Nr. 19 Die Gleichheit 299 die für ihre Richtigkeit sprechen für unanfechtbar halte. Welche Angaben liege» aber seither über den Stand der Organisation vor? DerDreizehnte Bericht des Gewerkschaftskartells von Hamburg-Altona " verzeichnet für das Geschäftsjahr 1909 eine Mitgliederzahl der Ortsgruppe von 13Ä1. In der Mitglieder- Versammlung dieser Organisation vom 14. April dieses Jahres gab Genossin Kähler den Bericht über die Mitgliederbewcgung im ersten Quartal 1910. Danach hatte die Ortsgruppe 1430 Mit­glieder, davon 1309 vollzahlend e.(Hamburger Echo" Nr. 94 vom 23. April.) Diese letzteren Ziffern bleiben meiner unmaßgeb- lichen Ansicht nach erheblich nicht allein hinter den2000 und einigen Hundert vollzahlenden Mitgliedern" zurück, auf die Genossin Zieh 1903 verweisen konnte, sondern auch hinter der Mitgliedschaft von 1909. Angesichts der vorliegenden Ziffern sage ich mit Ge- nosstn Kähler:Die Tienstbotenorgaiiisationen sollen sich doch nicht rückwärts bewegen, sondern vorwärts"(Gleichheit" Nr. 4 von 1908), und halte meine Behauptung von dem erheblichen Mitgliederverlust uneingeschränkt aufrecht. Ein Kommentar zu der Richtigstellung der Genossin Kähler erübrigt sich. Schärfer als die schärfsten Worte kennzeichnen die angeführten Zahlen die von ihr beliebte Methode der Auseinandersetzung. Klara Zetkin . Politische Rundschau. Die herrschenden Klassen verstehen es vortrefflich, die Arbeiter- klaffe bis aufs Blut zu reizen. Mit Faustschlägen bleuen sie ihr die Erkenntnis ein, daß nur der entschiedenste Kampf gegen das bestehende System sie aus immer unerträglicher werdenden Zustän- den zu befreien vermag. Kaum ist dem Volke das gleiche Recht brutal verweigert worden, so wird dem preußischen König die Zivil- liste von IS'/» Millionen auf 19 Millionen erhöht. Und kaum haben sämtliche bürgerliche Parteien diese in der jetzigen Zeit doppelt provozierende Forderung bewilligt, da verkündet der Reichsschatzsekretär einen neuen Streich gegen die Masse». Den unglücklichenTabakarbeitern, die durch die Tabaksteuererhöhung um der Steuerscheu der Besitzenden willen arbeitslos geworden sind, sollen die kärglichen Unterstützungen aus Reichs- Mitteln mehr und mehr verkürzt und bis zu Anfang Dezember ganz entzogen werden. Gleichzeitig bereitet die Regierung in derNorddeutschen Allgemeinen Zeitung" auf eine neu- Armeevermehrung vor, also auf eine Militärvorlage mit großen Forderungen. Das bedeutet wieder neue Steuern, denn die Reichsfinanzreform des blauschwarzen Blocks langt schon jetzt nicht mehr zu. Die Reichsregierung machte ja die Bewilligung der verhältnismäßig kleinen Ausgabe, die mit einer Erhöhung und Ausdehnung der Beihilfen an die Kriegsveteranen ver- Kunden ist, von der vorherigen Bewilligung der Reichswertzuwachs- steuer und der Wehrsteuer abhängig. Die Erträgnisse der neuen indirekten Steuern haben einen erheblichen Konsumrückgang zur Folge gehabt, da die finanziellen Kräfte des Volkes schon über die Maßen angespannt sind. Die Erträgnisse bleiben daher weit hinter der schleuderhaften Berechnung der Steuermacher zurück. Wohl in her Voraussicht der kommenden Militärvorlage hat das Reichs- schatzamt, wie ein liberales Blatt behauptet, die Höhe der Neu- forderungcn an Steuern auf ungefähr eine Viertelmilliarde beziffert, die über kurz oder lang an den Reichstag gestellt werden müssen! Und das, nachdem kaum ein Jahr seit dem Abschluß der großen Steuerplünderung verflossen ist! Bei solchen Aussichten muß das ausgebeutete Volk die Erhöhung der Zivilliste in Preußen wie einen Faustschlag ins Gesicht emp- finden. So unfähig und widerwillig Regierung und Parteien bei der Wahlrechtsvorlage waren, so prompt arbeiteten sie hier. Keine bürger- liche Partei schloß sich aus, der Freisinn, dem bei der Sache durchaus nicht wohl war, wagte nicht die leiseste Opposition. Wie könnte er sich dazu ausschwingen, läßt er doch immer noch nicht die Hoffnung fahren, einmal von Gnaden der Krone ein kleines Fetzchen der Regierungsgewalt zu erhalten sie aus eigener Kraft zu erobern, darauf hat er selbst in seinen kühnsten Träumen längst verzichtet. Einzig und allein die Sozialdemokratie gab der empörten Volks- stimmung über dieseGehaltsaufbesserung" Ausdruck. In vortreff- lichen Reden, die an grundsätzlicher Schärfe und Entschiedenheit des Ausdrucks nichts vermiffen ließen, hat Genosse Hoffmann dem Block der bürgerlichen Byzantiner die bittere Wahrheit gegeigt- Dem verlogenen Weihrauch der Hohenzollernverhimmelung, den der Finanzminister gleich zentnerweise verbrannte, stellte er das republikanische Bekenntnis der Sozialdemokratie in aller Schärfe entgegen. Der Junker auf dem Präsidentenstuhl des Dreiklassen- Hauses, Herr Jordan v. Kröcher,, nahm die Gelegenheit beim Schöpfe, um die Sozialdemokratie vor dem Lande in plumper Weise als Partei des Hochverrats zu denunzieren. In überlegener Weise setzte Genosse Hoffmann diesen tölpelhaften Angreifer in de» Sand. Er redete eindringlich vom Verfall der bürgerlichen Demo- kratie, daß die Fortschrittliche Volkspartei den stechen Vorstoß gegen die Redefreiheit im Parlament stumm und geduldig hin- nahm. Außer Herrn v. Kröcher holte sich auch der Liebling der Junker, der Finanzminister v. Rheinbaben, eine derbe Abfuhr. Er wollte die Erhöhung der Zivilliste mit der geringen Steigerung der Löhne rechtfertigen, die die Arbeiter hie und da dank ihren Gewerkschaften mühsam erkämpft haben. Zu diesem edlen Behuf brachte er allerlei phantastische Zahlen vor, schimpfte dabei im Reichsverbandsstil auf die hohen Beiträge für die Arbeiterorgani- sationen und bestritt der Sozialdemokratie das Recht, im Namen der Arbeiter zu sprechen, da nur geringe Bruchteile des Prole- tariats in den Gewerkschaften organisiert und Wähler der Sozial- demokratie seien. Der Finanzministcr suchte diese skrupellos-dumme Behauptung dadurch zu stützen, daß er den Mitgkiederzahlen der Gewerkschaften und den Stimmen der Sozialdemokratie die ge- samten 19 Millionen der proletarischen Bevölkerung des Reiches entgegenstellte, ohne davon die große Zahl der Minderjährigen, der Frauen, der Ausländer usw. abzuziehen. Genosse Hoff- mann rä�nite in seiner Entgegnung mit diesen und ähnlichen 5ilopffechterkunststücken des ministeriellen Wiederkäuers grausam auf, der die nämliche Rede bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten hält und immer wieder hält. Unser Vertreter zeigte diesen Heros des Junkertums in seiner ganzen bejammernswerten intellektnellen Hohlheit. Aber die Erhöhung der Zivilliste wurde natürlich anstandslos von den bürgerlichen Abgeordneten bewilligt, und das ist für den Herrn v. Rheinbaben das Wesentliche. Gleichzeitig mit der Schlußverhandlung über die Liebesgabe für die Hohenzollern wurde im Dreiklassenhaus eine nicht minder un- würdige Komödie aufgeführt die Borromäusinterpellation. Der Papst hatte eine Enzyklika zu Ehren des heiligen Borromäus erlassen, der in Norditalien im sechzehnten Jahrhundert ein hervor- ragender Kämpfer des Katholizismus gegen die Reformation ge- wesen ist. In der derben Sprache, in der die theologischen Streitig- leiten jener Zeit ausgefochten wurden derSauherdenton" von heute ist nichts dagegen, zog die päpstliche Kundgebung über die Reformatoren und die zu ihnen haltenden Fürsten her. In bezug aus die letzteren übrigens mit großein historischen Recht, denn dieGlaubensstreiter" auf den deutschen Thronen der damaligen Zeit waren fast durch die Bank ein Gesindel, wie es ruppiger und eigennütziger in der Geschichte kaum wiederzufinden ist. Ober- flächlich betrachtet war der Spektakel, der sich ob der Enzyklika in den Reihen der protestantischen Frommen erhob, eine Störung des konservativ-ultramontanen Blocks. Aber beide Parteien wissen sehr wohl, daß solche Zwischenfälle sie nicht trennen können. Die politisch- wirtschaftlichen Gegenwartsinteressen, die sie zusammenführen, sind ihnen viel wichtiger als die Knochen und der Ruhm toter Heiliger und Reformatoren. Im Grunde genommen war ihnen der Fall gar nicht so unangenehm. Er gestattete ihnen, denjenigen ihrer An- Hänger, denen die intime Verbindung nicht ganz paßt, etwas Sand in die Augen zu streuen. Die Junker konnten sich als die Ver- teidiger des Evangeliums gegen Rom girieren, und das Zentrum hatte die erwünschte Gelegenheit, die Aufmerksamkeit seiner Wähler von seinen politischen Sünden abzulenken, indem seine Presse über die protestantischen Angriffe auf die heilige Kirchs zeterte. Dabei waren beide Parteien einig in dem Vorsatz, das Feuer nicht so weit zu schüren, daß etwa diekochende" protestantische beziehungsweise katholischeVolksseele" überlaufen könnte. Sckwar die Borromäus- interpellalion der Konservativen im Dreiklassenhaus eine wohlüber- legte Komödie. Ernster war diejenige der Nationalltberalen gemeint, die den Zweck verfolgten, die antikatholische Erregung der prote­stantischen Frommen für sich auszubeuten. Zu diesem Zwecke schlugen sie die alte kulturkämpferische Pauke gar mächtig. Natürlich wollten die Nationalliberalen auch versuchen, die Konservativen in einen ernstlichen Konflikt mit dem Zentrum zu treiben. Aber ihre Liebes- müh scheiterte völlig an der kühlen Überlegung der beiden Parteien, die die Jnterpellationsoerhandlung genau im Rahmen ihres Zweckes zu halten wußten. Nachdem die Negierung durch den Mund Beth- inann Hollwegs Vorstellungen bei der Kurie gelobt hatte, machten die Konservativen mit passiver Unterstützung des Zentrums Schluß. Dem sozialdemokratischen Redner, von dem sie eine gründliche Auf- deckung ihres Spieles befürchten mußten, schnitten sie mit einer unverschämten Begründung brutal das Wort ab und hinderten so zugleich die Nationalliberalen an der weiteren Erörterung. Der Liberalismus hat zu diesem Schmerze noch einen anderen erfahren. Sein Heros, der Kolonialsekretär Dernburg ist gegangen worden. In der Berufung dieses Kaufmanns hatten