er zweimal eine so unglückliche Rolle gespielt hatte, so riß ihn die Eröffnung Wolfgangs aus allen Himmeln. Er brachte sein Pferd zum stehen, kommandirte„ Halt!" und fragte in fast gereiztem
Tone: Haben Sie Auftrag, mir entgegenzugehen oder habe ich mich bei Ihnen für eine persönliche Aufmerksamkeit zu bedanken?" " Ich beanspruche keinen Dank, Herr Rittmeister, obgleich es Ihnen ja ganz erwünscht sein kann, bei Ihrer Ankunft im Städtchen bereits von der veränderten Lage Kenntniß zu haben; Sie werden jetzt sicher eine langsamere Gangart wählen und einen etwas weniger martialischen und finsteren Gesichtsausdruck annehmen, wie er einem harmlosen Spazierritt angemessen ist."
Inzwischen war auch der Premierlieutenant herangeritten und fragte scharf und in feindseligem Tone:„ Und daß es bei dem bloßen Spazierritt bleibt, ist jedenfalls Ihr Werk?"
Wolfgang gab mit der unbefangensten Miene eine beißende Antwort. Allerdings. Ich bin ein so großer Freund des Militärs und besonders der Husaren, daß mir sehr viel daran lag, einen Zusammenstoß zu verhüten, bei dem Sie sehr leicht durch einen Hagel von Pflastersteinen hätten zurückgeschlagen, werden können. Und nicht wahr, Herr Premierlieutenant, Verivundungen, die nicht durch Kugel oder Klinge erfolgen, sind unerwünscht und es klebt ihnen immer ein Makel an?"
Der junge Offizier gab keine Antwort; er dachte an die schmale, rothe Spur, die sich seit der Nacht, welche dem Geburtstag Fräulein Emmy's folgte, quer über sein Gesicht zog, und in leidenschaft licher Erregung schloß er die Rechte um den Säbelgriff und biß sich auf die Lippe. Der Rittmeister hielt es unter solchen Umständen für das beste, das Gespräch zu beenden, damit es nicht am Ende eine bedenkliche Wendung nahm. Er wendete sich an den Premierlieutenant und sagte gemessen und Wolfgang ignorirend: Hinunter müssen wir aber doch reiten und dem Herrn Kommerzienrath unsere Aufwartung machen?" Der Premierlieutenant nickte, und auf des Rittmeisters Kommandoruf ritt die Schwadron dem Städtchen zu. Die beiden Offiziere hatten Wolfgang, in jener nachlässigen Weise gegrüßt, durch die man so gut eine gewisse Geringschäzung ausdrückt; er lächelte ironisch und rückte nur leicht seinen Hut, und in dem Blick, den er der im Sonnenlicht glitzernden Schwadron nachsandte, lag der Ausdruck des reinsten Triumphs.
In einem Gasthaus an der Straße kehrte er ein; erst fühlte sich todtmüde; seine Kniee zitterten, als er sich niederließ, und während er ein paar Bissen zu essen versuchte, sant sein Kopf auf den Arm, den er auf die Tischplatte gelegt hatte, und bleischwer schlossen sich die Lider über den brennenden, schmerzen den Augen. Er hörte nichts davon, daß die Schwadron auf dem Rückweg vorüberritt, und es war ziemlich ein Uhr, als er erwachte. Wie es uns häufig geht, wenn wir starke und anhal tende Aufregungen durchzumachen hatten, war auch über unsern jungen Freund eine völlige Apathie gekommen, und er sah der endlichen Entscheidung, an deren Schwelle er jetzt stand, mit unjäglicher Gleichgiltigkeit entgegen.
Der Empfang, welchen ihm der Kommerzienrath bereitete, überraschte ihn aber doch. Herr Reischach war allein und sein Gesicht hatte weder einen mürrischen, sauertöpfischen, verkniffenen, noch einen forcirt feierlichen Ausdruck; mit einem Anflug von jovialer Kordialität kam er Wolfgang entgegen und hielt ihm die Hand hin:
" Sie bleiben natürlich, Herr Hammer, und die Fabrikordnung wird nach den Wünschen der Arbeiter geändert; ich habe die Husaren, die auf ein Telegramm der Station hinausgesandt worden waren, wieder weggeschickt und auch mit dem Bürgermeister alles in der Weise arrangirt, daß die dumme Geschichte in der Hauptsache vertuscht wird und keine unangenehmen Folgen für die Krawaller hat. Es ist doch am besten so, Sie haben recht; aber daß Sie ein so desperater Mensch sind und mir ohne weiteres den Stuhl vor die Thüre würden setzen, hätte ich doch nicht gedacht. Nun, mit den Jahren wird man ruhiger, das werden Sie sehen."
Die reine Freude, mit der Wolfgang dem Kommerzienrath für seinen Entschluß dankte, würde eine starke Trübung erfahren haben, hätte er gewußt, daß die Bonhomie feines Chefs nur Maske und sein eigentliches Empfinden ein keineswegs freundliches war. Der Kommerzienrath hatte sich nur entschlossen, seinem rebellischen Comptoirchef nachzugeben, weil er denselben für die nächsten Monate schlechterdings nicht entbehren konnte und weil er einen Strife der Arbeiter fürchtete, der bei der angenblicklichen
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Lage des Geschäfts mit großen Opfern für ihn verknüpft gewesen wäre. Er vergab es Wolfgang so leicht nicht, ihn durch eine „ Komödie" zum Nachgeben gezwungen zu haben, er war sogar entschlossen, bei erster Gelegenheit eine gründliche Rache zu nehmen und dem„ arroganten" jungen Manne die peinliche Viertelstunde mit Zinsen heimzuzahlen, aber die Klugheit rieth ihm, sich davon zunächst nichts merken zu lassen und sich zu stellen, als nehme er die Sache leicht. Es war ihm vor allem darum zu thun, von seinem gefährdeten Ansehen soviel als möglich zu retten. stellte er dem Bürgermeister und Weinlich die Nachgiebigkeit als eine durch schwerwiegende, geschäftliche Rücksichten bedingte dar, und ersterer, dessen gewichtigster Steuerzahler der Kommerzien rath war, und der, wo es sich um Sammlungen für wohlthätige und Verschönerungszwecke handelte, mit der guten Laune desselben rechnen mußte, hielt es nicht für gerathen, irgendeine Rücksicht höherzustellen, als die geschäftlichen Erwägungen des Herrn Reischach, während Weinlich seinem Chef ja nie wiedersprach, sondern sich mit geschmeidiger Schmiegsamkeit in seinen Willen fügte, mochte derselbe noch so wenig nach seinem Geschmack sein. Der Alte errieth wohl die eigentliche Ursache der befremdlichen Sinnesänderung seines Chefs, und diese Vermuthung machte seinen Haß gegen Wolfgang nur noch giftiger; aber er sagte sich, daß der junge Mann diesen Sieg theuer bezahlen werde und den Boden unter seinen Füßen selbst unterhöhlt habe; sein Sturz war bei seiner gewiß noch öfter zutage tretenden Parteilichkeit für die Arbeiter nur eine Frage der Zeit, und auf ein halbes Jahr des Wartens kam es dem alten Weinlich wahrlich nicht an.
Infolge der von dem ebenso geriebenen als eitlen Kommerzienrath adoptirten Taktik wurden die Offiziere, als ihre Schwadron in den Fabrikhof eingeritten war, mit dem Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns darüber empfangen, sie umsonst bemüht zu haben; die Haltung der Arbeiter sei zwar eine Zeitlang eine so bedrohliche gewesen, daß der Herr Bürgermeister es für unerläßlich gehalten habe, sich militärischer Hilfe zu versichern, doch habe die Ünerschrockenheit, Energie und Unbeugsamkeit des Fabrikherrn ihnen dergestalt imponirt, daß sie ganz kleinlaut und eingeschüchtert das Feld geräumt hätten. Man sette den Offizieren, ein Frühstück vor, und die Mannschaften wurden mit Bier regalirt, aber nach kurzer Zeit schon ordnete der sichtlich verstimmte und enttäuschte Rittmeister den Wiederaufbruch an. Er hatte entschieden kein Glück und alle Mächte des Zufalls hatten sich feindlich gegen ihn verschworen. Die Depesche war dem Major, der in dem Hause wohnte, in welchem sich das Telegraphenbureau befand, ohne Verzug zu Händen gekommen und er hatte dem Rittmeister, der sich mit seiner Schwadron auf dem nach M. zu gelegenen Exerzirplaze befand, durch eine Ordonnanz die schriftliche Ordre ertheilt, unverzüglich nach M. aufzubrechen und nothfalls mit rücksichtsloser Energie einzuschreiten. So gab Fortuna dem Rittmeister, wie er meinte, eine Gelegenheit, sich durch Entschlossenheit und Thatkraft auszuzeichnen und sich dadurch die Anwartschaft auf die nächste freiwerdende Majorsstelle zu erwerben; viet wichtiger war es ihm freilich, daß ihn der Zufall dazu berief, der Retter des Kommerzienraths und seiner Damen zu werden. Er dachte sich das Wohnhaus von einer wüthenden Menge umzingelt und bedroht, den Kommerzienrath in Verzweiflung, die Damen in Ohnmacht und Todesangst. Wenn er nun den Haufen durch einen ungestümen Reiterstoß auseinandersprengte, und dann mit noch entblößter Klinge in den Salon trat, um zu melden, daß alle Gefahr beseitigt sei, mußte dann nicht für die Damen, auch für Martha Hoyer, eine Glorie der Ritterlichkeit sein, nur noch dürftig behaartes Haupt umfließen, und wenn er in dieser Situation die Gunst des Augenblicks mit raschem Entschluß bemußte und seine Werbung anbrachte, sprach dann nicht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß dieselbe angenommen ward? Er wußte es nicht anders, als daß nichts den Frauen so sehr imponire, als männliche Tapferkeit, grade wegen ihrer natürlichen Furchtsamkeit und ihres Schußbedürfnisses, und so konnte leicht. diese Vormittagsstunde seinem Geschick eine ganz andere Wendung geben. Nicht viel anders hatte der Premierlieutenant falfulirt, nur daß er an den„ kleinen hübschen Grasaffen Emmy " dachte. Nun waren beider Luftschlösser zerronnen, aller Wahrscheinlichkeit nach infolge eines zielbewußten Eingreifens jenes Menschen, der die Uniform ausgezogen hatte, um den Comptoirsessel zu besteigen! Das war wohl geeignet, beide unwirsch zu machen, und als die Schwadron aufgesessen war, gaben sie nach einer ziemlich fühlen Verabschiedung von Herrn Reischach ihren Pferden die Sporen zu fühlen und sprengten davon.
( Fortseßung folgt.)