man im Parlamentssaale gegen die Vertreter jener oppositionellen Partei verfährt. Er wohnte einer für jeden ehrlichen und vernünftigen Menschen empörenden Reichstagssigung bei, in welcher man einem, von einem hochgestellten Manne in gradezu niederträchtiger und boshafter Art angegriffenen sozialdemokratischen Abgeordneten nicht das Wort zu seiner Rechtfertigung gab.
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In jener Sigung stieg dem braven Sigismund das Blut in's Hirn, und er wäre lieber hinuntergesprungen von der Zuschauer- Galerie auf die gepolsterten Stühle, um die Herren Mores zu lehren. Ja, seit jener Stunde wurde er Sozialdemokrat, und die wohlbesoldeten Geheimräthe und Staatsanwälte wundern sich noch, wenn die wahrhaft gebildeten Leute sich in immer größerer Zahl um die Fahne der Sozialdemokratie schaaren!
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Von solchen Gefühlen, wie sie das Herz Sigismund's in der innersten Tiefe bewegten, hatten die Philister und das waren sie im Grunde alle, ob sie im Cylinderhut oder in der Nachtmütze und in der Wolljacke zur Kneipe gingen- feine Ahnung. Ist es doch gradezu unglaublich, welch' geringes Interesse die Bewohner mancher kleinen Städte an dem öffentlichen Leben nehmen, welcher Indifferentismus auf geistigem Gebiete unter ihnen herrscht. Hinterkrähwinkel übertrifft in dieser Beziehung bis auf den heutigen Tag alle seine Schwestern. Wie aber will man dort vollends das Wogen und Fluthen einer Dichterseele, welche Himmel und Erde umspannt, kennen und verstehen?
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Johannes schüttelte ob dieses Zustandes das Haupt. Jawohl, es war eine ganz andere Sphäre, als die der Hauptstadt, welche ihn jetzt umgab. Aus der Residenz, aus dem Mittelpunkte des politischen Lebens kommend, woselbst er jeden Athemzug des Staatskörpers, soweit er dem Nichtdiplomaten überhaupt sichtbar ist, sorgsam belauscht, mußte dies ihm recht klar werden, und zum erstenmal begriff er angesichts dieser Leute, die in äußerster Armuth ein menschenunwürdiges Dasein fristen, oder, ohne Sinn und Verständniß für die menschheitlich bedeutenden Fragen, all' ihre Gedanken von den nichtigsten Dingen gefangennehmen lassen, zum erstenmal begriff er da ganz und gar die große Idee aller republikanischen Staaten, in welchen der Einzelne am Großen und Ganzen ein reges Interesse nimmt, verstand er vollständig das hohe Ziel, welches die Sozialdemokratie sich gesetzt.
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Dadurch brachte der Aufenthalt in der Kleinstadt eine so mächtige Wirkung in der Gedankenrichtung des theilnahmlos und müde gewordenen Johannes hervor. War die noch so junge Wunde auch noch keineswegs vernarbt, Johannes brachte doch nach einem vierzehntägigen Aufenthalt in jenem Städtchen eine ruhigere und frischere Seelenstimmung nach der Residenz zurück.
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Welch ein Interesse nahm nun Johannes an dem Fortgang des Werkes, welches unter der Feder Sigismund's jeden Tag seiner Vollendung näher kam!
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Es waren in hochpoetischer Form Scenen aus der französi schen Revolution, an denen Sigismund nun schon seit Monaten mit vollem Fleiß arbeitete Endlich war es fertig, und das Herz schlug ihm hörbar, als er den großen Brief, worein er die Arbeit gelegt, mit der Adresse eines unserer berühmtesten Journalisten versehen, in einen Postbriefkasten warf. An eines unserer sogenannten Familienblätter durfte er das Werk nicht senden; denn es war keine Kost für Leute, die ihren Lesern alles in einer lauen, kraftlosen Sauce vorzusetzen pflegen. Darum hatte er es dem Redakteur einer kritisch- belletristischen Zeitschrift geschickt; bei diesem setzte er mehr Verständniß und Fähigkeit voraus, seine philosophische Poesie zu beurtheilen.
Wir wollen die gespannte Erregung nicht zu schildern versuchen, mit welcher Sigismund Nachricht über sein Manuskript
erwartete.
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Jener berühmte" Journalist, Eduard Wandelstern, war eben aus der Redaktion zurückgekehrt und hatte sich ein Packet der eingelaufenen Briefe zur Durchsicht mit nach Hause genommen. Er warf sich in seinen eleganten Schlafrock und setzte sich be
haglich in einem rothgepolsterten Fauteuil zurecht. Er wird sich wohl auch eine„ Havanna " angezündet haben,- ich beobachtete das nicht so genau.- Ihm gegenüber am Schreibtisch ließ sein Privatsekretär die Feder hastig über das Papier gleiten, und wartete stets die Worte Wandelstern's ab, um auf's neue einige flüchtige Skizzen auf die in großer Zahl übereinander geschichteten Briefbogen zu werfen.
Jetzt hatte Wandelstern einen großen, dicken Brief in der Hand:„ Scenen aus der französischen Revolution von Sigismund Hagen," brummte er vor sich hin, nachdem er das Couvert geöffnet und die Bogen entfaltet.
Ein satirisches Lächeln flog über seine Züge, als er einen Blick auf die wie er sich selbst sagen mußte schwungvollen Verse dieser freiheitstrunkenen Dichtung geworfen.
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Freiheit", französische Revolution" das konnten ja nur Ideen sein, die durchaus nicht zu dem heutigen Polizeiregiment passen. Ja, wenn es ein Ruhmeslied vom ,, neuen deutschen Reich" gewesen wäre! Dann würde die Dichtung mit Vergnügen gedruckt worden sein, selbst wenn die Poesie sich als sehr mäßig gezeigt hätte! Aber so? Was liegt daran, ob diese Poesie von höchstem Werth,
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ob dieses Werk vielleicht zu den großartigsten
Erzeugnissen des menschlichen Geistes gehört?
Darauf Rücksicht zu nehmen, sind wir nicht mehr gewillt, seit die Uniform das Höchste ist, seit auch in der Literatur die Schablone, die einer hohen Regierung wohlgefällige, die kaiserlich deutsche Reichsschablone dominirt.
Also Schreiben Sie: Nicht verwendbar!" rief Wandelstern seinem Sekretär zu, und im nächsten Augenblick flog es auf das Papier:
" Zu unserm lebhaften Bedauern müssen wir Ihr uns gütigst gesandtes Manuskript Ihnen als für uns nicht verwendbar remittiren. Die Redaktion der, Ruhmeshalle', Eduard Wandelstern."
Und es war eine große Auszeichnung, daß Herr Wandelſtern direkt antworten ließ, daß er das Manuskript nicht wie viele andere mit gleichgiltiger Miene in den neben ihm stehenden Papierkorb warf. Er that es wohl auch nur, weil ihn wegen des Umfanges der Arbeit ein„ ,, menschlich Rühren" erfaßte.
O, alle ihr edlen Geister, die ihr noch redlich denkt und ehrlich fühlt und feurig strebt, was soll sie frommen, die heilige Flamme, die euch durchzuckt, in unsrer Zeit der Mittelmäßigkeit, der Heuchelei und der Lüge?
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Was wirst du sagen, armer Sigismund, wenn du enttäuscht das der Unsterblichkeit werthe Werk von dem„ berühmten" Journalisten, dessen neuestes, höchst erbärmliches Lustspiel eben heute über die Bretter geht, zurückerhältst?-
Wirst du weinen, wirst du zürnen, wirst du fluchen?
Er that nichts von allem, als er mit fliegendem Athem das Couvert geöffnet und dann die wenigen, in glattem kaufmännischem Styl gehaltenen und für ein junges Poetenherz um so schmerzvolleren Worte gelesen.
Denn er wußte ja, daß man einen Redakteur wegen eines in seinem Blatte veröffentlichten, ganz harmlosen Aufsatzes, in dem Gotteslästerung enthalten sein sollte, zu Gefängniß verurtheilt, daß man niedere Militärs und Bolksschullehrer ihres Amtes entsetzt und bestraft, wenn sie sich nur standesamtlich trauen oder ihre Kinder nur civilrechtlich taufen lassen, und die gesetzlich nicht vorgeschriebenen kirchlichen Formalitäten nicht erfüllen, während man an allen Ecken und Enden von Freiheit des Gewissens, von Licht und Aufklärung trompeten und pofaunen läßt, was darf sich in solcher Zeit ein wahrer Poet wundern, wenn seine nur der Göttin Wahrheit dienende, nur den Eingebungen einer erhabenen Muse lauschende Poesie von einem unserer literarischen Zuschneider, der gar zu gern bei Geheimraths zu Tische sitzt, verworfen wird?
Das Genie erkennt sich in solchen Stunden der Zurückweisung selbst.
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