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Nummer 36

6. September 1923

Heimwelt

Unterhaltungsbeilage des Vorwärts

Wunder- und Hexengeschichten.

Kulturhistorisches von Paul Enderling .

In alter vergilöten, in Schweinsleber gebundenen Bänden stehen diese Geschichten, in denen, wie in der Zeit, in der sie er standen, Glaube und Aberglaube, naive Kindlichkeit und toller Wahnwit ihren Reigen tanzen.

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stand und Glauben bei vielen Menschen sein werden. Jedoch kann ich in Wahrheit sagen, daß mehr denn 200 Personen, die ich unter meinem Richteramt zum Feuer verdammt habe(!), selbst bekannt haben, daß zu Zeiten die Heren haufenweise zusammen tämen an einem Bach oder See. Dafelbst schlagen sie so lange mit Gerten oder Ruten, die sie vom bösen Geist empfangen haben, in das Wasser, bis sich ein dider Dunst und Nebel daraus erhebt und sie mit dem Rebel zugleich in die Höhe fahren. Die Dünfte werden nachmalen zu schwarzen Wolfen, in welchen sie mit den Geistern hin- und herfahren, wohin es fie gelüftet, auch endlich mit Hagel und Donner wieder auf die Erde niederkommen usw. Eine der Heren, Barbara. Rayel, sagte auf der Folter aus, daß Zauberer und Heren mit Hilfe der böfen Geifter in den Wolfen dice Fäffer überquer und durcheinander wälzten, so lange, bis sie an den Ort gekommen, den sie sich zu verderben vorgenommen. Alsdann zersprängen besagte Fäffer und es fämen Steine, Hagel, Regen, Blitz und Donner heraus und verderbeten alles.

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Die Kernchronita" des Eberhard Werner Hoppelius vom Jahre 1665 enthält als Bendent hierzu folgende Geschichte: Zu München war dies Jahr ein großes, übernatürliches Donnerwetter, Als nun ein frommer Briefter vermerkt, daß solches ein Teufels. donnerwetter wäre, befchwor er es, wobei ein 70jähriger Erzzauberer ganz nacht aus den Wolken herabfiel und das Gewitter gleich auf­hörte! Der Zauberer bekannte" hernach, daß er solches Wetter machen nebst einigen hundert Gesellen an die 40 Jahre betrieben und an Menschen, Vieh, Früchten und Gebäuden großen Schaden getan hätte, weshalb er mit glühenden Zangen gezogen, erwürget und zu Asche verbrannt wurde."

Im 20. Kapitel des dritten Buches von Schott, Physica curiosa", einem didleibigen, ehrwürdig dreinschauenden Folianten, finden wir folgendes: Ein Priester reiste einmal nach Medien. Da er sich verirrt, mußte er mit seinem Knaben die Nacht unter einem Baume zubringen. Unvermutet tommt ein Wolf zu ihnen, und als sie erschreckt fortlaufen wollten, ruft er ihnen zu, sie sollten sich nicht fürchten; er hätte nur etwas mit ihnen zu sprechen. Wir sind, fing der Wolf mit ernster Stimme an, von dem Bolk der Assyrier, und alle sieben Jahre müssen unserer zwei, ein Mann und eine Frau, auf die Bitte des heiligen Natalis aus unserem Lande fort und Wolfsgestalt annehmen. Wer diese Prüfungszeit glücklich übersteht, wird von anderen abgelöft und tommt wieder in fein Baterland. Meine eheliche Hausfrau und sende Gefährtin in der Wolfsschaft liegt nicht weit von hier in den letzten Zügen, da sie sich an die Lebensart nicht gewöhnen fonnte, Jay wollte dich als Priester Gottes bitten, ihr mit dem Trost der Kirche beizustehen. Bitternd folgte der Priester dem Wolf zu einem hohlen Baum nach, wo er eine scheußliche Wölfin antraf, die ganz menschlich stöhnte und feufzte. Raum erblickte sie den Priester, als sie mit heller Stimme Gott zu danken anfing, daß er sie nicht ohne geiftlichen Zuspruch wollte sterben lassen. Der Priester betete mit ihr und reichte ihr auch das Abendmahl. Der Wolf war sehr dankbar, führte Das es auch in diesen finsteren Zeiten nicht an Röpfen fehlte, den Priester auf dem nächsten Wege aus dem Wald hinaus, erzählte die das Sinnlose dieser Theorien erkannten, ist selbstverständlich. ihm, daß bereits zwei Drittel seiner Wolfszeit vorüber seien, nahm So erzählt Schott in der oben zitierten Physica curiosa" von darauf beweglich Abschied und ging zu seiner franken Gefährtin in den Wald zurüd."- Wohlgemerkt, dies steht in feinem Märchen­buch, sondern in einem streng wiffenschaftlich sich gebärdenden Wert! Ein frommer Mann, Superintendent Rimphof, erzählt in feinem Drachenfönig", wie zu Gefide ein Ehepaar ausging, Holz zu fuden. Bald habe sich der Mann abfentiert und darauf in Gestalt eines graufamen Wolfes fein eigenes Weib angefallen, ihr aber nur ben roten Rock zerrissen. Als er sich wieder in menschlicher Gestalt habe sehen lassen, habe er noch im Bart die Fräslein ihres roten Roces gehabt(!), fei hierauf von seiner Frau angegeben und justifi­zieret, d. h. verbrannt worden.

" Nach demselben Autor sind die Wolfsverwandlungen in Asien zu jener Zeit sehr häufig gewesen. Als Soliman 1542 die Regierung antrat, war Ronstantiopel so voll Wehrwölfen, daß er mit einer Kleinen Armee wider sie zu Felde ziehen mußte. 150 wurden erlegt. Bei genauer Zählung zeigte es sich, daß 150 Bürger fehlten.

Der regierende Bürgermeister Dr. jur. Pelzer in Osnabrück sieht einmal in einer mondhellen Nacht zwei oder drei Katzen in seinem Hof sich luftig machen. Er zweifelt feinen Augenblick daran, daß es Heren sind, leitet den Prozeß ein; es werden viele Frauen und Mädchen eingezogen und auf die Geständnisse, die sie auf der Folter machen, hingerichtet!

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zwei Jesuiten , die an dem im Bolfsmund verrufenen Herensee im Badischen gingen und dem Teufel und seinen Gesellen Hohn sprachen. und lachend zur Stadt zurückkehrten. Aber der Teufel rächte sicht Die Nacht darauf entstand ein entfehliches Gewitter mit Sturm und Blazregen. Dies währte einen Monat lang, und alle Badenser Bürger und Bauern glaubten nicht allein, daß der Teufe dies Gewitter gemacht, sondern hielten auch die Jesuiten für Mitschuldige des Teufels, wodurch die armen unschuldigen Patres in arge Be drängnis gerieten...

Wie lange diefer Glaube an die Möglichkeit einer Bändigung oder Entfesselung der Elemente durch Zauberhokuspokus währte, lehrte die interessante Feuerverordnung, die zu Mecklenburg , das fulturell ja allezeit voran war, noch im Jahre 1742 erlassen wurde. Sie lautet:" Da durch Brandschaden viele bisher in großes Unglück geraten, befehen wir, dergleichen Unglück in Zeit zu steuern, daß in einer jeden Stadt und Dorf verschiedene hölzerne Teller, worauf schon gegessen gewesen, mit den Figuren und Buchstaben, wie unten beschrieben( es ist das ein richtiges Befchwörungs- Adakadabra) des Freitags bei abnehmendem Lichte mittags zwischen 11 und 12 Uhr mit frischer Dinte und Feder geschrieben, vorrätig seien. Sodann aber, wenn eine Feuersbrunst, wovor Gott hiesige Lande in Gnaden. bewahren wolle, entstehen sollte, alsdann solchen bemalten Teller In Indien gab es Zauberer, die sich in Löwen und Tiger ver- mit den Worten: In Gottes Namen! ins Feuer geworfen, und, wandeln konnten. Zwei solche Zauberer, Juan Gomez und Se- woferne das Feuer wieder um sich greifen sollte, dreimal solches bastian Lopez, begegneten sich einmal in dieser Bestiengestalt und wiederholt werde, dadurch dann die Glut ohnfehlbar gedämpft wird. erkannten sich sofort. Eine Feindschaft hatte sie lange entzweit, und Dergleichen Teller nun haben die Bürgermeister in den Städten, so benutzten sie denn diese Gelegenheit, wütend übereinander her- auf dem Lande aber die Schultheiße und Gerichtshalter in Ber zufallen. Nach blutigem Kampf ward Löwe Gomez vom Tiger wahrung aufzubehalten und bei entstehender Feuersgkut, da Gott Lopez so übel zugerichtet, daß er an der erhaltenen Wunde starb. für sei, beschriebenermaßen zu gebrauchen, hiernächst aber, weil Der" Tiger " wurde darauf unschädlich gemacht. Thomas Gage , folches jedem Bürger und Bauer zu wissen nicht nötig ist, foldjes solches der dies im dritten Band seiner Reisebeschreibungen" erzählt, fügt bei sich zu behalten. Hierin vollbringen diese unseren gnädigsten hinzu, daß er dem Verurteilten auf dem Wege zum Richtplatz bei- Willen. Gegeben den 24. Dezember 1742." gestanden habe... Es war ein hübsches Weihnachtsgeschent, das Serenissimus dorf

Der berichtigte Remigius sagt in seiner Dämonolatrie"( 1. Bd.): feinen Untertanen gab. Nur schade, daß nirgends erwähnt wird, ,, Es ist kein Zweifel, daß solche Sachen über allen menschlichen Ber- wie es sich bewährte.