IfiHiiit M Äerliiler Uolks Tribüne.
M 18.
Sonnabend, den 3. Mai 1890.
iv. Jahrgang.
Machdruck ottbotett.] Existenzen. Von John Henry Mackay . (Schluß.) Er war still und sah mich an. Mir graute. Was er eben gesagt hatte— diese Szene—„Das ist scheußlich—" konnte ich nur sagen.„Sie hat Dich geliebt— sie wurde entehrt, sie entehrte nicht sich selbst. Aber das hast Du gethan, indem Du Dein Leben so weggeworfen hast, in solchem Tagwerk." Es kochte in mir. Er war vielleicht etwas bleicher geworden. Aber mit voller Ruhe sagte er: „Du kannst Dir jede Bemerkung ersparen, brauchst weder sie zu entschuldigen, noch mich anzuklagen. Ich habe zu büßen, und Du weißt nicht, wie. Oder glaubst Du, ich wüßte das Alles nicht? ich müßte nicht an dieser Stunde tragen, an meiner unsühnbaren Schuld, bis es auch mit mir zu Ende ist? Aber Rechenschaft wäre ich nur ihr schuldig!" „Du hast sie doch wieder gesehen?" „Nein, ich habe sie nie wieder gesehen!" „Das ist schrecklich!" „Es ist mehr wie schrecklich. Es macht mich wahn- sinnig. Weiter, weiter!" Er erzählte weiter, monoton und leiser. --„Ich lag halb besinnungslos stundenlang da. Allmählich nur kam mein Denken wieder. Ich ging zu ihr— mit einem Herzen voll Liebe und Reue. Natürlich — Alles zu spät! Sie halte ihre wenigen Sachen gepackt; fast nichts gesprochen; ihrer Wirthin das Wenige bezahlt, was sie schuldig war, und war fortgefahren. Dann ging ich zu einer der Sängerinnen, von der ich wußte, daß sie gegen Hedi immer am Freundlichsten gewesen war. Sie war eben aufgestanden und lag aus ihrem Sopha. Von ihr erfuhr ich Alles. Nun höre zu! Also sie erzählte. Sie waren Alle eingeladen worden, am vergangenen Abend, von einer großen Anzahl Herren, die durch die Hinterthür gekommen waren, weßhalb ich sie nicht gesehen hatte. Neben Hedi habe sich ein alter, abgelebter, widerlicher Mensch gesetzt. Sie sei ausgeregt gewesen, habe mehr getrunken, wie sonst, und sich auf jede Weise gegen den Menschen gewehrt. Aber es sei aus der Kneiperei allmählich eine Orgie großen Styls ge- worden. Champagner— eine Batterie nach der anderen. Endlick seien sie Alle zusammen ausgebrochen. Hedi sei, wie sie Alle, ziemlich betrunken gewesen, und wie jede, mit ihrem Herrn fortgefahren. Wohin?— ja, das wisse sie nicht. Aber es sollte ihr leid thun, wenn„etwas passirt wäre." Und so sagte sie tröstlich:„An uns Anderen ist ja Nichts zu verderben. Aber Hebt— wir hätten auf sie achten sollen— aber wir halten Alle so viel getrunken— und Keiner wußte mehr, was eigentlich vorging." Dann suchte sie mich zu trösten,„Früher oder später hätte es ja doch kommen müssen— aber der Mensch sei so widerlich gewesen." Ick konnte es nicht - mehr ertragen. Ich eilte hinaus. Nichts als der schrecklichste Haß in mir! Rächen— an irgend einem Menschen! Ich ging in das Lokal und ließ den Wirth rufen. Als er kam schlug ich ihn in Gegenwart seiner Kellnerin in dem- selben Zimmer, welches noch die Spuren der Nacht aufwies, in's Gesicht, ohne ein Wort zu sagen. Dann ließ ich die schreienden Menschen hinter mir und ging nach Hause. Hätte ich den Verführer Hedi's unter meinen Händen gehabt, ich hätte ihn erwürgt wie einen Hund!—— — Große Schmerzen verleiten nie zum Selbstmord. Nur die Fülle von kleinen, oder die Aussicht aus diese. Ich lebe noch, wie Du siehst— und ganz wie früher. Schon einige Tage darnach— ich war in einen anderen Stadttheil gezogen— spielte ich in demselben Lokal, in dem ich jetzt noch bin." Und wieder schwieg er. Wie vor mich hin, flüsterte ich:„Und wo mag sie jetzt sein?" Da drang mir sein gellendes Lachen in's Ohr: „Wo sie ist, meinst Du? Ich kann es Dir sagen: auf der Straße wahrscheinlich— vielleicht auch in einem Bordell— auf einer der letzten Stufen— da ist sie jetzt!" Mir schauderte. „Du glaubst, daß sie an jenem Abend zum ersten Mal—" „Ich weiß es. Sie ist gefallen, weil sie besinnungs- los war.— Du glaubst wohl, eine solche Gemeinheit sei undenkbar?— Das kommt alle Tage vor. Und was ist denn auch daran? Eine mehr oder weniger. Einmal geht es ihnen Allen so. Aber daß es gerade diese sein mußte! Sie hat sich gewehrt, gewehrt wie eine Ver- zweifelte. Doch sie war aufgeregt gerade an diesem Abend, sie sehnte sich nach mir— sie wollte ihre Liebe betäuben—" Unglücklich wären wir doch Beide geworden. Aber wir wären dann noch einmal wenigstens Beide ganz glücklich gewesen— Und plötzlich warf er sich mit dem Oberkörper über den Tisch hinüber, daß die Gläser umfielen, barg sein Gesicht in den Händen und stöhnte auf wie ein wildes Thier.
„Ich habe sie geliebt!— Ich habe sie geliebt!— Ich habe sie geliebt!" wiederholte er dreimal fast schreiend. Es klang wie wahnsinnig durch die Stille um uns. Ich konnte es nicht mit ansehen und stand auf. Ich wußte mir nicht zu helfen, und legte ihm nur leise meine Hand auf die Schulter. Da fuhr er empor und sah mich an. Ich habe diesen Blick nie vergessen. Es lag mehr wie Haß in ihm. Aber schnell veränderten sich seine Züge, wie ein Blitz. Er lachte auf, während noch immer der Schmerz um seine Lippen, um seine Augen lag. „Aber was mache ich denn", lachte er auf.„Was ist denn los?— Fülle doch eben einmal die Gläser, willst Du?"— Ich that es. Als ich an den Tisch zurückgekehrt war. hatten seine Züge den alten, müden, gleichgültigen Ausdruck angenommen. Ich sah aber doch, was in ihm vorging. Er bereute seine Offenheit. Schweigend saßen wir uns noch einige Minuten gegen- über. Dann leerten wir unsere Gläser schnell und gingen. Auf der Wanduhr wies der Zeiger die vierte Morgen- stunde. Ich suchte vergebens nach einem Wort, das ich ihm noch zuletzt sagen wollte, wie dankbar ich ihm für sein Vertrauen war. Aber ich fand es nicht. So stand ich wartend auf ihn, der die Hausthür abschloß, und schweigend drückten wir uns die Hand und schieden von einander. Aber als er mich verlassen hatte, und ich langsam den Weg nach Haus durch die toten Straßen ging, überfiel mich eine solche Müdigkeit, daß ich stehen bleiben mußte und mich anlehnen. Ich war wie zerschlagen und fühlte erst jetzt, wie mich seine Erzählung erschüttert hatte. Als schwebe über mir— dicht über meinem Haupt— ein dunkles, abwendloses Geschick, das jeden Augenblick zer- malmend auf mich niederfallen müsse— so war es mir. Vor meinen flimmernden Augen flössen alle Szenen, welche in der vergangenen Nacht vor mich hingestellt waren, ineinander— Hedi— Paul— und ich fühlte mich mit hineingezogen in die Kreise ihres verlorenen Löbens.... Noch in meine Träume reckten sie sich, düster und unabweisbar, und erst, als ich am Mittag erwachte, be- gannen sie, sich scharf von dem nüchtern- hellen Hintergrunde eines kalten Wintertages in meinem Denken abzuheben. IV. Den ganzen Tag über oachle ich nur an ihn. Er hatte mir sein Vertrauen geschenkt, und mir damit eine Pflicht auferlegt— die, auch gegen ihn wahr zu sein. Das wollte ich am Abend, wenn ich ihn wiedersah. Ich wollte versuchen, ihn einem Leben zu entreißen, welches seiner unwürdig war. Wie lächerlich ich ihm damit er- scheinen mußte, daran dachte ich nicht mehr. Und als ob er ahne, was ich vorhatte, was das Erste, was er zu mir sagte, als wir um elf Uhr— ich war erst ganz kurz vor- her gekommen— vor der Thür des Tingel-Tangels standen und ich ihn fragte, ob wir in unsere Kneipe gehen wollten: „Es thut mir leid— ich möchte heute Abend früh zu Bett. Ich bin müder als sonst." „Ich hätte gerade heute Abend so gern noch mit Dir gesprochen—" „Es ist wohl besser nicht. Was sollten wir uns denn noch sagen?" antwortete er ruhig, und fügte freundlich hinzu, indem er dann sogleich das Gespräch auf eine ent- fernt liegende Sache wendete:„Aber ich will Dich noch gern ein Stück begleiten." So gingen wir denn neben einander her. Er hatte seinen Arm leicht in meinen gelegt, und wir sprachen über gleichgültige Dinge. Als wir an der Elsässer Straße waren, stand er still. „Willst Du nicht den nächsten Omnibus benutzen?— Weiter möchte ich nicht mit Dir." Wir standen noch einige Minuten zusammen. Dann kam der schwerfällige Wagen heran. „Also auf Morgen?" fragte ich ihn schnell. Er ant- wartete nicht, trat aber noch mit mir zu den Wagen heran, der eine kurze Minute hielt. Dann reichte er mir die Hand hinauf. Der Schein der Laterne fiel auf sein Ge- ficht. Ich sah, wie todtenbleich es war. „Bist Du krank?" fragte ich erschreckt, und wollte wieder herunterspringen. Aber er drückte mich zurück und noch einmal, als schon der Wagen im Fahren war, hörte ich, wie er sagte: „Leb' wohl.— Und vergiß mich!" Und bevor ich mir über den Sinn der Worte noch klar wurde, war er in dem Gewühl der Menschen verschwunden, hatte mich der Wagen schon eine ganze Sirecke weit fortgetragen. Ich sprang sofort ab und eilte ihm nach. Aber nur einige Schritte. Dann kehrte ich um, und ging langsam die Friedrichstraße hinunter. Ich wußte es jetzt, ich hatte ihn verloren. Ich kannte ihn. Das war es, was ihn von mir trennte. Er hatte sich hinreißen lassen, mir den Abend vorher sein Vertrauen zu schenken. Heute schon empfand er es als eine Bürde. Er fühlte sich beeinträchtigt in seiner freien Unabhängigkeit. So schüttelte er mich ab, wie er so Vieles abgeschüttelt hatte. Der Gedanke schon beengte ihn, daß ich ihn kennen sollte, wie kein Anderer. Er konnte es nicht ertragen, ohne Maske mit einem Anderen zu leben.
Das war es. Das war Alles. Ich wußte es, als ich einige Tage darauf wieder in dem Lokal war— er war fortgeblieben seit jenem Abend. Dann ging ich in seine Kneipe— er war nicht mehr da gewesen. Ich sagte der Alten, er würde nie mehr kommen. „Er habe Abschied von ihr genommen", sagte sie,„schon am Morgen nach der Nacht..." Seine Wohnung wußte auch sie nicht. Ich wußte, er war nicht mehr in Berlin . Und dennoch habe ich ihn in den nächsten Wochen überall ge- sucht in einer kümmerlichen Hoffnung. Ich bin in allen Cafe chantants gewesen— in der Friedrichstraße in die ersten Stockwerke hinaus-, und in den anderen Stadttheilen in die Keller hinabgestiegen; überall habe ich nach ihm gefragt— hier und da seine Spur, ihn selbst nie ge- funden. Nun, da ich begonnen hatte, ihn zu lieben, hatte ich ihn verloren. Die Einen streben immer nur hinauf zu den Höhen des Lebens, die Anderen hinunter. Aber Letztere sind es, die sich vertiefen, die ein ruheloser Trieb nicht zum Glück, aber zur Wahrheit führt. Von Paul Jordens habe ich zuerst gelernt, durch den Schleier schöner Worte hindurch die Wahrheit des Lebens zu sehen. Glücklich nur der vertrauende Mensch. Paul Jordens aber ward unglücklich, weil er nie die Kraft— oder die Schwäche?— des Vertrauens besessen hatte, weder auf seine Nebenmenschen, noch auf das Leben, und auch nicht auf sich selbst. Er war nur wahr, und wollte nur wahr sein, und sein Streben ging dahin, es auf die Weise z« werden, welche ihm von seiner Natur vorgeschrieben war. Diese Natur aber kannte nur Unerbittlichkeit und Härte, und nichts von all den tausend schönen, träumenden Lügen, in welche zu flüchten die Guten sich gewöhnt haben. So konnte er nicht gut werden. Aber ist ein reinwahrer Mensch nicht schon etwas so Seltenes, daß er um dessent- willen verdiente, geliebt zu werden?... Reichste Keime— von Anfang an verzerrt; wuchernde Ranken— nie beschnitten; eine brachgelegte Kraft.... Aber immer noch eine wirkliche Kraft der Persönlichkeit, wie ich wenigstens sie nie wieder so getroffen habe. Darin lag der Zauber seiner Natur; in diesem gänzlichen Bei- seiteschieben jedes Fremden. So steht er noch immer vor mir. Glücklich nur der vertrauende Mensch?— Es ist wohl so. Aber woher sollte sein in Allem getäuschtes Leben die Fähigkeit nehmen zu vertrauen?— Woher? Ich habe Paul Jordens bis heute nicht wiedergesehen. Er wird gänzlich untergegangen sein in dem Wirrsaal seiner trüben Tage. Ich denke mit Wehmuth an ihn zurück. Aber immer und immer wieder seit jener unvergessene» Nacht sah ich mit immer klarerem Auge um mich die ungeheuere Gemeinheit alles Lebens, der von uns Allen kein Einziger ganz entgehen kann, wenn er wirklich mensch- (ich fühlt und menschlich handelt.
Die Schulreformbestrebungen des Sürgerthums. n. v.-n. Die radikale Richtung mit ihrer entschiedenen Ablehnung einer das Alterthum in den Kreis ihres Unter- richtes ziehenden Schule und mit ihrer Betonung des Nützlichkeitsprinzipes geht von dem flachen, im Produktions- prozeß der bürgerlichen Epoche großgezogenen Moralbegriff aus, welcher in dem Grundsatz ausgedrückt ist: Nur der Nutzen ist der Maßstab des Vernünftigen und Sittlichen. Und da diese mit dem Strome der kapitalistischen Epoche fröhlich schwimmenden Vertreter der bürgerlichen Intelligenz den leidigen Adam nicht ablegen können, verstehen sie natürlich unter Nutzen nur denjenigen, welcher aus direktem oder indirektem Wege sich am Ende in klingendes Metall umsetzen läßt. Die Schule muß in den Köpfen dieser „radikalen" Vertreter bürgerlichen Klassenbewußtseins na- türlich zum Abbild der herrschenden bürgerlichen Klasse selbst werden, an deren Eingangspforte das Wort: Kapital- anhäufung in goldenen Buchstaben leuchtet. Daher soll die Schule nach den Forderungen dieser Vertreter einer radikalen Reform nur dasjenige lehren, was dem späteren Mann für das Emporsteigen auf der Staffel bürgerlichen Reichthums und büreaukrattscher Hierarchie förderlich ist; alles, was darauf keinen Einfluß übt, wird als Ballast betrachtet. Die literarische Kenntniß des Alter- thums nützt dem Industriellen und Kaufmann, dem Arzt und praktischen Juristen, dem Techniker und Naturwissen- schaftler in der Ausübung ihrer Berufsthätigkeit keinen Pfifferling, folglich hinaus mit diesen Disziplinen aus der„modernen" Schule! Dagegen bedarf es im Zeitalter des internationalen Handels für fast alle Berufe in der herrschenden Klasse der Kenntniß der modernen Kultur- sprachen, daher sollen die französische und englische Sprache und Literatur als souveräne Sprachen in der reformirten Schule herrschen. Das Zeitalter der Maschine verlangt von jedem, welcher theilnimmt an dem induflriellen Wett-