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Nr. 65.
Donnerstag, den 18. März 1886.
III. Jahrg.
Berliner Volksblatt.
Drgan für die Interessen der Arbeiter.
erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Fefttagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's baus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 85 f. Boftabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags Nummer mit illuftrirter Beilage 10 Bf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreislifte für 1886 unter Nr. 769.)
Redaktion: Benthstraße 2.
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Abonnements- Einladung.
Unser geehrten auswärtigen Abonnenien ersuchen wir höflichst, das Abonnement pro 2. Quartal 1886 auf das » Berliner Volksblatt"
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Illustrirtes Sonntagsblatt"
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Der Abonnementspreis für das„ Berliner Volksblatt" beträgt nach wie vor 4 Mark pro 2 Quartal 1886
bet allen Reichspoftanstalten.
Die Expedition des Berliner Volksblatt". Berlin SW., Bimmerftraße 44.
Offiziüses Gaukelspiel.
Unter den mancherlei interessanten Dingen, auf welche unfere Offiziösen in der legten Zeit ihre Aufmerksamkeit haben richten müssen, ist der neuliche Wahlfieg der Sozialdemokraten in Sachsen besonders zu beachten.
Jufertionsgebühr
beträgt für die 4 gespaltete Betitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pfennige. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Libe Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Simmerstraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.
Expedition: Zimmerstraße 44.
sucht sich zu trösten damit, daß bei einer Einzelwahl die fozialdemokratische Partei ihre Kräfte konzentrire, was dann zu einer Ueberraschung geführt habe.
Grade als ob die vereinigten Ordnungsparteien" nicht gleichfalls ihre Kräfte tonzentrirt und alle Macht aufgeboten hätten? Selten hat der Kandidat irgend einer Partei in etnem Wahlkreis seine Pferde und die eigene Lunge so an geftrengt, wie der Randidat der vereinigten Ordnungsparteien, der Fabrikbefizer Herr 3schierlich.
Nach einigen allgemeinen Ergüssen seines Mergers wendete sich dann das Ranzlerblatt mit grimmer Wuth gegen die Volkszeitung", welche von den vorläufigen ge. meinsamen politischen 3ielen der wahr. haft Liberalen und der Sozialdemokraten gesprochen hatte:
finben.
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Die Hauptsache für beide Parteien bleibe, daß die regierungsfreundliche Stimmenzahl immer mehr und mehr zur Minorität herabgedrückt werde. Der sozialdemokratische Sieg sei also ein liberaler Gewinn. Wenn wir diese Neußes rungen intereffant finden, so gewiß nicht deshalb, weil ein Organ des demokratifirenden Bürgerthums den Muth oder die Naivetät besißt, angesichts neuester Vorkommnisse in anderen Ländern, die Sozialdemokratie harmlos als bloße 3u kunftsmusik zu behandeln, um welche man fich vorläufig fo wenig zu fümmern habe, daß es gar nicht darauf ankomme, ob man selber zur Erefutirung dieser Mufit vorbereitende Das Ranzlerblatt hat sich erst spät von seiner Ver- Hilfe leiftet; das Erschreckende in den Auslassungen des blüffung über diese kleine Ueberraschung erholt. Es wollte bez. Organs liegt aber darin, daß es dieselben nicht wagen zuerst gute Miene zum bösen Spiel machen und begnügte würde, ohne die Ueberzeugung zu haben, für dieselben fich mit der einfachen Mittheilung des Resultats. Als aber in weiten Rreisen bereite Aufnahme zu manche oppofitionelle Blätter mit besonderem Nachbrud be Und leider kann man ihr die Berechtigung zu fonten, der gewählte Sozialdemokrat sei der erste von biefer Ueberzeugung nicht bestreiten. Wenn die Volks dem vom Fürsten Reichstanaler selbst 3tg." ben fozialdemokratischen Sieg feiert, weil baburch die gewünschten dritten Dugend der fosial. Oppofition gestärkt werbe, so weiß fie, daß ein großer Semokratischen Fraktion im Reichstage, Theil der Bevölkerung die Opposition lediglich als Sport ba wurde das offiziöse Blatt unruhig, wandte sich hin und betreibt und in ihr die Befriedigung politischen Selbstbe ber, machte einige biffige Bemerkungen, tam aber zu keiner wußtseins gewinnt, ohne danach zu fragen, in welchem Um bestimmten Entscheidung. fange und unter welchem Vorwande die öffentlichen Inter Nachdem aber die Volkszeitung" in Berlin das Wahl- essen geschädigt werden. Und was das schlimmste babei ist: refultat als einen Sieg der allgemeinen liberalen Sache es find nicht blos Parteifanatiker, welche auf den Leim der über die Reaktion begrüßt hatte und als nun gar das Oppofition gehen; das Gros der oppositionellen Wähler Berliner Boltsblatt" sich besonders darüber freute, daß schaft, welche fich für die Fahne Nichter oder Windthorst ber Sieg über einen Ronservativen errungen worden anwerben läßt, rekrutirt sich aus Leuten, welche gar nicht fei und es für erftrebenswerth erklärte, daß auch die elf aus irgend welchem Grunde Gegner der Regierung find. weiteren vom Reichstanzler gewünschten sozialdemokratischen Sie haben ihren Spaß an der Opposition, weil sie ihn für Wahlfiege über Ronservative gewonnen würden, da wurde ungefährlich halten, und sie halten ihn für unge bem Blatte doch zu eng in seiner Haut und wüthend fährlich, weil sie fest davon überzeugt sind, daß fuhr es los. die Regierung ftets die Einsicht und die Krafi haben werbe, um die schlimmsten Folgen einer Oppofition abzuwenden, welche auf Lähmung der Staats- und Regierungsgewalt geben seines Wittwerstandes zu bewegen. Es fonnte des halb nicht verwundern, daß das hinterlassene Liebespfand feiner feligen Gattin, ein Sohn allein der Obhut der alten Wirthschafterin, Mamsell Grundmann, und der Amme ans heimfiel. Einerseits war Hennings wohl stolz und befries bigt, einen Erben zu befigen, wußte er doch nun, in welche Hände sein irdisches Gut tam, aber er empfand auch keine übermäßige Liebe für den fleinen Edmund. Was sollte der trotz fünfundvierzig Jahren höchst lebensluftige Wittwer mit einem neugeborenen Sproffen beginnen, ba er boch nicht wieder heirathen wollte? Er konnte ferner das Rinder geschrei nicht vertragen und war froh, wenn er durch den Anblick des Knaben nicht an den Ernst seiner Baterpflichten gemahnt wurde und daß er doch eigentlich fein Junggesell mehr fei. Seinen Obliegenheiten gegen Edmund glaubte er überflüssig zu genügen, wenn er ihm eine Wärterin und die nöthigen Lehrer hielt, furz, eine Erziehung Ruhmespalme, nach welcher jeder Ritter von der Düte geben ließ, wie sie für den Sohn eines reichen Mannes eifrigst strebte. Besonders würdevoll sah Herr Jofua fchicklich war. aus, wenn er in weißer Kravatte, an der die goldene Busennabel mit Brillanten funkelte, und dem zimmetbraunen Rod, auf dessen Patten die blüthenweiße Busenkrause spielte, des und das Bambusrohr mit goldenem Knopfe zierlich wie Sonntags in bie Rirche, ober Abends in Gesellschaft ging einen Marschallsstab zwischen den waschledernen Fingern brehte. Ob es für sein Hauswesen ein Glück genannt feine buschigen Augenbrauen auf der faltenreichen, stets bes
Buerst bestreitet es bie symptomatische Be deutung des sozialdemokratischen Wahlsteges. Das Blatt
Feuilleton.
Der Trödler.
Roman von A. E. Brachvogel. ( Fortsetzung)
Hennings war groß, etwas torpulent und von sehr aristokratischer Manier, wenn er nur nicht seine bewichsten Schreibärmel anhatte. Lebhaft im Verkehr, immer lächelnd, einem soliden Lurus nicht abgeneigt, und von dem Bewußtsein seines Steichthums und Ansehens getragen, hielt er stets streng auf" Farbe", wie er fagte, vor Allem liebte er bei seinen Leuten ehrfurchtsvollen Respekt. In seinem Geschäft längere Zeit mit Glück fervirt zu haben, war in
Sein Nachbar und Miethsmann, Justus Schäßlein, der Tröbler, dagegen hatte mit ihm teine Spur von Rehn lichkeit. Justus war flein, sein Körper, wenn auch nicht schwach, hatte etwas Läffiges, Hinfälliges. Er war etwas älter als Hennings, und sein hoher Schädel, über den sich von hinten nach vorn einige Streifen grauer Haare legten,
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abzielt. Dieser leider nur allzugroße Bruchtheil der Bevölkerung, welcher aus der bis jetzt gesicherten Be häbigkeit seines Daseins die Zuversicht gewonnen hat, daß es immer so bleiben müsse, usb sich deshalb bei dem Rampf der Regierung mit Parteten, welche in der Feindschaft gegen die Kräftigung des Reichs ihren Vereinigungspunkt finden, vergnügt die Hände reibt, wird freilich badurch, daß jetzt das dritte Dußend angeschnitten" sei, sich noch kaum ers nüchtern lassen. Es wird noch stärkerer und eins bringligerer Wikigungen bedürfen, be vor jener Theil der Bevölkerung aus feinem Slafwandeln aufgefchredt wird, und wir fürchten, daß diese nicht ausbleiben, vielmehr den bleichen Schrecken auf die feisten Gesichter Derer werfen werden, welche jetzt zu dem guten Wige der Bolts- 3tg." lächeln, die da sagt, man brauche fich ist um den Zukunftsstaat der Sozialdemokratie so wenig zu fümmern, wie darum, ob die spanischen Luftschlösser nach gothischem oder anderem Stil erbaut werden."
N
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So die Norddeutsche Allgemeine Zeitung", der wir nur aufrichtigen Dank für die letzten trefflichen Worte sagen können. Sie kann doch in der That gar nichts anderes mit den stärkeren und eindringlicheren Wißigungen" meinen, als die elf weiteren Wahlstege der Sozial demokraten, welche ihr Patron, der Fürst Reichskanzler, ges wünscht hat. Das Ranzlerblatt darf doch unter keinen Umbas könnte Herrn ständen den Kanzler desavouiren Pindter wohl schlecht bekommen.
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Das Ranzlerblatt will doch am Ende mit seinen dunklen Andeutungen nicht den bekannten blutigrothen Lappen schwingen, um die Philifter, wie der Berliner sagt ,,, fraulich" zu machen? Wir halten in der That nicht viel von bem liberalen und fortschrittlichen Philifter, den Bamberger jüngst so treffend in der Nation" gezeichnet hat. ber Alles nimmt sein Ende und selbst das rothe Gespenst verfließt schließlich auch in Dunst und Nebel. schließlich auch in Dunst und Nebel.
Die reaktionären Blätter haben nämlich seit dem Jahre 1848, alfo feit fast vierzig Jahren, den alten Rohl so oft aufgewärmt, daß selbst ber hasenherzigfte Philifter ihn fatt bekommen hat.
Das Auftischen desselben lohnt sich also nicht mehr ber
Mühe.
Und sollte die„ Nordd. Allg. 3tg.", die ja auf bie Arbeiterunruhen" im Auslande anspielt, am Ende glauben, bie deutschen Arbeiter ließen sich zu Putschen aufheßen, so -mögen diese Aufhezzereien irrt das Blatt gewaltig kommen, von welcher Seite fie wollen.
Die deutschen Arbeiter find viel zu zielbewußt und haben bereits viel zu viel politische Schulung genossen, zu wissen schien, ungesellig und mißtrauisch war, er besaß auch die unangenehme Eigenschaft, herzlich grob, von un bezwinglichstem Sarkasmus zu sein und gegen Jebermann, besonders den Posamentirer, eine nichtswürdig lächelnde Verachtung an den Tag zu legen.
Viele sagten ihm nach, er sei ein Wucherer, der Gelb zu unmäßigen 3insen gegen werthvolle Pfänder und auf knappe Frift ausleihe, er brüde und maltraitire die Armen, welche gezwungen wären, ihre geringen Habseligkeiten an ihn zu veräußern. Andere rebeten wieder ganz entgegen gefeßt, schilderten ihn als einen wohl finstern, spönischen aber durchaus reblichen Mann, ben das Leben hart mitgenommen. So viel war indeß gewiß, daß der Menge Gunft wie Ungunft Herrn Justus schredlich gleichgiltig war und auf sein Geschäft keinen Einfluß übte. Seine
Erfahrung auf den verschiedensten Gebieten des Lebens, besonders bem des menschlichen Herzens, wie seine allge meine Bilbung war nicht gewöhnlicher Natur, und sein Ge schäftsverkehr mit Leuten der verschiedensten Stände schien wieder zu beweisen, daß er mit aller Welt wohl fertig zu werden verstand.
Justus hatte eine Frau, eine häßliche, vergrämte Er scheinung mit großen, überaus frommblidenden Augen und einem Benehmen, das augenscheinlich auf mehr Erziehung und besseres Herkommen schließen ließ, als man bei ihrem Stande vermuthen sollte. Ihre Ehe war keine besonders
werben konnte, daß Hennings nach nur zweijähriger Che wölften Stirn, und die schmalen Lippen, unter der ge- glückliche. 3wei Söhne starben den Schäßleins furz nach Wittmer geworden, mag dahingestellt bleiben, jebenfalls bogenen Nase stets scharf zusammengefniffen, ließen Jeder einander, und als nach längerer Pause eine Tochter ge
schien er den Verlust seiner Gattin leicht zu verschmerzen und fich für das mangelnde Eheglück durch Genüsse der
"
mann glauben, daß er hier einen Spizbuben vor sich habe. Um ben dürren, sehnichten Hals ein braunröthliches, baumwollenes Tuch geschlungen, den Körper in einen defekten
steckt, deren Farbe nicht mehr festzustellen war, so sah man
boren ward, schien dieselbe so flein und schwächlich, des an ihrer Lebensfähigkeit mit Recht gezweifelt werden fonnte. Wie gesagt, es war eine düstere, unheimliche Familie, die
genommen.
Anno 1830 hebt unsere Geschichte an. Es war ein
Tafel, die Gemeinschaft seiner Freunde und öffentliche Vers gnügungen schablos zu halten. Daß er wenig Neigung Schlafrod von grauem Seug gehüllt, welcher mit schwarz des Tröblers, von Jebermann, selbst der Nachbarschaft, ge verspürte, nochmals in's Ehejoch zn friechen, gab er oft und weißem Schafsfell gefüttert war, das etwas schwächs mieden, etwa den alten Handelsjuden Bleichmann aus genug burch die Aeußerung zu erkennen: Ein Junggesell liche Gebein in ein Paar faltenreiche Unaussprechliche ge fei boch das beneidenswerthefte Geschöpf von der Welt." Plaisir, welcher trop feines reiferen Alters den Damen flott die schwarze Manchesterkappe auf dem einen Ohr, die große asiatische Cholera, eine bis dahin unbekannte Krankheit, Töchter um so mannbaren lieber gefallen ließen, als jebe ihren Gegentheil aller Noblesse und Liebenswürdigkeit. Nicht deutschland , besonders zu B...... so toll wie die Pest Reizen genug Kraft zuiraute, um Herrn Josua zum Auf genug, daß er von den Formen des äußeren Lebens nichts vordem in London . Mitten auf der Straße wurden fern
für das
war auf den Kontinent gelommen und wüthete in Nord.