jener Zeit besonders stark hervortretenden Beweise von Calvin's Unmenschlichkeit lesen. Wer nach diesem Staatsstreich noch irgend Opposition machte wurde erbarmungslos verfolgt, so daß zuletzt in Genf nur noch eine Partei bestand, diejenige Calvin's. Von da an war seine Herrschaft etwas weniger blutig; aber übermäßig streng, ja grausam war sie immer noch.
Die Anhänger und die bezahlten Lobredner des Reformators suchen die Strenge seiner Gesetze und die harte Anwendung der selben damit zu entschuldigen, daß sie behaupten, die Genfer seien sitten und zügellose Menschen gewesen. Galiffe erklärt nun da gegen, die Einwohnerschaft Genfs sei damals durchaus nicht ausschweifender gewesen als andere Leute jener Zeit( von den Hof freisen ganz zu schweigen), und namentlich die freisinnige Partei habe mehr auf Sittlichkeit gehalten als der Anhang Calvin's, welcher sehr häufig in Sittenprozesse verwickelt gewesen. Ebenso wenig begründet wie diese Entschuldigung ist das auf der andern Seite ihm von seinen Lobhudlern zugeschriebene Verdienst, die Sitten verbessert, die Aufklärung befördert und Bildung verbreitet zu haben. Schon aus obigem ist ersichtlich, daß dies nicht der Fall. Wie hätte auch er, der gleich Luther in finsterem Aberglauben befangen war, zu richtigem Denken anleiten können? Auch die Sittlichkeit konnte bei seinem Vorgehen nicht gewinnen, und was die Bildungsanstalten betrifft, die er gegründet haben soll, so können darunter höchstens Institute gemeint sein, die ausschließlich in der Theologie unterrichteten, und was die Welt diesen dankt, weiß man zur genüge. Von andern Schulen hat er keine einzige neu gegründet, nur einige von ihm früher auf gehobene in den letzten Jahren seines Lebens wieder errichtet.
So fällt vor dem Hauche der Wahrheit ein Blatt um's andere von dem Lorbeerkranze, mit dem besoldete Schreiber jener Zeit
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ihn geschmückt haben und welchen die fromme Nachwelt so gern erhalten möchte. Nicht einmal das eine, in ihren Augen besonders strahlende Blatt seiner Uneigennüßigkeit, kann dem scharfen Luftzuge der Forschung widerstehen. Denn, abgesehen von den vielen materiellen Vortheilen, die er seinen intimen Freunden und nicht minder seinem Bruder und dessen, die Moral auf's gröbste verlegenden Verwandten zuwendete, hatte er selbst auch ein recht erkleckliches Sümmchen zu verzehren. Galiffe sagt, sein sicheres Einkommen lasse sich nach dem Geldwerth im Jahre 1862 ohne Uebertreibung auf 9-10,000 Francs( 7200-8000 Mark) berechnen, außerdem aber fielen ihm fortwährend reiche Nebenbezüge zu. Und doch hatten seine Verehrer die Stirn, zu behaupten, er habe in größten Enthaltsamkeit gelebt und sei so arm gewesen, daß sein ganzes Besitzthum nur aus seiner Bibliothek bestanden habe.
Als vor einigen Jahren der Papst den Kezerrichter Arbuez zum Heiligen machte, da ging und zwar mit Recht ein Schrei der Entrüstung durch die Welt, dem Großinquisitor Calvin dagegen den Heiligenschein herunterzureißen, den er nun seit drei Jahrhunderten mit gleichem Unrecht trägt wie jener, das fällt den guten Anhängern der Reformation natürlich nicht ein. Wir sind weit entfernt die Unmenschlichkeiten in Schuß nehmen zu wollen, die im Namen der katholischen Kirche verübt wurden, aber ebenso wie wir von einer Anzahl Päpste uns mit Abscheu wegwenden, ebenso sollten wir den Kirchengewaltigen von Genf einmal würdigen und vor allem aus seinem Handeln den Schluß ziehen, daß die Priesterherrschaft, möge sie heißen wie sie wolle, dem menschlichen Geschlechte nur Verderben bringt, und daß es endlich einmal an der Zeit wäre, sich aus ihren Banden frei zu machen! A.
Das Märchen.
Literarhistorische Skizze von M. Wiffich.
„ Wir finden es wohl, wenn von Sturm und andrem Unglück, das der Himmel über uns schickt, eine ganze Saat zu Boden geschlagen wird, daß noch bei niedrigen Hecken oder Sträuchern, die am Wege stehen, ein kleiner Platz sich gesichert hat und einzelne Achren aufrecht geblieben sind. Scheint dann die Sonne wieder günstig, so wachsen sie einsam und unbeachtet fort, aber im Spätsommer, wenn sie reif und voll geworden, kommen arme Hände, die sie suchen und Aehre an Aehre gelegt, sorgfältig gebunden und höher geachtet, als sonst ganze Garben, sind sie winterlang Nahrung, vielleicht auch der einzige Samen für die Zukunft."
So beginnen die Brüder Wilhelm und Jakob Grimm die Einleitung zu ihrer Märchensammlung. Gleich jenen stehengebliebenen Aehren sind aus vielen Perioden einer blüthenreichen Vergangenheit oft nur ganz einzelne Zeugnisse übriggeblieben bis auf unsere Zeit. Ein Zeugniß nun der reichen poetischen Alder des deutschen Volkes der Vorzeit sind uns die erhalteneu ächten Volks und Kindermärchen.
„ Wir wollen diese Märchen nicht rühmen oder gar gegen eine entgegengesette Meinung vertheidigen: ihr bloßes Dasein reicht hin, sie zu schüßen. Was so mannichfach und immer wieder von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt seine Noth wendigkeit in sich und ist gewiß aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben bethaut."
Deshalb wollten die Brüder Grimm , die Begründer einer Wissenschaft von der deutschen Sprache, ihrer Geschichte und ihrer Literatur, mit ihrer Sammlung nicht blos der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst leisten, es war zugleich Absicht, daß die in den Märchen lebendige Poesie selbst wirke und erfreue, wen sie erfreuen kann.
Ein Produkt des dichtenden Volksgeistes ebenso wie das Volkslied, ist das Märchen eine Dichtungsgattung, die nicht eben leicht in dem herkömmlichen Fächer- und Schubladensystem der Poetik, d. h. der Lehre vom Dichten, unterzubringen ist. Es berührt sich mit verschiedenen anderen Gattungen, mit der Sage, der Fabel und dem Schwank so nahe, ist so innig mit ihnen verwachsen, daß scharf martirte Grenzlinien oft garnicht gezogen werden können. Das Märchen gehört zu den allerersten, in die früheste Kindheit der Völker fallenden Erzeugnissen einer freien,
als einer Naturgabe, unbewußt geübten Naturgabe, nicht als einer überlegt, verstandesmäßig und nach bestimmten äußeren Regeln und Gesezen schaffenden Geistesthätigkeit. Es wächst, wie ein Forscher sich treffend ausdrückt, von selbst, ungepflegt, auf dem Boden der Kindesphantasie. Die naiven Regungen des jugendlichen Gemüths, seine findischen Wünsche und Neigungen, sowie seine Furcht und Abneigung zaubern das Märchen in bald grellen, bald zarten Bildern und sinnlich bunten Farben hervor. Die Märchen seien im Wachen sich gestaltende Träume, deren Deutung nur in den namenlosen Strebungen eines unreifen und unschuldigen Denkens und Wollens zu suchen sei. Daher kommt es denn, daß wirkliche Märchen, diese Produkte des unbewußt schaffenden Volksgeistes, eigentlich ebensowenig von dem modernen Kunstdichter gemacht" werden können, wie wirkliche Epen oder Heldenlieder, die ja, wie die homerischen Gesänge beweisen, meiſt, vielleicht überall, durch krystallähnliches Zusammenschießen von Volksliedern entstanden sind.
Das Märchen ist die freieste Domäne der Phantasie, diese schaltet unumschränkt, und Stoff und Form des in dem Berichte als geschehend Dargestellten sind einzig und allein der Willkür der Phantasie unterworfen. Die größten Wunderwerke, die übernatürlichsten Dinge werden mit einer naiven Einfalt hererzählt, als wenn sie alle Tage ebenso passiren könnten und passirten. Als poetische Gattung betrachtet, hat das Märchen zu dieser Einmischung des Phantastischen und Wunderbaren gewiß ein gutes Recht; für das Epos wollte Gottsched , der leipziger Geschmacksrichter und einseitige Verstandes- und Regelmäßigkeitsmensch, das Wunderbare nicht gelten lassen: die Gegenwart zuckt darüber nur noch mitleidig die Achseln und findet trotz ihm„ Das verlorne Paradies" des Engländers Milton, den„ Oberon"" Wielands und andere Dichtungen der Art schön und läßt sich nicht einfallen, diesen Werken ihre Existenzberechtigung abzusprechen.
Das Märchen ist der reinste Ausdruck der erzählenden Dichtung; es erfindet frei und bindet sich bei seinem Berichte nur durch die Aufeinanderfolge, nicht durch den Kausalnexus, den inneren Zusammenhang nach logischen und reflektirten Gründen, weil der Hörer als naiv und den logischen Zusammenhang zwischen Wirkung und Ursache nicht kennend angenommen wird, damit dem freien Spiele der Phantasie gehuldigt werden kann.