-

240

werken dieser Genies empfanden, wie unser heutiges Teaterpubli-| kum, das sich ebenso, der Mode folgend, auf eine Teaterloge abonnirt, wie es sich eine Hutfaçon wält, eine Schleife auf eine bestimte Stelle des Kleides näht, oder die Haare borstenartig ins Gesicht kämt. Heute gehen die meisten nicht mehr ins Teater, um den Alltagsstaub abzuschütteln und den widerlichen Zwist im profanen Leben auf Momente zu vergessen, sich für das Ware, Gute und Schöne zu begeistern und sich zu ihrer Tätigkeit als Mensch zu stärken heute will man sich erholen"- richtiger gesagt, amüsiren". Lachen will man und im Gelächter das Elend des Tages ersticken, oder doch da wo dies nicht der Fall, durch hohlen Pomp und Flitter seine Sinne derartig berauschen, daß man die Misère des Lebens vergißt. Derartige Stücke nun, Ausstattungsstücke" werden sie wol auch genannt, ziehen das meiste Publikum an, füllen den Herrn Direktoren die Kasse-, lassen die Herrn Schauspieler in recht üppigem Glanze erscheinen, der die eigene Kunst ersezen muß, häufen aber auf der Büne und in deren unmittelbaren Nähe eine Masse von leicht verbrenn­lichen Stoffen auf, die, wenn sie einmal entzündet und nicht so­fort gelöscht werden, im Nu das Feuer so mächtig nären, daß binnen wenigen Minuten an keine Rettung mehr zu denken ist. Bei den meisten Teaterbränden ist aber gerade unter den Requi­siten auf der Büne und dem Schnürboden der Heerd des Feuers gewesen. Es fällt uns nun gar nicht ein zu verlangen, man solle zu jener Einfachheit der Dekorationen zurückkehren, wie sie zur Zeit Sophokles und auch zur Zeit Shakespeares herschte. Wir machen mit Recht Ansprüche darauf, daß die Täuschung, die sich vor unsern Augen auf der Büne vollzieht, eine vollkommene sei und daß die Szenerie ebenso war wie die Handlung sei und mit dieser im Einklang stehe. Aber man halte sich in die zu­lässigen Grenzen und hüte sich vor jeder Uebertreibung, welche die Sinne des Zuschauers ja so wie so von dem eigentlichen Stück abziehen muß.

Dann ist schon so oft der Vorschlag gemacht worden, man möge alle Dekorationsstoffe auf der Bühne mit einem Stoff im­prägniren, wodurch sie unverbrennlich gemacht werden. Vorzüg­lich eignen sich dazu Wasserglas , Alaun und Bittersalz. Aus­fürlich haben wir schon in einem furzen Artikel, Flammenschuz­mittel" überschrieben, in Nro. 29 Seite 360 d. Bl. vom vorigen Jare, die schüzende Kraft des Wasserglases und des wolfram sauren Natron beschrieben. Es wundert uns nur, daß man, nachdem diese Mittel schon häufig verwant wurden, um Holz­werk auf Bodenräumen von Privatwohnungen gegen das Ver­brennen zu schüzen, sie noch nicht zum Imprägniren der Teater­dekorationen, wie aller sich auf und in unmittelbarem Bereich der Büne befindlichen Requisiten verwant hat. Wasserglas, das sich auch als Bindemittel der Farben verwenden läßt, könte bei allen Malereien benüzt werden, ebenso könte man die in Leinwand ausgefürten Dekorationen, wie das gesamte Holzwerk damit tränken. Die Gegenstände würden dann, selbst wenn sie in unmittelbare Nähe eines intensiven Feuers kämen, uur ver­kolen und nie das gefärliche Element weiter verbreiten. Verschie dene Proben, die man damit angestellt, haben dies bestätigt. Dieselbe Prozedur könte auch den leichten Garderoben, nament­lich der Damen vom ,, Corps de Ballet" nichts schaden, da die­ser Zunder sich mit Leichtigkeit an einer Lampe entzündet und die Flamme im ersten Schrecken anderen Gegenständen und Per­sonen mitgeteilt wird.

Die Herren Teaterdirektoren sollen sich nun, wie man sagt, gegen die Anwendung dieses Mittels gesträubt haben, wenigstens ist sie bei den lezten großen Teaterbränden, wie auch in Wien schmerzlich vermißt worden. Vielleicht fürchten die Herren, es möchten die Stoffe dadurch so erhärtet werden, daß der Falten wurf nicht nach den Regeln der Kuust herzustellen ist. Aber die Polizei, die, wie namentlich aus Wien berichtet wurde, mit Ar­gusaugen darüber wacht, daß ja nicht ein Wort, ein Wiz oder sonst etwas auf der Bühne gesprochen wird, welches den Ohren der allerhöchsten Herschaften unangenehm flingt, hätte doch die ernsteste Pflicht, darüber zu wachen, daß nicht die Gesundheit und das Leben von tausenden auf's Spiel gesezt wird. Hier sollte sie eine durch das Gemeinwol gerechtfertigte Strenge un­nachsichtlich walten lassen und sie würde sich in diesem Falle auch den Dank des hartnäckigsten Oppositionsmannes verdienen.

Aber nicht allein hier, auch betreffs der ganzen Anlage und der Ausfürung eines Teaterbaues sind die gewissenhaftesten Vor­schriften und die sirengste Durchfürung derselben nötig. Einer der größten Architekten der Neuzeit, der erst vor einigen Jaren

-

verstorbene Semper, sagte einst, das moderne Teater sei ein Gudkasten, aus dem man wie aus einem Trichter herauskomme, und hat wol damit trefflich die Kunst- Leistungen desselben wie auch gerade einen großen, sich bei ausbrechenden Unglücksfällen schwer rächenden Fehler, den der geringen Zal und drangvollen Enge der Ausgänge gekennzeichnet. Möglichst viele und be­queme Ausgänge am besten aus jeden Rang direkt auf die Straße fürend breite Treppen, große Vestibules find wol die ersten Forderungen, die gestellt werden müssen, um ein möglichst schnelles und gefarloses Verlassen eines Teaters zu ermöglichen. Dringendst notwendig ist dann noch, daß sämtliche nach den Gängen fürende Türen sich nach außen öffnen, damit es nicht vorkommen kann, daß sich, wie im wiener Ringteater, die den Ausgang suchende und dorthin drängende Menge vor der zuge­drückten Türe staute und die vordersten infolge des Drucks, der in Todesangst schwebenden hinteren Massen die Tür nicht öffnen fonten. Die für Notfälle angelegten separaten Ausgänge müssen durch weit sichtbare Ueberschriften mit den auch im Dunkeln leuchtenden Farben versehen sein. Auch die Wände der Korri­dore und Treppenhäuser könte man am besten mit dieser im Finstern eine Mondhelle ausstralenden Farbe überziehen. Ueberall im ganzen Hintergebäude sollte außerdem eine genügende Zal Dellampen, wärend der Vorstellung brennend, angebracht sein, damit, wenn bei einem Unglücksfall ein kopfloses Individuum, wie in Wien , den Gashahn schließt, das im Teater befindliche Publi­fum nicht noch der Gefar und dem Graus der Finsternis über­antwortet wird. Empfehlenswert ist jedenfalls, diese Dellampen in Laternen aufzuhängen, welche die nötige atmosphärische Luft durch Kanäle von außen erhalten, wodurch verhindert wird, daß der schnell überhandnehmende Rauch sie nicht auslöscht. Die Treppen, sowie die Ausgänge überhaupt sollten ganz aus Stein und so massiv hergestellt werden, daß sie der übermäßig großen Last, welcher sie bei einer plöglich hereinbrechenden Katastrophe ausgesezt sind, genügend Widerstand leisten.

Holz sollte überhaupt möglichst wenig zum Teaterbau ver­want werden; das jezt mehr und mehr zum Häuserbau in Ver wendung kommende Eisen würde viel besser seine Schuldigkeit tun. Das Bekleben der Plafonds und der Wände mit Leinwand oder Papier sollte verboten werden und womöglich auch der Lack­anstrich auf dem Holzwerk unterbleiben. Wo lezterer dennoch angewant wird, müßte eine genügende Fläche in unmittelbarer Nähe der beleuchtenden Flammen durch einen Blechüberzug vor dem Entzünden geschüzt werden. Im übrigen hat die Farben chemie solche Fortschritte gemacht, daß ein vollständiger, feuersichrer Ersaz für die Del- und Lackfarben vorhanden ist. Dann wären die Räumlichkeiten, welche zur Aufbewarung der leichtverbrenn lichen Materialien dienen, durch feuerfeste eiserne Türen zu ver schließen und durch so starke massive Wände zu isoliren, daß bei einer etwaigen Entzündung ihres Inhalts das Feuer auf diesen Raum beschränkt bliebe.

Namentlich sollte aber der Bünenraum so angelegt werden, daß derselbe bei Ausbruch eines Brandes vollständig abgeschlossen werden kann. So machte der berühmte wiener Architekt Hasen auer in einem kürzlich abgegebenen Gutachten den Vorschlag, den Bünenraum nach den hintern drei Seiten gänzlich durch starke massive Mauern zu umgeben, deren notwendige als Ein gänge 2c. dienende Deffnungen mit eisernen Türen verschließbar find. Die Vorderseite der Büne, das Proszenium, hingegen wäre mit einem eisernen Vorhang abzusperren, so daß die Büne ähn lich wie ein Kalkofen ausbrennen könne, one daß die übrigen Teaterräumlichkeiten dadurch in Gefar kämen. Zur Sicherheit für das Bünenpersonal empfiehlt der genannte die für sich massiv aufgefürte Büne gleichfalls mit ringsum laufenden, massiven Gängen zu versehen; außerdem noch in die festen Manern der Büne fenerfest verschließbare Deffnungen anzubringen, durch welche die Feuerwehr die das Feuer dämpfenden Wassermassen dirigiren

könne.

Von eisernen Vorhängen hat man bis jezt, da wo sie über­haupt zur Verwendung kamen, die Dratfourtine angebracht. Man hat nun behauptet, diese sei nicht hinreichend, da sie gleichfalls die Gase. wie den erstickenden Rauch durchlasse. Prof. Dr. H. Meidinger bestreitet dies nun in einem, den Schuzvorrichtungen in Teatern gewidmeten Vortrage.( Bad. Gewerbeztg. Nro. 51 1881). Drat laffe sich so dicht weben, daß keine sichtbaren Zwi schenräume vorhanden sind und selbst bei geringerer Dichtigkeit gestattet er nur einen sehr schwachen Durchgang von Luft und Rauch. Mag dem sein wie ihm wolle, jedenfalls wird unsere