Nr. 16

-

Die Gleichheit

bereine. Wir erinnern nur an die musterhaft und mit modernsten technischen Hilfsmittel ausgestatteten Bäckereien. In diesen sind die Einrichtungen geradezu himmelweit verschieden von denen in Privatbetrieben zugunsten der Arbeiter und auch der Konsu­menten. Um die Bestrebungen der Gewerkschaften zu fördern, find in Konsumvereinen auch die in Gefängnissen und im Heim" her­gestellten Erzeugnisse verpönt, deren Schmutzkonkurrenz vielfach ein Hemmnis für die Durchführung gewerkschaftlicher Forde­rungen bildet.

-

Aber damit ist das sozial vorbildliche Wirken der Konsum­bereine noch nicht erschöpft und soll auch nicht erschöpft sein. Diese suchen durch entsprechende Einrichtungen noch mehr zu erreichen. Viele lassen im Winter schon seit Jahren durch Vermittlung der Gewerkschaften unentgeltlich Brot an arbeitslose und bedürftige Mitglieder verteilen. In Notfällen wird ferner ein Vorschuß auf die Rückvergütung gewährt. Hier und da sind Not- oder andere Unterstützungsfonds eingeführt. Am verbreitetsten ist die Sterbe­unterstützung, die in Todesfällen an Mitglieder oder Familien­angehörige gezahlt wird, ohne daß für diese Unterstützung vorher Beiträge zu zahlen sind. So zeigen bereits die gegenwärtigen Verhältnisse, daß die Konsumvereine sich außer der vorteilhaften Warenvermittlung noch eine ganze Reihe Aufgaben stellen kön­nen, deren Erfüllung den Mitgliedern und Angestellten von ma­teriellem und ideellem Nutzen ist. Und je mehr unsere Genossen­schaften innerhalb der Schranken, die ihnen durch den Kapitalis­mus gezogen sind, dazu beitragen, die wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse zu heben, mit desto größerem Recht können sie mit den Worten der Magdeburger Resolution gewertet werden: ein Hilfsmittel im Klassenkampf der Arbeiter! Dazu gehört aller­dings, daß Mitglieder und Verwaltungen mit sozialistischem Geist erfüllt sind, daß sie sich einer übertriebenen und ganz zwecklosen Neutralität" enthalten, durch die die Masse der Klassenbewußten Arbeiter nur von den Konsumvereinen ferngehalten würde. So soll der erste Mai auch für die Arbeitergenossenschaften seine Be­deutung haben und behalten!

Notizenteil.

Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens.

Eine Vermehrung der weiblichen Arbeitskräfte im prenßi­schen Eisenbahndienst kündigt ein ministerieller Erlaß an, und zwar sollen diese vor allem mit einfachen zeichnerischen Ar­beiten beschäftigt werden. In mehreren Direktionsbezirken haben sich junge Mädchen bei solchen Arbeiten durchaus bewährt. Eine Eisenbahndirektion hat auch mit gutem Erfolg Frauen im Betriebsraum verwendet. Sie hatten dort bildliche Darstellungen der Zugverbindungen und Zugbefezungen zu zeichnen, ferner die Abänderung der im Gebrauch befindlichen Fahrpläne vorzunehmen. Der Eisenbahnminister beruft sich auf diese Erfahrungen, die an verschiedenen Stellen gesammelt wurden, um den Eisenbahndirek tionen nahezulegen, auch im Betriebsbureau mehr weibliche Per­sonen zum Zeichnerdienst heranzuziehen. Der preußische Eisen­bahnminister ist die Sparagnes der Regierung. Ihm fommt es nicht darauf an, die Arbeitsgelegenheiten für das weibliche Ge­schlecht zu erweitern. Er befolgt des seligen Eugen Richters Wei­sung: Stellen Sie mehr Mädchen ein", weil weibliche Arbeits­fräfte billige Arbeitskräfte sind und auch im Staatsdienst mit Hungergroschen abgespeist werden.

Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.

I. K. Vom Kongreß der sozialistischen Partei Hollands. Im Mittelpunkt der Beratungen des Kongresses stand die Agitation für das Wahlrecht aller Großjährigen und die kom­menden Wahlen. Eine Regierungsvorlage zur Verfas= fungsreform liegt vor. Sie schließt die Frauen gänzlich vom Wahlrecht aus und gewährt das allgemeine Wahlrecht nur den Männern, schränkt aber zugleich die Macht der Zweiten Kammer bedeutend ein und wird damit das allgemeine Wahlrecht ziemlich illusorisch machen. Schon zweimal hat die Arbeiterklasse bei der Eröffnung des Parlaments, am sogenannten roten Dienstag", für das allgemeine Wahlrecht demonstriert. Der Kongreß beschloß, dieses Jahr von der Demonstration abzusehen und bei den Wahlen an die Wähler zu appellieren. Statt zum drittenmal am zweiten Dienstag im September die Massen im Haag zu sammeln, soll am 2. Juni, vor den Wahlen, in den beiden Hauptstädten Hollands eine Tagesdemonstration stattfinden, für die kleineren Städte find

255

Abendveranstaltungen vorgesehen. Viele Delegierte waren von diesem Beschluß enttäuscht. Er schien ihnen weniger revolutionär als die dritte Veranstaltung eines roten Dienstags". Vielleicht ist das richtig, aber wenn der Beschluß wirklich ein Schritt nach rückwärts wäre, so diente er doch nur dem Zweck, dann desto sicherer borwärtsdrängen zu können. Die Genossen und die Gewerkschaften werden alles daran seßen, daß die beiden Tagesdemonstrationen durch massenhafte Einstellung der Arbeit so großartig als nur möglich ausfallen, so daß diese Kundgebungen selbst schon einen Schritt nach vorwärts bedeuten. Bei den Stichwahlen wird die Sozialdemokratie nur die bürgerlichen Kandidaten unterstützen, die sich für das allgemeine Wahlrecht der Männer ohne irgend­welche Beschränkung des Rechts der Zweiten Kammer erklären wie dafür, daß in der Verfassungsvorlage alle Bestimmungen ge­strichen werden, die gegen das allgemeine Wahlrecht der Frauen find, ebenso aber auch gegen die Einführung irgendeines Zensus­wahlrechts für die Frauen.

Die Frauen organisation war ebenfalls Gegenstand der Verhandlungen. Wie die deutschen Genossinnen wissen, haben es feinerzeit einige Genoffinnen auf sich genommen, sich speziell der Agitation unter den Frauen zu widmen, weil die Tatsachen er­wiesen hatten, daß diese Agitation sehr zurück war verglichen mit der unter den Männern. Nachdem sie vergebens die Partei zur Gründung eines sozialistischen Frauenblatts aufgefordert hatten, gründeten sie selbst ein solches. Es bildeten sich Propagandaklubs der tätigen Genossinnen, das aber im Einverständnis und mit Zu­stimmung der örtlichen Parteiorganisationen. Die Mitglieder dieses Klubs mußten Mitglieder der Partei sein, und die Arbeit dieser Frauengruppen stand durchaus auf dem Boden des Parteipro­gramms und bezweckte eine rein sozialistische Propaganda. Die Klubs schlossen sich ganz natürlich zu einem Verband zusammen, der das Blatt herausgab, die Führung übernahm und in den Parteisektionen neue weibliche Kräfte zur Mitarbeit rief. Das Statut des Verbandes wurde von dem sozialdemokratischen Partei­vorstand gebilligt, dieser veranstaltete zusammen mit dem Ver­band zwei Frauentage. Mehrere Jahre schon stand auf Wunsch des Verbandes ein Antrag des Parteivorstandes auf der Tagesord­nung des Parteifongresses, das Verhältnis zwischen Partei und Verband zu regeln. Jedesmal kam dieser Antrag nicht zur Ver­handlung. Heuer wurde zwar darüber verhandelt, doch ohne daß eine Regelung erfolgt wäre. Die Verhandlungen zeigten, daß die örtlichen Organisationen im unklaren über die Arbeit des Ver­bandes sind. Was die Genossinnen im Verband befürworten: Ein­gliederung in die Partei, ward als Anerkennung einer selbstän­digen Sonderorganisation der Frauen gedeutet. Die holländischen Genossinnen haben stets nur streng sozialistische Agitation ge­trieben, und zwar mit großem Erfolg. Es ist schmerzlich für sie, daß ihre Arbeit nicht offiziell als Parteiarbeit anerkannt wird, denn offiziös ist der Verband als zur Partei gehörig anerkannt. Doch offizielle Anerkennung oder nicht, wir werden in unserer Arbeit fortfahren, die bitter not tut: mit der Selbstbildung und Selbstschulung der Genossinnen, mit der sozialistischen Propaganda unter den arbeitenden Frauenmassen.

Helene Ankersmit, Amsterdam , Schriftführerin des Verbandes. I. K. Tausend italienische Landarbeiterinnen in einem Soli­daritätsstreik. 70 Tage dauert jetzt Mitte April- schon ein Streit, der abermals beweist, wieviel Ausdauer, Selbstlosigkeit und Mut die italienischen Proletarierinnen im Befreiungsringen ihrer Klasse betätigen. Und abermals stehen die Frauen im Vordergrund des Kampfes. Bezeichnenderweise handelt es sich da­bei um einen Sympathie- beziehungsweise Solidaritätsstreif. 1911 schloß die Organisation der Landarbeiter und Landarbeiterinnen der Provinz Ferrara mit den Arbeitgebern einen Arbeitsver= trag für vier Jahre ab. Dieser enthielt auch die Bestimmung, daß zur Zeit der Arbeitslosigkeit die vorhandene Beschäftigung unter die Arbeiter und Arbeiterinnen verteilt werden solle, und zwar nach den Feststellungen des Arbeitsnachweises, der von den Ar­beiterorganisationen zu errichten und zu leiten wäre. Heuer hat nun diese Bestimmung besondere Bedeutung erlangt. Der Krieg hat zu einem Anschwellen der Arbeitslosigkeit geführt. Viele Fa­milien find brotlos. Um die Zahl der Arbeitslosen und die Not zu mindern, beschlossen die Arbeiter und Arbeiterinnen, in diesem Jahre den Arbeitsnachweis einzuführen. Aber gerade in diesem Jahre aus naheliegenden Gründen haben die Arbeitgeber sich geweigert, den Arbeitsnachweis anzuerkennen. Sie bestehen auf ihrem Recht", die Hand frei zu haben bei der Auswahl der Ar­beitskräfte, weil sie dann die einzelnen maßlos ausbeuten können und die übrigen als Reservearmee, als hungernde Lohnbrüder zur Verfügung haben. Auf dieses frivole Spiel gehen die Arbeiter