Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 194.
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Dienstag, den 4. Oktober.
( Nachdruck verboten.)
1898
knabberte und den dickleibigen Band der Zeitschrift durchblätterte.
Gina war ohne Laurent's Dant abzuwarten, davongetollt. Laurent machte sich im Stillen heftige Vorwürfe, daß er sich so leichten Kaufs hatte firre machen lassen, und im Unmuth über Gina trug an dem Tage ihre Schuluniform: ein graues seine Schwäche zerrte er die prunkende Blume aus dem Knopfloch, mit blauer Seide garnirtes Kostüm. Sie schilderte ihrem Be- aber statt sie fortzuwerfen, steckte er sie ehrfurchtsvoll in seine gleiter, der gar nicht müde wurde, ihr zuzuhören, die Eigen Hosentasche. Wie er so mutterseelenallein im Garten stand, thümlichkeiten der Klosterschule in Mecheln , in der sie erzogen kehrten seine Gedanken ins Vaterhaus zurück. Es war jetzt wurde; sie ließ sich selbst herbei, ihren Vortrag durch drollige leer und wieder zu vermiethen. Der Hund, ihr braver Lion, mimische Darstellungen anschaulicher zu machen, indem sie die war einem Nachbar überlassen worden, der sich bereit fand, Absonderlichkeiten der Schulschwestern durch Gesichterschneiden sich des herrenlosen Thieres anzunehmen. Siska war nach und Gliederverrenkung nachäffte. Die hochwürdige Oberin Auszahlung ihres Lohnes ihrer Wege gegangen. Was mochte sie schielte, Schwester Veronika sprach durch die Nase und Schwester jetzt machen? Würde er sie wohl noch einmal wiedersehen? Hubertine schlief abends im Arbeitssaal ein und schnarchte, Lorfi hatte heute Morgen gar nicht ordentlich Abschied von daß es einen Stein hätte erweichen können. ihr genommen. In der Kirche hatte er sie noch einmal
Das Kapitel der kleinen Schwächen und Lächerlichkeiten zu Gesicht bekommen, aus der hintersten Ecke des Chores ihrer Lehrerinnen hatte sie erst ordentlich in Zug gebracht. lugte ihr Gesicht hervor, das liebe Gesicht, das just Ihre übermüthige Laune, die jetzt keine Grenze mehr kannte, so verstört und verstört und verweint aussah wie sein eigenes. gefiel sich darin, ihren Zuhörer durch taktlose Fragen vollends Beim Herausgehen war ihm Vetter Guillaume To in Verwirrung zu setzen: it's wahr, daß Dein Vater nur dicht auf den Hacken, daß er seine liebe Noth geein einfacher Buchhalter war?.. Hatte Euer Haus wirklich habt hatte, mitzukommen und seinen Wunsch, die gute nur eine Etage und eine kleine Thür?.. Weshalb habt Ihr Siska noch einmal zu umarmen, beim besten Willen uns denn eigentlich nie besucht?.. Wir sind also Vetter und nicht ausführen konnte. Wohin fahren wir denn, Vetter?" Base? Das ist uffig, findest Du nicht? nicht?.. Paridael hatte er im Wagen schüchtern gu fragen gewagt. Woist wohl ein blämischer Name? Kennst Du Gaston hin sollen wir denn fahren, natürlich nach der und Athanase Saint- Fardier, die Söhne von Papa's Fabrik!", war des Vetters barsche Antwort, die den Sozius? Das sind schneidige Burschen! Sie reiten jeden kleinen nicht ermuthigte, die Bitte, von seinem KinderZag aus und tragen keine Müzen mehr. Die sehen mädchen Abschied zu nehmen, laut werden zu lassen. Herr freilich anders aus wie Du!. Papa erzählte mir, daß Dobouziez hätte ihn gewiß gehörig angefahren, wenn er ihm Du mit Deinen rothen Pausbacken, Deinen großen Zähnen mit einem solchen Anliegen gekommen wäre.
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und dem glatt gestrichenen Haar wie ein Bauerbursche aus- Da ihr wiederholtes Rufen unbeachtet blieb, mußte siehst.... Wer hat Dir denn die Haare so zugerichtet? Ja, sich Gina wohl oder übel entschließen, zu dem TraumPapa hat recht. Du siehst wirklich aus wie die kleinen Bauer- verlorenen zurückzukehren. jungen, die hier bei der Messe ministriren!"
Sie verfolgte ihr unglückliches Opfer mit erbarmungsloser Spottluft. Jedes Wort traf den armen Laurent wie ein gutgezielter Hieb. Einen Ton röther als gewöhnlich, gab er sich erdenkliche Mühe, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und harmlos zu lächeln, wie vorhin bei der Höhnerei über die Klosterschwestern, ohne daß ein Wort über seine Lippen gefommen wäre.
Und doch hätte er der lofen Spötterin gar zu gerne klar gemacht, daß man eine schlotternde Sackbluse, überlange und überweite Hosen und eine allzu reichlich gestärkte Halskrause, daß man eine ungeschickte Konfirmandenmütze, deren Trauerflor die geschmacklojen Besatzschnörkel und überladene Zierrath schlecht verhüllten, tragen, daß man mit einem Wort wie ein Pächterjunge bekleidet jein kann, ohne darum einem Gaston oder Athanase Saint- Fardier an Fähigkeiten und Geistesgaben im geringsten nachzustehen. diy
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Die gute Sista, die ihn erzogen hatte, war gewiß kein Schneidergenie, aber wenigstens fonnte man ihr nicht nachsagen, daß sie ant Stoff gespart hatte. Und dann hatte Jacques Paridael seinen fleinen Laurent in diesem Anzuge am liebsten gesehen. Du bist schön wie ein Prinz, Lorkichen," hatte er gejagt, als er ihn am Firmelungstage in die Arme schloß. Er trug hente denselben Anzug wie damals, nur die merkwürdig aufgeputzte Müze war schwarz umflort und statt der silberbefranzten weißen Moireebinde trug er heute einen Trauerflor um den rechten Arm.
Du bist wohl taub?" rief sie, ihn ihn heftig am Arme schüttelnd. Komm schnell, ich will Dir die Blutpfirsiche zeigen. Das sind Mamas Lieblingsfrüchte. Felicitas zählt sie jeden Morgen. Es sind zwölf. Nein, anfassen darfst Du sie nicht!" Daß Laurent die Blume nicht mehr hatte, bemerkte sie gar nicht. Dieses unaufmerksame Uebersehen kam dem Jungen zwar ganz gelegen, aber andererseits wäre es ihm auch wieder lieb gewesen, die kleine Fee hätte sich nach dem Verbleib ihres Geschenks theilnehmend bei ihm erkundigt.
Aber er schlug sich die Sache bald aus dem Kopfe und folgte willig Gina's Weisungen Sie waren übereingekommen, nach Jungenart zu spielen und tollten wie ausgelassene Rangen herum. Um dem Mädchen zu gefallen, schoß Laurent Purzelbäume, stieß ein wildes Kriegsgeheul aus, wälzte sich auf Beeten und Wegen ohne Rücksicht auf seine guten Sachen und schmierte sich den Staub im Geficht herum, der auf den schweiß- und thränenfeuchten Backen bald zur dicken Schmußkruſte wurde. sau douthedisit and
,, Mein Gott, wie drollig er aussieht!" ticherte das übermüthige Ding.
Sie tauchte die Ecke ihres Taschentuches ins Wasser und versuchte Laurent zu säubern. Sie mußte dabei aber so unbändig lachen, daß sie die Sache eher schlimmer als besser machte. Er ließ alles mit sich geschehen, ganz glücklich, daß sie sich. überhaupt mit ihm zu beschäftigen geruhte. Die hinterlistige Person benutte die Gelegenheit, ihm allerlei krauses Figurenwerk ins Gesicht zu malen, sodaß er bald wie eine Endlich fühlte das spottlustige Mädchen doch ein mensch- tätowirte Rothhaut aussah. Inmitten der Operation kreischte liches Rühren. Sie riß im Vorübergehen eine After mit plötzlich eine schrille Fistelſtimme: Fräulein, der gnädige ponceaurothen Blättern und glänzendem Blütheninnern ab Herr erwartet Sie im Salon. Die Herrschaften wollen und reichte sie Laurent.„ Da, Du Bauernjunge, sted' Dir aufbrechen.. Und Du kommst mit! Es ist Zeit, daß Du die Blumen ins Knopfloch." Mochte sie ihn immerhin ins Bett kommst. Morgen geht's wieder in die Pension. Bauernjunge schimpfen, er trug's ihr weiter nicht nach. Der Du hast lange genug herumgetrödelt!" Kaum hatte die gefarbenschimmernde Blüthenstern, der seine schwarze Bluse fürchtete Felicitas, die Vertrauensperson des Hauses Dobouziez schmückte, war das erste Lächeln, das seine Trauer erhellte. den jungen Paridael aber ordentlich ins Auge gefaßt, als Hatte er vorhin seiner Verstimmung nicht Ausdruck geben sie auch schon loszeterte:„ Pjui Teufel, wie sieht denn der können, so war er jegt erst recht machtlos, seine freudige Junge aus?" Ueberraschung in Worte zu fleiden; am liebsten hätte er sein Snie gebeugt und der kleinen Dobouziez die Hand gefüßt, wie die edlen Ritter zu thun pflegten, deren Bilder er im„ Blatt für Alle" oft genug bewundert hatte, wenn man zu Hause an den langen Winterabenden geröstete Kastanien
Sie hatte Laurent Tags vorher aus der Schulanstalt abgeholt und sollte ihn morgen wieder hinbringen. Mürrisch, zanksüchtig, friechend, lüstern und immer geneigt, dem Stolz ihrer Dienstherrschaft zu schmeicheln und sich ihren Schwächen anzupassen, hatte sie mit untrüglichem Spürsinn ohne