Die Dame schreibi der Dame. Von Erich Kästner ,

Du hast es gut. Du stedst in Cannes . Hier in Berlin sieht's böse aus.

Wir müssen sparen, sagt mein Mann, und essen abends meist zu Hans. Mir scheint, es ist nicht ganz geheuer. Erst gestern sprach er sorgenboll, das Auto würde ihm zu teuer. Da wurde mir's denn doch zu toll! Ich hab geweint. Ich hab geschrien. Max sprach in einem fort von Geld. Im Bett hab ich ihm dann verziehn. Er schwur, daß er den Horch behält. Du stedst in Cannes . Du hast es gut. Hier ist nun Herbst. Das Laub wird well. Mar jagt bei allem, was sich tut: ,, Mein Gold, es tnistert im Gebält." Es steht zum Beispiel nicht mal fest, ob das Programm der Winterbälle sich regulär abwickeln läßt! ( Ich habe das aus sichrer Quelle.) Ein Kleid brauch ich auf jeden Fall, ob Mag nun Geld hat oder nicht. Wir gehn ja doch zum Presseball, wenn nicht Revolution ausbricht.

Ich denk an Grün. Und zwar Chiffon Es wäre wirklich unerhört,

wenn man uns diesmal die Saison

durch Streits und Straßenkämpfe stört! Bielleicht fängt's erst im Frühjahr an?

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um von hier aus wieder nach Hause zu fahren. Wenn ihm jeder auch nur fünf jennige gibt, In langen Schlangen standen wir vor dem bekommt er jetzt in einer halben Stunde", und Fahrkartenschalter. Endlich fam ich an die er begann, erstaunliche Ziffern zu nennen. Reihe. Ich wurde vor den Schalter gestoßen ,, Er hat von dem Fußballspiel gehört und und rief dent Beamten zu: Viermal Dritter!" sich hier postiert, wo alle Zuschauer hinterein Plötzlich merkte ich, daß sich jemand an meinen ander vorbei müssen. So ähnlich haben die Schuhen zu schaffen machte. Es war klar, daß meisten Milliardäre begonnen", meinte der sie mir jemand putte! Aber wo und wer? zweite. Nirgend war ein Stiefelpuger zu sehen und nir­gends wäre Platz für ihn gewesen. Immer­hin, wenn Schuhe gewichst werden, muß wer da sein, der es tut. Ich bückte mich, um dem geheimnisvollen Phänomen auf die Spur zu tommen

,, Und wollen wir wetten, daß er fast nichts verdient? Der Schalterbetrieb geht so rasch. Und die Leute haben es so eilig, zum Zug zu kommen, und kein Mensch sieht noch, was ba im Dunkel an feinen Stiefeln vorgeht. Gebt nur Obacht!" sagte der dritte.

Und da Iniete, unter dem Schalter, unan­Wir sahen genau hin. Der dritte hatte sehnlich und den Fußtritten Hunderter ausgerecht. Der Kleine Stiefelpuzer wurde von den setzt, mit einem Wischtuch bewaffnet, ein ganz wenigsten bemerkt. Und diese wenigen gaben fleiner Junge, faum zu erkennen, und bearbei- auch nicht immer etwas! Er arbeitete, was tete die vom Sportplay verstaubten Damen - das Zeug hielt. Er arbeitete trotzdem fast ver­schuhe und Herrenstiefel. Hunderte traten vor geblich. Und wie lug hatte er zu sein ge­den Schalter. Hunderte verließen ihn gesäubert. glaubt, als er sich unter dem Schalter postierte. Ich bekam meine Fahrkarte, gab dem Jun- und wie lug hatte ich seinen Einfall gefun­gen etwas von dem Schalterkleingeld und suchte den. meine Bekannten. Ich erzählte ihnen von dem ,, Das wird fein Milliardär", jagte der erste. winzigen Stiefelputzer, und sie traten näher ,,, Und wie sehr hätte ich's ihm gegönnt", sagte um ihn zu besehen. der zweite.

Ein raffinierter Keri", sagte der eine.j Dann gingen wir eilig nach dem Bahnsteig.

2800

Erfinderschickfale.

desion

Der nachfolgende Abschnitt ist aus dem sprünge von Englands Adel und Herrentaste, foeben im Berlage Der Büchertreist versuchte sie doch, ein Wort für ihre Kaffe ein­G. m. b. H.", Berlin SW. 61, erschiene- zulegen.

Es steht sehr schlecht. Doch was weißt du? nen englischen Roman Das gedul

Du hast es gut. Du stecst in Cannes . Ich nehme, trotz der Sorgen, zu...

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Aber", fragte sie, wurde nicht viel von dem Elend schon frühzeitig durch Männer wie Lord Shaftesbury beseitigt?"

dige Albion" von Paul Banks ( Preis 4.80 RM.) entnommen. Das Buch ist hochaktuell und schildert die unmittel Das Los der Arbeiter", erwiderte Fred, bare Gegenwart der englischen Arbeiter gestaltete sich etwas menschenwürdiger infolge ist sie ja schlechter, viel schlechter!" Sein bewegung in der heutigen Krise. In Mit der Mißgunst, mit der die alten Landeigen­Im Körper windet sich am Boden, aus seinem telpunkt der Handlung steht eine Textil tümer auf die Emporkömmlinge der Industrie Munde kommen unverständliche Baute. Er arbeiteraussperrung. An dem Abwehr blidten, aber erst, nachdem die Arbeiter selbst betet wie lange hat er das nicht mehr tampf nehmen auch die Personen des nach gekämpft und gelitten hatten. Erst im Jahre getan, talter Schweiß bricht aus. Um folgenden Gesprächs teil, die bürgerliche 1872", fügte er hinzu, wurden in den Berg­Gottes Willen, nur nicht so sterben!" Dann Studentin Nancy Reeves und der aus werken durch Gesetz zwei Schächte vorgeschrie­liegt er ganz ruhig, überdenkt jein Leben. einer Arbeiterfamilie stammende Eisenben, um zu verhüten, daß die Bergleute wie in Was hat er nur gleich getan, daß er so bahnangestellte Fred Barthrigde: sterben soll? Sein Atem geht stoßweise, er fühlt die Barthridge nahm ihren Vorschlag, ihn auf Kräfte schwinden, jetzt friecht es auf ihn zu, dem Spaziergang zu begleiten, mit Begeiste­Kräfte schwinden, jetzt friecht es auf ihn zu, rung auf. Unterwegs machte er Nanch auf das Dunkel, das Graufige. Ist das der Dinge aufmerksam, die ihm außerordentlich Tod?" Ein tierisches Brüllen stößt er aus, dann bricht er bewußtlos zusammen.

Man hat ihn gesucht, hat die Zellentür geöffnet, hat einen alten Mann mit weißen Haaren gefunden, in dem man Senator Jobson erkannte.

Jobson wurde einer der tätigsten Geg­ner der Todesstrafe. Zwar fonnte er nicht mehr im Parlament tätig sein, dort hatte man ihn berlacht, verspottet wegen seiner Angst. Aber ruhig hatte er alles eingesteckt, hatte sich neden lassen, daß er vor frischer Luft, die in die Zelle gepreßt wurde, solche Angst bekommen hätte.

Er wußte es, was es heißt, fünf Minu ten lang diefe Todesangst auszustehen.

Der mißglückte Milliardär.

Von Erich Kästner ,

wichtig erschienen, die aber Nanch bisher kaum beachtet hatte, so beim Verlaffen des Dorfes auf die alte Straße mit ihren dreistöckigen Häusern, deren Fenster im Oberstock die ganze Breite einnahmen, während die Fenster der unteren Etagen bedeutend einer waren.

,, Diese Fenster im Oberstod", erklärte er, stammen aus der Zeit, als das Tuch noch in Heimarbeit auf Trittwebstühlen gewebt wurde.

Ein Mitglied unferes Klubs webt noch heute zu Hause feineres Tuch, als es die Fa briken herstellen. Er webt abends auf seinem Handwebstuhl, nachdem er tagsüber in der Fabrit am Maschinenwebstuhl gearbeitet, und er verkauft sein Tuch an die Dorfbewohner für weniger als den halben Preis des maschinen­gewebten Tuches."

Sie unterhielten sich über die Frühzeit der industriellen Entwicklung, als Frauen und Kin­der mit Körben voll Kohle auf ihren Rüden Wenn in den Großstädten etwas los ist- Leitern erfletterten; als die Armenhaus- und ein Schwimmfest, ein Borkampf, ein Fußball- geistig zurüdgebliebenen Kinder schichtweise in match, dann finden sich umgehend die Ver- den Fabriken arbeiteten, lange Stunden hin­treter der fliegenden Berufe ein: Zeitungsver- durch; wo dann die Kinder, die von der Arbeit läufer, Brezelhändler, Wurstmänner und was kamen, sofort in die Betten derer frochen, die es sonst gibt. Das Erstaunlichste dieser Art er- zur Arbeit aufbrachen.

lebten wir neulich nach einem großen Fußball- Obwohl Nancy erst kürzlich die Schrift tampf. Taufende der Zuschauer strömten nach ,, Unser alter Adel" gelesen hatte mit ihren un dem in der Nähe befindlichen Vorortbahnhof, glaublichen Angaben über die schimpflichen Ur­

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einer Falle saßen. Es brauchte fünfundzwan zig Jahre und allerlei Parlamentsakte, um die Arbeitswoche der Kinder auf neunundsechzig Stunden in der Woche zu beschränken."

Ranch empfand für das Streben der Ar­beiter nach Muße, Kultur und besseren Lebens­bedingungen fo etwas wie Mitleid. innerte sich der Erzählungen in ihren Schul­büchern, in denen die Weltgeschichte, der ganze Fortschritt als Triumphzug von Kaisern, Gene­rälen, Ministerpräsidenten, Erzbischöfen und Dichtern geschildert wurde. Das Gefühl einer Schuld überkam sie, als wenn sie durch ihre Geburt und Erziehung, durch Tradition und Bildung umviffentlich an einem Verbrechen mitgeholfen und ihm Vorschub geleistet hätte.

Fred Barthbridges Sympathie für alle, die

die Gesellschaft nicht hatte anerkennen oder be lohnen wollen, führte das Gespräch auf Erfine der und ihre Schickjale.

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Samuel Cromptons Spinnmaschine für extrafeines Garn war wahrscheinlich die Haupt­ursache des Reichtums der Lancashirer Mil­lionäre und des ganzen Ruhms der Lancashirer Baumwolle. Verschiedene Jahre seines Schaf­fens und alles, was er besaß, widmete er der Erfindung seiner Mule. Nachdem Spione ber­gebens versucht hatten, ihm sein Geheimnis zu entreißen, ließ er sich überreden, sie gegen eine geringe Gebühr den großen Fabrikanten zu zei­gen. Diese redeten ihm solange zu, bis er ihnen die Mule verkaufte, wobei sie ihm gerade fo viel Geld zahlten, daß er eine neue Maschine anfertigen konnte. Das war im Jahr 1779.