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Dort standen sie dann schweigend und sahen zu, wie das große fette Schwein, mit Flecken über dem einen Ohr, sich an den Brettern rieb und ihnen von Zeit zu Zeit mit seinen langen, lichten, aristokratischen Augenioimpern zublinzelte. Und während die beiden, jedes für sich, ihre Gedanken über Zeit und Ewigkeit, über Leiden und Elend hatten, stieg das Schwein mit seinen Vorderbeinen in den Trog, bewegte den flachen Rüssel mit den beiden Speigatten"*) und grunzte sein beruhigendes:

Deff, öff! Laß uns essen und trinken, denn morgen müssen wir sterben!

Go lautete es wenigstens für Andreas, wenn auch nicht mit ganz denselben Worten. Die Meinung war darin.

Mätte- Marie aber trocknete ihre Tränen und steckte dem Schweine einen Strohhalm in das eine Nasenloch Das war zu unwiderstehlich und das arme Kind brach in lautes Lachen aus; das Schwein aber machte ohne weiteres Kehrt und zog sich tief getränkt m feine Schlafkammer zurüd. Deff, öff!

Und dann schlug es die Ohren zusammen, wie Menschen die Sände falten, und hierauf schlief cs und kümmerte sich nicht weiter um die ganze Geschichte.

Es wurde immer schlimmer oben in der Bodenkammer. An den langen, stillen, mondlosen Winterabenden bohrten sich diese Schreie durch die mit Eisblumen bedeckten Fensterscheiben und wurden den ganzen Flügel entlang und auch in den Nachbar­häusern gehört. Dann öffnete sich bisweilen eine Tür, und eine Tauschende Gestalt wurde sichtbar. Trei bis vier Männer kamen unterhalb der Fenster Asmussens zusammen; fie wechselten einige Worte miteinander und traten sodann in die Küche ein, wo Lene sie mit roten Augen, bebenden Lippen und zitterndem Kinn empfing.

Sie stiegen zusammen hinauf, too die Petroleumlampe auf der Kommode qualmte und Ivar sich im Beite krümmte. Es mußte das Bettzeug unter ihm gewechselt werden; er fonnte keine Ruhe haben, er mußte aus dem Bett gehoben werden. Die vier Männer faßten jeder an einer Ecke des groben, zwergleinenen Lakens an und hoben ihn so behutsam, wie Fischer heben können." Jvar heulte bor Schmerz.

Als sie wieder unten waren und draußen auf dem glänzenden Schnee standen, über den der Himmel feine indigoblaue Glanz­tuppel wölbte, fuhren sie einer nach dem anderen mit der Hand nach dem Rücken, sagten aber nichts. Sie gingen wieder jeder nach Hause; aber es fonnte geschehen, daß sie in der Nacht noch­anals aufgetrieben wurden; denn var mußte gewendet werden" „ der Aermste!"

Hierauf wurde Familienrat gehalten. Es ergab sich ganz bon selbst.

Nach einer durchwachten Nacht, in welcher der Kranke sich schlechter befunden hatte denn je, gab Lene des Morgens den vier Vettern Kaffee. Man saß in der Küche mit blaugefrorenen Händen, die rauchenden Schalen auf dem Schoße, und man blies abwechselnd auf die Finger und in den Kaffee.

Lene sagte: Möchte doch der liebe Gott ihn bald erlösen!" Ein anderer sagte: Man hat gesehen, daß Leute, denen es noch viel schlechter gegangen ist, aufgekommen find. Wenn nur die Frau Aspegren herüberkommen könnte.

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Es war dies die weise Frau auf der anderen Seite des Sundes, mehrere Meilen landeinwärts.

„ Sie ist sehr teuer!" meinte emner.

Der erste entgegnete:„ Es muß da Rat geschafft werden; Jbar hat sich nie zurückgehalten, wenn es uns galt. Wieviel fannst Du entbehren, Lene?"

" Ich kann nicht mehr geben als fünf!" antwortete sie mit Be­fiimmtheit.

" Das ist sehr wenig. Gie tut es nicht unter funfunddreißig -zu diefer Jahreszeit. Wir müssen noch ein wenig warten!" Es verging ein Monat. Die Luft war nicht mehr talt, die Frühjahrszeichen begannen; es ging rasch vorwärts mit dem

Keimen.

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Auch mit Jvar ging es rasch- abwärts. Nun setzten die vier Männer Erik Stammelen, Knud und die Brüder Karl und Christian Nörregaard ihr Boot in die See, um die weife Frau zu holen.

Eie famen am nächsten Tage zurüd und hoben ein Bündel ven Schals aus dem Boote und setzten es sehr vorsichtig auf den Sand nieder.

Das war Madame Aspegren.

Sic entledigte sich der Ueberkleider und reichte Stück für Stück davon den Fischern, ohne diese anzusehen. Sie folgten ihr ehrerbietig, wie ebenso viele Diener, zum Hause hinauf.

Eine kleine, schmächtige Frau, überaus reinlich gekleidet, mit einer großen, wattierten Taffettapuze, darunter dunkles, glän­zendes Haar und Heine, leuchtende Augen, wie die eines Vogels oder vielleicht besser, wie die eines ausgestopften Vogels, denn die Auger schienen sich nicht zu bewegen.

*) Seemännische Terminologie: Rinnen, respektive Röhren, aus denen das Wasser von den Decken nach außerbords ablaufen fann.

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Lene erwartete sie in der Küche und füßte ihre Hand, welche Madame selbst hinreichte.

Sie stellte feine Frage, sondern blickte auf die Leiter. „ Er liegt da oben!" flüsterte Lene und stieg voraus. Die Männer stellten sich bei der Türschwelle zusammen und wat.tten in vollständigem Schweigen.

Die beiden Weiber kamen wieder herab. Lene hielt die Hand vor die Augen. Diesesmal war die Hand ganz von Tränen bencht, als sie dieselbe wegnahm.

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Madame Aspegren machte ein Zeichen gegen den Herd him, two der Kaffeekessel kochte. Lene verstand sogleich den Wink. Die Frau saß auf dem Haublock mit der rauchenden Schale in der Hand; sie schlürfte das Getränk in Tangen Zügen und zerbiß den schwarzen Kandiszucker, während der Dampf ihr Gesicht umwallte, Niemand wagte die gleichsam wie einer Priesterin der Vorzeit. Stille zu unterbrechen, aber alle warteten mit sichtlicher Spannung. Nun war die Schale leer; sie reichte dieselbe Lene mit einem Nick; er wurde verstanden, und zum zweitenmal stieg der Dampf empor und hüllte die schoonische Pythia ein, während der schwarze Standiszuder wie ein Stnochen unter den Zähnen eines Raubtieres knirschte. Hierauf sagte Lene, zu den Männern gewendet: Madame Aspegren sagt, daß es zu spät sei nicht wahr?" Die weise Frau nickte, stellte die Tasse weg und griff lang­sam nach dem unteren Teile des Kleides und hob denselben in die Höhe. Auf die nämliche Art den ersten und den zweiten halb­wollenen Unterrod. In dem dritten- einem gelben, ganz wollenen Unterrode war eine Tasche; aus der Tiefe dieser Tasche zog sie einen Beutel hervor, und aus dem Beutel nacheinander: einen Zwirnknäuel, eine Schere, einige schmale leinene Bänder, einen Bund Zwiebel, einen Bund Schlüssel, ein Fläschchen mit einem Stork, durch den eine Rielfeder gestochen war, und endlich cine Schachtel in der Form einer Ealbenschachtel. Diese Dinge ordnete sie auf dem Schoßze. Lene und die Männer blickten darauf in fragendem und beinahe unheimlichem Schweigen. Hierauf fuhr Lene fort: Madame Aspegren hat gefagt baß der Doktor daß er Jvar zu lange behandelt hat... nicht wahr?" Man brummte und scharrte mit den schweren Stiefeln. Madame Aspegren niďte.

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Lene fuhr fort:" Jezt kann sie nur- jekt fann sie nur. Lene hielt inne und blickte auf die Frau. Diese aber saß noch immer schweigend da, hielt die Hände über den Inhalt des Sades und stierte vor sich hin.

Kann Madame Aspegren ihm die Schmerzen nehmen?" fragte Erik, der beherztefte der Männer.

Endlich öffnete sie den Mund, aber ohne daß die Augen sich drehten oder den Ausdruck wechselten, und sagte mit starkem Akzent: " Ich kann ihn sterben lassen!"

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Sie stierten einander einige Minuten an; allein, das Wort war gesprochen, und es war das Orakel, welches gesprochen hatte. Es war nunmehr entschieden; niemand machte eine Eine wendung; jedes brütete über seinen Gedanken da hörte man ein schwaches Schluchzen von der Bodenkammer herab. Die Falltür war offen geblieben. Auf der obersten Sprosse faß Mätte- Marie und weinte, während sie die Knöchel in die Augen.

winkel drückte.

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Das Kind war von der Schule zu Hause geblieben und hatte fich oben berstedt im Vorgefühle, daß große Dinge entschieden werden würden. Sie erhielt givei Stüde schwarzen Kandiszuder und den Befehl, hinauszugehen und mit dem Schweine zu spielen. Cie hörte wohl auf, zu weinen, weigerte sich aber durchaus, der fremden Frau die Hand zu reichen.

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Hierauf segelten die vier Männer wieder mit der weisen Frau über den Sund.

H

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bei gutem Wind

Andreas fam etwas später von der See zurück. Als er auf dem Wege nach Hause an dem Schweinestall vorüberkam, traf er Mätte- Marie in boller Beschäftigung mit dem Strohhalm. Das Schwein grunzte aus Leibestraften. Das Kind lachte laut. Guten Tag, kleine Mätte- Marie!" ,, Guten Tag, Andreas!" Wie steht es? Mir scheint, ich begegnete draußen Grits Boot voller Leute? Hier ließ das Kind den Strohhalm fallen und begann zu treinen. " Ist... Jbar gestorben?" fragte Andreas. „ Nein aber die fremde Frau ist dagewesen und nun soll der Vater sterben und ich war oben in der Kammer und ich fürchte mich so sehr, daß sie dem Vater etwas zu Leide tun Und sie weinte noch stärker.

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" Bleib noch ein wenig heraußen, Mätte- Marie!" sagte Andreas. Und als er zur ersten Tür des Flügels fam, steckte er den Stopf zum Nachbar hinein und bat dessen Weib, auf das Kind acht zu geben. Die Nachbarin schaute mit einem bezeichnenden Blick auf ihn. " Ja, sie haben sie gebracht und sind eben wieber mit ihr zurüd eefahren. Sag' Lene, daß ich ihr schon helfen werde, wenn sie ihn wäscht und ankleidet."

" ft er tot?" fragte Andreas. Ja freilich ist er's!..."

( Schluß folgt.)

Verantw. Nedakteur: Georg Davidsohn, Berlin.- Drud u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,