Vorstellungen. Merkwürdig aber, daß, jemehr der Widerstand beseitigt wurde, den die Staatsbank Laws erfuhr, er desto zögernder an die Ausführung ging, weil jetzt der Regent seine einzige Stütze blieb, und daß umgekehrt der Regent, der sich be- wüßt war, die Achtung und Unterstützung des Volkes verscherzt zu haben, desto mehr sich dem Schotten in die Arme warf, der allein ihn vom Abgrund retten zu können schien. Am 4. Dezember 1718 erschien das Edikt, welches Laws Privatbank in eine Banque royale verwandelte, die ihre Geschäfte mit dem ersten Januar 1719 eröffnen sollte. Ihren Grundstock bildeten die 6 Millionen der alten Bank, welche Law in Aktien der West- gesellschaft verwandelt hatte und welche als Sicherheit für das Publikum in der Kasse bleiben sollten. Der Regent hatte die Oberaufsicht und unter ihm stand Law als Generaldirektor. Der Schatzmeister hatte dem Staatsrath Rechnung über Einnahme und Ausgabe abzulegen. Bankzettel sollten nur auf die vom Staatsrath im Namen des Königs erlassenen Befehle ausgegeben werden und jeder den königlichen Stempel mit drei Unterschriften tragen. Was die Bankzettel betrifft, so fing man ziemlich be- scheiden an und ging in der ersten Hälfte des Jahres 1719 nicht über 100 Millionen, in Abschnitten von 100 und 1000 Livres, hinaus. Der Erfolg war überraschend, denn das Publikum nahm die Zettel der königlichen Bank ebenso willig, wie die der früheren Privatbank, und schien nicht zu ahnen, daß die Sicherheit der neuen Bankzettel, die 12 000 entwertheten Aktien der West- gesellschaft, in Wahrheit gar keine war. Die Hauptsache war nun aber, die Aktien der Westgesellschaft zu heben, denn der Handel in diesen sollte die neugeschaffene Menge von Bankzetteln in den Verkehr bringen. Also wandte man der Westgesellschaft die ganze Fürsorge der Regierung zu, gab ihr den Tabakspacht auf zwanzig Jahre für 4'/- null. L. jährlich, verschmolz mit ihr die beiden alten herabgekommenen Gesellschaften der ostindischen und chinesischen Kompagnie(seit welcher Zeit sie den TitelCompagnie des Indes" erhielt) und erlaubte ihr im Juli 1719 für diese Ausdehnung ihrer Geschäfte 50000 neue Aktien zum alten Nominalwerth von 500 L. aus- zugeben, diesmal aber mit 10 Prozent Agio und nur gegen Metallgeld. Während nämlich zu Anfang des Jahres die alten Aktien noch die Hälfte ihres Nennwerths galten, war es Law gelungen, durch Einführung des Prämienspiels den Kurs auf Pari und dann schnell darüber hinaufzutreiben. Er versprach jedem, der ihm in 6 Monaten 200 Aktien liefern würde, nicht nur den vollen Nennwerth, sondern noch 40000 L. Prämie zu bezahlen, also im ganzen 700 L. für 500 L. Damit war das Börsenspiel eröffnet. Weiter erhielt die jetzige indische Kompagnie von der Bank ein unverzinsliches Anlehen von 25 Millionen Kuli 1719), ferner zur selben Zeit das Münzprivileg in ganz Frankreich , gegen eine Zahlung von 50 Millionen an den Staats- schätz, mit denen die Bedürfnisse des Jahres 1720 gedeckt und die rückständigen Pensionen ausbezahlt werden sollten(das hieß Nch Freunde machen mit dem ungerechten Mammon!); dazu bekam sie den Generalpacht der Brüder Paris , die ihr so schwere Kon- kurrenz gemacht, vom 1. Oktober an, mit einem Nutzen für den Schatz von 2 Millionen; die Verlängerung ihres Privilegs bis 1770; die Salzsteuer und die Domänen der Freigrafschaft, endlich die Generalsteuereinnahme, gegen Rückzahlung der Kaufgelder der dadurch wegfallenden Aemter. Andererseits erwarb sich die Kompagnie wesentliche Verdienste und namentlich viele Freunde durch Unterdrückung einiger kleinerer Steuern, deren Erhebung unverhältnißmäßig viel kostete und das Publikum belästigte, durch Inangriffnahme mancher nützlicher Arbeiten, namentlich den Bau von Landstraßen, durch Herabsetzung des Zinsfußes mit 4 Pro- zent und damit durch Unterdrückung des Wuchers. Sie bot der Regierung ein dreiprozentiges Anlehen von 1200 Millionen an, womit die alte Staatsschuld abbezahlt werden sollte. Nach ein- sacher und billiger wäre es freilich gewesen, wenn die Regierung direkt ihre Gläubiger in Bankzctteln befriedigt hätte; aber dann wäre auch dem blödesten Auge klar geworden, daß dies nichts anderes gewesen wäre, als die Ersetzung einer verzinslichen Schuld durch eine unverzinsliche. Am 5. Januar 1720 wurde Law, nachdem er zum Katholizismus übergetreten war, General- kontroleur der Finanzen, d. h. Finanzminister und Mitglied des Staatsraths und das System schien nunmehr die volle Blüthe erreicht zu haben. Denn man hatte mit fieberhafter Hast die Zahl der Aktien und Zug um Zug die der Bankzettel ver- wehrt: Die Aktien von den ursprünglichen 200000 bis zum Oktober 1719 auf das dreifache, und zwar hatte man, weil die

zweite Emission mit 10 Prozent Agio so gut abgelaufen war, die dritte mit 100 Prozent Agio, also das Stück zu 1000 L die drei folgenden aber gar mit 1000 Prozent Agio, das Stück zu 5000 L. ausgegeben. Während also die ganze Zahl der Aktien die hohe Summe von 300 Mill., fast das doppelte Jahresbudget des damaligen Frankreich repräsentirte, hatten die Einzahlungen 1677>/z Mill. betragen mit IZ??'/, mill. Agio- gewinn. Aehnlich kamen zu den 160 mill. Bankzettel der ersten Hälfte von 1719, in der zweiten Hälfte des Jahres nicht weniger als 840 hinzu, aber nicht blos Abschnitte von 100 und 1000 L., neben denen die eigentliche Basis des Kleinverkehrs doch immer das Metallgeld hätte bleiben müssen, sondern auch auf einen Zug 100 Mill. in Abschnitten von 10 L., daneben freilich auch viele Millionen in Abschnitten von 10000 L. Schon im Juli 1719 hatte die Kompagnie erklärt, sie würde vom zweiten Semester 1719 an 12 Prozent jährlich vertheilen können. Diese Erklärung und die Börsenkünste Law's leiteten jene unsägliche und in diesem Grade nie wieder dagewesene Spekulations- und Schwindel- Periode ein, in welcher die Aktien von 500 L. bis auf 20 000 L. in rasendem Flug hinaufgetrieben wurden. Am 2. Novbr. 1719 wurde dieser Kurs erreicht. Wer immer auf das Börsenspiel sich einließ, mußte gewinnen, denn jeder folgende Kurs war höher. Daher drängte auch alles, Hoch und Niedrig, Geistlich und Weltlich, Militär und Civil, Männlein und Weiblein zum Börsen- spiel. In ungeahnter Menge erschienen die Fremden in Paris , ihrer 300000 waren täglich da; alle Fürsten hatten ihre Agenten und betheiligten sich per procura am Tanz um das goldene Kalb. Eine elende Gasse in Paris von nur fünf Schritt Breite, die Rue Quinquempoire, schon früher Sitz kleiner Geldmäkler und Wucherer, wurde der Hauptsitz des Börseuspiels: die elende- sten Keller- und Dachräume verwandelten sich in Komptoirs, für die man 3 bis 400 L. monatliche Miethe bezahlte. Räumlich- ketten, oft nicht groß genug, um einen Tisch zu stellen, so daß der Rücken eines gemietheten Mannes dessen Stelle vertreten mußte. Die Preise der Maaren und Lebensmittel stiegen in Paris auf das Doppelte, die der Miethen auf das Dreifache, in der Straße Quinquempoire in einem Fall von 600 auf 100000 L. In Genua war weder Sammt noch Seide zu haben, als der Abbö Dubois sich im Ministerium des Auswärtigen ein- richten wollte, weil alles schon nach Frankreich verkauft war. Wie sah es nun aber mit der Kompagnie selber aus, deren Aktien so maßlos gestiegen waren und deren reelle Erträgnisse doch allein die Basis eines solchen Kurses bilden konnten? Man hatte bei den Franzosen nainentlich über die Gold- und Silber- minen, Smaragdfelsen u. dgl. unglaubliche Illusionen erweckt, hatte Herzogthümer und Marquisate geschaffen, hatte die freiwil- lige Auswanderung dorthin begünstigt, ebenso auch durch die Justiz möglichst viele Verbrecher zur Deportation verurtheilen lassen, hatte endlich den Abschaum des weiblichen Geschlechts auf den Straßen und in den Häfen aufgelesen und mit dem allem, wie man sich denken kann, nichts, gar nichts erreicht. Ohne einen soliden Fonds weiblicher Auswanderer konnte gar nichts gelingen und zu einem solchen kam es nur ein einziges mal, als es Law gelang, eine ziemliche Anzahl freiwilliger Kolonistin- nen mit einer kleinen Ausstattung unter Begleitung von Nonnen nach Louisiana zu schicken: dies sind die Stammmütter der fran- zösischen Bevölkerung von Louisiana geworden und ihre Sen- dung das einzig Bleibende in Anierika, was die Schwindelperiode überlebt hat. Endlich aber mußte die Kompagnie doch eine Dividende erklären, was am 30. Dezbr. 1719 auf Law's An- trag geschah: sie sollte 40 Prozent betragen, also 200 L. auf die Aktie, d. h. bei einem Kurs von 20000 nur 1 Prozent. Aber vorher schon hatten die großen Spekulanten, die sogenannten Mississipicns, sich zurückgezogen, nachdem sie sich ihres Aktien- besitzes allmälich und geschickt entledigt, und mit ihnen verschwan- den die Ausländer, indem sie ihre Aktien gegen baar oder gegen Edelsteine vertauschten: man hat berechnet, daß sie von den 1200 mill. Metallgeld, welche Frankreich damals besaß, nicht weniger als 500 Millionen mit sich fortgenommen, die unwiderrus- lich verloren waren. Uni so näher stand man nun der Katastrophe, denn auch die Dividende von 40 Prozent repräsentirte bei 600 000 Aktien eine Summe von 120 Millionen, welche die Kasse der Kompagnie weit nicht besaß. Allerdings war Law so vorsichtig gewesen, bei jeder neuen Aktienschöpfung ein gutes Theil zurückzubehalten, deren Dividende er mithin nicht zu zahlen brauchte; er beschloß aber noch mehr Aktien aus dem Verkehr zu ziehen und ihre Summe allmälich auf 200000 zu verringern.