. heute Appetitlosigkeit heucheln sollte, um für morgen einen einen ziemlich leeren Plaz vor dem Bahnhofe gelangt war, Wofür hatte sie sich denn bezwungen bis heute in Bissen mehr zu haben, oder ob sie nicht auch noch zu und das Schild eines Gasthauses gelesen hatte. Dann, daß ein schmußiger Kellner fie in das Zimmer gebracht diesem unausgesetzten, bitteren Kampfe, in dem sie nicht schwach dazu sei. einmal Siegerin geblieben war?- Waren diese Menschen Und jetzt fiel ihr auch auf einmal wieder Hans Grüß- hatte, in welchem sie jetzt war. Alles andere hatte sie vergessen; der ganze, lange Tag schien gar nicht von ihr alle, von denen sie umgeben war, es denn überhaupt werth meyer ein. gewesen, daß fie, um von ihnen geachtet zu werden, so ge- Ihre Gedanken flüchteten aus der Noth und der erlebt zu sein; fie mußte alles halb besinnungslos gethan lebt hatte? Ob sie von Menschen, wie diese alle waren, Angst wieder zu ihm, der ihr in letter Zeit immer wie haben, in einer unbewußten, dumpfen Stumpfheit. Sie ge- oder verachtet wurde, konnte ihr das nicht im Grunde der einzige Fleck festen Landes gewesen war. Da dachte wußte nicht mehr, woran sie gedacht hatte; sie hatte sich genommen völlig gleichgültig sein? Von Menschen, vor sie auch plößlich daran, daß sie ja Geld genug habe weder gefreut noch geängstigt, Hans Grüßmeyer wiederdenen allen sie selbst nicht die Spur Achtung hegen konnte? hatte sie denn ganz vergessen, daß er ihr gestern Abend zusehen; nach dem plößlichen, nervösen Aufraffen am MorEs war so bitter, dies Denken, aber es riß fie fort und Geld gesandt hatte?- Gestern Abend?- Ja, was war gen war eine lange, dämmernde Gleichgültigkeit gefolgt, welche sie völlig der Wirklichkeit entrückt hatte. fie lag da mit aufgerissenen Augen und trockenen Lippen denn alles gestern Abend gewesen?
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