260

Die Gleich beit

beherrschte. Sie darf die Geschichte als den Friedensstifter Europas feiern, denn sie drückte dem Kongreß von Münster ihren Willen auf. Ihr gesellschaftlicher Einfluß vermochte die französische Welt trotz der widersprechendsten Interessen in Eins zu schmelzen und die Kabinette fremder Fürsten nach drücklicher zu bearbeiten, als es oft die besten Gründe ver­mochten."*)

Mit diesen Worten ist die maßgebende Art und Weise der Politik bis zum Ausbruch der Revolution von 1789 geni­gend charakterisiert. Wieviel Furchtbares sich in diesem blendenden Mantel der Höflichkeit, hinter diesen liebens­würdigen Gesten und Worten verbarg, wieviel höchste diplo­matische Schlauheit, welches politische Intrigenspiel, welche Fülle von Verbrechen und Gesetzesverlegungen von all dieser Feinheit, diesem Anstand, dieser scheinbaren Herzlichkeit der Gesinnung versteckt wurden, ist mehr als genügend durch den Namen Richelieu angedeutet.

Doch gilt auch hier, wie stets und überall, daß das Ver­halten der damaligen französischen Gesandten und Diplomaten nuancierte, daß es sich immer nach der Geltung richtete, die ein europäischer Staat kraft der von ihm behaupteten Würde und kraft der Geschicklichkeit seiner diplomatischen Vertreter am französischen Hofe besaß. Das Auftreten der französischen Diplomatie war in Italien ein anderes wie in England; es berhielt sich in Spanien beinahe umgekehrt zu dem in Deutsch­ land gepflegten.

Die Revolution brach mit dieser Liebenswürdigkeit und Feinheit. Und als sie abgeebbt war, offenbarte sich, daß die Politik Frankreichs eine Veränderung erfahren hatte, an der die Revolution freilich einen nur indirekten, aber doch zwin­genden Anteil hatte: Brutalität und Spott zeigten sich offener als vordem im diplomatischen Verkehr und gaben der inter­nationalen Politik eine neue Note. Mag man auch die Waffe des Spottes noch als Ueberbleibsel aus jenen Zeiten ansehen, in denen die internationale Politik mit den Mitteln des Wizes, der vollendeten Form, der Höflichkeit geübt wurde, so ist doch die mehr oder minder versteckte Brutalität, die den

*) A. v. Gleichen- Rußturm, Das galante Europa. ( Julius Hoffmann, Stuttgart .)

Nr. 32

diplomatischen Verkehr von des ersten Napoleon Zeiten an kennzeichnete, ganz und gar eine Mischung aus revolutionärer Rücksichtslosigkeit und imperialistischem Egoismus. Und als fich nach 1870 gar das französische Spießertum, das ja auch in Frankreich ein Konglomerat von Geldgier, Machtdünkel und geistiger Unzulänglichkeit darstellt, und dem auf volksver­brecherischem Wege in der neugegründeten Republik der un­gehinderte Aufstieg in die höchsten Staatsämter eröffnet worden war, in Politik versuchte und sie mit Advokaten­kniffligkeit und Kleinlichkeit durchtränkte, war eine neue poli­tische Arbeitsmethode fertig, von der bezeichnenderweise die Diplomatie der übrigen europäischen Staaten nur wenig an genommen hat.

Die maßgebende Stellung der französischen Diplomatie ist ohne Zweifel erschüttert; für eine Politik engstirniger Ge­hässigkeit ist in der Arena des Kampfes der kommenden Jm perien kein Raum; auch der imperialistische Machtkampf ver­langt Großzügigkeit.

Alles das sind Tatsachen, die sich dem Nachdenkenden offen­baren und die für die hier anschließenden Ausführungen von grundlegender Bedeutung sind. Der für die Entente scheinbar glückliche Ausgang des Krieges hat speziell in dem von Na­poleon Foch beherrschten Frankreich eine Ueberhöhung chauvi­nistischer Gefühle mit sich gebracht, wie sie selbst in einem sieg­reichen Deutschland wohl nur schwerlich möglich gewesen wäre. Von diesem Uebermaß aber wird wiederum der Ton beein­flußt, den der westliche Nachbar uns gegenüber anschlägt. Was an mehr oder weniger versteckten zynisch- gemeinen Beschimp­fungen vor allem vom Tage der Versailler Vergewaltigung an von Frankreich dem deutschen Volke geboten wurde, ist ungeheuerlich und wird dem erst im vollen Umfange klar, der die fraglichen Noten, Erklärungen usw. einmal in der ge­schlossenen Reihenfolge sich vor Augen hält. Und immer wird es mir unbegreiflich bleiben, daß angesichts solcher Be­schimpfungen, angesichts eines derartigen Wort- und Text­Sadismus deutsche Männer und Frauen, deren politischer Beruf Mitarbeit am neuen Deutschland sein sollte, vom Vater­lande abrücken und dem militärischen Sieger und Hasser aus Oppositions- und Unvernunftsgründen zustimmen und ihm

mit dürfen Sie nicht fahren. Das will ich auch nicht, geben ,, And solch' Volk verderben sollt'?..."

Sie mir bitte die Karte." Sie machen sich strafbar. Das kann Ihnen doch gleich sein, geben Sie mir eine Bahnsteigkarte." Bitte. Ich reiche ihm einen Zwanzigmartschein. Darauf kann ich nich rausgeben. Hinter mir entsteht Gemurmel, Ausrufe werden laut; ich will verzweifeln. Da legt der hinter mir stehende Herr die fünfzig Pfennige aus, befommt dabei aber mit dem Beamten Streit. Endlich kann ich weiter. Der Herr verweigert mir seine Adresse, da er doch nach Wien abreise. Ich raje durch die Sperre auf den Bahnsteig und suche den Beamten, dem ich schnell mein Anliegen und Mißgeschick vorsprudele. Der gute Mann zeigt echtes Verständnis indem er sagt:" Fräuleinchen, Sie reisen wohl nicht oft?" Ich muß erst kein geistreiches Geficht gemacht haben, erwiderte dann aber lachend, daß ich im Gegenteil sehr oft gereift bin und meistens erster Klasse, denn ich war im Besitz einer Abgeordnetenkarte. Er stopfte mich dann liebevoll in sein Dienſtabteil.

-

Damals als ich noch die Karte hatte mußte ich auch mal irgendwo bin ins Hinterland. Der Zugschaffner, dem ich den Ausweis zeigte, sah mich an, dann sah er die Karte an und er­Härte: Sie gilt nicht. Auf meine Frage warum, erklärte er Tategorisch: Auf solcher Karte dürfen nur Herren reisen. Ich belehrte ihn, daß es seit 1919 im Januar auch weibliche Abge= ordnete gäbe. Das bestritt er. Auf meine Frage, ob er denn bei den Wahlen zur Nationalversammlung nicht gewählt hätte, gab er ein stolzes Ja und den Namen eines Zentrumsführers an; eine Frau hätte Er"( mit Betonung lesen) nicht gewählt. Als ich ihm erzählte, daß er dann auch zugleich zwei Frauen ge­wählt hätte( ich nannte zwei Zentrumsdamen), schüttelte er sehr ungläubig den Kopf. Aber, feiner Sache wohl doch nicht ganz ficher, flopfte er mir auf die Schulter und sagte: Na, ich will Eie mal so mitfahren lassen, ich will es glauben."

Ben Willi Birnbaum.

Es standen die Saaten zum Schnitte reif. Da zogen eines Tages unheilschwangere Wolfen aus dem südlichen Wetterloch am Horizonte auf. Drüdende Hihe lag über den Feldern. Atent­lose, beklemmende Stille nahm ängstliche Gemüter ganz in Bann. Wetterkundige rieten zu Eile: Untvetter in Sicht! Immer Süfterer es ward; immer mehr Wolfen fich ballten. Eine einzige bleigrau- schwere Masse verdedte endlich Sonne und letztes Blau. Die Schwalben strichen verängstigt über das Feld, das Getier ver­Troch sich und Menschen flüchteten von Feldern in schützende Hütten. Dann ging Sturmwind an, Flugsand in Lüfte wirbelnd, rajend über die weite Ebene, sich brechend am hohen Kiefernforst. Plötzlich ein Blik, ein langhallendes Grollen. Einzelne große Tropfen fallen und flatschen auf Felder und Weg, dann gießt es in Strömen. Blitz auf Blizz herniederzudt, Donner auf Donner folgt. Sefundenlang grellfarbenes Leuchten.

Und die Menschen in den Hütten schreden auf. Frauen und Kinder hoden in dunkelsten Eden, am Ofen, horchen angstvoll hinaus. Die Männer haben in Ställen zu schaffen. Das Vich wie wild an, den Seiten raffelt.

Da plötzlich ein Blik, ein Schlag alles schier eins. Der Blitz traf eines der Häuser im Dorf. Entsetzen legt sich lähmend auf alles Getrampel auf Gaffen, Stimmengewirr. Es brenni! Lichterloh schlagen die Flammen empor; Feuershelle über den Torf. Unbändig raft das Glement; es greift sich Haus um Haus. Bergebliches Mühen schwächlicher Menschen. Sie werden naß bis auf das Hemd, fie tommen in Schweiß: Was hilft es?. Vierzehn Häuser fraßen die Flammen. Nun hängen verkohlte Balken im lockeren Gefüge, Dächer sind eingestürzt, rauchgefchtvärzt stehen Grundmauern nur noch. Und jammernde Menschen