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Die Neue Welt. Jüustrirte Unterhaltungsbeilage.

Blöglich erwachen wir. Naturstimmen fallen in unser Chr. Der Magpie( australische Elster) orgelt sein liebliches Morgenlied; die Pferde schnauben und springen mit gefesselten Vorderfüßen unweit von uns herum, sich des Morgenthanes zu erwehren, der stark und kühl herabfällt. Wir öffnen die Augen und blicken in den dämmernden Morgen hinein. Unsere Decken fühlen sich naß an und liegen schwer auf uns; aber der halbdurchbrannte Baumstamm glüht noch lustig im Inneren fort und verlangt nur einiges trockenes Holz, um sofort wieder aufzufladkern. Wir springen aus unseren Decken und jodelu nach Herzens­lust in den Wald hinein, die fauleren Schläfer weckend. Da erschallt plötzlich lautes Lachen über uns, rings um uns, als seien wir von Dämonen umringt. Es sind nicht zwei oder drei Stimmen, es find Dußende. Das sind die Laughing Jackasses oder Lachvögel, die schon manchem Wanderer in der tiefen Einsamkeit des Urwaldes ein unheimliches Frösteln durch ihr dämonisches, aber menschenähn­liches Lachen verursacht haben.

Thee und Frühstück ist eingenommen; die getrock neten Decken sind wieder zusammengerollt und fest geschnallt, und die Pferde stehen gesattelt bereit. Wir besteigen die Pferde, und mit munterem Trott auf hartem Waldesgrunde reiten wir in den jungen, duftenden Morgen dem nahen Gebirge zu, dessen wilde Schluchten unser Ziel sind. Die Gegend hebt sich immer mehr und bald gewahren wir hier und da schon vereinzelte Farnbäume, die gleich aus­gestellten Wächtern mit ihren Wedeln uns entgegen­winken; nach einiger Zeit aber fällt das Gebirge so schnell ab, daß wir absißen und die Pferde am Zügel führen müssen. Jetzt beginnt das Steigen. Die Kronen der hohen Bäume um uns halten die Strahlen der Sonne nicht ab, die immer sengender werden, und wir sehnen uns nach einem kühlenden Trunke. Hier aber ist kein Wasser zu finden; der Waldgrund ist hart und steinig, und ehe wir nicht den Kamm des Gebirges überstiegen und die Schluchten der anderen Seite erreicht haben, ist keine Aussicht auf eine Labung, wenn wir solche nicht mit uns führen. Ein stärkender Schluck Rum oder Kognak muß gegen Durst oder Ermattung helfen, und ohne Säumniß geht es weiter hinauf, indem wir die Pferde am Zügel nach uns ziehen. Papageien in wunderbarer Farbenpracht, Kakadus mit stolz gespreizter Haute und schrillem Gefreische umfliegen uns, ohne schen zu sein. Viele andere Stimmen lassen sich noch ver­nehmen; aber wir schenken ihnen jetzt wenig Auf­merksamkeit, da dieselbe nach dem Kamme des Ge­birges gerichtet ist, der für uns scheinbar öfter sichtbar war, aber sobald wir einen gewissen Punkt erreicht, sehen wir uns stets getäuscht, und das Steigen be­ginnt von Neuem.

Endlich aber find wir oben und blicken nun in eine Schlucht hinab, die, verhüllt von üppigster Vegetation, dem Auge nicht einzudringen erlaubt. Wir nehmen daher unseren Weg mehr rechts, um den Auslauf dieser Schlucht im Thale zu erreichen, und lavirend, um Manu und Noß nicht zu ge fährden, geht es nun hinab. Die Mittagssonne brennt jetzt sengend auf uns hernieder; kein Lüftchen weht; kein Blättchen regt sich; kein Käfer summt. Die Vögel haben sich zurückgezogen nach schattigen Plägen. Alles ist wie ausgestorben und tiefes Schweigen herrscht rings umher. Nur einzelne, fich regelmäßig wiederholende Töne, scheinbar aus weiter Ferne kommend und genau den metallischen Artklängen beim Behauen der Balfen auf einem Zimmerhofe gleichend, fallen in unser Ohr. Diese Töne haben schon manchem müden Wanderer frohe Hoffnung und neuen Muth ins Herz gesenkt, der num sicher glaubte, einer Ansiedelung in der ihn umgebenden Wildniß nahe zu sein. Aber die Tän: schung war um so schrecklicher, je nothdürftiger seine Lage war, denn keine Lichtung des Waldes zeigte sich. Sein weitschallendes, Coo- ch!"( Busch­ruf) wurde nicht beantwortet, und doch hallten die vermeintlichen Artklänge fort und fort. Diese Laute gehören einem Frosche an, aber seine Anwesenheit bedingt nicht das Vorhandensein von Wasser eine neue Täuschung für den verschmachtenden Wanderer!

Wir haben uns nun so weit an dem Berge nach rechts hingezogen und sind dabei dem Thale so nahe gekommen, daß wir den Auslauf der Schlucht vor uns haben, die in das breite, grüne Thal mündet. Dort, hinter einem Vorsprunge unseres Berges, fräuselt sich eine blaue Rauchwolke empor und läßt uns eine Ansiedelung vermuthen, die wir in der That auch bald vor uns haben. Solch ein Anblick erfrischt. Bald betreten wir die gastliche Hütte und erfrischen uns an Brot und würziger Milch, wie das Enter der Kuh sie spendet. Unsere Pferde werden wieder abgeschirrt und gekoppelt und bald sehen wir sie nach dem klaren Bächlein wandern, das, von dem Gebirge kommend, dieses grüne Thal durchschlängelt.

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Wir greifen wieder zu unseren Stöcken und, geführt von einem Knaben der Ansiedlerfamilie, be­ginnen wir die nur kurze Wanderung nach der Farn­baumschlucht. Eine Beugung des Thales und vor uns liegt sie in ihrer nie geahnten Schöne, in einer leppigkeit, die das Auge blendet, und zieht sich meilenweit fort, von Gebirgen an beiden Seiten eingerahmt. Wir treten ein und wandeln unter grünen Hallen der stattlichen Alsophila australis und Dicksonia antarctica bon zehn bis dreißig Fuß Höhe, deren jede einzelne ihre Palmenwedel nach allen Seiten über uns ausbreitet und grünende Dächer neben- und übereinander wölbt, die uns ab­zuschließen scheinen von der Welt und allem Leben darin. Die Stämme oder Säulen dieser Hallen find wiederum geschmüdt mit allen möglichen Moosen, Pilzen, Flechten und kleinen Farnarten, welche, Schmarozern gleich, sich am Stamme eingenistet haben und von ihm ihre Nahrung ziehen. Dazwischen hängen Schlingpflanzen in Festons herab, oft von einer Stärke, daß wir uns getrost in ihnen schaukeln dürfen. Die vom Alter gefällten Stämme bilden die schönsten Nuhelissen, denn man fällt in ein Moos- und Farn­polster von einhalb Fuß Stärke und darüber. Die reizenden Arten von Hymenophyllum, Lycopodium , Trichomanes und Grammitis wuchern hier dicht gedrängt und überziehen Stamm und Steine.

Aber Alles ist feucht, und die Luft ist die eines geheizten Treibhauses, aber dennoch fühl gegen die Atmosphäre außerhalb. Die verwelften und abze­fallenen Wedel der stattlichen Farnbäume bedecken überall den Boden und geben den lebendigen Nah­rung und Stärkung. Ein krystallklarer Wasserstreifen, sich jetzt in viele Rinnchen theilend, jetzt wieder sich zu einem Miniaturbächlein vereinigend, rieselt, oft gänzlich überwuchert, in der tiefsten Höhlung dieser Schlucht hin. Und über uns glüht die australische Mittagssonne von einigen vierzig Graden Réaumur, aber wir fühlen sie nicht; ihre Macht wird gebrochen von den Fächern der mächtigen Wedel , die, gegen die Sonne gesehen, saphirgrün erscheinen und dem Dunkel unter ihnen eine grüne Färbung verleihen.

Was können Worte leisten, wo das Auge schwelgt! Diese grünen Hallen, diese lebendigen Guirlanden, diese weichen Sammetpolster machen uns glauben, wir betreten das Heiligthum einer Fee. Wir ahnen die Gegenwart der Dryaden und toürden nicht erstaunen, träte plötzlich Oberon mit seiner Titania hervor.

Aber weiter, weiter! Die Schlucht wird enger und in ihrer Mitte oft ungangbar; wir müssen uns an den Seiten entlang winden und blicken nun in die Palmenkronen der aus der Tiefe herauf strebenden Farnen. Plößlich überspannt die Schlucht eine mächtige Brücke. Ein foloffaler Eucalyptus liegt entwurzelt quer über und reicht von der einen Berges­lehne hinüber nach der anderen. Aber in welche Pracht ist auch er gekleidet! Von seiner moosigen Decke hängen Schlingpflanzen in zierlichen Windungen Decke hängen Schlingpflanzen in zierlichen Windungen herab und machen uns glauben, er sei eigens ge­fallen zur Verschönerung der ganzen Waldszenerie. fallen zur Verschönerung der ganzen Waldszenerie. Und welche Szenerie! Zu unseren Füßen die Krone Und welche Szenerie! Zu unseren Füßen die Krone der Farubäume, die mit ihren breiten und gefranzten der Farnbäume, die mit ihren breiten und gefrauzten Wedeln jeden Blick in die Schlucht selbst vereiteln, und um uns und gegenüber riesige Eukalypten und üp ige Sassafrasbäume, deren voller glänzender Blätterschmuck reizend hervortritt vom Dunkel des Hintergrundes. Die Einsamkeit, die uns in der Schlucht umgab, wird belebter; wieder umflattern uns Vögel, oder eine bunte Eidechse schlüpft behend

erantwortlicher Debatteur: Gustav Macasy in Leipzig .

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an uns vorüber. Immer wilder, immer unzugäng­licher, inter steiler wird es vor uns; aber das hindert uns nicht. Wir winden uns durch dichtes Unterholz, geschmückt mit seltener Blumenpracht, klettern über gefallene und bemooste Bäume und arbeiten uns durch verworrene und umstridende Schlinggewächse, bis wir endlich gesiegt und die Höhe erreicht haben, von wo aus wir eine freie und weite Aussicht genießen. Die dunkelbewaldeten Häupter der nahen und fernsten Gebirge, eins über oder neben dem anderen sich erhebend, gleichen den erstarrten Wogen eines weiten Meeres, und wir fliegen im Geiste der Zeit voraus, die vielleicht nicht zu feru ist, wenn Städte und Dörfer zu Füßen jener Berge blühen; wenn hohe rauchende Essen die Monotonie des Urwaldes unterbrechen und von der Industrie der Menschen auch hier Zeugniß geben; wenu breite Straßen wie lichte Bänder sich über diese Höhen ziehen oder das dampfende Noß sich kenchend zwischen ihnen hindurch windet.-

Dann aber, du stilles prächtiges Thal, ist es vorüber mit deinem Frieden; deine schönen Palmen und Niemand wird ahnen, daß werden fallen cinst hier die Natur einen Versteckt hatte, in welchem sie ihre üppige Schönheit profanen Augen entzog.

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Aus dem Papierkorb der Zeit.

Die Entstehung der Oper. Troß aller Bemühungen, die Entstehung der Oper, dieser komplizirtesten, aber auch wirkungsvollsten und vollendetsten Kunstform der Musik, auf einen bestimmten Zeitpunkt festzusezen, sind die ersten Anfänge des musikalischen Bühnendramas noch immer in Dunkel gehüllt. Vielfach hielt man die Erfindung der Oper für das Verdienst einer um das Jahr 1580 in Florenz zusammengetretenen Vereinigung von Gelehrten und Kunstfreunden, die nach einer Erneuerung des alten griechischen Tramas, unter Mitwirkung der Musik, strebte und auf diesem Wege das musikalisch dramatische Kunst­werk fand. Die Fäden, die das moderne Musikdrama mit den musikalisch- dramatischen Spielen der Vorzeit ver­binden, reichen jedoch in eine weit frühere Zeit zurück. Von den Tragödien der Alten, mit ihren gesungenen Chören, dürfen wir zwar billig absehen, doch haben wir bereits in den altchristlichen Mysterien, die die Geistlichkeit mit besonderem Eifer pflegte, um dem Volke bei dessen unverwüstlicher Vorliebe für theatralische Darstellungen einen annehmbaren, aber edleren Ersatz für seine rohen mimischen Späße zu geben, die ersten Anfänge oder doch wenigstens Vorläufer der Oper zu suchen. Bis zum zwölften Jahrhundert traten diese Mysterien nur ver­einzelt auf, von da an wurden sie immer mehr Kunst. bedürfniß des Volkes; bereits im Jahre 1313 wurden in Paris große Theatergebäude für die Aufführung der Mysterien, die mit Gesang, Tanz und Pantomime ver­bunden waren, errichtet. Einen entschiedenen Fortschritt auf dem Wege zur Oper bedeuten die gieux( Spiele), in denen sich die französischen Troubadours im dreizehnten Jahrhundert versuchten. Es waren dies kleine dialogijirte Stücke mit eingestrenten Gesängen, die jedoch nicht dem musikalischen Schage des Volfes entnommen waren, sondern für jedes dieser Liederspiele besonders komponirt wurden. Namentlich dürfen wir manche der gieux von Adam de la Hate als kleine Opern mit Dialog betrachten. In seinem Spiel Robin und Marion" treten elf han­delnde Personen auf; in den Dialog sind Couplets, Einzelgefänge und sogar dialogisirte Gesänge eingestreut. Die Gesänge sind frisch und lebendig und namentlich rhythmisch interessant; das Ganze erinnert ein klein wenig an das hübsche Singspiel Bastian und Bastienne" des jungen Mozart. Ob die Gesänge dieser Liederspiele be­gleitet gewesen sind, wissen wir nicht; vielleicht wurden sie zur Laute gesungen. Die gieux haben ihren einfachen Charakter nicht lange behalten. Da sie vielfach zur Unter­haltung an den Königs- und Fürstenhöfen bestimmt waren, suchte man einander durch Glanz und prunkvolle Aus stattung zu überbieten und bald arteten die musikalisch­dramatischen Spiele, in denen fortan das musikalische nud poctische Element hinter dem Streben, möglich viel Bomp und leeres Schaugepränge zu bieten, zurüdtrat, gänzlich aus. Troßdem finden wir in diesen Spielen, die bald unter Mitwirkung der Instrumente vor sich gingen, fast sämmtliche charakteristische Eigenschaften der modernen Oper vor. Die im Jahre 1594 von Ottavio Sinurrini gedichtete, von Carrini und Peri in Musit gefeßte tragedia per musica" Taphne", die man ge meiniglich als erste Oper- das Wort Oper" selbst

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fam erst um 1640 in Italien auf bezeichnet, darf feinesfalls als das erste Muster ihrer Gattung bezeichnet werden: die alt ranzösischen Liederspiele und diese ersten " Opern" umschlingt dasselbe Band.

Nachdruck des Juhalts verboten!

L.

Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger , Leipzig , Oststr. 14, richten.

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Verlag: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer& Co. in Hamburg . Druck: Mar Bading in Berlin .