Nnterhaltungsblatt des Horwäris Nr. 157. Donnerstag, den 12. August. 1897. (Nachdruck verboten.) LZ Zimmer Mv. 13. Von Ernst von Wolzogen . Ich ließ mich stillvergnügt vom Strome mit forttragen, obwohl ich mir unter diesen Menschen so fremd vorkam, wie ein Hering unter den Stinten. Ich betrachtete jeden meiner Nachbarn im Gedränge wie eine namrhistorische Merkwürdig« keit und stopfte mir die Gedächtnißzellen voll Notizenkram. Bald aber, als mein gar zu arg mitgenommenes Trommelfell seinen Dienst zu versagen drohte, brach ich aus und verlor mich in das Gewirr enger und engster Gäßchen, welche die alte Toledostraße nach beiden Seiten ausstrahlt. Ich blieb vor jedem Schaufenster stehen, guckte in jede offene Hausthür hinein und genoß mit naiver Neugier all die kleineu Idyllen, wie sie das Straßenleben des Südens so reichlich bietet, säugende Mütter, lausende Großmütter und noch Unbeschreib- licheres, wie es dort zu Lande so gern und harmlos Ereigniß wird. Ich mochte etwa anderthalb Stunden lang in solcher Art fleißig studirt haben, als mein lebhafter Hunger mich mahnte, daß es hohe Zeit sei, zum xranzo heimzukehren. Un­bewußterweise hatte ich bei meinem Jrrgaug einen großen Bogen nach rückwärt? geschlagen, so daß ich mich mit leichter Mühe nach der Pension zurück- fragte. Obwohl ich mich sehr beeilt hatte, kam ich doch bedeutend zu spät und wurde von der schon beim Braten an- gelangten Tischgesellschaft mit entschieden mißbilligenden Blicken empfangen. Man hatte mir einen Platz gegenüber der freundlichen Dame aus Sachsen mit der gebildeten Tochter freigelassen. Zu meiner Linken saßen die beiden französischen Geistlichen, zu meiner Rechten ein sehr unangenehmer, dicker Herr mit rasirtem Gesicht, welcher die leider nur zu deutsche An- gewohnheit hatte, die Sauce mit der Messerklinge auf- zuschleckern. Diesen Herrn haßte ich a priori und verschwendete natürlich kein Wort an ihn. Die beiden Schwarzröcke waren sich offenbar selbst genug und verschmähten eS,, sich mit einem Ketzer in ein Gespräch einzulassen. Die übrige Tischgesellschaft fand ich keine Zeit eingehender zu mustern, da ich mit dem Nachholen der versäumten Gänge zu sehr be- fchäftigt war. Blieb mir also, um mein Unterhaltungs- bedürfniß zu befriedigen, blos mein Gegenüber. Aber dies Unterhaltnngsbedürfniß war vorläufig gar nicht vorhanden, da mein Kopf mit dem Einordnen der empfangenen Eindrücke beschäftigt und auch die Bedürfnisse des Gemüths durch einen schönen TellerWürmchen"(Maccaroni) in Tomatentunke, d, h. vermicelli alla Napolitana, befriedigt waren. Camilla's Mutter hatte mich sogleich mit einem sanften mütterlichen Vorwurf über mein Zuspätkommen begrüßt und auch sonst nach einige Male einen Anlauf zur Gesprächs- anknüpfnug genommen, ohne daß es ihr gelungen wäre, etwas anderes wie einige höfliche Redensarten aus mir heraus- zulocken. Als ich endlich meinen Hunger gestillt und bei der süßen Speise die Tischgenossen wieder eingeholt hatte, begann sich mir doch ein wenig das Gewissen zu rühren über meine langweilige Zugeknöpftheit. Denn ich gehöre sonst nicht zu den Leuten, denen es ein besonderes Vergnügen gewährt, sich ihren Mitmenschen unangenehm zu machen, und zudem konnte ich ja nicht wissen, ob sich nicht unter der Tischgesellschaft einige liebenswürdige und angenehme Herrschaften befinden mochten. Ich lehnte mich gemächlich an meinen Stuhl, während meine Rechte, Brot- kügelchen formend, nachlässig auf der Tafel ruhte. Und nun sah ich mich in meiner näheren und ferneren Umgebung um. O du himmlische Güte! Wie kannst du es zulassen, daß gerade nach den herrlichsten Orten der Erde, die Natur und Knust in edlem Weltstreit mit ihren köstlichsten Gaben verschwenderisch geschmückt, der genießende Theil der Menschheit seine abschreckendsten Vertreter entsendet! Wie oft hat mir nicht schon auf meinen Reisen solch eine Auswahl touristischer Schreckgestalten den Genuß eines herrlichen Land- schaftsbildes verdorben! Und hier an dieser Wirthstafel am Strande von Santa Lucia, welch' eine Mustersendung von Schönheiten hatte die liebe Heimath hierher gestiftet! Die beiden Priester, von denen der eine ein Fuchsprofil, der andere die Physiognomie eines schlecht rasirten Panthers besaß, sowie meine liebenswürdige Freundin aus Sachsen mit ihrerCamilla" waren wahrhaftig noch die lieblichsten Erscheinungen. Schräg gegenüber saß ein dürrer Professor, dessen Hals so lang und schwank war, daß er das gedankenschwere Haupt offenbar kaum zu tragen vermochte, denn es hing bedenklich vornüber und präsentirte dadurch nur um so aufdringlicher einen fürchterlichen Karbunkel hoch oben auf dem Schädel, während die beleibte Gattin an seiner Seite sich einer Nase erfreute, deren Bildung auf das lebhafteste an ein bekanntes nahr- Haftes Knollengewächs erinnerte. An Camilla's Seite saß ein junger Mann, den ich für einen preußischen Referendar schätzte. Sein borstiges, rothblondes Haar war stark pomadisirt, sein gedankenblasses Biergesicht durch Schläger- narben markirt wie ein Schlachtplan auf einer Land- karte, außerdem von zahllosen Pusteln und Wimmerln bedeckt, mit denen sich die plumpen, breitnagligen Finger des jungen Herrn angelegentlichst beschäftigten. An meiner Seile, neben dem ruchlosen Individuum, welches diel Sauce mit dem Messer schleckte, saßen zwei äußerst hagere ältere Jungfrauen von einer gewissen sympathischen Häßlichkeit. Auch hatten ihre Stimmen, mit denen sie sich eifrigst mit ihrer Nachbarschaft unterhielten, einen angenehmen Klang, so daß ich mich bei ihnen gewissermaßen von dem Professor und dem Referendar er- bolen konnte. Zwei unnachahmlich hochmüthig dreinschauende Gymnasiallehrer mit äußerst schlechten Manieren, ein buckliges altes Fräulein mit sauren Mienen, und ihre spitz- nasige Reisebegleiterin, welcher getäuschte Erwartung sozusagen aus jeder Pore hervorleuchtete das waren so unter noch mehreren anderen gar zu verschwindend reizlosen Gestalten die denkwürdigsten Erscheinungen. Nein, wahrhaftig! man soll für alles dankbar sein! Mit einer gewissen Reue über mein schlechtes Benehmen ließ ich meine Augen nach der so uner- freulichen Abschweifung wieder zu meinem Gegenüber zurückkehren. Da bemerkte ich, wie die Mutter der Tochter etwas zu- flüsterte und. darauf beide einen raschen, aufmerksamen Blick auf meine rechte Hand warfen. Was war denn nur an dieser Hand... Ach so, richtig, das hatte ich ja ganz vergessen! Ich trug ja noch den Trauring in der Westentasche! Was für Dummheiten in Deinem würdigen Alter!" schalt ich mir selbst und gelobte mir, schon morgen früh diesem Scherze ein Ende zu machen, vorläufig aber... na, wir wollen mal sehen, was daraus wird. Und nun eröffnete ich meinerseits ein Gespräch mit Camilla. Ob sie schon in Pompeji gewesen sei? fragte ich sie. Ei ja, freilich!" erwiderte an ihrer Stelle die Mutter mit großein Eifer.Jeden Stein kennt sie dort, und ganz genau kann sie einem sagen, was alles im Alterthnm zu be- deuten gehabt hat. Aber wir gehen gerne noch einmal hin, wenn Ihnen daran liegt, alles so recht gründlich kennen zu lernen; denn wissen Sie, meine Tochter versteht sogar die lateinischen Inschriften!" Na, da! Ich dächte gar!" rief ich, unwillkürlich selbst ins Sächsische verfallend.Sie sind wirklich zu freundlich, meine Damen. Aber wissen Sie, offen gestanden, mache ich mir aus dem alten Gerümpel gar nicht so sehr viel. Ja, wenn man noch ein paar Häuser historisch richtig ausgebaut und mit allen Kunstwerken und dem vollständigen Hansgeräth ausgestattet hätte, das wäre was, wofür man sich begeistern könnte; aber so dort die kahlen Trümmerhausen, hier die vollgestopften Museumsschränke nein, das läßt mich ver- zweifelt kalt!" Die Mutter Camilla's warf mir einen entrüsteten Blick zu und würdigte mich keiner Antwort. War sie wirklich so em- pört über meine ketzerischen Ansichten, oder hatte ich sie durch meinen sächsischen Tonfall gekränkt? Ich glaube fast das letztere. Denn auch das gelehrte Mädchen, dessen Sache es doch sonst eigentlich gewesen wäre, seinen Standpunkt zu vertheidigen, warf mir einen bitterbösen Blick zu und hüllte sich in schweigendes Erröthen. Beide, Mutter und Tochter, kehrten jetzt den Spieß um, indem sie auf einige liebens- würdige Anknüpfungsversnche meinerseits nur ziemlich einsilbig erwiderten. Wir waren inzwischen beim Kaffee angelangt, und als das Mädchen mir die Tasse präsentirte, fragte ich sie, ob ich denn nun daS größere Zimmer, von dem sie vorhin gesprochen hätte, bekommen könnte.