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Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.
Die umstehenden Kinder, die den versprochenen Hauptspaß erwartet hatten, wurden, durch diesen Ausbruch erschreckt, plöglich todtenstill, und als der kleine Sammettittel nach seinem Gegner schaute, dessen zornentstelltes Antlig ihn mit glasigen Augen ansah, da überfiel ihn Angst, und ohne ein Wort zu ver= lieren oder sich zur Vertheidigung anzuschicken, wandte er sich jäh, daß die blonden Locken flogen, und stürmte, den Kopf wie ein Renner vorhaltend, durch das Thor in die immer tiefer sinkende Dämmerung.
Der kleine Proletarier sah nur noch seinen weißen Spizenfragen und die hellen Strümpfe aus dem Dunklen schimmern, als er ihm nachlief.
Er mußte ihn erreichen! Das gab ihm doppelte Kräfte, und während die zurückgebliebenen Kinder in ein Jammergeschrei ausbrachen, sprang er mit seinen nackten Füßen schonungslos über die Felder, und der Zwischenraum zwischen ihm und dem Flüchtenden ward immer fleiner.
Gerade, als die Jagd wieder in das Thor einbog, hatte er ihn erreicht; schon hob er die Hand zum Schlage aus, da stiirzte sein Gegner über den Thorpfosten und flog in weitem Bogen gerade in eine Pfize, daß der Koth emporsprite.
" 1
Wart'!" schrie der kleine Hans, da fühlte er sich im Genick ergriffen, und als er keuchend aufblickte und nach dem Halse griff, wo das Hemd wirgte, sah er in die grobknochigen Züge eines Weibes, das ihn mit schadenfroh verzogenem Munde aus harten Augen anblickte.
Auf das Jammergeschrei der Kinder war es dem Sohne ihres Herrn zu Hilfe geeilt und just im rechten Augenblicke angekommen.
" Laßt mich los!" schrie der fleine Knabe. " I, meinst Du?" erwiderte die Magd, erst wollen wir Dir doch einmal zeigen, was es heißt, anderer Lente Kinder in den Schmuß zu werfen."
In der oberflächlichen Anschauung der Sachlage hatte sie die Meinung gewonnen, der kleine Hans hätte ihren Schüßling hingeworfen. Mit beiden Händen nach seinem Hals greifend, nur bestrebt, die unwahre Anschuldigung zurückzuweisen, schrie der Gefaßte:„ Ich habe ihn nicht hingeworfen!"
" Was," war die Antwort der Magd," Du," wandte sie sich an den Gefallenen, der zwischen schmerzlichem Weinen und schimpflichem Zorne schwankte und das Blut stillte, das aus einer Schramme am Knie floß, hat er Dich hingeworfen?"
Einen Augenblick besann sich der Junge, dann sagte er troẞig:" Ja, von selber fall ich nicht!" „ Ach, pfui!" machte der kleine Hans darauf, ,, bist Du gemein verlogen!"
" Na, na," fiel ihm die Magd in's Wort, wir wollen's schon' raus kriegen, daß Du der Gemeine bist. Geh' mal her!" Und mit der einen Hand nach einem Stocke greifend, den eines der Kinder in der Hand hielt, lüftete sie mit der anderen den kleinen Buben und begann dann mit der sachlichen Nuhe arbeitsgewohnter Hände auf den Feind des Sohnes ihres Herrn loszuschlagen.
Erst sagte sich der kleine Hans:„ Du weinst nicht!" Er konnte ja das Schlagen vertragen, er war es gewöhnt; aber die Magd schlug unbarmherzig; jeder Streich auf den still hängenden, nothdürftig bekleideten Körper drang durch bis auf's Mark. bekleideten Körper drang durch bis auf's Mark. Ob er wollte oder nicht, er begann sich in windender
Qual zu frümmen; er schrie, er fluchte, er tobte, er weinte am Ende.
Endlich, einen Augenblick hörte es auf.
Er erschauerte und fam wieder zur Besinnung aus einer wilden Ertase des Schmerzes und des Ningens gegen überlegene Kräfte.
Willst Du es noch einmal sagen: Du hast Den da nicht hingeworfen? Hä?"
Er hätte es hinausschreien mögen; ich bin gut, und der ist schlecht und gemein, doch er brachte fein Wort hervor.
"
Wird's bald?"
Die Hand, die ihn gefaßt hielt, griff fester zu, und der Stock erhob sich von Neuem.
Da sagte er ganz leise:„ Ja, ich bin es ge wesen."
"
So.. so.." sagte das Weib, das war die Zunge gelöst. Geh', pack Dich!"
Noch einmal fühlte er einen Streich, dann taumelte er durch eine Schaar schreckensbleicher Kinder, die ihn halb mitleidig, halb schauernd ansahen, in die Dunkelheit.
Wohin?
Vor ihm 1: g sein Sad, ja, den mußte er gefüllt heimbringen, sonst gab es wieder Schläge... Schläge!
Er begann sich langsam nach den umherliegenden Stücken Holz zu bücken, bis, plötzlich... da konnte er nicht mehr. Es kam ihm würgend die Kehle heraufgeschossen, er hob die Hände gen Himmel, warf sich auf die Erde und brach in ein herzerschütterndes, hoffnungsloses Schluchzen aus.-
Feuilleton.
Die Erziehung des Farbenfinnes behandelt Alfred Lichtwark , der Direktor der Hamburger Kunsthalle , in einem anregenden Aufsatz, den er im letzten Heft der Zeitschrift Pan" veröffentlicht hat. Das Wesentliche seiner Ausführungen ist das Folgende: Farbe fann man nicht lernen. Wie Musik muß man sie in der Seele haben; die Fähigkeit, Farbe zu fühlen, ist eine Sache der individuellen Anlage. Aus dem Dunkel völliger Farbenblindheit steigt die Skala zu den einsamen Höhen empor, wo der sinnliche Eindruck der Farbe wie ein starkes Luftoder Wehegefühl den Körper bis in die Zehen durchrieselt. Andererseits aber ist die einmal vorhandene Empfindung für Farbe in hohem Grade ausbildungsfähig. Stickerinnen und Gobelinwirkerinnen lernen im Laufe der Jahre auf einen Blick und mit absoluter Sicherheit eine Unzahl Nuancen nicht nur derselben Farbe, sondern desselben Farben tones herausgreifen, wo das ungeübte, im übrigen vielleicht höher begabte Auge erst nach großen Anstrengungen einen Unterschied wahrnehmen kann. Für die Erziehung dieser Farbenempfindung bei der heranwachsenden Generation ist aber bisher in Deutschland nicht die Nede.
Die Arbeit. Von der Schmiede am Ende des Dorfes tönt lauter Hammerschlag. Auf dem Plaze vor dem Hause, abseits der Straße, find Meister und Gesellen rüftig bei der Arbeit; es gilt eine der schwierigsten Aufgaben, die dem Dorfschmied vorkommen: den eisernen Reifen auf das eichene Nadgestell treiben. Da heißt's bei der Hand sein, daß die Arbeit schnell und sicher von Statten gehe. Glühend muß der Reifen aufgetrieben werden, damit er, wenn er erfaltet und sich zusammenzieht, Felgen und Speichen des Rades fest füge. So ist denn Jeder mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinem Poften, der Meister, der mit der Handzange den Neifen hält, daß er gehörig auffiße, die beiden Gesellen bei ihren großen Hebebäumen, durch deren Klammern das Rad auf der anderen Seite an seinem Plaze gehalten wird, und der dritte Gesell, der an der freien Stelle den Neifen mit wuchtigen Schlägen über das Rad treibt. Es sind fraftvolle Gestalten, und es ist Kraft in ihren Bewegungen, wie sie, mit gespreizten Beinen dastehend, ihr Werk ver= richten. Der eine Gesell hängt sich fest an den Hebebaum, um ihn herabzuziehen, während der andere, Stämmigere, in gelassener Straft ihn an sich zieht. Und besonders ist diese Kraft in der Bewegung dessen, der zu wuchtigem Schlage weit ausholt. Der haut zu, und wo der Schlag sigt, sterben die zwischen dem glühenden Eisen und den Felgen aufzüngelnden Flammen. Ihr Schein reicht heut freilich nicht weit, nur auf den schwarzen Lederschürzen geben sie einen matten Abglanz; ihre Leuchtkraft vermag nichts gegen das strahlende Licht der Sonne, das die Luft erfüllt. Ludwig Dettmann , der diese Szene als Mittelbild eines Triptychons gemalt, hat schon in dem Titel angedeutet, daß er mehr geben wollte, als diese einfache Szene. Er wollte der Arbeit ein Denkmal sezen. Und es liegt in der That etwas von dem Geiste in dem Bilde, in dem wir die Arbeit zu betrachten gewohnt sind: Kraft und Arbeitsfreude und Lebensfülle. Die Arbeit als die Herrin der Erde, die sich von Tag zu Tag die Erde mehr unterthan macht, und deren Träger zu ihren Herren berufen sind. Die Kunst hat in der Gegenwart oft aus dem Arbeitsleben ihre Miotive geholt, aber sie hat meist nur die Armuth, das Elend, ja die Verkommenheit darin zu entdecken gewußt. Gewiß, all' das, was sie in diesem Sinne darstellten, ist wahr; es ist viel schlimmer noch, als diese Künstler es gesehen, und Lob verdienen sie vor denen, die geflissentlich nur das bequeme und lustige Leben zur Freude der Kaufkräftigen in immer wiederholten Bildern geben- höher aber noch als diese Grämlichen steht uns der Künstler, in dessen Bildern das stolze, sieghafte Bewußtsein und die Zuversicht auf die Zukunft zum Ausdruck kommen, die in den Trägern der Arbeit leben. Daß er diesen Geist in seinem Bilde verkörpert hat, das ist es, was wir dem Schöpfer unseres heutigen Bildes danken.
Wenn man von der Farbe spricht, darf man keinen Moment aus dem Auge lassen, daß sie nichts als einen Vorgang in der Thätigkeit unseres Auges bedeutet, und daß dieser Vorgang sich bei jedem Menschen anders vollzieht. Nicht zwei Menschen haben von derselben als farbig empfundenen Erscheinung denselben Eindruck. Ja nicht einmal unsere beiden Augen empfinden Farbe unter allen Umständen in derselben Weise. Wer nach einem Moment der Blendung durch starkes Sonnenlicht einen Blick auf die Landschaft wirft, sieht sie dann plötzlich wie erstorben vor sich liegen. Und als Vorgang im Leben der Seele ist die Farbenempfindung von allen den Zuständen, Mächten und Kräften abhängig, die die Seele beherrschen. Gewöhnung, Suggestion, Ermüdung und Disposition für den Reiz des Kontrastes spielen eine sehr große Rolle.
mechanische Wirkung des Lichtes von den Körpern los löst, und die in der Atmosphäre eines Kalfgebirges anders das Licht brechen als in der einer Granitformation oder am Salzmeer, bedingen sehr große Unterschiede. Alle diese lokalen Unterschiede verursachen eine verschiedene Gewöhnung des Auges.
Wenn nun die Grundlagen für eine rationelle Gr ziehung des Farbensinnes gesucht werden sollen, so ist von der Erkenntniß auszugehen, daß das Ziel nicht in der mechanischen Bewältigung eines Lehrganges, sons dern in der Befähigung zu genießen liegt, nicht in der Mittheilung eines Lernstoffes, sondern in der Ent wickelung einer Kraft. Der Zeitpunkt für eine solche Erziehung ist gekommen, sowie die Kraft sich regt, also schon in den ersten Schuljahren. Die Grundlage der Erziehung des Farbensinnes sind bei beiden Geschlechtern dieselben. Zuerst ist die mechanische Fähigkeit, Farben zu erkennen und zu benennen, zu üben. Erst wenn eine gewisse Sicherheit gewonnen ist, gilt es, das Gefühl für die Qualität zu entwickeln.
Die mechanische Fähigkeit, Farbe zu fühlen, bleibt durch alle Rassen und alle unserer Erkenntniß zugänglichen Epochen ungefähr gleich; in der ästhetischen Empfindung für die Farbe lassen sich jedoch historische Schwankungen, lokale Eigenthümlichkeiten und Gewöhnungserscheinungen bei allen Völkern beobachten, nicht nur bei den Kulturvölkern. Die Welt wechselt ihr Aussehen nicht, aber die Empfindung ist unendlichen und unaufhörlichen Aenderungen und Schwankungen unterworfen. Ueber die Beeinflussung des Farbenfinnes durch örtliche Zustände sind wir noch nicht genügend unterrichtet. Wir wissen nur ganz allgemein, daß die Phänomene der Farben in Venedig nicht dieselben sind wie in Florenz , in London und Amsterdam und in Paris und Berlin voneinander abweichen. Der Feuchtigkeitsgrad der Luft, der Stand der Sonne, die unendlich fleinen Staubtheilchen, die die
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Gine erste Rolle fällt dem Zeichenunterricht zu. ließe sich denken, daß beim Zeichenunterricht Treffübungen in der Wiedergabe von Farbentönen eingeführt werden, um das Auge an die Analysis und Synthese der Farben zu gewöhnen. Ist so Einsicht in die Zuſammenſegung der Farben gewonnen, so kann die Beobachtung der farbige Erscheinung in der Natur einsetzen. Das ist der Kardinal punkt in der Entwickelung des Farbengefühls, daß unau hörlich auf die Natur hingewiesen und an die Beobachtung der Natur gewöhnt wird. Nur das Auge, das die Natur hingebend beobachten gelernt hat, vermag sich dem Kunst werk gegenüber selbstständig zu behaupten.
Unter Natur ist jedoch nicht sofort etwa die Landschaft zu verstehen. Die farbigen Erscheinungen am Himmel, auf der Wasserfläche, auf der Wiese zu beobachten, ist 3 schwer und führt das Auge, das erst lernen soll, in die Irre. Dagegen ist in der Naturgeschichte, die in jeder Schule gelehrt wird, die Möglichkeit gegeben, auch au die ästhetischen Eindrücke hinzuweisen. Es ist nicht erkennen, weshalb bei der Besprechung eines Vogels, eines Insekts, einer Blume nicht auch das Gefühl für die Schönheit geweckt werden solle. Ein Wort, Hinweis genügt ja, wie Jeder aus Erfahrung weiß
oft genug, um ein Leben reicher zu machen.
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Erst wenn an der Blume und an dem Material der naturhistorischen und ethnographischen Museen das Auge erzogen ist, sollte es sich dem Studium der Farbe in de Gallerien und Gewerbemuseen hingeben. Das an der Natur erzogene Auge wird sich hier allein zurechtfinden, denn es hat ein Gefühl für die Qualität erhalten.
Nachdruck des Juhalts verboten!
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