Diegene Weft
Nr. 13
Grenja.
Illustrirte Unterhaltungsbeilage.
Aus den Erinnerungen eines Verbannten. Von Michel Hotowski. Deutsch von Laura Feil.
ch war traurig.
Worüber? Wer fragt darnach? Es giebt so mannigfache Anlässe zur Traurigkeit, man findet sie auf Schritt und Tritt... Den Thränen begeguet man ja so häufig, einem Lächeln so selten!
Ich zählte sechzehn Jahre, war jung und voll Lebenslust, jener fieberischen Lust, die einen fast verzehrt, die einem das Blut zu Kopf und Herzen treibt.
Es hätte bei mir wahrlich kalter Kompressen bedurft, um mein erhistes Hirn abzufühlen, meine ins Unermeßliche schweifende Phantasie zu zügeln und ruhigeren Vernunftgedanken die Oberhand zu Lassen.
Diese Kompressen legte mir die Hand des Schick sals nur allzu früh auf, ste rüttelte mich wach, und, ernüchtert, nahm ich nur allzu schnell wahr, wie die braune Jünglingslocke sich bleichte und sich auf die gelichteten Schläfen eine leicht zu entziffernde Runenschrift eingrub. Doch was thats; gewann dabei doch die Seele ein schönes Gleichgewicht: Heute kenne ich weder Traurigkeit noch Freude!
Damals aber war ich traurig. Ich marschirte in Gesellschaft von zweihundert Weibern in die Verbannung. Wir wateten durch ein Meer von Schnee; der Boden schien unter unseren Füßen einzusinken, und die bleifarbenen, schweren Wolfenmassen am Horizonte ballten sich wie drohende Fäuste über unseren Häuptern. Der Wind blies uns ins Gesicht, jener eisige, scharfe Nordwind, der die Wangen röthet, daß sie in Blut getaucht zu sein scheinen.
In dieser unermeßlichen Schneewüste nahm sich unsere durch den dichten Nebel streichende Karawane wie ein einziger, ungeheurer, dunkler Körper aus, der sich automatisch fortbewegte.
In kleinen Schritten gingen wir vorwärts, Einer vom Anderen kaum einige Daumen breit entfernt, so fest aneinander gekettet, daß das Straucheln eines Einzelnen die ganze Linie aus dem Marschtempo brachte.
Man schrieb den ersten Januar des Jahres 1855. Mir zur Seite schritt ein schönes, junges Mädchen mit ebenholzschwarzem Haar, großen, dunkeln, wie Karfunkel blizenden Augen, die mit einem unsagbar leidvollen Blick vor sich hinſtarrten. Die Züge indeß schienen ein ruhiges Gewissen auszudrücken; der feinste Beobachter hätte in ihnen keine Spur jener Leidenschaften entdecken können, die die Hand zuweilen zu einem Verbrechen treiben.
Was mochte Grenja begangen haben? ging es mir durch den Kopf. Ja, auch sie war traurig, todestraurig wie ich, und jedes Mal, wenn ich sie ansah, richtete sie ihre gluthvollen Augen auf mich. Dann durchzuckte es mich, und ich bildete mir ein, daß das Fener, das aus ihren Augen strahlte, mir
die Kälte weniger empfindlich machte und gleichsam den Schnee vor unseren Schritten zum Schmelzen brachte.
So ging es vorwärts, stundenlang schweigend vorwärts, bis uns endlich ein fürchterliches Schneetreiben zwang, Station zu machen.
Ein feuchter, übelriechender, dunkler, niederer Raum nahm uns auf. Widerlicher aber als der Ort wurde die Raft durch das zügellose Sichgehenlassen all jener unglücklichen Frauen, meist aus der Hefe des Volkes stammend, die erst jetzt in fürchterlichen Flüchen und Wehtlagen ihrer Verzweiflung Ausdruck zu geben suchten. Man vermeinte das Geheul wilder Thiere zu vernehmen.
Meine Nachbarin Grenja war die Einzige, welche in ihrem Winkel ruhig fauerte. Unverwandt hielt fie ihre Augen auf mich gerichtet.
" Hast Du einen Word begangen?" fragte sie endlich mit melodischer Stimme.
" O, nein!" entgegnete ich.
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" Nicht? Warum fommst Du dann mit uns?" " Mein Schicksal will es so," gab ich ausweichend zurück.„ Und Du, was hast Du verbrochen, daß Du das harte Loos dieser Unseligen theilen mußt?"
„ Ich?... Ich habe getödtet!" rief sie lebhaft aus. Ich habe ein Ungeheuer, eine wilde und grausame Bestie, die mich marterte, getödtet... Ja, ich habe einen Mord begangen in gerechtem Zorn- nun muß ich die Strafe dafür erleiden nach menschlicher Gerechtigkeit."
Und ohne erst meine Aufforderung abzuwarten, begann sie mir die Geschichte ihres Verbrechens in ihrer einfachen, natürlichen Redeweise zu erzählen, der man es anhörte, daß sie weder log, noch etwas zu bemänteln suchte.
Von Minute zu Minute wurde sie erregter, und als sie von der That selbst sprach, sah ich, wie sie zitterte und ihre Züge einen Ausdruck der Wuth und des Hasses annahmen, der jeden Anderen entstellt hätte, sie aber nur um so anziehender machte.
Die Erzählung Grenjas war kurz. Ich will sie mit ihren eigenen Worten wiedergeben, steht mir auch der rührende, schlichte Ton nicht zu Gebote, mit dem das arme Kind aus dem Volke seine Leidensgeschichte vortrug:
Ich bin als Leibeigene geboren," begann fie. Meine Herrin war reich, unermeßlich reich; Du kannst Dir keinen Begriff von ihrem Reichthum machen. Sie bewohnte ein prächtiges Schloß. Die kostbarsten Decken und Teppiche lagen darin allentkostbarsten Decken und Teppiche lagen darin allenthalben wie werthlose Fezen umher. Alles, was die Räume wohnlich machen konnte, war vorhanden; denn die Herrin kargte nicht, sie schüttete das Geld mit vollen Händen aus. Ja, Madame war reich! Sie besaß nicht allein Geld und Gut, sondern auch eine Unmasse Leibeigener ,, Seelen,' wie man uns nannte.
„ Ich ward zu ihrem persönlichen Dienste ausertoren. Man hatte mich eines Tages in meiner
1897
kleinen, rauchgeschwärzten Hütte bemerkt und mich aufs Schloß gebracht.
O, welch entsetzliches Leben führte ich da! Man fann sich fein elenderes auf Erden vorstellen! Doch als ich später den Richtern von all den Leiden, die ich im Dienste ertragen mußte, erzählte, lachten sie mir höhnisch ins Gesicht und behaupteten, daß ihnen noch nie eine hinterliftigere Verbrecherin vorgekommen sei.
Madame hatte die Gewohnheit, des Tages mehrmals Toilette zu machen, wobei ich immer anwesend sein mußte. Sie bediente sich beim Ankleiden stets einer Unzahl von Stecknadeln. Aber auf dent Toilettentisch, der mit Schächtelchen und allen denkbaren Utensilien beladen war, fehlte ein Nadelkissen. So waren es denn mein Busen, meine Schultern und Arme, die ihr als Polster dienten. Ihrem Befehle gemäß mußte ich beim An- sowie beim Auskleiden unbeweglich vor ihr stehen; sie nahm eine Stecknadel nach der anderen aus den Kleidern und stach sie in meinen Körper.
,, Lange litt ich geduldig; ich hoffte, diese Marter werde einmal ein Ende nehmen, aber Madame übersah stets die Nothwendigkeit eines Nadelkissens und fuhr fort, mich zu peinigen.
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Eines Tages packte mich die Verzweiflung, und als die Tortur von Neuem begann ergriff ich das erste beste Messer und stieß es meiner grausamen Herrin ins Herz. Man warf mich ins Gefängniß und verurtheilte mich zu lebenslänglicher Zwangsarbeit.
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Was nüßte es, daß ich den Richtern meine wunden Schultern und Arme zeigte? Man ließ mich von Aerzten untersuchen, und diese gaben an, daß die Wunden auch von Ungeziefer herrühren konnten. Ha, ha! Was für ein merkwürdiges Geziefer mußte das wohl sein, das mir diese Stiche beibringen fonnte!... Doch übrigens... vielleicht giebt es solches!..."
Greuja verstummte, und ich merkte es ihr an daß mehr als die Verurtheilung jener schmählich Verdacht sie kränkte. Mit warmem Interesse hatte ich ihr zugehört, und als sie schwieg, war ich wie vernichtet. Ich hätte ihren Worten nie Glauben geschenkt, das arme Wesen für toll gehalten, wären mir nicht schon früher ähnliche Geschichten zu Gehör gekommen, und zwar von Personen, deren Glaub würdigkeit über jeden Zweifel erhaben war.
Nein! Grenja war nicht toll! Die schwarzen, klugen Augen in dem traurigen Gesichtchen bewiesen es mir nur zu sehr. Sie war einfach eines jener Wesen, die man zu jener Zeit„ Seele" nannte, dem man aber das Recht absprach, eine solche zu besigen, und das man demgemäß auch behandelte.
Lange verharrte ich stillschweigend, voll innerer Bewegung. Ich weiß nicht, hatte Grenja tieferes Gefühl aus meinen Augen gelesen, sie pacte mich plößlich beim Arm und flüsterte mir warm ins Ohr: " Ich liebe Dich!"