Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 4.
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Sonntag, den 6. Januar.
( Nachdruck verboten.)
Der Kaffl vom Hollerbräu.
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Roman von R. von Seydlik. Langsam hatte sich der Jackk umgewandt, er saß bedächtig mit ein paar ruhigen Gesellen vor den halbleeren Krügen, und firierte scharf den Kastl ; dieser sah ihn ohne zu verstehen an.
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Der Angerufene stand dann noch bedächtiger auf, pflanzte sich gegenüber Kastl breit hin, schaute immer noch unverwandt in dessen Augen, als fenne er die Gesichter sämtlicher Brauer des Erdballs, oder als habe jeder Braubeslissene ein geheimes Merkzeichen irgendwo im Gesicht, und sagte zu ihm endlich:
,, Bist Du Gesellschaft?"
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Kastl hatte daheim in der fleinen bäuerlichen Brauerei, wie bemerkt, so wenig gelernt, daß er nicht einmal die Sprache des Handwerks kannte; richtig freigesprochen war er ja auch nicht; so riß er zwar den Mund auf, aber er verstand die Frage nicht und sah noch blöder drein, wie der andre die Worte lauter wiederholte. Da drehte sich der Frager verächtlich weg und sagte ziemlich laut:
,, Schroll, elendiger!"
- und setzte sich wieder an den andren Tisch.
1901
Ströme an, aus denen jeder sich im Vorbeigehen gerade so mit der linken Hand nachlässig und bequem für seinen täglichen Bedarf das Nötige schöpfen konnte, alle Tage, Jahr aus, Jahr ein, ohne Sorgen und schwere Schinderei.
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,, Sirt, Raftl's Modellstehen, dees sollst a treib'n. Dees zahlt si' aus. Natürlich, Ihr Mannsbilder, Ihr könnt halt net gar so viel verdienen derbei, als wie mir. Zwar, i wüßt schon bei die Malerinnen..." Und sie entwarf ihm ein ungefähres Bild des glänzenden Geschäfts. Im Winter warme Ateliers; die Maler feine, meist junge Herren; und oft die schönen Kostüme, alles Sammet und Gold. Und das luftige Völlchen! Der leichte Verdienst, und oft, wenn eins Glück hat, noch eine glänzende Zukunft! Wie viele Modelle haben Maler geheiratet und sind reiche, feine Damen geworden. Und so mancher junger Italiener hat bei den Künstlerinnen sein Glück gemacht.
,, Natürlich, weißt, Schatz, dees sag' i nur so. Dees därfst mer Du net! Sonst is aus zwischen uns, des fag' i der glei. Mir war's gnua!"
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Und sie trank ihren Stein aus, wie um solche Möglichfeiten hinunter zu schwemmen. Kastl war aber immer stiller und stiller geworden. In seinem Hirn schwamm jetzt ein ganz andres Bild obenauf als vorher.
Die Brauerei war etwas in den Hintergrund getreten, und die Malerei trat verführend an seine Stelle. Die Sache war gar nicht so dumm. Das Brauen konnte man ja immer noch anfangen, wenn einmal das mit der Malerei nicht mehr
Lisi, mehr schlagfertig, fragte jetzt: Was hat er g'sagt?" Aber keiner hatte recht verstanden, und am wenigsten war Kastl im stande, die Tödlichkeit dieser Beleidigung zu erging. fassen, die nur ein in der Brauersprache Geübter versteht.
Genug, die Sache hatte keine Folgen; und Lisi, die jetzt zum erstenmal von Kastls Brauerwünschen zu hören bekam, berle teine Sekunde, ihn durch Ueberredung davon abzubringen, so lange es noch Zeit war.
" Noch nirgends zugesprochen hast? Na, also, schau, nachher bist g'scheit und laßt's gehen! Kannst ja was anders thun; Megger. Oder Bäcker. Oder weißt, ta' Eil hat's überhaupt net. A bissel a Geld wirst selber ham. Und ich schau deriveil zu, daß i recht verdien. Nachher langt's für uns zwa. Geh, sei g'scheit! Tag und Nacht müssens da arbeiten inera Brauerei. Kannst niemals fort, kaum daß d'n halb'n Sonntag haft. Na, mir war's gnua. Uebrigens, dadervo red'n mer morg'n. Heut' schau'n mer uns a wing in der Stadt um, daß d' dich auskennst, und am Abend san mer recht fidel."
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Aber das tollste war, daß er sich jetzt im Geiste nicht eigentlich Modellstehen sah, sondern daß ihm plöglich wieder ob man nicht ein langvergessener Gedanke aufstieg:-- lieber selber Maler werden könnte? In der Heimat erinnerte er sich von einem Münchener Professor Grün hieß er gehört zu haben, der ein Maler und so gewaltig reich dadurch geworden war, daß er sich das ganze große Schloß Hohnfels gekauft hatte. Der mußte also doch noch mehr wie sechs, Deirl noch zehn oder zwanzig Mart im Tag verdienen.- mal, wenn du das auch zu stande brächtest, Raftl! Und dann heimreifen fein, auf der Eisenbahn, wie sich's gehört,- und auch ein großes Schloß kaufen und Pferde und Wagen haben und Professor heißen und--gar am End' die Lisi heiraten.
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Recht is! Mit dera Malerei geht's am End aa!" Und er preßte in seiner Erregung Lisis Arm wieder gewaltig; und sie lachte froh und rief nach einer letzten Maß, damit den Entschluß und ihren Bund zu besiegeln.
Der Traum nahm ihn gefangen, und- ehe er sich Mühe gab, zu untersuchen, ob das Modellstehen und das Kaftls Wasseraugen leuchteten in verschwimmendem Malen gar so verschiedene Dinge seien, trant er seine Maß Glanze. Die etwas stürmische Proposition fand bei ihm heftig aus, stieß den Stein fest auf den Tisch und rief: teinen energischen Widerstand. Hier in der Stadt überhaupt! Da ist man eben„ a bissel resch und fesch; und nit so g'schamig und tramhapet wie am Land"; hier zeigt man gleich einmal zu Anfang, daß man weltmännische Talente hat! Und der Kastl sagte zu und zwickte die Lisi in den Arm, so fest, daß er meinte, er griffe durchs Fleisch durch. Er wunderte sich, wie lappig das Fleisch war. Sie schrie auf und verwies ihm solche Bauerntölpelei. Er aber, mit einem Rest von Ueberlegung, fragte beluftigt:„ Geh, fag' mir, was" Jett paß auf, i fag der was, Kastl . Jetzt bleibst da, treibst denn eigentlich' en ganzen Tag, daß d' so schwache ganz stad, i timm glei wieder. I muß nur g'schwind zu' m Aerm hast? Arbeitst denn gar nir?" Maler, der wo mi' b'stellt hat, weißt. sag eahm, daß i net recht wohl bin, weißt, daß i net sigen fann heut. I timm glei', Schwanthalerstraß'n is's, glei' bin i da."
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Sie rückte von ihm weg und stemmte die Arme ein: Wa- as? Inir arbeiten? Mir war's gnua! Modell stehen thư t Dees tennst net?- Modell stehen halt," fügte sie als Erklärung betonend hinzu, als müsse er es begreifen. Raftl ließ sich aber die Sache doch noch genauer erklären und staunte zulegt über das viele Geld, was sie da ohne so eigentliche Arbeit einnahm: drei, vier, sechs Mark den Tag; ja oft auch einen kleinen Goldfuchs. Sakra, sakra! Das war ja tolossal biel. Aber sie verdarb den Eindruck beinahe, als sie hinzufügte:„ Mei, unter zwanzig Mark darf i net schlaf'n geh'n. Wos meinst denn, was des bissel Leb'n fost in München ?' s G'wand und die vielen Schuh, die man verreißt beim umanandlaafn? Und' s Zimmer und' s Fressen und Saafn! Und die Feiertäg erscht. Naa, zwang'g Marti, na' langt's grad. Hungern und strawanziern und si' schind'n in die Fabriken und die Druckereien, naa, mir war's qnua!".
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Und dann als die Sonne schräg unter den Bäumen her ihnen die Augen blendete- ringsum war's leer geworden, die - erhob Kathi und ihre Sippschaft waren schon lange fort, sich die Lift:
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Und er nichte nur selig und vertraulich und sah ihr nach." Wie sie da forttänzelte, kam sie ihm so liebreizend vor wie nichts auf der Welt. Was waren die Mädel von Allersdorf oder Spalt dagegen! Und er gestand sich mit Wonne, daß er über die Ohren verliebt sei.
Er sah noch zu, wie sie am Ausgange mit der Kellnerin verhandelte und dann über den Platz entschwebte; unter der blendenden Sonne flatterte ihr lumpiges Röckchen, und sie spannte fofett ihren verschlissenen gelben Spizenschirm auf. Sie trat so flott und frei auf, als gehöre ihr München . Kastl war in Bewunderung verloren und geriet immer mehr und mehr in einen aus Marschmüdigkeit, Nachmittagsabspannung, Bierschläfrigkeit und ebenso aus Liebe und Begeisterung gewobenen Zustand hinein.
Plöklich verdunkelte die dicke alte Kellnerin ihm die