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Donnerstag, 5. Juft 1934

Schand- und Jammerbild der sudetendeutschen Bürgerpresse

Der Herr Außenminister hat in feinem Exposé auch an die Presse appelliert, der weit größerer Einfluß auf die öffentliche Meinungs­bildung zulomme, als ihr selber manchmal be­wußt sei. Herr Dr. Benes hat das nicht im Bu­sammenhang mit den Ereignissen im Reich gesagt und hat dabei vermutlich auch mehr an die fiche­chische als an die deutsche Presse hierzulande ge­dacht. Und es ist möglich, daß der Appell des Außenministers in der tschechischen Presse wenig stens teilweise gute Wirkung auslösen werde. Eine Wirkung in der sudetendeutschen Presse halten wir, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, für ausgeschlossen; der Bohemia", der Sudetendeutschen Tageszeitung" mit ihren Ab­legern, der Reichenberger Zeitung ", dem Tep­liz- Schönauer Anzeiger" und allen ähnlichen Leibblättern des sudetendeutschen Spießers wird es nach wie vor gleichgültig sein, welche antidemo fratische, das Sudetendeutschtum schädigende Wir­tung ihre Haltung fördert und wachhält- ihnen geht es einzig und allein um die Verquidung ihrer im Herzen grenzenlosen Ergebenheit für die Real­tion mit dem Geschäft, das sich so bei den Hitler­Freunden im Lande und den betrogenen Lesehung­rigen im Reiche der nuancenlos braunen Presse machen läßt.

Eine fast unheimliche Bestätigung dieses Zu­stands lieferten die letzten Tage. In all den oben= genannten Blättern ist teine Spur einer Kritik an der Schlächterarbeit zu finden, zu der sich die scheußlichsten Triumvirn aller Zeiten zur Erhal tung ihres Machtrausches gezwungen fahen. Die ,, Bohemia" ließ, che noch die treulos hinge= mordeten Freunde Hitlers verscharrt waren, ihren Berliner Berichterstatter im Leitartikel melden, daß sich das Dritte Reich von schwc= rem Ballast befreit hat" und alllas mierte Hitler und Goering auf dem neuen Weg losgelöst von revolutionärem Schutt". Kein Wortüber oder gegen den Barba rismus, von dem sich die anständige Presse in aller Welt angeefelt abwandte; kein Zeichen der Verwunderung darüber, daß das Prozentum, dic Verschwendungssucht und die Päderastie der Um­gebrachten ja seit Jahr und Tag bekannt waren und nur den Vorwand für eine politische Scheußlichkeit noch nicht dagewesener Art bildeten! Wie sollte die" Bohemia" auch sie, die seit Feber 1933 jeden Rülpser des Herrn Goebbels über die ausländischen Greuelmeldungen" ges treulich wiedergegeben hatte! Und wer verwun dert sich darüber, daß die nicht einmal getarnte Sudetendeutsche Tageszeitung" von den ausländischen Pressestimmen über die neuen Untaten des Hitlerregimes nur jene wic­dergibt, aus denen sich eine positive Einstellung zu dem nun ganz neuen Deutschland herauslesen läßt? Wer ist überrascht davon, daß der Teva lik Schönauer Anzeige r", dieser viel­leicht bemerkenswerteste Anzeiger jedes sudeten= deutschen Frrwvahns und jeder sudetendeutschen politischen Unzulänglichkeit, das Urteil der " Times", die das bestialische Deutschland nicht mehr zu den modernen Staaten zählen, in sein Gegenteil umlügen, indem ein Lügenmaul dort

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Presse" findet Borte schärffter Berurteilung hitlers, deffen schwere Schuld festgestellt wird. gegen Goebbels , der als unsterblich blamiert" bezeichnet wird, da die Kritilaster recht behalten haben; die Deutsche Presse" spricht sogar von einer Götterdämmerung " im Reich. Wohl den jubeto- flexitalen Schriftleitern, daß sie jest da hinterkommen! Aber war es nicht die Deutsche Preffe", die lange Zeit hindurch Herrn Hitler eine fatholische Mauer von Prag aus baute? War nicht sic es, die gegen die Greuelmeldungen" der so­

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tausende sudetendeutsche Bürgerföpfe eindrang, fo

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hat fich dieſe Preſſe, bie den Sitler Anbetern, ben Ein Schrei in der Nacht...!"

., Ach so! Sie meinen den bekannten Kriminals roman von Wallace?"

vom Fascismus, vom Führergedanken, vom Anti­femitismus, von der Hoffnung auf die Nieder­megelung der Arbeiterbewegung Besoffenen nach dem Munde redete, aus Profitfucht, aus eigener fascistenfreundlicher Gesinnung und aus einer laum zu überbietenden politischen Ahnungslosig­teit mitschuldig daran gemacht, daß in der Ber­herrlichung des blutbefleckten Regimes in Deutsch - Nein, ich meine, ob Sie den Schrei des Ents land das fudetendeutsche Bürgertum alle Regun- fekens gehört haben, den unſere sudetendeutſche gen der Menschlichkeit und des Gerechtigkeitsfin- Bresse über das große Schweineschlachten" in nes, alle Bebenten über das Schidial per bent- Deutschland in der Nacht vom 30. Juni ausgestoßen schen Nation, ihre Würde und Ehre hintansepte, hat?" dem fudetendeutschen Boltsstamm jene einzige Einigung, die möglich ist und ihm frommen fann, nämlich die Einigung auf den Gedanken der

Wir grüßen euch!

Von Pierre.

Die Straße dröhnt von eurem Schritt, Die Straße tönt im Rhythmus mit!

Im Rhythmus des Lebens! Im Rhythmus der Tat! Ihr seid die Verkündung der kommenden Saat! Wir grüßen euch!

Der Fahnen Meer ist rot wie Blut, Der Freiheit Heer trägt eure Glut! Ihr seid die Kraft! Das Unterpfand! Ihr tragt die Zukunft in nerviger Hand! Wir grüßen euch!

. Ihr seid die Zahl, die nie betrügt,

Ein Menschheitsmal, das gräbt und pflügt! Ihr seid die Jugend, der Herzschlag der Zeit! Das Volk, nicht im Büßer-, im Herrenkleid!

Wir grüßen euch!

Ihr seid der Kampf, den die Masse gewinnt, Ihr seid der Dampf, der weisende Wind, Die Fahne des Willens, die kündet und trägt. Bis einst die Stunde des Sieges schlägt! Wir grüßen euch!

Nein, den habe ich nicht gehört." Ich auch nicht!"

Aber ich hätte ihn gerne gehört. So, wie ich ihn innerlich höre, und wie ihn tausende innerlich

fühlen! Ich möchte diefen Schiefen in bicen Blättern, die Hitler bis jekt die Stange gehalten haben; die ihn, vielleicht wirklich in gutem Glauben, für den Messias schalten haben, der alle Deutschen in das gelobte Land Großdeutschland führen wird, in das sagenhafte ,, Dritte Reich ", wo Milch und Honig fließt, und nun schen, daß dieser falsche Zauberer nur Blut fließen lassen kann, das Blut der eigenen Volks genossen! Nachdem er die Schweine" ein und ein viertel Jahr gemästet hat: mit seinen Phrasen, seinen Bersprechungen, mit dem Blut der Gepeitschten und Gefolterten, mit den Leichen von Beschnittenen und Unbeschnittenen, gemordet ,,, auf der Flucht erschos= fen", erflärt er plößlich über Nacht, nach der Nachi vom 30. Juni, er müsse die, die er seine treuen Kameraden genannt hat, schlachten, weil sie zu fett geworden find! Und wer anderer Meinung sein follte, und diese äußern würde so verkündet sein getreuer Henker Goering , würde ebenso um die Edc gebracht werden!

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Sie sind also alle tot, die, wenn sie noch lebien, den Mund hätten aufmachen können, die Mitwis

Terbie hätten aussagen können, wer den

Reichstag angezündet hat, wohin die Millionen geflofsen find, die Hitler zur Erive@ ung" Deutschlands , und von wem, zusammengeschmorri hat. Die Mitwiffer mußten, als unsichere Kantonlsten, berschwinden. Gründe sind billig wie Brombeeren, und werden sich schon finden postnumerando, nach­dem die unbequemen pränumerando erledigt find; dafür. hat ja Hitler seinen Machiavel, wie Borgia den seinen hatte: Goebbel Der braucht nur den Hahn im Propagandaministerium aufzudrehen, und die Lügenflut ergießt sich durch das Rohrnes der deutschen gleichgeschalteten Presse in alle Welt! Daß das eine Schmusflut von Lügen, 1- wer wills beweisen?

Nach Hitlers gefillten Freunden fräht lein Hahn. Schwerer ist's schon mit einem chematigen Reichsfangler und Kriegskameraden in cn= burgs! Den lann man nicht vor's Gericht stellen, weder vor ein Stand noch vor ein ordentliches Ge­richt; und so befommt der zum Mordiomman­dierte Polizeioffizier die Ordre vom Führer: Schleicher muß verschwinden; wie Sie das veich­feln, ist Ihre Sache!"

behauptet, die englische Presse ist darin einig, daß stalistischen Presse mit zu Felde zog? Waren es| Demokratie, der Freiheit, der internationalen Bus würde mit ihr nicht erst drohen, sondern gleich

die Stärke der nationalsozialistischen Regierung neu gekräftigt wurde"? Dieses selbe Blatt läßt fich gestern aus Berlin melden, daß dort nach dem Gemekel die Stimmung absolutein­mütig war: Fluch denen, die die mühselig gewonnene Ordnung des Landes stören wollten. imd Aeußerungen des Vertrauens in die Tattraft des Reichstanzlers". Und dabei wissen doch selbst die gottberlassensten Leser dieses Blattes, daß jeder, der in Deutschland Kritit an der Hin fchlachtung etwa Schleichers und feiner unschul­digen Frau übt der Anzeiger" nennt das ,, Ueberrumpelung der Meuterer" daß jeder, der den Mund zu etwas anderem als zur Begei= sterung oder Zustimmung über Berbrechen und Wahnsinn aufmacht, das sofort mit seinem Leben büßen müßte!

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Hm! Auf der Flucht erschießen? Flucht ist bei dem alten Soldaten nicht gut anzunehmen? Aber man fann jich ,, bedroht" fühlen? Frägt sich nur durch, und mit was? Mit einer Pistole? Ein alter Soldal nicht die christlatholischen Schriftleiter, die uns sammenarbeit in unserem Staate und darüber monatelang dahin zu belehren versuchten, daß es hinaus erschwerte. Samt und sonders war diese losdrüden! Heureka! Der findige Polizeioffizier Ehrenpflicht der Sudetendeutschen sei, sich größte judetendeutsche Bürgerpresse glücklich und ent- Schlafzimmer; erflärte ihn für verhaftet; wollte, wie hat's!! Er rapportiert: Fand Inculpaten im Reserve bei der Beurteilung der Vorgänge im hujiasmiert über die Tatsache, daß Hunnen die Deutschen Reich aufzuerlegen? Und wie oft haben Arbeiterbewegung im Reiche niederritten und daß Ballenſtein§. 3. einen Armleuchter als Waffe er­wir den Brünner Tagesbote" anprangern tollgewordene österreichische Affen Hitlers dort greifen, da aber im Zimmer nur Dedenbeleuchtung müssen, weil er mit liebevollſtem Verständnis für mit Kartätschen gegen den Marxismus" losgin- vorhanden, büdte er sich, um den Nachttopf unter dem das Unmenschentum neudeutscher Staatslenter zu gen. Die Genesung nicht nur des deutschen Beit hervorzuholen, und als Waffe gegen mich zu werven suchte denselben Tagesboten", der Wesens, sondern der ganzen Welt haben sie sich benußen; daraufhin bedroht, schoß ich ihn in den jest gegen das Führertum zu Felde zicht, Herrn und den Lesern von Hitler und Dollfuß verspro- Rüden, und seiner Frau, die meine Amtshandlung Goering als eine schwere Belastung bezeichnet, die chen Juftifizierungen beispiellos findet und mit größ- find- wie die Beispiele oben nur andeuten fön- in den Bauch." und die meisten unter diesen Gazetten behindern wollte, indem sie sich zwischen uns warf, ter Stepsis über die Möglichkeit einer Erhaltung nen heute noch nicht von ihrem Wahn geheilt. Deutschlands durch Hitler spricht? Begrüßenswert, wenn wenigstens einige darunter Die Komödie des Nationalsozialismus ist aus; icht zum kalten Umschlag greifen. Wir hoffen, der Held fist in einer Garderobe. Er hat sich abge­Herr Hitler werde dafür sorgen, daß sie die Kom- schminkt, und zählt das Honorar nach, das ihm der pressen nicht. mehr ablegen lönnen. Wären aber Theaterdiener gebracht hat: es langt zu einem geruhi­nicht Hunderttausende fudetendeutsche Zeitungs- gen Leben in Italien als Gast seines Freundes und leser so vernagelt und vergeßlich, dann müßten Borbildes Mussolini . jest neun Zehntel dieser Blätter für immer ein­paden!

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eine Schventung versuchen, glauben? Wer soll dieſen Blättern, die jetzt immerhin Und damit sind wir zu dem entscheidenden Buntt unserer Betrachtung gelangt. So wie die Ja gewiß, es gibt jeht auch ein paar andere sudeteudeutsche Bürgerpresse mit schwerster Mit­Stimmen aus dem sudeto- bürgerlichen Rechts- schuld dafür beladen ist, daß der Hakenkreuzwahn, lager. Die christlichsoziale" Deutsche wie ihn die Krebs und Jung pflegten, in hundert

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