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Berlin unter der Erde.

Wie der menschliche Leib von außen einfach und glatt, innen aber von zahlreichen Röhren und Kanälen durchkreuzt und mit verschiedenartigen Vorrichtungen ausgestattet ist, so auch der Boden großer Städte, und wer wie Proteus sich in ein Mäuschen verwandeln und unter der Erdoberfläche sich durcharbeiten könnte, der würde staunen über die vielver­zweigten Leitungssysteme, über dieses Labyrint unterirdischer Gänge im Dienste und zur Befriedigung der großen und kleinen Bedürfnisse eines Gemeindewesens, speziell Berlins . Die Tele­graphenleitung, die Rohrpost, das Röhrennez zweier Gasan­stalten, die Zuführungsröhren der Wasserleitung und die Ab­führungsröhren der Kanalisation

verlaufen nebeneinander und freu zen sich unter den Straßen der Hauptstadt. Hinzu treten die mäch­tigen Regenauslässe zum Auffang und zur Ableitung des Regen­wassers und die Einsteigebrunnen von eigenartiger Konstruktion, von denen aus die Beobachtung und Untersuchung der Kanäle bewirkt wird. Die Häuserauslässe zur Ab­leitung des in den Haushaltungen oder zu Fabrikationszwecken ver­brauchten Wassers und der Ab­führungsstoffe senken sich in die Kanalisationsfanäle ein und ragen mit ihrem oberen freien Ende über die Dächer der Häuser hinaus, um den Gasen, welche sich in ihnen entwickeln, einen ungefährlichen Austritt zu gewähren. Ueber und unter der Erde stehen so durch diese lezteren die ober- und unter­irdischen Leitungen miteinander in Verbindung. Man begreift kaum, wie alle diese, so verschiedenen Zwecken dienenden Röhren und Kanäle in dem engen Raum unter der Straßenbreite Plaz finden, ohne sich gegenseitig in ihrer Funktio= nirung zu behindern. Berlin hat mehrere Radikalsysteme von Ka nälen, welche den Inhalt der Wasserklosets und alle sonstigen flüssigen Abgangsstoffe aus den

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getmeyer A.

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( woher der Name) ablagern, durch duzu beauftragte Arbeiter aufräumen und entfernen zu lassen. Die Kanalisation, deren sanitäre Bedeutung kaum hervorgehoben zu werden braucht, bildet die naturgemäße Ergänzung für die Wasserleitung. Die wunde Stelle der lange vor Berlin in London , Hamburg , Paris und beinahe allen größeren Städten Englands und Schottlands eingeführten Kanalisation beruht bis auf die neueste Zeit darin, daß die Ausführungsstoffen in den genannten Städten direkt in die Flußläufe übergeführt wurden, bezw. noch werden, wobei die Anhäufung der Senkstoffe abscheuliche und lebensgefährliche Zustände herbeiführte. Nachdem in der Villenstadt Croydon

bei London und in Craigentinny bei Edinburg fleinere Versuche gemacht worden waren, diese Ab­führungsstoffe auf Feldflächen über­zuleiten und dort zur Berie­selung zu verwenden, wurde diese Neuerung erstmals in Danzig in größerem Maßstab angewendet. Baurat Hobrecht , von welchem der Plan zu der Kanalisationsanlage in Berlin entworfen ist und die Aus­führung desselben geleitet wurde, hat alsdann dieses neue Verfahren in ein allgemeines System ge= bracht und die im Wege stehenden Schwierigkeiten beseitigt. Berlin befizt gegenwärtig zwei Riesel­felder, wohin die Zuleitungswasser aus den Sammelbassins der Pump­stationen überführt werden, das eine im Süden der Stadt, gegen zwei deutsche Meilen von hier ent­fernt, bei Osdorf und Friedrifen­hof, das andere im Norden un­gefähr in der gleichen Entfernung, bei Falkental gelegen; beide zn= sammen haben einen Flächenraum von etwas über 5200 Morgen. Die große Hauptschwierigkeit bei diesem neuen Verfahren besteht darin, das fortgesezt aus jedem Radialsystem dem Sammelbassin desselben zuströmenden Zuleitungs­wasser auf eine so beträchtliche Entfernung nach den Rieselfeldern hinauszudrücken, was vermittelst der dorthin gelegten Leitungs­röhren nur durch eine bedeutende Maschinenkraft erfolgen kann. Zu diesem Behuf befindet sich denn auf jeder Pumpstation ein Maschinenhaus mit einer entsprechenden Anzahl Druckmaschinen, von denen immer einige, um für jede Unterbrechung oder Stö­rung gleich eine neue Maschine eintreten lassen zu können, in Reserve gehalten werden. Man hatte längere Zeit gegen die von den Rieselbeeten gewonnenen Gartenerzeugnisse ein Vor­urteil. Indessen zeigen die dort erzeugten Erd- und Himbeeren, der Blumenkohl, die Schoten, Gurken, Melonen, der Spargel und überhaupt alle dort kultivirten Gemüse und Früchte eine so üppige Entwickelung, und sie befizen einen so ausgezeichneten Wohlgeschmack, daß das Vorurteil bereits überwunden und nahezu in das direkte Gegenteil umgeschlagen ist.

Berlin unter der Erde.

Häusern in die Kanäle überführen. Die Häuseranschlüsse münden zunächst in die Zweigkanäle, die sich über die sämmtlichen Straßen, Gassen und Pläze je eines Radialsystem verbreiten, diese leiten ihren Inhalt in die Seitenkanäle, welche ihn in die Hauptkanäle ergießen. In diesen Hauptkanälen können, bei mehr als sechs Fuß Höhe derselben, drei Männer bequem nebenein­ander fortschreiten. Auf dem größeren unserer beiden Bilder sehen wir den einem Riesenbrunnen ähnlichen, sogenannten Sand­fang einer der Pumpstationen, in welchem die Zuleitungswasser je eines Radialsystems zusammenfließen und vor dem durch ein Gitter, das links den eigentlichen Brunnenraum von dem Haupt­leitungskanal abschließt, zugleich die in dem flüssigen Zustrom mitenthaltenen festen Teile, Lumpen, Papier, Holzstücke 2c. auf­gefangen und zurückgehalten werden. Von Zeit zu Zeit wird es erforderlich, diese fremden Stoffe und die sandartigen Nieder­schläge, welche sich außer ihnen noch vor und in dem Sandfang

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St.