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auch nicht weiter schlimm, vorausgesetzt, daß ich ihn nicht aus| wurden. Ihr Werth beruht auf der individuellen Leiftung des ein­den Augen verlor. Damit er mir entwischen konnte, hat zelnen Meisters, der sie entwarf und zugleich ausführte. mir die Bosse von den Vier Cypressen" vorgespielt und hat Louis Rochereuil den ganzen Abend hindurch meine Agenten spazieren geführt. Wenn ich offen sein soll, Herr Minister, so muß ich gestehen, daß ohne den zufälligen Spaziergang des braven Gänsebälge Händlers auf dem Wege hinter dem Pariser Thor die Sache nur halb geglückt wäre.

Ich ziehe aus all dem zwei Schlüsse, Herr Minister. Erstens: Rochereuil und der Mann mit den großen Taschen" verstehen sich und handeln nach Uebereinkunft, obgleich sie sich im Gefängniß nicht zu kennen oder erzürut zu sein schienen. Zweitens: die Verschwörer legten großen Werth darauf, daß dieser Mensch meine Wachsamkeit täuschte, denn sie haben ihm alle hilfreiche Hand geleistet, und der ältere Rochereuil hat sogar offen seinen Bruder und seine Geliebte dabei benutzt, was er sonst nicht thut, aus Furcht, sie zu kom­promittiren.

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Die in den Museen gesammelten Stücke sind natürlich die besten ihrer Art. Aber auch die einfacheren jener Zeit zeigen eine große Sicherheit in der Konstruktion und praktische Brauchbarkeit. Und auf der anderen Seite ist in den Zeiten blühender Ents faltung der Künste eine strenge Abscheidung dieser Werke gegen die der reinen Kunst nicht vorhanden. Die berühmten Bahnbrecher in der Kunst der Renaissance stehen unter Handwerken als ihresgleichen. Sie arbeiten zum theil auch für das Kunstgewerbe, entwerfen Zeich nungen für Geräthe und modelliren selbst. Die großen Bildhauer des 15. Jahrhunderts in Florenz gehörten der Zunft der Gold­schmiede an, und in Deutschland haben Dürer und Holbein viel­bewunderte Modellzeichnungen geliefert.

So ist die gesammte fünfilerische Bethätigung von einem einheit lichen Geiste erfüllt. Die hervorragenden Kräfte treiben die künstlerische Entwickelung vorwärts, während die einfacheren Meister durch die unmittelbare Berührung mit ihnen Anregungen empfangen und ihnen folgen.

Heute hat sich die Gesammtlage völlig verschoben. Immer mehr tritt an die Stelle der Einzelarbeit die Massenwaare, an die Stelle der Handarbeit die Maschine. Es tommt nunmehr vor allem darauf an, die Mittel der Maschine möglichst auszunuzen. Nach einem passenden, gefälligen Modell werden Hunderte und Tausende von Exemplaren des Stückes hergestellt, die dann in taufmännischem Betrieb abgesetzt werden. Von einem individuellen Werth des ein zelnen Stückes fann dabei nicht mehr die Rede sein.

Es ist also dringend nöthig, dem Manne mit den großen Taschen", der sicher einer der Führer, wenn nicht der erste Führer des neuen Komplots gegen die Autorität Sr. Majestät des Raisers ist, auf die Spur zu kommen. In derselben Stunde, als ich diese Nachrichten erfuhr, konnte ich eine Depesche an den Direktor des Kabinets Ew. Exzellenz aufgeben. Zwischen dem sinkenden Handwerk und der Kunst hat sich zit Ich benachrichtigte ihn, daß er die Barrièren über gleicher Beit eine völlige Trennung vollzogen. Die Künstler haben wachen lassen möchte, da unser Mann wahrscheinlich fich losgelöst und bilden eine Klasse für sich, die gesellschaftlich weit einige Meilen vor Paris absteigen und von einer anderen über den Handwerkern steht, ja mit Verachtung auf den herabsieht, Seite als dort, wo man ihn erwartet, hineinkommen wird. der den niedrigen Bedürfnissen des Lebens dienen muß. Dadurch Bugleich hat einer meiner Agenten einen Wagen und Post- find dem Handwerk die besten Sträfte entzogen, zwischen Handwerk pferde genommen und fährt nach Paris zu. Er wird auf den und Kunst hat sich eine Mittelschicht geschoben, das Kunst­Vorspannstationen, den Post- und Eilwagen Bureaus Nach- gewerbe, das verwöhntere Ansprüche zu befriedigen sucht. Aber die ganze Art, wie dieses Gewerbe betrieben wird, ist nicht ges forschungen halten. Es wäre nämlich möglich, daß der Mann eignet, Resultate zu zeitigen, die wahrhaft künstlerischen Werth mit den großen Taschen" unterwegs Aufenthalt nähme. In hätten. diesem Falle wird sich der Agent, den ich ihm nachgeschickt Die Bearbeitung der kunstgewerblichen Aufgaben liegt im all habe, ohne Zeit zu verlieren daran machen, seine Spur wieder gemeinen in den Händen von Musterzeichnern, Modelleuren, die auf aufzufinden. einer funstgewerblichen Schule ihre Ausbildung empfangen haben. Als man in den fünfziger und den folgenden Jahren fo energiid) daran ging, dem Kunstgewerbe aufzuhelfen, da lag es nahe, fich an die bewährten Muster der Vergangenheit zu halten, deren Ans blick ja die Augen für die Mängel der eigenen Leiftungen geöffnet hatte. Und so unterrichtete man die Zöglinge der Schulen in den verschiedenen Stilformen früherer Epochen. Man fing aber dabei genau am verkehrten Ende an. Man vergaß, daß die Haupts fache bei einem gewerblichen Gegenstand nicht die Schmucks eina form, sondern die Konstruktion ist. Es sei mal zugegeben, daß jemand, der künstlerisch arbeiten will, sich ohne weiteres der Formen früherer Stylarten bedienen darf. Die Be feines Schaffen. Sie ist es auch für seine Vorbilder gewesen. Jene folgung der konstruktiven Gesetze ist und bleibt aber erste Bedingung Alten waren tüchtige Handwerker, die ihr Fach gründlich kannten und wußten, was sie darin erreichen konnten. Der Musterzeichner unferer Zeit aber hat solche Fachkenntnisse nicht. Er geht aus von dem Schmuck, er entwirft aus den Formenelementen, die er aus­( Fortsetzung folgt.) 09/29 inwendig gelernt hat, durch neue Verbindungen eine neue Zeichnung.

Ich werde noch zwei oder drei Tage in Poitiers bleiben, um mich zu vergewissern, daß meine Befürchtungen begründet und daß Rocherenil und Abbé Georget für den Augenblic unthätig sind. Hierauf werde ich, wenn nicht andere Befehle von Ew. Exzellenz eintreffen, nach Paris zurück tehren und dafür Sorge tragen, daß ein intelligenter Mann hier bleibt, um die Ueberwachung fortzusetzen und sich dem Untersuchungsrichter Drault zur Verfügung. zu stellen, der ein Beamter mit viel gutem Willen ist. Sie beide und der Unterpräfekt Bourguon müssen für den Augenblick, da die Lage keine besonders verwickelte ist, genügen. Ich glaube, daß Ew. Exzellenz ruhig schlafen können.

Genehmigen Sie guädigst, Herr Minister, die Versicherung meiner Ergebenheit und Hochachtung.

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Degrange.

Vom modernen Kunstgewerbe.

Es ist jetzt in allen Kunst Beitschriften, in allen Diskussionen über Kunstfragen von einer durchgreifenden Umgestaltung des Kunst­gewerbes in modernem Sinne die Rede. Man will die Dinge, die uns täglich umgeben und die wir fortwährend gebrauchen, in einer Weise fünstlerisch durchbilden, die den Bedürfnissen und dem Empfinden der heute Lebenden entspricht. Man sucht nach einem neuen Stil und setzt sich in schroffen Gegensatz zu dem, was bisher als schön galt. Gelänge es dieser Bewegung, an ihr Ziel zu fommen, so wäre sie bedeutsamer als jede noch so tiefgehende Wandlung in der reinen Kunst, weil sie viel weitere Kreise berühren würde.

Die Erkenntniß, daß unser Kunstgewerbe darniederliegt, ist nicht etwa neu. Schon auf der ersten Weltausstellung, die in London 1851 ver­anstaltet wurde, kam es den Urtheilsfähigen allgemein zum Bewußtsein, daß die damaligen kunstgewerblichen Leistungen, verglichen mit denen früherer Jahrhunderte, einen beschämend geringen künstlerischen Werth hatten. In allen Ländern, besonders auch in Deutschland , begann damals eine äußerst rege Arbeit; eine ganze Anzahl von Schulen und Museen, Vereinen und Zeitschriften zur Förderung des Kunstgewerbes wurden gegründet. Und heute, nach einer bald fünfzigjährigen An­ftrengung, muß man sich eingestehen, daß man so eine neue Blüthe des Kunstgewerbes nicht hat herbeiführen fönnen.

Wer sich einmal in einem Kunstgewerbe- Museum Arbeiten aus früheren Jahrhunderten, etwa alte Möbel, angesehen hat, der wird ihre ftrenge Solidität, die gediegene Durchbildung des Ganzen wie Der einzelnen Theile bewundert haben. Es ist, als fähe man an ihnen die Liebe zur Sache, die behagliche Ruhe, mit der sie gearbeitet

Jede innere Beziehung zu dem besonderen Material, der besonderen Aufgabe, der besonderen Technit fehlt. Das Schaffen aus diesen Be dingungen heraus ist ihm fremd.

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Und so tommt denn der überladene und verständnißlose Prunk fchmuck zu stande, der für die überwiegende Masse der heutigen funstgewerblichen Produktion charakteristisch ist. Dem Probenthum dieser Zeit entspricht es, daß man sich gar nicht genug thun fann mit schmückendem Beiwert, das überall die klaren und einfachen Beziehungen der Konftruktion und des Zwecks verdeckt. Auf derfelben, Linie steht die so viel angewandte Imitation" werthvoller Materialien. Selbst wenn es wirklich möglich wäre, wie kann es ein künstlerisches Prinzip sein, etwas vorzutäuschen, was in Wahr­heit nicht vorhanden ist? Aber es ist doch nur für den flüchtigen Blick und den gänzlich Unkundigen möglich. Der föstliche Heiz echter Stoffe ist nun einmal durch keine Bearbeitung weniger werthvoller Materialien zu erzielen, und die versuchte Täuschung wirkt um so beleidigender für das geschulte Auge. Wenn man statt dessen die zwar bescheidenen, aber doch vorhandenen Reize auch der einfachsten Materialien durch eine geeignete Bearbeitung herausholen würde, so könnte man ästhetisch durchaus befriedigende Wirkungen er zielen.

Eine ähnliche Täuschung wie mit dem Material versucht man auch mit der Technik. Seitdem die Maschine die Handarbeit zu verdrängen begann, hat man ihr die Aufgabe zugemuthet, die Hand arbeit zu imitiren. Die Arbeit soll aussehen wie mit der Hand gemacht." Wieder wäre es ästhetisch richtiger, die Eigenheiten der Maschinenarbeit zu verwerthen und innerhalb der hierdurch ge­zogenen Grenzen etwas Neues zu schaffen. Daß man auf die prak­tische Brauchbarkeit teine Rücksicht nimmt, hat wohl jeder oft genug unangenehm empfunden. Selbst wenn aber das heutige Kunstgewerbe diese fachlich unbedingt erforderten Prinzipien von den Alten mit herübergenommen hätte, eine hohe Werthung würde es bei dem