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Ich war doch immer bei Dir, Mutter." Die Kranke hielt den Blick auf die Wand gerichtet: Du? Ja, Mariechen. Du warst bei mir. Warst mein gutes Kind. Haft's aber auch nicht gesehen. Du auch nicht. Weißt noch nicht, was es heißt: Mutter sein. Wissen alle Kinder nicht eher, als bis sie selbst Eltern werden. Sind jung und denken nur an sich."

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Hab' ich Dich gekränkt, Mutter? Dann verzeih's mir." " Hab' nichts zu verzeihen. Ist ja unser Los, Mutterlos, zu leiden. Zu arbeiten und zu leiden für seine Kinder. Wirst's wohl selber erfahren später. Laff' Dir's nicht merken, Marie. Braucht teiner wissen. Dürfen nicht murren. Wenn's zu viel wird, hört's von selber auf. Dann bricht's plötzlich zusammen, das Leben: Leib und Seele. Dann giebt's noch einen Kampf: man will sich nicht unterkriegen lassen. Aber' s nügt endlich nichts mehr. Die Kraft ist alle, man ist fertig. Dann liegt man und liegt, wochen­lang Monate. Und das letzte bißchen will nicht sterben, will nicht nachgeben, wehrt und wehrt sich. Und man wird so müde, so müde, immer müder. Und hat bloß noch einen Gedanken: Erlösung! Marie, Erlösung!"

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Die Kranke schloß, tief erschöpft, die Augen.

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Marie fühlte ein heftiges Weh, eine brennende, schmerzende Traurigkeit in der Brust. Wie ein Gefühl der Schuld lastete es auf ihr. Sie hatte die Mutter nicht gekannt, empfand sie, hatte die heimliche Sorge nicht gesehen. Als selbstverständlich hatte ste hin­genommen, wofür sie das fühlte sie jetzt I der Mutter täglich hätte danken müssen. Und vor ihr stieg jenes Leben auf, das mun am Ende seiner Bahn war, das mir mit den letzten Resten der übrig gebliebenen Kraft sich noch gegen das völlige Sterben wehrte. Und fie fah plöglich, wie die Mutter schon seit Jahren mit der Krank heit gekämpft hatte. Deutlich erschienen vor ihrem inneren Blick die Bilder des Leidens, von den ersten Anzeichen bis dahin, da die Mutter zusammenbrach. Und dazwischen die stets fich wiederholende Erinnerung: wie die Mutter am Waschfaß oder am Blättbrett stand. So lange sie denken konnte. Was war denn dies ganze eintönige Leben gewesen, in deffen Tagesstunden sich die Arbeit mit der Sorge, die karge Ruhe der Nacht sich mit den Leiden teilte? Marie preßte die Hände gegen die hämmernden Schläfen, aber sie vermochte nicht den auf fie einstürmenden Fragen auszu weichen, die ihren Geist, ihre ganze Empfindung in Aufruhr brachten. Bist Du da, Marie?" Die Kranke regte sich wieder und ließ unter den kaum geöffneten Augenlidern den ausdruckslosen Blick auf der Tochter haften. " Ja, Mutter. Das Mädchen beugte den Kopf dicht auf den Mund der Kranken.

Sag' ihm, er soll's schnell machen, der alte gute Mann.. Glaub's nicht, Marie, wenn sie sagen, der Tod sei schrecklich und häßlich.. Die Menschen haben ihn nur dazu gemacht, weil sie ihn nicht kennen. Da ist er wieder." Komm' Tochter! sagt er wieder freundlich und giebt mir die Hand." Ja, ich komme. Schlafen will ich, schlafen, schlafen! Gutnacht, meine Tochter. Es ist schon dunkel. Gutnacht, Mariechen... Schlafen! Schlafen!" Aengstlich starrt die Tochter auf das Antlig der Mutter. Die Augenlider hatten sich fest geschlossen und der Atem ging tief wie in schwerem Schlummer.

Leise erhob sich Marie und trat zum Fenster; sie lehnte die Stirn an die kühlenden Scheiben und blickte hinab auf das bunte Straßengetriebe des Sonntages. In Feiertagskleidung schlenderten die fröhlich gestimmten Menschen dahin. Ab und zu zog ein fingender Trupp junger Leute vorbei. Es mußte wohl schon Frühling sein: helle Mädchenhüte und lichte Gewänder tauchten hin und wieder aus der Menge der Vorübergehenden auf.

Plötzlich wandte Marie sich um; es war ihr, als habe sie einen Schrei gehört. Sie trat zum Bett; die Kranke atmete tief wie vorher. Das Mädchen blickte erschrocken auf die Mutter; es schien, als seien Wangen und Schläfen eingefallener als noch vor wenigen Minuten. Marie spannte alle Sinne an; fie fonnte nicht von der Empfindung frei werden, als sei überhaupt eine seltsame Veränderung mit der Kranken vor sich gegangen. Jeder Atemzug wurde von einem hohlen Röcheln begleitet. Der Puls setzte hin und wieder aus. " Mutter!" Leise, ängstlich rief das Mädchen.

Eine leichte Kopfbewegung, ein feiner, unwilliger Zug im Ge­ficht, kaum merklich, war die Antwort der Kranken.

Das Nöcheln schien sich zu vertiefen. Immer länger wurden die Pausen, immer unregelmäßiger die Atemzüge.

Marie hatte die Hand der Mutter gefaßt und blickte lange selbst­vergessen auf die eigenartig und leicht bewegten Züge der Kranken. Die Lippen bewegten sich leise; sie brachten keinen Ton mehr hervor.

Wie schwer doch das Sterben war! Oft schien's der am Bette Sitzenden, als sei das Leben erloschen, aber immer wieder hob sich der Atem, setzte der Puls noch einmal schwer ein... Dann wieder folgte ein schwacher, seufzender Schrei. Ein rollender, dumpfer Ton, ein heftiger Atemzug, ein zuckender Pulsschlag.. Dann wurde es still, ganz still.

Mutter?"

Marie saß wie gebannt und sah auf das Antlig der Mutter, minutenlang. Dann sah sie, wie es sich allmählich glättete; ein feiner, zarter Ton überhauchte es; das Strenge, Starre und Stranthafte wich mehr und mehr aus den Zügen, und eine unendlich milde, freundliche Weichheit breitete sich darin aus.

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Marie fühlte sich plöglich von jeder Angst befreit. Immer ruhiger, immer friedlicher ward ihr zu Mute. Sie fühlte nicht, daß fie veinte, daß Thräne auf Thräne niederrann und auf die schmalen, weißen Hände der Mutter fiel.

Mutter?" Leise, wie zu einer Heiligen, beugte sich ihr Mund auf die reine, faltenlose Stirn. Bist Du erlöst, Mutter?" Auf dem weißen, fast heiteren Gesicht schwebte es wie ein Lächeln."

Marie richtete sich auf, ging zum Fenster und öffnete es. Ein frischer Luftzug, der erste Hauch des eben erwachten Frühlings, wehte herein, und der breite rote Schimmer der dort drüben hinter dem Giebel versinkenden Sonne flutete ihm nach und vergoldete das Sterbezimmer.

Wie ein großer, alles umfassender Friede breitete sich's darin ans. Die grünenden Topfblumen auf dem Fensterbrett hatten erst eine einzige Blüte getrieben, eine große, rote Erstlingsblitte. Marie pflückte sie, legte sie fanft auf die Brust der Toten und flüsterte: Wie schön Du bist, Mutter! Wie schön!"

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Kleines Feuilleton.

e. Revision.

Die Ingenieure wollen sich überzeugen, ob die Bahnstrecke sich in gutem Zustande befindet. ( Blättermeldung.) „ Aber sagen Sie mir doch... ich hatte Die Strecke befindet sich ja in

das zuerst gar nicht bemerkt Der Ingenieur: einem troftlosen Zustande".

fünfzehn Jahren schreie ich, so laut ich fann, nach einem Ingenieur". Der Bezirkschef: Wem sagen Sie das? Schon seit thörichter Weise halb geöffnet ist. Der Ingenieur: Und dort sehe ich eine Weiche, die

dreißig Büge pro Tag entgleisen!" Der Bezirkschef: Ganz thörichter Weise. Hier können ja

Der Ingenieur: Und was die kiesbettung betrifft Ingenieur. Sie ist ganz vernachlässigt." Der Chef: Sprechen wir nicht von der Kiesbettung, Herr

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Der Jugenieur:" Diese beiden Schwellen..." alte Aepfel." Der Chef:„ Ach, die Schwellen! Verfault... verfault wie

denn mit dieser zusammenbrechenden Brücke? Der Ingenieur:" Und, um Himmelswillen, wie ist es Ueber diese Brücke fahren die Züge?"

Der Chef:„ Mein Gott, ja, da sie doch von dem einen Ufer zum andren gelangen wollen.

Der Jugenieur:" Und da giebt es nicht noch mehr Un­glücksfälle?" Der Chef: Diese Frage lege ich mir schon seit fünfzehn Jahren vor, Herr Ingenieur."

Der Jugenieur:" Jezt werden wir aber schleunigst Ab­hilfe schaffen Der Chef:„ Endlich!"

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Der Ingenieur: Majestät kann unmöglich über diese tuinen fahren.

Der Chef:„ Majestät?..

Der Ingenieur:„ Na ja der Zar..."

Der Chef:„ Aber der Zar kommt ja hier gar nicht durch. Er fährt über Lille und Cambrai , nicht über Longuean und Monts didier.

Der Ingenieur: Wissen Sie das genau?" Der Chef: Ich kann darauf schwören." Der Ingenieur:„ Ach!.

Laffen wir nur alles so wie es ist.

Dann ist alles gut!...

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Der Chef:„ Aber die Weiche?. Der Ingenieur: Was finden Sie denn an der Weiche zu tadeln?"

Der Chef:„ Die Kiesbettung?"

Der Ingenieur: Genügt vollständig." Der Chef: Die Brücke

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Der Ingenieur:„ Die Brücke? Sagten Sie nicht selbst, daß die Züge schon seit fünfzehn Jahren mit Leichtigkeit darüber hinwegfahren?... Weshalb wollen Sie also von heute auf morgen..?"

Der Chef:„ Ich will gar nichts..."

Der Ingenieur( sehr trocken):" Ich bitte Sie also, mur Tein unnüger Eifer.. Wenn uns eines Tages ein Monarch die Ehre erweist, zwischen Longueau und Montdidier zu fahren, werden wir schon sehen, was zu machen ist." ( Figaro.")

der

Sprachwissenschaft.

- Die Juterjektion des Niesens. Im neuesten Heft Zeitschrift für hochdeutsche Mundarten" hat Philipp Lenz 52 Formen der Jnterjektion des Niesens zusammengestellt und er ist durch Vergleichung der verschiedenen Formen derselben zu recht intereffanten Ergebnissen gelangt. Die 52 Formen, von denen die bekanntesten etiva lauten: hatschi, hazi, izi, hupschi, age, azi, hapschit und pschii( die beiden letzten find Berliner Formen), epsi ,, hatschaa, atsch usiv. haben als Herkunftsort die ver schiedenen Gegenden Deutschlands, die Schweiz, Frankreich , England, Neuguinea, Brasilien , Abessinien und das Reich