Nr. 19

25. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft viertelfährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

Jahres- Abonnement 2,60 Mart.

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Inhaltsverzeichnis.

Stuttgart

11. Juni 1915

Die italienische Sozialdemokratie und der Krieg. Von Angelika Balabanoff . Ausländische Urteile über die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz zu Bern . Die Arbeiterinnen der Glasindustrie und der Krieg. Von E. G.

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Aus der Bewegung: Von den Organisationen. Eine widerrecht liche Auslegung des Reichsvereinsgesetzes aufgehoben. Politische Rundschau. Gewerkschaftliche Rundschau. Über den Stand des Deutschen Textilarbeiterverbandes. Von sk. Notizenteil: Für den Frieden. Dienstbotenfrage. Soziale Gesetzgebung.

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Die italienische Sozialdemokratie und der Krieg.

In derselben Zeit, wo in den friegführenden Ländern der Friedenswille größerer Volksschichten sich kräftiger zu regen begann, hat Italien sich des ehrenvollen Vorrechts entäußert, als führende Macht die neutralen Staaten zu einer wuchtigen gemeinsamen Friedensaktion zusammenzufassen. Von dem beute- und abenteuergierigen Imperialismus geftachelt, hat es sich dem Dreiverband angeschlossen. Die italienische Co­zialdemokratie allein hat inmitten des rasenden Kriegs­taumels ihre überzeugungen, ihre Ideale politischen Lebens, edelster Menschlichkeit bewahrt. Wir lassen folgen, was Ge­nossin Angelika Balabanoff darüber im Berliner Vorwärts". veröffentlicht hat. Genoffin Balabanoff gehört dem Partei­vorstand der italienischen Sozialdemokratie an; wenn sie auch Stussin ist, so hat doch ihr aufopferndes Wirken für den Sozialis­mus ihr schon längst im Herzen des italienischen Proletariats das Bürgerrecht erworben. Seit Kriegsausbruch hat unsere Freundin unermüdlich für die Neutralität, für den Frieden gewirkt, allen Verleumdungen und Beschimpfungen zum Troß. Es genügte der italienischen Hetpresse nicht, Genossin Balabanoff als bezahlte Agentin des Deutschen Reiches zu schmähen, sie brachte auch die Nachricht, Wilhelm II. habe ihr für ihre Vertretung deutscher Interessen das Eiserne Kreuz verliehen, schließlich forderte sie die Ausweisung der lästigen, unruhestiftenden Ausländerin". Genossin Balabanoff schreibt: Jezt, wo das offizielle Italien aus seiner widerspruchs­vollen, dem Anschein nach zögernden Politik herausgetreten ist und somit die Verantwortlichkeit für einen von den brei­ten Volksschichten nicht nur nicht gewollten, sondern ver­dammten Krieg übernimmt, ist es möglicher und angebrachter als je in diesen neun Monaten der Ungewißheit, einen über­blick über die Stellung der sozialistischen Partei Italiens dem Kriege gegenüber zu geben.

Trotz all dem Widerspruchsvollen und unerwarteten, das die verflossenen ereignisreichen neun Kriegsmonate den Völ­fern und nicht zuletzt den sozialistischen Parteien gebracht haben, ist die italienische Partei nicht nur ihren Prin­zipien, sondern auch der beim Ausbruch des Krieges angenommenen Taktik treu geblie. ben. Dieser Umstand muß vor allem hervorgehoben werden, um einem Mißverständnis vorzubeugen, das die italienische Bartei in einem falschen Licht erscheinen lassen könnte.

Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

In der Presse werden systematisch auch diejenigen für An­gehörige der italienischen Partei ausgegeben, die längst aus ihr entfernt sind, Leute, die gerade wegen ihrer Stellung­nahme zum Krieg aus der Partei ausgeschlossen wurden oder aber, gerade weil sie ganz allein mit ihrer Anschauung stan­den, sie verlassen mußten. Ein Beispiel genüge: Im Inland und insbesondere im Ausland wird das Blatt des Herrn Mussolini , der Popolo d'Italia", nach wie vor als ein sozialistisches Organ bezeichnet. Dabei wird Mussolinis Auf­treten von der ganzen Partei als der schmählichste Verrat an der Arbeitersache und am Sozialismus betrachtet, und er ist nicht nur von der Mailänder Parteisektion, sondern auch ein­stimmig vom Parteivorstand ausgeschlossen worden. Es ist lächerlich, einen Mann als Sozialisten zu zitieren, der die verrufensten Gegner der Sozialdemokratie, bürgerliche Jour­nalisten und aus der Partei ausgeschlossene Elemente zu Mit­arbeitern seines Blattes ernannt hat, und der den Sozia­lismus und das Proletariat auf das infamste verleumdet. Aber wie mit Mussolini geht es mit den aus der Partei aus­geschlossenen Reformisten, die bekanntlich als die ersten und eifrigsten Kriegsheber aufgetreten sind und jetzt ihre Kriegsfreundlichkeit dadurch bekunden, daß sie sich als Frei­willige melden.

Auch noch auf einen anderen Unfug sei hier hingewiesen. Sobald ein der Mitwelt völlig unbekannter Sozialist irgend­wie mit der Partei in ihrer streng friegsfeindlichen Stellung nicht übereinstimmt, wird er sofort von der kriegshezerischen Presse als einziger denkender Sozialdemokrat der Welt vor­gestellt, und so manchen Intellektuellen hat die Möglichkeit verführt, berühmt und geschätzt zu werden. Das Proletariat aber davon legt der Avanti" mit seinen Tausenden und aber Tausenden von Korrespondenzen und Meinungs­äußerungen von Parteigenossen Zeugnis ab-, das Prole­tariat betrachtet einen jeden dieser überläufer als Hand­langer der bürgerlichen Klassen und geht über ihn zur Tages­ordnung über.

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Was die Partei als solche betrifft, ist es nicht schwer, nach­zuweisen, daß sie heute, abgesehen von einer winzigen Gruppe von Intellektuellen, dem Kriege gegenüber eine ebenso feind­selige Haltung einnimmt wie am 4. August 1914, und das gab ihr auch das moralische und politische Recht, in der letzten Vorstandssitung vor den Parteigenossen, dem Proletariat, dem italienischen Volk und der Internationale zu behaupten, sie habe ihre Pflicht getan, um die Neutralität Italiens aufrechtzu­erhalten, und sie trage keine Verantwortlichkeit für den Krieg. Als nach dem Ausbruch des europäischen Weltbrandes der Barteivorstand die proletarischen Organisationen zu einer Sigung einlud, um für den Fall einer Kriegserklärung sei­tens Italiens eine gemeinsame Aktion einzuleiten, wurden bekanntlich auch die äußersten Mittel ins Auge gefaßt. Scheint demgegenüber die jetzige Stellung der Partei und des Proletariats eine schwächere, so ist das nicht etwa darauf zurückzuführen, daß die Partei ihre Opposition irgendwie ge­mäßigt habe, sondern es handelt sich nur um eine Änderung