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Die Gleichheit
zeitig erschreckt vor der Aufgabe zurückscheuen läßt, die polis tischen Rechtsansprüche der Massen zu befriedigen. Denn sie sind sich über das vollständig im flaren, was den Massen der Habenichtse noch nicht unverwischbar genug ins Bewußtsein geprägt ist: daß politische Rechtsfragen, daß Verfassungsfragen ihrem Wesen nach Machtfragen sind. Daher suchen sie alle nach jener Quadratur des Zirkels einer Wahlrechtsreform, welche dem Wahlrechtskampf die Spitze abbrechen könnte, ohne zu gleich die politische Macht der befizenden Klassen um ein Jota zu mindern.
Regierung und Konservative haben bei dem Tasten nach solcher Lösung nichts zu verlieren gehabt als höchstens den Ruf der Geschicklichkeit, geschäftliche Gerissenheit mit einem gewissen äußerlichen würdigen Anstand zu vereinigen. Anders der bürgerliche Liberalismus. Er hat durch sein Verhalten in der preußischen Wahlrechtsfrage die letzten Hoffnungen auf seine Wiedergeburt erschlagen, welche liebenswürdige polis tische Kinder noch hegen mochten. Sein unaufhaltsamer Verfall tritt nicht nur in der schmachvollen Haltung der National liberalen zutage, sondern stärker und charakteristischer noch in dem schmachvolleren Verrat des Zentrums. Das Zentrum nennt sich selbst eine Volkspartei, die Partei, welche die stolze Devise in die Praxis umsetzt:" Für Wahrheit, Freiheit und Recht". Für große Teile Preußens, Deutschlands überhaupt, hat es jene kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Schichten in sich aufgenommen, die der Grundstock und die vorwärtstreibende Kraft der bürgerlichen Demokratie sind. Diese geschichtliche, viel zu wenig beachtete Tatsache hat ganz beträchtlich zur schwächlichen, früppelhaften Entwicklung der bürgerlichen Demokratie in Deutschland beigetragen. Sie hat den Fraktiönchen des Linksliberalismus", die sich vor kurzem zur Fortschrittlichen Volkspartei zusammengeschlossen haben, beträchtliche und wertvolle Kräfte entzogen, und das zu der gleichen Zeit, in der in steigendem Maße ihre frühere proletarische Gefolgschaft zu der Sozialdemokratie überging. Im Zentrum aber sind die kleinbürgerlich- kleinbäuerlichen Elemente mit demokratischen Tendenzen ebenso wie die proletarischendurch den überragen den Einfluß des agrarisch- großkapitalistischen Flügels gebunden. Gebunden allerdings im letzten Grunde den protestantischen Mittelständlern, Antisemiten usw. gleich- dank der Ohnmacht der hinter ihnen stehenden gesellschaftlichen Schichten, welche durch die gesellschaftliche Entwicklung aus der früheren bedeut samen Position gedrängt worden sind.
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Nach der Finanzreform hat die Wahlrechtsfrage die völlige Unterwerfung oder wenn man will Knebelung der demokratischen Fähnlein im Zentrum bestätigt und damit den Verfall des bürgerlichen Liberalismus vollendet. Wenn die Fortschritt liche Volkspartei zukünftig den Wahlrechtskampf außerhalb des Barlamentes so energisch aufnehmen wollte, als sie ihn bis dato dort schmählich im Stiche gelassen hat; wenn sie hinter die frische Abrechnung mit der Reaktion, die Herr Fischbeck im Abgeordnetenhaus gab, und die noch weit größeren Worte ihrer Presse wirklich Taten stellen wollte: müßte sie sich angesichts der Lage der Dinge doch als ohnmächtig erweisen, einen demokratischen Wahlrechtssturm im Bürgertum auszulösen und zu führen. Das Zentrum aber will keinen solchen Wahlrechtssturm und darf ihn seinem proteusartigen Wesen nach nicht wollen. So weit sich das Bürgertum noch zu einer leidlich kraftvollen Wahlrechtsbewegung aufraffen wollte, wird diese nicht das Werk der bürgerlichen Parteien sein, die den Schwerpunkt ihres Lebens im Parlament haben. Sie fann vielmehr nur fommen als Reflex des ungestümen, unaushaltsamen Vorwärtsdrängens der proletarischen Massen unter Führung der Sozialdemokratie. Welche Förderung der Kampf der Arbeiterklasse um ihr Recht durch die Reste eines freiheitlich gesinnten Bürgertums erhält, hängt daher zu guter Leht von dem Maße ihres Selbstvertranens und der Betätigung ihrer eigenen Macht hat.
So lenkt der Ausgang der parlamentarischen Wahlrechtskomödie die Blicke immer wieder auf die schöpferischen Kräfte des politischen Lebens außerhalb des Parlamentes. Wo die Komödie endet, wo der parlamentarischen Weisheit letzter
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Schluß eine große Null ist: da setzt die Tat der proletarischen Massen ein. Nicht abrüsten im Wahlrechtskampf, aufrüsten muß ihre Losung lauten. Als Machtfrage kann die Wahlrechtss frage nur durch den Einsatz von Macht gelöst werden. Die Macht der Masse liegt aber in der Straße, liegt in der Fabrik und Werkstätte. Diese Erkenntnis zum unveräußerlichen Eigentum der Besitzlosen zu machen, ihnen damit den Quell zu erschließen, aus dem unerschütterliches, ernstes Vertrauen auf ihre eigene Kraft fließt, ist die dringliche Aufgabe der Stunde. Es gilt, die Massen bereit zu machen, selbst darüber zu entscheiden, welche Steigerung sie dem Wahlrechtskampf verleihen, welches Maß der Macht sie in ihm aufbieten wollen. Sie können diese Entscheidung nur treffen im Bewußtsein der Opfer, die der Kampf fordern muß, der Gefahren, durch die er führen kann, aber auch des Preises, um den es geht. Die Lösung dieser Aufgabe stellt die Organisationen des klaffenbewußten Proletariats vor neue, verantwortungsreiche Pflichten und verleiht ihnen eine erhöhte Bedeutung. Sie werden in der Sorge nicht erlahmen, ein großes Geschlecht für die große Stunde bereitzustellen, wo das parlamentarische Bossenspiel der Privilegierten vor der zwingenden Macht des politischen Massenwillens abdanken muß.
Schlesische Frauen als Sklavinnen der Industrie.
Raum in einem Gaue unseres herrlichen" deutschen Vaterlandes haben die Frauen als Arbeiterinnen so sehr unter dem Stlavenjoch der Ausbeutung durch die Industrie zu leiden wie in Schlesien , der„ Perle in Preußens Krone". Nach den Berichten der preußischen Gewerberäte ist die Frauenarbeit in Schlesien im Jahre 1908 ganz erheblich gestiegen. Die Aufsichtsbehörde für den gewaltigen oberschlesischen Industriebezirk hebt ausdrücklich hervor, daß in einer Anzahl von Industriezweigen die verstärkte Beschäftigung weiblicher Arbeiter nicht mehr mit einer gleichzeitigen Mehreinstellung männlicher Arbeiter Hand in Hand gegangen ist, sondern zu einer unverkennbaren Verdrängung der Männerarbeit geführt hat". Vor allem gilt das für die Ziegelindustrie und für die Zigarrenfabrikation. In der Ziegelindustrie ist nach dem Bericht der Oppelner Inspektion die Verdrängung der Männer durch verstärkte Einstellung weiblicher Kräfte geradezu auffallend". überhaupt sehen wir in Schlesien , besonders aber in Oberschlesien , oft genug Frauen mit schwersten Verrichtungen bes schäftigt, wie sie in anderen Teilen Deutschlands ausschließlich als Männerarbeit gelten. So lesen wir im Oppelner Bericht, daß viele Arbeiterinnen zum Teil noch heute auf Bauten, in Steinbrüchen, Zementfabriken, Eisenhüttenwerfen und sogar in Bergwerken zu schwersten Verlade- und Transportarbeiten verwendet werden. Und das für Löhne, deren Tiefstand geradezu zum Himmel schreit. Besonders groß muß die ungefeßliche Ausbeutung der Frauenkraft in den Kalkstein- und Dolomitbrüchen sein. Denn der Bericht verzeichnet, daß hier in einer ganzen Anzahl von Fällen wegen Zuwiderhandlungen gegen die Arbeiterinnenschutzbestimmungen nachdrücklich" eingeschritten werden mußte. Aber mit der Nachdrücklichkeit kann es nicht allzuweit her gewesen sein, denn der Bericht fagt selbst, daß in vielen Fällen Freisprechung der betreffenden Betriebsleiter erfolge, weil die Bestimmungen vom 20. März 1902 den weiblichen Arbeitern nur den Transport und das Verladen von„ Steinen" verbietet und die Gerichte den sogenannten„ Abraum", die zu Bildhauerzwecken nicht verwertbaren Bruchstücke, nicht in das Verbot hineinbeziehen. Das aber, obgleich dieser Abraum von Marmorbrüchen gewöhnlich in die Kalföfen der Werte geschafft wird, so daß also die Frauen durch seine Verladung und seinen Transport noch mehr gefährdet werden als wie durch das Verladen und Transportieren der Steine". Dazu kommt, daß in vielen Dolomitbrüchen auch darin eingebettetes Brauneisenerz geschürft wird. Auf diese Brauneiſenſteingewinnung aber, die nicht der Gewerbeordnung, sondern dem Bergrecht unterliegt, findet die Verordnung vom 20. März 1902 feine Anwendung. Es ist daher den Bruchleitern ein leichtes, wie der Bericht ausdrücklich feststellt, das Einschreiten der Gewerbebeamten gegen die Frauenarbeit in Dolomitbrüchen dadurch zu vereiteln, daß sie angeben, ihre Arbeiterinnen seien nur bei der Erzförderung tätig. Wir können es deshalb auch kaum glauben, wenn der Bericht meint, daß die Beschäftigung der Frauen in den Brüchen neuerdings etwas nachgelassen habe.