Mögen Tausende sterben, damit das ganze Lolk zum Leben auferstehe! Das ist es. Sterben ist leicht. Wenn nur die anderen auferstehen! Wenn die Menschen sich nur erheben!" Die Mutter brachte den Samowar und schielte nach Nybin hin. Seine wuchtigen Worte drückten sie nieder. Es lag etwas in ihm, das sie an ihren Mann erinnerte— der hatte ebenso die Zähne gefletscht, die Hände bewegt, die Slermel aufgestreift, und in ihm lebte dieselbe Ungeduld und Wut. Jener war stumm, dieser sprach. Und war daher nicht so gefährlich. „Das machen wir!" sagte Pawel und nickte.„Wir brauchen auch eine Zeitung für das Land.... Gebt uns Material, dann drucken wir die Zeitung...." Die Mutter blickte lächelnd auf ihren Sohn, schüttelte den Kopf, kleidete sich schweigend an und ging aus dem Hause. „Tu das! Wir besorgen alles. Schreib so einfach, daß selbst die kleinen Kälber es verstehen!" rief Rybin. XXVI. - In der Küche wurde die Tür geöffnet, jemand trat ein. „Das ist Jefim!" sagte Rybin.„Komm her, Jefim. Das ist— Jefim... und der Mann da heißt Pawel.... Ich Hab Dir von ihm erzählt." Vor Pawel stand mit der Mütze in der Hand, in kurzem Halbpelz, ein blondhaariger, stattlicher, stämmiger Bursche mit breitem Gesicht; er blickte ihn lauernd mit seinen grauen Augen an. „Guten Tag!" sagte er etwas heiser, drückte Pawel die Hand und glättete mit beiden Händen sein schlichtes Haar. Dann besah er das Zimmer und schlich sich alsbald wie ver- stöhlen zum Bücherbort. „Hast gesehen," meinte Rybin, Pawel zuzwinkernd. Jefim wandte sich um, blickte ihn an, beganr die Bücher durchzusehen und sagte dabei: „Was habt Ihr viel zu lesen! Und habt doch sicher keine Zeit dazu. Auf dem Lande hat man mehr Zeit...." „Aber wohl weniger Lust?" fragte Pawel. „Warum? Auch Lust!" erwiderte der Bursche, sein Kinn reibend.„Es ist jetzt eine Zeit gekommen, wo man nachdenken muß; wer das nicht will, kann sich nur hinlegen und sterben. Das Volk will nicht sterben, und da hat es nun an- gefangen, seinen Brägen zu rühren.„Geologie"— Was ist das?" Pawel erklärte es ihm. „Ist nichts für uns!" meinte der Bursche, das Buch wieder auf das Brett stellend. �Fortsetzung folgt.) JolepK Joachim» Wunderkinder leben meistens nicht lange. Das ist zweifach zu verstehen. Tie einen beschließen ihr gesamtes Leben überhaupt früh; es sind dies die wirklich so zu nennenden Wunderkinder, die wahrhaft Frühreifen— ein Mozart usw. Tie anderen sind mehr nur scheinbar Wunderkinder: nach einiger Zeit blaßt die falsche Leuchtkraft ihrer Leistungen ab. und das Wunderkind erstirbt all- mählich in dem Mensche», der sonst sehr brav und bieder weiter- lebt. Haben wir aber einmal ein wirkliches Wunderkind vor uns, das mit normaler starker Kraft den Weg eines echten und tüchtigen und dazu noch außerordentlichen Menschen bis zu einem späten, naturgemäßen Ende weiterwandelt, dann ist unsere Freude groß, und dann ist auch, sobald ein solches Ende eintritt, unsere Trauer groß. Am 15. dieses Monats starb zu Berlin der Mann, dessen Name unsere Zeilen betitelt. Ueber 76 Jahre ist er atzt geworden, und fast 76 Jahre hat er musikalisch gewirkt. So hat er trotz Ein- seitigkeit eine weite Spanne von verhältnismäßig raschen musi- kaiischen Entwickelungcn miterlebt, zum Teil mitbewirkt— stets in mannigfaltigsten sachlichen und persönlichen Beziehungen stehend. Sollte sein Nachlaß näher bekannt werden, so würden wir eines der denkwürdigsten Ereignisse in der Geschichte der musikalischen Materialien erleben. Er sammelte Handschriften alter Meister und brachte einige hervorragend bedeutende in seine Hand; und was eS nur alles an Andenken, Kunstbriefen usw. gibt, das wird man auch kaum irgendwo so reichlich finden, wie in diesem wahr- hast historischen Hause. In einem schwer zu merkenden Oertchcn bei Preßburg im Ungarischen wurde Joachim am 28. Juni 1831 geboren. Seine Abstammung war jüdisch, seine Konfession in späterer Zeit lutherisch. In das Jahr 1838 fällt sein allererstes Austreten. Nun folgten fünf Jahre Studium in Wien . Das waren so recht die Zeit und der Boden für Onkel Biedermeier im günstigen wre im un- günstigen Sinne. Eine sehr gute Tradition des Handwerks muß damals geherrscht haben; aber etwa die Klabicrquartette von Mayscder, der den Jünger in der Komposition unterrichtete, heute noch zu spielen, würde von den Musikern eine Entsagung ersten Ranges sein. Doch der junge Geiger lernte bei Böhm soviel, daß er im Jahre 1843, also 12 Jahre alt, zum ersten Mal ein größeres künstlerisches Auftreten in Leipzig wagen konnte. Gerade damals war soeben das Leipziger Konservatorium eröffnet, mit welchem ein neuer Grund für das Lehren und Lernen der Tonkunst gelegt worden ist. Mendelssohn leitete es und leitete auch ven dort noch sechs Jahre studierenden, konzertspielenden und lehrenden Jünger, den im übrigen David auf der Geige und Hauptmann in der Musik- theorie unterrichtete. Doch schon 1844 begannen seine berühmten Konzertreisen, insbesondere nach London , in welckze Stadt er bis ganz zuletzt immer wieder zurückkehrte, um dort in mehrfachen Konzcrtunternehmungen allseitige Freude zu machen. Eine besondere Freude kam für ihn, als er 1856 Konzertmeister in Weimar wurde. Da hatte er das entgegengesetzte Extrem zum biederen Onkel aus Wien und auch einen Gegensatz zu seinen, in der Mitte zwischen den Extremen schreitenden, Führern von Leipzig . Zu Weimar geriet er in die aufblühende„neudeutsche" Kunst hinein, die namentlich durch das große Wirken von Liszt ge- tragen wurde. Es wird nicht leicht zu unterscheiden sein, loas er dort angenommen und nicht angenomnicn hat, und welche Vorzüge er den dortigen Einflüssen, welche er hinwieder anderen verdankt. Richard Wagner weist einmal darauf hin, daß Joachim sein eigent- lich musikalisches Leisten dort gewonnen habe und anderswohin übertragen konnte. Er selbst aber fühlte sich dort bald recht ftemd und blieb dann sein ganzes Leben mit Entschiedenheit, wenn auch nicht mit Härte, außerhalb jener gesamten Welt, welche durch die Namen der neuen Meister bezeichnet wird. 1852 war er zum erstenmal in Berlin aufgetreten, und 1353 ging er als Konzertdircktor nach Hannover . Dies blieb er bis zur Ablösung des alten Regiments durch das preußische, worauf er noch zwei Jahre dort wohnte. Inzwischen hatte er sich 1863 mit Amalie Weiß verheiratet, einer der bedeutendsten Altsängerinnen. die zuerst im Operngesang wirkte und dann die wohl berühmteste Konzertsängerin ihrer Zeit wurde. Die Ehe, ans der mehrere Kinder stammen, dauerte nur bis zum Jahre 1882, und die Sym» pathicn der Oeftentlichkeit gehörten dem Mann auch über die Ehe- scheidung hinaus. 1868 begann sein Wirken in Berlin . Tie neue Hochschule für Musik in unserer Stadt bekam ihn als Direktor und behielt ihn auch— von den typischen Akademiechrcn nicht erst zu sprechen. Die Hofsnungen, die sich nicht nur Richard Wagner auf das Ber - liner Wirken Joachrms machte, gingen insofern in Erfüllung, als die neue Lehrstätte bald einen großen quantitativen Aufschwung nahm. Wie viel davon auf ein eigentlich lehrhaftes Geschick des Direktors zu rechnen ist, wird uns wohl eine künfltge Erforschung der Geschichte des Musilunterrichtes zeigen; jedenfalls scheint Joachim auch die Frische genossen zu haben, die das Lehren und das Lernen durchs Lehren erzeugen oder wenigstens bewahren. Ab- gesehen davon aber läßt sich nun einmal bei aller Pietät vor der Würde des Todes nicht verleugnen, daß diese Anstalt seit ihren ersten Fortschritten stehen geblieben ist. Rings umher wurde an Fortschritten des Musikunterrichtes gearbeitet; Großes geschah darin, und ein Hugo Ricmann würde längst die leitende Stelle dieses Institutes verdient haben; aber wer das weder verwertete, noch auch durch irgend eine Teilnahme selbständig ergänzte, war eben unsere musikalische Hochschule, trotz der staatlichen und städti- schen Unterstützung, die ihr zuteil wird und anderen Kräften viel eher zuteil werden konnte. Eine„Schuld" Joachims selber ist dabei schwer abzugrenzen; genug, daß er sich zwar pädagogische Mühe gab, daß aber eigentliche pädagogische Schöpfungen dabei doch nicht herauskamen, und daß seine künstlerische Bedeutung groß genug war, um anderes zu ersetzen. Diese Bedeutung bestand darin, daß er nicht bloß einer der größten aller Meister der Violintcchnik, sondern außerdem noch einer der wenigen Meister des musikalischen Gestaltens auf diesen» Instrumente war. Etwas kraß gesprochen: eS gibt nicht viel gute Musiker, aber Joachim war einer von ihnen und einer der aller- besten. Was vorher den höchsten Ruhm auf diesem Gebiete des Violinipieles errungen hatte, war die Virtuosität einer Akrobaten- kunst; speziell für Paganini scheint dies zu stimmen. Und seither wurde neben der Welt eines Joachim auch jene andere Welt fortgesetzt: Sarasate wurde sozusagen auf technischem Gebiete das, was jener aus künstlerischem war. Bei Sarasate besteht die Musik aus Tönen, ist also keine eigentliche Musik, auch wenn bei ihm die Töne selbst so wunderschön sind, wie vielleicht bei keinem anderen Könner, und wohl gerade bei Joachim nicht. Bei diesem besteht die Musik nicht aus Tönen, sondern aus Motiven— wie oie Wortsprache nicht aus Wörtern oder gar Lauten, sondern aus Sätzen besteht. Diese Elementargcbilde als solche zu erfassen und aus ihnen in mannigfachster Abwechselung die Wiedergabe einer Komposition aufzubauen: das war seine Kunst und ist die Kunst schließlich eines jeden wahren Musikers.„Gegen den Sarasate ist der Wilhelmj ein Joachim"— mit diesem Schlagwortc sagte H. v. Bülow am kürzesten das, was hier zu sagen ist. Nur mußte man, wenn Joachim spielte, gleichsam mit einem vergrößernden Ohre zuhören, um die Feinheiten der kleinsten Gc- bilde und kleinsten Verschiedenheiten wirklich herauszuhören. während andere uns diese Art von geistigem Mikrophon ersparen. So war es wenigstens, als der Schreiber dieser Zeilen Joachim
Issue
24 (17/08/1907) 159
Download single image
avaibable widths