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Die Geich beit

arbeit wird ber Jugend neue Lebenskraft und neue Lebensfreude bringen. Der Krieg hat uns enorme Opfer an Volkskraft gekostet, die durch eine zielflare Jugendarbeit wieder ausgeglichen werden müssen. In corpore sano, mens sano." Nur in einem gesunden Körper kann ein Hans Pasch gesunder Geist wohnen.

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Briefe über Kindererziehung I

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Liebe Frau Margarete!

Die große erste Reichsschulkonferenz gehört nun schon der Ver­gangenheit an. Oder soll ich nicht lieber sagen: der Zukunft? In der Tat, wenn eine Blume abgeblüht und verwelkt ist, fühlt sie sich vorausgeseßt, daß Blumen fühlen- gewiß nicht als etwas Vergangenes, sondern sie hat vollauf zu tun, den schwellenden Fruchtkörper auszubilden. Sie kennen das ja! Trauert etwa die junge Frau um ihre verwelkte Mädchenblüte, wenn sie mit stolzer Freude und hoffendem Entzücken das Werdende in ihrem Schoß sich heimlich regen fühlt? So wird nun hoffentlich alles das, was an lebens- und entwicklungsfähigen Gedanken von jener Ver­sammlung geboren und zutage gefördert worden ist, heute in den Arbeitszimmern unserer geheimen und offenbaren Schulräte sorg­lich gehegt und gepflegt, von den Spuren der ziemlich wehenreichen Wochenstube gereinigt und hübsch in schleifenverzierte Baby­Kleidchen, oder ist das noch die Steckfissenperiode? einge hüllt, damit der Papa Reichstag seine Freude daran habe und es anstandslos als sein legitimes Kind anerkenne und benamse. " Namensfeste" nannten ja unsere heidnischen Vorfahren diese erste Kinderweihe.

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Mit richtigen Erziehungssachen freilich hatte sich die Reichs­Schulkonferenz bedeutend weniger zu befassen, als mit Schul- und Unterrichtsfragen. Das ist eine viele Jahrhunderte alte geheiligte, wenn nicht lieber verfl... igte Ueberlieferung. Ein an sich ganz richtiger Gedanke, den leider die wirtschaftlichen Verhältnisse zum Zerrbild gemacht haben, weist der Mutter und dem Hause die Erziehung, der Schule den Unterricht zu. Ach, wie gut wiffen unsere lieben Frauen, daß ihnen, weil sie ja im Haushalt so wenig zu tun haben(!), abgesehen selbst von der Berufsarbeit, auch noch die ganze schwere Erziehungslast auf die schmalen Schultern gebuckelt worden ist! Ich will gar nicht reben von der Vorgeburtserziehung", bei der freilich der Mann nichts weiter helfen kann, als daß er als ein leiblich und geistig ge= sunder und frischer Kerl in die Ehe gehe. Das muß die Frau auch, aber dazu und darüber hat sie die schwere Verantwortung, während der neun Monate ihres gesegneten Zustandes, wo mit ihrem lebendigen Blut und allen darin aufgespeicherten Sträften die Quellen geistiger und körperlicher Gesundheit in das nach ehernen, festen Gesetzen" sich bildende Kind hinüberfluten, den föstlichen Menschenkeim vor allen Echädigungen nicht nur äußer­licher Art, sondern vor allem vor nervenzerstöcenden Aufregungen durch Leidenschaften. wie Angst, Kummer, Sorge, Schred, zu be wahren. Und die pflegen ja am Wochenbett der proletacischen Mutter selten zu fehlen! Da muß auch die einfachste Frau lange schon, che sie das Kindlein in die Wiege legt, als ein wirklicher Schußengel diese sich herandrängenden Heren, die alle ihn ihre Morgengabe ins Bettchen binden möchten woher sonst die bielen Sorgen-, Angst-, fümmerlichen und schcedhaften Kinder?- abwehren und es verstehen, wenigstens dem unerwünschten Ge­schent, wenn sie's nicht hindern konnte, die seinen Zauber brechende Gegengabe beizufügen: der Aengstlichkeit im Kleinen, den Bekennermut in großen Dingen, dem Kummer die Lebens­freudigkeit, der Sorge den leichten Sinn und der Schredhaftigkeit die Geistesgegenwart. Aber allerdings: man muß etwas sein, um etwas zu werden und davon noch an das künftige Geschlecht ab­geben zu können. Wir könnten erzogene Kinder gebären, wenn nur wir Eltern erzogen wären!" jeufzte Goethe einmal. Aber gerade darin liegt doch auch die Gewähr dafür, daß diejenigen, die es mit der Erziehung ihrer Kinder ernst nehmen und- wohl gemerkt- diese allerschwierigste Kunst auch verstehen, die eigentlichen Förderer der Menschheit auf ihrem Wege zur Höhe sind. Glauben Sie es, liebe Frau Margarete, wenn Ihnen, wie Sie schreiben, oft himmelangst ist vor der ungeheuren Verant­wortung Ihren Kindern gegenüber" einem mehrfachen Großvater, daß es auch an Himmels freude" nichts größeres gibt, als die eigenen Kinder, selber schon ein paar Stufen über uns, emsig am Werke zu sehen, nun auch wiederum ihre Kinder zu weiterem Bergaufwärts anzuleiten! Da kann man den Fortschritt der Menschheit einmal richtig mit Händen greifen". Sie glauben

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Nr. 33

nicht an ihn? Weil noch immer so unendlich viel Roheit, so entsetzlich viel Bestialität in der Welt ist? Das dürfte eine überzeugte Sozialistin nicht sagen! Lassen Sie ruhig die gea lehrten Professoren beweisen, daß in den lumpigen sechstausend Jahren, von denen unsere Kulturgeschichte etwas zu wissen vor­gibt, wirklich die sittliche Besserung der Menschen kaum nennens wect fortgeschritten sei gegenüber dem geistigen und technischen Fortschritt was will das denn sagen? Es beweist höchstens, daß es leichter ist, einen dynamo- elektrischen Motor zu bauen oder burchs Mikroskop und Fernrohr zu gucken, als ein Kind richtig zu erziehen! Und das wußten wir schon bocher. Aber haben wir denn schon eine Menschheit, deren Fortschritte man auf dem moralischen Thermometer ablesen könnte? Heute noch immer­fort, und durch die Jahrtausende hindurch, rücken fortwährend die Noch nichtmenschen, die zweibeinigen Tiere, die von der gemeinsten Notdurft und von ihren lieben Mitmenschen auf der Stufe des Unternehmertums festgehalten worden sind, um ihnen mit ihrer Muskelkcaft oder als Kulturdünger zu dienen, langsam in die Reihe der Menschen auf, und deren noch unüber wundenen tierischen Triebe fälschen die Statistik und die moralische Bilanz der Kulturmenschheit. Der Wasserspiegel Ihres Bcunnens senft sich auch nicht, wenn Sie noch so viel Gießfannen Wassers aus ihm entnehmen, um Ihre paar Blumenbeete damit zu er frischen! Das Grundwasser quillt nach! Aber wachsen darum Ihre Tomaten und Sonnenblumen weniger gut? Bauen Sie nur getrost den kleinen Hausgarten Ihrer Kinder an und fümmern Sie sich nicht um die landwirtschaftlichen Tabellen, bie beweisen, daß die Blumenzucht in Deutschland oder Europa oder meinetwegen auf der ganzen Erde zurückgehe! Im Vertrauen gefagt: wenn's jeder so machte, jeder seine Kinder mit einem so guten oder vielmehr bösem Gewissen aufzöge, wie Sie- Sie sollten mal sehen, wie rasch dann auch die strenge Wissenschaft ihre schwarzseherische Rechnung umschreiben müßte. Sie sind, an Ihrem Teil, Volk und Menschheit, und wenn Ihre Kinder gedeihen, dann müßte es doch wirklich direkt mit dem unfraut­säenden Teufel zugehen, wenn die Welt nicht nach dreißig, vierzig Jahren besser aussehen würde, als wenn Ihre Kinder Tauge­nichtse geworden wären!

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So; bas haben Sie diesmal für Ihren Kleinmut! Wie wir's aber anfangen, Ihre Kinder besser zu machen, darüber habe ich Ihnen meinen Rat versprochen und werde das halten. Mit der Einmal hat sie, wie Reichsschulkonferenz also war es nichts. gefagt, von der Erziehung nur so gelegentlich nebenbei gesprochen und desto mehr von Bildung und Unterricht, obwohl die Herren alle ganz gut wußten, daß schon ein gewisser Philosoph und Päda­goge, Herbart , dem der Gott der Pädagogen( sie werden doch einen haben?) seine Formalstufen" dafür verzeihen wolle, einen Unter­richt ohne Erziehung nicht fannte. Zweitens haben Sie von den Ergebnissen der erlauchten Versammlung nichts gehört außer was Ihnen Frau Klara Bohm- Schuch in der Nr. 27 verraten hat und da gab's sehr viel mehr bloß Gewolltes, als Geleistetes; und drittens hat sich die Regierung mit Fug und Recht sehr ge­hütet, die uns beide hier beschäftigende Frage nach der Umgestal tung der Gesinnungspflege, also des leidigen Religionsunterrichts und des sogen. Moraiunterrichts, unter die schon reichlich erhitzten Kämpfer um Schulaufbau und Lehrerbildung zu werfen. Sie ahnen wohl warum! In Weltanschauungs- und Glaubensfragen versteht be­fanntlich der brave und gutmütige Deutsche vergiveifelt wenig Spaß und der sonst schon reichlich abgehärtete Reichstagssaal hätte dann wohl ein Schlachtgetümmel gesehen, bei dem nicht nur ver­staubte Perücken und längst schnittreife 3öpfe herumgeflogen wären, sondern auch die dazu gehörigen geistlichen und weltlichen Köpfe! Dazu wäre auch noch die ganze mühselig genug und wie zerbrechlich zusammengefittete Artifelreihe der Reichsver­fassung über die Schule in Scherben gegangen ein Unglück, das zwar nicht mir, aber doch sicherlich den Vätern des Schulfompro­misses höchst peinlich gewesen wäre! Aber im Ernst gesprochen: Für solche halsbrecherischen Experimente, wie es die Entfesselung des Kulturkampfes um die Schule" gewesen wäre, ist der junge Freistaat Deutsches Reich " noch lange nicht kräftig genug, ganz abgesehen davon, daß die Rüstung unserer Vorfämpfer für die reinweltliche Schule noch erbarmungswürdig unvollkommen ist. Mit dem bloßen guten Willen und mit vortrefflichen und ver nünftigen Ueberzeugungen und Theorien ist es nun einmal in der Erziehung, die tausendmal mehr Kunst als Wissenschaft ist, nicht getan. Davon, meine liebe Frau Margarete, hoffe ich Sie im Laufe dieses unseres Briefwechsels noch gründlich zu über­

zeugen.

Ihr

Dr. Penzig. ( Fortsetzung folgt)