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Die Gleichheit

Die allgemeinen Wahlen dürften ihnen eine bittere Enttäuschung bringen.

In Frankreich tobt ein blutiger Aufstand der Winzer in der Champagne . Ausgang und Folgen der Bewegung lassen sich noch nicht überblicken. Das neue italienische Rabinett Giolitti hat im Parlament den Entwurf einer Wahlreform vorgelegt. Er bringt noch nicht das allgemeine Wahlrecht, nähert sich ihm aber und würde die Zahl der Wähler von rund 3 auf 8 Millionen steigern. Die Sozialisten im Parlament haben mit Ausnahme zweier die Unterstützung des Ministeriums beschlossen. Giolitti hat sie da­für in der Programmbebatte mit dem Kompliment geohrfeigt, daß die Sozialisten ihr Programm sehr gemildert und Karl Marx in die Rumpelkammer geworfen hätten. Die Fraktion hat sich nicht ein­mal dagegen verwahrt und hat das Kompliment stillschweigend ein gesteckt.

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Gewerkschaftliche Rundschau.

H. B.

Mühsam arbeiten die Gewerkschaften sich auf dem steinigen Weg ihres Kampfes um die Verkürzung der Arbeitszeit empor. Meist kann bei Lohnbewegungen und Tarifverträgen nur dort eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden, wo diese heute noch über 9 Stunden täglich beträgt. Das Bestreben geht vor allem dahin, den Neunstundentag auch in den fleineren Orten durchzu­führen, wo die Proletarier recht oft noch erheblich länger fronen müssen. Die Arbeitsbedingungen daselbst sollen denen der Groß­städte angenähert werden, ein Bestreben, in dem sich eine gute demokratische Tendenz äußert. Im Interesse der Arbeiterklasse als Gesamtheit liegt nicht sowohl, daß einige bestsituierte Schichten für fich allein möglichst erträgliche Arbeitsbedingungen erreichen, als vielmehr, daß sich der Fortschritt immer möglichst gleichmäßig auf die gesamte Masse des Proletariats ausbreitet und allen zuteil wird. In Gewerben, in denen viel Arbeiterinnen beschäftigt werden, wird in letzter Zeit mit Nachdruck darum gekämpft, den freien Sonnabend nachmittag durchzusetzen. Dadurch würde allgemein die wöchentliche Arbeitszeit um drei Stunden verkürzt werden, pro Tag umgerechnet auf 8 Stunden. In sehr wenigen Gewerben ist bis jetzt die achtstündige Arbeitszeit errungen worden. Es ist nur dort der Fall gewesen, wo besondere Fabrikationsverhält­nisse vorlagen und eine starke Organisation die Forderung zum Siege tragen fonnte. Zu einer gesetzlichen Verkürzung der Arbeitszeit für alle Lohnarbeitenden hat sich das Reich der musterhaften" Sozial­reform bis jetzt nicht emporgeschwungen. Nicht einmal in jenen Industrien, wo des Arbeiters Gesundheit und Leben aufs höchste bedroht sind, wie zum Beispiel in der chemischen Industrie, wagt der Staat dem profitwütigen Kapital wirksame Fesseln anzulegen. So müssen die Gewerkschaften aus eigener Kraft im unermüdlichen Kampfe die Verkürzung der Arbeitszeit Schritt für Schritt erobern. Sie haben diesem wichtigsten Ziel des wirtschaftlichen Kampfes stets ihre besten Kräfte gewidmet. Die Wirkungen der kapitalistischen Ausbeutungsordnung selbst spornen sie immer dringender dazu an. Wie schwer sind nicht die Lasten, welche den Gewerkschaften durch die Unterstützung der Arbeitslosen auferlegt werden. Auch Kom­munen haben sich gezwungen gesehen, dem Problem der Arbeits­lofenunterstüßung ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Und trotz alle dem richtet sich das graue Elend der industriellen Reservearmee riesengroß empor. Das wirksamste Mittel gegen die Arbeitslosig keitsofern sie überhaupt in der heutigen Gesellschaft eingedämmt werden kann wäre die gesetzliche Einführung des Achtstunden­tags. So mahnt der Maientag die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zu einer machtvollen Demonstration für das Ziel, das dem wirtschaftlichen Kampfe der Arbeiterklasse voranleuchtet: für den Achtstundentag!

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Der achte Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands wird sich nach der nunmehr veröffentlichten Tagesordnung neben den üblichen geschäftlichen Angelegenheiten und der Berichterstattung über die Tätigkeit der Generalfommission noch mit vielen wichtigen Gegenständen beschäftigen. So sind in der Tagesordnung auf gezählt: das Koalitionsrecht und der Vorentwurf zum deutschen Strafgesetzbuch, ferner Heimarbeiterschutz und Hausarbeitsgesetz, Arbeiterschutz und Arbeiterversicherung, Arbeitsnachweis und Ar­beitslosenunterstüßung, Stellung der Privatangestellten im Wirt­schaftsleben, endlich Bildungsbestrebungen sowie das Bibliotheks­wesen in den Gewerkschaften.

Der Geschäftsbericht der Generalfommission gibt wieder Zeugnis von der vielseitigen Tätigkeit der gewerkschaftlichen Zen­trale. Diese unterstützt eifrig die Organisierung der Arbeiterklasse unter anderem auch dadurch, daß sie für einzelne Orte Zuschüsse zur Anstellung von Gewerkschaftssekretären gewährt, ebenso

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zur Gründung von Arbeiterfekretariaten und Rechtsaus. funftsstellen oder endlich auch zur Mietung von Versammlungs­lokalen. Besonders aber wirken für die Ausdehnung der Organis sation die Agitationsfommissionen mit angestellten Sekretären, wie sie für bestimmte Bezirke eingesetzt werden. So find auch zwei der italienischen Sprache kundige Agitatoren angestellt worden. Während der Wintermonate gehen sie in jene Gegenden Italiens , aus denen eine starke Einwanderung von Proletariern nach Deutsch land erfolgt, und suchen dort die Erd- und Ziegeleiarbeiter gewerk schaftlich aufzuklären. Der Agitation kommen auch die von der Generalfommission eingerichteten Unterrichtsturse zugute. Er weitern doch hier die Teilnehmer ihr Wissen, um es im Interesse der Arbeiterbewegung agitatorisch zu verwerten. Für die Aufklärung der Arbeiterinnen zu sorgen, ist Aufgabe des Arbeiterinnen sekretariats. Im vorigen Jahre hat es außer der Vermittlung von Referentinnen, Ausarbeitung von Flugblättern, Versendung von Organisationsmaterial die Anregung gegeben, Beschwerde. stellen für Arbeiterinnen zu errichten. Dieser nüglichen An­regung find 45 Gewerkschaftskartelle nachgekommen. Der größere, allgemeinere Teil des Berichts der Generalfommission hebt die totale Unfruchtbarkeit der sozialpolitischen Gesetzgebung des vorigen Jahres hervor. Er erörtert dabei auch die von der General tommiffion und den Zentralverbänden eingeleiteten Abwehrmaß nahmen gegen die Verschlechterungen der sozialpolitischen Gesetze, die von unseren Machthabern beabsichtigt werden.

Das Zentralarbeitersekretariat wurde im letzten Jahre noch mehr wie bisher in Anspruch genommen. Der Bericht über seine Tätigkeit stellt eine zunehmende Strenge und Schärfe in der Rechtsprechung fest. Sehr oft werden jetzt schon nach kurzer Zeit wieder Renten gänzlich entzogen, die früher dauernd gewährt wurden.

Im Hamburger Holzgewerbe hat sich nach dem Scheitern der Aussperrung der Scharfmacher eine ziemliche Kazenjammer­stimmung bemächtigt. Die Unternehmer aller Industrien fürchten, daß ein Sieg der Holzarbeiter die Lohnsklaven anderer Gewerbe nach gleichen Erfolgen begehrlich machen wird, und daher unter­stützen sie die Holzindustriellen im Kampfe. Die Arbeiter sehen diesen Bemühungen gelassen zu, sie wissen, daß ihnen bei der gegen wärtigen Lage der Sieg zufallen muß.

Die Mannschaften der Oberschiffahrt haben ihre Bewegung um bessere Arbeitsbedingungen zu einem Abschluß gebracht, der ihren Forderungen im allgemeinen Rechnung trägt. Inzwischen haben aber die Unternehmer im Mannheim - Ludwigshafener Hafengebiet ausgesperrt. In letzter Zeit wurde namentlich von England aus der Plan eines internationalen Seemannsstreits pro. pagiert. Auch die Seeleute einiger anderen Länder haben sich auf einer Konferenz für diese Jdee erklärt. Die Deutschen lehnten dagegen eine Beteiligung am Streit ab und die Schweden behielten sich eine Entscheidung auf Grund der Verhältnisse im eigenen Lande vor.

In der Schuhindustrie gibt es zurzeit an verschiedenen Orten Lohnbewegungen und Streifs, von denen die in Stuttgart und in Dresden am wichtigsten sind. überhaupt sind jetzt in den ver schiedenen Gewerben partielle Streits ausgebrochen, die aber meist keine größere Ausdehnung annehmen. So rühren sich die Arbeiter in der Mühlenindustrie, ferner im Gärtnergewerbe, in der Steinindustrie, Lederindustrie und anderen.

Von dem Stande der Gelben hören wir durch den Jahres. bericht des gelben Werkvereins der Maschinenfabrik in Augsburg , dem Ausgangspunkt der Bewegung. Trotzdem die Direktion den Terrorismus der Meister und Vorgesetzten begünstigt, ist der Mit­gliederstand des Werkvereins in einem Jahre von 2550 auf 2410 gesunken, während die Fabrik in den letzten Jahren etwa 1000 Ar­beiter mehr eingestellt hat. Von diesen 2410 Mitgliedern soll nach eigener Angabe der gelben Vertrauensleute obendrein nur die Hälfte Beiträge gezahlt haben. Inzwischen wächst die Zahl der in den Gewerkschaften organisierten Arbeiter immer mehr. Die Zahlstelle des Metallarbeiterverbandes in Augsburg , auf deren Vernichtung durch die Gelben es doch besonders abgesehen war, hat allein im Vorjahr 300 neue Mitglieder gewonnen.

Eine ehrende Anerkennung der deutschen Gewerkschaften, ihrer Einrichtungen und ihrer Methoden haben die belgischen Ge­nossen ausgesprochen, die sich vor kurzer Zeit in Deutschland zum Studium der Arbeiterorganisationen aufhielten. Sie legten die Ein­drücke und Lehren ihrer deutschen Reise in zwölf Thesen nieder, in denen die Organisation und das Wirken der deutschen Gewerks schaften als mustergültig für die ausländischen Proletarier gepriesen werden. Betont wird dabei, daß eine so strenge Trennung der politischen und gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter wie in Deutschland infolge besonderer nationaler und historischer Verhält­