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Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

Gebirgsforellen servirt wurde. Der Hausvater erntete aber fein anerkennendes Wort für seine Aufmerk samkeit. Knud hatte sich sogar vorgenommen, einige für die Gelegenheit passende Worte zu sprechen, aber es wurde nichts daraus. Einmal faßte er das Glas krampfhaft, er brachte es auch so weit, daß er sich räusperte, aber da kein Mensch von Knud Solhaug dergleichen vermuthen konnte, achtete Niemand dar auf, und so blieb die Nede ungesprochen. Agestin rührte das Essen kaum an. Eine ungemüthliche, fast ängstliche Stille herrschte im Zimmer.

Beret Klöften, die sonst mit den Leuten in der Küche, saß heute im neuen, schweren Kleide an der Seite des Ehrengastes. Das nach städtischer Mode gemachte Kleid war ihr immer im Wege, aber sie ließ Alles geduldig über sich ergehen, denn heute hatte sie ja ihren Sohn Agestin predigen gehört. Ihr Lebenszweck war erreicht..

An demselben Nachmittage ging Agestin in den Flecken, er wollte Pastor Mörch den geliehenen Talar selbst hinbringen. Ich will es lieber gleich thun, dann ist es besorgt!" rief er Ragnhild zu, die ihn vom Fenster aus mit der langen Papp­schachtel unter'm Arm über den Hofplatz gehen sah. Außerdem muß ich hinaus in die frische Luft; mir war, als miisse ich drinnen ersticken."

Der Flecken war während der lezten vier Jahre schnell gewachsen und machte mit seinen vielen Hotels und großen Schaufenstern fast den Eindruck einer Stadt. Eigenthümlich hob sich die im nördlichen Theile des Ortes gelegene alte prunklose Kirche von den modernen Häusern ab. Der mächtige Aufschwung des Bauernstandes auf sozialem, wie auf politischem Gebiete fand zum Theil Ausdruck in der Bildung von allerlei Vereinen. Der angebliche Zweck dieser Vereine mochte nun philanthropischer oder pädagogi­scher Natur sein, in den meisten Fällen verfolgten sie zugleich auch ein politisches Ziel. Agestin wußte, daß auch hier im Flecken seit kurzer Zeit ein solcher Verein bestände, er wußte, daß der Verein inner­halb sechs Monate dreimal den Vorstand gewechselt hatte, eine Erscheinung, die sich aus dem erbitterten Kampfe erklären ließ, der zwischen den Konservativen und den Radikalen um die soziale und politische Ober­leitung geführt wurde.

Pastor Mörch war nicht zu Hause. Agestin gab dem Hausmädchen die Sachen und schlenderte ohne Ziel durch den Flecken. Das Wetter hatte sich aufgehellt, und es waren viele Menschen auf den Beinen, von denen ein großer Theil ihn ehrfurchts­voll grüßte.

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Vor einem zweistöckigen Neubau, dessen Haus­thür mit Guirlanden geschmückt war, blieb Agestin stehen. Nicht nur zur Lust" stand in großen Buch­staben aus Tannengrün über der Thür zu lesen. Er erinnerte sich, daß heute das neue Lokal der Gesellschaft" mit einem Fest eingeweiht werden sollte. Mit besonderem Interesse hatte er erfahren, daß die Jugend" Theater " spielen würde. Im Studentenverein hatte er selbst mit Erfolg an den dortigen Aufführungen Theil genommen, und jene Tage mit den vielen Proben und ihrer heiteren Feststimmung gehörten mit zu seinen schönsten Er­innerungen. Er ging ohne Weiteres in das Haus und trat in den Festsaal. Hier war man noch mit Aufräumen und Staubwischen beschäftigt, aber am Ende des Saales, auf der kleinen Bühne, wurde Generalprobe gehalten. Man spielte einen kleinen dänischen Schwank, der zwei Stunden später zur Aufführung gelangen sollte. Die Spielenden waren: zwei junge Ingenieure, der Sohn und die beiden Töchter des Amtmanns, eine junge Dame aus der Hauptstadt, die bei ihnen zum Besuch war, und eine Tochter des Hauptmanns.

Das eine der jungen Mädchen wurde durch Agestin's Eintreten mitten in ihrer Replik unter­brochen. Er näherte sich, den Hut in der Hand, und fragte höflich, ob man ihm gestatten würde, der Probe beizuwohnen. Ich interessire mich dafür, verstehe auch etwas davon," sagte er, es kann auch nie etwas schaden, ein kritisches Publikum bei der Generalprobe zu haben."

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Die Spielenden sahen einander an und sprachen Teise unter sich, dann ergriff die älteste Tochter des

Amtmanns das Wort: Bleiben Sie doch, Herr Klöften, und wenn Sie etwas davon verstehen, dann, bitte, nehmen Sie sich unser etwas an. Papa, der bis jetzt unser Berather gewesen, kann heute nicht zur Probe kommen, wir sind also wie eine Heerde ohne den Hirten."

Herzlich gern!" rief Agestin, wenn es Ihnen recht ist, werde ich die Kritik vorstellen. Spielen Sie weiter!" Sie weiter!" Er nahm dicht vor der Bühne auf einem Stuhl Plaß, und die Probe ging weiter. Es dauerte aber nicht lange, als er aufsprang und mit beiden Armen abwinkte.

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" Nein, nein, so kann's nicht gehen," rief er in vollem Eifer, Marie weiß ja, daß Eduard Krohn in dem Nebenzimmer steht, um zu lauschen, darum muß ihr Spiel befangener sein. Dagegen muß Mathilde viel natürlicher und sorgloser sprechen."

Die lezte Szene wurde wiederholt, und Agestin folgte mit lebhaftem Interesse, Klatschte ein paar folgte mit lebhaftem Interesse, Klatschte ein paar Male den Spielern seinen Beifall zu, und es folgte nun Szene auf Szene ohne weitere Störungen, bis er plößlich wieder in die Höhe fuhr.

" Um Gotteswillen! Der flotte Eduard Krohn darf sich nicht wie ein alter Schulmeister benehmen!" darf sich nicht wie ein alter Schulmeister benehmen!" Mit einem Saß war er auf der Bühne.

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so glücklich, zum ersten Mal seit langer Zeit. Es war, als hätte sein Körper kein Gewicht, als fönnte er fliegen. Er hatte wohl das zweideutige Lächeln auf einigen Gesichtern im Saale bemerkt, ein Lächeln, das sich darüber lustig machte, daß er, der heute Vormittag von der Kanzel zum ersten Male ge­predigt, sich am Abend derselben Gemeinde als Re­gisseur und Deklamator zeigen wollte, aber er schob diesen Gedanken zur Seite wie etwas unangenehmes, womit er sich nicht beschäftigen wollte.... Es brannte noch Licht in der guten Stube auf Solhaug. Durch das Fenster sah er den Schatten seiner Braut. Sie saß ganz still, vermuthlich mit irgend einem Buch beschäftigt. Die Hausthür stand, vielleicht durch ein Versehen, offen. Es war ihm lieb, denn über der Thür war eine Klingel angebracht, die sonst sein Kommen verrathen hätte. Und in diesem Augenblick war ihm jede Auseinandersetzung uner­wünscht. Leise schlich er sich durch den Korridor, die Treppe hinauf und in sein Zimmer, holte von dem Boden seines Koffers das Manuskript hervor und steckte es in die Tasche. Eben so sachte, wie er gekommen, schlich er sich wieder hinaus. Er war so ganz im Taumel des glücklichen Gefühls, seine eigene Dichtung vortragen zu sollen, daß es ihm

Wollen Sie mir für einen Augenblick Ihre kaum einfiel, wie verlegend sein Benehmen den Rolle erlauben?"

Der verdußte Ingenieur reichte ihm einen be­schriebenen Bogen, und jetzt spielte Agestin die ganze Szene mit einer Bravour, die den Anwesenden tosenden Beifall abrang. Als das Stück zu Ende gespielt war, ging Agestin noch mit Einigen die Rollen durch, forrigirte und spielte vor, bis der Vorhang heruntergelassen werden mußte, weil der Vorhang heruntergelassen werden mußte, weil der Saal schon anfing, sich zu füllen. Während der Vorstellung blieb er zwischen den Koulissen, noch immer die Rolle eines Regisseurs spielend. Der Vorsitzende des Festcomités fam und bedankte sich Vorsitzende des Festcomités kam und bedankte sich bei ihm. Agestin's Wangen glühten. Wer am Nachmittage desselben Tages den bleichen Prediger mit dem schmerzlichen Zug um den Mund die Kirche hatte verlassen sehen, würde ihn schwerlich in dem begeisterten Regisseur mit den strahlenden, heiteren Augen wieder erkannt haben. Einige Sekunden stand er da, den Blick nachdenklich auf die Erde geheftet. Dann hob er plößlich den Kopf und fragte lebhaft: Würde das Festcomité mir nachher, wenn der offizielle Theil des Festes zu Ende ist, gestatten, einen dramatischen Vortrag zu halten?"

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Gewiß, mit Vergnügen!" lautete die Antwort. Was werden wir zu hören bekommen?"

Ich werde etwas aus einem Drama vorlesen, das ich selbst geschrieben habe."

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,, Ah wie interessant! Ich werde es auf dem Programm im Saal anzeigen, und danke Ihnen schon im Voraus im Namen des Comités."

Agestin folgte dem Vorsitzenden in den Saal. Die Gesellschaft bestand aus Bauern und Hand­werkern, ihren Frauen und Töchtern und aus fast sämmtlichen Honoratioren des Fleckens. Da war der Amtmann mit Familie, innerhalb zwanzig Meilen Umkreis der höchste Beamte. Seit einem halben Jahr bewohnte er die neue prächtige Amtswohnung. Seine aristokratischen Gesichtszüge, sein selbstbewußtes Auftreten und die schneeweißen hohen Vatermörder bezeichneten ihn als einen hohen Herrn, der gewohnt war, zu befehlen. Ferner waren da der Vogt des Kreises, der Hauptmann des Kompagniebezirks und der Bezirksarzt, alle mit Familie. Sie waren um einen großen Tisch versammelt und tranken billigen Champagner. Die Anderen saßen an kleineren Tischen und trgnken Grog oder Bier.

Die Toiletten waren mannigfach, von der tadel­losen schwarzen Seidenrobe der Frau Amtmann bis zu den roth eingekanteten, kurzen, groben Röcken einiger Bauernmädchen, deren weiße Hemdsärmel, reicher Silberschmuck und Perlenstickerei an Hauben und Schürzen sich vortheilhaft von der städtischen unkleidsamen Tracht anderer Bäuerinnen abhoben.

Agestin wand sich durch das Gewimmel und erreichte die Ausgangsthür. Er mußte nach Solhaug zurück, um das Manuskript zu holen, aus dem er vorlesen wollte. Ihm war zu Muthe, als hätte er Champagner getrunken; er fühlte sich so leicht,

Seinigen gegenüber war, die sich Alle darauf ge= freut hatten, ihn am Abend dieses Tages in ihrer Mitte zu feiern. Die Reaktion seiner kräftigen Per­sönlichkeit gegen den seit Jahren erduldeten Zwang war so mächtig, daß alle Nebenrücksichten weichen mußten.

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Agestin hatte den ersten Att seines Dramas vorgelesen. Das Stück war nicht frei von Tendenz. Es war der Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen, in der Beleuchtung einer optimistisch- dichteri­schen Lebensauffassung gesehen. Die Mehrzahl der Anwesenden verstand vielleicht kaum die Hälfte. Es war aber etwas darin, was Jeder verstand: Dem reaktionären Beamtenstand des Landes wurde schon im ersten Aft der Vorwurf gemacht, nicht norwegisch zu empfinden, sondern vielmehr durch sein Liebäugeln mit Allem, was nicht norwegisch war, sich eines ver­deckten Verraths gegen das Vaterland schuldig zu machen. Als der Vortrag zu Ende war, wurde laut gezischt und zwar von dem großen Tisch, wo der billige Champagner getrunken wurde. Dann fing aber Jemand oben auf der Gallerie an zu klatschen, ihm antwortete Einer unten im Saale von einer verdeckten Ecke aus, noch Einer kam hinzu, und bald war ein Dußend derber Bauernfäuste in voller Thätig­keit; sie wurden von schweren Stiefelabsäßen und dicken Spazierstöcken unterstüßt; der Lärm wuchs mit jeder Sekunde gleich einer rollenden Lawine.

Agestin verbeugte sich vor dem Publikum und zog sich zurück, aber der Lärm hörte nicht auf. Zwischen Klatschen, Zischen, Pfeifen und Klopfen hörte man den Nuf:" Der zweite Aufzug! Es wird um den zweiten Aufzug gebeten!" Agestin wollte soeben auf die Bühne treten, um der Aufforderung nachzukommen, als der Vorsitzende des Festcomités ihn zurückhielt.

Herr Klöften... der Probst selbst ist da und wünscht Sie zu sprechen."

" Der Probst?" fragte Agestin verwundert. Ist der hier? Im Saale sah ich ihn nicht."

,, Nein, da war er auch nicht. Ich glaube, man hat ihn holen lassen."

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,, Was? Holen lassen? Wozu denn?" Der Andere zuckte die Schultern.

, Weiß nicht!... Er erwartet Sie im Zimmer Nr. 4, gleich links von der Garderobe der Schau­spieler. Darf ich Sie vielleicht führen?"

In dem kleinen Zimmer, das mit der Nr. 4 be zeichnet war, ging der Probst erregt mit furzen nervösen Schritten auf und ab. Er war ein kleiner, älterer Herr mit einer mächtigen, gewölbten Stirn, spärlichem weißen Haar und klugen Augen hinter den Brillengläsern.

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" Herr Klöften!" rief er dem Eintretenden auf­gebracht entgegen, an dem fürchterlichen Skandal merke ich leider, daß ich zu spät gekommen bin, um Sie von einem Schritt abzuhalten, der für Ihre Zukunft verhängnißvoll werden kann. Als Ihr Vor­