jamoft"Brücke fein. ES ist eine schmale, phantastische Brücke: auf dem Geländer stehen, zu beiden Seiten, Heiligenfiguren. Der Verdacht, daß sich unter ihnen auch der heilige Nepomuks edier der international berühmten Prager , be­findet, erscheint ihm berechtigt. Er findet ihn und machte den naheliegenden.Reim:Zu Prag auf seiner Moldaubruck, da steht der heilige Ne­pomuk; weil man ihn dort inS Wasser warf, er jetzt"da oben stehen darf. Aber die anderen find nicht dort ins Wasser geworfen worden und dür­fen hoch drobenftehen. So ungerecht ist die. Welt. Die Brücke will kein Ende nehmen<datz eS so viele Heilige überhaupt gibt auf dieser klei­nen Erde!), tut eS aber schließlich, vermutlich sehr gegen ihren Willen, doch. Er geht von neuem durch krumme, schräg ineinanderlaufende Gaffen. Sie find leer. Ab und zu taucht ein Echutzmann auf, offenbar mit der dienstlichen Aufgabe, daS Straßenbild zu beleben. Nach dem fünften Mal nimmt der Gast immer Reißaus, wenn er ihn von weftem sieht, oder schlägt den eiligen Gang eines nächtlichen Heimkehrers an, der nach Trockenheit und Bettwärme verlangt. Denn er ist, amtlich gesehen, obdachlos und ohne zureichende Exiftenzmittel, dazu Ausländer, ohne Paß und hat heimlich die Grenze überschritten. Und wer weiß: vielleicht" ist eS immer derselbe Polizist, an dem man nun schon ein paar Mal in dieser Morgenstunde vorübergegangen ist; er hätte genügend Grund, einen Verdacht in sich aufsteigen zu lassen, wenn nym ihm immerzu über den Weg läuft. Kurzum, bis zum Vormit­tag, bis zum Moment, da er sich bei der Polizei gemeldet und um Asyl gebeten hat, ist er für die Behörde nichts als eine Anhäufung von Ver­boten gegen die Vorschriften und muß sich, denkt er, hüten. Er hat längst alle Orientierung verloren. Er gerät an eine andere Brücke; diesmal ist'S eine breite, moderne, geräumige. Er beschließt, über den Fluß zurückzugehen; sicher Hal auf der anderen Seite nicht der gleiche Schutzmann Dienst-. Der Regen läßt nach; er ist mitten auf dem Fluß,.als er ganz aufhört. Er spannt den Schirm ab; die Lust ist herrlich frisch und er- mutigend."Die Brücke ist endlos; schließlich sieht man aber doch Laad. Wie er eS erreicht, sieht er, eS war nur ein kleiner Scherz: eine baumbestan­dene Insel Regt da mitten im Fluß; er hat noch einmal so lang zu gehen, bis die Brücke aufhört. ES ist drei llhr. Der Regenschirm; seit dem Moment, da er nicht mehr nötig ist, tief ver­achtet^ baumelt ihm am Arm und schlägt ihm an die Wade. Es geht wieder durch Gaffen; Stra­ßen werden, gekreuzt: In. den Häusern brennen noch weniger Lichter als vorher. An einer Ecke verkauft einer heiße Würstchen mit Senf. Der Lockung des HotelSzimmerS kann man wider­stehen, den Würstchen nicht. Er kaust sich Würst­chen per Zeichensprache und wird glänzend ver­ständen. DaS Leben sieht jetzt(warme Würste im Magen» wieder rosig aus. Er hat dem Leib einen Gefallen erwiesen,' und die Seele profi­tiert davon. Ein Schmarotzerlebcn, das diese Seele so führt, wenn man's recht bedenkt. Dian spaziert mit neuer Energie weiter und kommt wieder zu der Brücke von vorhin- die man steilich erst erkennt, als man die Insel wieder vor sich auftauchen sieht. Er kehrt um, schlägt andere Richtungen ein. Die Straßen werden heller und breiter; eS ist Schluß mit den winkligen Gaffen- Mädchen stehen verfroren und müde herum und sprechen ihn an. Er versteht nicht, was sie sagen, aber waS sie meinen. Es ist überall dasselbe. Rächte in Toulouse fallen ihm ein, die warmen Sommer­nächte; er liegt im Best: der Himmel ist rötlich

über den Dächern, der Schein kommt von der Place Wilson, dem Zentrum der Stadt, und von unten herauf klingt das Trapptrapp der patrouillierenden Mädchen. Es hat etwas tie) Deprimierendes, Entmutigtes und Entmuti­gendes. Mit einem Mal gerät er in eine Straße; voller Wagen. Beladen mit Gemüsen, Kartoffeln und anderem ziehen sie in langer Reihe in glei­cher Richtung und biegen an der Ecke ein. Der Aufmarsch für den Markt; der Tag kann nicht mehr fern sein. ES ist taffächlich schon vier Uhr. In einer Straße, die auf der einen Seite an einen Past grenzt, ziehen sie auf und protzen ab, nach dem Reglement, wenn auch in zivilem Tempo. Der Wagenzug trottet daher, eine lange Reihe; einer anch dem anderen biegen die Wa­gen, wie sie" ankommen, in die Frontlinie ein, laden ab; wenn der Tag kommt; find sie bereit, auf die Attacke des Publikums gefaßt. Sie bie­ten dem Feind wohlgerüstet ihre Stirn. Bereit­sein ist alles. Der Mann defiliert die Front entlang, läßt die Batterien dahinten und verliert sich von neuem in Straßen. ES sieht schon aus, als wollre sich daS Dunkel in diffuses, noch ungreifbares Grau auflösen. Er hat allmählich jenen unange­nehmen, abgestandenen Geschmack im Mund, der die Folge durchwachter Nacht ist; die Augen sind

Thomas Paine Ein Vorkämpfer des Sozialismus und der Demokratie P. R. Ein seltsamer Zufall will eS, daß ge­rade heute, da die friedliebenden Demokratien Europas mehr denn je die beste Abwehr gegen die faschistische Kriegsgefahr in einer engen Zu­sammenarbeit der drei Großmächte England, Frankreich und USA erblicken, diese drei Län­der unabhängig voneinander den zweihundert­sten Geburtstag der Mannes feiern, den sie als den Vorkämpfer der sozialen Freiheit, der De- mostatie und der Menschenrechte betrachten. Dieser Mann ist ThomaS Paine . Amerika sieht in ihm den Helden deS Unabhängigkeitskrieges, den Vorkämpfer sozialer Gerechttgkeit. Für Frankreich ist Paine der glühende Verteidiger bzB Dritten Standes, dem man die politische Gleichberechtigung und daS allgemeine Stimm­recht verdankt. Und England, PaineS Vater­land, wo er am wenigsten praktische Erfolge zu Lebzeiten zu verzeichnen hatte, verehrt in ihm den Märtyrer der Menschenrechte. Wie konnte eS kommen, daß ein Mann in drei verschiedenen Ländern eine so hervorragende Rolle spieleii konnte? DaS Leben und Wirken ThomaS PaineS ist ein BetveiS dafür, daß die großen Probleme und die großen Ideale nicht an den Grenzen der Nationen Halt machen, und gerade in der heutigen Zeit, da wir in Spanien

Mauer zu schlagen, die einen von dieser Stadt trennt, einem den Funken Zuversicht ins Herz zu träufeln, nach dem man lechzt, der Zuversicht, man werde irgendwann einmal den Punkt fin­den, an dem man mit dem neuen Milieu zusam­menwachsen kann. Der keine Mann gerät in Ekstase und spricht deuffch. WaS sagt er? Er sagt:Sie sind Deutscher ? Ach, mein goldiges Kind, umso besser! Er umarmt den Fremden und sprudelt:Höre, mein Liebster, mein Her­zensschatz, die. meinen da, da drüben beim Vanik, ich sei betrunken und wüßt nicht mehr, was ich red, und dabei hab ich doch nur ein einzigS GlaSl getrunken, so ein kleines nur. So spricht der kleine, unrasierte Mann, und noch vieles mehr sagt er. Zum Schluß stellt sich heraus, was man schon bei seiner ersten, unverständlichen An­sprache geahnt hatte, daß er gern n o ch so ein kleines Glas trinken möchte. Er revanchiert sich mit SegenSsprüchen; sie schwappen wie Bran­dungswellen bis zur nächsten Straßenecke hinter dem Fremden her. Nicht nur die Sinne, auch die Beine haben allmählich genug. Es ist Zeit, irgendwo vor Anker zu gehen. Die Dämmerung beginnt, die erste Nacht in Prag ist überstanden. Die Bahn- hofScasts muffen jetzt doch schon offen sein. Der Mann hat keine Angst mehr vor Schutzleuten; die Nacht ist vorüber, er findet, nun sei man

den Kampf zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Sozialismus und Kapitalismus von den Angehörigen der verschiedensten Nationen ausgeiragen sehen, hat das Wirken PaineS ein besonders aktuelles Interesse. Dabei war Thomas Paine kein Theoretiker, der die ein­zelnen Länder seines Wirkens als Objekte" für seine Theorien betrachtete, sondern er wurde jedeSmal in jedem einzelnen dieser Länder durch die Beobachtung der besserungsbedürftigen Zu­stände in seinem Handeln bestimmt. So ist eS auch zu verstehen, daß er zu­nächst in seiner englischen Heimat kein beson­deres Jntereffe für die sozialen und poRtischen Probleme deS Landes zeigte. Er schlug sich zu­nächst als Bauer, dann als Kaufmann mehr schlecht als recht durch, war überdies unglücklich verheiratet, und so folgte er gern dem Rat Benjamin FranüinS, in Amerika fei» Glück zu suchen. Freilich war eS nicht dasGlück im «inne einer sorgenlosen bürgerlichen Existenz, das der S7jährige bei seiner Landung in New gork im Jahre 1774 fand. Er mußte bald fest­stellen, daß die sozialen Gegensätze in der Neuen Welt eine größere Schärfe hatten als daheim, und di: Ausbeutung der armen Kolonisten, dazu die politische Diktatur des englischen Gouver­neurs empörten seinen gesunden Menschenver­stand. Und Thomas Paine , der niemals die Feder geführt hatte,, schildert diese Zustände in einem Buch, das ihn sein gesunder Menschen­verstand diktiert hatte und daS daher auch den

etwas müde, das Licht reizt sie; daS Ohr ärgert sich über jeden unerwarteten Ton; kurzum, seine Umgebung ist nicht mehr harmonisch, alles ist isoliert und zusammenhanglos; die Häuser, die vorbeigehenden Menschen(ihre Schritte Ningen widerlich hart auf dem Trottoir), sein eigener Tritt alles stört ihn. Aus einem Torbogen kommt ein kleiner Mann auf ihn zu. Er ist unrasiert und redet mit stürmischen Gebärden auf ihn ein. Er erzähl» laut und lange eine Geschichte- Er trägt sie pathettsch vor. Endlich gelingt eS, ihn zu unter­brechen und ihm nritzuteilen, daß man leider nicht tschechisch könne, noch nicht. Und siehe, eS geschieht ein Wunder: der keine Unrasierte ist von einer geheimen, anonymen aber lobens­werten Macht auserkoren, eine Bresche in die

legittmiert, sich auf der Straße aufzuhaüen und sucht nach einem Helm. Der Schichmann, den er findet, ist ohne Helm zwei Meter hoch ur>d erklärt auf die schüch­terne Frage, ob er etwas Deutsch könne, kate­gorisch:.Fiel Der Neuling stottert mühsam, mit falscher Aussprache und falscher Betonung zusammen:Wilsonovo nädraZi, und der Wächter spricht mit sonnigem Lqcheln: SchaunS, da gehns gradaus und dann die erste Straßn links. Der Mann dank. Erlöst, dankbar, von die­sem zweiten Wunder geradezu beseligt, geht der Mann gradaus und Hann links zum Wilson» bahnhof., mit seinem Regenschirm, wenigen Kronen und ohne die Geschichte mit dem Hradschin.