Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 159.
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Sonntag, den 16. August.
( Nachdrud verboten.)
Die Achenbacher.
Roman von Anton v. Perfall. Lorenz hatte unter diesen Umständen wenig Glück mit der Opposition. Schon sein trogiger Vorschlag, nicht aus der Osterhofener Kirche zu weichen, welcher damals auf dem Heimweg von der Wahl allgemein angenommen wurde, zeigte sich nicht lebensfähig.
Wollte man wirklich eine Beschwerdeschrift einreichen in der Sache, so hielt man es für unklug, die Behörde durch offenen Widerstand zu reizen. Der Umstand, daß bis jetzt ja nicht die Pfarrei, wie der Achenbacher gefürchtet, sondern nur der sonntägliche Gottesdienst verlegt wurde, gab den Wankelmütigen willkommene Gelegenheit, von ihrem Beschlusse abzustehen.
Den ersten Sonntag nach der Verkündigung des Ordinariatsbeschlusses betete wirklich der Achenbacher zur Gottesdienstzeit den Rosenkranz vor einer ziemlich ansehnlichen Zuhörerschaft, doch bereits den zweiten Sonntag war sie bedenklich zusammengeschmolzen, und den dritten war er allein mit seiner Frau in der öden, kalten Kirche.
Doch Lorenz ließ sich nicht irre machen. Für ihn var jeder Neubau im Nachbardorfe nur ein neues Unkraut, das fich üppig erhob auf dem überhigten Boden. Seehamm war ihm mehr wie je das Symbol des Veränderlichen, Schwankenden, das seinem Bauerngemüt verächtlich war, gegenüber dem Starren, gleichsam Ewigen seines Besites. Ein lärmendes Lager, das eines Tages abgebrochen wird, sein Hof eine feste Burg, troßend dem Ansturm der Zeiten.
Die sogenannten Erfolge des Nachbarn entlockten ihm nur ein mitleidiges Lächeln, sah er doch, wie sein Hof von Tag zu Tag mehr herunterkam. Der Bauer immer auswärts in Geschäften, seine Frau immer fränklich; abgesehen davon, daß sie keine Wirtschafterin war, blieb noch der saubere Lenz, der sich von der Arbeit drückte, wo er fonnte, entweder im lustigen Seehamm herumzechte oder auf geheimen Wegen ging, um seinen schlechten Finanzen etwas aufzuhelfen. Es war rein eine Schande, diese Wirtschaft, nicht zum Anschauen für den Achenbacher. Dieses verlotterte Vieh, diese liederliche Feldarbeit!
Der Achenbacher versäumte es bei keiner Gelegenheit, auf den Verfall des Nachbarhofes Burgl aufmerksam zu machen, deren versteckte Hinweise auf die augenblicklichen Erfolge Lehners ihn am meisten kränkten. Doch erreichte er damit viel weniger, als er vermutete. Burgl glaubte den legten und tiefsten Beweggrund der Aufopferung Urbans für das Gemeinwesen, selbst mit Hintansegung seines eignen Vorteiles, seines rastlosen Strebens sehr wohl zu kennen.
Er hatte es ihr ja damals deutlich genug gesagt. Zu zeigen, was in ihm steckte, ihr es zu zeigen, der Burgl, war sein einziges Bestreben. Allerdings auch ihren Neid zu wecken, ihre Reue. Aber am Ende gleichviel- sie war das treibende Element, und das schmeichelte ihr, reizte sie. Sie fühlte sich unwillkürlich als seine Mitarbeiterin, empfand seine Erfolge als ihre Erfolge, und damit Hand in Hand ging ein warmes Interesse mehr ein Parteinehmen für alle seine Pläne. So stand sie, ohne nur im geringsten mit ihm zu verkehren, doch in geheimer Gedankenbeziehung mit ihm.
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Diese energische Entwicklung Seehamms unter ihren Augen, deren Schattenseiten sie nicht beurteilen konnte, zwang dem thatkräftigen Weibe Achtung ab. Das war die vorwärts stürmende Jugend gegenüber dem absterbenden Alter. Jene vertrat der Lehner, dieses der Achenbacher. Der wirtschaft liche Niedergang des Nachbars erregte mehr ihr Vedauern, nichts weniger als Schadenfreude.
Einst zur Zeit der Heuernte konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Es war ein längst ersehnter Sommertag nach Tanger Regenzeit. Alle Hände waren thätig, die verlorene Zeit herein zu bringen, das Heu zu wenden, einzuführen. Nur auf dem gemähten Anger Urbans rührte sich keine Hand, und schon drohte wieder schlechtes Wetter.
Sie war nebenan mit Lorenz und dem ganzen Gesinde in regster Arbeit begriffen. Der Anblick des verlassenen
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1903
Feldes ging ihr nicht aus dem Kopf. Jeder richtigen Bäuerin muß das Herz bluten," redete sie sich ein,' s is ja grad weg'n der gut'n Sach, des da verderb'n muß." Sie hätte am liebsten selbst aufgearbeitet.
„ Das kann ma aber do kaum mehr mitanschaun," sagte fie nach einer Arbeitspause zu Lorenz, wia die' s beste Sach 3' Grund gehn lass'n."
Doch der zuckte die Achseln. Wird halt Wichtigeres ' thun hab'n, der Herr Bürgermeister, als Heu einfahr'n. Bauernarbeit, das ist ja gar kein' Arbeit mehr heutigentags. Grad guat für den Lenz, wird er si dent'n. No, wer weiß, für was' s guat is! Das Fleckl verdient's, daß es in a richtige Hand käm'."
Burgl verstand sehr wohl diese Anspielung, Lorenz machte in letzterer Zeit wiederholt solche, und immer empörte sie sich in ihrem Innern über dieses förmliche Lauern auf den Ruin Urbans.
Als sie spät abends Lenz betrunken heimkehren sah, paßte sie ihm heimlich den Weg ab und stellte ihn derb zur Rede über seine Nachlässigkeit. Doch er lachte unverschämt. ... Ja schau, schöne Bäuerin, i bin ja grad der Lenz,' s fünfte Rad am Hof," sagte er fallend, in frecher Weise Burgls Sinn streichend, welche ihm dafür einen derben Schlag auf die Finger versetzte. Red do mit'n Urban, red do. Grad a Wort, nacha laßt er die ganze Buzzscheer da drent' fahr'n und arbeit' wia a Knecht . G'hört ja do Dein, der ganze Bürgermeister auf und nieder. Da feit Dir gar nix, schöne Bäuerin, na, gar nir."
Der seit Rests Abreise völlig verkommene Mensch nickte ihr pfiffig zu, und mit Burgls Schelten war es zu Ende. Mit schwerem Herzen und brennendem Gesichte kehrte sie auf den Hof zurück.
Der Sommer war für die Seehammer noch nie so gewinnbringend gewesen. Daß die alten Stammgäste, die grad zum Spar'n' rauskomma sind", wegblieben, war gar kein Schaden, dafür kamen die schönen" Leut, die net fragen, was' s fost', und wenn's auch 3' teuer ist, komma' s nächste Jahr andre, es giebt ja gemug!
Der Herbst aber sollte erst die neue Aera verkünden, die wie ein Wunder gekommen war über das Thal.
Eine ganze Festwoche wurde gevlant. Eröffnung der Lokalbahn und damit verbunden eine landwirtschaftliche Ausstellung, großartiges Scheibenschießen, Gründung des neuen Verschönerungs- und Fremdenvereins, furz, in diesem Thal nie dagewesene, unerhörte Dinge, die schon Monate vorher alle Hände in Bewegung setzten, einen neuen Lebensstrom durch das bisher so stille Gemeinwesen trieben.
Urban lebte nur noch in diesem großen Werke. Es war erstaunlich, wie in diesem ungeschulten, sonst wenig energischen Manne sich Kräfte und Fähigkeiten entwickelten, die ihm niemand zugetraut hätte. Es gelang ihm nicht nur, die oberste Behörde für das Unternehmen zu interessieren, sondern etwas noch viel Unglaublicheres-- die Osterhofener selbst zu gewinnen.
Zuerst zögerten sie mit einem fragenden Blick auf den Achenbacher. Als er ihnen aber begreiflich machte, daß ihr Fernbleiben das Fest nicht hindere, da der Zuzug der ganzen Umgegend dasselbe schon sichere, andrerseits ihnen der Sieg über alle nicht entgehen könne, als er den einen auf dieses Prachtstück im Stalle aufmerksam machte, dem der erste Preis sicher sei, den andren, daß er geride dem ansässigen Bauernstand endlich einmal Gelegenheit bieten wolle, all dem eingewanderten Volke sich in seinem ganzen Glanze zu zeigen, da trat einer nach dem andren zu ihm über.
Warum kam der Achenbacher nicht darauf? Seine Schuld! Dieser Gedanke dämmerte allmählich auf in den Köpfen, ob nicht doch dieses Regiment sich überlebt habe. Besonders bei den Jungen, welche den Kirchenstreit wenig beachtet hatten.
Daß bei Lorenz der Neid die größte Rolle spielte, war nicht zu verkennen.
Urban ließ auch bei ihm nichts unversucht, seinen Haß überwindend, und vielleicht wäre er durchgedrungen- der Stolz des Achenbachers war der Stall, und es entging ihm nicht der Kampf, den er in der Brust des Nachbarn heraufbeschworen aber Burgl verdarb alles durch ihre viel zu
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