Frauenstimme

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Nr.8 45.Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

15. April 1928

Einst und jetzt.

befferung fämpfen zu können. Und einen Arbeitslohn, der nicht die Mutter von den Kindern fort in die Fabrik zwänge, der nicht die Mitarbeit der jungen Kinder zur Erhaltung der

Familie notwendig mache. Er rief auf zum Zusammenschluß in der Sozialdemokratischen Partei, damit die Gesetzgebung besser werde, und da mit der Kampf gegen alle Unkenntnis und Unvernunft der eigenen Klassen­genossen und-genossinnen erfolg­reicher geführt werden könne.

Ich war begeistert. Neben mir faß eine ältere Frau mit einem feinen, flugen Gesicht. Die strich mit einem mal über meine Hand. Ich sah sie an: ,, Sind Sie Mitglied der Partei? Ich will beitreten," sagte ich. Das geht noch nicht." Und warum nicht? Sind wir Frauen nicht am meisten interessiert an allem, wovon der Red­ner gesprochen hat? Das muß ge ändert werden." Sie haben natür­lich recht. Aber das Vereinsgejek ges stattet den Frauen nicht, sich politisch zu organisieren. Wir dürfen ja auch nicht zum Reichstag wählen; ja, wenn wir wählen dürften!" Das war Mutters Wort, und die liebe, mütter­liche Frau, die es ausgesprochen hatte, war Ottilie Baader . So lernte ich den Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse fennen, und als zu den Reichstagswahlen vom Junt 1903 die Frauen einen Wahlverein für die Wahlzeit bilden durften, ge. hörte ich ihm an.

Zum ersten Male war ich in einer richtigen, politischen| über die Lage der Arbeiterschaft nachdenken und für ihre Ber Versammlung. Der Saal in den alten Arminhallen in der Kommandantenstraße war gut besett mit Männern. An der Seite war ein Streifen mit Striden abgeteilt, dahinter faßen wir Frauen und Mädchen, ein paar Duzend. Ich war 20 Jahre alt und seit drei Jahren in Berlin . Es war damals nicht leichter als heute für ein 17jähriges Mädel mit Dorfschulbil dung und starken geistigen Interessen, sich in der Weltstadt festen Boden und einen befriedigenden Beruf zu er­ringen. So waren die ersten Jahre in hartem Kampfe ums tägliche Brot und in unermüdlichem Lernen ver­gangen. Nur um die Berufsfragen hatte ich mich nebenher gefümmert, denn die deutschnationalen Hand­lungsgehilfen führten einen bösen Kampf gegen uns weibliche Ange­stellte, der nicht vor den Türen der Kontore halt machte, sondern sich ge­rade an der Arbeitsstätte austobte.- Aber nun verdiente ich 90 M. im Monat und hatte meiner Arbeit Gel­tung verschafft; jetzt fonnte ich mein Interessengebiet weiter umgrenzen. Die Politik war eine alte Liebe, von Bater und Mutter blutsvererbt Beide hatten um ihrer demokratischen Anschauungen willen in dem kleinen Heimatsdorf unter ärmlichsten Ber hältnissen viel leiden müssen. Und als der Amtsvorsteher von Stechow einmal wieder eine hahnebüchene Schikane ersonnen hatte( es war in der Wahlzeit), da sagte Mutter: ,, Wenn wir Frauen wählen dürften, müßte mit dieser Obrigkeit aufge­räumt werden." Das Wort hatte ich nie vergessen; es war vielleicht die Kraft, mir mein Leben zu schaffen. So faß ich also voll Erwartung hinter dem Strid, um einen richtigen politischen Vortrag zu hören. Und dieser Abend lohnte. Der Redner sprach in ruhiger, warmherziger Weise von der Notwendig feit eines erweiterten Arbeitsschußes insbesondere für Frauen, Jugendliche und Kinder. Er schilderte das Schicksal der pro­letarischen Familie, in der Vater und Mutter 10 und 11 Stun den arbeiten müßten, um sich und die Kinder zu erhalten. Wie an die Kinder schon im zartesten Alter Verantwortung, Sorge und Versuchung herantritt, wie sie um Elternliebe und Kindheitsglück betrogen werden, und die Eltern um alle die unendlichen Freuden, die ein sorglos heranwachsendes Kind mit sich bringt. Der freudlosen Kindheit in lichtlosen Höfen folge die freudlose Jugend, nur auf das Brotverdienen eingetragten der Revolution verordneten den Achtstundentag, und stellt. Und die Erholung dieser armen Proleten? Alkohol, Tanzboden, geschlechtliches Ausleben oft niedrigster Art. Das müsse anders werden. Zeit vor allem müsse der Proletarier, ob Mann, ob Frau, gewinnen. Zelt, um wieder zu fühlen, daß sie nicht nur Arbeitstiere, sondern Menschen seien. Zeit, um den erschöpften Körper ausruhen zu können; Zeit, um den Geist zu bilden, um sich fehlendes Wissen anzueignen, um

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Ottilie Baader

Das sind genau 25 Jahre her; fünf Jahre später kam das neue Reichsvereinsgesetz, das uns Frauen

und

| endlich die Freiheit gab, uns politisch zu organisieren und der Sozialdemokratischen Partei als gleichberechtigte Mit­glieder anzugehören. Und wieder zehn Jahre später wurden wir durch die Revolution Gleichberechtigte im Staat. Wir Frauen durften wählen Mutter erlebte es noch wir durften Frauen in die Nationalversammlung schicken. Inzwischen war mancher Schritt vorwärts getan zur Er­füllung der Forderungen, die der Redner meiner ersten poli tischen Versammlung erhoben hatte. Aber unendlich viel war noch zu tun, um die Arbeits- und Menschenkraft von Mann. Frau, Jugendlichen und Kindern zu schützen. Dazu waren die furchtbaren gesundheitlichen Berwüstungen des Krieges gutzumachen. Die sozialdemokratischen Volksbeauf

wenn er uns in diesen letzten Jahren zum großen Teil ver­loren ging, wenn Frauen und Jugendliche heute wieder 8% und 9 Stunden( oft sogar noch mehr) arbeiten müssen, dann gilt es gerade für sie, ihn zurückzuerobern.

Am 20. Mai sind die Reichstagswahlen. Wählt die Sozialdemokratische Partei , dann wählt ihr ben Achtstundenta g. Der Sonnabendnachmittag ist unser